Lebensweise und Kultur des russischen Adels in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
9 Seiten

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Inhalt

1. Einleitung

2. Russland in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts
2.1. Aufgeklärter Absolutismus
2.2. Der Adel unter Katharina II.

3. Ausgewählte Erscheinungen des russischen Adelslebens
3.1. Der Ball
3.2. Die Rolle der Frauen
3.3. Das Duell
3.4. Die Kunst im Leben des russischen Adels

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit untersucht die Lebensweise und Kultur des russischen Adels in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, in dessen Zentrum die Herrschaft Katharinas II. steht. Diese Zeit war geprägt von den Ideen der Aufklärung und Katharina stand selbst im Briefwechsel mit bedeutenden Vertretern dieser Strömung. In der Kürze dieser Arbeit können natürlich nicht alle Erscheinungen, die für den russischen Adel von Bedeutung waren, dargelegt werden.

Deshalb beschränke ich mich auf einige wenige, von denen ich denke, dass sie eine große Rolle spielten. Der erste Teil der Arbeit soll einen Überblick über die damalige Zeit geben; im zweiten Teil gehe ich auf einige bedeutende Ereignisse im Leben des Adels jener Zeit ein und in der Zusammenfassung werde ich versuchen, die Begriffe Repräsentation und Innerlichkeit, die ja das Thema des Seminars darstellen, mit den behandelten Themen des zweiten Teils in Verbindung zu bringen.

2. Russland in der 2. Hälfte de s 18. Jahrhunderts

2.1. Der aufgeklärte Absolutismus

Der Übergang zum aufgeklärten Absolutismus lässt sich in Russland auf den Beginn der fünfziger Jahre des 18. Jahrhunderts datieren und die Epoche Katharinas II. (1762-1796) gilt als repräsentativ für diese Politik. Was sich vor allem änderte, war der philosophische Hintergrund, die theoretische Formulierung und der allgemeine Stil. Im Augenblick der Machtergreifung und in den unmittelbar darauf folgenden Jahren musste es Katharina in erster Linie um die Sicherung und Legalisierung ihrer Stellung gehen. Durch einen Staatsstreich mit Hilfe der Garde und getragen von der nationalen Empörung über ein als fremd empfundenes, unrussisches Regime war sie an die Macht gekommen.

Ihr Staatsstreich hatte dem regierenden Enkel Peters des Großen das Leben gekostet; sie selbst besaßkeinen Tropfen russischen Blutes in ihren Adern.

Katharina musste regieren und regierte vom ersten Tage an nach bestimmten politischen Prinzipien und Zielen. Dabei musste sie rasch die Erfahrung machen, dass die vorhandenen Instrumente des Regierens wenig tauglich waren. In den siebzehn Jahren vor ihrer Machtergreifung las sie fast alle wesentlichen Werke der Aufklärungsliteratur wie Montesquieu, Diderot, Locke, Beccaria, aber auch Plato und Tacitus. Aus dieser Lektüre schöpfte sie vielfältige Anregungen für ihre spätere Regierungstätigkeit und ihr Absolutismus war aufgeklärt genug, um zu erkennen, dass Russlands Probleme allein durch Reformen der Verwaltungsorganisation nicht zu lösen waren, solange nicht die menschlichen Träger der Verwaltung selbst reformiert werden konnten, und solange keine übersichtliche und allgemein zugängliche Rechtsgrundlage bestand. Das vernunftgläubige Zeitalter Katharinas hat von der Schulbildung alles erhofft, und die Kaiserin erwarb sich auf diesem Gebiet große Verdienste. Ihr kühner Ansatz zu einer neuen Rechtskodifizierung dagegen ist kläglich gescheitert.

In den ersten Jahren ihrer Regierung suchte Katharina offensichtlich nach Wegen für eine Entschärfung der sozialen und politischen Probleme. Einerseits wirkte sie mit Initiativen im Sinne der Aufklärung auf die Entwicklung des geistig-kulturellen und politischen Lebens anregend, andererseits waren ihre Regierungsmaßnahmen im sozialen Bereich auf die Festigung der bestehenden feudalen Verhältnisse ausgerichtet. In der Bauernfrage setzte Katharina die Politik ihrer Vorgänger fort. Die Wahrung der Adelsrechte stand für sie von Anfang an im Vordergrund. Sie hatte den Adel zu honorieren, und da die ersehnte Dienstbefreiung schon Peter III, vorgenommen hatte, blieb ihr nur die Zusammenfassung und Systematisierung der Adelsprivilegien in der 'Gnadenurkunde' von 1785.

