Gruppe als Systemtypus


Hausarbeit, 2000
13 Seiten, Note: 1,3

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Gruppe als Systemtypus

1 EINLEITUNG

Gruppen bilden in der modernen Soziologie einen zentralen Forschungs- gegenstand. Wissenschaftler analysieren ihre Strukturen und Bedeu- tungen für Individuum und Gesellschaft in ausführlichen Studien und empirischen Projekten. Da in der Umgangssprache, aber auch in akademischen Disziplinen und Fachlexika der Begriff „Gruppe“ unter- schiedlich verstanden wird, ist die Bestimmung einheitlicher, abstrakter Definitionsmerkmale elementar. Nur dann ist der Vergleich mit anderen sozialen Systemen möglich.

Hartmann Tyrell beschäftigt sich in seinem Aufsatz „Zwischen Interaktion und Organisation. Gruppe als Systemtyp.“ intensiv mit den spezifischen Eigenschaften von Gruppen. Er differenziert Gruppen von Organisationen und Interaktionen. Bezug nehmend auf Erkenntnisse von Friedhelm Neidhardt und Niklas Luhmann konstituiert er eine theoretische Basis für die soziologische Gruppenforschung.

Ob die herausgestellten Kriterien in der Realität Anwendung finden oder vielmehr einen idealtypischen Charakter besitzen, wird in der vorliegenden Arbeit diskutiert. „Profane Culture“, die Dissertation des englischen Wissenschafters Paul Willis, welche das kulturelle Leben von Rockern und Hippies der 60er Jahre untersucht, dient dabei als Primärquelle. Ferner werden Zusammenhänge zwischen Gruppen und gruppenähnlichen Gebilden wie Kategorien und imaginierten Gemeinschaften aufgezeigt.

2 DEFINITIONSMERKMALE VON GRUPPEN

Wesentliches Gruppenkriterium ist laut Hartmann Tyrell das Zugehörigkeits- und Zusammengehörigkeitsgefühl (Tyrell 1983, S. 82). Ein bestimmter unverwechselbarer Personenkreis pflegt eine besondere Beziehung multilateraler1 Art. Man grenzt sich zu Leuten, die nicht dazu gehören, ab. Sowohl für die Gruppenmitglieder als auch für Außen- stehende ergibt sich eine überschaubare, von anderen sozialen Gebilden abgehobene soziale Einheit (Hillmann 1994, S. 310). Verankert kann dies z.B. in Cliquen durch festgelegte Begrüßungsrituale oder gemeinsame Sprache sein. Gruppen entwickeln zudem kollektive Identität, ein sogenanntes „Wir-Gefühl“. In diesem Zusammenhang spricht man auch von Gruppensolidarität. Das Fehlen von Gruppenangehörigen bei Treffen wird durch die anderen registriert. „Und dass in diesem Sinne jemandes Abwesenheit explizit wird, kann geradezu als Indikator für seine Zugehörigkeit gelten“ (Tyrell 1983, S. 83).

Der Systemtypus Gruppe ist laut Friedhelm Neidhardt ferner durch unmittelbare Interaktion der Mitglieder, Diffusität der Mitglieder- beziehungen sowie relative Dauerhaftigkeit gekennzeichnet (Neidhardt 1979, S. 642, zit. n. Tyrell 1983, S. 77). Gruppen sind demnach inter- aktionsnah. Ihre Angehörigen suchen die „Gesellschaft der Brüder, der Freunde, der Genossen“ (Tyrell 1983, S. 83). Den Akteuren werden keine spezifischen Rollen vorgeschrieben, es existiert Raum für persönliche Selbstdarstellung.2 Formale, schriftlich fixierte Verhaltensnormen liegen nicht vor, es haben sich vielmehr Regeln impliziten Charakters heraus- kristallisiert. Diese werden durch Gruppenzwänge sozial kontrolliert. Bei Verstößen drohen negative Sanktionen bis hin zum Ausschluss aus der Gruppe.3 Innerhalb des sozialen Gebildes „Gruppe“ sind zudem Positio- nen und Rollen vergeben, die unterschiedlich bewertet und nach Status bzw. Rang eingestuft werden (Hillmann 1994, S. 310). So findet man häu- fig einen Gruppenführer, der das Gruppenleben nach seinen Prinzipien steuert.

