Liebe, Macht und Korruption - ein Bürgerradio im bolivianischen Amazonas


Forschungsarbeit, 2000

138 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

0. Vorwort

1. Orientierung
1.1. Vom Fischerdorf zum Touristenzentrum - Geschichte und Gegenwart
1.2. Liebe, Macht und Korruption - Akteure

2. Politik und Machtdiskurs
2.1. Dr. Langfinger und die Schönheitsköniginnen - Soziale Hierarchie und Konflikte
2.2. Heiliger Bimbes - Religiosität
2.3. Opfer und Täter - Frauen
2.4. Freibier und Volksmusik - Parteien
2.5. Messerstecher und Revolverhelden - Institutionen und Recht
2.6. Horrortrip Fernreisen - Mobilität
2.7. Klatsch, Tratsch und Intrigen - Vertrauen
2.8. Landei oder Weichei? - Kulturelle Identität

3. Das Projekt
3.1. Vom Heuschober Ausbildung ins World Wide Web und Öffentlichkeitsarbeit
3.2. Lehrer, Künstler, Krankenschwester Die Aktivisten
3.3. Kommunikation, Politik, Bildung Evaluation
3.4. Holzwege und Fallgruben Die Entwicklungshelfer
3.5. Die Mühen der Ebene Konsolidierung und Probleme
3.6. Nachgefragt Medien und Gesellschaft
3.7. Den Beruf nicht mit seiner Militanz verwechseln Politik und Medien

4. Resümee

5. Anhang: Ausblick
5.1. Kommunikation und Ökostrom Konzeptionelle Überlegungen
5.2. Was will das Radio erreichen? Ziele des Projekts
5.3. Welche Aufgaben erfüllen die Mitarbeiter des Radios? Jobprofile
5.4. Schreie aus dem Urwald Geplantes Programmschema

6. Literatur

Bericht zum Forschungs- und Projektaufenthalt „Radio Popular“ in Rurrenabaque, Departamento Beni/Bolivien in der Zeit von August 1999 bis Februar 2000, finanziert durch das

ASA-Programm

Der Carl-Duisberg-Gesellschaft

Lützowufer 6-9

10785 Berlin

Wissenschaftliche Betreuung:

Prof. Dr. Georg Elwert

Institut für Ethnologie

Regionalbereich Afrika

Freie Universität Berlin

Drosselweg 1-3

14195 Berlin

© Clemens Grün September 2000

Kontakt:

Clemens Grün

Rüdesheimer Platz 1

14197 Berlin

Tel.: (030) 821 44 53

Email: clegruen@yahoo.com

O. Vorwort

Jeder Ort besitzt seine Eigenheiten, die in seiner Klarheit nur derjenige begreift, der sie mit der Distanz des Fremden betrachtet. Das Missverständnis im interkulturellen Diskurs fungiert dabei als Scharnier und Schlüssel für das Verständnis des „anderen“. Da ist zum einen die voneinander abweichende Interpretation von Termine in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. In den Redaktionssitzungen unseres Radioprojekts entspannten sich aber auch immer wieder aufschlussreiche Diskussionen zwischen einheimischen reporteros und deutschen Stipendiaten, die grundlegend unterschiedliche Denkschemata offenbarten.

Eben diese Missverständnisse, man könnte sie mit Elwert „Fettnäpfchen“[1] nennen, gehören zu den wichtigsten Informationsquellen für den Feldforscher. Sozialanthropologische Forschung ist per se gesellschaftsvergleichend, da jeder Forscher eine fremde Gesellschaft mit dem ihm eigenen Reverenzsystem betrachtet und das besondere, bemerkenswerte am Fremden erst im Vergleich mit der eigenen herausarbeiten kann.

Der reisende Forscher nennt aber noch ein weiteres Privileg sein eigen: Er entdeckt eine fremde Welt wie ein Kind: naiv, ohne gesicherte Informationen darüber, was ihn erwarten wird. Und er durchläuft, um die Analogie fortzuführen, während seines Aufenthaltes gleichsam eine ganze Sozialisation, die jenem vorsichtigen Vorantapsen und Weltentdecken des Neugeborenen in nichts nachsteht, außer dass sie sich in einem viel kürzeren Zeitraum vollzieht. Trotz der Kürze, der Flüchtigkeit des Blicks auf die fremde Kultur, muss dieser nicht oberflächlich bleiben. Das subjektive Gefühl einer erhöhten Sensibilität und Intensität des Erlebens, das jeder Reisende kennt, geht einher mit der hohen Effizienz wissenschaftlichen Arbeitens in der Fremde.

Nichts nimmt der Forscher mit mehr Aufmerksamkeit zur Kenntnis, als das unmittelbar Neue und Erstaunliche. Diese Phase des ungerichteten Sammelns von Auffälligkeiten ist vielleicht die wichtigste während der gesamten Forschung. Taucht der Forscher tiefer in die von ihm beobachtete Kultur ein, so wird das Neue zu Bekanntem, das Erstaunliche zum Alltag. Er wird nun deutlich weniger Daten erheben können. Es beginnt die Phase der Datensicherung. Das analytische Heranziehen von auf Erfahrung beruhenden Vergleichsgrößen erlaubt es dem Forscher, das Gesehene in eine Ordnung zu bringen. Er beginnt, Thesen über das von ihm Beobachtete anzustellen und überprüft diese Thesen fortan an der Wirklichkeit.

Ohne seine analytische Distanz wäre es dem Forscher gar nicht möglich, zwischen dem zu unterscheiden, was in der beobachteten Gesellschaft gang und gäbe ist und dem, was einem als Person im besonderen zuteil wird, einem persönlich, dem Ausländer, dem Fremden, dem Lehrer, dem Türenöffner, dem Geheimnisvollen, dem lästigen oder willkommenen Fragensteller. Ich für meinen Teil halte es für wenig wünschenswert, aus einem falsch verstandenen Objektivitätsanspruch eine Trennung vorzunehmen zwischen dem Erleben als Forscher und jenen als Privatperson, sich persönlichen Bindungen mit den Einheimischen zu entziehen oder gar zu versuchen, die Tatsache der eigenen Präsenz im Forschungskontext zu verleugnen.

Ich habe zu jedem denkbaren Zeitpunkt der Versuchung widerstanden, mich unsichtbar zu machen, mehr noch: Ich habe keine Gelegenheit ausgelassen, in die von mir beobachtete Wirklichkeit einzugreifen, sie zu beeinflussen und zu verändern. Das lag gewiss auch an meiner Position im Dorf, die mir in der Regel eine andere Rolle auferlegte, als diejenige des stillen Beobachters. Ich gehöre aber auch nicht zu derjenigen Spezies, die die Auffassung vertreten, das bewusste Einbringen der eigenen Persönlichkeit in den Prozess der Beobachtung widerspräche jeglichem Postulat von Wissenschaftlichkeit.

Im Gegenteil: Ich halte es für ein Privileg, innerhalb einer Gesellschaft einen Platz zugewiesen zu bekommen, auf dem man einer bestimmten Erwartungshaltung ausgesetzt ist. Erlaubt es einem doch eine Interpretation von Situationen, die man als Außenstehender womöglich gar nicht durchschauen würde. Mehr noch: Es gibt einem Gelegenheit, bestimmte Situationen erst zu kreieren, sie eigenmotiviert und gleichsam spielerisch mal in die eine, mal in die andere Richtung zu lenken, um eine Art von Datensammlung anzulegen, die es ermöglicht, das Leben der beobachteten Gemeinschaft aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Wer hat einen besseren Einblick ins weihnachtliche Wohnzimmer, als der studentische Gabenbringer? Wer erfährt mehr über das Verhältnis der Menschen zu ihren Autoritäten, als der zum König ernannte Fremde in einem afrikanischen Dorf? Wer bringt mehr über das Liebesleben der Bewohner einer Stadt in Erfahrung, als derjenige, der daran teilnimmt? Informationen aus erster Hand sind das, die nur einer entsprechenden Interpretation bedürfen, um zum unverzichtbaren Bestandteil der wissenschaftlichen Betrachtung zu werden.

Schon Freud wusste, dass eine der wichtigsten Voraussetzungen für menschliches Handeln seine Motivation darstellt. Nun ist Motivation nicht immer erfragbar und noch seltener unmittelbar sichtbar. Sehr wohl ist sie aber erfahrbar, nämlich dann, wenn man, selbst zum Teil des Lebens einer Gemeinschaft geworden, in Konstellationen, Situationen, Konflikte gerät, die Teil des Lebens dieser Gemeinschaft sind, und entweder unabhängig vom eigenen Status in dieser Gemeinschaft als zuverlässige Daten bewertet werden können oder unter Einbeziehung desselben in die Analyse.

Zudem kann auch die Art und Weise, wie sich eine Gemeinschaft dem Fremden gegenüber verhält, ein Schlüssel sein zu fundamentalen Erkenntnissen über diese Gemeinschaft, zumal wenn hier die Erfahrung des Fremden eine Alltagserfahrung ist, die das Leben der Menschen nachhaltig prägt.

