Entwicklung in der Familie


Seminararbeit, 1999

18 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Auswirkung der Scheidung auf Kinder

2. Familie als kulturbildendes System

3. Welche Personengruppen sind von Scheidung besonders betroffen?

4. Vermeintliche Vorzeichen für Scheidung und Ehestabilität

5. Vorzeichen für Scheidung und Ehestabilität

6. Praktische Konsequenzen

7. Schlußfolgerungen

Einleitung

In zahlreichen psychologischen Studien wurde erforscht, welche Interaktionsweisen in Ehen auf die Qualität des weiteren Eheverlaufs und auf Scheidung hinweisen. Diese Erkenntnisse konnten nicht nur auf Therapien angewandt werden, sondern sie führten zur Entwicklung von Paartrainingsmethoden, die zur Prophylaxe in Kursen erworben werden können und die zu einer glücklichen und stabilen Ehe führen sollen.

Erstaunlich an diesen Studien ist, dass von vornherein es den Studienbetreibern ein Anliegen zu sein scheint, Ehen zu retten. Die Ehe scheint eine Lebensform zu sein, die man für Wert hält, aufrechtzuerhalten.

Um die Ehe zu retten, wird den Partnern also empfohlen, sich selbst zu ändern. Anstatt solche Modelle des Zusammenlebens zu entwickeln, die den Menschen entsprechen, so wie sie sind, werden Methoden entwickelt, wie sich die Men- schen den gegebenen Verhältnissen anpassen und die traditionellen Formen des Zusammenlebens aufrecht erhalten können. Man könnte aber auch die Position vertreten, dass die Ehe nicht den wirklichen Bedürfnissen der Menschen ent- spricht, weil die Menschen erst domestiziert werden müssen, um zur Ehe zu passen.

Gibt es Gründe dafür, die Ehe als eine Form des Zusammenlebens einer ande- ren Form vorzuziehen? Ist die Ehe nicht spätestens seit der Studentenrevolte Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre eine überholte Lebensform und wird dies nicht durch die Singlegesellschaft und die steigende Scheidungsrate bestätigt? Wird nicht oft argumentiert, dass die Ehe eine Ausdruck des Besitz- denkens sei? Pochen nicht viele Menschen auf ihr Selbstbestimmungsrecht und empfinden sie nicht das Gebot der Treue als Anmaßung, das sie in ihren Entfal- tungsmöglichkeiten beschränkt? Welche Vorteile liegen dann also noch in der Lebensform der Ehe?

Studien, in denen die Konsequenzen der Scheidung für die Kinder erforscht wurden, führten zu der Erkenntnis, dass eine Scheidung für die Kinder ein derartig einschneidendes Ereignis ist, so dass viele Kinder verhaltensauffällig werden. Auch noch andere negative Konsequenzen haben Kinder aus Scheidungsfamilien zu erleiden, die ich weiter unten darstellen werde.

Das Thema Familie ist also sehr vorsichtig zu handhaben, weil es um Schicksa- le von Menschen und insbesondere von Kindern geht. In der Debatte über Le- bensformen gibt es allerdings nicht nur seitens der Kirche, sondern auch seitens von alternativ denkenden Menschen die Tendenz, eine dogmatische und radi- kale Position entweder für oder gegen die Ehe bzw. Familie einzunehmen. Da- her ist die Debatte ideologisch vorbelastet. Es wäre aber wünschenswert, wenn jemand, der sich an dieser Debatte beteiligt, erst einmal prüft, welche empiri- schen Tatsachen überhaupt vorliegen, anstatt ideologisch befangen eine be- stimmte Position einzunehmen.

Im folgenden Text werden die Ergebnisse einiger Studien zum Bereich Familie vorgestellt und erörtert. Auf Details wie das Erhebungsverfahren und die statis- tischen Werte werde ich hier nicht eingehen, denn das wird in den Primärtexten bereits ausreichend geschildert. Dieser Text versteht sich als Auswertung und Reflexion der Studien und bringt unterschiedliche Studien in einen Zusam- menhang.

