Messung von Moral


Ausarbeitung, 2000

18 Seiten


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Messung von Moral

1. Einleitung

Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens mit Problemen konfrontiert, die eine auf moralischen Grundsätzen basierende Lösung verlangen. Wie genau diese Lösung aussieht, hängt von der Moralauffassung dieser Person ab. Diese wiederum wird von verschiedenen Faktoren bestimmt, wie z.B. Entwicklungsstand, soziale Komponenten, kulturelle Herkunft, Erziehung, usw. Aufgabe der Psychologie ist es, die Unterschiede in der Auffassung, der Einhaltung, und dem Erleben dieser Normen zu erfassen und eine Erklärung für diese zu finden.

Wie in vielen anderen Bereichen der Psychologie war auch in der Moralforschung Jean Piaget Initiator und Wegweiser. Er beobachtete Kinder verschiedenen Alters in ihrer natürlichen Spielsituation und interviewte sie über ihre Auffassung von Regeln und deren Ursprung. Seit der Veröffentlichung seines Buches „Das Moralische Urteil beim Kinde“ (Piaget, 1932) wurden zahlreiche Untersuchungen unternommen, die zu neuen entwicklungspsychologischen Kenntnissen führten.

Ein Teilbereich der psychologischen Moralforschung beschäftigt sich mit der Frage der Möglichkeiten der Meßbarkeit von Moral bzw. der sozio-moralischen Urteilsfähigkeit von Personen.

Hierzu wurden seit Mitte des 20. Jahrhunderts unterschiedliche Erhebungsmethoden entwickelt, verbessert und ergänzt.

In folgenden Vortrag werden drei etablierte Methoden („Moral Judgement Interview“, „Defining Issue Test“, „Moralisches-Urteil-Test“), ihre theoretischen Hintergründe, die Art der Auswertung und einige Kritikpunkte vorgestellt. Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob man heute über valide Verfahren verfügt, die eine korrekte Messung der moralischen Urteilskompetenz zulassen.

2. Das Moral Judgement Interview (MJI) von Kohlberg

Das Moral Judgement Interview (MJI) beruht auf dem 6-Stufen Modell der Moralentwicklung von Kohlberg1 und gehört heutzutage zu den wichtigsten Methoden der psychologischen Persönlichkeitsforschung.

In einem offenen Interview wird die Person dazu veranlaßt, Fragen zu einem bestimmten Problem oder Dilemma (z.B. das „Heinz Dilemma“, s. Anhang I) zu beantworten, seine Vorstellungen von Normen und Moral auf das vorhandene Problem anzuwenden und seine Antworten ausführlich zu begründen. Durch gezieltes Nachfragen kann sich der Interviewer auch bei unklaren Antworten ein Gesamtbild der Urteilsfähigkeit des Befragten bilden und ihn in eine der 6 Stufen einordnen.

Besonders wichtig bei diesem Mebverfahren ist die Interaktion des Interviewers und des Befragten.

Beim MJI „wird das Antwortverhalten der befragten Person nicht als blober Indikator für eine hypothetische moralische Disposition gewertet, sondern das Muster des Urteilsverhaltens selbst als Manifestation der moralischen Einstellung und Kompetenz begriffen.“ (Lind/Wackenhut,1983, S.60)

2.1 Aufbau des Interviews

Am Anfang des Interviews wird dem Befragten ein moralisches Dilemma vorgegeben. Das Ende des Dilemmas bleibt hierbei offen, und die Person hat sich für eine der beiden denkbaren Handlungsoptionen zu entscheiden (im „Heinz Dilemma“ müßte z.B. der Befragte „für“ oder „gegen“ den Einbruch in die Apotheke dezidieren).

Als nächstes werden der Person eine Reihe von Nachfragen, welche dem Interviewer verbindlich vorgegeben und standardisiert sind, zur Beantwortung vorgelegt. Diese verändern die ursprüngliche Situation des Dilemmas (z.B. „Angenommen, die Person, die im Sterben liegt, ist nicht seine Frau, sondern ein Fremder. Sollte Heinz das Medikament für einen Fremden stehlen?“ (Oser/Althof, 1994, S.172)) und beziehen verschiedene hypothetische Möglichkeiten mit ein. Sie sollen dazu dienen, tiefer in die Gedanken des Befragten einzudringen und seine allgemeinen soziomoralischen Vorstellungen (z.B. die Bedeutung von Gesetzen) zu erforschen.