Eine wichtige Informationsquelle der vorliegenden Arbeit lag, wie das angesichts unserer Tätigkeit in einem Bildungsprojekt nicht anders zu erwarten ist, in den Lehrgesprächen. Wie wird in dieser Weltgegend Wissen vermittelt, wie reagieren die Menschen in Lehrsituationen, auf welche Weise eignen sie sich Wissen an und über welches Wissen verfügen sie? Insbesondere über die letzten drei Punkte verfügen wir über Daten aus erster Hand, da ein großer Teil unserer Arbeit vor Ort in eben solchen Lehrgesprächen bestand, wobei wir in aller Regel die Position der Lehrenden innehatten. (Was uns nicht davon abhielt, in solchen Situationen auch immer wieder die Position des Schülers und/oder des teilnehmenden Beobachters einzunehmen.)

Eine wichtige Rolle spielte auch die teilnehmende Beobachtung. Wobei mir sowohl die Eingebundenheit in das Projekt, als auch die fünfmonatige Präsenz im Projektgebiet nicht nur erlaubte, das Leben der Menschen zu beobachten, sondern auch, ganz im Sinne Malinowskis[2], wirklich daran teilzuhaben. Dass mir genau dieser Aspekt andererseits jegliche „neutrale“ Beobachterposition unmöglich machte, sehe ich, wie bereits erwähnt, nicht als Mangel an, sondern im Gegenteil als Chance zum Erschließen eines weiteren Gegenstands meiner Forschung: mir selbst nämlich, als Forscher, Projektleiter und vorübergehend einzigem anerkannten Vertreter der Dorfpresse. (s. a. Abschnitt „Akteure“)

Ein viertes wichtiges Element meiner Arbeit, das in engem Zusammenhang steht mit den Lehrgesprächen, war die partizipative Methode. Der lluvia de ideas (span. = “Ideenregen“), das Brainstorming gehörte nicht nur zu den wichtigsten Methoden des von uns gestalteten Unterrichts, sondern war auch eine unerschöpfliche Informationsquelle für meine sozialanthropologische Arbeit. Eben jene mit offenen Vorgaben auf der Grundlage der Ideen der Teilnehmer entwickelten Konzepte waren bestens dazu geeignet, die Relevanzstruktur der Menschen, mit denen wir gearbeitet haben, zu ergründen.

Hierzu zähle ich auch meine theaterpädagogische Arbeit, bei der ich mit Elementen von Improvisationstheater und Social Drama[3] hantiert und die Intuition der Teilnehmer herausgefordert habe. Schließlich waren mir die subjektiven Landkarten, bei denen wir an Einheimische aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten mit der Bitte herantraten, ihr soziales Aktionsfeld zu visualisieren, eine hervorragende Informationsquelle bei der Analyse von Mobilität und Kommunikationsstrukturen in der Region.[4]

Eine weitere wichtige Quelle meiner Forschung waren die unzähligen Interviews, die wir im Zuge unserer Arbeit für das Radioprojekt geführt haben. Die Datensammlung nahm dabei alle journalistischen Formen an, sie reichte vom Leitfadeninterview über die quantitative Datenerhebung bis hin zur Straßenumfrage.

Letztere dient im journalistischen Bereich zum Herstellen eines „Stimmungsbildes“, wobei es niemals um Repräsentativität, sondern immer um das Gegenüberstellen unterschiedlicher Argumentationen geht. Dieses für wissenschaftliche Untersuchungen besonders untypische Instrument wird erst dann zur wissenschaftlichen Methode, wenn es gelingt, eine eingegrenzte Befragtengruppe zu definieren. Weil wir relativ sichere Aussagen darüber treffen können, welche Art von Personen sich zu welcher Zeit an welchem Ort aufhält, kommen Ort und zeitlicher Dimension der Befragung eine besondere Bedeutung zu.

Mit Begriffen wie „einkaufender, flanierender Bevölkerung“ ist es dabei nicht getan. Dahingegen wissen wir bei einer „Umfrage unter Marktfrauen“, dass es wir es fast nur mit Colla -Frauen zu tun haben, eine Umfrage vor dem Eingang zu den Wahllokalen erfasst immerhin den „wählenden Teil der Bevölkerung“, eine Gruppe, der wir bestimmte Attribute zuschreiben können, die uns bei der Interpretation der erhobenen Daten nützlich sind.

Bei meiner gesamten Untersuchung durfte ich mich eines Privilegs erfreuen, das sonst nur arrivierten Wissenschaftlern zuteil wird: einer Schar von kompetenten Assistenten nämlich, unseren Reporterschülern, die unermüdlich für das Radioprogramm und damit letztlich auch für meine Forschung Daten über alle wichtigen Grundsatzthemen sozialanthropologischer Betrachtung (Geschichte, Religion, Politik, Wirtschaft, Kultur, Kommunikation, Gender und Verwandtschaft) sammelten und zu kommentieren wussten.

Da wir mit Vertretern aller Altersklassen und ethnischen Gruppen beiderlei Geschlechts gearbeitet haben, bleibt der kreuzperspektivische Ansatz grundsätzlich gewahrt. Der naturgemäß eingeschränkte Zugang eines männlichen Forschers zum weiblichen Teil der zu untersuchenden Gesellschaft wurde durch mein häufiges gemeinsames Auftreten mit meiner Projektpartnerin entschärft.

Meine emotionale Bindung zu unserer Reporterschülerin Elena brachte mir zwar viel Ärger ein (s. Abschnitt „Akteure“ u.a.). Insofern scheint das Barthsche Askesedogma – Bloß keine Affären![5] - durchaus seine Berechtigung zu haben. Was den Zugang zu weiblichen Quellen betraf, erwies sich eben jene Bindung aber geradezu als glückliche Fügung. Neben der mit ihr verbundenen engen Beziehung zu weiteren Mitgliedern der Familie (Ela, Moises u.a.), schien sich mir ein ganzes Universum von Informantinnen zu öffnen (Zulma, Consuelo, Maria u.a.), als diese Affäre mit der Freundin eines Rathausmitarbeiters wochenlang zum Gegenstand von Klatsch und Tratsch des ganzen Dorfes wurde, eines Mediums also, dem sich vor allem die Frauen bedienen.

Dass in den Fußnoten der vorliegenden Arbeit dennoch überwiegend Männer als Informanten aufgeführt werden, mag zum einen mit meiner Fragestellung zu tun haben, die ihren Fokus auf einen offensichtlich hauptsächlich von Männern beherrschten Kosmos richtete. Zudem war ich ob meines Forschungsgegenstandes häufig auf Informationen angewiesen, die mir nur unter dem Mantel der Vertraulichkeit zugänglich gemacht wurden.

Vertraulichkeit setzt Vertrauen voraus, und das erklärt sich bei einer ganzen Reihe von Informanten (Sergio, Severo, Tadeo, Bernardo, Carlos, Reiner, Felipe) insbesondere aus unserer gemeinsamen Interessenlage eines gemeinsam zu verwirklichenden Projekts, dessen Aktivposten, also diejenigen, mit denen wir schon rein quantitativ den meisten sozialen Kontakt hatten, überwiegend männlich waren. Gleiches gilt für die Ansprechpartner, die wir unter gesellschaftlichen Gruppen in der Region fanden. So waren die Repräsentanten politischer Parteien oder indigener Gruppen (Toyo, Chiquilin, Alberto, Antonio, Juan Carlos u.a.), die ein besonderes Interesse daran hatten, mit uns ins Gespräch zu kommen, ausschließlich Männer.

Und dann muss noch auf einen besonderen Aspekt informellen Austauschs im Beni hingewiesen werden. So entstammen, wenn die Namen Pedro, Mario, Alejandro, Juan Fernando, Leoncio, Rubén und Heinz fallen, die durch sie transportierten Daten fast ausschließlich geselligen Runden zu nachtschlafender Zeit, deren hohem Alkoholpegel ich mich meist nur durch den Hinweis auf meinen empfindlichen Magen entziehen konnte.

Schließlich sei noch die wichtigste Einschränkung genannt, was die Gültigkeit der meisten Daten betrifft: Sie gelten insofern in erster Linie für den gebildeteren Teil der Bevölkerung, als dass wir in aller Regel nur solche Interviewpartner befragt haben, die der spanischen Sprache mächtig waren. Die Teilnehmer an unserer Reporterausbildung, die mir in besonderer Weise als Informationsquelle dienten, gehörten dabei gewissermaßen einer Bildungselite innerhalb der Bevölkerung an, nämlich einer Gruppe von Personen, die bewusst Fortbildungsangebote wie das unsrige wahrnahmen und regelmäßigen Kontakt zu Ausländern pflegten. Was für weite Teile der Bevölkerung keinesfalls eine Alltagserfahrung darstellt.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil liefert sie einen Überblick über Geschichte und Gegenwart der Projektregion unter sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Gesichtspunkten. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Kommunikationsstruktur und die soziale Mobilität gelegt. Abschließend werden einige Akteure vorgestellt, die im weiteren Verlauf der Arbeit eine besondere Rolle spielen werden. Hierbei thematisiere ich auch meine eigene Position im Dorf.