Diese brachte dem einzelnen Adligen im Prinzip nichts Neues, gewährte dem Adelsstand aber praktisch vollkommene Freiheit der Selbstverwaltung und schuf damit die Voraussetzung für die Bildung geschlossener Adelsgesellschaften.

2.2. Der Adel unter Katharina II.

Mit der Aufhebung der Dienstpflicht des Adels 1762 durch Peter III. konnte der Adel nun seine Privilegierung ohne jede Gegenleistung genießen. In Friedenszeiten wurde den Adligen sogar gestattet, ungehindert in fremde Länder zu reisen und in den Dienst anderer europäischer, mit Russland verbündeter Mächte zu treten. Die ergänzende Urkunde Katharinas garantierte den Adligen die Unantastbarkeit der Ehre, des Lebens und des Besitzes. In den Theorien der Aufklärer des 18. Jahrhunderts stellten diese Begriffe die Formel von den unabdingbaren Menschenrechten dar. So wurden die Rechte des herrschenden Standes mit denselben Worten formuliert, mit denen die Philosophen der Aufklärung das Ideal der Rechte des Menschen postulierten.

Nachdem die Machtposition des Adels nun gestärkt war, waren die Adligen bestrebt, sich aus der Abhängigkeit von der Regierung und auch von der Ranghierarchie zu lösen.

Seit der Herrschaft Peters des Großen wurde der persönliche Adel nicht nur vererbt, sondern er konnte auch erdient werden. Der Adel blieb ein Dienststand. Doch der Begriff des Dienstes wurde zu einem widersprüchlichen Begriff. Er beinhaltete sowohl staatlich fixierte als auch familiär-korporative Tendenzen, die einander unversöhnlich gegenüberstanden. Die letzteren verkomplizierten die Struktur im realen Leben des Adelsstandes und untergruben die Unbeweglichkeit des bürokratischen Gefüges.

Die korporativen Tendenzen waren besonders in der Garde spürbar. Von Beginn ihres Entstehens unter Peter I. an, spielte die Garde im politischen Leben eine aktive Rolle. Sie war der privilegierte Kern der Armee, der Russland Theoretiker, Denker, aber auch Trunkenbolde bescherte. Aber gerade diese Gardisten wurden in der russischen Geschichte zu berühmten Gestalten, wurden Grafen und Fürsten und erhielten riesige Ländereien. Die reich und einflussreich gewordenen ehemaligen Gardisten bewahr ten sich das Selbstbewusstsein der Garde und vereinigten es mit dem Selbstbewusstsein von Gutsbesitzern. Nicht selten setzten sie sich, unter Berufung auf ihre korporativen, familiären und anderen Beziehungen, unbekümmert über die bürokratische Gesetzgebung hinweg.

Die adlige Lebensweise dieser Zeit war ein Gefüge alternativer Möglichkeiten: Amtstätigkeit oder Pensionierung, Leben in der Hauptstadt oder Leben auf dem Landgut, Petersburg oder Moskau, Militärdienst oder Zivildienst, Garde oder Armee, etc.

3. Ausgewählte Erscheinungen des russischen Adelslebens

3.1. Der Ball

Die Zeit im Leben des russischen Adligen spaltet sich in zwei Bereiche auf, die private und die dienstliche. Die häusliche Atmosphäre wurde von der Sorge um die Familie und den Hausstand bestimmt, in ihr war der Adlige Privatperson. Die andere Hälfte wurde vom militärischen oder zivilen Dienst in Anspruch genommen, in dem der Adlige als Untertan auftrat und dem Herrscher und dem Staat als Vertreter des Adelsstandes diente. Die Gegensätzlichkeit dieser beiden Sphären wurde in einem Ball oder einem festlichen Abend aufgehoben. Das Leben des Adligen entfaltete sich: Er war weder Privatperson noch Beamter einer staatlichen Dienststelle, sondern er war Adliger in einer Adelszusammenkunft, ein Mensch seines Standes und somit ein Gleicher unter Gleichen.