Letztendlich sollen weitere (nicht vorgegebene) Zusatzfragen dazu beitragen, sicher zu sein, das erfaßt zu haben, was die Person mit ihren Antworten wirklich meint. Es reicht nicht aus, wenn der Interviewte bestimmtes, mit Moral verbundenes Vokabular anwendet (z.B. Begriffe wie „ Sinn des Lebens“ oder „Gesetz“). Der Befrager muß herausfinden, was diese Begriffe für den Interviewten bedeuten und ob er sie auch wirklich versteht. (Vgl. Oser/Althof, 1994, S.172-173)

Dieser Ablauf wiederholt sich beim MJI insgesamt drei Mal mit unterschiedlichen Dilemmas.

2.2 Auswertung des Interviews

Zur Auswertung wird das Interviewmaterial zunächst in Einheiten zerlegt, die eindeutige moralische Urteile enthalten. Jedes einzelne dieser Urteile wird mit vorgegebenen Musterurteilen verglichen und somit in die zugehörige Stufe eingeordnet. Diese Musterurteile sind im Manual des MJI, Standard Issue Scoring Manual, vorgegeben und sollen die Standardantworten jeder Stufe repräsentieren. Es werden sichtbare Formulierungsähnlichkeiten (mit den Musterurteilen) verlangt. Die Argumentation muß strukturell als Ausdruck einer Stufe identifiziert werden können. Dafür müssen bestimmte Schlüsselindikatoren vorhanden sein. (Vgl. Oser/Althof, 1994, S.173)

Das Einstufen ist somit eine recht komplizierte und zeitaufwendige Prozedur. Es müssen mehrere Wochen seitens der Auswerter in Übungen investiert werden, um die Theorie und die Methoden gut zu beherrschen und einigermaßen reliabel einschätzen zu können.

Als nächster Schritt wird die Berechnung der Stufenwerte vorgenommen. Es werden die Anzahl der pro Stufe gegebenen Antworten berechnet, die Gesamtstufe und ein gewichteter Durchschnittswert ermittelt.

Je nach Durchschnittswert wird die Person einer Stufe zugeordnet, die ihrem Stand bei der Erfassung von Moral und der moralischen Urteilskompetenz widerspiegeln soll.

2.3. Kritikpunkte

Das MJI wurde schon oft und sehr vielseitig kritisiert. Das Verfahren wurde seit der ersten Erscheinung im Jahre 1973 seitens der Kohlberg-Gruppe mehrfach verändert und verbessert.2

Ein Schwachpunkt des MJI ist die Ungenauigkeit bei der Stufenzuweisung nach dem Manual von Kohlberg. Lind und Wackenhut fanden in einer Untersuchung, die sie an mehreren Meßverfahren anstellten, heraus, dass beim MJI „eine Mittelwertberechnung, wie sie meistens durchgeführt wird, zu anderen Stufenwerten als die Berechnung eines Median-, Modal- oder „HSU“-Wertes3, eine globale Auswertung zu einer anderen als eine detalliertere“ führt (Lind/Wackenhut, 1983, S.61). Dieses Beispiel demonstriert die genannten Ungenauigkeiten.

Ein weiteres Problem entsteht aufgrund der mechanischen Reduktion der Antwortmuster. Die hierbei verlorengegangene Information (die strukturelle Information der Antworten) kann somit nicht mehr erfaßt werden, obwohl sie ein weiterer, wichtiger Indikator einer bestimmten Stufe darstellen kann.

Außerdem hat die „offene“ Interviewmethode den Nachteil, dass sie eine Anforderung an die Ausdrucksfähigkeit der Befragten stellt, wobei Personen die dieser Anforderung nicht gewachsen sind (z.B. Erwachsene mit geringerer Bildung) benachteiligt sein könnten. Rest äußert sich hierzu folgendermaßen: „ In den meisten Fällen im Alltag ist es wichtig, was Leute an moralischen Argumenten wahrnehmen und bevorzugen, und weniger, welche moralische Argumentationen sie selbst produzieren können.“ (Rest, zit. nach Lind/Wackenhut, 1987, S.61)

Letztendlich besteht das Problem der Einschätzung der Interviewer, da die Auswertung letztendlich immer ein gewisses Maß an Subjektivität enthält.

