Beziehungssicherheit in Leistungssituationen. Der Zusammenhang zwischen Bindung und Leistungsfähigkeit bei Kindern


Diplomarbeit, 2012

110 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Theoretischer und empirischer Forschungsstand zum Thema
2. 1. Bindungstheorie
2. 1. 1. Grundsätze der Bindungstheorie von John Bowlby
2. 1. 2. Messung der Bindungsqualität
2. 1. 3. Bindungsmuster im kulturellen und sozialen Vergleich
2. 1. 4. Verhalten der Bindungsperson als Faktor der Bindungsqualität
2. 1. 5. Auswirkungen der sicheren und unsicheren Bindung
2. 2. Das Verfahren: Stand und Entwicklung
2. 3. Hintergrund der Verfahrensentwicklung
2. 3. 1. Charakteristische Muster der sicheren Bindung
2. 3. 2. Charakteristisch Muster der unsicheren Bindung
2. 3. 3. Übertragung der Bindungsmuster/eigenständige Bindung
2. 3. 4. Bedeutung der Bindung in/für Leistungssituationen
2. 4. Beziehung in Leistungssituationen: Fragestellungen

3. Methode
3. 1. Design und Stichprobe
3. 2. Instrumente
3. 2. 1. Auswertungsbogen: Beziehung in Leistungssituationen
3. 3. Auswertung der Daten und eingesetzte statistische Verfahren
3. 3. 1. Übereinstimmung zwischen 2 Beurteilergruppen Beziehungsklassifikation
3. 3. 2. Übereinstimmung zwischen 2 Beurteilergruppen Verhaltenskategorien
3. 3. 3. Bestimmung der internen Konsistenz
3. 3. 4. Berechnung der Skores für jede Verhaltenskategorie
3. 3. 5. Diskriminanzanalyse
3. 3. 6. Bestimmung der Kriteriumvalidität des Verfahrens

4. Ergebnisse
4. 1. Übereinstimmung zwischen 2 Beurteilergruppen – Beziehungsklassifikation
4. 2. Übereinstimmung zwischen zwei Beurteilergruppen –Verhaltenskategorien
4. 3. Bestimmung der internen Konsistenz
4. 4. Berechnung der Skores für jede Verhaltenskategorie
4. 5. Diskriminanzanalyse
4. 6. Bestimmung der Kriteriumvalidität des Verfahrens

5. Diskussion

6. Literatur

Anhang 1: Erfassung der Beziehungs- bzw. Interaktionsqualität zwischen Versuchsleiter und Kind

Anhang 2: Profildiagramme

Anhang 3: Auswertungsbogen – Beziehung in Leistungssituationen

Anhang 4: Darstellung der Beurteilerübereinstimmung – Verhaltensindikatoren

Abstract

In dieser Arbeit befasse ich mich mit dem Thema Bindung unter besonderer Berücksichtigung der Bedeutung, die Beziehungssicherheit in Leistungssituationen hat. Ich gehe von der Bindungstheorie von Bowlby (2005) aus und stelle diese unter der Berücksichtigung des professionellen Verständnisses der pädagogischen Beziehung in den Zusammenhang mit der Leistung, bzw. Leistungsfähigkeit des Kindes, an deren Zustandekommen nicht nur kognitive Fähigkeiten sondern auch soziale, sprachliche und andere persönlichkeitsrelevante Kompetenzen beteiligt sind. Demnach befolge ich die Meinung der Bindungstheoretiker (z. B. Bowlby, 2005; Ainsworth, 2005), dass sich die Beziehungssicherheit entscheidend positiv auf die Entwicklung des Kindes auswirkt und dass es Umwelten gibt, die die Entwicklung der kindlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten unterstützt und auch solche, die dessen Entwicklung verhindern. Meiner Ansicht nach sollten sich die Erziehungs-, bzw. Bildungsinstitution neben ihrem Bildungsauftrag mehr ihrer Erziehungs-, bzw. Persönlichkeitsformenden Aufgabe annehmen und den Kindern eine Möglichkeit geben, Ihre Potenziale zu entwickeln oder diese vor der Entwicklungsstagnation zu schützen, wenn sie in der familiären Umgebung offenbar unbemerkt bleiben. Anschließend wird ein Einschätzungsverfahren für die Beobachtung der kindlichen Interaktion in pädagogischen Anforderungssituationen mit Vorschulkindern dargestellt. Der empirische Teil der Arbeit konzentriert sich auf die Weiterentwicklung dieses Verfahrens, die eine Ausarbeitung der vorhandenen schriftlichen Verhaltens- und Kategoriendefinitionen, eine unabhängige Reliabilitätsprüfung und eine Reduktion der Beobachtungssituationen und Verhaltensindikatoren vor dem Hintergrund der Reliabilitätsprüfung beinhaltet. Für die Auswertungen und Analysen wird eine Stichprobe von 28 Vorschulkindern herangezogen, die in verschiedenen spielerischen Anforderungssituationen mit ihnen zuvor unbekannten erwachsenen Personen gefilmt worden waren. Durch statistische Analysen der Zusammenhänge von Verhaltensindikatoren und Beziehungskategorien mit relevanten Außenkriterien, die für die vorhandene Stichprobe vorlagen, wurde die erarbeitete Version des Verfahrens auf ihre Validität hin überprüft. Dabei interessiert mich nicht nur, ob das Auswertungsverfahren als Modell für weitere praktische Anwendung verwendbar ist, sondern auch, inwiefern ein Zusammenhang zwischen Leistungsfähigkeit und Beziehungsqualität damit nachgewiesen werden kann.

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit der Thematik der Beziehung in Leistungssituationen, d. h. im Kontext von kognitiven Anforderungssituationen. Dieses Thema steht somit im Überschneidungsfeld von Familie und Schule. In der Familie werden enge Beziehungen zwischen dem Kind und den Eltern aufgebaut, die Art der Beziehung ist eher affektiver Natur, bezogen je nach Alter des Kindes auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse nach Liebe, Zuwendung, Nahrung, Pflege, usw.; bezogen auf die Regulation der mentalen Zustände des Kindes wie ihm Trost zu spenden, es aufzumuntern, zu beruhigen und es weitgehend in seiner Exploration der Umwelt zu unterstützen.

In der Schule treten die Kinder ebenfalls in Beziehungen ein, mit den Lehrern, Mitschülern oder anderem Lehrpersonal. Das Bedürfnis nach Bindung reduziert sich somit nicht nur auf die Familie. Diese professionell-pädagogischen Beziehungen sind weniger emotional, sondern eher affektneutral und universell angelegt. Bei der pädagogischen Beziehung geht es mehr um Wohlwollen, Sympathie zeigen, Helfen, Unterstützen und balancieren zwischen Nähe und Distanz. Im Unterschied zu der familiären Beziehung unterliegt das pädagogische Handeln der Lehrpersonen dem Anspruch der Professionalität, wobei es bestimmten professionellen Qualitätsstandards Genüge leisten soll. Neben der persönlichen Voraussetzung für pädagogisch professionelles Handeln sind fachliche und methodische Kompetenzen erforderlich, die man während der Ausbildung (über Akademisierung) erreichen kann. Durch die Verwendung des Begriffs der Beziehung betone ich in dieser Arbeit den Unterschied zwischen der vorprofessionellen Handhabung der Erziehung, wie es in der Familie praktiziert wird und der professionellen pädagogischen Handlung des Lehrpersonals, das sich in einer etwas anderen Qualität im schulischen Alltag abzeichnet. Obwohl in der Schule eher der Sachbezug zur Erziehung (curricular in Bildungsplänen strukturiert) stärker als der Bindungsbezug gewichtet ist, bleibt der bindungsbezogene Aspekt ein Bestandteil der institutionellen Erziehung (Drieschner, 2011). Als theoretischen Hintergrund für die Beziehung im Kontext der Familie und Schule beziehe ich mich somit auf die Arbeiten von Bindungstheoretiker, vor allem auf das Konzept der Bindung von Bowlby (2005), das in der heutigen Theorie und Forschungspraxis von großer Relevanz ist.

Zunächst widme ich mich dem theoretischen und empirischen Forschungstand zum Thema, beginnend mit der Bindungstheorie und Hauptaugenmerk auf deren Gründer John Bowlby, erläutere die Möglichkeit zur Messung der Bindungsqualität durch die „Fremde Situation“ (entwickelt im Rahmen der Baltimore Studie), beschäftige mich mit den Ergebnissen, aus deren sich 4 Bindungskategorien herauskristallisierten. Es folgt die Beschreibung der Verteilung der Bindungsmuster im sozialen und kulturellen Vergleich, der Daten über die Stabilität der Bindungsmuster sowie die Auswirkungen der sicheren vs. unsicheren Bindung und das Verhalten der Bindungsperson als ein wichtiger Faktor der Bindungsqualität. Im theoretischen Modell der Studie erläutere ich die wichtigen Ausgangspunkte für die Studie und hebe die Verbindung zwischen der Beziehung und der Leistungssituation hervor. Im Anschluss folgen die aus dem theoretischen Modell ableitbaren Fragestellungen für die Studie.

2. Theoretischer und empirischer Forschungsstand zum Thema

2. 1 Bindungstheorie

Unter Bindung versteht man ein lang andauerndes affektives Band zu ganz bestimmten Personen, die nicht ohne weiteres auswechselbar sind, deren körperliche, psychische Nähe und Unterstützung gesucht wird, wenn z. B. Furcht, Trauer, Verunsicherung, Krankheit, Fremdheit, usw. in einem Ausmaß erlebt werden, das nicht mehr selbstständig regulierbar ist. (Krenke-Seiffge, 2004, S. 60).

Mit der frühen Bindung haben sich neben Bindungstheoretiker auch andere Wissenschaftler beschäftigt. Ich werde im Folgenden anhand von Arbeiten einiger Autoren die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Bezug auf die frühen Objektbeziehungen1 erläutern.