Auf der einen Seite stellte der Ball eine Sphäre des zwanglosen Umgangs und standesgemäßer Entspannung dar, in der die Grenzen der dienstlichen Hierarchie fließend wurden. Durch die Anwesenheit vo n Damen, die Tänze, die Regeln der Umgangsformen wurden außerdienstliche Wertkriterien geschaffen. Jemand, der gut tanzen konnte und es verstand, die Damen zu unterhalten, konnte sich über einen anderen erhaben fühlen, auch wenn dieser ihm im Dienstgrad überlegen war. Auf der anderen Seite war der Ball ein Ereignis öffentlicher Repräsentation, einer bestimmten sozialen Organisationsform. So erhielt das Gesellschaftsleben den Status einer öffentlichen Angelegenheit.

Die innere Organisation des Balles wurde zu einer Aufgabe von außerordentlicher kultureller Wichtigkeit, denn sie legte die allgemeinen Umgangsformen der Kavaliere und der Damen fest und bestimmte den Typus des sozialen Verhaltens innerhalb der Adelskultur. Die Abfolge der einzelnen Teile des Balles war streng geregelt und so wurde der Ball selbst zu einer Art Theatervorstellung. Jedes Element entsprach einem festgelegten Emotionstyp, einer festgelegten Bedeutung, einem Verhaltensstil. Dadurch wurde aber auch die Möglichkeit zu Abweichungen, zu Ungezwungenheiten gegeben, die den Ball zu einer Konfrontation von Ordnung und Freiheiten werden ließ.

Grundelemente des Balles waren die Tänze, die als organisierender Kern des Abends dienten und die Art und Weise und den Stil der Gespräche bestimmten. Die Lebendigkeit, Zwanglosigkeit und Unbefangenheit der Gespräche zwischen einem Mann und einer Frau, die in einer unter anderen Bedingungen undenkbaren Nähe stattfanden, gehörten zu den Reizen des Balles. Die jungen Adligen lernten das Tanzen schon im Kindesalter und es gab sogar Kinderbälle. Durch das lange Training, das ihm Sicherheit in seinen Bewegungen gab, fühlte sich der Adlige in der verbindlichen Welt des gesellschaftskonformen Verhaltens sicher und frei wie ein erfahrener Schauspieler auf der Bühne.

Eleganz und Exaktheit der Bewegungen galten auch als Merkmal einer guten Erziehung. Seelische und physische Vornehmheit sind eine Einheit und schließen die Möglichkeit nicht exakter und unschöner Bewegungen aus.

Die Abfolge der Tänze während eines Balles stellte eine dynamische Komposition dar. Jeder Tanz hatte seine eigenen Intonationen und Tempi und gab nicht nur einen bestimmten Stil der Bewegungen, sondern auch der Gespräche an. Die Abfolge der Tänze bestimmte auch den Verlauf der Stimmungen, jeder Tanz ergab die zu ihm passenden Gespräche. Das Gespräch oder die Unterhaltung machten einen nicht geringeren Teil des Tanzens aus, als die Bewegungen und die Musik. Unvermittelte Scherze, zärtliche Geständnisse, entscheidende Erklärungen verteilten sich entsprechend der Zusammenstellung auf die aufeinanderfolgenden Tänze. Die Mazurka war der Mittelpunkt des Balles und gleichzeitig auch sein Kulminationspunkt. Sie wurde mit einer Vielzahl von seltsamen Figuren getanzt, deren Höhepunkt ein männliches Solo war. Der Tänzer hatte somit seinen Einfallsreichtum und seine Improvisationsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Die Tatsache, dass dem Ball eine Komposition und eine strenge innere Organisation zugrunde lagen, schränkte seine innere Freiheit ein. Das machte ein weiteres Element notwendig, mit dessen Hilfe ein "geplantes Chaos" stattfinden konnte. Diese Rolle übernahm die Maskierung. Als Form eines Adelsfestes war der Maskenball eine in sich abgeschlossene Vergnügung und hatte etwas vom Hinwegsetzen über und Aufbegehren gegen Normen. Katharina veranstaltete zum Beispiel einen Maskenball, auf dem die Damen in männliche und die Männer in weibliche Kostüme schlüpften. Die Maske trägt etwas Unvermitteltes und eine gewisse Unberechenbarkeit in die Gesellschaft.