Wie bereits erwähnt, ist Bestand eine weitere zentrale Eigenschaft von Gruppen. Einmaliges punktuelles Zusammentreffen allein genügt demzufolge nicht. Um gemeinsame Ziele zu erreichen, Aufgaben zu bewältigen und die gruppeneigenen Werte zu manifestieren, stellt die Dauerhaftigkeit eine wichtige Bedingung dar. Nach Tyrell ist die grundsätzliche Existenz einer Gruppe jedoch nicht auf permanente Anwesenheit angewiesen. Sie überdauert das situative Beisammensein. „(...) Zusammengehörigkeit muss sich u.U. gerade in Phasen der Trennung, des Nichtzusammenseinkönnens (...) bewähren“ (Tyrell 1983, S.83).

2.1 Abgrenzung von Gruppen zu Interaktionen und Organisationen

Niklas Luhmann differenziert in seinem Werk „Soziologische Aufklärung“ die drei Systemebenen Interaktion, Organisation und Gesellschaft. Er erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr nennt er seine Konstruktion „forschungspragmatisch“. Diskussionen darüber, ob Ergänzungen vorgenommen werden sollten, fruchten darin, dass Fried- helm Neidhardt den sozialen Typus Gruppe einführt. Er siedelt ihn in der Mitte von Interaktion und Organisation an und überbrückt den bei Luhmann offen gelassenen und zu großen Abstand zwischen den Systemebenen (Tyrell 1983, S. 76-78).

Neidhardt grenzt zudem die Charakteristiken von Gruppen gegen jene von Interaktionen und Organisationen ab. Interaktion, Gruppe und Organisation sind dabei eigenständige Realitätsbereiche, die nicht aufeinander reduziert werden können.4

Mittels der folgenden Tabelle werden Berührungspunkte zwischen den Ebenen sowie zentrale Unterschiede deutlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten5

Wesentliche Differenz zwischen Gruppen und Organisationen ist demzufolge, dass in Gruppen ein „Wir-Gefühl“ existiert. Zudem herrschen innerhalb von Organisationen explizite Regeln, es wird formal sanktioniert. Damit ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass es auch Mischformen, z.B. Gruppen mit formalen Strukturen und Organisationen mit informeller Wesensart geben kann. Gerade in kleinen Unternehmen mit gutem Betriebsklima definieren sich Kollegen oft als Gruppe. Es entstehen Freundschaften, die auch im privaten Bereich gepflegt werden. Zugleich unterstützt man sich in der Firma, z.B. gegenüber dem Arbeitgeber.

Die Grenze von Gruppen zu Interaktionen ist vor allem in der zeitlichen Dimension zu erkennen. Während Interaktionen limitiert sind, wird für den Bestand einer Gruppe Dauerhaftigkeit vorausgesetzt. Bei face-to-face Interaktionen ist überdies körperliche Anwesenheit Pflicht. Gruppen existieren auch ohne direktes Zusammensein der Mitglieder.

2.2 Unterschiede zwischen Gruppen, Kategorien und imaginierten Gemeinschaften

Neben den Systemebenen Gruppe, Interaktion und Organisation gibt es zwei andere, für die Soziologie wesentliche Gebilde: Kategorien und imaginierte Gemeinschaften. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden diese Termini oft synonym mit „Gruppe“ verwendet. Für die Sozialwissenschaften ist es also elementar, sie genauer zu bestimmen.

