Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den neuen Präpositionen des Deutschen, die vor allem mit Schwerpunkt auf ihre Grammatikalisierung untersucht werden sollen. Das Augenmerk soll hierbei auf den komplexen Präpositionen liegen, die aus Präposition-Substantiv-Verbindungen, also Präpositionalphrasen bestehen. Im Allgemeinen gehören Präpositionen zu den Wortarten des Deutschen, die am häufigsten vorkommen und sich in fast jedem Satz wiederfinden. In der Schulgrammatik werden sie in der Regel als Wörter beschrieben, die bestimmte Verhältnisse aufzeigen und Relationen herstellen.
Präpositionen haben Rektionsfähigkeit, das heißt sie fordern einen bestimmten Kasus für die ihnen zugehörigen, deklinierbaren Wörter. Diese Rektionsfähigkeit ist in den letzten Jahren wieder verstärkt in das Zentrum der gesellschaftlichen Debatte über Sprache gerückt. Grund dafür ist unter anderem die populärwissenschaftliche Veröffentlichung "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" von Bastian Sick aus dem Jahr 2004, die das Bewusstsein für Kasusschwankungen des Deutschen geschärft hat. Sick ist der Auffassung, dass es durch diese Kasuswechsel von Genitiv zum Dativ zu einem Verfall der deutschen Sprache kommt. Es gibt allerdings andere Theorien, die belegen, dass Kasusänderungen ein fester Bestandteil deutscher Sprache und ein Prozess der Grammatikalisierung sind. Deutlich wird dies unter anderem daran, dass die primären Präpositionen, zu ihnen zählen zum Beispiel von, auf, an, vor usw., die bereits einen hohen Grad der Grammatikalisierung erreicht haben, nicht den Genitiv, sondern den Akkusativ oder den Dativ regieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grammatikalisierung
2.1. Lehmanns Modell
3. Präpositionen: Schwierigkeiten der Kategorisierung?
3.1. Präpositionen: Definition ex negativum
3.2. Idealpräpositionale vs. maximale Differenziertheit
3.3. Neue Präpositionen
4. Begründung der ausgewählten Korpora
4.1. Methodik
4.2 Im Verlauf im Korpus des DWDS
4.2.1 Im Verlauf in der DGD
4.3. Laufe im DWDS
4.3.1 Im Laufe in der DGD
4.4. Im Vorfeld im DWDS
4.4.1. Im Vorfeld in der DGD
5. Zusammenfassung der Ergebnisse
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Grammatikalisierungsprozess neuer komplexer Präpositionen im Deutschen auf synchroner Ebene. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich diese Ausdrücke durch ihre Verwendung in schriftlichen und mündlichen Korpora in die Wortklasse der Präpositionen integrieren, welche Rolle Kasusschwankungen dabei spielen und ob sie sich an ein theoretisches Idealpräpositionale annähern.
- Grammatikalisierungstheorie und Definition von Präpositionen
- Analyse komplexer Präpositionalgefüge (im Verlauf, im Laufe, im Vorfeld)
- Untersuchung von Sprachwandelprozessen mittels Korpuslinguistik (DWDS & DGD)
- Funktionale Differenzierung zwischen Genitiv und Dativ
- Einfluss der Pragmatik auf den Sprachwandel
Auszug aus dem Buch
3.1. Präpositionen: Definition ex negativum
Um eine Definition von Präpositionen darzulegen, ist es sinnvoll, diese in einem ersten Schritt von anderen Wortarten abzugrenzen, um dann typische Merkmale und Eigenschaften aufzuzeigen.
Innerhalb der Sprachwissenschaft werden die einzelnen Wortarten in einem ersten Schritt in Inhaltswörter und Funktionswörter unterteilt. Inhaltswörter haben eine eigenständige lexikalische Bedeutung. Zu ihnen zählen Substantive, Verben, Adverbien und Adjektive. Sie treten in freier Form auf und bilden eine offene Klasse, sind also beliebig erweiterbar. Versucht man beispielsweise alle Lexeme der Wortklasse Nomen aufzuzählen, wird deutlich, dass dies eine unlösbare Aufgabe darstellt, da die Klasse beliebig durch Wortneuschöpfungen ergänzt werden kann. Die Funktionswörter hingegen sind dadurch definiert, dass sie (vorwiegend) eine rein grammatische Funktion besitzen und ohne Kontext nicht bedeutungstragend sind. Sie sind tendenziell gebunden und bilden eine meist geschlossene Klasse. Funktionswörter haben aufgrund ihrer Abstraktheit und der grammatischen Bedeutung, eine relationale Funktion und stellen logische Verbindungen zu beziehungsweise zwischen Inhaltswörtern dar. Man unterscheidet hierbei nochmals zwischen flektierbaren Funktionswörtern, die eine einzige Sprachstruktur betreffen, und unflektierbaren Funktionswörtern, die eine Relation zwischen zwei Sprachstrukturen herstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der neuen Präpositionen ein, stellt die Relevanz der Grammatikalisierungsforschung dar und erläutert die methodische Vorgehensweise anhand von schriftlichen und mündlichen Korpora.