Es erfordert (wie schon vorher genannt) eine hohe theoriegeleitete Interpretationsleistung und viel Übung seitens der Auswerter, um stabil und genau einschätzen zu können4.

Hinder stellte in seiner Forschungsarbeit über die Grundlagenprobleme bei der Messung des sozio-moralischen Urteils fest, dass das MJI „keinem der klassischen Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) genügt“. (Hinder, 1987, S.204) Somit ist die Übertragung der Meßergebnisse auf reelle sozio-moralische Situationen sehr zweifelhaft.

3. Der „Moralisches-Urteil-Test“ (MUT) von Lind

Der Moralisches-Urteil-Test (MUT) von Lind ist das meist verwendete Verfahren zur Messung der moralischen Urteilsfähigkeit im deutschsprachigen Raum und wird überwiegend in der Hochschulsozialisationsforschung5 angewendet (Vgl. Hinder, 1987, S.101).

Das Konzept des MUT basiert grundsätzlich auf dem 6 Stufen Modell von Kohlberg, hat aber in Gegensatz zu Kohlbergs Erhebungsverfahren das Design eines experimentellen Fragebogens6. Lind beabsichtigt sowohl die kognitiv- strukturelle als auch die inhaltlich-affektive Komponente des sozio-moralischen Urteilverhalten simultan zu erfassen und auf getrennten Ebenen auszuwerten. Die inhaltlich-affektive Ebene soll hierbei für die affektiven Bindungen an moralische Kriterien und Regeln stehen, die durch die Situation (z.B. Vorgabe eines Dilemmas) angereizt werden. Die kognitiv-strukturelle Ebene entspricht der Fähigkeit der Person, ihre abstrakten moralischen Prinzipien (Normen, Werte, Regeln, usw.) in einem konkreten Urteil zur Anwendung zu bringen.

Lind beabsichtigt somit, die Auswertung der moralischen Urteilsfähigkeit transparenter zu machen. Der MUT soll eine aufeinander bezogene, jedoch unkonfundierte Messung der beiden Hauptkomponenten des sozio-moralischen Urteils ermöglichen, um die Struktur des moralischen Bewußtseins auf den jeweiligen Stufen angemessen abbilden zu können. (Vgl. Hinder, 1987, S. 102)

3.1 Aufbau des MUT

Der MUT besteht aus zwei Untertests, in denen je ein Dilemma dargestellt wird. In Gegensatz zum MJI (und zum Defining Issue Test von Rest) ist die Lösung des Dilemmas vorgegeben. Der Proband hat in einer siebenstufigen Skala (von „richtig“ bis „falsch“) anzugeben, wie er zu dem Ausgang des Konfliktes steht.

Es folgen sechs Argumente die für und sechs Argumente die gegen die Lösung des Dilemmas sprechen. Diese sollen nach dem Grad ihrer Akzeptabilität auf einer 9- stufigen Skala (von „völlig akzeptabel“ bis „völlig unakzeptabel“) eingestuft werden. Es gibt auch Versionen des MUT in denen sieben-, fünf- oder gar dreistufige Skalen verwendet werden.

„Die Differenziertheit der Skala sollte der angezielten Befragtenpopulation angepaßt sein. Bei Personen mit höherem intellektuellem Niveau können sehr fein abgestufte Reaktionsmöglichkeiten vorgesehen werden. Bei Personen, die diese Voraussetzung nicht mitbringen, sind drei bis fünf Reaktionsmöglichkeiten angemessener“ (Lind&Wackenhut, 1983, S.68-69).

Jedes dieser Argumente repräsentiert eine der sechs Stufen des Kohlbergmodells.

Letztendlich hat die befragte Person anzugeben, ob sie das Problem in erster Linie als ein rechtliches, religiöses, moralisches, humanitäres, wissenschaftliches oder gesellschaftliches Problem ansieht.

3.2 Auswertung des MUT

Die Auswertung des MUT bezieht sich auf die erwähnten Hauptkomponenten des moralischen Urteilverhaltens.

Die kognitiv-strukturelle Komponente wird mittels einer intraindividuellen Varianzkompetenzzerlegung verschiedener Stufenwerte berechnet (3.2.1) . Die affektiv-inhaltliche Komponente ergibt sich durch die Berechnung des modalen Präferenzwertes (3.2.2).

