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Ein lüsterner Blick in das Chambre Séparée. Erotische Literatur in der Wiener Moderne

Titel: Ein lüsterner Blick in das Chambre Séparée. Erotische Literatur in der Wiener Moderne

Examensarbeit , 2020 , 55 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Isabell Rieth (Autor:in)

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Das Mäandern zwischen gesellschaftlicher Genussverachtung und schamlosen Auslebungsphantasien, zwischen Tabu und Tabubruch, dient als Anleitung zum Wiener Spiel des neckischen Verhüllens und Entblößens. Welchen immanenten, jedoch häufig geleugneten Wert Erotik und Pornografie gerade in der „Hauptstadt der Erotik“ Wien haben, sei Zentrum der literarischen Untersuchung. Alles in allem gilt: je restriktiver das Verbot, desto größer die erogene Zone einer Gesellschaft.

Zwischen Endzeit- und Aufbruchsstimmung, Weltschmerz und Euphorie, sowie Tradition und Traditionsbruch erweist sich das Fin de Siècle, die Jahrhundertwende oder, trefflicher und vor allem melancholischer ausgedrückt, das Ende des 19. Jahrhunderts als Epoche der Gegensätze. Gerade im österreichischen Raum und rund um die Bundeshauptstadt Wien fungiert das Fin de Siècle als apokalyptischer Paukenschlag. Ob bedrängt durch den Untergang der österreichischen Donaumonarchie, der wachsenden Industrialisierung oder der damit verbundenen sozialen und milieupolitischen Frage innerhalb der österreichischen Gesellschaft: Das Verständnis für die eigene Identität beginnt seine Klarheit zu verlieren. Unsicherheit wird zum steten Begleiter der Fortschrittseuphorie. Bewegen wir uns im deutschsprachigen Raum zwischen den Jahren 1890 und 1910, so entblößt die Epoche der Moderne eine Vielfalt an künstlerischen und literarischen Strömungen, Stilen und Begrifflichkeiten und damit auch verschiedene Herangehensweisen an die Kehrseite des rasanten wirtschaftlichen Fortschritts. Während in Deutschland der Naturalismus rein deskriptiv unter dem Mantel der Moderne hervorlugt und die Verwissenschaftlichung der Künste, sowie das Hässliche und Rohe ihre Bühne finden, steht der Mensch im Zentrum allen Tuns im Wien der Jahrhundertwende.

Er sucht nach den Wurzeln des menschlichen Seins, er verwandelt sich zurück in ein sinnliches und ewig identitätssuchendes Geflecht aus Nervenbahnen. Das Fragen nach und Neuerfinden von Identität gebiert im Fin de Siècle Wien eine Vielzahl menschlicher Errungenschaften. Kunst, Literatur, Musik, Psychologie und Medizin erleben eine Blütezeit und die Grenzen zwischen diesen Teildisziplinen gesellschaftlichen und akademischen Gedankenguts werden verwischt, nahezu unkenntlich gemacht, denn letztendlich münden alle Bereiche mit ihren Identitätsüberlegungen in der wohl identitätsbehaftesten Domäne der Menschheitsgeschichte: der Sexualität.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die sexualpolitische Utopie Wiens um 1900

3. Das Element Weib: Eine erotische Wissenschaft

4. Männerphantasien: Erotik in der literarischen Wiener Moderne

4.1 Frauenbilder in Männeraugen

4.1.1 Femme Fatale

4.1.1.1 Die junge Frau Emma – Reigen

4.1.1.2 Albertine – Traumnovelle

4.1.2 Femme Fragile

4.1.2.1 Madonna Dianora – Die Frau im Fenster

4.1.2.2 Der Tod Georgs und die Femme Fragile

4.1.3 Femme Enfant

4.1.3.1 Altenbergs Skizzen

4.1.3.2 Josefine Mutzenbacher

4.2 Erotische Anderswelten

4.2.1 Das Chambre Séparée

4.2.2 Der Prater

4.2.3 (Alp)Traumwelten: Geheime Vereinigungen

4.3 Erregen, Aufregen, Anregen: Die literarische Pornographie

5. Schluss

Zielsetzung und Themen

Die Arbeit untersucht die Darstellung erotischer Literatur in der Wiener Moderne um 1900 und analysiert, wie in einer von gesellschaftlichen Restriktionen und Tabus geprägten Zeit durch die literarische Auseinandersetzung mit Sexualität männliche Identitätskrisen verarbeitet und Frauenbilder konstruiert wurden.