1. Die Auswirkung der Scheidung auf Kinder

Das Risiko der Kinder aus Scheidungsfamilien, psychisch zu erkranken, ist höher als bei Kindern aus Nichtscheidungsfamilien. Dabei geben die Forscher unterschiedliche Zahlen an, wie hoch die Erkrankungsrate ist: In der Studie von Kalter und Rembar aus dem Jahre 1981 erkrankten Kinder aus Scheidungsfa- milien viermal häufiger als Kinder aus stabilen Familien, während in der Studie von Zill, die 1983 durchgeführt wurde, doppelt so viele Kinder erkrankten. Vielleicht hängt die Unsicherheit bei den Zahlen auch mit einer begrifflichen Unklarheit zusammen. So schreibt Fthenakis (140), eine psychische Erkran- kung liege dann vor, wenn ein Kind einem Psychologen oder Psychiater vorge- stellt wird. Ob man den Begriff der psychischen Erkrankung so weit fassen sollte, so dass schon zum Beispiel ein Gespräch über Lernschwierigkeiten mit dem Schulpsychologen ein Zeichen für eine psychische Erkrankung ist? Das ist sicherlich übertrieben und da das Wort „Krankheit“ emotional negativ besetzt ist und es meist für intensivere Beeinträchtigungen verwendet wird, so sollte man nicht auch kleinere Beeinträchtigungen auch schon gleich als psychische Erkrankung bezeichnen.

Einige dieser Worte und Begriffe, die zur Beschreibung des Verhaltens von Kindern aus Scheidungsfamilien verwandt werden, stammen aus einem ganz bestimmten, zum Teil durch umstrittene Moralvorstellungen geprägten Blick- winkel. So schreibt Fthenakis, dass bei Frauen, die aus Scheidungsfamilien stammen, „alarmierende Hinweise auf die Entwicklung eines besorgniserre- genden Lebensmusters“ (142) zu erkennen seien. Ein häufiger Partnerwechsel und die Wahl von Partnern durch diese Frauen, „die unter ihrem eigenen Ni- veau lagen“ wird so beschrieben, als sei es eine Verhaltensstörung. Die 1972 von Hetherington durchgeführte Studie habe gezeigt, dass Mädchen bzw. Frau- en aus Scheidungsfamilien unfähig „zu angemessenem Umgang mit Männern“ seien. Es ist die Frage, ob es eine allgemein verbindliche Norm für den „ange- messenen“ Umgang von Frauen mit Männern gibt und ob dies nicht im Selbst- bestimmungsrecht der Frau liegt, was sie für angemessen erachtet.

Auch ist es wohl nicht adäquat, dass Fthenakis unter der Überschrift „Delin- quenz“ die Abtreibungen von jungen Mädchen aus Scheidungsfamlien anführt 143), da ja Schwangerschaftsabbrüche nach geltendem Recht bis zum dritten Monat erlaubt sind. Es mag zwar sein, dass eine Abtreibung etwas ist, was man eher wegen der gesundheitlichen und psychologischen Risiken vermeiden soll- te und es ist wohl auch so, dass Abtreibungen bei Mädchen aus Scheidungsfa- milien häufiger vorkommen als bei Mädchen aus stabilen Familien. Diese Ver- haltensauffälligkeit gehört aber nicht zur Kategorie der Straftaten.

Die Metastudie von Amato und Keith aus dem Jahre 1991, in der die Ergebnis- se aus 37 Studien zusammengefaßt wurden, ist da aufschlußreicher und liefert relativ sichere Erkenntnisse, weil sie 81.000 Personen erfaßt. Amato und Keith kamen zu dem Ergebnis, dass sich die Erwachsenen, die in ihrer Kindheit eine Scheidung ihrer Eltern erlitten haben, ein „niedrigeres Niveau an Wohlbefin- den zeigten als Erwachsene ohne diese Erfahrung“ (Fthenakis, 144). „Die aus- geprägtesten Effekte zeigten sich in den Variablen Einelternstatus, psychologi- sche Anpassung, Verhalten/Betragen und Bildungsniveau.“

Doch es ist hier Differenzierung notwendig, weil sich in der Kölner Längs- schnittstudie über Scheidungsfamilien (Schmidt-Denter & Beelmann), die von 1990-1996 durchgeführt wurde, drei Typen von Reaktionsverläufen der Kinder auf die Scheidung ihrer Eltern ausmachen ließen. Während die Kinder der ers- ten Gruppe („Hochbelastete“) 10-40 Monate nach der Trennung bzw. Schei- dung kontinuierlich überdurchschnittlich viele Verhaltensaufälligkeiten (Emo- tionale Labilität, Kontaktangst, Unrealistisches Selbstkonzept, Unangepaßtes Sozialverhalten und instabiles Leistungsverhalten) aufwiesen, so erholten sich die Kinder der zweiten Gruppe („Belastungsbewältiger“), die in der ersten Zeit nach der Scheidung auch relativ verhaltensauffällig waren, wieder. Die Kinder der dritten Gruppe („Geringbelastete“) zeigten während des Untersuchungs- zeitraums prozentual so viele Verhaltensauffälligkeiten wie Kinder aus stabilen Familien aus der Vergleichsgruppe.