3.2.1 Kognitiv-strukturelle Komponente

Das Grundprinzip der Lindschen intraindividuellen Varianzkompetenzzerlegung „besteht in der varianzanalytischen Zerlegung der individuellen Antwortmuster in die verschiedenen Faktoren“ (Hinder, 1983, S.107).

Es werden 3 verschiedene Grade der Orientierung des Urteilsverhaltens der Person ermittelt:

a) Faktor Stufe: Bezeichnet die Orientierung an Argumenten derselben Stufe (vom sechs Stufen Modell von Kohlberg), ungeachtet ob es Pro- oder Contra-Argumente sind oder zu welchem Dilemma sie gehören.
b) Faktor Pro-Contra: Bezeichnet die Orientierung an Argumenten, die der eigenen Meinung zu der Lösung des Dilemmas (auf die sich die Person am Anfang des Fragebogens festgelegt hat) entsprechen.
c) Faktor Story: Bezeichnet die Orientierung am jeweiligen Kontext des Dilemmas (Argumente des einen Dilemmas werden höher beurteilt als die des anderen).

Für die Berechnung der Orientierungsarten, ihre Interaktion untereinander und letztendlich der Hauptorientierungsstufe der Person liegt von Lind ein Computerprogramm in KOSTAS vor. (Vgl. Hinder, 1987, S.106-107)

3.2.2 Affektiv inhaltliche Komponente

Die affektiv-inhaltlichen Messwerte dürfen nur berechnet werden, wenn sich der Pb merklich an der moralischen Qualität der Argumente orientiert hat, das heißt, wenn der Faktor Stufe mindestens 10% der genannten individuellen Antwortvarianz erklärt. (Vgl. Lind/Wackenhut, 1987, S.71-72)

Pro Stufe wird ein Summenwert über beide Dilemma und beide Argumentationsrichtungen berechnet und ermittelt. Die Stufe mit dem größten numerischen Summenwert stellt die modale (Präferenz-) Stufe dar.

3.3 Kritikpunkte

Hinder stellte in seinen Untersuchungen der verschiedenen Instrumente zur Messung des sozio-moralischen Urteilens beim MUT Mängel in der Testkonstruktion und bei der Methodik der Auswertung fest.

Er beurteilt den MUT wie folgt: „Wie dargestellt ergeben sich Einschränkungen in Bezug auf die Testkonstruktion, die intra-individuelle Varianzkompetenzzerlegung, die Zuordnung zur modalen und kognitiven Stufe. Die Untersuchungsergebnisse weisen auf einen äußerst geringen Differenzierungsgrad des Verfahrens hin“. (Hinder, 1987, S.127-128)

Eines der von Hinder festgestellten Testkonstruktionsprobleme liegt in der Festlegung der Skalenbreite. Wie schon erwähnt, schlägt Lind vor, die Skala an das intellektuelle Niveau des Befragten anzupassen. Jedoch ist, damit sechs Stufenargumente unterschiedlich beurteilt werden können, mindestens eine sechsstufige Skala notwendig. Bei kleineren Skalen kann der Proband (Pb) nur in beschränktem Maße differenziert antworten.

Zur Auswertung sollen Urteile, die auf der Skala geringerer Breite erhoben worden sind, in die neunstufige Skala zurücktransformiert werden. Eine solche Umrechnung erscheint jedoch problematisch und zweifelhaft, da das tatsächliche Urteilsverhalten einer Person auf verschiedenen Skalen unterschiedlich sein könnte und deshalb schwer vorherzusagen ist. (Vgl., Hinder, 1987, S. 123)

Ein weiteres Problem besteht in der Auswahl der Dilemmata. Im letzten Schritt der Beantwortung des MUT hat der Pb das Dilemma zu beurteilen. Die Mehrheit der Befragten schätzen die Dilemmata als nicht moralisches Problem ein (das Arzt- Dilemma, s. Anhang II, zum Beispiel wurde in einem Forschungsprojekt der Uni Konstanz von Studienanfängern mehrheitlich (25.8% bei N=538) als humanitäres Problem beurteilt). Dies läßt ein Problem der Validität des Meßinstruments deutlich werden. (Vgl. Hinder, 1987, S.124)

Durchaus zweifelhaft erscheint auch die Stufenzuordnung bei der Auswertung der Testergebnisse.