Psychoanalytiker S. Freud beispielsweise, konzentrierte sich weniger auf die frühe Bindungserfahrungen der frühen Kindheit (bis 4. Lebensjahr), er beschäftigte sich bezüglich dieser Lebensphase mit dem ödipalen Konflikt. Eine herausragende Stellung bei Freuds Vorstellung über Umweltfaktoren, die die Entwicklung des Kindes beeinflussen, nahmen die angeborenen Triebkräfte ein und nicht z. B. die Qualität der frühen Beziehungen. Freuds Vorstellungen von Entwicklung kann man als eher mechanistisch als systemisch bezeichnen.

In seinem Affekt-Trauma-Modell räumt er nicht die Möglichkeit des Kindes ein, aktiv eigenes Schicksal zu gestalten. Er bezieht diese Merkmale auf imaginäres Handeln des Kindes durch Phantasie und Verzerrung der Realität. Ähnliche Ansichten gab es auch bei Anna Freud; sie betrachtete die frühe Beziehung des Kindes zur Mutter als reine Zweckbeziehung, wo die Mutter als ein Objekt zu verstehen ist, das dazu da ist, die Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen. Die Beziehung zur Mutter führte sie auf sexuelle Triebbedürfnisse zurück (Fonagy, 2006).

Neben der Psychoanalyse betonte auch die Hullsche Lerntheorie, dass frühe Bindung auf der Basis eines sekundären Triebs beruht, wo es vor allem um die Erfüllung oraler Bedürfnisse geht. Aus dem Tierbereich gibt es jedoch Untersuchungen, die belegen, dass ein emotionales Band auch dann entstehen kann, wenn das Neugeborene nicht von den Artgenossen gefüttert wird. Bowlby gehörte allesamt zu den ersten, die anerkannt haben, dass es sich beim Kleinkind um eine angeborene Tendenz handelt, Bindungen einzugehen, bzw. sich auf soziale Interaktionen einzulassen.

E. Erickson akzeptierte zwar das libidinöse Modell von Freud, verlagerte jedoch seinen Schwerpunkt auf die interpersonale und transaktionale Mutter-Kind-Dyade und damit verbundene Entwicklung des kindlichen Selbst. Nach Erickson beeinflussen die positiven sowie negativen Bindungserfahrungen die mentalen Repräsentationen des Kindes. Durch die Sammlung dieser Erfahrungen entwickelt sich bei der Person entweder Urvertrauen oder Urmisstrauen. Das Urvertrauen entsteht demnach durch eine liebevolle Zuwendung - es geht um vor allem um die Qualität dieser Bindung (Fonagy, 2006).

So wie Bowlby (u. A.) betrachtet Winnicott (1990) die Bindung als ein angeborenes Bedürfnis nach Entfaltung des Selbstgefühls, das nur im Rahmen einer frühen sozialen Interaktion (mit der Bindungsfigur) erfolgen kann.

Winnicott (1990) spricht in diesem Sinne über primäre Mütterlichkeit und die sog. Haltephase. Die primäre Mütterlichkeit fängt sehr früh an, nämlich mit den ersten körperlichen und psychischen Veränderungen nach der Empfängnis, zieht sich über die Schwangerschaft bis hin zur Entbindung und einige Wochen bis Monate danach. Es zeichnet sich durch intensivere Beschäftigung der Mutter mit den Veränderungen während der Schwangerschaft und mit dem Kind, was diesem die Illusion vermittelt, dass es ein Teil von ihr ist. Die primäre Mütterlichkeit findet ihren Ausdruck nach der Entbindung, wenn das Kind da ist und die Mutter die absolute Abhängigkeit des Kindes real wahrnehmen kann.

In der Haltephase identifiziert sich die Mutter mit dem Kind und kann somit die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes erfüllen. Das Kind wird in diesem Zustand von der Mutter gehalten und ist nicht fähig aus der Verschmelzung herauszutreten und die Mutter außerhalb des Selbst wahrzunehmen. Im Idealfall vermittelt sie dem Kind durch das zuverlässige Beantworten der kindlichen Bedürfnisse Sicherheit. Fühlt sich das Kind sicher, ist die Bindungsperson anwesend, fällt es dem Kind nicht schwer die Umwelt zu erkunden. Nach Winnicott (1990) erlebt sich das Kind durch die zuverlässige, responsive und liebevolle Zuwendung der Mutter allmächtig, das ihm die Entwicklung des Selbst erleichtert (Krenke-Seiffge, 2004).

2. 1. 1. Grundsätze der Bindungstheorie von John Bowlby

J. Bowlby, Psychiater und Psychoanalytiker wurde in den ersten Jahren seiner Karriere von Freuds Arbeiten beeinflusst. Die Grundbausteine der Bindungstheorie baute Bowlby auf den Erkenntnissen von Soziobiologie, Kognitionsforschung, Entwicklungspsychologie und Psychoanalyse auf. Am weitesten entfernte er sich in seinen Ansichten von der klassischen Psychoanalyse. Er warf z. B. der Psychoanalyse vor, sie sei zu mechanistisch und konzentriere sich nur auf die intrapsychischen Prozesse und die psychosexuelle Entwicklung des Kindes und vergesse dabei die Dynamik der kindlichen Entwicklung, die durch eine reziproke Wechselwirkung von der Seele des Kindes und der Umwelt gekennzeichnet ist. Er vertrat nicht die Ansicht - die Nähe beruhe auf dem sexuellen Triebbedürfnis des Kindes, sondern betrachtete die Bindung als ein primäres Bedürfnis nach Nähe zu einer Bindungsfigur.

Eine gute primäre Bindungsbeziehung beruht nach Bowlby auf der Erfahrung des Kindes, dass die Bindungsfigur anwesend ist, optimal auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht und eine Basis der emotionalen Sicherheit dem Kind bietet, aus der das Kind die Welt erkunden kann. Ist die Erfahrung des Kindes mit der Bindungsfigur positiv, baut es ein positives inneres Arbeitsmodell der Selbst-Andere Beziehung auf, das sich auch auf die Einstellungen, bzw. Erwartungen im Bezug auf die Umwelt überträgt. Das Kind weißt zum Beispiel, dass es manches auch alleine schafft (Exploration) und dass es Hilfe bekommen kann, wenn es nötig ist (Nähe). Das innere Arbeitsmodell beinhaltet eine Vorstellung vom eigenen Selbst, als fähig ist zu handeln und als Wert, Hilfe zu bekommen.

Die Hauptmerkmale dieses Modells betreffen also die Verfügbarkeit der Bindungsperson und Akzeptanz der Selbsturheberschaft des Kindes (das Kind fühlt sich von der Person als intentionales Wesen wahrgenommen), wobei der Ausdruck seines Selbst in Form von Bedürfnissen, Wünschen, Sorgen, usw. von den Eltern identifiziert, akzeptiert und optimal beantwortet werden. Ein positives Arbeitsmodell beinhaltet die Bindungsqualität und ist somit ein wichtiger Baustein für die Entwicklung des Selbst (Bowlby, 2005; Bolten, 2009; Fonagy, 2006; Main, 2001; Strauß, 2005).

Wie bereits angedeutet wurde, beinhaltet das Bindungssystem zwei unterschiedliche Verhaltenssysteme: Bindungs-2 und Explorationsverhalten. Das Bindungsverhalten umfasst sowohl passive signalgebende Verhaltensweisen wie z. B. Lächeln, Weinen, Rufen, als auch aktive Verhaltensweisen wie etwa Nachlaufen, Anklammern, Zugreifen oder Sich-Nähern. Beim Explorationsverhalten geht es vor allem um eine suchende, explorative Verhaltensweise, die auf der Basis der Fortbewegung, Manipulieren von Gegenständen, visueller Exploration sowie auf der Grundlage des entdeckenden Spiels erfolgt. Dieses Verhalten fördert vor allem die Anpassung an die Umwelt sowie Erwerb und Nutzung von Wissen und Entwicklung von Fähigkeiten (Hopf, 2005).

Diese Systeme stehen in einer reziproken Beziehung zueinander. Wenn sich das Kind sicher und wohlfühlt, steigt das Bedürfnis nach Erkundung der Umwelt (Exploration). Wird das Kind z. B. unsicher, fühlt es sich nicht gut oder fürchtet sich, sucht das Kind die Nähe der Bindungsperson (Bindung). Diese Verhaltenssysteme zusammen mit der Belastungskomponente (z. B. Leid, Unbehagen, Unsicherheit im Bezug auf eine neue Situation beim Kleinkind) und deren günstiges Zusammenspiel regulieren die Entwicklungsanpassung des Kindes - dessen Progression oder Regression in der eigenen Entwicklung von Fähigkeiten (Bolten, 2009; Fonagy, 2006).

Fürsorge der Eltern in den ersten Lebensjahren des Kindes ist u. A. wichtig für die seelische Gesundheit des Kindes, für die Charakterentwicklung und eine Reihe von weiteren Ressourcen, die die späteren Möglichkeiten des Kindes in der Interaktion mit der Umwelt erweitern. Im Allgemeinen wird diese These in vielerlei Hinsicht in der Literatur unterstützt, wie z. B.: "Good parenting is seen to be benefical because it provides social support (Wolfradt, Hempel & Miles, 2003) and influences skill-building activities in the home, adaptive behaviors, and educational achievements." (Belsky & Fearon, 2002; Hill & Stanfort, 1995; Kaplan et al., 2001; zitiert nach Singh-Manoux, Fonagy & Marmot, 2006).

Bindung erfüllt wichtige Aufgaben in der Ontogenese. Die Interaktion mit der Bindungsfigur gilt als ein notwendiger Regulierungsmechanismus, der unabdingbar für die Weiterentwicklung des Kindes ist. Zur Reaktion des Kindes auf die Deprivation berichtet Fonagy (2006) folgendes:

"Man erklärt die Reaktion auf eine Trennung mit dem Zerreißen eines sozialen Bandes, dessen Existenz man aus dem Auftreten dieser Trennungsreaktion ableitet. Was beim Verlust verlorengeht, ist nicht das Band, sondern die Gelegenheit, einen Regulierungsmechanismus höherer Ordnung zu erzeugen, nämlich den Mechanismus zur Wahrnehmung und Neuordnung mentaler Inhalte" (S. 23).