2.2.1 Kategorie versus Gruppe

In Kategorien bzw. statistische Gruppen stuft man Träger bestimmter gleichartiger externer Merkmale ein. Dabei wird nicht vorausgesetzt, dass die Personen sich selbst als Mitglieder wahrnehmen. Wissenschaftler differenzieren z.B. Menschen verschiedenener Erwerbsklassen oder Altersstufen. Rentner und Schüler, Erwerbslose und Vielverdiener gelten als je eigene Kategorie. Da die Angehörigen einer statistischen Gruppe aber nicht interagieren und kommunizieren, also keine kollektive Identität entwickeln, ist die Kategorie „nur ein von außen an die Wirklichkeit herangetragener Begriff, nicht aber ein Stück sozialer Realität.“ (Bahrdt 2000, S. 89) Der zentrale Kontrast zu Gruppen liegt demzufolge in der Natur der Mitgliederbeziehungen (Jenkins 1996, S. 82)6. Laut Richard Jenkins ist „collective internal definition (..) group identification, collective external definition (...) social categorisation“ (Jenkins 1996, S. 87). Er betont, dass Gruppen nicht innerhalb eines sozialen Vakuums bestehen. Vielmehr pflegen sie Beziehungen zu anderen Gruppen, u.a. um zu kategorisieren und kategorisiert zu werden (Jenkins 1996, S. 87). So kleiden sich Mitglieder von Gruppen oft ähnlich und haben den gleichen Humor, um sich von anderen Gruppen abzugrenzen. Abschließend kann gesagt werden, dass „group identification“ immer „social categorisation“ impliziert (Jenkins 2000, S. 89).

2.2.2 Imaginierte Gemeinschaft versus Gruppe

Mitglieder einer imaginierten Gemeinschaft stehen, ähnlich den Angehöri- gen von Kategorien, nicht in direkter sozialer Beziehung zueinander. Face-to-face Interaktionen finden nicht statt. Im Gegensatz zur statisti- schen Gruppe jedoch haben sie einen gewissen Grad an Zugehörigkeits- und „Wir“-Gefühl ausgebildet. Dem Systemtypus Gruppe gleichen sie darin, dass sie sich als Mitglieder der entsprechenden Gemeinschaft bewusst definieren. Ein Beispiel dafür stellen die in Deutschland lebenden Kurden dar. Diese sind zugleich Einheiten einer Kategorie.

3 DIE KULTUR DER ROCKER UND HIPPIES IN DEN SECHZIGER JAHREN - GRUPPENPHÄNOMENE, KATEGORIEN ODER IMAGINIERTE GEMEINSCHAFTEN?

Paul Willis beschäftigt sich in seiner Dissertation „Profane Culture“ mit den sozialen Aspekten der Rocker- und Hippie-Kultur im Jahre 1969. Um ein möglichst reales Bild zu entwerfen, beteiligt er sich direkt am Leben und den Aktivitäten der Szenen. So besucht er die gleichen Clubs wie die zu untersuchenden Gruppen und zeichnet Interviews auf. In beiden Fällen wird er durch den Kontakt mit einer Kleingruppe, d.h. einem beschränkten Personenkreis, in die Kultur eingeführt.7

3.1 „Motorrad-Jungs“: Rocker mit konkret-männlicher Identität

Nieten-Lederjacken, schmierige Jeans, Motorrad- oder Armeestiefel, lan- ges, fettiges, nach hinten gekämmtes Harr, Stirntolle - schon äußerlich grenzen sich die Mitglieder des Motorradclubs, welchen Willis im Zuge seiner Untersuchungen analysiert, bewusst von anderen Gruppen ab. Wer zu ihnen gehören will, muss sich ähnlich kleiden, den gleichen Werten treu sein und konkrete Männlichkeit sowie Robustheit teilen. Was aber kennzeichnet die grundsätzliche Einstellung der Rocker zu ihrer Umwelt, zu Musik, zu Drogen? Auf welche Weise hat sich das „Wir“-Gefühl unter den Jungs entwickelt und wodurch bleibt es bestehen?