In dieser Studie wurden als Risikofaktoren für die Entwicklung des Kindes „eine negativ erlebte Beziehung zum getrenntlebenden Vater, ungelöste Part- nerschaft- und Trennungsprobleme (...) sowie ein sich verändernder bzw. ver- schlechternder elterlicher Erziehungsstil“ (Schmidt-Denter & Beelmann, 39) ermittelt.

Als Schutzfaktoren erwiesen sich „eine positiv erlebte Beziehung zum Vater und zu den Geschwistern, Stabilität und Unterstützung in der Mutter-Kind- Dyade sowie eine Konsensbildung zwischen den (ehemaligen) Ehepartnern“ (Schmidt-Denter & Beelmann, 39).

Ulrich Schmidt-Denter und Wolfgang Beelmann finden die Ergebnisse ihrer Studie beunruhigend: „Die Trennung/Scheidung der Eltern stellt für die betroffenen Kinder ein kritisches Lebensereignis dar und markiert eine Übergangsperiode, die durch vielfältige Veränderungen in zentralen Lebensbereichen gekennzeichnet sind“ (Schmidt-Denter & Beelmann, 38).

Doch zeigt die Studie von Schmidt-Denter und Beelmann auch, dass - obwohl viele Kinder unter der Scheidung ihrer Eltern leiden - geeignete Rahmenbedingungen wie zum Beispiel Scheidungsberatungen und alle Seiten zufrieden stellende Sorgerechtsregelungen zu einer Eindämmung negativer Scheidungsfolgen für die Kinder führen können.

Es ist festgestellt worden, dass die Kinder von Eltern, die sich geschieden haben, eher scheidungsanfällig sind. Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen. Eine Erklärung besagt, dass die Kinder sich das Verhalten ihrer Eltern abgucken und erkennen, dass es durchaus möglich ist, ein Kind alleine zu erziehen. Manchmal ist der Grund aber auch, dass die Kinder aus Scheidungsfamilien es eilig haben, ihre Familien zu verlassen und in einer frühen Ehe, die sowieso scheidungsanfällig ist, eine Ausfluchtmöglichkeit sehen.

Somit ist es wahrscheinlich, dass die „intergenerative Transmission von Schei- dungsrisiko“ (Fthinakis, 144) eine soziologische Auswirkung haben wird. Wenn das Verhalten, sich leicht scheiden zu lassen, von Generation zu Genera- tion vererbt wird, aber immer mehr Ehen geschieden werden, so wird es zu- künftig immer mehr Kinder geben, die aus Scheidungsfamilien stammen und daher sehr wahrscheinlich immer mehr Ehen geben, die geschieden werden. Die „aktuell bevorzugten, etablierten Familienstrukturen“ werden weiter ge- schwächt (Fthinakis, 147). Ist diese gesellschaftliche Konsequenz wünschens- wert? Welche Aufgabe erfüllt die Familie?

2. Familie als kulturbildendes System

Ich möchte aus Platzgründen diesen trotzdem wichtigen Punkt verkürzt darstel- len. Die Familie ist eines der Systeme, in denen Kindern Kultur vermittelt wird. Kinder lernen dort die Sprache, manchmal auch die Schrift; sie bekom- men von ihren Eltern Umgangsformen beigebracht und lernen mit ihnen die Welt kennen.

Doch ist dies ein zwingendes Argument für die Aufrechterhaltung der Familie? Die Heranführung der Kinder an die Kultur könnte auch durch andere Instituti- onen geschehen wie zum Beispiel Wohngemeinschaften, Landkommunen und Internate.

Dem könnte man entgegnen, dass nirgendwo die Heranführung an die Kultur mit so viel Wärme und Herzlichkeit geschehen könnte, wie in der Familie, denn dem eigenen Nachwuchs fühlen sich die Menschen in der Regel mehr verbunden als allen anderen Personen.

Dies ist allerdings ein frommer Wunsch, denn zahlreiche Familien verfügen über keine angenehme Lernatmosphäre.

Alternative Lebensformen hatten bisher noch nicht die Chance, sich zu bewähren und ihr Mißerfolg hängt auch zum Teil mit der gesellschaftlichen Skepsis ihnen gegenüber zusammen.