Im zweiten Teil wird auf verschiedene grundlegende Aspekte der untersuchten Gesellschaft eingegangen. Die behandelten Punkte, wie „Religiosität“ oder „Frauen“, werden dabei nicht umfassend untersucht. Stattdessen geht es darum, in welcher Beziehung sie zum Grundthema meiner Arbeit stehen: Politik und Machtdiskurs. Da die einzelnen Abschnitte analytisch aufeinander aufbauen, kann der erste Abschnitt „Soziale Hierarchie und Konflikte“ als Einführung betrachtet werden. Alle folgenden Ausführungen und Analysen bauen auf diesen Abschnitt auf. Die Begriffe Politik, Macht, Hierarchie und Konflikt stecken das Thema dieser Arbeit umfassend ab.

Der dritte Teil liefert zunächst einen chronologischen Bericht unserer Projektarbeit, um dann in den Abschnitten 3.4. bis 3.7. den Bogen zu schlagen zu dem eben skizzierten Themenspektrum. Dabei geht es insbesondere um die Erfahrungen mit den politischen Autoritäten und mit den Entwicklungshelfern im Dorf, die wir während unserer Projektarbeit gemacht haben.

Meine Beschreibung geht, u.a. aus Rücksicht auf die Lesbarkeit meiner Arbeit, nur soweit ins Detail, wie ich es für das Formulieren meiner Thesen für notwendig erachte. Auf eine möglichst facettenreiche Dokumentation von Daten, etwa im Sinne von Clifford Geertzs „dichter Beschreibung“ von Wirklichkeit[6], verzichte ich zugunsten einer Konstruktion bipolarer Systeme. Indem ich Extreme innerhalb einer Gesellschaft herausstelle, zeige ich automatisch auch das Spektrum von Möglichkeiten auf, das sich zwischen ihnen bewegt.

Einen besonderen Wert lege ich dabei auf die Wiedergabe aus meiner Sicht exemplarischer Situationen, die pars pro toto immer einen Teil des Gesamtproblems aufzeigen. Ein solcher Ansatz führt unausweichlich zu einer anekdotenhaften Darstellung, die im Zweifelsfall lieber Widersprüche zulässt, als auf die ihm eigene Anschaulichkeit zu verzichten.

Das Bild, das ich auf diese Weise von der untersuchten Gesellschaft zeichne, weist Lücken auf. Die von mir ins Rampenlicht gerückten Vorkommnisse lassen andere Schlüsse zu, als die von meinen Informanten und mir angestellten. Wenn aber die Aufgabe eines Sozialforschers nicht darin besteht, unumstößliche Wahrheiten zu produzieren, bleibt er auch nicht seiner eigenen Beobachtungsgabe oder der Glaubwürdigkeit seiner Informanten ausgeliefert.

Sein Hauptaugenmerk liegt vielmehr auf dem Transparentmachen des eigenen Vorgehens. Nicht nur die Ergebnisse eines Prozesses, sondern auch den Prozess selbst hat er mitzuteilen, der zu dieser oder jener Schlussfolgerung geführt hat. Bewusst erlaube ich mir deshalb auch erkennbar subjektive und z.T. polemische Kommentare. Der ganze Stil der Arbeit bleibt dabei geprägt durch die zu großen Teilen journalistische Art der Datenerhebung. Was genaue Beobachtung und kritische Analyse impliziert, nicht aber zwingend ihre wissenschaftliche Überprüfbarkeit.

Dem von Robertson für die Culture Studies formulierten Ansatz folgend, dass es nicht darauf ankomme, die Kultur selbst, sondern das Problem der Kultur zu definieren[7], möchte die vorliegende Arbeit insbesondere auf bestimmte Problematiken hinweisen, Ansatzpunkte für mögliche Lösungen zeigen und konkrete Lösungsvorschläge machen, die nicht in wissenschaftstheoretische, sondern in projektplanerische Überlegungen münden und deren Tauglichkeit sich letztlich nur in der Praxis des Projektkontextes erweisen kann.

Dem Postulat folgend, dass sich die Theorie immer aus der Empirie ableitet, möchte ich die Arbeit daher nicht als wissenschaftliche Abhandlung, sondern als in erster Linie deskriptiven Erfahrungsbericht verstanden wissen, der nicht auf die objektive Darstellung einer Wirklichkeit der untersuchten Gesellschaft abzielt, sondern auf ein Sichtbarmachen des Kommunikationsprozesses zwischen mir, dem Forscher, und dem sozialen Umfeld, in dem ich mich bewegt habe.

Teil 1

1. Orientierung

1.1. Geschichte und Gegenwart - Vom Fischerdorf zum Touristenzentrum

Die ersten Wochen nach unserer Ankunft haben wir zur Orientierung und Evaluation genutzt. Hierzu haben wir uns mit den in Rurrenabaque und der Region ansässigen Institutionen vertraut gemacht, uns bei der Bevölkerung und den politischen Autoritäten vorgestellt und bekannt gemacht, an welchem Projekt wir arbeiten. Ziel war dabei zunächst, die Motive für den Aufbau eines Bürgerradios in der Region nachzuvollziehen und zu dokumentieren.

Das Projektgebiet umfasst eine Region von 120 km um die Gemeinde Rurrenabaque, einem Dorf mit ca. 9 000 Einwohnern an der Schnittstelle zwischen den Provinzen La Paz und Beni. Ziel des Projekts ist der Aufbau eines Bürgerradios für den Nordosten Boliviens, das eine Bevölkerung von ca. 35 000 Menschen erreichen soll.

Kommunikationsstrukturen zwischen Stadt und Land fehlen in dieser Region fast völlig. In vielen Gemeinden fehlt es an Wasser und Strom, geschweige denn, dass sie ans Telefonnetz angeschlossen wären.[8] Privater Postverkehr findet auf dem Land praktisch nicht statt[9]. Aufgrund des schlechten Zustands der Straßen, der dürftigen ökonomischen Situation der meisten Familien und des lückenhaften öffentlichen Fernverkehrs ist zudem die Mobilität stark eingeschränkt.

Printmedien gibt es ausschließlich auf nationalem Niveau und finden kaum Nachfrage[10]. Fernseh- und Rundfunkstationen senden ebenso national oder sind auf regionale Reichweite und kommerzielle bzw. staatstragende Sendekonzepte beschränkt. Das einzige moderne Kommunikationsmedium, das von den Einheimischen nennenswert frequentiert wird und hauptsächlich der Kommunikation innerhalb der Region dient, ist der Funkverkehr[11].

Das Projektgebiet ist gekennzeichnet von einem hohen Grad sozialer Dynamik. Die gesamte Region war ursprünglich von Tacanas und einer kleinen Gruppe von Esse-Ejas besiedelt, Wildbeutervölkern, die hauptsächlich vom Jagen und Fischfang lebten. In den vergangenen 25 Jahren kam es zu einer massiven Unterwanderung der indigenen Bevölkerung durch ethnische Gruppen aus dem bolivianischen Hochland, namentlich Aymara und Quechua, die heute die größte Bevölkerungsgruppe bilden (35%), Mestizen (20%) und Chimanes/Mosetenes (10%). Die Tacanas machen heute nur noch 30% der Bevölkerung aus (Esse-Eja: 5%[12]),wobei die Verdrängung im dörflichen Raum augenscheinlich höher ist als im ländlichen.

Bis Anfang der 80er Jahre war das Dorf nur auf dem Luft- und auf dem Wasserweg zu erreichen gewesen. Ein Zielgebiet fast ausschließlich für Wildjäger, Goldsucher, Abenteurer und Missionare. Mitte der 70er Jahre verirrte sich ein Israeli in das Dschungelgebiet um Rurrenabaque. Er galt monatelang als verschollen. Von den Einheimischen der von westlicher Zivilisation beinahe unberührten Gemeinden am Rio Beni wurde er mit großer Gastfreundschaft aufgenommen. Über seine Erlebnisse verfasste er ein Buch, das in seiner Heimat zum Bestseller wurde. Seither ist Rurrenabaque das Reiseziel Tausender israelischer Touristen jedes Jahr. 15 000 Besucher werden inzwischen jährlich gezählt[13]. Jeder zweite stammt aus Israel.

Zur letzten großen und einschneidensten Einwanderungswelle kam es mit der Erschließung der Landverbindung nach La Paz im Jahre 1981. Rurrenabaque war damals ein verschlafenes Fischerdorf mit kaum 3 000 Einwohnern. Innerhalb von nur 10 Jahren verdreifachte sich die Einwohnerzahl. Nach Gold, Schildkrötenpanzern, Tigerfellen, exotischen Vögeln und Krokodilshäuten begann nun die Ausbeutung der Ressource Tropenholz. Viel Kapital, häufig aus dem Cocaanbau um Cochabamba und aus den Yungas, wurde in die Region gespült. Viele Neureiche tauchten in dem gesetzlosen Raum des Beni unter. Mit der neuen Industrie kamen Menschen in die Fremde, die ihre Kultur, ihre Bildung und Lebensweise mitbrachten. Das bedeutete auch die Einführung von Handel und Landbau im großen Stil.