Treffpunkt der Rocker ist der „Club“. Hier wird Tischtennis, Pfeilwerfen und Flipper gespielt, Kaffe getrunken, sich unterhalten. Die Gruppenmitglieder können unmittelbar interagieren. Männlichkeit, Konkretheit und altmo- disches Rollendenken werden in Gesprächen ständig reproduziert: durch Offenheit und Direktheit, lärmende Extrovertiertheit und Aggressivität sowie Grobschlächtigkeit und Prahlerei. Ferner wird das Zusammen- gehörigkeitsgefühl unter den „Motorrad-Jungs“ dadurch verstärkt, dass sie Gruppen verabscheuen, die in ihren Augen genau das Gegenteil von ihnen selbst darstellen, also feminin und schlappschwänzig sind. Eine gewisse Gewaltbereitschaft gegen Personen, aber auch Einrichtungen ist allgemein vorhanden. Drogen werden abgelehnt, sie stellen eine „Gefahr für die Integrität der eigenen Antriebskraft, eine Gefahr für die Fähigkeit, zu handeln und autonom Entscheidungen zu treffen“ (Willis 1981, S. 32) dar. Eine von Willis` Kontaktpersonen äußert sich zu diesem Thema folgendermaßen: „(...) Wenn ich ohne Bier oder Drogen kei´m eine reinhauen könnt (...) könnt ich mich ja gleich begraben lassen“ (Willis 1981, S. 33). Der Rock´n´Roll schweißt die Jungs zusätzlich zusammen. Musik von Elvis Presley und Buddy Holly enthält ihrer Meinung nach alle wichtigen Werte: „Bewegung, Lärm, Selbstvertrauen“ (Willis 1981, S. 59). Obwohl das Verhalten auf die Gesellschaft schockierend und anstößig wirkt, sind die Rocker keineswegs politisch. Im Gegenteil - sie reproduzieren als Mitglieder der Arbeiterklasse die gegebene Struktur und lehnen Erwerbslosigkeit generell ab. Auch erkennen sie Hierarchien innerhalb von Unternehmen an: „Du brauchst doch einen, der das Sagen hat (...)“ (Willis 1981, S. 72).

Neben expliziten Voraussetzungen wie Mottorrad-Kleidung oder rauher Sprache bestimmen Normen impliziten Charakters, ob man respektiertes Mitglied der Rocker ist oder nicht. Das folgende Beispiel illustriert diesen Zusammenhang: Ein Zwerg ist regelmäßiger Besucher des „Clubs“. Obwohl es ihm an physischer Stärke und äußerer Männlichkeit mangelt, wird er von allen akzeptiert. Warum? Er verkörpert die hochgeschätzten Fähigkeiten symbolisch - durch gespielte Schlägereien oder Wortwitz. Dadurch macht er seine scheinbaren Fehler wett, ist beliebt und ge- schätzt. Ein anderer hingegen, der alle äußerlichen Qualitäten besitzt, wird aufgrund seines mangelnden maskulinen Humors oft Opfer von Hänseleien. „(...) bei ihm schwang kulturell nicht das gleiche mit“ (Willis 1981, S. 44).8

3.2 Hippies: Abgrenzung durch Authentizität und Spiritualität

Diametral entgegengesetzt zur Kultur der Rocker gestaltet sich das Hippie-Leben. Willis besucht 1969 den Haupttreffpunkt der Szene, das Lokal „Anker“, regelmäßig. Dort lernt er verschiedene Personengruppen kennen und geht oft mit ihnen auf deren „Bude“. Inwiefern sich die Hippies von traditioneller Lebensart abheben und aus dieser Mentalität ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht, wird im Folgenden dargestellt.

Ähnlich den „Motorrad-Jungs“ grenzen sich die Hippies durch ihre äußere Erscheinung von der Umwelt ab. Sowohl Männer als auch Frauen tragen langes Haar und bunte, symbolhafte Kleidung. Musik besitzt für Hippies eine zentrale Bedeutung. „Progressive“ und „Underground“ werden sehr geschätzt. Frank Zappa und Jimmy Hendrix gelten dabei als ultimative Künstler.

Hippies befassen sich mit Themen wie Transzendenz, Spiritualität und Authentizität. „Materialismus, Rationalität und die mechanische Daseinsordnung zerstörten für den Hippie systematisch die Fähigkeit des Menschen, Erfahrungen zu machen; die Faszination der unmittelbaren Umwelt zu genießen“ (Willis 1981, S. 122). Den konventionellen Lebensstil lehnen Hippies ab und befürworten den Drogenkonsum. Trotzdem geben sie sich gegenüber Andersdenkenden freundlich, wenn auch distanziert. Für die Anhänger der eigenen Philosophie haben sie, unabhängig von Herkunft und Sprache, immer ein Bett frei: „(...) und wenn einer ein Bett braucht oder ´ne Tasse Tee will, dann nehmen sie ihn mit in ihre Wohnung (...)“ (Willis 1981, S. 144). Doch innerhalb dieses Gemein- schaftsgeistes existiert eine tiefe Ambivalenz. Gleichgültigkeit in Bezug auf Personen, die zum näheren Bekanntenkreis gehören, herrscht vor. Es interessiert nicht, wie das Leben der anderen verläuft. „Das Gemeinschaftsgefühl war also eher die entschiedenen Ablehnung der „straights“9 und das Errichten einer Schranke gegen ihre vergiftenden Definitionen, als das romantische Gefühl wirklicher Liebe (...) (Willis 1981, S. 147).