Jedenfalls sollten die Entwicklungspsychologen auch andere Lebensformen erforschen und ermitteln, inwieweit sie zur Zufriedenheit der Beteiligten beitragen können. Aber hier interessiert uns die Ehe.

3. Welche Personengruppen sind von Scheidung besonders betroffen?

Guy Bodenmann faßt die Ergebnisse zahlreicher Querschnittsuntersuchungen zusammen (80). Demnach sind von Scheidungen besonders folgende Ehen betroffen: Ehen, die im jungen oder hohen Alter geschlossen werden, Ehen bei vorehelicher Schwangerschaft, Ehen, bei denen die Frauen erwerbstätig sind und/oder ein höheres Einkommen haben, Ehen aus Großstädten, Ehen von Pro- testanten, Ehen von Arbeitern, kleinen Angestellten und Beamten, Ehen von Menschen mit niedrigem Einkommen und niedrigem Bildungsniveau, Ehepaa- re mit Gütertrennung und Ehen ohne Kinder. Das Geschlecht der Kinder spielt auch eine Rolle, denn Paare mit Mädchen lassen sich häufiger scheiden als Paare mit Jungen.

Dabei betont Bodenmann, dass die Querschnittsuntersuchungen rein korrelati- ver Natur sind, „d.h. nur Zusammenhänge zwischen Variablen und keine kau- salen Bedingungen abbilden“ (81). Doch kann man zum Teil auch ursächliche Verbindungen zwischen diesen Eigenschaften der Ehepaare und ihrem Schei- dungsverhalten vermuten: Man kann es durchaus auf ihren jeweiligen Glauben zurückführen, dass Protestanten sich häufiger scheiden lassen als Katholiken. Nach katholischer Auffassung darf eine geschiedene Person nicht mehr an der Eucharistiefeier teilnehmen, weil die katholische Kirche die Scheidung radikal ablehnt. Die protestantische Kirche hingegen ist liberaler, was dazu führt, dass die Protestanten keine „moralischen“ Skrupel haben, sich scheiden zu lassen.

Doch man kann hier nur Vermutungen anstellen. Die Querschnittsuntersu- chungen, die einmalig durchgeführt werden, reichen nicht aus, um eindeutig zuverlässige Prädiktoren für den weiteren Eheverlauf bzw. Scheidung zu iden- tifizieren, weil sie einfach nur Häufigkeiten aufzeigen. Häufig bei geschiede- nen Paaren vorhandene Merkmale sind aber keine notwendige Bedingung für Scheidung, weil es auch Träger dieser Merkmale gibt, die sich nicht scheiden lassen. Zum Beispiel gibt es auch katholische Paare, die sich scheiden lassen und protestantische Paare, die eine stabile Ehe führen, und daher muß es noch andere Ursachen als den Glauben geben, die zu Scheidung oder Ehestabilität führen. Daher wurden langfristige Längsschnittuntersuchungen durchgeführt, in denen Vorzeichen und Ursachen für Ehestabilität, Eheglück und Scheidung bestimmt wurden. Im folgenden Kapitel möchte ich mich einer dieser Studien zuwenden.

4. Vermeintliche Vorzeichen für Scheidung und Ehestabilität

John Gottmann u.a. untersuchten in den USA in einer Langzeitstudie die Interaktionen von Ehepaaren ab dem Zeitpunkt ihrer Eheschließung mit dem Ziel, Vorzeichen für Ehestabilität oder Scheidung und für eine glückliche oder unglückliche Ehe zu finden.

Die oft vertretene Auffassung, Wut sei ein zerstörerisches Gefühl für Ehen, konnte durch die Untersuchung Gottmanns nicht bestätigt werden. Umfragen ergaben sogar, dass manche Leute Wut langfristig als positiv für die Ehe emp- finden.

Dieses Ergebnis von Gottmanns Studie ist folgendermaßen zu interpretieren. Wut ist ein Zeichen von Engagement. Derjenige, der brüllt oder schreit, ist um eine bestimmte Sache, die ihm wichtig ist, bemüht. Viel schlimmer wäre es, wenn sich der Wütende vor lauter Ärger in sich zurückzieht und - umgangssprachlich formuliert - „den Ärger in sich hineinfrißt“. Problemlösungen sind dann nicht mehr möglich. Der Wütende, der seine Wut offen zeigt, ist noch im Gespräch und mit ihm kann weiter verhandelt werden.