  • Die sexualpolitische Utopie und Paradoxie im Wien um 1900.
  • Wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Diskurse über weibliche Sexualität.
  • Literarische Typologien: Femme Fatale, Femme Fragile und Femme Enfant.
  • Die Funktion von "erotischen Anderswelten" (z.B. Chambre Séparée, Prater) als Schutzräume.
  • Die politische Dimension von Erotik und Pornographie als Mittel der gesellschaftlichen Provokation.

Auszug aus dem Buch

4.1.1.1 Die junge Frau Emma – Reigen

Arthur Schnitzlers „Reigen“ spielt mit der ambivalent lustvollen Angst eines gehörnten Ehemannes. Im Zentrum seines Stücks steht die für verlässlich gehaltene Annahme Weiningers, dass das weibliche Wesen durchtrieben, animalisch und ganz und gar betrügerisch sei. Klar ist, dass von den realgewordenen Femme Fatales, den schönen Schauspielerinnen und verführerischen Dirnen eine gewisse sexuelle Freizügigkeit erwartet wird, diese Vorstellung ist daher für ein männliches Ego der Wiener Jahrhundertwende im Rahmen des Reigens erträglich. Anders ist es jedoch beim Auftritt der Jungen Frau, die sich trotz ihrer Mutterschaft und Ehe, also trotz ihres äußeren Erscheinungsbilds einer anständigen Frau, mit dem Jungen Herrn Alfred vereinigt.

Das Verhältnis zwischen der Jungen Frau Emma – eine Anspielung auf die Ehebrecherin Madame Bovary – und Alfred scheint ein bloßes sexuelles Rollenspiel zwischen Devotion und Dominanz zu sein. Der junge Herr erwartet seine Liebschaft voller Unruhe. Der Décadent Alfred kostet eine glasierte Kastanie, besprüht den Salon mit Veilchenduft, geht nervös auf und ab, richtet angespannt sein Haar und erschrickt schlussendlich beim Klingeln an der Türe. All diese Verhaltensmuster – das Naschen, das Versprühen von Veilchenduft, Nervosität, Zurechtmachen und Erschrecken – sind ursprünglich weiblich kodiert. Alfred gibt also beim Betreten des Raumes bereits seine Männlichkeit ab. Die junge Frau betritt dicht verschleiert den Raum und wird mit Handkuss und einem devoten „Ich danke Ihnen“ begrüßt, auf das sie gebieterisch nur „Alfred, Alfred“ antwortet. Ihr Gebaren, ihre Verschleierung und ihre Angst, von „zwei Herren auf der Stiege“ erkannt worden zu sein ist Ausdruck der Gefahr ihrer Beziehung.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung bettet das Thema in das gesellschaftliche Klima des Fin de Siècle ein, das von Identitätskrisen, dem Bruch mit Traditionen und einer paradoxen Tabuisierung der Sexualität geprägt war.

2. Die sexualpolitische Utopie Wiens um 1900: Dieses Kapitel beleuchtet die gesellschaftlichen Restriktionen gegenüber Frauen und wie diese zur Etablierung einer männlich dominierten Sexualmoral führten, die Frauen auf die Rolle der Ehefrau reduzierte.

3. Das Element Weib: Eine erotische Wissenschaft: Es wird analysiert, wie zeitgenössische Wissenschaftler durch pseudowissenschaftliche Diskurse versuchten, weibliche Sexualität zu normieren, um männliche Ängste vor Identitätsverlust zu bewältigen.

