Das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle der Sozialen Dienste historisch betrachtet

Das vierte Mandat


Hausarbeit, 2021

17 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Zentrale Begriffe dieser Hausarbeit
1.1 Hilfe und Kontrolle - das Doppelmandat Sozialer Arbeit
1.2 Menschenrechtsprofession - das Triplemandat Sozialer Arbeit
1.3 Soziale Dienste allgemein
1.4 Spannungsfeld

2 Eine Zeitreise entlang eines Arbeitsfeldes, gegenwartig als soziale Dienste bezeichnet

3 Soziale Dienste im Spannungsfeld der Hilfe, Kontrolle & Politik

4 Resumee

Anhang
A. Literaturverzeichnis
B. Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Die Begriffe der Armut und Notlagen der Menschen haben sich in der historischen Be- trachtung nicht wesentlich verandert. Lediglich der Umgang durch die Gesellschaft mit diesen und die politische Betrachtung der Entwicklung in der Sozialen Arbeit zeigen auf, wie die Armut und die Notlagen der Menschen immer wieder als Spielball der Gesell­schaft, den Staatsfuhrungen und den Kirchen benutzt wurden.

In der Ruckschau auf die vergangenen 800 Jahre lasst sich herausarbeiten, wie ein Auf und Ab in der Fursorge und der sozialen Dienste dafur gesorgt haben, dass wir heute eine annahernd menschenrechtlich vertretbare Soziale Arbeit in der Bundesrepublik Deutsch­land anbieten und praktizieren konnen. Annahernd menschenrechtlich aus dem Grund des uberwiegend praktizierten Doppelmandates und zu geringen Anwendung des Tripelman- dates. Die dahinfuhrende Entwicklung kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Es waren und es sind die politischen Entscheidungen sowie die gesellschaftlichen Strukturen, aber auch immer das aktuelle Rechtssystem, mit den damit einhergehenden (inter-)nationalen sowie innenpolitischen Themen fur den Umgang mit sozialer Not und fur die Entwicklung der Sozialen Arbeit von der Hilfe und Kontrolle bis hin zu einer revolutionaren Menschenrechtsprofession relevant.

Durch Bohnisch und Losch wurde in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts der Begriff des Doppelmandates definiert und dadurch ein bis heute viel diskutierter und fachlich ausgereifter Begriff erschaffen (vgl. Bohnisch & Losch 1973, S.28), welcher spater durch Staub-Bernasconi in der Beschreibung des Triplemandates nochmals erweitert wurde in einer sehr engen Auslegung des doppelten Mandates genugt, die gesellschaftli­chen Normen, Gesetze sowie methodischen Verfahren zu kennen und - einer Subsumti- onslogik gehorchend - die sozial abweichenden Tatbestande bestimmten Gesetzen, Nor­men, Verfahren, Vorschriften, Fallsteuerungskontingentenzuzuordnen [...]. EineProfes­sion hat ein weiteres, drittes Mandat und zwar seitens der Profession; dieses wiederum hat zwei Komponenten: wissenschaftliche Fundierung der Methoden - speziellen Hand- lungstheorien [...] und zum anderen besteht das dritte Mandat aus dem Ethikkodex, den die Profession unabhangig von externen Einflussen gibt und auch seine Einhaltung kon- trolliert, kontrollieren sollte“ (vgl. Staub-Bernasconi, 2007 S.12f).

Meine Fragestellung dazu lautet, ob es fur die professionelle Soziale Arbeit ausreichend ist, sich immer nur an das aktuellste Niveau im monetaren Sinn und den gesellschaftlichen Vorgaben anzupassen, oder muss eine intensivere Einmischung der Sozialen Arbeit in die Politik und eine Stimme aus wissenschaftlicher Perspektive fur die weitere Entwicklung der Sozialen Arbeit in Betracht gezogen werden?

In dieser Hausarbeit zum Thema „Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle im Zeitverlauf ‘ werde ich aufzeigen, in wie weit die Akteurlnnen der Sozialen Arbeit dem Spannungsfeld der gesellschaftlichen Erwartungen zur individuellen Bedurftigkeit von Klientlnnen un- terworfen sind und in der Historie moglicherweise schon immer waren. Inwieweit lasst sich eventuell ein viertes Mandat, das politische Mandat, in der Sozialen Arbeit wieder- finden oder lasst es sich vielleicht sogar neu konstruieren?