Gottmann gesteht zwar ein, dass es Modelle für Ehestabilität geben könnte, die aus der Theorie stammen und nicht von stabilen Ehen abgeguckt wurden. Doch das Modell des aktiven Zuhörens, was man in der Praxis stabiler Ehen kaum vorfindet, aber in der Theorie entworfen wurde, konnte sich nicht als Prädiktor für eine stabile Ehe erweisen. Beim aktiven Zuhören gibt der Partner den Ge- dankengang und die Gefühle seines Gatten neutral wieder und überprüft da- nach seine Wiedergabe. Als nächstes soll er versuchen, sich in den Partner hin- einzufühlen.

Das Modell des aktiven Zuhörens konnte Gottmann überraschenderweise auch bei einer großzügigen Auslegung nur sehr selten beobachten, obwohl er es doch in früheren Schriften häufig propagiert hatte. Wenn es auftrat, konnte es nicht als Prädiktor dienen, weil es sowohl bei Paaren auftrat, die sich scheiden ließen als auch bei Paaren, die eine stabile Ehe führten.

5. Vorzeichen für Scheidung und Ehestabilität

Durch ein bestimmtes Zeichendeutungssystem mit dem Namen „Specific Af- fect Coding System“ war Gottmann dazu in der Lage, zwei Intensitätsgrade negativer Affekte zu unterscheiden. Mimik, Stimmlage und Redeinhalt lassen auf bestimmte reaktive Emotionen der Versuchspersonen schließen. Negative Affekte niedriger Intensität sind Traurigkeit, Zorn, Weinen, Anspannung, Furcht und Dominanz. Negative Affekte hoher Intensität sind Verachtung, Ver- teidigungshaltung und Streitlust.

Können nicht alle Gefühle in unterschiedlichen Intensitätsgraden auftreten, so dass es zum Beispiel auch Furcht in sehr hoher Intensität gibt? Das ist ein phänomenologisches Argument, welches die Innensicht solcher Gefühle hervorhebt. Diesem Einwand ist Folgendes zu entgegnen:

1. In der Studie von Gottmann sind diejenigen Affekte relevant, die in der ehe- lichen Interaktion vorkommen. Es ist hier nicht von Existenzängsten oder an- deren Gefühlen die Rede. Wenn es auch möglich ist, dass es eine Furcht gibt, die eine sehr hohe Intensität hat, dann taucht sie selten oder nie im Kontext der Familie auf.

2. Es wurden zur Messung der Intensität eines negativen Affekts objektive Kriterien angewandt. Aus der subjektiven Sicht mag vielleicht ein Gefühl, was objektiv eine niedrige Intensität hat, sehr intensiv erscheinen. Die subjektive Sicht interessiert aber nicht bei der Unterscheidung von negativen Affekten hoher und niedriger Intensität.

3. Es handelt sich um Kategorisierungen, die sich auf die durchschnittliche Intensität der Affekte beziehen. Im Einzelfall mag es Affekte geben, die übli- cherweise der Kategorie der negativen Affekte niedriger Intensität angehören und dennoch eine sehr hohe Intensität haben. Entscheidend ist, dass Gefühle dieser Art in der Häufigkeit der Fälle eine niedrige Intensität haben.

Als eine Wechselwirkung von Affekten bezeichnet man es, wenn ein Ehepartners auf einen Affekt des Gatten ebenfalls mit einem Affekt reagiert. Es gibt nun drei Möglichkeiten:

1. Der Ehepartner reagiert auf einen negativen Affekt hoher Intensität mit einem negativen Affekt niedriger Intensität bzw. einem neutralen Affekt oder auf einen negativen Affekt niedriger Intensität mit einem neutralen Affekt. Dann spricht man von Deeskalation.

2. Der Ehepartner reagiert auf einen negativen Affekt niedriger Intensität mit einem negativen Affekt hoher Intensität. Hier spricht man von Eskalation.

3. Der Ehepartner reagiert mit einem Affekt gleicher Intensität. Hier spricht man von einer negativen Wechselwirkung der gleichen Art.

Als Vorzeichen für eine gute Ehe erwiesen sich geschlechtsabhängige Deeska- lationsmodelle. Ein Vorzeichen für eine stabile Ehe ist die Fähigkeit des Man- nes, die negativen Affekte niedriger Intensität der Ehefrau durch neutrale Af- fekte zu erwidern und dadurch den Konflikt zu deeskalieren. Ebenso ist es ein Vorzeichen einer stabilen Ehe, wenn die Frau die negativen Affekte hoher In- tensität des Mannes mit negativen Affekten niedriger Intensität erwidert.