Die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen an unterschiedlichen Gruppen von Personen7 ergaben, dass die Mehrheit aller Befragten die höchsten Stufen (5-6) des Kohlberg-Modells erreicht haben, was durchaus fragwürdig scheint8. Es ergeben sich, hinsichtlich der modalen Stufenzuordnung kaum Unterschiede zwischen verschiedenen Personengruppen hinsichtlich Bildung, Alter oder sozialer Herkunft (Vgl. Hinder, 1987, S.125-126).

In einer Untersuchung von Schmied ergibt sich, dass Personen, die im MUT die postkonventionelle Ebene erreichen, aus allen anderen moralischen Urteilsstufen des Modells kommen, wenn man sie anhand der schriftlichen Form des MJI (KIMU) prüft (Vgl. Schmied, 1981, S.57).

Die Absicht Linds, das moralische Urteilsverhalten in zwei Hauptkomponenten - die affektiv-inhaltliche und die kognitiv-strukturelle - zu teilen, um diese am selben Verhalten messen zu können, hat sich in der Praxis nicht bewährt. Die verschiedenen Untersuchungen zeigen, dass es kaum möglich ist, diese Komponenten effektiv zu differenzieren und getrennt auswerten zu können. Schmied beurteilt zusammenfassend den Test wie folgt: „Der praktischen Anwendung des MUT scheinen enge Grenzen gesetzt, ganz abgesehen von den derzeit fehlenden Gütekriterien. Eine Individualdiagnose des Entwicklungsstandes der moralischen Urteilskompetenz läßt sich anhand dieses Instruments kaum vornehmen“ (Schmied, 1981, S.80)

4. Defining Issue Test (DIT) von Rest

Dieser von Rest entwickelte Fragebogen ist das heutzutage am meisten verwendete Instrument zur Erfassung des moralischen Urteils.

Er basiert auf der Grundlage der sechs Entwicklungsstufen von Kohlberg. Rest jedoch postuliert hinsichtlich der Moralentwicklung graduelle Übergänge zwischen den verschiedenen sechs Stufen. Seiner Meinung nach ist es unmöglich eine Person einer Hauptstufe zuzuordnen, da die Personen in ihrem Gebrauch von Argumenten hinsichtlich des moralischen Urteilens zwischen mehreren Stufen schwanken (Vgl. Oser, 1994, S.174).

Rest fordert im Gegensatz zu Kohlbergs Stufenmodell ein „Komplexes Stufenmodell“ zur Veranschaulichung der Entwicklung von Moral.

Im Stufenmodell Rests werden vier verschiedene Typen abgebildet. Jeder Typ repräsentiert eine Entwicklungsstufe. Die Typen verlaufen als Kurven in einem Diagramm und überschneiden sich mit den anderen Typen. Der erste Typ steht für die frühen Entwicklungsstufen und ist somit am Anfang der Entwicklung am höchsten repräsentiert, nimmt aber mit der Zeit ab, während die anderen Typen zunehmen.

Im Laufe der Entwicklung sind die Typen in unterschiedlichen Anteilen vertreten. Ein einziger Typ wird nie abgeschlossen von den anderen auftreten, sondern immer im Zusammenhang mit diesen. (Vgl. Hinder, 1987, S.78-79)

Der DIT ist so aufgebaut, dass die Probanten zu vorgegebenen Aussagen hinsichtlich eines Dilemmas ihre Präferenzurteile abzugeben haben. Die Aussagen vertreten einen bestimmten Entwicklungstyp.

Die jeweiligen Stufenanteile werden in Bezug auf die Präferenzurteile des Probanden berechnet.

4.1 Aufbau des DIT

Rests Fragebogen besteht aus sechs Untertests, wobei jeder ein anderes Dilemma als Stimulussituation enthält.

Nachdem der Proband das Dilemma durchgelesen hat, muß er wählen ob er „für“ oder „gegen“ einen bestimmten (vorgegebenen) Ausgang des Problems entscheidet. Falls die Person unschlüssig ist, besteht auch die Möglichkeit „kann mich nicht entscheiden“ anzukreuzen.