Als Ziel dieser Hausarbeit soil angedacht werden, welche Moglichkeiten kunftig heraus- gearbeitet werden mussen, um Sozialer Arbeit auch eine politisch hohere Gewichtung zu geben und welche Diskurse zwischen Sozialer Arbeit und Sozialpolitik weiterhin auf- rechterhalten werden mussen, um das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle, zwi­schen den Akteurlnnen der Sozialen Arbeit und den Entscheidern aus der Sozialpolitik zu entzerren. Themen wie beispielsweise die Digitalisierung, die kulturellen Veranderun- gen oder soziale politische Entscheidungen, profitorientierte Anbieter am sozialen Dienstleistungsmarkt bis hin zu Management by Angst beschreiben multiple und inter- kulturelle Facetten, durch welche die Soziale Arbeit nach wie vor gefordert ist. Im Span- nungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle lasst sich durch die Epochen und deren Veran- derungen immer wieder erkennen, dass die Gesellschaft und die Politik, ob fruher oder heute noch, eine individuelle und bedingungslose Hilfe schwer ermoglicht und realisiert. In der aktuellen Pandemie wird mir mehr und mehr bewusst, dass Klientlnnen und Ak- teurlnnen Sozialer Arbeit hilflos und ohne Einflusse gegenuber politischen Entscheidun- gen sind, obwohl gerade in einer solchen Situation der Bedarf an Hilfe in alien Lebensla- gen erforderlich ist.

1 Zentrale Begriffe dieser Hausarbeit

1.1 Hilfe und Kontrolle - das Doppelmandat Sozialer Arbeit

In der Sozialen Arbeit leisten Akteurlnnen ihre Arbeit als Mandatstragerlnnen in zweier- lei Richtungen. Zum einen in der Ausubung und Zusammenarbeit mit den Klientlnnen durch Unterstutzung und Betreuung mit individuellen Hilfsangeboten, zum anderen als Interessenvertretung und Kontrollinstanz gegenuber dem Staat, welcher als Gesell- schaftsvertretung fungiert. Dieses Doppelmandat beschreibt somit einen Auftrag fur Ak­teurlnnen von zwei Auftraggebern, welchem das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle immanent scheint und ist. Es gilt die Interessen der Klientlnnen zu wahren und gleichzeitig Interessen der Gesellschaft mit zu berucksichtigen und zu vertreten.

1.2 Menschenrechtsprofession - das Triplemandat Sozialer Arbeit

Zu dem unter 1.1 beschriebenen Doppelmandat hat sich in den vergangenen Jahren ein weiteres, ein drittes Mandat herausgebildet. Das dritte Mandat beschreibt die eigene Ver- pflichtung gegenuber der Profession der Sozialen Arbeit und ebenso die allgemeinen Menschenrechte in der Profession als eine solche der Sozialen Arbeit anzusehen. Die Verpflichtung beinhaltet die Einhaltung und Durchsetzung der Menschenrechte und wird unter der Berucksichtigung des nationalen sowie intemationalen Berufs- und Ethikkode- xes abgebildet. Begrunden lassen sich das Triplemandat dadurch, dass gesetzliche Leis- tungen im Umfang und Zugang nicht immer auch ethisch legitim und moralisch vertretbar sind.

Deshalb lasst sich ein Spannungsfeld im Netz der Sozialen Arbeit zwischen Akteurlnnen, der Gesellschaft, der Einhaltung ethisch-moralisch vertretbaren Handlungsweisen nicht vermeiden.