Ebenso ist es ein Vorzeichen einer stabilen Ehe, wenn der Ehemann sich durch seinen eigenen Einfluß oder durch Einwirkung seiner Gattin, zum Beispiel durch Humor, physiologisch beruhigen kann. Das mag daran liegen, dass sich Stress beim Mann sehr viel schneller körperlich auswirkt als bei der Frau.

Als Prädiktoren für Scheidung erwiesen sich die Weigerung des Ehemanns, den Einfluß seiner Gattin zuzulassen, der rabiate Beginn eines Konfliktge- sprächs durch die Ehefrau, die Erwiderung von negativen Affekten des Mannes durch die Ehefrau und die Unfähigkeit des Mannes, negative Affekte niedriger Intensität der Ehefrau zu deeskalieren.

Diese Studie wurde mit dem Ziel durchgeführt, Anhaltspunkte für die bis dato relativ erfolglosen Ehetherapien zu erhalten. Eine Therapie wird so erfolgreich sein, so sehr sie das Paar dazu veranlassen kann, solche Verhaltensweisen zu kultivieren, die üblicherweise zu einer stabilen Ehe führen und diejenigen Verhaltensmuster zu vermeiden, die in der Regel auf eine Scheidung hinauslaufen. Es ist also mit der richtigen Methode möglich, Ehen zu retten.

6. Praktische Konsequenzen

Die Erkenntnisse, die durch Studien über Familien gewonnen wurden, können und sollten ihren Einfluß auch auf politische Entscheidungen und gerichtliche Urteile haben, weil sich zum Beispiel erwiesen hat, dass „Sorgerechtsformen, die den Kindern fortgesetzte Beziehungen zu beiden Eltern ermöglichen, günstige Ausgangsbedingungen dafür bieten, scheidungsbedingte nachteilige Folgen für die Kinder zu reduzieren“ (Fthenakis, 137).

So stellt sich heraus, dass Eltern in mehreren Studien ihre Zufriedenheit mit der gemeinsamen Elternverantwortung äußerten. Der Kontakt der Kinder zu beiden Eltern ist größer als bei alleiniger elterlicher Sorge und die Eltern zeigen mehr Engagement und Verantwortung.

Es ist die Frage, welches Ereignis die Ursache und welches die Wirkung ist. Führt eine Scheidung, die friedlich im gegenseitigen Einvernehmen beider Partner ausgeführt wird, auch dazu, dass die Partner sich gütlich auf ein ge- meinsames Sorgerecht einigen? Oder führt eine Einigung auf ein gemeinsames Sorgerecht erst dazu, dass Verhältnis der in Scheidung lebenden oder bereits geschiedenen Partner zu entspannen, weil man feststellt, wie zufriedenstellend eine solche Lösung ist?

Eine friedliche Einigung ist vermutlich eher zu erreichen, wenn die Partner frühzeitig sich kommunikative Kompetenzen erworben haben. Der Erwerb von kommunikativen Kompetenzen beider Ehepartner führt nicht notwendig zu einer stabilen und glücklichen Ehe, sondern in manchen Fällen nur dazu, dass das Paar sich vernünftig in gegenseitigen Einvernehmen trennt und sich um zufriedenstellende Problemlösungen bemüht.

Das bedeutet, dass ein Paar sich nicht erst um eine Lösung ihrer Ehekonflikte bemühen sollte, wenn sich schon die „Fronten verhärtet“ haben. In der BRD soll angeblich der tertiäre Sektor, also der Dienstleistungssektor, nicht so breit aufgefächert sein wie in anderen Staaten, zum Beispiel den USA. Zudem kla- gen ausgebildete Psychologen über Stellenmangel. Eine neue Dienstleistung könnte eine prophylaktische Eheberatung mit einem „Ehekrisenfrühwarnsys- tem“ sein, in der sich Ehepaare, die sich noch gut verstehen, von Therapeuten und Psychologen beobachten lassen. Die Psychologen würden anhand der In- teraktion des Paares Prognosen ableiten, wie sich die Ehe weiter entwickeln wird und dahingehend einen Trainingsplan entwickeln, bei deren Anwendung das Ehepaar einen glücklicheren Eheverlauf haben wird.