Als nächstes hat die Person zwölf vorgegebene Rechtfertigungen in einer fünfstufigen Skala (von „nicht wichtig“ bis „sehr wichtig“) nach ihrer (subjektiven) Wichtigkeit zu bewerten. Jede Aussage repräsentiert eine bestimmte Stufe (2, 3, 4, 4 ½, 5a, 5b, 6):

- die erste Stufe (Stufe der Orientierung an Lohn und Strafe) ist hierbei nicht repräsentiert
- die Stufe 5 (Stufe des Sozialvertrags vs. individuelle Rechte) teilt sich in 5a- und 5b- Aussagen auf. Die 5a-Aussagen beziehen sich auf die „Moral des sozialen Vertrags“ und die 5b-Aussagen auf die „Moral eines intuitiven Humanismus“.
- die Anti-Establishment Aussagen (A-Aussagen) sollen Kohlbergs Stufe 4½ entsprechen und vertreten den Standpunkt, dass die Tradition und die soziale Ordnung auf Grund ihrer Willkürlichkeit und Ungerechtigkeit verurteilt werden müßten.
- Letztendlich gibt es auch noch die Meaningless-Aussagen (M-Aussagen), die zwar anspruchsvoll klingen, aber keine inhaltliche Bedeutung haben und dazu dienen sollen, nicht brauchbare Fragebögen auszusortieren. Die Aussagetypen sind in den verschiedenen Untertests unterschiedlich häufig repräsentiert.

Am Ende jedes Untertests soll der Pd die nach seiner subjektiven Meinung vier wichtigsten Aussagen in eine Rangreihe (wichtigste bis viert-wichtigste) bringen. (Vgl. Hinder, 1987, S.85-86)

4.2 Auswertung des DIT

Nach Rest sollten bei einer vollständige Auswertung des DIT folgende Aspekte berechnet werden:

1) Stufenwerte für die Stufen 2, 3, 4, 5a, 5b, 6 und A (4½): Sie sind Indikator für die relative Wichtigkeit, die Argumenten einer bestimmten Stufe beigemessen wird.
2)P-Wert: Er ist Indikator für das Niveau prinzipienorientierten Denkens, das heißt für die relative Wichtigkeit, die den Überlegungen der Stufen 5A, 5B und 6 beigemessen wird.
3)D-Wert: Der Davison Index ist Indikator für die relative Bevorzugung prinzipienorientierten Denkens gegenüber konventionellen und präkonventionellen Denkens. Es wird gemessen ob und inwiefern Aussagen der Stufen 5A, 5B und 6 gegenüber anderen Stufen favorisiert worden sind.
4)Überprüfung der subjektiven Reliabilit ä t: Diese dient der Elimination unsorgfältig bearbeiteter- oder willkürlich angekreuzter Fragebögen, solcher, wo der Pb die Instruktionen nicht verstanden hat, usw.

Die subjektive Reliabitität wird auf drei Arten geprüft:

-M-Wert: Fragebögen die einen M-Prozentwert (Prozentwert der bedeutungslosen Aussagen) von 14% oder mehr aufweisen, sollten nach Rest ausgeschlossen werden.

-Konsistenzprüfung: hierbei werden die ausgerechneten Stufenwerte mit der vom Pd angegebenen Rangordnung verglichen. Eine optimale Konsistenz ergibt sich, wenn die Aussagen die in der Rangordnung auf Platz 1 („wichtigste“) eingestuft worden sind, in der Stufenberechnung ebenfalls die meisten Punkte erzielt haben.

Inkonsistenzen dürfen bei maximal 2 der 6 Untertests vorkommen, damit der Fragebogen nicht verworfen wird.

-Höchstens in einem Dilemma dürfen 9 Aussagen oder mehr auf der Urteilsskala gleich bewertet werden.

Aufgrund dieser Überprüfung werden 5-15% der Protokolle als nicht brauchbares Material ausgesondert. (Vgl. Hinder, 1987, S.88-91)

Diese Testkonstruktion läßt kein Antwortmuster zu, welches nur einer einzigen Stufe entspricht. Der Person wird, je nachdem welche Argumente in welchem Maße präferiert worden sind, ein bestimmter Typ zugeschrieben.

4.3 Kritikpunkte

Seit den 70er Jahren wurden am DIT schon mehr als hundert verschiedenen Untersuchungen durchgeführt, wobei der Test intakt beibehalten wurde.