3.2. Die Rolle der Frauen

Die Frau dieser Zeit war nicht nur einbezogen in den Strom des sich entwickelnden Lebens, sondern begann auch eine immer größere Rolle in ihm zu spielen und veränderte sich auch beträchtlich. Die Welt der Frauen unterschied sich natürlich erheblich von der der Männer, vor allem dadurch, dass sie von der Sphäre des staatlichen Dienstes ausgeschlossen waren. Frauen dienten nicht und besaßen keinen Rang. In der Rangtabelle waren speziell die Rechte der Frauen festgelegt, die sich auf die Ränge ihrer Väter oder, nach der Eheschließung, auf die ihrer Ehegatten bezogen. Der Rang einer Frau wurde somit durch den Dienstgrad ihres Ehemannes oder Vaters bestimmt.

Der Eintritt der Frauen in die bis dahin für männlich geltende Welt begann mit der Literatur. Schon unter Peter dem Großen verlangte man von einer Frau, dass sie lesen und schreiben konnte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war schon nicht mehr nur vom Lesen- und Schreibenkönnen die Rede, sondern von der Fähigkeit, in Briefen seine Gefühle auszudrücken. Der beträchtlich zunehmende private Briefwechsel wurde zu einem unabdingbaren Bestandteil der adligen Lebensweise. Das Leben der Frau ohne Briefe wurde undenkbar. Der Brief wurde zu einem eigenen Genre mit einer Vielzahl von Variationen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts tauchte ein völlig neuer Begriff auf - die Frauenbibliothek. Zwar existierten die Welt der Gefühle, die Sphäre von Haushalt und Kindern weiter, doch die Welt der Frau wurde zunehmend ge istiger, die Frau wurde Leserin. Mit Nowikow, der sein Leben der Propagierung der Aufklärung in Russland gewidmet hatte, entstand auch eine neue Phase der Kulturgeschichte der russischen Frauen. Er bemühte sich als erster darum, die Frau, die Mutter und Hausfrau, zur Leserin werden zu lassen.

Er entwickelte für sie ein durchdachtes System nützlicher und leicht fasslicher Bücher. Er gab die Zeitschrift "Kinderlektüre für Herz und Vernunft" heraus, die von Kindern und ihren Müttern gelesen wurde.

Nicht nur die Gewohnheit zu lesen, veränderte das Wesen der Frau, ihre ganze Lebensweise begann sich zu verändern. Auch ihre äußere Gestalt wollten sie verändern und sich dem Typus der weltzugewandten westeuropäischen Frauen annähern. Die Kleidung, die Frisuren änderten sich, es wurden Perücken getragen oder man klebte sich Schönheitspflästerchen aus Taft oder Samt ins Gesicht, wobei die Stelle für das Pflästerchen nicht zufällig ausgewählt wurde. Im Augenwinkel bedeutete es: "Ich bin an Ihnen interessiert" und auf der Oberlippe: "Ich möchte geküsst werden". So wurde eine eigene Sprache der Koketterie geschaffen. In der Mode herrschte Künstlichkeit vor und die Frauen verwandten große Mühe auf die Veränderung ihres Äußeren.

Wie die Kleidung, so erfuhr auch die Familie eine oberflächliche Europäisierung. Es wurde zur modischen Notwendigkeit für eine Frau, einen Liebhaber zu haben; ohne den wäre sie gleichsam hinter ihrer Zeit zurückgeblieben.

Eine weitere wichtige Rolle im Leben der Frauen dieser Zeit spielte die Bildung. Katharina wollte durch umfangreiche Erziehungsprojekte ein weitgehendes Bildungsprogramm verwirklichen. Im Ergebnis dieser Vorhaben entstand das Smolny-Institut, das erste Internat für die Töchter des Adels. Es war als eine Lehranstalt mit einem umfassenden Programm gedacht. Die Schülerinnen dieses Instituts waren die Smoljanki und sie sollten zumindest zwei Sprachen lernen, darüber hinaus auch Physik, Mathematik, Astronomie, Tanz und Architektur. Der größte Teil der Smoljanki bestand aus Mädchen adliger Herkunft. Dem Institut war aber auch ein Gymnasium für minderjährige Mädchen nichtadliger Herkunft angegliedert.