Es gibt schon Kurse mit Präventionstrainings für Paare, in denen ganz allge- mein kommunikative Kompetenzen für die Ehe erworben werden können. Im Freiburger Streßpräventionstraining zum Beispiel lernen die Paare, „wie sie auch unter Stress und in Konfliktsituationen eine angemessene Kommunikati- onskultur wahren können“ (Bodenmann, 97). Diese Kurse verringern nach- weislich das Scheidungsrisiko und führen zu zufriedeneren Ehen. Allerdings sind in den Kursen 4-6 Paare. Der Lerneffekt wird bei diesen Paaren unter- schiedlich hoch sein, weil zu diesen Kursen sehr wahrscheinlich Paare mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen kommen. Auch ist nicht jedes Paar dazu bereit, über seine intimen Probleme mit anderen Paaren zu reden. Zudem ist zu bedenken, dass es bei einem Teil der Gesellschaft verpönt ist, an Gruppen teil- zunehmen, die nur entfernt an Selbsterfahrungsgruppen und Diskussionszirkeln erinnern.

Daher scheinen mir Trainingspläne, die individuell auf die Ehepaare abge- stimmt sind, eine sinnvolle Alternative zu den schon bestehenden Kursangebo- ten zu sein.

Es wäre auch an ein Vorehetraining zu denken; Paare, die sich nicht sicher sind, ob sie heiraten sollten, könnten sich von Experten beratschlagen lassen, welche Erfolgsaussichten eine Ehe haben würde und je nachdem Trainingsmaßnahmen ergreifen.

7. Schlußfolgerungen

Es ist sicherlich nicht für alle Menschen, die in einer unglücklichen Ehe leben, ratsam, ihre Ehe doch noch retten zu wollen, weil sie vielleicht viel glücklicher sein werden, wenn sie getrennte Wege beschreiten. Die Erkenntnisse der Ent- wicklungspsychologie führen aber zu der Einsicht, dass mehr Ehen durch Pro- phylaxemaßnahmen und Ehetherapien gerettet werden könnten als man allge- mein vermutet und dass es auch Gründe dafür gibt, eine Rettung zu versuchen.

Von der Rechtslage her sind Ehescheidungen leichter geworden und eine Ehe- scheidung wird auch gesellschaftlich nicht mehr so skeptisch beäugt, wie das zum Beispiel in den fünfziger Jahren der Fall war. Wechselnde Partnerschaften sind geradezu in Mode und der übliche Lebensstil geworden. So ist es kaum verwunderlich, dass der Bundeskanzler der BRD Gerhard Schröder, der bereits zum vierten Mal verheiratet ist, als „meistverheirateter Staatsschef einer mono- gamen Gesellschaft“ ins Guinessbuch der Weltrekorde gelangte.1

Aber nicht ist immer alles, was in Mode kommt, für die psychische Befindlich- keit der Betroffenen von Vorteil. Paare lassen sich heutzutage schneller schei- den als früher, auch weil es üblicher geworden ist. Daran scheint auch die Bevorzugung der Ehe durch den Gesetzgeber gegenüber anderen Lebensformen nicht viel zu ändern, denn es wird statistisch betrachtet immer häufiger geschieden und immer weniger geheiratet.

Der Autor Guy Bodenmann fordert, dass die psychologische Forschung sich für die Gründe von negativen Partnerschaftsverläufen und Scheidungen einsetzen sollte, um die „psychisch und volkswirtschaftlich hohen Kosten“ zu vermeiden, die Scheidungen mit sich bringen.

Bodenmann nennt zwei Argumente in einem Atemzug, die unterschiedlich zu bewerten sind. Für sich genommen ist das Argument, dass bei einer Scheidung volkswirtschaftliche Kosten entstehen, nicht überzeugend, weil es gut ist, wenn Geld in den Umlauf kommt und dadurch Arbeitsplätze, zum Beispiel für The- rapeuten, Gutachter, Richter und Rechtsanwälte, entstehen. Insofern könnte sogar ein gesellschaftliches Interesse daran bestehen, dass sich möglichst viele Ehepaare scheiden lassen. Das entscheidende Argument gegen die Scheidung sind aber die psychisch negativen Folgen für die an einer Scheidung beteiligten Personen. Es ist nicht so schön, sein Geld mit den tragischen Schicksalen von Familien zu verdienen.

Der oder die Einzelne versucht sein oder ihr persönliches Glück zu erreichen und daher hat das Recht auf persönliche Freiheit einen so hohen Stellenwert bekommen, so dass oft auf Mitmenschen, die von den Entscheidungen einer Person mitbetroffen sind, nicht genügend Rücksicht genommen wird. Kinder haben nicht das ausreichende rhetorische Vermögen und auch nicht die kogni- tiven Kompetenzen, ihren Standpunkt, dass die Ehe der Eltern erhalten bleiben soll - und in der Regel sind Kinder in Bezug auf Familienstrukturen konserva- tiv - zu verteidigen. Sie müssen die Entscheidung der Eltern einfach hinnehmen und haben mit den Folgen zu kämpfen.