Vaterbindung wird von Bowlby eher als sekundäre Bindung angesehen – indem der Vater durch die liebevolle Zuwendung zur Mutter das Kind unterstützt, damit die Mutter ein harmonisches und liebevolles Klima für das Kind herstellen und bewahren kann. Obwohl das Kind in den ersten Jahren zu vielen Personen eine Bindung aufbaut, gibt es nur eine Hauptbindungsperson.3 Diese unterscheidet sich von anderen durch folgende Merkmale: Zeit, die die Person dem Kind widmet, Qualität der Zuwendung, Engagement der Person und regelmäßige Anwesenheit. Zum Vater sowie zu anderen Personen entwickelt das Kind eine eigenständige Bindung, unabhängig von der Bindung zur Hauptbindungsperson (die Mutter oder Ersatzmutter).4 Mehrere Studien (z. B. von IJzendoorn und Wolff, 1967) weisen auf die Wichtigkeit des sensiblen Umgangs des Vaters mit dem Kind für die Basis einer sicheren Bindungsbeziehung (Bowlby, 2005; Fonagy, 2006; Hopf, 2005).

Im Unterschied zur Psychoanalyse, die den Fokus auf intrapsychische Prozesse gelegt hat, konzentrierte sich Bowlby (2005) auf die Umweltfaktoren, die seiner Meinung nach entscheidend die Entwicklung des Kindes prägen. Bowlby stützt sich in seiner Arbeit auf zahlreiche Untersuchungen, Studien und direkte Beobachtungen in Pflegestellen, Heimen und Krankenhäusern. Nach seinen Erkenntnissen leiden Kinder und Jugendliche aus Heimen, Krankenhäusern oder Pflegestellen, wo die Betreuung und liebevolle Zuwendung der Mutter nicht vorhanden ist, unter Deprivation, die eine psychische, physische und soziale Auswirkung habt und diverse Symptome und Verzögerungen in der Entwicklung hervorrufen kann. Einige Kinder bleiben lebenslang beschädigt (Störungen).

In einer Studie weist Bowlby (2005) darauf hin, dass Kinder (6 Monate - 2,5 Jahre alt, die auf eine Adoption warteten) die die ganze Zuwendung einer Pflegemutter erhielten, besser entwickelt waren als Kinder, die sich die Zuwendung mit anderen Kindern teilen mussten.

Zur Länge der Deprivation und deren Auswirkungen schrieb er:

„Die Entwicklungsverzögerung ist ebenso größer, je länger die Deprivation dauert. Zweitens wurde experimentell nachgewiesen, dass der Schaden durch die zusätzliche Pflege einer Mutter-Ersatz-Person verringert wird“. (Bowlby, 2005, S. 21)

Der Autor weißt darauf hin, dass nicht nur Kinder in Heimen unter Mutterentbehrung leiden. Sondern auch Kinder die von ihren Eltern vernachlässigt werden, physisch (verbunden mit der wirtschaftlichen Situation des Elternhaus) oder emotional (die mit der Stabilität, bzw. Labilität und somit der psychischen Gesundheit der Eltern zusammenhängt) zeigen Zeichen einer Deprivation.

Nach Bowlby (2005) ist die Deprivation und Ablehnung der Kinder meist der Grund für spätere Anpassungsstörungen der Kinder. Seiner Ansicht nach sollte es direkte Hilfen für solche Familien geben, wie z. B. finanzielle Hilfe, oder Familienpflegedienst im Fall der kurzfristigen Abwesenheit der Mutter , sozialmedizinische Hilfe im Form von präventiven Programmen für Familien mit Kindern, Elternberatung, Psychotherapie, therapeutische Hilfe für Kinder, usw. Er beschäftigt sich weiterhin mit der Problematik der Adoption und Pflegefamilien, wobei seine Vorschläge und Ansichten in diesem Bereich noch heute als wegweisend gelten.

Nach Ainsworth (2005) besteht im Gegensatz zu Bowlby (R. Spitz, und anderen) bei der Deprivation nicht unbedingt das Risiko der Dauerschäden. Ihrer Ansicht nach kann sogar ein ernsthaft geschädigtes Kind bis zu einem gewissen Grad gebessert werden, wenn die Deprivationsursache geklärt und beseitigt wird. Einige Störungen sind zu dem gut erkennbar und heilbar. Ainsworth betont, dass es Folgen von Deprivation gibt, die latentes Störungspotential haben, das erst in späterem Lebensverlauf und unter bestimmten Umständen zur Störung führen können aber nicht führen müssen.5

Betrachtet man die Erklärungsmodelle der Psychoanalyse und der behavioralen Psychologie der 40 - 50-er Jahre, die postulierten, dass es andere Ursachen für die Deprivation geben muss, da es Kinder gibt die mehr unter dem Verlust ihrer Bindungsperson litten aber auch Kinder, denen diese Erfahrung nichts ausmachte und keine schwerwiegende Folgen hatte; so kann man verstehen, dass es an dieser Vereinfachung Zweifel gab und Versuche unternommen wurden, die Frage der Mutterentbehrung und deren Folgen zu klären (Bolten, 2009; Ainsworth, 2005). Denn:

Die Tatsache, dass einige Kinder nicht krank werden, obgleich sie der Ansteckung durch den Erreger ausgesetzt waren, beweist noch nicht, dass der Erreger nicht fähig ist, die Krankheit zu verursachen, noch wird man es deswegen gutheißen, wenn es sich um eine Erkrankung mit eventuell ernsten Folgen handelt, andere Kinder der Ansteckung auszusetzen (Ainsworth, 2005, S. 162).

Der Zusammenhang zwischen der Deprivation und deren negativen Folgen für die Entwicklung des Kindes, wurde in den letzten Jahrzehnten mehrfach untersucht. Die Ergebnisse einiger Studien werde ich später kurz erläutern.

2. 1. 2. Messung der Bindungsqualität

In folgendem Abschnitt wird eine Methode zur Messung der Bindungsqualität vorgestellt – die „Fremde Situation“ (FST) aus der Baltimore Studie. Weitere Verfahren werden aus Platzgründen nicht erläutert, siehe hierzu z. B. (Fonagy, 2006, S. 26-32; Fonagy et al. 2008; Bolten, 2009).

Baltimore Studie, "Fremde Situation" (FST)

Für die empirische Überprüfung der von Bowlbys postulierten Zusammenhängen hatte M. Ainsworth ein Verfahren entwickelt, das Bindungsqualität bei 12 - 18 Monaten alten Kleinkinder in der "Fremden Situation" (FST; Ainsworth & Witting 1969) misst. Das Verfahren "Fremde Situation" gehört zu der von M. Ainsworth geleiteten Baltimore-Studie, die in den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert durchgeführt wurde.

Es handelte sich dabei um eine Längsschnittstudie, in der 26 Kinder im Laufe des ersten Lebensjahres über mehrere Stunden täglich in der häuslichen Umgebung in der Interaktion mit der Mutter beobachtet wurden. Nach einem Jahr wurden die Kinder unter Labor-Bedingungen, in der "Fremden Situation"6 beobachtet. Es handelte sich um Kinder, deren Mütter der anglo-amerikanischen Mittelschicht angehörten und im ersten Lebensjahr des Kindes überwiegend zu Hause waren. Im Rahmen dieses Verfahrens wurde das Zusammenspiel von den Bindungs- und Explorationsverhalten des Kindes beobachtet.

Das Kind wurde im Verlauf des Verfahrens kurzen Trennungsphasen (jeweils ca. 3 Minuten) ausgesetzt. Für die Beurteilung der Bindungsqualität wurden die Phasen der Wiedervereinigung mit der Mutter sowie das Verhalten des Kindes während der Trennung von der Mutter bewertet. Geachtet wurde dabei auf Dimensionen wie Nähesuchen, Kontaktaufnahme, Widerstand oder Vermeidungsverhalten. Interessant war zu beobachten, wie die Kinder während der Trennung von der Mutter auf die plötzliche Anwesenheit der fremden Person reagierten. Je nach Bindungstyp zeigten die Kinder in ihrem Verhalten zu ihr, wie wichtig, bzw. zuverlässig sie ihre Mutter finden. Ainsworth ging davon aus, dass die Kinder in diesem Alter über innere Arbeitsmodelle verfügen, die dem Kind einen Orientierungsrahmen für das eigene Verhalten sowie die Vorhersage des Verhaltens der Bindungsperson geben. Wie bereits erwähnt wurde, bilden sich die inneren Arbeitsmodelle des Kindes aus der Erfahrung, die das Kind mit der Bindungsperson gemacht hat. Ist z. B. die Mutter/Vater vorhanden und reagiert responsiv, wenn es die Situation erfordert (z. B. wenn das Kind Trost und Nähe sucht), kann sich das Kind auf sie verlassen. So vertraut das Kind darauf, dass sich die jeweilige Person auch in der Zukunft so verhalten wird.