Diese sollten auf ihre künftige Rolle als Lehrerinnen und Erzieherinnen vorbereitet werden. Am Smolny-Institut zu lernen galt als ehrenvoll und unter den Schülerinnen befanden sich Mädchen aus sehr reichen und vornehmen Familien. Andererseits kamen nicht alle Smoljanki aus reichen Familien, viele waren aus solchen, die über gute Beziehungen verfügten.

Die Mädchen kamen im Alter von sechs bis sieben Jahren ans Institut. Die Ausbildung dort dauerte neun Jahre und in dieser Zeit sahen die Schülerinnen ihr Zuhause nie oder fast nie. Elternbesuche unterlagen strengen Beschränkungen und viele der weniger begüterten Mädchen kamen aus der Provinz, so dass sie ihre Familien während der gesamten Zeit ihrer Ausbildung nicht sehen konnten. Die Isolierung der Elevinnen war Teil eines durchdachten Systems, ganz bewusst wurden sie von ihrem Elternhaus ferngehalten, da sie aus dessen "verderblichem" Milieu herausgelöst werden und gemäßdem aufklärerischen Modell zu idealen Menschen erzogen werden sollten. Diese philosophischen Träume gerieten bald in Vergessenheit und man machte aus den Schülerinnen Spielpuppen für den Hof. Katharina liebte die Mädchen und sie wurden zu unerlässlichen Teilnehmerinnen an den Hofbällen. Aus einigen der Smoljanki wurden, nachdem sie das Institut absolviert hatten, Hoffräuleins gemacht, anderen wurde zum Brautstand in der guten Gesellschaft verholfen, doch die unbemittelten Mädchen wurden nicht selten mit Ämtern bedacht oder wurden Lehrerinnen oder Erzieherinnen. Wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatten, interessierte sich kaum noch jemand für sie.

Die Ausbildung am Smolny-Institut war trotz der großzügigen Ideen oberflächlich, lediglich die Sprachen bildeten eine Ausnahme, wo die Anforderungen sehr ernsthaft erfüllt wurden. Von den übrigen Fächern wurde nur dem Tanzen und den Handarbeiten größere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Behandlung der restlichen Fächer blieb seicht und wurde vernachlässigt. Die Physik beschränkte sich auf lustige Experimente, und die Mathematik auf die elementarsten Kenntnisse.

Die Beziehung der Schülerinnen zu den Unterrichtsfächern hing oft auch von der Situation ihrer Familien ab. So lernten die weniger begüterten Mädchen in der Regel sehr fleißig, weil die Besten beim Abschlussexamen darauf hoffen durften, Hoffräuleins zu werden. Die Elevinnen aus den vornehmen Familien wollten nach Abschluss des Instituts lediglich heiraten, und so lernten sie auch ohne jeden Eifer.

3.3. Das Duell

Das Duell ist ein nach bestimmten Regeln ausgetragener Zweikampf, der die Wiederherstellung der Ehre des Beleidigten und die Auslöschung des diesem durch die Beleidigung zugefügten Makels zum Ziel hat. Es lässt sich nur von dem besonderen Ehrbegriff her verstehen, der im allgemeinen ethischen System der europäisierten, adligen Gesellschaft der nachpetrinischen Ära verankert war. Der russische Adlige lebte und handelte unter dem Einfluss zweier gegensätzlicher Regulatoren des gesellschaftlichen Lebens. Als Staatsdiener war er dem Gesetz unterworfen. Gleichzeitig ordnete er sich jedoch als Adliger den Gesetzen der Ehre unter. Das völlige Überwinden von Angst und die Bekräftigung der Ehre wurden zu einem grundsätzlichen Verhaltensfaktor; so gewannen Handlungen, die Unerschrockenheit demonstrierten, an Bedeutung. Der Mut vom Standpunkt der Ehre aus wurde zum Selbstzweck.