Obwohl der Test im allgemeinen eine gute Reliabilität und Validität aufweist, zeigen sich einige Schwachpunkte die unbedingt verbessert werden müssen.

Ein problematischer Aspekt ist z.B., dass die theoretisch postulierten Aussagetypen (Stufen) im Fragebogen in einem ungleichgewichtigen Ausmaß repräsentiert sind (z.B. ist die Stufe 2 fünf Mal repräsentiert; die Stufe 4 neunzehn Mal), was dazu führt, dass gewisse Aussagemustern wahrscheinlicher sind als andere. Es wurde in Hinders Untersuchungen bewiesen, dass rein zufälliges Ankreuzen zu nahezu identischen Antwortmustern wie bei der überlegten Bearbeitung des DIT führt, was auf das ungleichgewichtige Ausmaß der verschiedenen Stufen zurückzuführen ist.(Vgl. Hinder, 1987, S. 98-99).

Außerdem sind in diesen Fragebögen, wie schon erwähnt, keine Aussagen der Stufe 1 enthalten, womit reine oder mehrheitlich präkonventionelle Antwortmuster nicht möglich sind.

5. Ergebnis

Die Untersuchungen zeigen, dass jedes der vorgestellten Meßverfahren Mängel aufweist, wobei jedoch der DIT von Rest aufgrund seiner guten Validität und Reliabilität am besten abgeschnitten hat. Er kann deshalb wohl als die derzeit „bessere“ Methode bezeichnet werden.

Weiterhin ist es wichtig zu erwähnen, dass der DIT und der MUT praktischer als die Interviewmethode sind, da der experimentelle Fragebogen aufgrund seiner Testkonstruktion ökonomischer ist, was die Befragung großer Personenzahlen erlaubt. Nachteilig bei dieser Art von Erhebungsmethoden ist jedoch, dass sie bei jüngeren Personen nicht durchführbar sind, da sie ein hohes Lese- und Inhaltsverständnis voraussetzen. Der MJI dagegen ist bei jeder Altersgruppe durchführbar.

Da diese Verfahren auf Theorien zur Entwicklung von Moral beruhen, die ihrerseits ständig verändert und verbessert werden und noch längst nicht abgeschlossen sind, scheint auch die Möglichkeit der Moralmessung relativ. Eine Methode kann nicht besser sein als die jeweils gültigen, aktuellen Kenntnisse über den komplexen Gegenstand von „Moral“ und „moralischer Urteilsfähigkeit“.

Somit sind die vorgestellten Methoden kaum miteinander vergleichbar. Beim MJI geht es hauptsächlich um die Produktion eigener Urteile und die Begründung der eigenen Meinung. Im DIT und MUT dagegen muß der Pb begutachten und bewerten. Dies sind unterschiedliche kognitive Prozesse, die andere, nicht miteinander vergleichbare Vorstellungen vom moralischen Urteil widerspiegeln. (Vgl. Oser, 1994, S.179)

Es kommt also darauf an, diese Methoden ständig weiter zu verbessern, zu aktualisieren und dem jeweils aktuellen Wissensstand anzupassen.

Literaturverzeichnis

Hinder, E. (1987). Grundlagenprobleme bei der Messung des sozio-moralischen Urteils. Frankfurt/M.: Peter Lang.

Lind, G. & Wackenhut. R. (1983). Tests zur Erfassung der moralischen Urteilskompetenz. In Lind G., Hartmann H.A. & Wackenhut R. (Hrsg.), Moralisches Urteilen und soziale Umwelt. Theoretische, rethodologische und empirische Untersuchungen. Weinheim: Beltz, S.59-80.

Montada, L. (1998). Moralische Entwicklung und moralische Sozialisation. In Oerter R. & Montada L. (Hrsg.), Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz, S.862-894.

Oser, F & Althof, W. (1994). Moralische Selbstbestimmung. Modelle der Entwicklung und Erziehung im Wertebereich. Stuttgart: Klett-Cotta, S.171- 179.

Schmied, D. (1981). Standartisierte Fragebogen zur Erfassung des Entwicklungsstandes der moralischen Urteilkompetenz. o.O: Diagnostica, S.51-65.