Auch ist direkte verbale Kommunikation unter den Leuten selten. Es scheint verpönt, Dinge offen auszusprechen. Vielmehr soll der Zauber des Verrückten erhalten bleiben. Wenn überhaupt erzählt wird, dann nur „auf eine ihrer Kultur angemessenen Weise“ (Willis 1981, S. 138). Die Personen, welche mit dem bizarren Humor der Hippies nicht mithalten können, werden zum Außenseiter gestempelt.

3.3 Vergleich zwischen Rockern und Hippies unter dem Aspekt der Gruppenzugehörigkeit

Willis betrachtet in seiner Untersuchung der beiden Kulturen nicht nur einen beschränkten Personenkreis, vielmehr will er ein Gesamtbild der Szenen widerspiegeln. Bei der Analyse, ob Rocker und Hippies jeweils eine soziale Gruppe darstellen, muss aber von der Kleingruppe ausgegangen werden, mit welcher Willis sich meistens umgibt.

Sowohl die „Motorrad-Jungs“ als auch die Hippies sind darauf bedacht, sich von anderen, konventionelleren Personen abzuheben. Vor allem durch ihr Äußeres irritieren sie die Umwelt. In beiden Gebilden herrschen implizite, teilweise sogar explizite Regeln, die durch soziale Kontrolle eingehalten werden. Leute, die diese Normen nicht erfüllen, werden ausgegrenzt. Raum für persönliche Selbstdarstellung ist innerhalb der gegebenen Ordnung jedoch vorhanden. Interaktionen finden in beiden Gruppen unmittelbar statt. Das Gruppen-Kriterium der relativen Dauer- haftigkeit von Beziehungen erfüllen Rocker und Hippies.

Die „Motorrad-Jungs“ besitzen im Gegensatz zu den Hippies ein deutlich erkennbares „Wir-Gefühl“. Der Personenkreis ist genau definiert und damit unverwechselbar. Man kann also zweifellos von einer Gruppe sprechen. Bei den Hippies hingegen herrscht eine verhältnismäßige Gleichgültigkeit unter den Angehörigen vor. Die Leute sind austauschbar, Bindungen lose. Kann unter diesen Umständen noch von einer Gruppe die Rede sein? Ja, denn dieses Desinteresse am Leben der anderen ist Voraussetzung, um überhaupt Mitglied der Gemeinschaft zu werden. Es ist sozusagen eine implizite Regel, den Freunden und Bekannten die Freiheit zu genehmigen, damit sie tun und lassen, was sie wollen. „Das ist ihre Sache, lasst sie, damit sie ungestört ihre Erfahrungen machen können“ (Willis 1981, S. 148). Gerade aus diesem Umstand entwickelt sich kollektive Identität.

Zugleich stellt die gesamte Hippie-Kultur eine imaginierte Gemeinschaft dar. Überall auf der Welt werden ihre Anhänger aufgenommen, unabhängig von Nationalität und Sprache. Man hat ein „Wir-Gefühl“ entwickelt, das auf einer grundsätzlich ähnlichen Lebenseinstellung beruht.

„Motorrad-Jungs“ und Hippies können ferner Kategorien zugeordnet werden. So sind die Rocker Besitzer von Motorrädern und Mitglieder eines Motorrad-Clubs. Hippies tragen lange Harre und haben oft keinen festen Wohnsitz. Zudem konsumieren sie regelmäßig Drogen.