1.3 Soziale Dienste allgemein

Wie in SGB I§1, Abs. 2 beschrieben steht, wirdjedem Bundesburger ein Recht einge- raumt, dass zur Erfullung der in Abs.l, SGB I beschriebenen Aufgaben erforderliche so­ziale Dienste und Einrichtungen rechtzeitig und ausreichend zur Verfugung stehen sol- len. Um diese Dienste erfullen zu konnen, werden durch den Staat finanzierte Hilfen und ubergeordnete MaBnahmen in verschiedenen Formen bei sozialen Problemen ange- boten, wo Unterstutzungszahlungen in der Regel nicht ausreichen bzw. keine Prob­lemloser sein konnen. Dies konnen, um nur einige zu nennen, Beratungseinrichtungen, Alten- und Pflegeheime, (Berufs-) Bildungseinrichtungen, Sucht-, Erziehungs- und Be- ziehungsberatungsstellen, Arbeitslosenunterstutzung, Integrations- und Inklusionsstel- len sein. Diese Dienste werden uberwiegend durch Institutionen, wie zum Beispiel die Caritas, die AWO, das Diakonische Hilfswerk und weiteren wohlfahrtstatigen Organisa- tionen, aber auch aktuell von freien marktwirtschaftlichen Profituntemehmen angebo- ten. Die Tendenz zu einer Wettbewerbsstruktur im nationalen, allerdings durch die Eu- ropaisierung auch mittlerweile im intemationalen Umfeld, wird starker und setzt mitt- lerweile alle Anbieter der sozialen Dienstleistungen fortwahrend unter Druck. Staatliche Leistungskurzungen und Einschrankungen erschweren immer mehr die Arbeit der Dienstleister und reduzieren Angebote auf ein nicht akzeptables Minimum, was am Bei- spiel der Altenfursorge und den personellen Zustanden in Pflegeheimen leicht zu erken- nen ist und aktuell auch eine kontroverse Diskussionsgrundlage bietet.

1.4 Spannungsfeld

Im Duden wird das Wort Spannungsfeld folgendermaBen beschrieben:

Ein Spannungsfeld ist ein ,,Bereich mit unterschiedlichen, gegensatzlichen Kraften, die aufeinander einwirken, sich gegenseitig beeinflussen und auf diese Weise einen Zustand hervorrufen, der wie mit Spannung geladen zu sein scheint“.

Diese Definition lasst sich wie eine Blaupause uber die einzelnen Gewerke der Sozialen Arbeit legen und dadurch beschreiben. Als gegensatzliche Krafte kann man in der Sozi­alen Arbeit die Politik & Gesellschaft gegenuber den Klientlnnen und der Menschen- rechte beschreiben, welchen Akteurlnnen der Sozialen Arbeit versuchen entgegen zu wirken und zu vermitteln.

2 Eine Zeitreise entlang eines Arbeitsfeldes, gegenwartig als soziale Dienste bezeichnet

Wenn wir heute von sozialen Diensten sprechen, sind damit in der Regel staatlich sub- ventionierte Unterstutzungsleistungen gemeint, welche in, durch und zusammen mit so­zialen Institutionen und Akteurlnnen der Sozialen Arbeit angeboten bzw. zur Verfugung gestellt werden. Vor diesem Hintergrund fallt es mir schwer, in der historischen Betrach- tung erste soziale Dienste von der Zeit des Mittelalters bis Mitte des 19. Jahrhunderts ausfindig zu machen, welche der Bezeichnung „Sozialer Dienst“ nach heutiger Betrach- tung entsprechen.

Dass es immer schon Armut, Bedurftigkeit, Not und Elend gegeben hat, steht auBer Frage. Dass gesellschaftliche Konventionen immer schon mit ein Antrieb darstellten, Armut, Not und Elend durch Hilfen zu bekampfen, steht auch auBer Frage. Nur zu welchem Zweck die Gesellschaft ihre Unterstutzung anbot, kann man aus heutiger Sicht als frag- wurdig ansehen. Blickt man etwas genauer hin, waren es oftmals vollig eigennutzige und egoistische Beweggrunde, welche fur die verschiedensten Vorgehensweisen im Umgang mit Armen, Alten und Kranken verantwortlich waren.