Ergebnisse

Man konnte die Verhaltensmuster nach Rückkehr der Mutter (in der ursprünglichen Studie) in 3 Kategorien einordnen:

- Sicher gebundene Kinder (Kategorie B)
- Unsicher - vermeidend gebundene Kinder (Kategorie A)
- Unsicher - ambivalent gebundene Kinder (Kategorie C)
- Unsicher - desorganisiert/desorientiert gebundene Kinder (Kategorie D) (diese Kategorie wurde erst im Rahmen weiterer Untersuchungen von Main und Solomon (1990) entwickelt und hinzugefügt)

Sichere Bindung wird in der Literatur häufig als organisiert, bzw. als primäre Strategie gekennzeichnet, die auf der Grundlage von erfüllten Bindungsbedürfnissen des Kindes aufgebaut ist. Demnach explorieren sicher gebundene Kinder ihre Umwelt sorglos in Anwesenheit der Mutter, reagieren deutlich mit Kummer auf die Abwesenheit, bzw. auf die Trennung (weinen, Unruhe, usw.), freuen sich und suchen ihre Nähe und Trost, sobald sie wieder auftaucht. Die inneren Arbeitsmodelle dieser Kinder beruhen auf der Erfahrung einer gut koordinierten und sensiblen Interaktion mit der Mutter. Dabei gelingt es der Mutter, die Emotionen des Kindes zu regulieren (und zu stabilisieren). Die Mutter gilt für sicher gebundene Kinder als eine sichere, verlässliche, vorhersagbare Basis. Die Kinder vertrauen auf Unterstützung der Mutter, Gefühle werden nicht verdrängt sondern beantwortet, bzw. kommuniziert. Aus diesen Gründen ist auch das Bindungs- und Explorationsverhalten des Kindes ausbalanciert. Was das Verhalten zu der fremden Person anbelangt, verhalten sich sicher gebundene Kinder zum Teil freundlich, zum Teil weniger freundlich. Sie lassen sich von der fremden Person nur wenig trösten, sofern sie Kummer wegen der Abwesenheit der Mutter (nicht wegen dem bloßen Alleinseins) zeigen; sie streben eindeutig danach von der eigenen Mutter beruhigt zu werden.

Unsichere Bindung wird in weitere 3 Kategorien eingeteilt. Es handelt sich dabei um sekundäre Strategien, die durch Fehlen einer zuverlässigen Zuwendung gekennzeichnet ist.

Die sekundäre Strategie der unsicher vermeidend gebundenen Kinder beruht auf der Erfahrung der Zurückweisung, bzw. Frustration des eigenen Bindungsbedürfnisses. Um einen Ausgleich zu bekommen, unterdrückt das Kind eigene Bindungsbedürfnisse, was sich im Verhalten der Kinder bemerkbar macht. Vermeidend gebundene Kinder versuchen den Kummer zu unterdrücken und zeigen deutliches Desinteresse bei der Wiedervereinigung. Sie sind sowohl während der Trennung als auch nach der Rückkehr der Mutter weniger beunruhigt und suchen ihre Nähe nicht sofort. Vermeidende Kinder haben kaum Vertrauen in die Bindungsperson, Nähe, Intimität oder das Gefühl abhängig zu sein, scheinen bei ihnen seelisches Unbehagen zu verursachen. Das vermeidende Verhalten zeigt sich auch durch die Tendenz, die Mutter nach der Trennungsepisode zu ignorieren, sie nicht zu grüßen oder sie zu meiden. Sofern diese Kinder Kummer zeigten, ließen sie sich von der fremden Person beruhigen. Das Bindungsverhalten dieser Kinder beruht auf der Erfahrung der nicht Verfügbarkeit der Bindungsfigur7, so dass die Kinder lernen mussten, sich (scheinbar) selbst zu helfen, in dem sie ihre Affekte überregulierten in Momenten, die für sie sehr beunruhigend waren (wie z. B. Zurückweisung der Mutter). Die überregulierten Gefühle wie Wut oder Ärger kommen dadurch nicht zum Ausdruck, werden also nicht bestraft. Das bietet dem Kind einen gewissen Schutz. Außerdem schützt sich das Kind durch das vermeidende Verhalten vor weiteren unangenehmen Erfahrungen mit der Mutter, mit denen es rechnen muss. Da das Explorationsverhalten auch zur Meidungsstrategie gehört, ist das Kind am Spielen und Erkunden nicht wirklich interessiert, es dient der Ablenkung und Verschiebung von Problemen.

Unsicher-ambivalent gebundene Kinder haben im Unterschied zu vermeidend gebundenen Kindern die Erfahrung gemacht, dass die Befriedigung oder Abweisung ihrer Bedürfnisse nicht vorhersagbar ist. Die sekundäre Strategie beruht demnach auf der Überaktivierung des Bindungsbedürfnisses, d. h. auf dem übersteigerten Bindungsverhalten, für den Fall, dass doch eigene Bedürfnisse befriedigt werden. Im Verhalten zeigt sich diese Strategie wie folgt:

Unsicher, ambivalent (widerstrebend) gebundene Kinder reagieren bekümmert auf die Trennung mit einer Tendenz der Übertreibung des Affekts. Da sie inkonsistent getröstet werden, versuchen sie bei der Rückkehr auf diese Weise die Aufmerksamkeit der Bindungsfigur zu erzwingen. Sie scheinen mehr Sehnsucht nach Nähe zu haben und gleichzeitig Angst vor Ablehnung als anders gebundene Kinder. Ambivalent gebundene Kinder spielen "unsicher" (sie sind "auf der Hut" oder es macht ihnen keine Freude) und explorieren eher weniger. Auf die Trennung reagieren sie mit großer Verzweiflung und es ist schwer nach der Rückkehr der Mutter sie zu beruhigen. Die Versuche der Mutter, das Kind zu trösten, scheitern, als ob die Nähe fürs Kind keine Beruhigung bedeutete. Diese Kinder unterregulieren ihren Affekt, indem der Distressausdruck verstärkt wird. Es scheint bei diesen Kindern, dass sie mehr Hoffnung auf die positive Entwicklung in der Interaktion mit der Mutter hätten. Sie erleben weniger Zurückweisung, die Mütter meiden den Kontakt nicht mit dem Kind, verhalten sich jedoch in der Interaktion sehr ungeschickt und vor allem inkonsistent. Die Zuwendung erfolgt eher nebenbei und nicht voll auf das Kind konzentriert. Deswegen ist die Interaktion auch weniger sensibel und zuverlässig als es bei sicher gebundenen Kindern der Fall ist. Das innere Arbeitsmodell ist nicht auf stabilen Erwartungen aufgebaut - d. h. weder auf positiven (sichere Bindung), noch auf negativen (unsicher-vermeidende Bindung). Die Kinder können somit keine stabilen Erwartungen aufbauen und sich darauf einrichten, sie sind diesem Zustand der Unsicherheit ausgeliefert.

Desorganisiert /desorientiert gebundene Kinder streben nach der Nähe der Bindungsfigur auf konfuse, seltsame Art und Weise durch scheinbar sinnloses Verhalten (Kopfanschlagen, durch Verstecken, in die Luft gucken, sich Rückwärts nähern, usw.)8 Für die Einstufung in diese Kategorie reicht eine kurze Episode von typischen Anfällen der Kinder, diese sind meistens kurz (15 - 30 sec.), reichen jedoch für die Einstufung aus (Fonagy, 2006; Fonagy et al., 2008; Fonagy & Target, 2001; Eller, 2007; Hopf, 2005; Stansfeld, Head, Bartley & Fonagy, 2008; Strauß, 2005).

Die letzte Kategorie (desorganisierte/desorientierte Bindung) wurde einige Jahre später zu der Klassifikation von Bindungsmustern hinzugefügt, nachdem es möglich war, die Merkmale der Kinder, die in der FST als unklassifizierbar eingestuft worden waren, zu bearbeiten. Es konnten gemeinsame Eigenschaften, bzw. Verhaltensweisen dieser Kinder identifiziert werden, die es ermöglicht haben eine neue Bindungskategorie zu erstellen: Während sichere, vermeidende oder ambivalente Kinder mit ihrem Verhalten die Trennung und Wiedervereinigung in der fremden Umgebung zu bewältigen versuchten, war bei unklassifizierbaren Kindern ein Zusammenbruch von Strategien bemerkbar. Über 90 % dieser Kinder konnten in eine neue Kategorie eingestuft werden, die man desorganisiert, bzw. desorientiert nennt (Main, 2001).

Main (2001) weist in diesem Zusammenhang auf eine Studie hin, in der man herausgefunden hat, dass Kinder, die solche kurzen Auffälligkeiten in ihrem Verhalten zeigten und in die sichere Bindungskategorie passten, den steilsten Anstieg der Herzfrequenz während der Trennung (FST) erlitten, sowie einen signifikant höheren Kortisolanstieg über die Dauer der Fremden Situation hatten, als sichere Kinder. Die Kinder scheinen ein übersteigertes Bindungsbedürfnis zu haben, gleichzeitig wünschen Sie sich, der Bindungssituation zu entkommen. Man geht davon aus, dass sich bei diesen Kindern die Bezugsperson sehr widersprüchlich verhalten hat und somit zum Teil nicht integrierbare Gefühle beim Kind auslöste. Meisten handelt es sich um Misshandlungs- oder Missbrauchsfälle, wo das Kind die Bindungsperson als jemanden erlebte, die für ihn da ist aber gleichzeitig eine Bedrohung darstellt. Da ein Kind mit einer entwickelten Bindung die Eltern aufsucht, wenn es Angst hat, versetzt furcht-, bzw. angstauslösendes Verhalten der Eltern die Kinder in einen paradoxen Zustand. Ein misshandelnder Vater, bzw. Mutter wird somit zum Teil der Selbststruktur (mit anderen Worten: Das Kind identifiziert sich mit dem Täter), nur so kann sich das Kind der Situation der Misshandlung anpassen. Die Erfahrung wird meistens nicht integriert, die Kinder internalisieren diese Erfahrung, die durch Aggression gegen sich selbst oder gegen andere zum Ausdruck gebracht wird. Es handelt sich dabei um einen verzweifelter Versuch der Externalisierung und somit auch Befreiung von dem fremden Selbst, der signifikant am häufigsten in einer Fehlanpassung oder Pathologie mündet.9

Zum Zeitpunkt der Erhebung wurden in der Baltimore Studie von den 26 Kindern, 23 Kinder im Alter von ca. einem Jahr in der FST beobachtet. 13 Kinder wurden als sicher gebunden eingestuft (Kategorie B), 6 Kinder gehörten zu der Kategorie der unsicher-vermeidend gebundenen (A) und 4 Kinder waren als unsicher-ambivalent eingestuft. Bei der Untersuchung wurden zu jeder der drei Kategorien jeweils zwei Unterkategorien entwickelt und beobachtet. Da diese Unterkategorien in weiteren Untersuchungen zur Bindungssicherheit nicht beachtet werden, habe ich die Beschreibung in dieser Arbeit ausgelassen. Berücksichtigt wird dagegen deutlich die Kategorie D, die in den Untersuchungen einen festen Platz im Laufe der Zeit gewonnen hat. Wie schon berichtet wurde, wurden die Kinder nicht nur in der Fremden Situation beobachtet. Ab der 3. Lebenswoche wurden die Kinder (14 Jungen, 9 Mädchen) alle drei Wochen in ihrer häuslichen Umgebung in der Interaktion mit der Mutter jeweils ca. 4 Stunden lang (insgesamt jeweils ca. 70 Stunden) beobachtet. Die Beobachtung wurde abgeschlossen, als die Kinder 54 Wochen alt waren.