Viele Tacana konnten sich mit der neuen Lebensweise nicht mehr identifizieren, wanderten in Dörfer des Hinterlandes ab (Tumupasa, Ixiamas) oder gründeten neue Gemeinden entlang des Río Beni. Vielen muss die rasante

Entwicklung dieser Jahre wie eine Invasion vorgekommen sein. Einige wenige einheimische Familien freilich profitierten von den Veränderungen, weil sie sich rechtzeitig auf die neuen Verhältnisse einzustellen wussten und häuften in kurzer Zeit einen immensen Reichtum an.[14] Jede Ressource freilich, die ohne Rücksicht auf Verluste ausgebeutet wird, erschöpft sich mit der Zeit.

So war es mit dem Gold, mit den Tieren des Dschungels und mit dem Dschungel selbst. In wenigen Jahren wurden große Teile im unmittelbaren Umkreis des Dorfes vernichtet. Den Tacana und Esse-Eja. Die von dem gelebt hatten, was ihnen der Dschungel gegeben hatte, war die alte Lebensgrundlage entzogen. Was da stattfand, war eine Art postkoloniales Trauma: nicht durch weiße Europäer waren sie erobert worden, sondern durch Einwanderer aus dem bolivianischen Hochland, Indianern und Mestizen, die unter dem Namen der anteilig größten Gruppe unter ihnen zusammengefasst wurden: den Aymara oder Collas.

Anfang bis Mitte der 90er Jahre gab es einen weiteren tiefen Einschnitt in der Region: Internationale Umweltorganisationen errichteten auf beiden Seiten des Flussufers zwei große Nationalparks. Der Holzeinschlag wurde unter strenge Kontrolle gestellt. Und diesmal war es ein ausländischer, ein weißer Eingriff in das Leben der Menschen, der vielen Menschen urplötzlich wieder die Lebensgrundlage entzog.

Das Lebensgefühl der Menschen in der Region ist bis heute von einer gewissen Unsicherheit geprägt. Zur hohen sozialen Dynamik kam die wirtschaftliche Dynamik, die einige wenige steinreich machte und vielen anderen das Gefühl vermittelte, den Zug verpasst zu haben. Die Jahrhunderte lang gewachsene Bindung der Tacana an die Erde des Beni scheint in Frage gestellt.

Die „Macht des Geldes“ als ein neues, von außen in die Region getragenes Tauschsystem, überdeckt traditionelle Wertvorstellungen und Identitäten. Der Verlust sozialer Bindungen geht einher mit wirtschaftlicher Ungewissheit. Arbeitsaufkommen, Mobilität[15] und Umweltzerstörung bringen unbekannte Bedrohungen für die Gesundheit und das Leben der Menschen mit sich. Touristen kommen und gehen. Entwicklungsprojekte tauchen auf und verschwinden. Sogar das Klima verändert sich.

Die Region ist ein klassisches Randgebiet. Die geographische Ferne zu den jeweiligen Hauptstädten der Provinzen Beni (Trinidad) und La Paz führte zu einer jahrzehntelangen politischen und ökonomischen Vernachlässigung.[16] Die kommunale Politik ist durch Regionalismus und Familismus geprägt. Rurrenabaque wird seit Jahrzehnten praktisch von einer einzigen Familie regiert, die neben den Spitzenämtern der wichtigsten Parteien u.a. anderem auch das einzige Lokalradio kontrolliert.

Das demokratische Bewusstein ist unterentwickelt. Rund 40% der Bevölkerung lebt ohne amtliche Registrierung. Recht und Gesetz werden von charismatischen Führern, anstatt von Institutionen bestimmt. Die fehlende demokratische Kontrolle führt zu einem System von Korruption und Patronage, in dem nicht erst seit dem Inkrafttreten des Ley de Participación Popular (Bürgerbeteiligungsgesetz/1995) massenweise Staatsgelder versacken.

Die konservative politische Haltung der Bevölkerung ist freilich auch Ausdruck des alle Lebensbereiche durchdringenden Konfliktes zwischen den einheimischen „Cambas“ und den „Colla“-Einwanderern aus dem Hochland. Letztere kontrollieren praktisch die gesamte Wirtschaft. Insofern liegt in der einseitigen politischen Machtverteilung durchaus ein stabilisierender Faktor für die Region.

Die Analphabetenrate erreicht in den Landgemeinden bis zu 90%. Insbesondere unter der esse-eja-, chiman- und quechuasprachigen Bevölkerung gibt es einen hohen Anteil derer, die der spanischen Sprache nicht mächtig sind[17]. Unter dem niedrigen Bildungsstandart haben vor allem die Frauen zu leiden.

Von den Männern ausgehende familiäre Gewalt ist an der Tagesordnung, Fehlende Aufklärung und Familienplanung, häufige Partnerwechsel und zufällige Schwangerschaften können weder sozial noch ökonomisch kompensiert werden. Dass eine alleinstehende Frau mit Erreichen der Volljährigkeit zwei Kinder ernähren muss, ist eher die Regel denn die Ausnahme. An eine auch nur halbwegs vielversprechende schulische Ausbildung ist unter diesen Umständen nicht zu denken.

Die demographische Struktur der männlichen Bevölkerung ist gekennzeichnet von einem hohen Anteil Alter und Kinder. Beschäftigungsfelder und Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen, die die Schule verlassen, sind so rar, dass ihnen, so sie es sich leisten können, kaum eine andere Möglichkeit bleibt, als in die Städte abzuwandern.

Das Ley INRA (seit 1994) hat offenbar zu einer erheblichen Entspannung bezüglich der Konflikte um das Landrecht geführt, so dass das Thema fast ausschließlich von den Esse-Eja thematisiert wird. Den Mitgliedern dieser ärmsten und gesellschaftlich am wenigsten integrierten ethnischen Gruppe[18], die weder über Schusswaffen noch über einen Benzinmotor verfügen und deren einzige ständige Einkunftsquelle der Fischfang darstellt[19], ist von der Regierung ein Land zugeteilt worden, das fernab von jeglicher Anbindung an das Dorf liegt.

Dasselbe wird inzwischen als Bananenplantage genutzt. Die neugegründete Gemeinde der Esse-Eja liegt 80 Minuten Fußweg von San Buenaventura, der Nachbarstadt Rurrenabaques am gegenüberliegenden Flussufer, auf einem Privatgrundstück. Die 166 Bewohner von Copacapana sind erst seit März 1999 sesshaft. Zuvor lebten sie, über die gesamte Region verstreut und von Zeit zu Zeit ihren Standort wechselnd, an den Ufern des Beni. Obwohl die Esse-Eja dort im Laufe unseres Aufenthaltes 40 Hütten errichten, sind mit der Inhaberin bislang keinerlei Vereinbarungen über die Höhe der Mietzahlungen getroffen worden.

Die fehlende physische und kommunikative Mobilität wird durch alle Bevölkerungsschichten hindurch beklagt. Als besonders gravierend muss die Situation der selbständigen Landbauern betrachtet werden, die meist über keine eigenen Fahrzeuge verfügen. Für die Anlieger am Fluss und der Landstrasse Richtung La Paz gibt es zwar ein relativ gut funktionierendes System des Transportes per Anhalter. Dabei müssen allerdings halbtägige Wartezeiten einkalkuliert werden.

Bezahlt wird häufig mit Sachmitteln. Doch gibt es auf dem Fluss überhaupt keinen regelmäßigen Verkehr. Gleiches gilt für die Strasse nach Tumupasa vom gegenüberliegenden Flussufer aus, die von Lastwagen nur sporadisch befahren wird. Die Strasse nach Reyes (zum Flughafen) wird hauptsächlich von Kleinbussen ohne große Transportkapazitäten befahren. Da die Bergstrasse nach La Paz z.T. nur in einer Richtung befahrbar ist, kommen die ersten Lastwagen häufig erst in den Mittagsstunden in Rurrenabaque an. Für den Verkauf auf dem Markt ist es dann bereits sehr spät.