4. Männerphantasien: Erotik in der literarischen Wiener Moderne: Hier werden die zentralen Frauenbilder (Femme Fatale, Femme Fragile, Femme Enfant) und die erotischen Anderswelten als männliche Projektionsflächen analysiert, die als Ventil für verdrängte Wünsche dienen.

5. Schluss: Das Kapitel fasst zusammen, dass Erotik und Pornographie in der Wiener Moderne als politisches und identitätsstiftendes Werkzeug fungierten, um die restriktive Gesellschaft zu parodieren und männliche Selbstbilder neu zu verhandeln.

Schlüsselwörter

Wiener Moderne, Fin de Siècle, Erotik, Sexualmoral, Identität, Femme Fatale, Femme Fragile, Femme Enfant, Chambre Séparée, Pornographie, Sozialkritik, Arthur Schnitzler, Otto Weininger, Geschlechterrollen, Männerphantasien.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie sich die Wiener Moderne literarisch mit dem Tabuthema Sexualität auseinandersetzte und wie dabei durch bestimmte Frauenbilder männliche Ängste und Wünsche reflektiert wurden.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Schwerpunkte liegen auf der Sexualpolitik um 1900, der wissenschaftlichen Konstruktion von Weiblichkeit, literarischen Frauentypen und der Funktion von Erotik als gesellschaftliche Provokation.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Ziel ist es aufzuzeigen, wie Schriftsteller wie Schnitzler, Salten und Altenberg durch ihre Texte die Scheinheiligkeit der bürgerlichen Sexualmoral entlarvten und die Frau als Projektionsfläche für männliche Identitätsprozesse nutzten.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär literarische Primärtexte in den Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher, psychologischer und sexualwissenschaftlicher Diskurse stellt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden die Konzepte der Femme Fatale, Femme Fragile und Femme Enfant an Fallbeispielen analysiert sowie die Bedeutung von erotischen Rückzugsorten wie dem Chambre Séparée und dem Prater erörtert.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den wichtigsten Begriffen zählen Femme Fatale, Wiener Moderne, Sexualmoral, Männerphantasien, gesellschaftliche Restriktionen und soziale Provokation.

Inwiefern spielt das Konzept des "Chambre Séparée" eine Rolle?

Es dient als Metapher für den halböffentlichen Raum, der es den Protagonisten ermöglicht, gesellschaftliche Normen temporär auszusetzen und ihre unterdrückten Triebe in einem geschützten Rahmen auszuleben.

Warum wird die "Josefine Mutzenbacher" als pornographischer Text politisch eingeordnet?

Der Text wird als politische Provokation verstanden, da er durch die schamlose Sprache die Doppelmoral der katholischen Kirche und das bürgerliche Verständnis von Kindheit und Sexualität gezielt parodiert.

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Details

Titel
Ein lüsterner Blick in das Chambre Séparée. Erotische Literatur in der Wiener Moderne
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Germanistik)
Veranstaltung
Zulassungsarbeit
Note
1,0
Autor
Isabell Rieth (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2020
Seiten
55
Katalognummer
V1042583
ISBN (eBook)
9783346463937
ISBN (Buch)
9783346463944
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wien Wiener Moderne Erotische Literatur Fin de Siècle Felix Salten Arthur Schnitzler Hugo von Hofmannsthal Josefine Mutzenbacher Seccession Gustav Klimt Österreich Freikörperkultur Fidus Bildende Kunst Femme Fatale Femme Fragile Femme Enfant Frauenbild Sexualtität Freud Psychopathia Sexualis Richard von Krafft-Ebing
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Isabell Rieth (Autor:in), 2020, Ein lüsterner Blick in das Chambre Séparée. Erotische Literatur in der Wiener Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1042583
Blick ins Buch
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Leseprobe aus  55  Seiten
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