Man hat die Ergebnisse der Untersuchungen in der FST mit den Ergebnissen der Untersuchungen, die in der häuslichen Umgebung erhoben wurden verglichen. Es konnten viele Übereinstimmungen sowie einige Unterschiede im Verhalten der Kinder bezüglich der jeweiligen Zugehörigkeit zu den Kategorien der Bindungssicherheit festgestellt werden. Große Übereinstimmungen gab es bei sicher gebundenen Kinder (Kategorie B), die sowohl in der Fremden Situation als auch zu Hause ein sicheres Verhaltensmuster gezeigt hatten: sie suchten aktiv die Mutter, kommunizierten differenzierter, weinten weniger als andere Kinder, waren leichter zu beruhigen und konnten mit kurzen alltäglichen Trennungen insgesamt besser, gelassener umgehen.

Es gab auch Ähnlichkeiten im Verhalten der Kinder, die als unsicher-ambivalent eingestuft worden waren. Sie haben sowohl in der häuslichen Umgebung als auch in der Fremden Situation mit Kummer auf die Trennung von der Mutter reagiert. Sie waren nicht so leicht zu beruhigen wie die Kinder aus der Kategorie B und weinten häufiger. Sie suchten den Kontakt zu der Mutter und versuchten ihn auch aufrechtzuerhalten, gleichzeitig schienen sie dem Kontakt zu widerstreben. Die Widersprüchlichkeit zeigte sich auch beim Explorieren, die Kinder waren wenig daran interessiert, ihre Umwelt zu erkunden, so sehr waren sie mit der Absicherung des Kontakts zur Mutter beschäftigt.

Unterschiede konnte man bei den unsicher-vermeidend gebundenen Kindern (Kategorie A) beobachten. Es wurden keine Parallelen im Verhalten dieser Kinder in häuslicher Umgebung und in der Fremden Situation gefunden. In der Fremden Situation wirkten sie gelassener, zu Hause dagegen verhielten sie sich eher wie Kinder der Kategorie C, sie weinten häufiger und suchten übermäßig nach dem Kontakt zur Mutter, schienen dem Kontakt aber gleichzeitig zu widerstreben. Ainsworth spricht in diesem Fall vom Konflikt zwischen Annäherung und Vermeidung (Hopf, 2005). Die Autorinnen formulieren lakonisch: "The C baby fears that he will not get enough of what he wants, the A baby fears what he wants" (Ainsworth et al., 1978; zitiert nach Hopf, 2005, S. 57).

Die o. g. Beobachtungen sind anhand der Erfahrungen, die die Kinder mit den Müttern gemacht haben, zu interpretieren.

Mütterliche Sensitivität

M. Ainsworth (Hopf, 2005) formulierte in einer früheren Untersuchung die Hypothese, in der sie annimmt, dass es vor allem die Sensitivität der Mutter ist, die für die Entwicklung der sicheren Bindung ausschlaggebend ist. Im Rahmen der Baltimore-Studie war es dank der präzisen Aufzeichnungen der Mutter-Kind-Interaktionen möglich, das Verhalten der Mutter im Bezug auf die Fähigkeit der Wahrnehmung der Signale des Kindes oder Interpretationsleistungen für die Beurteilung miteinzubeziehen. So ist eine Rating-Skala entstanden, die auch in vielen weiteren Untersuchungen eingesetzt wurde und mit deren Hilfe man die Sensitivität der Mutter im Umgang mit Signalen des Kindes messen kann. Die Sensitivität der Mutter wurde in der FST durch mehrere Beobachter, die unabhängig voneinander arbeiteten, erfasst (die Endzahlen wurden bei starken Unterschieden an Forschungskonferenz diskutiert). Die Skala ging von Punkt 1 (=hochgradig nicht-sensitive Mutter)10 bis Punkt 9 (=hochgradig sensitive oder feinfühlige Mutter)11.

Die Mütter von 13 sicher-gebundenen Kindern (Gruppe B, FST) erreichten in der Sensitivitätsskala einen Mittelwert von 6,5. Die Mütter von 6 unsicher-vermeidend-gebundenen Kindern (Gruppe A) lagen auf der Sensitivitätsskala mit dem Mittelwert von 2.42 deutlich darunter. Das Gleiche galt für die Mutter der unsicher-ambivalent gebundenen Kinder (Gruppe C) (M = 2.38). Diese Daten bestätigen die Hypothese, dass eine hohe mütterliche Sensitivität eine wichtige Voraussetzung für die sichere Bindung ist. M. Ainsworth geht davon aus, dass diese Kinder positive Erwartungen bezüglich der Interaktion mit der Mutter gewinnen, Zugänglichkeit, Offenheit und unterstützendes Verhalten. Bei J. Bowlby ist es ein positives inneres Arbeitsmodell (internal working Modell), dass man mit dem Modell der positiven Erwartungen von Ainsworth (expectation) gleichsetzen kann. Was die Interpretation der Baltimore-Studie anbelangt, gibt es keinen einfachen Antworten. In späteren Untersuchungen wurde die Tatsache gut belegt, dass die zwei Gruppen der unsicher gebundenen Kinder weniger sensitiv und einfühlsam von ihrer Mutter behandelt waren. Welche Faktoren über die Verteilung der unsicher gebundenen Kinder (in die Kategorie A und C) entscheidend sind, ist bislang nicht geklärt.

2. 1. 3. Bindungsmuster im kulturellen und sozialen Vergleich

Schon bei der Durchführung von der Baltimore-Studie war klar, dass die Ergebnisse nicht auf die anderen sozialen oder kulturellen Kontexte übertragbar sind. Die Ergebnisse galten für die Stichprobe, die für die Untersuchung ausgewählt wurde und es wurde damit gerechnet, dass in anderen Kontexten andere Ergebnisse vorkommen. Was die geschlechtsspezifische Verteilung von Bindungsmustern angeht, gibt es bislang keinen Hinweis darauf, dass es Unterschiede gibt. Das schließt natürlich nicht unterschiedliche Sozialisationen aufgrund des Geschlechts aus, diese Tatsache wirkt sich allerdings wahrscheinlich nicht auf die Qualität der Bindung aus, bzw. auf die Verunsicherung der Bindungsbeziehung zur Mutter aus.

Eine Übersicht über die internationale Verteilung von Bindungsklassifikationen, die anhand von Studien, die in Afrika, China, Israel, Japan West-Europa und USA erfolgten, bieten IJzendoorn und Sagi (1999) (Hopf, 2005). Auf dem ersten Platz in der Kategorie B (sichere Bindung; 80 %) befindet sich Israel, allerdings nur die traditionelle Form der Erziehung: Familien-basierte Kibbutzim (Übernachtung der Kinder in den Elternhäusern). West-Europa liegt in dieser Kategorie bei 66 %, USA ähnlich bei 67 %. Wichtig zu beachten ist, dass es sich um meist kleine, nicht repräsentative Stichproben handelte. Ein weiterer Punkt betrifft die Frage der kulturübergreifende Validität der aus Fremden Situation erschlossenen Bindungsmuster, die je nach Kultur nicht gesichert werden kann.12

Der Prozentrang der Familien-basierten Kibbutzim Gemeinschaften ist insofern interessant, da die Art und Weise des Familienlebens schützenden Charakter im Bezug auf die Sicherung der Bindung haben. Neben Mutter, Vater und Betreuungsperson gibt es nämlich weitere Vertrauenspersonen, die im Fall der hohen Belastung von Eltern und Betreuungsperson einspringen und suboptimale Interaktion verhindern.

In zahlreichen Untersuchungen wurde berichtet, dass es schichtspezifische Unterschiede in der Bindungssicherheit gibt. Kinder, die aus einer Mittelschicht kommen, sind im Durchschnitt viel häufiger sicher gebunden als Kinder aus der Unterschicht, deren Eltern einen niedrigen Bildungsstatus haben, sich in unqualifizierten Berufen mit niedrigem Einkommen befinden. Man kann zwar diese Zusammenhänge nicht aufgrund repräsentativer Erhebungen belegen, es gibt jedoch Studien, in denen darauf hingewiesen wird, dass Kinder, die mit Eltern ohne sozialen Stress aufwachsen (Mittelschicht) häufiger sicher gebunden werden als Kinder aus sozial unprivilegierten Familien, wo die Eltern alltäglich durch ihre sozial wirtschaftliche Lage hochbelastet sind, welches sich auf die Beziehung, bzw. auf die Interaktion mit den Kindern negativ auswirken kann.

Der soziale Kontext scheint einen Einfluss auf die Mutter-Kind-Interaktion zu haben. Es wurde durch zahlreiche Untersuchungen belegt, dass der Zusammenhang zwischen der Sensitivität und Bindungssicherheit in Mittelschichtstichproben höher ist als in sozial schwächeren Familien. Die Sensitivität in Umgang mit den Kindern scheint in solchen Familien weniger von Bedeutung sein, zumal die Mutter-Kind Beziehung durch andere Faktoren belastet wird (z. B. unzureichende Unterstützung durch den Partner, instabile Betreuungsverhältnisse, finanzielle Probleme, usw.).