In der Praxis werden ein Grossteil der landwirtschaftlichen Güter zu Spottpreisen von einigen wenigen Grossunternehmern aufgekauft, die regelmäßig mit ihren LKWs über das Land fahren. Dabei sind die Bauern weder über die jeweils gültigen Preise, noch über alternative Absatzmöglichkeiten informiert. Nicht umsonst wurde das Radioprojekt von der regionalen Bauerngewerkschaft FECAR ins Leben gerufen, in der ein großer Teil der Landbauern mit ihren Familien, insgesamt rund 6000 Menschen, organisiert sind.[20]

Das Gefühl von Lebensunsicherheit wirkt sich auch auf die kulturelle Identität der Menschen aus. Unter den Tacanas gibt es das häufige Phänomen, dass sie ihre eigene Herkunft verleugnen, indem sie sich Colla -Namen aneignen. Traditionelle Kultur und Bräuche werden als minderwertig gebrandmarkt, leben nur im verborgenen fort oder gehen ganz verloren. Musiker, die das traditionelle Liedgut der Region überliefern, finden keine Möglichkeit, ihr Wissen einem größeren Publikum zu vermitteln. Viele haben die Region aus diesem Grund verlassen. Die Chancen, die der Tourismus diesbezüglich bietet, bleiben bislang ungenutzt.

Welcher Art sind die sozialen Spannungen, die sich aus einer solchen Grundkonstellation ergeben? Wer sind die Akteure im sozialen und politischen Konflikt? Welche Funktion haben diese Konflikte, und wie werden sie gelöst? Auf welcher Kommunikationsebene spielen sich Konflikte ab, und gibt es eine Metaebene der Kommunikation, auf den ersten Blick unsichtbare Diskurse, die diese Konflikte womöglich in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen?

1.2. Akteure

Wer sind die Akteure im politischen Diskurs des Dorfes? Im Laufe von sechs Monaten, da man selbst ein Teil des Lebens dieser Stadt geworden ist, begegnen einem eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, die und nicht nur Rückschlüsse zulassen auf die kulturellen Besonderheiten der Menschen im bolivianischen Amazonas, sondern insbesondere auf die politische Aufteilung der Macht und jene zwischen den Geschlechtern. Auch wenn eine schlüssige Interpretation der folgenden Protagonisten und Ereignisse hier noch ausbleiben muss, so halte ich im Zusammenhang mit dem Thema doch für zentrale Bedeutung, was sich zusammenfassen lässt unter jenem Titel, auf den der geneigte Leser bereits in der Überschrift dieser Arbeit gestoßen ist:

Liebe, Macht und Korruption

Da ist Toyo Negrette, ein rhetorisch begabter Analphabet, der seit 24 Jahren im Rathaus sitzt und den Inbegriff des korrupten Provinzpolitikers verkörpert. Mit dem ich vier Monate Tür an Tür wohne und der sich nicht nur seinen Platz als Abgeordneter sichert, indem er zwei Tage vor der Wahl ein ganzes Indianerdorf kauft, sondern auch versucht, mich mit seiner Tochter zu verheiraten. Und das nur, um die einzige unabhängige Presse des Dorfes auf seiner Seite zu haben. Weil er keine andere Form der Machterhaltung kennt als die Erpressung.

Da ist der 26jährige Vorzeigealibikandidat der ADN (der Partei des aktuellen Präsidenten Hugo Banzer) Juan Carlos Haensel, der erst die Wahl verliert, dann aber zur Schlüsselfigur für die Ernennung des Bürgermeisters wird, allen Prognosen, Vorgaben der eigenen Partei und handfesten Angeboten widersteht und zum nationalen Helden aufsteigt. Weil ihm politische Interessen wichtiger sind als persönliche.

Da ist der an seiner eigenen Militanz gescheiterte reportero und populistische Politclown Severo Condori, der mit aufklärerischen Dokumentarvideos über die Dörfer zieht und die Revolution ausruft, über Nacht eine Kandidatenliste verschwinden lässt, sich zum Lider der Kommunistischen Partei ausruft, seinem besten Freund damit die Chance auf den Bürgermeisterposten nimmt, bei den Wahlen keinen Pfifferling gewinnt und schließlich, gebrochenen Herzens und von allen guten Geistern verlassen, in sozialer Isolation landet. Weil er sich einen kleinen Spaß erlaubt hat.

Da ist Consuelo Mamani (noch eine reportera), die ihren Ehemann zuerst betrügt und dann mit allen vier Kindern verlässt. Der Ehemann verfolgt, beraubt, bedroht und verprügelt sie. Sie erkrankt und hat kaum Geld zum Überleben. Doch ist sie es, die ihren Job als Präsidentin einer Frauenorganisation verliert und von ihrer Gemeinde schließlich zur unerwünschten Person erklärt wird. (Ein Mitglied des Comité Pro-Radio beteiligt sich an dieser modernen Form der Inquisition.) Als ihre Nachfolgerin in derselben Organisation später zu einem Studiointerview eingeladen wird, boykottiert sie dieses in dem Augenblick, als sie erfährt, dass Consuelo an der Sendung beteiligt ist.[21] Im Dezember eröffnet die Organisation ein Geschäft zum Verkauf von Kunsthandwerk. Consuelo darf dort nicht einmal einen Hut verkaufen. Weil sie auf ihr Recht auf Selbstbestimmung gepocht hat.

Da ist Ademar Rea, korrupter Kraftbolzen und Direktor der Unidad Forestal, mit sieben bis dreizehn Kindern von vier bis neun verschiedenen Frauen[22], der sich für den König des Dschungels hält, gleichzeitig seiner Ehefrau nachstellt und seine hübsche Geliebte bis aufs Blut verteidigt, indem er die ausländische Konkurrenz, mit dem Hinweis auf sein Heimrecht, mit der Pistole bedroht, daraufhin zum Gespött des Dorfklatsches wird, seinen Job im Rathaus verliert und schließlich Hals über Kopf das Dorf verlässt. Weil der Dschungel doch seine eigenen Gesetze hat.

Da ist Elena Ferreira, ambitionierte Kommunikationsstudentin, talentierte reportera und Radiosprecherin, die sich von eben jenem Pistolen-Gaucho zwei Monate lang beschimpfen, schlagen, zu Hause einsperren und zu allem Überfluss auch noch schwängern lässt, gleichzeitig eine versteckte Affäre mit einem deutschen Entwicklungsstipendiaten beginnt, sich von diesem im Flugzeug nach Santa Cruz entführen lässt, aber nach drei Tagen, als dieser ihr nicht sein Leben, sondern bloß einen Au Pair-Job in Deutschland verspricht, mit dem Geld, dass sie ihm für einen Schwangerschaftsabbruch abgetrotzt hat, schließlich doch wieder das Weite sucht, um mit dem anderen Weihnachten zu feiern. Weil sie sich irgendwie nicht entscheiden konnte.[23]

Meine eigene Doppelrolle als Sozialforscher und Journalist im Dorf ist durchaus problematisch. Das beginnt mit dem simplen Problem, dass der Repräsentant eines Radioprogramms nur schwer konstruktive Kritik über sein Radioprogramm zu Gehör bekommt. Von der bolivianischen Höflichkeit wird noch die Rede sein: "Wie war’s ?" "Gut war’s !" "Keine Kritik ?" "Gut, nichts weiter." Und das nächste Mal: "Toll, wird jedes Mal besser." "Was war denn dieses Mal besser, als das letzte Mal ?" "Nichts war besser, aber anders war’s, irgendwie…irgendwie interessanter." "Und was war interessanter ?" "Nichts, ich meine: alles, na ja, die Interviews, die Reportagen und was so gesprochen wurde." (Soweit mehrere gescheiterte Interviewversuche mit der Inhaberin des "Snack Papillon".)

Der Journalist ist die Person, die mit allen spricht und demzufolge Zugang zu Informationen hat, die andere so ohne weiteres nicht haben. Doch ist es bisweilen eine andere Ebene von Information, als diejenige vom Sozialforscher erwünschte. Dem Journalisten werden Einzelheiten verschwiegen, weil immer die Sorge mitschwingt, er könnte einen mit unangenehmen Wahrheiten in der Öffentlichkeit bloßstellen. Der Sozialforscher kann eine andere Ebene von Vertrauen aufbauen und sich im besten Fall als einer tarnen, der aus bloßem Interesse Fragen stellt.

Die andere Seite der Medaille: Womöglich gelingt es ihm in Einzelfällen nicht, den Grund für ein Interview zu rechtfertigen. Der Journalist, eine öffentliche Person im Dienste der Demokratie, hat solche Probleme nicht. Nach zwei Monaten in Rurrenabaque standen mir als "Direktor des Radioprogramms" alle Türen offen. Insofern denke ich, dass mir meine Position als Journalist, bezüglich des freien Zugangs zu Informationen, letztlich mehr Vor- als Nachteile brachte.

Freilich stellt sich die Frage, ob hinter dem oberflächlichen Diskurs von Respekt und Achtung, der ich von den politischen Autoritäten im Dorf entgegengebracht wurde, nicht ein ganz anderer Diskurs stand, nämlich jener der Vereinnahmung und des Versuchs, mich für ihre jeweiligen politischen Ziele zu gewinnen. Entscheidend war dabei wohl, dass ich als Verantwortlicher des Radioprogramms auch gleichzeitig als Verantwortlicher des Projekts angesehen wurde, eines Projekts, von dem erwartet wurde, dass es die Kommunikationsstrukturen – und damit auch die Machtverhältnisse - in der Region grundlegend verändern würde. Insofern wurde mein ohnehin hoher Status als Ausländer durch das Machtpotential verstärkt, das mir durch meine Tätigkeit zuteil wurde.