2. Grammatikalisierung: In diesem Kapitel werden theoretische Grundlagen und Modelle der Grammatikalisierung erörtert, insbesondere das Modell von Lehmann zur Bestimmung des Grammatikalisierungsgrades.
3. Präpositionen: Schwierigkeiten der Kategorisierung?: Das Kapitel diskutiert die definitorischen Herausforderungen bei der Abgrenzung von Präpositionen und führt das Konzept des Idealpräpositionale als analytischen Bezugspunkt ein.
4. Begründung der ausgewählten Korpora: Hier werden die verwendeten Korpora (DWDS für schriftliche und DGD für mündliche Sprache) methodisch begründet und die Vorgehensweise der empirischen Analyse dargelegt.
5. Zusammenfassung der Ergebnisse: Dieses Kapitel wertet die empirischen Analysen der einzelnen Präpositionen aus und vergleicht deren Grammatikalisierungsgrad sowie Kasusnutzung.
6. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen, bestätigt die Tendenz zur Grammatikalisierung neuer Präpositionen und ordnet die Ergebnisse in den Kontext des Sprachwandels ein.
Schlüsselwörter
Grammatikalisierung, neue Präpositionen, Sprachwandel, Korpuslinguistik, Idealpräpositionale, Genitiv, Dativ, Kasusschwankung, Desemantisierung, komplexe Präpositionalphrase, Pragmatik, Diskurs, DWDS, DGD.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Grammatikalisierung neuer, komplexer Präpositionalgefüge im Deutschen, die aus einer Präposition und einem Substantiv bestehen (wie etwa "im Verlauf").
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die theoretische Definition von Präpositionen, die Mechanismen der Grammatikalisierung sowie der empirische Nachweis von Sprachwandelprozessen in der aktuellen deutschen Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu untersuchen, ob sich komplexe Präpositionalgefüge einem Idealpräpositionale annähern und inwieweit sie durch Kasusschwankungen oder Rektionswechsel einen fortschreitenden Grammatikalisierungsgrad aufweisen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine korpusbasierte Methode, bei der Daten aus dem "Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache" (DWDS) für schriftliche und der "Datenbank für gesprochenes Deutsch" (DGD) für mündliche Sprache quantitativ und qualitativ ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Grammatikalisierung und der Kategorisierung von Präpositionen sowie einen empirischen Teil, in dem die drei Ausdrücke "im Verlauf", "im Laufe" und "im Vorfeld" detailliert analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Grammatikalisierung, Sprachwandel, Idealpräpositionale, Korpuslinguistik und Kasusrektion charakterisieren.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen schriftlichen und mündlichen Korpora eine Rolle?
Die Gegenüberstellung ist wichtig, um zu prüfen, ob der Grammatikalisierungsprozess im mündlichen Bereich – als Ort des "entstehenden" Sprachwandels – weiter fortgeschritten ist als im schriftsprachlich normierten Bereich.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich Sicks These zum "Genitiv-Tod"?
Die Autorin widerspricht der These, dass der Genitiv ausstirbt. Sie stellt fest, dass neue Präpositionen initial meist den Genitiv fordern und dieser auch als Zeichen für ein höheres sprachliches Register (Bildungsschicht/Expertenstatus) dient.
Welche Rolle spielt die Metapherntheorie in der Arbeit?
Die Theorie wird genutzt, um den Übergang von räumlichen Ausdrücken (Source Domain) zu neuen, temporalen Bedeutungen (Target Domain) innerhalb der untersuchten Präpositionen zu erklären.
- Arbeit zitieren
- Félice Marx (Autor:in), 2021, Grammatikalisierung im Deutschen am Beispiel neuer Präpositionen. Eine Korpusanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1041556