Über die Stabilität der Klassifikation, die durch den FST gewonnen wurde, gibt es zurzeit keine Einigkeit. In den älteren Studien war die Stabilität der Klassifikationen höher als in jüngeren Studien. (Fonagy, 2006; Hopf, 2005)

Ein relativ neuer Befund, der mit früheren Untersuchungen nicht im Einklang steht, stammt zum Beispiel von Belsky und seinen Mitarbeitern, die feststellen, dass weniger als 50 Prozent der getesteten Kinder bei einem erneuten Test, der drei Monate später stattfand, in dieselbe Kategorie der ABC-Klassifikation fielen wie beim ersten Test (Belsky et al.1996a.). Die Stabilität der D-Klassifikation ist im Allgemeinen hoch (Lyons-Ruth et al.1991) (Fonagy, 2006, S. 27f.).

Grossmann, K. E. und Grossmann K. (2009) weisen im Gegensatz dazu auf relativ gute Ergebnisse der Stabilität von Bindungsmustern hin. Die Bindungsmuster aus der Baltimore Studie wurden in einer Zeitspanne von 6 - 7 Monaten untersucht ab dem Alter von 12 Monaten. Es handelte sich um angloamerikanischen Stichproben aus der Mittelschicht, die grob mit der Stichprobe aus der Baltimore Studie vergleichbar waren. Dabei ergab sich bei 3 Studien hohe Stabilität von Bindungsmustern. Es konnte eine Übereinstimmung der Bindungsmuster (der ursprünglichen 3: A, B, C) von 80 - 96 % festgestellt werden.

In der Studie von Hamilton (2000) und Waters et al. (2000) (Fonagy, 2006) zeigte sich, dass das sichere oder unsichere Bindungsmuster eine deutliche Kontinuität von 72, bzw. 77 % aufwies. In anderen Studien wurden, wie bereits erwähnt wurde, weniger eindrucksvolle Ergebnisse erzielt. Man konnte in diesem Zusammenhang vermuten, dass es wichtige vermittelnde Bedingungen in der Ökologie des Familienlebens gibt, die bisher nicht erfasst worden sind und deswegen nicht in diesen Studien beachtet werden konnten.

Was die Validität des Verfahrens anbelangt, so wurden signifikante Zusammenhänge zwischen der Aktivierung des Bindungssystems mittels FST und der physiologischen Reaktion festgestellt. Kinder, die als sicher klassifiziert worden sind, haben sich in stresssensitiven Parametern wie Herzrate, Kortisolauschüttung oder immunologischen Parametern von unsicher gebundenen Kindern in der FST signifikant unterschieden (Fonagy et al., 2008).

2. 1. 4. Verhalten der Bindungsperson als Faktor der Bindungsqualität

Es wurde in zahlreichen Studien darüber berichtet, dass vor allem die Empfänglichkeit der Bindungsperson für den Kummer des Kindes, Feinfühligkeit13 eine moderate, angemessene Stimulation, Gleichklang, Herzlichkeit und Anteilnahme zu wichtigen Indikatoren der Bindungssicherheit gehören (Fonagy, 2006).

Eltern der unsicher vermeidend gebundenen Kinder haben in der Regel einen aufdringlichen, übertrieben stimulierenden und kontrollierenden Interaktionsstil. Anhand dieses Interaktionsstils lässt sich die Bindungssicherheit des Kindes gut vorhersagen. Im Rahmen einer Metaanalyse (von Wolff und IJzendoorn, 1997), wo es darum ging diese Indikatoren des elterlichen Verhaltens auf die Bindungssicherheit des Kindes empirisch zu überprüfen, erwies sich erst bei einer Beschränkung des Datensatzes (von ursprünglichen über 4000 Mutter-Kind-Dyaden) auf 30 Studien ein etwas höherer Zusammenhang zwischen der mütterlichen Feinfühligkeit (Erhebung durch die bereits erwähnte Sensitivitäts-Skala) und Bindungssicherheit mit einer Effektgröße von 0.22 (Fonagy, 2006).

Nach Papousek (Eller, 2007) ist adaptives auf die Bedürfnisse des Kindes angepasstes Verhalten der Eltern psychobiologisch verankert. Er spricht über intuitive elterliche Kompetenzen - "Parenting", die es den Eltern ermöglichen spontan, ohne bewusste Kontrolle auf die Äußerungen des Säuglings zu reagieren. Nach Lohaus, Vierhaus und Maas (2010) ermöglicht dieses Programm der Bindungsperson spontan mit dem Kind zu interagieren und seine Bedürfnisse prompt, zeitlich und inhaltlich kongruent zu beantworten.

Das intuitive Elternprogrramm beinhaltet folgende Verhaltensweisen: das Einhalten eines optimalen Reaktionszeitfensters14,verbales und präverbales Verhalten der Eltern, das Herstellen und Aufrechterhalten von Blickkontakt15 und die Regulation des Wachheits- und Erregungszustandes16. Parenting steht im engen Zusammenhang mit dem Konzept der Spiegelung, in dem das optimale Bindungsverhalten der Eltern (oder anderer Bezugspersonen) expliziert wird. Das Spiegelungsverhalten hat eine Schlüsselrolle in der Bindungsbeziehung bei Kindern bis zum Alter von 1.5 Jahren (Fonagy et al., 2008).

Demnach besteht die Aufgabe der Mutter vor allem darin, die mentalen Zustände des Kindes zu lesen und durch die optimale (markierte) Spiegelung zu modulieren. Die Spiegelung der Mimik hilft dem Kind später eigene Affekte zu regulieren - dadurch, dass die Affekte des Kindes akzeptierbar und annehmbar gespiegelt werden, wird das Erleben der emotionalen Erfahrung von der Bindungsfigur organisiert. Das Kind bekommt die Informationen über eigene Emotionalität, die gleichzeitig von der Bindungsfigur reguliert wird (z B. Traurigkeit wird herabreguliert).

Durch leichte Übertreibung (Markierung) des Affekts wird der Affekt von der Mutter abgekoppelt (das Kind weißt nun, dass der Affekt zu ihm gehört, gleichzeitig erfährt es Beruhigung, Aufmunterung, u. A.).17 Der gespiegelte Emotionsausdruck sollte also nicht authentisch (oder realistisch) wie möglich sein, es sollte auch nicht von eigenen Gefühlen verfärbt werden, oder sogar den eigenen mentalen Zustand entsprechen, sondern leicht übertrieben die Affektlage des Kindes zum Ausdruck bringen. Bei der Spiegelung sollte der zeitliche Bezug zum Affektausdruck nicht fehlen. Bereits eine kleine zeitliche Verzögerung kann vom Kind als störend empfunden werden oder falsch interpretiert werden, indem das Kind den Zusammenhang zwischen seinem Signal und der Reaktion der Mutter nicht wahrnehmen kann. Der Effekt der Spiegelung verpufft in solchem Fall. Durch die Spiegelung gibt die Mutter dem Kind das Gefühl zu wissen, wie es ihm geht, der Affekt wird von der Mutter organisiert. Durch die gleichzeitige Beruhigung, die das Kind erfährt, gewinnt der ursprüngliche Affekt an symbolischer Bedeutung. Das Kind lernt dadurch, dass man die Natur der Affekte zwar nicht ändern kann, aber dass man sie durchaus regulieren kann (Fonagy & Target, 2002; Grossmann, K. E. & Grossmann, K., 2009; Köhler, 2004).

Wiederholte Präsentationen eigener affektive Zustände durch die Mutter (oder andere Bindungsfigur) erfüllen eine wichtige Lernfunktion. Die Kinder werden für die Hinweisreize innerer mentale Zustände sensibilisiert. Das Gewahrsein von Hinweisreize für emotionale Zustände ist demnach eine Voraussetzung für die Fähigkeit, emotionale Zustände zu identifizieren, modulieren und äußern (Fonagy et al., 2008).

Fonagy (2006), Fonagy, Gergely, Jurist und Target (2008), sowie z. B. Bowlby (2005) gehen davon aus, dass es Störungsfaktoren gibt die mehr oder weniger diese psychobiologisch prädisponierte Fähigkeit des Menschen (Parenting) beeinträchtigen können. Beispielsweise bei Eltern, die besser funktionierende Persönlichkeit haben, ist es wahrscheinlicher, dass ihre Kinder sicher gebunden werden und umgekehrt. Bei Kindern die erhebliche eheliche Unstimmigkeiten miterleben sowie bei Kindern, deren Mütter unter starken Depressionen leiden oder ohne jegliche soziale Unterstützung die Kinder aufziehen, ist das Risiko einer unsicheren Bindung erhöht.

Weiter wird auf das schwierige Temperament18 des Kindes (z. B. exzessiv schreiende Babys) hingewiesen, das das Risiko der unsicheren Bindungsmuster erhöht. Ähnlich ist es bei Müttern, die drogenabhängig sind. Eine Studie zeigte in diesem Zusammenhang eine erheblich schwächere intuitive Elternkompetenz der Mütter. Ihre Stimulation der Kinder war unangemessen, aufdringlich, übertrieben oder nicht an die Reaktionen der Kinder angepasst. Das Verstehen und "Beantworten" der Bedürfnisse der Kinder war stark beeinträchtigt. Zu weiteren Risikofaktoren gehört z. B. Behinderung des Kindes (Hörschädigung, Down-Syndrom, usw.) oder jugendliche Mutterschaft (Brockman & Kirsch, 2010; Eller, 2007; Fonagy, 2006; Hopf, 2005).

Dass die mütterliche Feinfühligkeit bei einem "schwierigem" Baby stärker beeinträchtigt wird als bei einem Baby mit "einfachem" Temperament, wurde auch in vielen anderen Untersuchungen vermutet. Die Wiener Längschnittsstudie „Familienentwicklung im Lebenslauf“ (Rollet & Werneck, 2001) beispielsweise zeigte, dass das Temperament des Babys erst dann zu einem Risikofaktor bezüglich der Beeinträchtigung von Feinfühligkeit der Mutter wird, wenn es mit den Anforderungen der sozialen Umwelt (vor allem der Eltern) inkompatibel wird. Es wird angenommen, dass das "schwierige" Temperament durch die Feinfühligkeit der Eltern ausgeglichen werden kann. Den meisten Eltern gelingt es auch, mit ihren Kindern umzugehen, es bleiben jedoch auch Babys, wo die Adaption auf die Umwelt scheitert, was verschiedene Probleme nach sich zieht. (Krenke-Seiffge, 2004).