Diese Macht war freilich zunächst virtuell. Denn solange unser Programm vom Wohlwollen der Inhaber des einzigen Radios im Ort abhing, das zudem der Familie des Bürgermeisters gehörte, war meine reale Macht gering. Erst mit fortschreitendem Projekt und dem Erwerb von Anerkennung durch die Bevölkerung, gewann ich, als Bestandteil des öffentlichen Lebens des Dorfes, auch tatsächlich an Profil.

Teil 2

2. Politik und Machtdiskurs

2.1. Dr, Langfinger und die Schönheitsköniginnen - Soziale Hierarchie und Konflikte

Der augenscheinlich dominanteste Konflikt spielt sich zwischen Cambas (Tieflandindianer) und Collas (Hochlandindianer) ab. Allgemein liegt ein interessanter Aspekt in der schlichten Art der Bolivianer, Menschen zu definieren. Man könnte es, auf den Amazonas bezogen, eine Art "tropischen Rassismus" nennen.

Das Verhältnis von Collas und Cambas ist dabei von gegenseitigem Misstrauen und Feindschaft geprägt.

"Seit die Collas hier sind, geht es mit dem Dorf bergab ",

sagt eine Einheimische.[24]

"Seit die Collas hier sind, geht es mit dem Dorf bergauf",

sagt ein Zuwanderer.[25] Das beliebteste Stereotyp über die Collas drückt sich in dem Wort hipócrita (von span. = verlogen, heuchlerisch) aus. Colla -Frauen gelten als „dick und hässlich“.

Vielleicht erfreuen sich bei den Einheimischen aus diesem Grund Schönheitswettbewerbe so großer Beliebtheit. Hier können die Camba -Mädchen gegenüber den Colla -Frauen glänzen, die nur deshalb studieren müssten, weil sie, so der Volksmund, „zu hässlich seien, um einen Mann zu finden.“[26]

Umgekehrt spotten Collas über die „faulen“ und „dummenCambas. Der Witz vom „alcalde corrupto“ ist hierfür ein prägnantes Beispiel:

„Bürgermeister Toyo hat Besuch von einem hohen Parteifunktionär aus La Paz. Natürlich ist er bemüht, die Situation im Dorf in den schönsten Farben zu malen. Zu seinem Unglück haben sich die Bewohner des Dorfes gerade heute zu einer Demonstration versammelt. Auf einem Spaziergang durch das Dorf sehen der Bürgermeister und sein Gast den Demonstrationszug herannahen. Die Demonstranten tragen ein Transparent vor sich her, auf dem in großen Lettern geschrieben steht: „Alcalde corrupto“ (Der Bürgermeister ist korrupt.). „Was machen denn die vielen Leute auf der Strasse“, fragt der Gast des Bürgermeisters, „demonstrieren die etwa gegen Dich?“. Toyo blickt beunruhigt auf. Dann entdeckt er das Transparent und antwortet erleichtert: „Aber nein! Sieh doch, was auf dem Transparent steht: Alcalde correcto! (Der Bürgermeister ist der Richtige.)“[27]

Der Witz stammt nachweislich aus dem Umfeld der Collas. Für viele ist der Politiker der Inbegriff des plumpen Dschungelkönigs. Und doch bleibt es heute durchaus nicht mehr den Collas vorbehalten, sich über den Analphabetismus ihres Dorfvorstands lustig zu machen.

Evident sind die Unterschiede zwischen Collas und Cambas nur in der Machtverteilung: So liegt die politische Macht in Rurrenabaque in den Händen der Cambas (um genau zu sein in den Händen einer einzigen Familie – drei von fünf Abgeordneten in der aktuellen Gemeindeversammlung tragen den Nachnamen Arze). Colla- Parteien haben keine Chance bei den Wahlen, was als Reaktion der Cambas auf die wirtschaftliche Dominanz der Collas interpretiert werden könnte, deren als Invasion empfundene Geschäftstüchtigkeit die wirtschaftliche Macht zweier Camba -Familien im Ort (Tudela, Elena) zumindest massiv beschneidet[28].

Alle anderen Menschen, die Nicht-Bolivianer, werden derweil, entgegen jeglicher etymologischer Logik, als Gringos tituliert. Eine Bezeichnung, von der viele wissen, dass sie im mexikanisch-amerikanischen Krieg eine Parole war, mit der („Greens go !“) uniformierte GIs zum Teufel geschickt wurden.[29] Und Gringos sind heute alle, ob Amerikaner oder Europäer, ob Soldat, Entwicklungshelfer oder Rucksacktourist. Sowohl Cambas, als auch Collas scheinen den Ausländern gegenüber ein pauschales Verhältnis entwickelt zu haben, das eine Mischung ist aus Bewunderung und Neid. Faule Cambas, arrogante Collas, reiche Gringos: Woher kommen solche Vorurteile, was ist wahr an ihnen, und was bewirken sie?

Die faktische Verdrängung der Cambas aus dem Dorf manifestiert sich in einer symbolischen Eroberung von Räumen nahe dem Plaza durch Collas und Gringos. Um den Plaza gruppiert sich das klassische Machtzentrum mit repräsentativen Gebäuden, die größtenteils aus den 50er Jahren stammen und durch Missionare und das Militär errichtet worden sind: das Rathaus, die Provinzverwaltung mit Gemeindesaal, Polizei, Staatsfernsehen, Kirche und kirchliches Schulungszentrum, Oberschule, Militärtaverne. Ferner finden sich zwei Hotels am Plaza. Schräg gegenüber des Rathauses hat das Entwicklungsprojekt „Pilon Lajas“ sein Zentralgebäude errichtet[30] und kürzlich auch die Partei MNR. Nahe des Plaza finden sich zahlreiche weitere Hotels, Restaurants und Reisebüros, eine Karaokebar, das Telekommunikationszentrum und die Radiostation „F.M. 98,1“.

Aufgrund der ungünstigen Topographie an der Südseite des Dorfes (steil abfallende Hügel zum Ufer hin), fand die Expansion des Dorfes ausschließlich in nördlicher Richtung statt. Der Plaza als ehemaliges Dorfzentrum wurde an den südlichen Rand des Dorfes verdrängt, womit er seine Funktion als Kommunikationszentrum verlor. Dieses verlagerte sich in die Geschäftszentren am playa (=Strand/Volksmund für Hafen) und dem mercado (der Markthalle)[31], nachts in die Vergnügungsmeile der Avenida Arce, wo sich neben zahlreichen Restaurants für Einheimische noch jeweils zwei Diskotheken und Karaokebars befinden.

Der Plaza wurde dadurch zu einer Art geweihtem Ort, der wochentags fast ausschließlich von Angestellten der dort befindlichen Institutionen betreten wird, die ihrerseits beinahe ausnahmslos einer elitären Oberschicht angehören. Auf dem Plaza ist ständig ein Polizist präsent, der die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung, den Einbahnstraßenkreisverkehr anmahnt. Aus verkehrstechnischer Sicht macht das wenig Sinn, da der weitläufige Platz selten von mehr als zwei Fahrzeugen gleichzeitig befahren wird, Verkehr im eigentlichen Sinne (Ausnahme Sonntag) also gar nicht stattfindet.

Interessanterweise widersetzt sich ausgerechnet der Corregidor (Regionalverwalter) mit seinem Jeep regelmäßig dieser Anordnung der Bürgermeisterei, was zum einen auf den realen Konflikt zwischen beiden Institutionen hinweisen könnte, zum anderen auf einem generellen Misstrauen der Cambas Institutionen gegenüber, in diesem Fall durch den Repräsentanten einer Institution selbst (was so widersinnig nicht ist, wie es auf den ersten Blick scheint – s.a. Abschnitt „Institutionen und Recht“).

Immer sonntags kommt es zu einer symbolischen (Rück-)Eroberung des Plaza durch die Bevölkerung. Pünktlich um sieben mit Beendigung des Gottesdienstes beginnt ein allwöchentliches Ritual: Plötzlich strömen Hunderte von Menschen auf den Platz. Viele von ihnen haben sich in Schale geworfen. Eine Militärkapelle spielt auf. Der Brunnen in der Mitte wird zum Kinderspielplatz. Fliegende Händler verkaufen zwar Empanadas, Refrescos und Zigaretten. Doch ist ihr Erwerb keine Voraussetzung für die Teilnahme am Ritual, Klassenunterschiede spielen keine Rolle mehr.