4 Schlussbetrachtung

Man kann zusammenfassend erkennen, dass die Begriffe Gruppe, Organisation, Interaktion, Kategorie und imaginierte Gemeinschaft theoretisch klar voneinander abzugrenzen sind, wohingegen sie in der Praxis oft ineinander greifen. Viele soziale Phänomene kann man sowohl der einen, als auch der anderen Definition zuordnen. Sogenannte Misch- formen dominieren die Realität. Anhand der Analyse des kulturellen Lebens von Rockern und Hippies wird dieser Komplex verdeutlicht. Die Gruppen-Definitionen von Tyrell und Neidhardt sind demnach nicht ohne weiteres auf alle sozialen Gebilde anwendbar. Sie besitzen idealtypischen Charakter. Bei der Betrachtung einer Gemeinschaft muss man die Ebenen genau differenzieren, um ein klares Bild der Wirklichkeit zu erhalten und eine Grundlage für Statistik und Empirie zu schaffen.

LITERATURVERZEICHNIS

Bahrdt, Hans Paul 1997: Schlüsselbegriffe der Soziologie. Eine Einführung mit Lehrbeispielen, 7. Auflage, München: Beck

Hillmann, Karl-Heinz 1994: Wörterbuch der Soziologie, Stichwort „Gruppe“, 4. überarb. und erg. Auflage, Stuttgart: Kröner

Jenkins, Richard 1996: Groups and Categories, in: Ders.: Social Identity, London: Routledge, S. 80-89

Schimank, Uwe 2000: Handeln und Strukturen. Einführung in die akteurtheoretische Soziologie, Weinheim, München: Juventa

Tyrell, Hartmann 1983: Zwischen Interaktion und Organisation I: Gruppe als Systemtyp, in: Neidhardt, Friedhelm (Hrsg.): Gruppensoziologie, (Sonderband Nr. 25 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie), Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 75-87

Willis, Paul 1981: Profane Culture. Rocker, Hippies: Subversive Stile der Jugendkultur, Frankfurt am Main: Syndikat, S. 28-76 und S. 111-171

[...]


1 Multilateral bedeutet in diesem Kontext, dass alle Mitglieder einer Gruppe sich untereinander kennen. Es existieren in persönlichen Netzwerken auch Beziehungen bilateraler Art, in denen die einzelnen Ak- teure nicht unmittelbar miteinander kommunizieren. In diesem Falle spricht man nicht mehr von Gruppe.

2 Diese Besonderheit wird auch als „Role Making“ bzw. „interpretatives Paradigma“ bezeichnet. Die Mitglieder einer Gruppe können demnach ihre Rolle selbst gestalten, da die Erwartungen nicht fest definiert, also mehr oder weniger unklar sind. Im Gegensatz dazu werden die Termini „Role Taking“ und „normatives Paradigma“ verwendet (vgl. Schimank 2000, S. 37-69).

3 Die Gruppe besitzt als Gesamtheit eine Art Aktionsmacht. Sie kann Mitglieder sozial verletzen, indem sie diese ausschließt.

4 Das bedeutet, dass eine interaktionstheoretische Darstellung nicht genügt, um Gruppen-, Organsationsund auch Gesellschaftsphänomene zu deuten. Umgekehrt gilt das Gleiche.

5 Die vorliegende Tabelle wurde während des Grundkurses „Grundbegriffe und Theorien der Soziologie“ in ähnlicher Form erstellt. Mitgewirkt haben Sibel Ertik, Stefanie Breuer, Daniela Fehr und Nadine Kinne. Sie ist hier in ihrer Grundstruktur übernommen.

6 Analog zu Jenkins englischsprachigem Text „Groups and Categories“ (siehe Literaturverzeichnis) wurden Textstellen von mir übersetzt.

7 Ich beziehe mich im folgenden Kapitel ausschließlich auf Textstellen der Dissertation von Paul Willis. Deshalb gebe ich nur einmal die Quelle an: (Willis 1981, S. 28-76). Bei direkten Zitaten werde ich die Literaturangabe trotzdem hinter der Aussage machen.

8 (Willis 1981, S.111-171)

9 Als „Straights“ bezeichnen Hippies Leute, die in ihren Augen normal, spießig und langweilig sind.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Gruppe als Systemtypus
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Theorien und Grundbegriffe der Soziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V104214
Dateigröße
374 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gruppe, Systemtypus, Theorien, Grundbegriffe, Soziologie
Arbeit zitieren
Nadine Kinne (Autor), 2000, Gruppe als Systemtypus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104214

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