2. 1. 5. Auswirkungen der sicheren und unsicheren Bindung

Stansfeld et al. (2008) gehen davon aus, dass frühe Bindung, bzw. die Qualität der frühen Bindung und damit verbundene soziale Unterstützung, die späteren Beziehungen im Jugend-, bzw. Erwachsenenalter beeinflussen. Demnach ist wahrscheinlicher, dass sicher-gebundene Kinder später stabile und dauerhafte Beziehungen und soziale Netzwerke aufbauen können, die u. A. auch protektiven Charakter im Bezug auf ihre psychische und physische Gesundheit haben können. Bei unsicherer Bindung nahmen die Autoren an, dass das Risiko von unstabilen, nicht tragenden Beziehungen und somit auch erhöhte Anzahl von Scheidungen, bzw. Singles erhöht ist.

In der von Stansfeld et al. (2008) aufgeführten Studie (n = 7 276) wurde diese Hypothese bestätigt: Die Anzahl von sicher gebundenen Frauen und Männern, die alleine leben (Singles) war deutlich kleiner als bei verheirateten, geschiedenen und verwitweten. Unsicher-vermeidend gebundene Frauen und Männer waren im Bezug auf das Familienstatus am häufigsten single, getrennt oder geschieden. Weiter konnte festgestellt werden, dass unsicher gebundene Frauen und Männer ein höheres Risiko für die Entstehung von depressiven Symptomen haben als sicher-gebundene Personen.

Generell kann man sagen, dass die Bindungsqualität eher einen indirekten Einfluss auf die psychischen Funktionen hat. Dabei geht es vor allem um die reflexive Fähigkeit, deren optimale Entwicklung einen gewissen Schutz gegen Traumatisierung und Pathologienbildung bietet. Die frühe Bindungsqualität stattet somit den Menschen mit einem mehr oder weniger schützenden Verarbeitungssystem mentaler Repräsentationen aus. Die Schaffung bzw. Gestaltung dieses Systems ist psychologisch eine sehr wichtige Aufgabe, die die Evolution für die Bindungsfigur vorgesehen hat.

Bei der unsicheren Bindung zeigte sich in Normalstichproben kein Zusammenhang zwischen unsicherer Bindung und Problemverhalten. In Populationen mit hohem sozialen Risiko (Benachteiligung) konnte man Zusammenhänge zwischen unsicherer Bindung und Stimmungsschwankungen, schlechten Peer-Beziehungen, depressiven und ängstlichen Symptomen nachweisen. Im Allgemeinen kann jedoch jede Form der Bindungsunsicherheit die Vulnerabilität für psychische Erkrankungen erhöhen. Kommen noch weitere Risikofaktoren dazu, erhöht sich die Vulnerabilität zunehmend. Eine sichere Bindung kann als ein gewisser Schutz gegen psychische Symptome und Erkrankungen gelten. Sicher gebundene Kinder sind weniger ängstlich, weniger feindselig und verfügen über eine größere Resilienz19 (Widerstand) als andere Kinder. Sicher gebundene Kinder erleben eine gewisse Kontinuität, die auf feinfühligem Elternverhalten beruht und ein inneres Arbeitsmodell von Beziehungen, bei dem positive Erwartungen im Hinblick auf die Nähe und Fürsorge in die kognitiven Affektstrukturen verschlüsselt werden. Diese Strukturen beeinflussen in den Phasen der Entwicklung von psychischen Funktionen selektiv die Wahrnehmung, Kognition aber auch die Motivation des Kindes. Innere Arbeitsmodelle der Eltern stehen in einem engen Zusammenhang mit den Arbeitsmodellen der Kinder, somit kann man davon ausgehen, dass sicher gebundene Kinder über ein generalisiertes Gefühl von Kompetenz und Selbstachtung verfügen, das sie während der Interaktion mit den Eltern und dessen optimalen Fürsorge erfahren. Eine unsichere Bindung, die durch mangelndes Verständnis und Fürsorge für das Kind gekennzeichnet ist, kristallisiert dagegen solche Arbeitsmodelle, die durch Wut, Angst, Unsicherheit und Misstrauen gekennzeichnet sind, und die später tatsächlich eine ursächliche Rolle für die Fehlanpassung des Kindes spielen kann (Fonagy, 2006; Fonagy & Target, 2002, Fonagy et al., 2008).

Klaus E. Grossmann und Karin Grossmann (2009) weisen in diesem Zusammenhang auf einige Studien hin, in dem die Auswirkung der Bindungsbeziehung ersichtlich ist. Demnach werden sicher gebundene Kinder von ihren Betreuern in Kindergärten als vergnügt, kooperativ, ideenreich und anpassungsfähig beschrieben. Unsicher-vermeidend gebundene Kinder dagegen zeigen ein erhöhtes Risiko der späteren emotionalen Isolation, Abhängigkeit von anderen im Sinne übermäßiges Strebens nach Aufmerksamkeit, sowie als antisozial, passiv, hilflos, impulsiv oder leicht frustrierbar beschrieben zu werden. Sichere Bindung scheint das Urvertrauen in sich selbst und eigene Fähigkeiten zu stärken. Die Autoren weisen auf weitere Untersuchung hin, in dem festgestellt wurde, dass sicher-gebundene Kinder auf drohendes Versagen mit höherer Anstrengung, Zuversicht und Hoffnung reagieren als unsicher gebundene Kinder, die mit Hilflosigkeit und Niedergeschlagenheit reagieren. Die Bewältigung von Schwierigkeiten und eine optimale Anpassung des Kindes beruhen auf dem stetigen Versuch die Harmonie zwischen Nähe suchen und Explorieren aufrechtzuerhalten, zwischen Sicherheit und Unsicherheit, zwischen gehalten werden und allein sein, mit und ohne Hilfe, bzw. Unterstützung der Mutter.

Die sichere Bindung ist, wie ich an einer anderen Stelle beschrieben habe, u. A. auch durch Offenheit und harmonische Kommunikation gekennzeichnet, die auf der Anerkennung der Intentionalität des Kindes beruhen. In einer anderen, von Grossmann K. E. und Grossmann K. (2009) aufgeführten Studie, wurden Mutter-Kind-Interaktionen beobachtet, in denen das Kind vor Aufgaben stand, die es nicht ohne weiteres alleine bewältigen konnte. Mütter sicher gebundener Kinder haben den Kindern ermöglicht, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren, respektierten die Versuche, Aufgaben selbständig zu lösen und reagierten mit Hilfestellung, wenn sie darum geben waren. Die Kommunikation war reibungslos und harmonisch. Mütter von unsicheren Kindern waren nicht so feinfühlig, sie boten entweder keine Hilfe oder vertrauten nicht auf die Fähigkeiten des Kindes und mischten sich ständig ein. Die sichere Bindung, wo die inneren Arbeitsmodelle auf Vertrauen in eigene Fähigkeit wie auf die Hilfe von anderen basieren, ermöglicht den Kindern einen Zugang zu reichhaltigen Ressourcen, die zuerst durch die einfache Erkundung der nächsten Umwelt entstehen, dann durch die Knüpfung von Kontakten und schließlich durch den Aufbau von sozialen Netzwerken (u. A.).

[...]


1 Bei den Objektbeziehungen handelt es sich um Beziehungen eines Menschen als Subjektes zu seiner Umwelt, bzw. zu anderen Menschen als Objekten. Objektbeziehung stellt eine mentale Repräsentation einer Beziehung zu einer Person dar, die durchaus von der realen Interaktion abweichen kann. Die Bedeutung der Objektbeziehungen resultiert aus der primären Abhängigkeit, bzw. Unfertigkeit eines Menschen (Braun, 2007; Mertens, 2000).

2 Unter Bindungsverhalten wird jede Form des Verhaltens verstanden, das dazu führt, dass eine Person die Nähe irgendeines anderen differenzierten und bevorzugten Individuums, das gewöhnlich als stärker und/oder klüger empfunden wird, aufsucht oder beizubehalten versucht. Wenngleich das Bindungsverhalten während der Kindheit besonders deutlich sichtbar ist,...ist es besonders offenkundig, wenn eine Person unglücklich, krank oder ängstlich ist. (Bowlby, 2001; zitiert nach Grossmann K. E. & Grossmann K., 2009, S. 341).

3 Das Baby entwickelt auf der Grundlage von Antwort-Qualität, d. h. der Art und Weise, bzw. der Intensität, mit der es versorgt wird, verinnerlichte Erwartungen gegenüber dieser verlässlichen Person, die nicht ohne weiteres austauschbar ist. Zu jeder neuen Person kann das Kind über längere Zeit hinweg selbstständige Bindungen aufbauen, die auf der äquivalenten Art und Weise erfolgen. (Grossmann, K. E. & Grossman, K., 2001)

4 D. h., dass es in derselben Familie zwei unterschiedliche Bindungsmuster geben kann. Es gibt Belege dafür, dass es Kinder gibt, die zur Mutter andere Bindungsbeziehung haben als zum Vater (z. B.: sichere Bindung zur Mutter, unsicher gebunden mit dem Vater).

5 Über die Dynamik und Gewichtung der Umweltfaktoren und genetischen Faktoren gibt es in der Wissenschaft bislang keine Einigung. In dieser Arbeit beziehe ich mich auf die Ansicht von Fonagy et al. (2008), dass eine existierende genetische Prädisposition bestimmte Umweltbedingungen, bzw. Erfahrungen braucht, damit sie manifest wird. Eine problematische genetische Veranlagung kann somit durch förderliche Umweltbedingungen unterdrückt werden. Die Manifestation von der Genexpression wird zudem nicht durch "objektiv schlechte" Erfahrungen ausgelöst, sondern durch eine individuell subjektive Erfahrung des Kindes. Es liegt an dem Kind, ob der Genotyp den Ausdruck in Phänotyp findet oder nicht. Das Kind wird zudem in diesem Prozess unterstützt - durch Bindung, die das Individuum mit einem mentalen Verarbeitungssystem ausstattet, mittels dessen man die negative Genexpression verhindern kann (siehe hierzu: Fonagy et al., 2008, S. 74-105).