Lieschen Müller einen Empfang zu geben.´“ Weiter führte er aus: „Wir nehmen den Leib sehr, sehr ernst!“ Aus: „Was fehlt“. die tageszeitung (taz) Nr. 4099, 18. August 1993. S. 2.

Ein anderer Fall ist es, wenn die Aufrechterhaltung einer Ehe für die Entwick- lung eines Kindes schädlicher als die Scheidung der unheilbar zerstrittenen Eltern ist. Zum Beispiel ist es bei dem Film Alice lebt hier nicht mehr für die Protagonistin und ihren Sohn ganz offensichtlich die bessere Lösung, den ge- walttätigen Ehemann bzw. Vater zu verlassen. Aber in vielen anderen Fällen könnte eine Ehe noch zu retten sein, was sich positiv auf die Entwicklung der Kinder auswirken würde.

Daher wäre es wünschenswert, wenn die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie mehr Öffentlichkeit hätten. Durch die unvoreingenommenen und differenzierten Beobachtungen der Wissenschaft besteht jedenfalls die Möglichkeit, das Glück der Menschen zu mehren und es nicht durch weltanschaulich fundierte Gebote zu beeinträchtigen.

Literaturverzeichnis

Bodenmann, Guy. „Können wir vorhersagen, welche Ehen scheidungsgefähr- det sind?“ Scheidung und ihre Folgen. Hgg. von Guy Bodenmann und Mein- rad Perrez. Freiburg (Schweiz)/Bern: Universitätsverlag, Verlag Hans Huber, 1996. S. 76-103.

Fthenakis, Wassilios E. „Kindliche Reaktionen auf Trennung und Scheidung“. Familiendynamik. Nr. 20, 1995. S. 127-154.

Gottman, John M., James Coan, Sybil Carrere und Catherine Swanson. „Predicting marital happiness and stability from newlywed interactions“. Journal of marriage and the family. Nr. 60, 1998. S. 5-22.

Kreppner, Kurt und Manuela Ullrich. „Ablöseprozesse in Trennungs- und Nicht-Trennungsfamilien“. Was wird aus den Kindern? Chancen und Risiken für die Entwicklung von Kindern aus Trennungs- und Stieffamilien. Hgg. von Sabine Walper und Beate Schwarz. Weinheim/München, 1999. S. 91-120.

Schmidt-Denter, Ulrich und Wolfgang Beelmann. „Kindliche Symptombelastungen in der Zeit nach einer ehelichen Trennung- eine differentielle und längsschnittliche Betrachtung“. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie. Nr. 24, 1997. S. 26-42.

Schmidt-Denter, Ulrich und Heike Schmitz. „Familiäre Beziehungen und Strukturen sechs Jahre nach der elterlichen Trennung“. Was wird aus den Kin- dern? Chancen und Risiken für die Entwicklung von Kindern aus Trennungs- und Stieffamilien. Hgg. von Sabine Walper und Beate Schwarz. Weinheim/München, 1999. S. 73-90.

Ullrich, Manuela. Wenn Kinder Jugendliche werden. Die Bedeutung der Familienkommunikation im Übergang zum Jugendalter. Weinheim/München: Juventa Verlag, 1999.

[...]


1 „bm“. „Schröder ist echt. Der Rekord-Kanzler (Glosse)“. Der Tagespiegel. 8. Oktober 1999. Die Tatsache, dass ein Mann, der zum vierten Mal verheiratet ist, in ein so repräsentatives Amt wie das des Bundeskanzlers gewählt wurde, ist ein Indiz für einen gesellschaftlichen Werte- wandel. Noch im Jahre 1993 sagte der Kölner Kardinal Meissner eine Einladung des saarländi- schen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine und seiner Partnerin Christa Müller ab, weil sie (damals) unverheiratet waren. Zur Begründung sagte der katholische Würdenträger zum Re- porter einer Boulevardzeitung: „Ich würde nicht zu einem Empfang gehen, den ein Minister- präsident gibt, wenn in der Einladung steht: `Herr Ministerpräsident XY beehrt sich, mit Frau

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Details

Titel
Entwicklung in der Familie
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Proseminar
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
18
Katalognummer
V104236
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Familie, Proseminar
Arbeit zitieren
Markus Hieber (Autor), 1999, Entwicklung in der Familie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104236

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