Ähnlich wie die Schönheitswettbewerbe hat das Ritual hauptsächlich repräsentative Funktion. Es geht um Kommunikation auf der visuellen Ebene[32] - sehen und gesehen werden: Die Jungs des Dorfes fahren mit ihren Mopets Karussell um den Platz, die Mädchen marschieren auf am äußersten Rand des Parks, dem Außenring des Mittelkreises, übrigens fast ausschließlich gegen den Uhrzeigersinn. (Ein Hinweis auf die Anpassungsfähigkeit der Leute, die den Ritualcharakter des Ereignisses unterstreicht: Man will nicht „aus der Rolle fallen“.) Einige der Mädchen lassen sich zu einer Rundfahrt auf einem der knatternden Gefährte bewegen. Wer von den Mopetjungs ohne Besatzung bleibt, wird zum Gespött seiner Mitstreiter.

Die Gebäude rund um den Plaza werden hauptsächlich von Ausländern und Colla -Familien frequentiert. Nur an der Südseite hat sich ein Straßenzug gehalten, der fast ausschließlich von Camba -Familien bewohnt ist, darunter auch Bürgermeister Toyo und zahlreiche seiner Verwandten. Toyo hält sich seit 24 Jahren in verschiedenen politischen Positionen im Rathaus. Sein politischer Erfolg dürfte auch dadurch begründet sein, dass er sich als eher einfach gestrickter Camba (er hat die Oberschule nie besucht) in diesem Umfeld hat behaupten können. Nach dem Motto: “Toyo ist einer von uns, der hat es geschafft, sich nicht verdrängen zu lassen[33].

An der Nordseite des Plaza, um die Parallelstrassen Comercio und Avaroa (in der sich auch die Markthalle befindet) , erstreckt sich das Handelsviertel, eine Siedlung von Holzhäusern, die fast ausschließlich von Collas bewohnt werden. Bis zur Calle Aniceto Arce reicht dieses relativ homogene Viertel von Läden und kleinen Restaurants über insgesamt vier Blöcke.

Danach gibt es einen Bruch in der Struktur, denn nördlich der Avenida Arce befinden sich fast ausschließlich Wohnhäuser aus Holz[34], die zur Peripherie hin einen zunehmend provisorischen, barackenhaften Charakter annehmen. Dieses Viertel wiederum ist hauptsächlich von Cambas bewohnt. Einen Hinweis darauf, dass sich hinter dieser räumlichen Struktur auch ein hierarchisches Gefälle zwischen Arm und Reich verbergen könnte, gibt die Aussage einer wohlhabenden Camba -Dame, Inhaberin mehrerer Immobilien im Handelsviertel, darunter einer stillgelegten Karaoke-Bar:

„Die dort in den Holzhäusern wohnen, sind alle mala gente (schlechte Leute).“

Allgemein ist festzustellen, dass auf Klassenunterschiede erheblichen Wert gelegt wird. Nancy etwa, eine Schwägerin der Adelsfamilie des Präsidenten Hugo Banzer, die als Wohltäterin und Repräsentantin des Comité de Vigilancia die Interessen der armen Leute vertritt, behandelt ihre eigenen Hausangestellten nicht selten mit einer gewissen Abfälligkeit, lässt sie z.B. nicht zur selben Zeit am selben Tisch essen.

Ausdrücklich gegen die Cambas richtet sich die Bemerkung Guadalupes, einer der glücklichen Colla -Frauen, die beim Bau der Markthalle 1997 eine der sechs ausgeschriebenen Saftmixerlizenzen zugeteilt bekamen:

Cambas sind dumm und verantwortungslos. Sie lassen ihre Kinder arbeiten, anstatt sie zur Schule gehen zu lassen.“

Eine andere Aussage lautet:

„Die im Wald und am Fluss leben, sind überhaupt keine Menschen. Das sind

Tiere!“

Gemeint sind die Esse-Eja, deren Kinder darauf angewiesen sind, in den Strassen des Dorfes um Brot zu betteln. Obwohl diese unverhohlen rassistische Aussage von der österreichischen Einwanderin Astrid stammt, spiegelt sie dennoch das Klima wider, das in Teilen der Gesellschaft herrscht. Laut Felipe sind solche und ähnliche Statements auch von Bolivianern zu hören, gerade von solchen, die selbst nicht über ausreichende Geldmittel verfügen.

Abb. 4: Dorfplan Rurrenabaque (schematisch)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diskriminierungen dieser Art haben gewiss auch mit dem Ausbleiben sozialer Verstrebungen zwischen den einzelnen ethnischen Gruppen zu tun. Unter den Bewohnern von Copacapana gibt es nur einen einzigen Esse-Eja-Tacana-Mischling. Den Eindruck, den die Kinder der Esse-Eja in Rurrenabaque vermitteln, prägt das Bild der gesamten Gruppe bei der Bevölkerung. Denn mit Ausnahme der verhandlungsschwachen Fischverkäufer[35] haben Esse-Eja praktisch keinerlei Kontakt zum Rest der Bevölkerung.

Selbst zu ihrer Partnergemeinde Porta Nuelo, die eine Sechstagesreise (300 km) flussabwärts liegt, haben die Esse-Eja eine engere Beziehung, als zu den Menschen in und um Rurrenabaque. Einmal im Jahr (zwischen Dezember und März) bricht ein Trupp von 15 bis 20 Männern zur gemeinsamen Ernte (Gummi, Mandeln, Kastanien) und dem anschließenden Verkauf auf dem zwei Tagesreisen weiter gelegenen Markt in Riberalta auf.

Der Alltag der meisten Chimanes/Mosetenes, aber auch vieler Tacana und Quechua sieht kaum anders aus. Abgesehen von den sprachlichen Hindernissen, besteht aus der Sicht der Menschen auch kaum ein Anlass, kulturelle Barrieren zu überwinden. Das soziale Aktionsfeld der eigenen Gemeinschaft, so die Alltagserfahrung der Menschen, bietet Schutz, Sicherheit und die Gewissheit, verstanden zu werden.

Je niedriger die jeweilige Gruppe freilich in der gesellschaftlichen Hierarchie angesiedelt ist, desto weniger ist eine offenen Ablehnung des anderen und Fremden zu konstatieren und desto eher der Wunsch spürbar, Anschluss zu finden an andere gesellschaftliche Gruppen in der Region. Dies drückt sich auch in konkreter sozialer Aktion aus. So wird kein Esse-Eja eine Einladung ausschlagen, ganz egal, ob es sich um ein Reporterseminar handelt oder wenn handfeste Unterstützung beim Decken eines Daches benötigt wird.

Im Gegenteil erscheinen meist viel mehr als die angefragten oder benötigten Teilnehmer, häufig mitsamt ihrer Frauen und Kinder. Ihr deutliches Bemühen, gesellschaftlichen Normen gerecht zu werden, führt dabei sogar zu deren Übererfüllung. So ist die 30köpfige Delegation der Esse-Eja im August 1999 die einzige, die pünktlich um 8 Uhr morgens zu einem Fortbildungsseminar im Gemeindesaal Rurrenabaques erscheint. Im allgemeinen werden diese Art von Veranstaltungen aber zwei Stunden früher angesetzt, als sie tatsächlich beginnen sollen, da ein pünktliches Erscheinen der Teilnehmer gar nicht erst erwartet wird.

Aber auch die oben beschriebene Fortsetzung hierarchischen Denkens nach unten durch vergleichsweise privilegierte gesellschaftliche Gruppen und Individuen hinterlässt ihre Spuren. Es liegt auf der Hand, dass diese Abgrenzungsmentalität Verhältnissen von Ungleichheit eher förderlich ist. An indisches Kastendenken erinnert sie in dem Augenblick, wenn sie ihre Entsprechung findet in einer Neigung zur Schicksalsergebenheit der armen Leute.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Elwert 1994

[2] Malinowski 1979, S. 29

[3] nach Methoden von Boal 1980 u.a.

[4] Nicht Himmelsrichtungen, sondern geographisches Gefälle prägen z.B. das räumliche Vorstellungsvermögen der Esse-Eja. Der in den südwestlichen Bergen gelegene Abschnitt des Beni findet sich demzufolge auf der von Häuptling Alberto Torres gezeichneten Karte oben, der flussabwärts gelegene Abschnitt unten.