6 "Fremde Situation" wird so genannt, weil die Kinder einer nicht vertrauten, nicht häuslichen Umgebung sowie einer ungewöhnlichen Situation der Trennung von der Mutter und Anwesenheit einer fremden Person ausgesetzt werden (Hopf, 2005).

7 Für diese Kinder gilt die Mutter nicht als sichere Basis, die für sie da ist und sensibel auf ihre Bedürfnisse und Gefühle reagiert. Sie reagiert auf den Kummer des Kindes beispielsweise vorhersagbar aber abweisend oder unsensibel, dadurch fühlt sich das Kind jedoch nicht besser. Deswegen behält es eigene Gefühle lieber für sich. Die Mutter kann zwar beim Kind ein Verständnis seiner Welt herstellen, das Kind entwickelt jedoch keine Vorstellung von der Bedeutung eigener Gefühle. Solche Kinder können z. B. später den Ausdruck von negativen Gefühlen verlernen, indem sie negative Gefühle mit falschen positiven Gefühlen überdecken, oder diese verbergen, nicht wahrnehmen, bzw. die Situationen ausschließlich kognitiv zu bewerten (Strauß & Schwark, 2007).

8 Kinder werden als desorganisiert/desorientiert eingestuft wenn sie folgende Verhaltensmerkmale aufweisen: Aufeinanderfolgendes Auftreten widersprüchlicher Verhaltensmuster (Bsp.: Das Kind läuft weinend in die Arme von der Mutter, beim Versuch das Kind aufzuheben und zu umarmen, vermeidet das Kind plötzlich den Kontakt), gleichzeitiges Auftreten widersprüchlicher Verhaltensmuster (Bsp.: Das Kind sitzt auf dem Schoß der Mutter, gleichzeitig schaut es weg, es scheint kein Bindungsverhalten erkennbar zu sein), Ungerichtete, falschgerichtete, unvollständige und unterbrochene Bewegungen und Ausdrücke (Bsp.: Lautes Weinen oder schreien, wenn die fremde Person weggeht), Stereotypen, asymmetrische Bewegungen, abnorme Körperhaltungen (Bsp: Kopf anschlagen, schaukeln, Ohren und Haare ziehen, Hände hochheben, sobald sich die Mutter nähert), Einfrieren, Erstarren und verlangsamte Bewegungen und Gesichtsausdrücke, direkte Hinweise auf ängstliche Besorgnis gegenüber den Eltern, direkte Hinweise auf Desorganisation und Desorientierung (Bsp.: Exzessives Lachen geht in Kreischen, dann Weinen über, begleitet mit konfusen Vorwärtsbewegungen, zum Schluss ohne jeglichen Gesichtsausdruck) (Main, 2001).

9 Fonagy (2006) stellt beispielsweise Forschungsergebnisse vor, aus denen hervorgeht, dass in sowohl Querschnitt- als auch Längsschnittstudien ein Zusammenhang zwischen einem desorganisiert kontrollierenden Bindungsverhalten und Aggressionen festgestellt werden konnte. Desorganisierte Bindung ist auch ein Risikofaktor für fehlangepasstes Verhalten.

10 Punkt 1 - hochgradig unfeinfühlig: Das Verhalten der Mutter in der Interaktion mit dem Baby war durch eigene innere Impulse motiviert, die den Wünschen des Babys überwiegend nicht entsprachen. Diese Mütter brauchten starke oder lang anhaltende Signale des Babys, um diese überhaupt zu erkennen, beantworten und von eigenen Impulsen differenzieren zu können. So kam es zwar zur Erfüllung der Wünsche und Bedürfnisse des Babys, die Verzögerung wurde jedoch als störend und unsensibel empfunden. Die Reaktion der Mutter auf die Signale des Babys war unangemessen, fragmentiert oder unvollständig.

11 Punkt 9 - hochgradig feinfühlig: Das Verhalten der Mutter war in der Interaktion mit dem Baby auf dessen Wünsche und Bedürfnisse abgestimmt. Die Mutter reagierte feinfühlig auf die Signale des Kindes und konnte diese von den eigenen Impulsen und Wünschen unterscheiden. Die Wünsche des Babys wurden durch minimale Zeichen erkannt und erfüllt. Anm.: Je nach Situation müssen alle erkannten Forderungen nicht erfüllt werden (z. B. wenn das Baby durch exzessives Schreien etwas erreichen möchte), sondern Alternativen taktvoll von der Mutter angeboten werden. (Grossmann, K. E. & Grossmann K., 2009; Hopf, 2005)

12 Beispielsweise in West Afrika: Kinder werden sehr eng und lange an ihre Mutter gebunden, bzw. getragen und kommen nur mit vertrauten Familienmitglieder in den Kontakt. Kurze Trennungen sind die Kinder nicht gewöhnt, deswegen reagierten sie in der Untersuchungssituation mit besonders großem Kummer, das wiederum die Ergebnisse, bzw. Reaktionen der Kinder auf die kurze nicht-Verfügbarkeit der Mutter (in der FST) verzerrt (Hopf, 2005).

13 S. Abschnitt: Mütterliche Sensitivität (s. 20).

14 Damit die Kinder die Antwort der Bindungsperson als Konsequenz ihres eigenen Verhaltens wahrnehmen, ist eine prompte Antwort der Bindungsperson erforderlich (Lohaus et al., 2010).

15 Die Eltern sollten mit dem Kind so kommunizieren, wie es den kindlichen sprachlichen und auditiven Kompetenzen entspricht. Die Reaktionen auf die Äußerungen des Kindes mit hoher Stimme in übertriebenen Intonation und vielen Wiederholungen ist wichtig für die sprachliche Entwicklung des Kindes (Lautbildung) und es dient zur Informationsaufnahme (Lohaus et al., 2010).

16 Durch die Berührungen des Kindes versuchen die Eltern das Aktivierungs- bzw. Erregungsniveau festzustellen und regulieren sie bei Bedarf. Ist z. B. das Kind überdreht und zappelig beim ins Bett gehen, versuchen die Eltern es zu beruhigen, in dem sie ihm ein Lied vorsingen oder beim älteren Kindern eine Geschichte vorlesen (Lohaus et al., 2010).

17 Beispiel einer optimalen Spiegelung: Die Mutter reagiert auf die Angst des Kindes mit einer leichten Übertreibung des Affekts und gleichzeitig gibt sie dem Kind eine brauchbare, d. h. beruhigende Version dessen was es fühlt zurück. Die Furcht wird dem Kind leicht übertrieben zurückgespiegelt, kombiniert mit ein wenig Ironie, womit die Mutter dem Kind signalisiert, dass es doch keinen Grund gibt sich zu fürchten. Durch die Markierung in der Spiegelung empfindet das Kind den Affekt als zu sich gehörend und beruhigt sich. Zudem gewinnt die Angst eine symbolische Funktion: Es kann reguliert werden (Fonagy & Target, 2001).

18 Unter schwierigem Temperament des Kindes ist eine traurige, weinende, negative Stimmungslage, Unregelmäßigkeiten im Bezug auf biologische Funktionen (Schlafen, Essen, usw.), Rückzug als Reaktion auf neue Situationen, langsame Anpassung auf neue Situationen, ausgeprägte Intensität der Reaktionen und Häufigkeit von späteren Verhaltensproblemen zu verstehen (Krenke-Seiffge, 2004).

19 Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit, Entwicklungsrisiken zu mindern oder zu kompensieren, negative äußere Einflüsse zu überwinden und sich gesundheitsförderliche Kompetenzen anzueignen (Laucht, S. 64, 2003). Klaus E. Grossmann (2003) schreibt in seinem Beitrag über eine längsschnittliche Studie von Emmy Werner, durchgeführt auf dem Hawaii Insel Kauai, in der sich ergab, dass 1/3 der Kinder, die vielen Risikofaktoren ausgesetzt wurden (Streit in der Familie, Pathologien, Alkoholismus, usw.) sich später rasch von deren Auswirkungen erholten und sich zu „kompetenten, selbstsicheren und fürsorglichen Erwachsenen wurden, und keines hatte ernsthafte Lern- oder Verhaltensprobleme entwickelt. Sie hatten erfolgreich die Schule durchlaufen, kamen gut mit ihrem sozialen und häuslichen Leben zurecht, sie verfolgten realistische Erziehungs- und Berufsziele, auch ihren eigenen Ansprüchen gegenüber, und sie waren motiviert, sich selbst zu verbessern. Sie sind der beste Beweis gegen das Vorurteil, dass hohe Risiken später zwangsläufig zu Fehlanpassungen führen müssten. Mit 40 Jahren, währen einer Rezession mit vielen Arbeitslosen auf Kauai, war keiner von ihnen ohne Arbeit, keiner war straffällig geworden, und keiner war Sozialhilfeempfänger. Scheidungsrate, Sterblichkeit und schwere Gesundheitsprobleme waren bei ihnen signifikant niedriger als bei den übrigen gleichgeschlechtlichen Kohortenmitgliedern. Etwa die Hälfte hatte bessere Arbeit außerhalb von Kauai gefunden. Als Erwachsene waren ihre beruflichen und schulischen Erfolge so gut wie oder sogar besser als die der Mehrheit der Kinder, die ohne große Risiken in sicheren und stabilen Familien aufgewachsen waren (S. 20f.).

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Beziehungssicherheit in Leistungssituationen. Der Zusammenhang zwischen Bindung und Leistungsfähigkeit bei Kindern
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
110
Katalognummer
V1041512
ISBN (eBook)
9783346465351
ISBN (Buch)
9783346465368
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beziehungssicherheit, leistungssituationen, zusammenhang, bindung, leistungsfähigkeit, kindern
Arbeit zitieren
Dana Amelie Vokata (Autor:in), 2012, Beziehungssicherheit in Leistungssituationen. Der Zusammenhang zwischen Bindung und Leistungsfähigkeit bei Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1041512

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