Anhang:

I) „Heinz-Dilemma“

„In einer fernen Stadt liegt eine Frau, die an Krebs erkrankt ist, im Sterben. Es gibt eine Medizin, von der die Ärzte glauben, sie könne die Frau retten. Es handelt sich um eine besondere Form von Radium, die ein Apotheker in der gleichen Stadt erst kürzlich entdeckt hat. Die Herstellung war teuer, doch der Apotheker verlangt zehnmal mehr dafür, als ihn die Produktion gekostet hat. Er hat 2000 Mark für das Radium bezahlt und verlangt 20 000 Mark für eine kleiner Dosis des Medikaments. Heinz, der Ehemann der kranken Frau, sucht alle seine Bekannten auf, um sich das Geld auszuleihen, und er bemüht sich auch um eine Unterstützung durch die Behörden. Doch er bekommt nur 10 000 Mark zusammen, also die Hälfte des verlangten Preises. Er erzählt dem Apotheker, dass seine Frau im Sterben liegt, und bittet, ihm die Medizin billiger zu verkaufen bzw. ihn den Rest später bezahlen zu lassen. Doch der Apotheker sagt: „Nein, ich habe das Mittel entdeckt und ich will damit viel Geld verdienen“. Heinz hat nun alle legalen Möglichkeiten erschöpft; er ist ganz verzweifelt und überlegt, ob er in die Apotheke einbrechen und das Medikament für seine Frau stehlen soll.“

(Oser&Althof, 1994, Seite 171)

II) „Arzt-Dilemma

„Eine Frau war krebskrank, und es gab keine Rettungsmöglichkeit mehr für sie. Sie hatte qualvolle Schmerzen und war schon so geschwächt, dass eine größere Dosis eines Schmerzmittels wie Morphin ihr Sterben beschleunigt hätte.

Die Frau bat deshalb den Arzt, ihr genügend Morphin zu verabreichen, um sie zu töten. Sie sagte, sie könne die Schmerzen nicht mehr ertragen und würde ja doch in wenigen Monaten sterben.“

(Hinder, 1987, S.241)

[...]


1 Kohlberg beschreibt die Entwicklung des moralischen Urteils als das Durchlaufen einer universellen, hierarchisch aufgebauten Abfolge von sechs Stufen, wobei jede dieser Stufen ein typisches Denkschemata darstellen soll (Vgl. Hinder 1987, S.1).

2 Die standardisierte Auswertung des MJIs wurde von der Kohlberg-Gruppe seit 1973 etwa alle drei Jahre revidiert (Vgl. Hinder, 1987, S.205).

3 HSU ist die Stufe der „highest substantial usage“ (Vgl. Lind/Wackenhut , 1983, S.79).

4 Bei geübten Auswertern kann eine Interrater Übereinstimmung von 95% und mehr erreicht werden, was eine hohe Reliabilität repräsentiert (Vgl. Oser/Althof, 1994, S.173).

5 Dieses von der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität Konstanz durchgeführte Projekt ist eine multi-nationale, gruppenvergleichende Längsschnittstudie, die sich mit dem Einflub der Hochschule auf die Existenzvorstellungen und Werthaltungen von Studenten in verschiedenen Lebensbereichen befasst. (Vgl. Lind/Wackenhut, 1983, S.79)

6 Linds Meinung nach erfasst der experimentelle Fragebogen als einziges Mebinstrument das Urteilsverhalten direkt und in der natürlichen Lage, da er einen experimentellen Zusammenhang darstellt, in dem das sozio-moralische Urteilsverhalten unmittelbar gemessen werden kann.(Vgl.Hinder, 1987, S.103)

7 Befragt wurden hierbei Berufsleute mit höherer Ausbildung, Wissenschaftler, Studenten, Lehrlinge aus der BRD und der Schweiz sowie inhaftierte Straftäter (Vgl. Hinder, 1987, S.126)

8 Bspw. erreichten 78% der schweizer Lehrlinge die fünfte oder sechste Stufe des Modells von Kohlberg (Vgl. Hinder, 1987, S.126).

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Details

Titel
Messung von Moral
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Seminar: Entwicklung von Moral
Autor
Jahr
2000
Seiten
18
Katalognummer
V104189
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Messung, Moral, Seminar, Entwicklung, Moral
Arbeit zitieren
millaray abujatum (Autor), 2000, Messung von Moral, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104189

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