[5] Barth 1977

[6] Geertz 1983

[7] Robertson 1994

[8] In Rurrenabaque selbst gibt es rund 200 Telefonanschlüsse. Etwa die Hälfte davon sind aufgrund unbezahlter Rechnungen abgestellt. Neuinstallationen werden von der Telefongesellschaft ENTEL aus dem selben Grund verweigert. Von den übrigen Leitungen dürfte ein großer Teil Institutionen (Militär, Nichtregierungsorganisationen) und Unternehmen der Privatwirtschaft (Hotels, Restaurants, Reisebüros) zufallen. Die Mitarbeiter des Telefonladens im Dorf geben an, dass ein großer Teil der Gespräche nach La Paz oder ins Ausland gehen. Da es nur drei Leitungen nach außerhalb gibt, bricht das Telefonnetz regelmäßig zusammen. (Sendung am 13.10.1999)

[9] Beim Postverkehr gibt es das gleiche Phänomen wie beim Telefon. Zwar gibt es ein Zentralpostamt im Dorf. Als Nutzer werden aber fast ausschließlich Institutionen, Ausländer und solche Einheimischen angegeben, die Verwandtschaft im Ausland haben. Aufgrund des passiven Systems der Postverteilung – die ankommenden Briefe liegen zur Abholung im Postamt bereit – erreichen nur etwa zwei Drittel der Briefe ihren Empfänger. Auf dem Land gibt es überhaupt keine Anlaufstelle. (Sendung am 13.10.1999)

[10] Drei Tageszeitungen sind zu erreichen; zwei „seriöse“, deren tägliche Verkaufszahlen bei jeweils 10-15 Exemplaren liegen. Als Käufer werden vor allem Ausländer und Mitglieder von Institutionen (Nichtregierungsorganisationen, Radio, Fernsehen, Militär) angegeben. Das Boulevardblatt „Extra“ wird bis zu 35 mal am Tag verkauft. Als Käufer werden überwiegend „junge Leute“ angegeben. Bezüglich der Gründe für den relativen Erfolg des Blattes nennt die Verkäuferin die Kreuzworträtsel und „bellas chicas mediadesnudas“ (halbnackte schöne Mädchen). Alle Zeitungen werden in La Paz produziert und vertrieben. Einheimische Käufer üben Kritik am „fehlenden Regionalbezug“ der Druckerzeugnisse. (Sendung am 13.10.1999)

[11] Für Reisebüros und Nichtregierungsorganisationen ist das Funkgerät wichtigstes Medium zur täglichen Kommunikation mit ihren Mitarbeitern in der Region. Zwei öffentliche Funkbüros organisieren zusammen bis zu 200 Gespräche am Tag. Die im gesamten Tiefland gut vernetzte Organisation dient außerdem dem Geldtransfer.

[12] Die Angabe von 5% Anteil von Esse-Eja in der Bevölkerung ist entweder überzogen oder weist auf eine weitere Gemeinde der Esse-Eja in der Umgebung des 120 km entfernten San Borja hin, zu der die Bewohner von Copacabana offenbar keinen Kontakt haben, da sie nicht auf dem Wasserweg zu erreichen ist.

Quelle: Proyecto Pilon Lajas/FECAR (Projektantrag Bürgerradio Rurrenabaque)

[13] Sendung am 29.9.1999

[14] Tico Tudela etwa wirkte Mitte der 70er Jahre als Bürgermeister. Diese Position verschaffte ihm das notwendige Kapital, um nach dem Ende seiner Amtszeit ein Tourismusunternehmen zu gründen (das zum erfolgreichsten der Region avancierte).

[15] s. dazu auch Abschnitt „Horrortrip Fernreisen“

[16] Als Indiz dafür darf gelten, dass in Rurrenabaque zwar drei Tageszeitungen aus La Paz, verkäuflich sind, aber keine einzige aus der genauso weit entfernten Provinzhauptstadt Trinidad. Da kein regelmäßiger Verkehr zwischen den beiden Städten besteht, gibt es innerhalb der Provinz Beni offenbar auch kaum über die jeweilige Region hinausreichende wirtschaftliche Beziehungen.

[17] Esse-Eja: Frauen: 90%, Männer: 70%; Chimanes: Frauen: 55%, Männer: 30%; Quechua: Frauen: 30%, Männer: 20%, Mosetén: Frauen: 20%, Männer: 10%; über die Tacana liegen keine genauen Daten vor (Quelle: Pilon Lajas)

[18] Die Esse.Eja gehören zu den vom Aussterben bedrohten Ethnien. Den Menschen dieser im Madidi-Nationalpark ansässigen Gemeinde sind überhaupt nur zwei weitere Esse-Eja-Gemeinden bekannt.

[19] Die Gemeinde versorgt sich hauptsächlich über Subsistenzwirtschaft; auf ihrem Gelände und umliegenden Plantagen bauen sie Tomaten, Karotten, Zwiebeln, Kastanien, Yucca, Reis, Mais, Bananen und Kochbananen an.

[20] Quelle: Sergio Loyazer, Präsident der FECAR

[21] Sendung am 20.10.1999

[22] Die Angaben über die tatsächliche Anzahl von Nebenfrauen und unehelichen Kindern Ademars divergieren stark. Die jeweils niedrigste Angabe stammt von Elena, die jeweils höchste von Ademars Ehefrau.

[23] Dass letztere Geschichte schließlich auch mir eine Morddrohung, viel Klatsch und Tratsch, wochenlanges Versteckspiel und eine zeitweise Flucht ins Exil einbrachte, gehört wohl zu den Erfahrungen, die sich im Amazonas nur vermeiden lassen, wenn man sich nicht nur aus der Politik heraushält, sondern auch aus dem Liebesleben – womit die wichtigsten Austragungsfelder gesellschaftlicher Spannungen im Beni genannt wären (s. dazu den Abschnitt „Frauen“).

[24] Sie bezieht sich auf die, so wörtlich, „Schweinerei“ der Flussverschmutzung und die Tatsache, dass man nachts im Dorf nicht mehr bedenkenlos auf der Strasse schlafen könne, ohne beraubt zu werden. Quelle: eine neureiche Geschäftsdame, Inhaberin mehrerer Häuser im Dorf, in denen sie gelegentlich armen Leuten Obdach gewährt.

[25] Er bezieht sich in erster Linie auf „die schönen Steinhäuser“ um den Plaza und zieht den Vergleich mit Reyes, dass sich einer Zuwanderung aus dem Hochland lange Zeit verweigert habe. Tatsächlich sind die Häuser in Reyes eher der schlichten Art, während es in Rurrenabaque ein gutes Dutzend opulenter Villen mit prachtvollen Innenhöfen gibt, die in ihrer Mehrzahl als Hotels dienen. Quelle: der Clown, Tierpfleger und Reporter Tadeo

[26] Alle Zitate stammen aus einer Redaktionskonferenz zum Thema.

[27] geschrieben und überliefert durch den Dorflehrer Felipe aus Cochabamba

[28] Zahlenmäßig sind die Collas in diesem Sektor um Längen überlegen: Ihr Anteil unter den Einzelhändlern geht gegen 100%, was sie mit Sicherheit zu den Hauptinhabern „flüssiger“ Werte macht. Cambas verfügen, wie wir feststellen konnten, häufig über kein geregeltes Einkommen, sondern leben von Jobs, Saisonarbeit oder der Unterstützung durch Verwandte in La Paz oder Santa Cruz. Näheren Aufschluss über die tatsächlichen Besitzverhältnisse könnte eine Analyse von Land- und Immobilienbesitz geben.

[29] Umfrage zum Thema in der Sendung am 29.9.1999

[30] Was angesichts des Finanzvolumens, das hinter diesem Projekt steckt und das die jeepfahrenden Mitarbeiter auch deutlich zur Schau tragen, durchaus als Akt der Demütigung empfunden werden könnte, zumal Pilon Lajas kaum Einheimische als Mitarbeiter duldet.

[31] s.a. Abschnitt „Vertrauen“

[32] Im Gegensatz dazu ist die räumliche Enge und geschäftige Atmosphäre der Markthalle Zentrum des oralen Kommunikationsmediums Klatsch. (s. Abschnitt „Vertrauen“)

[33] Eine Interpretation, die das Missverhältnis des in unserer Wahrnehmung ausschließlich negativen Diskurses über den „korrupten Bürgermeister“ und seines wiederholten relativen Erfolges bei den Kommunalwahlen im Dezember zu erklären versucht.

[34] Ausnahme: eine Reihe von Einfamilienhäusern aus material (Stein) an der Calle Comercio.

[35] Immer wieder berichten Passanten von den geradezu sagenhaften Schnäppchen, die sie bei den Fischverkäufern am playa gemacht haben.

Ende der Leseprobe aus 138 Seiten

Details

Titel
Liebe, Macht und Korruption - ein Bürgerradio im bolivianischen Amazonas
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Ethnologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
138
Katalognummer
V10420
ISBN (eBook)
9783638168489
ISBN (Buch)
9783656074120
Dateigröße
4018 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Intrigen, Macht, Vetternwirtschaft, Schönheitskult, Hexerei, Demokratisierung, die Einsamkeit des Forschers und die ganz eigenen Gesetze des Dschungels... Ein Projekt im Rahmen des ASA-Programms der Carl-Duisberg-Gesellschaft: Sechs Monate Medienpädagogik, Entwicklungspolitik, Feldforschung, Reisen und Abenteuer während des bolivianischen Kommunalwahlkampfes 1999, zahlreiche Abbildungen und Fotos. 3,6 MB
Schlagworte
Lateinamerika, Bolivien, Politik, Entwicklung, Demokratie, Wahlen, Intrigen, Medien, Macht, Korruption, Radio, Kommunikation
Arbeit zitieren
Clemens Grün (Autor:in), 2000, Liebe, Macht und Korruption - ein Bürgerradio im bolivianischen Amazonas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10420

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