Die Gefahr und die Todesnähe von Angesicht zu Angesicht wurden für den Menschen zu reinigenden, die Beleidigung auslöschenden Mitteln. Der Beleidigte hatte selbst zu entscheiden, ob die ihm zugefügte Schmach oder die Verletzung seiner Ehre so geringfügig war, dass als Genugtuung eine bloße Demonstration seiner Furchtlosigkeit und seiner Bereitschaft zum Kampf ausreicht.

Eine Versöhnung auch nach der Forderung und ihrer Annahme war möglich, denn indem er die Forderung annahm, zeigte der Beleidiger, dass er den Gegner als ihm gleichgestellt betrachtete und stellte somit dessen Ehre wieder her. Wer allerdings allzu schnell auf eine Versöhnung einging, konnte als Feigling angesehen werden. Offiziell war das Duell verboten. Jedes Duell war in Russland ein krimineller Akt.

Einerseits trat im Duell die engbegrenzte Standesidee einer Verteidigung der korporativen Ehre in den Vordergrund und andererseits die allgemeinmenschliche Idee der Verteidigung der menschlichen Würde. Diese Doppeldeutigkeit des Duells erforderte das Vorhandensein eines strengen Rituals. Nur die exakte Befolgung der festgelegten Regeln unterschied den Zweikampf vom Totschlag. In Russland gab es aber kein streng kodifiziertes Duell-System, denn angesichts des Verbotes gab es keine Druckerzeugnisse, in denen ein Duell-Kodex hätte festgelegt werden können. Auch gab es keine juristische Institution, die bevollmächtigt gewesen wäre, sich der Regeln anzunehmen. Man konnte die französischen Regeln verwenden, jedoch stimmten diese mit der russischen Duell- Tradition nicht ganz überein. So wurde die strenge Einhaltung der Regeln durch die Autorität von erfahrenen Kennern der Materie erreicht, von Schiedsrichtern in Fragen der Ehre.

Der Beginn des Duells war die Forderung, der eine Auseinandersetzung voranging. Als Ergebnis dieser Auseinandersetzung hielt sich eine der beiden Seiten für beleidigt und verlangte Genugtuung. Von diesem Augenblick an durften die Gegner keinen Kontakt mehr zueinander haben. Das wurde von ihren Vertretern, den Sekundanten, übernommen. Nachdem der Beleidigte einen Sekundanten gewählt hatte, besprach er mit diesem die Schwere der ihm zugefügten Beleidigung. Davon hing auch der Charakter (vom formalen Schusswechsel bis zum Tod eines der beiden Kontrahenten) des bevorstehenden Duells ab. Der Sekundant sollte als Vermittler tätig sein und sein größtes Bemühen auf die Versöhnung richten.

Es gehörte zur Pflicht der Sekundanten, alle Möglichkeiten einer friedlichen Lösung des Konfliktes ausloten, dabei die Rechte seines Mandanten wahren ohne den Interessen seiner Ehre zu schaden. Noch auf dem Kampfplatz sollten die Sekundanten einen letzten Versuch zur Versöhnung unternehmen. Weiterhin hatten sie die Bedingungen für das Duell auszuarbeiten. Dabei mussten sie dafür sorgen, dass die Gegner keine blutigeren Kampfformen wählten, als von den strengen Anforderungen an die Ehre verlangt wurden. War eine Versöhnung unmöglich, wurden die Bedingungen schriftlich festgelegt und die strenge Einhaltung derselben wurde während der gesamten Prozedur streng überwacht.