Blicken wir in der Zeit zuruck und beginnen im 13. Jahrhundert, in welcher der personli- che Status in der Gesellschaft von groBer Bedeutung war. Einen Status, der durch Arbeit und finanzielle Unabhangigkeit der damaligen Gesellschaftsnorm entsprach und erreicht werden sollte. War man bessergestellt und wohlhabend, wurde man vorwiegend durch kirchliche Einrichtungen dazu angehalten, milde Gaben in Form von Almosen an Arme und Bedurftige zu leisten. Der Anspom der Kirche war, auf diese Art und Weise von Schuld und Sunde freigesprochen zu werden und die Absolution fur begangene Sunden zu erhalten. Dadurch wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Kirche war finanziell entlastet und die Reichen hatten ein Instrument gefunden, ihren moglichen Eas­tern nachzugeben mit dem Bewusstsein, sich dann von begangenen Sunden freikaufen zu konnen und das mit kirchlicher Zustimmung. Obwohl es zur damaligen Zeit eine Art Ta- fel nach dem sonntaglichen Gottesdienst gab, auf der besser Gestellte ihre milden Gaben in Form von Essensresten und Lebensmitteln spenden konnten, fallt es mir schwer, diesen Vorgang aus heutiger Sicht als einen sozialen Dienst zu bezeichnen, auch wenn man sich heute noch des Begriffes der „Tafel“ bedient. Auch erste Hilfseinrichtungen und Hospi­taler wurden errichtet, welche sich allerdings nicht durch medizinisches Personal aus- zeichneten, sondern diese entstanden ebenso aus der moralischen Verpflichtung der Christen heraus, tatige Nachstenliebe zu uben. Die Gesundung oblag alleinig Gott (vgl. Leibbrand, 1954, S.131). Wohlwollend betrachtet kann man bereits eine Tendenz zum sozialen Dienst erkennen.

In der Mitte des 14. Jahrhunderts sind erste kommunale Bettel- und Armenordnungen zu finden, welche regeln sollten, wer des Bettelns als wurdig respektive unwurdig gait. Dies war eine Regelung der Fursorge als Instrument der Gewahrung von Hilfen, welche wie- derum an Kriterien gekoppelt waren. Belegt werden musste, dass man unverschuldet in Armut und Not geraten war. Ab dieser Zeit lassen sich erste Zuge einer geringen Hilfe und einer groBen, beginnenden Kontrolle erkennen. Wenn gleich auch diese Form der Hilfe und Kontrolle eher als Regulation der Armut bezeichnet werden kann und nicht deren im besten Faile Beseitigung. Die Einfuhrung der Bettel- und Armenordnungen wer­den durch SachBe und Tennstedt (1980) anhand der Prozesse der Rationalisierung, Kom- munalisierung, Burokratisierung und der Padagogisierung ausformuliert und als ersten Aufbruch in die Soziale Arbeit bezeichnet.

Eine weitere kommunale Institutionalisierung war die Errichtung von Arbeits- und Zucht- hausern, in denen arme Menschen und Bettier unter widrigsten Bedingungen per Gesetz untergebracht und zur Arbeit gezwungen wurden, mit dem Ziel, wie es Peter-Ulrich Wendt (2021) beschrieb, diese Menschen wieder zu „wirtschaftlichen verwertbaren Un- tertanen“ zu formen. Im Hinblick auf diesen Beweggrund, aber auch um dem aufstreben- den Burgertum gerecht zu werden und die Stadte zu reinigen, in dem die Armut nicht versuchte wurde zu beseitigen, sondern um die Armen aus der Offentlichkeit zu entfer- nen. In diesen Arbeits- und Zuchthausern waren allerdings nicht nur Arme und Bettier untergebracht, sondern auch Frauen, Kinder und Jugendliche sowie Behinderte und Kranke. Sie wurden alle der gleichen Methode einer Zwangsdisziplinierung wie zum Bei­spiel Schlaf- und Essensentzug unterworfen. Auch in dieser Vorgehensweise ist lediglich eine strukturierte Kontrolle der Armut, aber keine moralisch vertretbare Hilfe und meines Erachtens schon gar keine soziale Hilfe zu erkennen. Aus heutiger Sicht hat sich die Ob- rigkeit lediglich dem Druck der Gesellschaft gebeugt und entsprechende MaBnahmen ohne Rucksicht aufVerluste vorgenommen.