3.4. Die Kunst im Leben des russischen Adels

Das Repräsentationsbedürfnis des Adels bot russischen und nach Russland gerufenen Künstlern ein breites Betätigungsfeld. Der Bau von Verwaltungsgebäuden, Bildungsstätten, Kirchen, aber auch von Adelspalästen und Wohnhäusern in Petersburg, Moskau und anderen Städten stellte den Architekten vielfältige Aufgaben. Es wurden Schlösser errichtet, die durch architektonische Geschlossenheit und Einfügung in das Landschaftsbild beeindruckten. In der Nähe Petersburgs entstand seit 1777 das Schloss Pawlowsk und in der Nähe Moskaus das unvollendet gebliebene Schloss Zarizyno. Städte und Paläste erhielten dekorativen Schmuck, wie in Petersburg das 1782 enthüllte Standbild Peters des Großen. F. S. Rokotov, ein ehemaliger Leibeigener, stieg zum bei Hofe angesehenen Porträtmaler und zum Mitglied der Akademie der Künste auf. D.G. Levickij gab seinen prunkvollen offiziellen Porträts lebenswahre Züge. Ausdrucksstark ist auch sein Bildnis Katharinas II., das zu ihren Füßen einen Adler zeigt. Ihr Gesicht und der Adler drücken verschiedene Realitätsgrade aus - das Gesicht stellt das reale Gesicht dar und der Adler symbolisiert die Macht. Levickijs Smoljanki-Zyklus, in Auftrag gegeben von Katharina II., errang ebenfalls große Bedeutung. Dem Unterhaltungsbedürfnis breiterer Kreise des Adels dienten Aufführungen unterschiedlicher Art. Teilweise entstanden Theater als private Unternehmen. In den neunziger Jahren überwogen öffentliche Aufführungen, für die Eintritt bezahlt werden musste. Das Repertoire unterlag der Zensur. Es durften nur Stücke aufgeführt werden, die von den kaiserlichen Theatern ge zeigt worden waren, aber manche der dort aufgeführten Stücke wurden bald verboten. Dazu gehörte auch Fonvizins "Der Landjunker", in dem die Welt des russischen Durchschnittsadels und des von demselben Adel gestellten korrupten Provinzbeamtentums schonungslos bloßgestellt wird. So hatte die Masse des Adels von der Europäisierung nichts begriffen als modische Äußerlichkeiten und lockere Sitten und durch Katharinas komplizierte Verwaltungsreformen wurden nur die Möglichkeiten der Beamten, ihre Amtsgewalt zur persönlichen Bereicherung zu missbrauchen, vermehrt. Auch Katharina verfasste Theaterstücke, zum Beispiel die Komödie "Voprositel'", die offensichtlich gegen Fonvizin gerichtet war. Katharina bemühte sich in vielfältiger Weise, ihr Mäzenatentum und ihre aufgeklärte Haltung ins rechte Licht zu rücken.

Der Klassizismus grenzte Kunst und Leben rigoros ab. Dem Theaterzuschauer war klar, dass der Aktionskreis seiner Bühnenhelden die Szene war und dass er ihnen im Leben nicht nacheifern konnte, ohne sich lächerlich zu machen. Auf der Bühne herrschte Heroismus vor, im Leben eher der Anstand. Die Gesetze des einen wie des anderen bezogen sich ausschließlich entweder auf den künstlerischen oder den realen Raum. Ein Beispiel: Als der Dichter und Dramatiker A.P. Sumarokow auf dem Höhepunkt seines Konflikts mit dem Moskauer Oberbefehlshaber P.S. Saltykow einen pathetischen Brief an Katharina II. schrieb, wies die Kaiserin ihn auf die Ungehörigkeit der Übertragung von Normen des Bühnenmonologs auf das Leben hin: "Mir wird es immer angenehmer sein, die Darstellung von Leidenschaften in Ihren Dramen zu sehen, als sie in Briefen zu lesen."1 Später jedoch verschwammen die Grenzen zwischen der Kunst und dem allgemeinen Verhalten der Zuschauer. Das Theater griff auf das Leben über und begann das Handeln der Menschen zu verändern. Was vorher noch gestelzt und lächerlich erschien und nur auf der Bühne akzeptiert wurde, wurde zur Norm der Alltagsrede und des Alltagsverhaltens.

4. Zusammenfassung

Wie schon vorher erwähnt, konnten in dieser Arbeit nicht alle Bereiche des adligen Lebens in Russland in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts dargelegt werden. Jedoch denke ich, dass die beschriebenen Facetten der Lebensweise des russischen Adels typische Erscheinungen sind. In allen vier Beispielen drückt sich das Bedürfnis nach Repräsentation aus, oft jedoch steht diese im Widerspruch zu einer gewissen Innerlichkeit. Ich würde dies als ein Nebeneinander von Schein und Sein bezeichnen. Dies hier kurz darzulegen soll mein Ziel sein.

Die Bälle zum Beispiel, die mit größter Akribie vorbereitet wurden und die nach strengen Regeln abliefen, waren einerseits Mittel zur Repräsentation. Man präsentierte sich innerhalb des eigenen Standes durch wundervolle Kleider und Uniformen sowie durch akkurate Bewegungen beim Tanz. Die Anwesenden sollten sehen, wie vorzüglich man gekleidet war und wie vortrefflich man tanzen konnte. Heute würde man dies vielleicht mit "Sehen und gesehen werden" ausdrücken. Andererseits war bei manchen Tänzen eine Nähe der Tanzenden möglich, die unter anderen Umständen als unschicklich oder skandalös gegolten hätte. Es gab keine bessere Gelegenheit als einen Ball um geheime Botschaften oder Liebeserklärungen auszutauschen. Die Menschen offenbarten sich einander und dies befindet sich fernab jeglicher Repräsentation. So existierte auf einem Ball Repräsentation nebeneinander mit Innerlichkeit, wenn man Innerlichkeit gleichsetzt mit Aufrichtigkeit und Gefühlen.

Auch die Welt der Frauen war von beidem, von Repräsentation und Innerlichkeit geprägt. Schon die "Einteilung" der Frauen in die Rangordnung, die von den Rängen der Väter oder Ehegatten bestimmt wurde, zeigt einen gewissen Grad an Repräsentation. Eine Frau "Staatsrätin" oder "Geheimrätin" bedeutete eine höhere Stellung als eine Frau "Sekretärin". Dies sind aber Äußerlichkeiten, die über andere Personen, nicht über die Frau selbst oder die Eigenschaften, die sie besaß, definiert wurden. Der private Briefwechsel hingegen steht im Zeichen der Innerlichkeit, da er sehr oft intimen Charakter hatte. Auch dass die Frauen Bücher lasen und ihre Bildung ihnen wichtig war, ist von großer Wichtigkeit.

Beim Duell hingegen äußert sich ein Widerspruch zwischen Repräsentation und Innerlichkeit recht deutlich: Es gab viele Zeitgenossen, überwiegend die aufklärerischen Denker, die das Duell verabscheuten und es als ritualisierten Mord betrachteten, sich jedoch selbst auch duellierten. Sie sahen im Duell den Ausdruck eines Standesvorurteils des Adels und stellten die Ehre des Adels der menschlichen Ehre gegenüber indem sie sich auf die Vernunft und die Natur beriefen. Sie verachteten und kritisierten diesen Zweikampf, jedoch brachten die äußeren Zwänge der adligen Gesellschaft sie dazu, selbst daran teilzunehmen. Es war ehrenvoller im Duell zu sterben als Beleidigungen einfach so hinzunehmen.

Was die Kunst betrifft, sind die Schlösser und Paläste natürlich Ausdruck der Repräsentation. Da mein Wissen über die Kunst, meiner Meinung nach, nicht ausreichend ist, um mir ein Urteil über deren Innerlichkeit und Repräsentation zu bilden, verzichte ich darauf.

5. Literaturverzeichnis

1. E.M. Almedinger, Die Romanows. Die Geschichte einer Dynastie, München 1991.
2. Peter Hoffmann, Russland im Zeitalter des Absolutismus, Berlin 1988.
3. Jurij M. Lotman, Russlands Adel. Eine Kulturgeschichte von Peter I. bis Nikolaus I., Köln, Weimar, Wien 1997
4. Meyers großes Taschenlexikon, Band 19, Mannheim 1995.
5. Günther Stökl, Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1990.

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1Lotman, S. 195

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Lebensweise und Kultur des russischen Adels in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts
Veranstaltung
Höfische Repräsentation und Innerlichkeit in russischer Kunst und Literatur in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts
Autor
Jahr
2000
Seiten
9
Katalognummer
V104158
Dateigröße
350 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensweise, Kultur, Adels, Hälfte, Jahrhunderts, Höfische, Repräsentation, Innerlichkeit, Kunst, Literatur
Arbeit zitieren
Gritt Hönighaus (Autor), 2000, Lebensweise und Kultur des russischen Adels in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104158

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