Mit der Industrialisierung und der Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung entstand im 19. Jahrhundert ein System, in dem Arme, Kranke und Verletzte im sozialen Gefuge keinen Platz mehr fanden, wenn sie ihre Arbeitskraft nicht mehr anbieten konn- ten. Der Umgang mit sozial Benachteiligten entwickelte sich zunehmend repressiv und unterdruckend. Der Kapitalismus lies keinen Spielraum fur soziale Hilfe und Unterstut- zung, trotz der immer weiter auseinander gehenden Schere zwischen Arm und Reich. In der Gesellschaft bildete sich eine schier unuberwindbare Kluft zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie (herrschende, wohlhabende soziale Klasse im Marxismus). Katastro- phale (heute nicht mehr vorstellbare) Arbeits-, Wohn- und Lebensverhaltnisse bei mini- maler Unterstutzung in Noten, welche immer an eine Auflage geknupft war, namlich die, die Arbeitskraft zur Verfugung zu stellen, war das Ergebnis des Kapitalismus und trug zu einer weitverbreiteten Verarmung bei. Staatliche Initiativen einer sozialen Arbeit fehlten schlicht und ergreifend. Allenfalls im Ehrenamt und einer nachbarschaftlichen Hilfe wa­ren Fursorge und Sozialarbeit zu finden. In diesem Umfeld waren auch Pioniere der Pa- dagogisierung wie Frobel (erster allgemeiner Kindergarten 1840) und Johann Hinrich Wichern (Grander Rauhes Haus 1833) zu finden, welche maBgeblich daran beteiligt wa­ren, Kinder in Schutz und Obhut zu nehmen, Kinderarbeit und Zwangserziehung abzu- schaffen sowie uberhaupt von einem Kindern- und Jugendschutz zu sprechen. Es wurden erste Theorien entwickelt und Statten der Ausbildung fur Erzieherlnnen nahmen Formen an. Fur Kinder und Jugendliche offnete sich dadurch ein Weg, eine eigene Bildung zu erhalten und somit eine bessere Moglichkeit auf Chancengleichheit zu erreichen. Wieder waren zur Bekampfung der Armut nicht primar staatliche, sondern allgemeine soziale EntwicklungsmaBnahmen beteiligt.

Die Grundung eines Diakonischen Hilfswerkes durch die katholische Kirche, der Inneren Mission und der Caritas durch die evangelische Kirche und auch beginnende Rebellionen der Arbeiter in Arbeiterbewegung veranderten die soziale Landschaft. Erste Arbeiterpar- teien (wie zum Beispiel die Sozialdemokratische Partei Deutschland, die SPD) und Ge- werkschaften entstanden, Streiks und Arbeiteraufstande setzten die Politik und die Ge­sellschaft mehr und mehr unter Druck, welchem im preuBischen Staat Otto v. Bismarck nachgab, indem er erste Formen der Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherungen ein- fuhrte. Erste Krankenkassen (wie zum Beispiel die Allgemeine Ortskrankenkasse, die AOK), das Diakonische Hilfswerk, der Caritasverband und die Arbeiterwohlfahrt bilde- ten langsam ein soziales Netzwerk zur Bekampfung der Armut und Entwicklung der Fur­sorge bei Arbeitslosigkeitund Arbeitsunfahigkeit. Im Elberfelder System (1850) und dem StraBburger System (1905) findet man erste Entwicklungen eines Sozialverwaltungssys- temes. Zuerst durch ehrenamtliche Beteiligte, doch in der weiteren Ausbildung durch die Einfuhrung sogenannter Berufsarmenpfleger. Fur das Burgertum lasst sich die soziale Frage in der Form beantworten, dass eine realistische und philanthropische Fursorge ent­stand. Mildtatige Projekte in Wohlfahrtsorganisationen sowie auch erste Sozialuntersu- chungen und die Errichtung von Schulungseinrichtungen zur Ausbildung von Fursorge- personen (Hullhouse 1889) beinhalten bereits Grundzuge einer Professionalisierung so­wie Disziplinierung fur die Soziale Arbeit.

Die begriffliche Veranderung von der Fursorge zur Sozialarbeit wurde maBgeblich durch die sich entwickelnde Wohlfahrtspflege und deren begrifflichen Definition und Fixierung im Laufe des 20. Jahrhunderts erreichtund durch staatliche, kirchliche und ehrenamtliche Zusammenarbeit mehr und mehr institutionalisiert. Diese entstandenen Formen der Hilfe und Kontrolle haben sich bis heute in der sozialen Arbeit und den sozialen Diensten durchgesetzt.

Wie schnell ein solches System allerdings wieder zunichte gemacht werden und wie schnell ein Rechtssystem respektive ein Regime jegliche Wohlfahrt und Fursorge aus- merzen kann und zerstoren kann, hat sich in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutsch­land gezeigt. Menschen wurden zu Arbeitssklaven, Kranke und Behinderte ermordet. Die Sozialarbeit stand dieser auBerst negativen Entwicklung und des Ruckbaus des Wohl- fahrtsstaates machtlos gegenuber. Die bis dahin entstandene Sozialer Arbeit und deren Dienste und dem bis dahin ausgebauten staatlichen Dienstleistungssystems waren zer- stort, die Aufbauarbeit der letzten Jahrzehnte vernichtet. Die Nachkriegszeit war dann gepragt von gesellschaftlichen Normvorstellungen und die Soziale Arbeit entwickelte sich zu einer eher defizitorientierten Integrationsarbeit, um der Gesellschaft und deren normativen Vorstellungen gerecht zu werden. Die Verabschiedung eines Jugendwohl- fahrtsgesetzes (JWG 1961) und eines Bundessozialhilfegesetzes (BSHG 1962) bildeten das Handwerkszeug und das Zwangsmittel, um fur Ruhe und Ordnung in und fur die Gesellschaft zu sorgen. Prugel, Zwang und Missbrauch waren zum Beispiel der Alltag fur tausende von Kindem, welche in geschlossenen Heimen lebten (vgl. Wendt, 2021, S.83). Das Patriarchat und die Geschlechtertrennung, Erziehungsmodelle gepragt von christlichem Fanatismus und korperliche Gewalt trugen wesentlich dazu bei, die Soziale Arbeit auf den Prufstand zu stellen. In den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts sorgte eine Welle sozialer Bewegungen wie die der Frauenbewegung, der Jugendbewe- gung, der Homosexuellenbewegung fur frischen Wind in der Sozialen Arbeit. Auch hier waren es erneut Missstande und Ungerechtigkeiten auf welche aufmerksam gemacht wer­den musste, um die Soziale Arbeit und ein fast rein burokratisches Kontrollsystem zu reformieren und nachhaltig als Institution der Hilfe, der Fursorge und als ein rechtsver- tretendes System zu etablieren.

Mit der rechtlichen Verbriefung der Sozialgesetze und deren zusammengefassten Aus- formulierungen in den Sozialgesetzbuchern I-XIV ab 1975 wurde eine Grundlage ge- schaffen, an welchem sich Soziale Arbeit seitdem orientiert. Soziale Dienste waren erst- mals als Grundrechte fur die Gesellschaft schriftlich dokumentiert. Fur die Entwicklung einzelner Gesetze und Bestimmungen waren die Betrachtung der praktizierten Sozialen Arbeit, aber auch die Berucksichtigung theoretischer Erkenntnisse aus empirischen Erhe- bungen und der Wissenschaft von enormer Wichtigkeit. Allerdings, ,,erst der Einfluss der Menschenrechtsdebatte, der der Sozialen Arbeit die Aufgabe zuwies, aktiv zur Verwirk- lichung der Menschenrechte beizutragen, gab seit den 1990er Jahren weitere Anregungen, Soziale Arbeit als Sozialarbeitswissenschaft zu profilieren“ (vgl. Wendt, 2021, S.85). Die

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle der Sozialen Dienste historisch betrachtet
Untertitel
Das vierte Mandat
Hochschule
Europäische Fernhochschule Hamburg
Note
1,2
Autor
Jahr
2021
Seiten
17
Katalognummer
V1041290
ISBN (eBook)
9783346437402
ISBN (Buch)
9783346437419
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spannungsfeld, Hilfe und Kontrolle, Doppelmandat, Werner Thole, Soziale Dienste, historische Betrachtung Sozialer Dienste
Arbeit zitieren
Erika Friedrich (Autor:in), 2021, Das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle der Sozialen Dienste historisch betrachtet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1041290

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle der Sozialen Dienste historisch betrachtet



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden