Die Grundlagen des christlichen Antijudaismus


Hausarbeit, 2000

34 Seiten

Anonym


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Inhaltsverzeichnis

I. VORWORT
I.I. ZIELSETZUNG UND ERKENNTNISINTERESSE
I.II. METHODOLOGISCHE RANDBEMERKUNGEN

II. DIE GRUNDLAGEN DES CHRISTLICHEN ANTIJUDAISMUS
II.I. BRUCH UND KONTINUITÄT
II.II. DAS PROBLEM DER SOZIALEN INTEGRATION
Die Ausbildung konträrer Sozialformen
Gesetzestreue versus Heilserwartung
II.III. MACHT UND HIERARCHIE
Innerkirchliche Hierarchie
Macht durch Schrift und Bild
II.IV. DIE ENTWICKLUNG EINER KONTRÄREN THEOLOGIE
Die frühchristliche Theologie
Die Rolle der Reformation
Die ‚Heilige Schrift’
Der Ausschließlichkeitscharakter
II.V. ANTIJUDAISMUS IN DER BIBEL
II.VI. ANTIJUDAISMUS IM ISLAM

III. SCHLUSSBEMERKUNG

I. Vorwort

I.I. Zielsetzung und Erkenntnisinteresse

Die christliche Theologie erfuhr in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine schwere Erschütterung, deren gewaltige Auswirkungen und Nachbeben noch immer nicht abgeklungen sind. Ausgegangen ist diese Eruption von den heillosen Entwicklungen des Faschismus und des Nationalsozialismus vor allem in Mitteleuropa und insbesondere in Deutschland. Die starke Erschütterung kommt aus einer bedrückenden Frage, die sich die christliche Theologie nach 1945 stellen muss - eine Frage, die weit schwerer wiegt, als die Ungewissheit, ob man durch Schweigen und Wegsehen das grausame Handeln der Nationalsozialisten befördert hat. Die beklemmende Frage ist, ob die christliche Kirche maßgeblich an der Entstehung der Ideologie beteiligt war, die zu einem der schwersten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geführt hat - zur Ausrottung von Millionen von Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung.

Der im 20. Jahrhundert nicht zum erstenmal kulminierende, wohl aber zum abscheulichsten Ausmaß verdichtetste Judenhass ist ein extrem vielschichtiges und hochkomplexes Phänomen, dass in seiner Gesamtheit noch immer auf eine vollständige Erklärung wartet - die man vermutlich nie wird geben können. Wirtschaftliche, militärische und kulturelle Auseinandersetzungen spielen in diesem Konflikt eine ebenso große Rolle wie Mythen und Bilder, Sagen und Legenden, die sich über Jahrhunderte in der Volkskunst und im Brauchtum erhielten, eine Eigendynamik entwickelten und eine ungeheure psychologische Tiefenwirkung erzielten.

Ich möchte mich in der vorliegenden Arbeit mit nur einem einzigen Teilphänomen des Gesamtkomplexes 'Antisemitismus' beschäftigen - mit dem christlichen Antijudaismus. Drei Fragen sollen dabei im Vordergrund stehen.

1. Welche Ursachen haben dazu geführt, dass der Antijudaismus ein integraler Bestandteil der kirchlichen Lehre werden konnte?
2. Wie konnte die Kirche diese tödliche Lehre mit einer solchen Tiefenwirkung verbreiten?
3. Weshalb kam es gerade in den von der Westkirche geprägten Gebieten zu einem solch außergewöhnlich grausamen Antijudaismus?

Jede Antwort, die ich auf diese Fragen gebe, kann im Hinblick auf den Gesamtkomplex 'Antisemitismus' nur unbefriedigend sein. Ich bin mir darüber bewusst, dass es keine monokausale Erklärung für ein solch vielschichtiges und weitverzweigtes Phänomen geben kann, dass ich im Gegenteil der Erscheinung am ehesten gerecht werde, indem ich meine Ansprüche von Beginn an einschränke und meinen Ehrgeiz auf nur eines von vielen möglichen Teilphänomenen beschränke. Es soll und kann hier also ebenso wenig darum gehen, eine vollständige „Erklärung“ des Antijudaismus zu geben, wie katalogisierend die Gesamtheit antijüdischer Entwicklungen und Handlungen in Europa über zwei Jahrtausende zu erfassen. All die verschiedenen Formen und Ausprägungen von Antijudaismus - von alltäglicher ‚ziviler’ Diskriminierung bis hin zum Massaker - unterscheiden sich auf vielfältigste Weise in Raum und Zeit, Anlass, Umstand, Verlauf und Folgen etc. All diesen antijüdischen Phänomenen liegen jedoch, quasi als Grundkonstanten, spezifische Tendenzen zu Grunde. Diese Arbeit hat dann ihren Zweck erreicht, wenn sie diese Tendenzen herausarbeiten kann und zumindest in Ansätzen fähig ist zu zeigen, welche Rolle der christliche Antijudaismus in der spezifischen Judenfeindschaft West- und Mitteleuropas spielt.

Eine Grundthese dieser Arbeit ist dabei, dass der moderne Antisemitismus in seiner besonderen europäischen Ausprägung seine Ursachen in gesellschaftlichen, politischen und religiösen Entwicklungen hat, die weit ins Mittelalter hineinreichen und deren Wurzeln bis in den Abspaltungsprozess des Frühchristentums von der jüdischen Religion zurückgehen. Um die Entwicklungsstruktur in seiner Gesamtheit zu erfassen ist es also notwendig, auch die Grundvoraussetzungen der ‚mittelalterlichen Grundlagen’ eines spezifisch europäisch- christlichen Antijudaismus genau zu untersuchen - den frühchristlichen Antijudaismus, seine Ursachen und seine Ausprägungen.

Die im frühen Christentum gelegten Fundamente des christlich begründeten Antijudaismus ziehen sich durch die gesamte europäische Geschichte des Christentums und des Judentums, bis sie im 20. Jahrhundert schlagartig und in gewaltigem Ausmaß kulminieren. Die Konstanz dieser Charakteristika ist selbst schon wieder ein Charakteristikum der europäischen Geschichte vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit hinein. Eine Haupt-Aufgabe dieser Studie soll es daher sein zu überprüfen, inwiefern der christliche Antijudaismus ein integraler Bestandteil der christlichen Weltanschauung ist, auf welche Art und Weise er von dort aus auf die Gesellschaft einwirkte und welche Folgen dies hatte.

I.II. Methodologische Randbemerkungen

Ich werde im Rahmen dieser Studie immer wieder Interpretationen von biblischen Zitaten liefern müssen. Wenn die Auslegung dieser Textstellen auf eine Art und Weise geschieht und zu Ergebnissen führt, die nicht im Sinne der heutigen Theologie ist, so hat das gute Gründe. Mein Ziel kann es hier nicht sein, eine theologisch 'richtige' Interpretation der entsprechenden Textstellen zu liefern, sondern diejenige Interpretation, die jahrhundertlang als die theologisch richtige galt. Bei den meisten Zitaten, die für diese Untersuchung relevant sind, war diese theologisch richtige Interpretation beinahe zwei Jahrtausende hindurch eine antijüdische. Ein Einwand gegen diese Interpretation wäre einem Angriff auf das Wort Gottes gleichgekommen, die gegenteilige Interpretation wäre aus theologischer Sicht falsch gewesen. Es kann mir also hier nicht darum gehen zu beurteilen, ob die entsprechenden Stellen aus heutiger Sicht noch einen Antijudaismus implizieren. Für meine Fragestellung ist dies völlig unwesentlich. Mir geht es darum, dass durch die Methoden der theologischen Wissenschaft jahrhundertlang antijüdische Schlussfolgerungen aus diesen abgeleitet wurden.

Darüber hinaus ist es meiner Meinung nach fatal, wenn man heute versucht, die antijüdisch klingenden und wohl auch antijüdisch gemeinten Passagen der griechischen Bibel mit theologischen Methoden zu „entschärfen“. Man hat dies in der neueren Theologie oft getan, etwa indem man missverständliche Übertragungen von Wörtern aufgezeigt und Alternativen angeboten hat, indem man Textstellen in neue Sinnzusammenhänge eingeordnet hat und dergleichen mehr. Mit dieser Methode versperrt sich die Theologie aber einerseits die Möglichkeit einer wertneutralen Erkenntnis, andererseits stellt sie sich damit genau in die Tradition, die sie zu überwinden sucht - in die Tradition nämlich, die versucht, den Charakter einer Volksgruppe und die Beziehung zu ihr über eine 2000 Jahre alte Schrift festzulegen. Dass das Gebot der Nächstenliebe auch auf Menschen jüdischen Glaubens anzuwenden ist, muss nicht erst die Exegese nachweisen.

Mit geht es also weder darum, die antijüdischen Argumente zu entkräften, noch sie zu bestärken. Ich möchte soweit mir dies möglich ist wertfrei darstellen, unter welchen Umständen sie aufkamen und wie sie wirkten. Als Grundlage werde ich die heute als kanonisch bekannten vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die 21 Briefe und die Offenbarung benutzen. Die apokryphen Schriften hatten zwar in der Frühzeit des Christentums eine große Bedeutung, sind aber für die spätere Entwicklung wenig bedeutsam, weshalb ich sie auch hier unterschlagen möchte. Die Tatsache, dass ich innerhalb einer historisch angelegten Arbeit wie dieser immer wieder auch versuchen werde, die Argumentation der christlichen Exegeten nachzuzeichnen und zu dokumentieren, mag auf den ersten Blick verwundern. Der Grund dafür liegt in der Überlegung, dass gerade auch die Exegese einen großen Teil der Verantwortung für die Entstehung eines spezifisch christlichen Antijudaismus trägt. Mit einer genaueren Untersuchung der Argumentationsstruktur, der Motive und Leitgedanken begebe ich mich bewusst in einen Bereich der Geschichtsschreibung, der die Frage nach der menschlichen Motivation in die Analyse geschichtlicher Vorgänge mit einbezieht. Mein Ziel ist es, nicht nur das in Handlungen manifest gewordene Phänomen zu dokumentieren, nicht nur die Entwicklungen der Geistesgeschichte nachzuzeichnen, sondern eben auch die Grundlagen des christlichen Antijudaismus zu benennen - das Fundament einer Geistesströmung und damit auch die Beweggründe der handelnden Menschen.

Zuletzt möchte ich noch darauf hinweisen, dass die Begriffe Altes Testament und Neues Testament verblasste Adjektive enthalten, die eine wertende Beschreibung des jeweiligen Schriftenkanons darstellen. Es ist klar, dass diese Bezeichnungen von der christlichen Tradition ausgehen, bedeutet „alt“ im Gegensatz zu „neu“ doch soviel wie überkommen, überwunden. Dass sie heute nicht mehr als wertend, sondern als neutraler Teil eines Eigennamens aufgefasst werden, soll mich in der Vermutung bestärken, dass sich Elemente des christlichen Antijudaismus auf subtile und sublime Art und Weise im Sprachgebrauch, aber auch in anderen Bereichen der uns umgebenden sozialen und politischen Welt niedergeschlagen haben, dort heute kaum noch bewusst wahrgenommen werden aber dennoch auf unser Weltbild zurückwirken. Um in dieser Untersuchung trotz dieser Schwierigkeiten eine Einheitlichkeit, Klarheit und Verständlichkeit in der Form zu erreichen, werde ich als Synonyme zu den Begriffen Altes und Neues Testament die Bezeichnung hebräische und griechische Bibel oder hebräischer und griechischer Kanon wählen.

II. Die Grundlagen des christlichen Antijudaismus

II.I. Bruch und Kontinuität

In den folgenden Abschnitten möchte ich die These vertreten, dass der Übergang vom Judentum zu der eigenständigen Religion Christentum über die Schlüsselfigur Jesus einerseits einen radikalen Bruch mit der Tradition darstellt, dass es über diesen Bruch hinweg jedoch einige bedeutende Kontinuitäten gibt, die in der Lehre Jesu nicht angelegt waren, die für die Entwicklung des christlichen Antijudaismus jedoch eine bedeutende Rolle spielen. Der radikale Bruch ist insofern bedeutsam, als die Loslösung vom Judentum zur Entstehung einer neuen Religion führt, die in wesentlichen Elementen dem Judentum diametral entgegensteht. Das besonders enge und zugleich radikal verschiedene Verhältnis zwischen Christentum und Judentum führt zu extremen Spannungen, in denen der Antijudaismus grundgelegt ist. Zugleich stellt der Prozess der Ablösung vom Judentum den bedeutendsten Ursprung der christlichen Judenfeindschaft dar. Der dem zuerst ambivalenten, dann spannungsreichen und schließlich feindlichen Verhältnis der Christen zu den Juden entspringende frühchristliche Antijudaismus fand zunächst Eingang in die frühe christliche Theologie, hat sich dort zu einem integralen Bestandteil derselben verfestigt und wirkt von diesem Ort aus bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein. Ohne einige bedeutende Elemente des Judentums jedoch, die den Übergang zum Christentum als geistesgeschichtliche Kontinuitäten überstanden haben, ist die Möglichkeit eines umfassenden und tiefenwirksamen Antijudaismus, der die gesamte christliche Gesellschaft Europas erfasste, nicht denkbar. Diese Brüche und Kontinuitäten herauszuarbeiten, soll hier zunächst meine Aufgabe sein.

Ich bin mir darüber bewusst, dass es historisch gesehen schwierig ist, von einem radikalen Bruch zu sprechen. So zeigen sich bei genauerer Betrachtung in zeitlichem und räumlichem Umfeld des Religionsstifters bedeutende Entwicklungen, die erst die Grundvoraussetzungen dafür schafften, dass die neue Lehre auf fruchtbaren Boden fiel. Eine solche Voraussetzung, ohne die der Erfolg von Jesus nicht denkbar ist, war etwa die Täuferbewegung des Johannes. John Crossan schreibt über sie:

„Anstatt aber eine große Menge dort um sich zu sammeln und dann mit dieser in das Gelobte Land einzumarschieren, schickte er [Anm.: Johannes der Täufer] die Bekehrten einzeln zurück über den Jordan, nachdem er ihre Sünden in dessen reinigendem Wasser abgewaschen hatte, und wies sie an, die baldige Herabkunft des rächenden Gottes in Heiligkeit zu erwarten. Das war in gewisser Weise noch gefährlicher als das Programm des Ägypters1. Johannes legte eine tickende Zeitbombe apokalyptischer Erwartung in jeden Winkel des jüdischen Landes.“2

Die Täuferbewegung sei hier nur als eines von vielen Beispielen genannt, mit der man die vermeintliche Radikalität der juden-christlichen Königreichsbewegung historisch abfedern kann. Dennoch gibt es genügend Elemente in der Lehre Jesu, die der jüdischen Tradition diametral entgegenstehen und die gerade deshalb dazu führten, dass es sich bei der neuen Religion um eine isolierte Splittergruppe handelte, die auf Grund ihrer Radikalität nicht in der Lage war, auf das Judentum zurückzuwirken und dieses zu reformieren. In dieser Hinsicht lässt sich, wie ich meine, zu Recht von einem ideen- oder geistesgeschichtlichen Bruch sprechen - auch wenn sich im Detail genügend überzeugendes Material finden lassen sollte, den Übergang als eine in sich schlüssige Entwicklung darzustellen.

All diese neuen Elemente, die das Christentum von der jüdischen Religion unterscheiden, sind für die gesamte christliche Religions- und Kirchengeschichte von nicht zu unterschätzender Bedeutung. In dieser Studie kann es jedoch nicht mein Ziel sein, en detail die Auswirkungen dieser Differenzen vom Frühchristentum bis zur Gegenwart zu beschreiben. Zunächst möchte ich mich darauf beschränken, diese der jüdischen Überlieferung widersprechenden Elemente des Christentums systematisch in den uns überlieferten frühchristlichen Schriften aufzuweisen. Ich werde im Laufe dieser Arbeit dann exemplarisch auf die Ergebnisse dieser Untersuchung zurückgreifen und die Bedeutung der Differenzen zwischen Christentum und Judentum für den christlichen Antijudaismus an historischen Beispielen explizieren. Fürs Erste jedoch soll uns der Gedanke genügen, dass das als Differenz zum Judentum zu Tage geförderte Spuren in einer jahrtausendelangen theologischen Tradition hinterlassen hat und eine wesentliche Grundvoraussetzungen für den gesamten christlichen Antijudaismus darstellt.

Bei dem, was ich im Folgenden unter die Schlagworte Bruch und Kontinuität fasse, handelt es sich zumeist um hochkomplexe Zusammenhänge. Ich werde mich hier dessen ungeachtet mit einer vereinfachenden Darstellung begnügen, die das für diese Arbeit wesentliche herausarbeitet und den Rahmen der Untersuchungen in einem sinnvollen Verhältnis zum Umfang der gesamten Arbeit bewahrt.

II.II. Das Problem der sozialen Integration

Jesus trat mit dem Anspruch auf, die gesamte jüdische Religion radikal von allen Elementen zu befreien, die seiner Meinung nach einer Beziehung zu Gott im Wege standen und menschlichen Ursprungs sind. Auf eine bemerkenswert fundamentale und kategorische Art und Weise wendete er sich mit diesem Anspruch zugleich gegen grundlegende Elemente des tradierten und gefestigten religiös-gesellschaftlichen Sozial-Gefüges der jüdischen Gesellschaftsgruppe. In dieser umfassenden Kritik war die Lehre des Nazareners so radikal, dass der Loslösungsprozess von der jüdischen Volks- und Religionsgemeinschaft in ihr innerlich angelegt war. Diese fundamentale Umwertung der gesellschaftlichen Werte beförderte die Etablierung eines neuen sozialen Gefüges, das sich von seinen eigenen Wurzeln, namentlich der jüdischen Religion, so stark unterscheidet und abgrenzt, dass die Möglichkeit einer soziale Integration der im Laufe der Zeit zu relativ machtlosen Minderheiten verdrängten jüdischen Gruppierungen zusehends problematisch wird. Diese Entwicklung ist freilich nicht ausschließlich auf der Basis religionswissenschaftlicher Überlegungen zu verstehen. Ökonomische wie (macht-)politische, soziologische wie theologische Faktoren greifen in einem hochkomplexen System ineinander und bedingen sich gegenseitig. Nichtsdestotrotz möchte ich mich in dieser Untersuchung auf diejenigen Faktoren beschränken, die auf der Basis religionsgeschichtlicher und religionswissenschaftlicher Phänomene in den Gesamtprozess einfließen.

Die Ausbildung konträrer Sozialformen

Die jüdische Religion und ihre Lehren stärkt und befördert die Ausbildung einer Ahnenkultgesellschaft. Für die Akteure des Alten Testaments ist es immer wieder wichtig, den Stammbaum bis auf den Stammvater Abraham zurückverfolgen zu können, die Vergehen einer Person belasten die Nachkommen noch bis ins siebte Glied und selbst Jesus - bzw. sein Ziehvater Josef - wird zu Beginn des Mathäusevangeliums noch in die Abstammungsreihe Abrahams und Davids eingereiht - die Überschrift des entsprechenden Kapitels lautet wörtlich „Buch der Abstammung von Jesus Christus, dem Sohn Davids, dem Sohn Abrahams“ (Math. 1, 1). Durch eine solch starke Betonung der Patrilinie in der gesamten durch die Religion geprägten Gesellschaft bildet sich eine Sozialstruktur heraus, in deren Zentrum die Beziehung der männlichen Erbfolge steht. Die starke Betonung des erstgeborenen männlichen Nachkommen führt im Verlauf der weiteren Gesellschaftsentwicklung zu ausgeprägten Formen der Früh- und Kinderheirat, zu Großfamilien und Clanstrukturen, zu Priesterkasten mit erblichem Priesteramt, zu Polygamie und anderen speziellen Gesellschaftsstrukturen, die wiederum weit reichende Konsequenzen für die Rechtsprechung, die Arbeitsstruktur, die Sexualnormen, die Agrar- und Kirchenverfassung etc. nach sich ziehen. Die Leviratsehe ist ein Beispiel für eine Besonderheit der Ahnenkultgesellschaft, die in Europa noch bis ins 19. Jahrhundert hinein de jure Gültigkeit besaß. Nach diesem alttestamentarischen Gebot ist ein jüdischer Mann verpflichtet, seinem älteren Bruder mit dessen Frau einen männlichen Nachkommen zu zeugen, wenn dieser kinderlos gestorben ist. Die spezifischen Sozialformen der Ahnenkultgesellschaft prägen die gesamte Struktur der jüdischen Arbeits- und Lebenswelt.

Jesus lehnt die Fixierung auf die genetische Familienzugehörigkeit jedoch ab und greift damit tief in diese bestehende gesellschaftliche Ordnung ein. Der leibliche Vater wird radikal entwertet. Einziger wahrer Vater kann nur Gott sein und die Gläubigen sind die Kinder Gottes. Diese wiederum nennen sich nach einem Jesuswort untereinander Brüder und Schwestern. Als Jesus von einem Jünger darauf hingewiesen wurde, dass seine Mutter und seine Brüder auf ihn warten, antwortete er: „wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? [...] Das hier sind meine Mutter und meine Brüder! Denn wer tut, was mein Vater im Himmel will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter“ (Math. 12, 46-50). Die Taufe wird im Christentum zur wahren Geburt, zur Geburt im Geiste. Die Taufe im Namen Christi ist eine Taufe „mit dem Heiligen Geist und mit dem Feuer des Gerichts“ (Lk. 3, 16), bei der der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf den Getauften herabkommt (Lk. 3, 22). Mit der Taufe, nicht mit der Geburt, nimmt man daher im Christentum seinen Namen an. Wer sich erst später zum Glauben an Christus bekennt, wechselt häufig seinen Namen, um deutlich zu machen, dass er durch die neue Zugehörigkeit zur christlichen „Familie“ ein neuer Mensch geworden ist. So hat sich schon Saulus nach seinem Bekehrungserlebnis den Namen Paulus gegeben. In vielen christlichen Orden und Klöstern ist es noch heute üblich, sich beim Eintritt einen neuen Namen zu geben. Die katholische Kirche vervollständigt die Familienstruktur noch, indem sie Maria als heilige Mutter Gottes verklärt. In ihrer Jungfräulichkeit wird noch die letzte genetische Komponente ausgemerzt.

Die weltgeschichtlich neue Einführung einer abstammungsneutralen bis abstammungsfeindlichen Religion hat tiefgreifende und umfassende Veränderungen der Gesellschaftsstruktur zur Folge. Dieser Umwälzungsprozess erfasst besonders während der frühmittelalterlichen Geschichte im Zuge der Christianisierung ganz West- und Mitteleuropa. Als direkt messbare Folgen der Abstammungsfeindlichkeit des Christentums steigt in den entsprechenden Gebieten das Heiratsalter auf eine im weltweiten Vergleich einzigartige Höhe von 25-27 Jahren. Im Gegenzug dazu fällt die Geburtenrate rapide ab. Im direkten Vergleich mit Gesellschaftsformen außereuropäischer Kulturen fällt die relative Bedeutungslosigkeit der genetischen Familienzugehörigkeit in der ‚christlichen Sozialstruktur’ unweigerlich ins Auge. Andererseits steigt die Bedeutung der Gattenbeziehung auf ein beachtliches Niveau - die Idee einer christlichen Ehe wurzelt schon sehr früh im Ideal der Liebesheirat. Auch wenn natürlich die Umsetzung in die Tat immer noch eine andere Sache ist als die Theorie und oftmals fremde Faktoren die freie Entscheidung der Ehepartner füreinander unmöglich machten, lässt sich eine Reihe von Argumenten finden, die die These der besonderen Qualität einer christlichen Ehe stützen. In einer solchen Ehe wird beispielsweise, was im Vergleich mit anderen Kulturen zumindest nicht als selbstverständlich erscheinen kann, die Frau in die neue Familie vollständig integriert. Das bedeutet etwa auch, dass sie ihren Mädchennamen aufgibt, sich damit von ihrer eigentlichen biologischen Familie löst und sich mit einer neuen ‚geistigen Verwandtschaft’ zu ihrem Ehemann identifiziert. Die Bedeutung dieser im Idealfall freiwilligen geistigen Verbindung ist im kirchlichen Sakrament der Ehe zu erkennen, das sich die beiden Ehepartner gegenseitig spenden, das also nicht von einem kirchlichen Würdenträger gespendet wird, und das zudem das einzige Sakrament der katholischen Kirche ist, das eine Frau spenden darf. Ein weiteres Indiz für die relativ hohe Bedeutung der Partnerschaft zwischen Mann und Frau im Familiensystem des christlich-europäischen Kulturkreises ist das Inzestverbot. Es weitet sich auch auf angeheiratete Verwandte aus, also auf Personen, zu denen in keiner Weise eine biologische Verwandtschaft besteht. Ein letztes Beispiel bezieht sich auf die Verwandtschaftsbezeichnungen. Zwar dominieren noch im späten Mittelalter unterschiedliche Termini zur Bezeichnung von Vaterbruder und Mutterbruder oder Vaterschwester und Mutterschwester, doch durch eine weitgehende Gleichstellung der Verwandtschaft der Mutter mit derjenigen des Vaters kommen im Laufe der Neuzeit die symmetrischen Begriffe ‚Onkel’ und ‚Tante’ auf. Eine solche Symmetrie ist in patrilinearen und patriarchalischen Gesellschaften undenkbar.

Als Konsequenz des hohen Heiratsalters ist zunächst eine vergleichsweise geringe durchschnittliche Kinderzahl zu vermerken sowie eine im Gegensatz zur zumeist sehr starken Patrilokalität außereuropäischer Kulturen hohe Mobilität großer Bevölkerungsschichten - insbesondere der Jugendlichen - da eine religiöse Bindung an die elterliche Familie oder an deren Landbesitz nicht besteht. Der letztgenannte Faktor, die hohe Mobilität, beförderte in Europa unter anderem die Entstehung solch weltweit einzigartiger Phänomene wie etwa des Gesindedienstes, der im Laufe der mittelalterlichen Geschichte stark an Bedeutung gewinnt. Zentraler und für diese Untersuchung bedeutender Faktor hierbei ist, dass es in Familien überhaupt möglich ist, die eigenen Kinder zum Arbeitsdienst an andere Höfe, also auch an andere Familien, abzugeben. Auch die Tatsache, dass Kinder schon kurz nach der Geburt an Leihmütter weggegeben werden konnten, ist nur auf der Basis einer solchen, spezifisch west- christlichen gattenzentrierten Familienstruktur zu verstehen. Dass sich in der Europäischen Kultur seit dem frühen Mittelalter der Kern einer Familie zunehmend in der Beziehung zwischen den Gatten konzentriert (gattenzentriertes Familiensystem) steht im Widerspruch zur Patrilinearität etwa der jüdischen Tradition. DeMause fasst die Situation des christlichen Europa im ausgehenden Mittelalter wie folgt zusammen: „Obwohl es zahlreiche Ausnahmen von der allgemeinen Regel gab, verbrachte das Durchschnittskind wohlhabender Eltern bis ins 18. Jahrhundert seine ersten Lebensjahre im Haus einer Amme, kehrte zur Pflege durch andere Bedienstete nach Hause zurück und wurde im Alter von sieben Jahren zu Diensten, zur Lehre oder zur Schule ausgeschickt“3. Innerhalb der abstammungsneutralen, wenn nicht abstammungsfeindlichen Gesellschaft verschwinden Phänomene wie etwa die Polygamie fast vollständig. Die Sklavenhaltung, etwa auch im Islam noch weit verbreitet, weicht dem Konkubinat und dem Gesindedienst, der im Laufe des Mittelalters als Arbeitskräfteersatz aufkommt. Kinder verrichten hierbei an fremden Höfen Arbeitsdienst und werden sozial in die zunächst fremde Familienstruktur integriert. Dieser Integrationsprozess geht letztendlich so weit, dass Knechte und Mägde den eigenen Kindern im Haushalt annähernd gleichgestellt werden. Üblich ist etwa eine Sitzordnung, die sich nach der entsprechenden Tätigkeit am Hofe richtet, nicht etwa nach der Verwandtschafts- oder Bekanntschaftsbeziehung zu den Eltern. Die eigenen Kinder, solange sie noch am elterlichen Hof arbeiten, werden wie auch die Knechte und Mägde nach ihrer dortigen Tätigkeit und nach ihrem Alter eingestuft und entsprechend in die erweiterte Familienstruktur integriert. Im Zentrum bäuerlicher Gesellschaftsschichten steht somit nicht die Abstammungslinie oder die Clanzugehörigkeit sondern die Qualität der Arbeitskraft - modern formuliert: der Marktwert. Der somit forcierte Ablösungsprozess von den Eltern begünstigt den Individualisierungsprozess - und auch die Mobilität der Jugendlichen steigt enorm im Vergleich zu anderen Kulturen, da es keinen religiösen Grund mehr für eine Patrilokalität der Kinder gibt.

Für das Problem des Antijudaismus werden diese Überlegungen genau dann in nicht geringem Maße relevant, wenn es um das Problem der gesellschaftlichen Integration geht. Dass von Minderheiten innerhalb einer Gesellschaft - und die Menschen jüdischen Glaubens wurden im Verlauf der europäischen Geschichte aufgrund der starken Expansion der christlichen Religion sehr schnell zu einer Minderheit innerhalb der Gesellschaft - engagierte Anpassung und couragierte Integration gefordert wird, wird an aktuellen Debatten etwa zur deutschen Leitkultur deutlich. Die Tatsache jedoch, dass gewisse Eigenheiten der traditionellen Sozialstruktur so tief im eigenen Selbstverständnis wurzeln, dass sie ohne eine Verleugnung der eigenen Identität nicht über Bord zu werfen sind, macht die Forderung nach Anpassung und Integration zu einem oftmals nicht einlösbaren Anspruch. Auf einer Insel innerhalb der Gesellschaft wurden die Menschen jüdischen Glaubens somit von Situation und Umwelt gezwungen, sich in der Diaspora von ihren christlichen Mitmenschen abzuschotten. Die von äußeren Umständen diktierten Verhaltens- und Reaktionsmuster sowie die eigene Tradition und Kultur standen im krassen Gegensatz zu den Forderungen der Gesellschaft und die Unfähigkeit zur vollständigen Integration und Assimilation der Minderheit rief abwehrende bis vernichtende Reaktionen der Mehrheit hervor.

Gesetzestreue versus Heilserwartung

Die Asidäer und die Pharisäer legen großen Wert auf die Einhaltung der göttlichen Gebote. Insbesondere die letztgenannte Gruppe, aber auch die Essener sind für ihre strikte Gesetzestreue sprichwörtlich geworden. In der Mischna und im Talmud wird penibel festgelegt, wie man die göttlichen Gebote zu verstehen und zu befolgen hat, um sich der Gnade Gottes sicher sein zu können. Nur über die strenge Befolgung der Gebote und über irdische Taten kann man das Wohlwollen Gottes erlangen und sich eines Platzes im Himmelreich sicher sein.

Jesus selbst, noch stark in dieser Tradition stehend, sagt zu Beginn seiner Berg- oder Feldpredigt, er sei nicht gekommen, um das Gesetz und die Weisungen der Propheten außer Kraft zu setzen: „Solange Himmel und Erde bestehen, wird kein i-Punkt und kein Komma im Gesetz gestrichen. Das ganze Gesetz muss erfüllt werden“ (Math. 5, 17f.). Jesus lehrt jedoch, dass nicht das Einhalten der Gebote ins Himmelreich führt, sondern nur allein die Gnade Gottes. Diese wiederum ist einzig und allein über die Liebe und das Vertrauen in Christus zu erlangen. Das deutlichste Beispiel für die Errettung einzig aus dem Glauben heraus ist die Erlösung des mit Jesus verurteilten Verbrechers, dem er verspricht, dass er noch am Tag der Kreuzigung mit ihm im Paradies sein wird (Lk. 23, 40-43). Der Verbrecher bekannte sich erst am Kreuz zu Christus, hatte also keine Chance mehr, durch gute Taten etwas auszurichten, wurde aber entgegen der jüdischen Lehre dennoch errettet. Jesus selbst begeht zudem darüber hinaus einige bedeutsame symbolische Gesetzesübertretungen, indem er z.B. mit seinen Jüngern an Sabbat von einem Feld Ähren abreißt, um sich zu ernähren (Lk. 6, 1-5) und indem er an einem Sabbat einen kranken Menschen heilt (Lk. 6, 6-11). Jesus möchte bei allem Respekt vor den göttlichen Geboten darauf hinweisen, dass es einen einzigen Grundgedanken gibt, der all diesen Gesetzen vorausgeht. Diese Grundregel fasst er in einem Satz zusammen:

„liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand! Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Aber gleich wichtig ist ein zweites: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“ (Math. 22, 37-39) oder anders formuliert: „behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt“ (Math. 7, 12; Lk. 6, 31).

Damit richtet sich Jesus zugleich radikal gegen die traditionelle, in vielen jüdischen Subgruppen verbreitete Vorstellung, Reichtum, Gesundheit und Wohlhaben seien als Zeichen der göttlichen Anerkennung einer religiösen Vorbildlichkeit zu verstehen (vgl. z.B. Hiob). Das berühmte Wort, eher komme ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich (Mk. 10, 25 und Math. 19, 24), begründet Jesus wie folgt: „wenn du in der Liebe zu deinen Mitmenschen vollkommen und ungeteilt sein willst, dann geh, verkaufe alles, was du besitzt, und gib das Geld den Armen, so wirst du bei Gott einen unverlierbaren Besitz haben“ (Math. 19, 21). Indem Jesus jeglichen materiellen Besitz verwirft und die Armen und Schwachen im Gegensatz zu den wohlhabenden herrschenden Priesterklassen als die von Gott Geliebten bezeichnet, stellt er die etablierte Gesellschaftsform auf den Kopf, in der die gängige Vorstellung war, dass Armut und Krankheit ein Zeichen von Gottesstrafe und Sündhaftigkeit sei. Diesen Anspruch weitet Jesus vom materiellen Besitz auf die politische Stellung aus: „Ihr wisst: die Herrscher der Völker, die Großen in der Welt, unterdrücken ihre Leute und lassen sie ihre Macht spüren. Bei euch muss es anders sein! Wer von euch etwas Besonderes sein will, soll den anderen dienen, und wer von euch an der Spitze stehen will, soll sich allen unterordnen“ (Mt. 20, 26). Auch hier rüttelt Jesus an den Grundwerten der gesellschaftlichen Ordnung und an der politischen und religiösen Vormachtstellung der jüdischen Schriftgelehrten und Priester. Dieser neuen Vorstellung vom Wert der Armut entspringt unter anderem das noch heute gültige Selbstverständnis des Papstes als Diener der Diener.

Im Mittelalter war den Juden lange Zeit aufgrund von Konzilbeschlüssen verboten, Grundbesitz zu erwerben, Ackerbau zu betreiben und bestimmte handwerkliche Berufe auszuüben. Das den Christen verbotene Zinsnehmen allerdings war ihnen erlaubt, wodurch sie durch ein von der christlichen Umwelt erzwungenes Sozialverhalten in die Rolle der Wucherer gedrängt wurden. Dem Armutsideal des Christentums musste dieses Verhalten diametral entgegenstehen mit dem die Juden lediglich ihren Lebensunterhalt bestritten. Dass schon Judas aus vermeintlicher Geldgier Jesus verraten hatte lieferte der christlichen Polemik dabei die besten Möglichkeiten, das ‚Wesen der Juden’ als Ganzes in Verruf zu bringen.

Diese Vermischung von religiösen und wirtschaftlichen Elementen im christlichen Antijudaismus ist ein wesentliches Charakteristikum der west- und mitteleuropäischen Geschichte. In der Ostkirche fehlten mit einer wirtschaftlichen Sonderbehandlung der Juden solch offenen Angriffsflächen. Im Westen wurden die Juden hingegen durch die rechtliche Ausgrenzung aktiv an der Assimilation gehindert und dem übrigen Volk wie eine gut sichtbare Zielscheibe vorgeführt, an der sich nicht selten der Hass und die Aggressionen der christlichen Bevölkerung in Form von Vertreibungen, Folterungen und Massakern ein Ventil schaffte.

Das Grundmotiv, welches hierbei zur Rechtfertigung von Antisemitismus herangezogen wird, ist im Grunde ein theologisches, also wissenschaftliches System. Die Vorstellung, nur der Glaube allein, nicht die Taten, könne den Menschen erlösen, ist ein Motiv, das sich durch die gesamte christliche Theologie zieht. Es bleibt jedoch nicht auf den Bereich der Religion beschränkt. Von dort aus wirkt es vielmehr tief in die Fundamente auch des ‚zivilen’ Weltverständnisses hinein. Über anderthalb Jahrtausende nach Jesus findet diese Prinzip in der Moralphilosophie Kants sein säkulares Äquivalent, wo nur der Wille allein als Indikator für den moralischen Wert einer Maxime gelten kann - nicht etwa der Erfolg oder der Misserfolg einer Handlung. Dieses Beispiel soll in knapper Form verdeutlichen, dass wesentliche Elemente des Christentums nicht auf die Theologie beschränkt bleiben, sondern auch in der Aufklärung und im Humanismus, in der Philosophie und in der Metaphysik wirkmächtig werden und von dort aus letztendlich auch die wissenschaftlichen Debatten der Gegenwart wesentlich beeinflussen. Die Gegensätze zu anderen Gesellschaftsformen und Kulturkreisen erfassen auf diese Weise von dem religiös-theologischen System ausgehend die Grundlagen scheinbar säkularer wissenschaftlicher Disziplinen, färben deren Wertehorizont und deren System der Weltanschauung und belasten mit auf diese Weise noch heute die Möglichkeit gesellschaftlicher Integration von Minderheiten anderer Kultur- und Traditionskreise.

II.III. Macht und Hierarchie

Innerkirchliche Hierarchie

Im Übergangsprozess vom Judentum zum Christentum gibt es einige bedeutende Kontinuitäten, die traditionelle Elemente der jüdischen Religion erhalten, welche im weiteren Verlauf als Voraussetzungen für die Institutionalisierung des Antijudaismus angesehen werden können.

So verwirft die Lehre Jesu etwa jegliche hierarchische Kirchenstruktur. Nur auf der Grundlage eines solchen komplexen Gefüges ist aber die Erfolgsgeschichte des Christentums in Europa zu verstehen. Erst die ausgefeilte und differenzierte Hierarchie der Kirche mit ihrer zentralistischen Ausrichtung und die weitgehende Verbindung der Kirche mit der weltlichen Macht ermöglichte es, den Glauben bis in die hintersten Winkel der Gesellschaft zu transportieren und dort dauerhaft zu verfestigen. Die so gewonnene Möglichkeit zur umfassenden Kontrolle ermöglichte es zudem, „Irrglauben“, Häresie, „Aberglauben“, heidnische Volksmythen und Volksbräuche weitgehend zu unterdrücken. Andererseits hatten fremde Lehren in dieser Breitenstruktur der Kirche auch eine bessere Möglichkeit, in die kirchlichen Lehren einzufließen und diese mitzuprägen, da kirchliche Organisationen durch ihre weite Ausdehnung mit einer Vielzahl unterschiedlichster Kulturen und Gesellschaftsformen konfrontiert wurden und sich mit diesen auch geistig auseinander setzten. So konnten auch für den Antijudaismus bedeutsame Elemente des Volksglaubens, Vorurteile und Intoleranz etc. auf die Lehren der Kirche Einfluss nehmen.

Die Struktur, die einen solch hohen und komplexen Organisationsgrad der Kirche ermöglichte ist schon in der ersten Generation der Nachfolger Jesu grundgelegt. Ihre Rollen als Jünger interpretierten sie schon als die ersten kirchlichen „Ämter“, die Beziehung Jesu zu seinen Jüngern als Ausgangspunkt einer differenzierten Hierarchie.

Auf der Grundlage der christlichen Armutsphilosophie ist ein solches Machtgefüge wie die christliche Kirche jedoch nicht denkbar. Um diesem Widerspruch zu entgehen, wird die Armut also nicht institutionell, sondern nur individuell verstanden. So stand prinzipiell der Reichtum der Kirche als solcher nicht in Frage. Zwar wurde den Mitgliedern Armut gepredigt - Mönche mussten gar, und müssen noch, ein Armutsgelübde ablegen - doch gleichzeitig wurden Kirchensteuer eingezogen, weltlicher Besitz ausgebaut, pompöse Kathedralen gebaut, Kunstschätze gesammelt etc. Dieses Vorgehen widerspricht weitgehend den Vorstellungen Jesu, der hierarchische Ordnungen und kirchenähnliche Institutionen radikal bekämpfte, doch ist ohne ein solches die Entwicklung der Kirche als Institution nicht denkbar. So gelangte die Kirche im Laufe des Mittelalters zu einem enormen Reichtum und zu einem gigantischen Landbesitz, der in Europa - mit regionalen Unterschieden - bis zu einem Drittel des Bodens ausmachte.

Dass ein solch gigantisches und erfolgreiches Netzwerk wie das des westlichen Christentums nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Blick auf die christlichen Ostkirchen. Dort gab es keine kirchliche Instanz welche örtliche Organisationen und Interessengemeinschaften über einzelne Patriarchate hinaus auf einer höheren Ebene hätte integrieren können4. Die ökumenischen Konzilien fanden viel zu selten statt, als dass sie diese Aufgabe hätten bewältigen können und im 9. Jh. hörten sie ganz auf. Es gab zwar konstantinopolitanische Patriarchen, die von Zeit zu Zeit versuchten, eine umfassendere Struktur herzustellen, doch wurden diese Bestrebungen allzu oft vom Kaiser und auch von anderen Patriarchen - meist aus machtpolitischen Überlegungen heraus - durchkreuzt. Mit einer umfassenden zentral ausgerichteten Struktur fehlt in den Ostkirchen die Möglichkeit, bestimmte, in unserem Fall für den Antijudaismus wichtige, theologische Lehren flächendeckend und tiefenwirksam durchzusetzen. Zwar gab es eine Menge von Klerikern, die diese Aufgabe hätten übernehmen und erfüllen können, doch als Stand mit eigenen, spezifischen Leitbildern treten sie kaum in Erscheinung. Es fehlt an einer dem Stand angemessenen und insbesondere normierten, also einheitlichen Ausbildung und an einem eigenen Selbstbewusstsein als einer geschlossenen Gruppe innerhalb der Gesellschaft. Der Klerus hatte in weit geringerem Maße als im christlichen Westeuropa ein theologisch-normatives Wissen. Eine eigene Amtssprache vermisst man über weite Strecken der Geschichte ebenso wie eine quantitativ und qualitativ hochwertige wissenschaftliche Literatur. Diese Faktoren sind freilich nicht alleine dafür verantwortlich, dass der manifeste Antijudaismus im Osten weit weniger stark ausgeprägt war als im Europa der katholischen und später auch der reformierten Konfessionen. Viele Faktoren wie etwa auch die nahezu emanzipierte wirtschaftliche Stellung der jüdischen Minderheit im Osten oder die Tatsache, dass in den Gebieten des östlichen Christentums die traditionelle und dem Judentum näherstehende patrilineare Gesellschaftsstruktur auch innerhalb des Christentums in hohem Maße bestehen bleiben konnte spielen eine große Rolle bei der Frage nach dem Antijudaismus. Die Struktur der Kirche ist nur ein Zahnrädchen im Gesamtkomplex, doch eine Schwäche in diesem Punkt bedeutet zugleich eine extreme Einbuße an Tiefenwirkung.

Ein solch zentral verwaltetes Netzwerk wie es sich im mittelalterlichen Europa ausbilden konnte ermöglichte es, mit einheitlichen, kontrollierten und zensierten Ritualen, Gebetsformen, liturgischen Gesängen etc., erhebliche Macht über den Willen der Bevölkerung zu erlangen und Einfluss auch auf die privatesten Bereiche der Bürger zu nehmen. Dabei sind Handlungsrituale und vorgeschriebene Formen religiöser Praxis sowie Gebetsformeln etwas, das der Jesus der Evangelien zutiefst verabscheute und was sich vermutlich einerseits als konstante Komponente über den Bruch mit dem Judentum hinweg erhalten konnte, was andererseits, die Tiefenpsychologie des 20. Jahrhunderts hat dies zu zeigen versucht, eventuell ein religiöses Grundbedürfnis des Menschen ist. Dennoch sollte man bedenken, dass es sehr ausgeprägte religiöse Traditionen gibt, in denen keine Notwendigkeit zur Ritualisierung besteht, in denen jedoch auch keine solch stark normierte „Einheitsmeinung“ durchzusetzen ist.

Macht durch Schrift und Bild

Ein weiterer kompensierender Faktor in der Frage nach dem Einfluss der Kirche auf das Denken und Handeln der Bevölkerung ist die Bedeutung von Schrift und Bild. In vielen außereuropäischen Kulturräumen hemmt ein vollständiges oder teilweises Bilderverbot die Verbreitung der kirchlichen oder religiösen Lehren. In Europa konnten quasi ungehindert Flugblätter, Schriften und Bilder verbreitet werden, die verdeckt den Antijudaismus propagierten oder offen zur Judenhetze aufriefen. Da der Großteil der Bevölkerung über weite Strecken der Geschichte nicht lesen oder schreiben konnte, spielte das Medium Bild eine nicht zu vernachlässigende Rolle für die flächendeckende Verbreitung des Antijudaismus. Der Buchdruck, der auch eine maschinelle Produktion von Druckgrafiken ermöglichte, brachte der Bedeutung medialer Meinungssteuerung eine enorme Aufwertung. Viele außereuropäische Kulturkreise wurden durch diesen extremen Innovationsschub kurzfristig abgehängt. Im Islam etwa blühte zwar das Schriftwesen aufgrund einer großen religiösen Bedeutung der Schrift, doch selbst die hohe gesellschaftliche Position der Schreiber, die weite Verbreitung dieses Berufes und die steigende Nachfrage konnten mit der rasanten Entwicklung der industriellen Produktion in Europa nicht mithalten. Die Technik des Buchdruckes an das System der arabischen Schriftzeichen anzupassen und die Möglichkeiten der seriellen Produktion auch im islamischen Kulturkreis zu nutzen, sollte noch über zwei Jahrhunderte auf sich warten lassen.

II.IV. Die Entwicklung einer konträren Theologie

Die frühchristliche Theologie

Das theologische Verständnis des Paulus ist insofern bedeutend und einer genaueren Untersuchung zu unterziehen, als Paulus das erste eigenständige theologische System des Christentums entwickelt hat, welches in seinen uns bekannten 13 kanonischen Briefen an verschiedene frühchristliche Gemeinden relativ gut überliefert ist. Interessant ist die Theologie des Paulus auch daher, da sie den Kreuzestod Jesu heilsgeschichtlich deutet und von daher strenggenommen keinen Anlass für einen spezifisch christlich-theologischen Antijudaismus gibt. Paulus vollzieht jedoch mit seiner fundamentalen Lehre eine endgültige und unumkehrbare Trennung von Judentum und Christentum, die als Grundvoraussetzung für die Möglichkeit eines christlichen Antijudaismus von überragender Bedeutung ist.

Jesu Niedergang am Kreuz, sein Scheitern auf Erden, seine Verlassenheit und das Ende seiner Mission wird von Paulus als der totale Sieg interpretiert. Gott selbst vollzieht an Jesu Opfertod ein grandioses, einzigartiges Heilsgeschehen. Nicht Menschen also sind es, die für den Tod des Menschensohnes verantwortlich sind: Gott selbst ist es, der sich für seine Absichten des Jesus von Nazareth bedient, welchen Paulus als „Sohn Gottes“ bezeichnet. Das historische Geschehen und die Frage nach einer individuellen Schuld der Juden am Tode Jesu weicht hier einer christologisch-heilsgeschichtlichen Interpretation der Kreuzigung: Gott liefert den Menschen durch das Opfer seines eigenen Sohnes „den Beweis seiner Liebe [...] dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm. 5,8). Jesus als Heilsmittler erfüllt in dieser Deutung gehorsam den Willen Gottes: „Weil der eine gehorsam war, werden alle vor Gott zu Gerechten“ (Röm. 5, 19). Des weiteren wird der Tod auch als stellvertretend für Gottlose gedeutet (Röm. 5, 6). Im Kreuzestod offenbart sich somit die strikte Notwendigkeit heilsgeschichtlichen Handelns Gottes. Paulus gibt demnach keinerlei Anlass, Juden oder Römer für die dramatische Verfolgungsgeschichte verantwortlich zu machen, die später aus den Geschehnissen herausgelesen wurde. Der Mythos jedoch, den Paulus kreierte, ist mit traditionellen jüdischen Vorstellungen in keiner Weise vereinbar. Weder der Opfertod des Gottessohnes, noch der Gedanke des Mitsterbens mit Christus ist mit irgendeiner jüdischen Lehre in Übereinstimmung zu bringen, so viele einzelne Elemente des apokalyptischen Judentums auch darin verwoben sein mögen. Diese neue Sicht der Dinge hat zur „eigentlichen Entfremdung zwischen Christen und Juden geführt, weil hier der Bruch total ist, zwei verschiedene Religionen stehen sich nun gegenüber.“5

Die Rolle der Reformation

Luther verfolgt im 16. Jahrhundert ähnliche Ziele wie Jesus und auch auf ihn folgt eine von ihm selbst nicht intendierte Zersplitterung der Religion in verschiedene Konfessionen6. Die Forderungen, die Luther an die katholische Kirche stellt, sind ähnliche, wie sie damals Jesus an die Pharisäer richtete:

„Zum vierden / Also hilffet es die seele nichts / ob der leyp heylige kleiyder anlegt / wie die priester uñ geystlichen thun / auch nit ob er ynn den kirchen und heyligen stetten sey. Auch nit ob er mit heyligç dingç umbgah. Auch nit ob er leyplich bette / faste / walle / und alle gute werck thue / die durch und ynn dem leybe geschehen möchten ewiglich. Es muß noch allis etwas anders seyn / das der seelen bringe und gebe frumkeyt und freyheyt. Denn alle diße obgenannten stuck / werck und weyßen / mag auch an sich haben und ùben / eyn bôßer mensch / eyn gleyßner und heuchler. Auch durch solch wessen keyn ander volck / denn eyttell gleyßner werden. Widderumb / schadet es der seelen nichts / ob d’ leyp unheylige kleyder tregt / an unheyligen ôrten ist / `yßt / trinckt / wallet / bettet nit / und lessit alle die werck onstehen / die die ôbgenannten gleyßner thun.“7

Ein großer, wenn nicht der wesentliche Unterschied zwischen Luther und Jesus ist aber, dass Luther die von weltlichen Auswüchsen verschüttete Lehre Jesu freilegen wollte, wohingegen Jesus die von weltlichen Auswüchsen verschüttete Lehre der hebräischen Bibel freilegen wollte. Luther ging es also um die christliche, Jesus hingegen um die jüdische Religion. Das diese beiden de facto so verschiedenen Religionen für Jesus ein und das selbe darstellten, hat Luther nicht erkannt, was es den Architekten der Reformation erleichterte, den religiös begründeten Antijudaismus der katholischen Kirche auch auf die reformierten Konfessionen zu übertragen.

Die ‚Heilige Schrift’

Die bisherigen Beispiele, die ich herangezogen habe, um Brüche und Kontinuitäten im Übergang von der jüdischen zur christlichen Religion aufzuweisen, wiesen zumeist ein relativ einheitliches Schema auf. Diesem Schema zufolge wurde stets ein bestimmter Aspekt der Lehre Jesu von den frühen Christen dahingehend interpretiert, dass es sich um einen Bruch mit der jüdischen Religion handelt. Jesus selbst hingegen wollte zwar mit der jüdischen Tradition brechen, nicht aber mit der jüdischen Religion. Die Kontinuitäten, durch die sich Elemente der jüdischen Tradition auch in der neuen Religion bewahren konnten, waren ebenfalls von Jesus nicht beabsichtigt. In vielen Fällen handelt es sich um Elemente, die er vehement bekämpft hatte. Es gibt jedoch auch den umgekehrten Fall. In der Frage der Schrift forderte Jesus eine kompromisslose Kontinuität. Er wollte an den Schriften nicht ein i- Tüpfelchen ändern: Math. 5, 17„Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Weisungen der Propheten außer Kraft zu setzen. Ich bin nicht gekommen, um sie außer Kraft zu setzen, sondern um ihnen volle Gültigkeit zu verschaffen.18 Ich versichere euch: Solange Himmel und Erde bestehen, wird kein i-Tüpfelchen und kein Komma im Gesetz gestrichen. Das ganze Gesetz muss erfüllt werden.19 Wer also ein noch so unbedeutendes Gebot für ungültig erklärt und die Menschen in diesem Sinne lehrt, wird in der neuen Welt Gottes den letzten Platz einnehmen. Wer es aber befolgt und andere dazu anhält, wird in der neuen Welt Gottes hochgeachtet sein.“ Es lag wohl kaum in seinem Interesse, der damals bekannten hebräischen Bibel noch etwas hinzuzufügen. Folgerichtig verfasste er auch, nach allem was man weiß, keine eigenen Schriften. Es gibt in den Evangelien eine einzige Stelle, in der erwähnt wird, dass Jesus etwas geschrieben hat (Joh 8, 6), dies jedoch nur mit dem Finger in den flüchtigen Staub.

Ganz im Gegensatz dazu wurden die frühchristlichen Schriften des ersten Jahrhunderts schon etwa 150 Jahre nach dem Tod Jesu in ihrem heutigen Bestand kanonischer und apokrypher, sowie einiger deuterokanonischer Texte als für die junge Christenheit gültiger Schriftenkanon anerkannt und der hebräischen Bibel gegenübergestellt. Im 4. Jahrhundert wurde das so genannte „Neue Testament“ einheitlich in der katholischen Kirche anerkannt. Mit dieser Etablierung einer neuen Schriftreligion wird der letzte und gewaltigste Schritt im Loslösungsprozess von der jüdischen Religion gewagt. Die Christenheit hat von nun an einen eigenen, gültigen Kodex, ein eigenes Wertesystem und ein Selbstbewusstsein als eigenständige und vollwertige Religion. Dieser unumkehrbare Bruch mit der jüdischen Überlieferung, der von Jesus vermutlich gar nicht beabsichtigt war, legt das wohl bedeutendste Fundament für die Entwicklung, die Verbreitung und die Rechtfertigung des christlich begründeten Antijudaismus.

Der Ausschließlichkeitscharakter

Die Tatsache, dass das europäische Christentum gegenüber allen anderen Religionen obsiegte, hat seinen Grund nicht zuletzt in seinem vom Judentum übernommenen unbedingten Anspruch auf Ausschließlichkeit. Die christliche Gemeinschaft fühlte sich als ein auserwähltes Volk, als ein neues Israel - „ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges und geweihtes Volk“ (1 Petr. 2, 9). Das Bewusstsein der Ausschließlichkeit seiner Mission verhinderte, trotz mancher Ansätze, die Vermischung des Christentums mit anderen Kulten und sein Aufgehen in dem allgemeinen Religionsgemisch der Zeit. Es bildete die Grundlage für die Entwicklung einer unantastbaren, kanonische Form annehmenden Tradition und die Entstehung einer fest organisierten Gemeinschaft - der Kirche.

II.V. Antijudaismus in der Bibel

Aus heutiger theologischer Sicht sollte man die Stellen, in denen im Neuen Testament von „den Juden“ die Rede ist, mit Vorsicht genießen. Norbert Lohfink8 hat darauf hingewiesen, dass sich auch die Judenchristen, die sich ja in der frühen Phase ihrer Loslösung noch als eine Erneuerungsbewegung des Judentums und somit als ein integraler Bestandteil desselben ansahen, angesprochen gefühlt haben könnten, wenn von „den Juden“ die Rede war. Die Adressaten der frühchristlichen Schriften verstanden sich möglicherweise noch immer als Juden, wenn auch als eine besondere Untergruppe.

Im Laufe der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte kam es jedoch zu einer weitgehenden Ausdifferenzierung des Christentums als eigenständiger Religion und zu einem umfassenden Selbstbewusstsein desselben in der christlichen Gemeinschaft; die fraglichen Stellen konnten zumindest im Nachhinein ohne große Mühe umgedeutet werden. Diese urchristliche Gemeinschaft war dem Judentum machtpolitisch zunächst noch weit unterlegen. Die Judenchristen wurden von den Pharisäern und anderen jüdischen Gruppierungen hart bekämpft, weil sie als Bedrohung für den Rechtsfrieden, den die Juden den Römern garantieren mussten, und als Bedrohung für die Einheit der jüdischen Religion angesehen wurden. Christen wurden aus der Gemeinde ausgeschlossen, von wichtigen Ämtern ferngehalten und aus den Synagogen und Gottesdiensten verwiesen. Besonders auffallend ist im Johannes-Evangelium immer wieder von „den Juden“ die Rede. Dem Zusammenhang lässt sich in der Regel entnehmen, wer des näheren gemeint ist. Es sind die führenden Kreise, die verantwortlich gemacht werden für die Hinrichtung von Jesus, oder das Volk, das Jesus großteils kritisch, ja feindlich gegenübersteht, in dem es aber auch immer wieder einige Menschen gibt, die sich auf seine Seite stellen (Joh 10,19-21; 11,45; 12,11). Die Tatsache, dass die christlichen Gemeinden, aus denen das Johannes-Evangelium stammt und für die es geschrieben ist, inzwischen unter starken Repressionen durch die führenden jüdischen Schichten leiden mussten, erklärt den überwiegend negativen Ton, wenn pauschal von „den Juden“ die Rede ist (vgl. Joh 9,22; 12,42; 16,2-3). Die Erfahrungen der Judenchristen mit dem traditionellen Judentum sind inzwischen nur noch negative. „Die Juden“ repräsentieren für sie den gottfeindlichen Kosmos - eine Welt, die sich dem Angebot Gottes in Jesus Christus und der Herausforderung durch ihn entzieht und widersetzt. Umgekehrt zeigten sich die nicht der neuen „Konfession“ angehörigen Juden der entstehenden neuen Religionsgemeinschaft gegenüber feindlich und stießen Christen aus ihrer Volksgemeinschaft aus. Die Auseinandersetzung um die Frage, ob Jesus der verheißene Messias sei oder nicht, geriet zusehends in das Zentrum des Interesses, beschränkte sich jedoch zunächst hauptsächlich auf ein Ringen um Beweistexte.

Seit aber die Christen ihre Herrschaft über das Römische Reich auszubauen begannen, predigten ihre Führer in einer deutlichen, kräftig formulierten und emotional aufgeladenen Sprache gegen die Juden. Der anfangs bei den Christen noch vorherrschende Wille, das Judentum zu reformieren, schlug um in den Willen, die Juden zu missionieren. Das spezielle Nahverhältnis zwischen den beiden Religionen führte dazu, dass diesem selbstgegebenen Auftrag von Anfang besonderes Gewicht beigemessen wurde. Die Christen sahen sich durch psychologische und theologische Notwendigkeiten dazu gezwungen, sich von denjenigen Gläubigen abzusetzen, die Jesus als Christus verleugneten und seine Offenbarung ablehnten, obgleich gerade diese Offenbarung sich speziell auch an dieses Volk richtete. Das Christentum wurde den Christen gleichbedeutend mit der Überwindung des Judentums: Juden sollten als Juden vom Erdboden verschwinden und zum Christentum übertreten. Dazu sahen sich viele Juden nicht in der Lage - beziehungsweise nicht bereit - was dazu führte, dass Christen und Juden ein gemeinsames Erbe und insbesondere die hebräische Bibel, das Wort Gottes, teilten, in der Auslegung jedoch unterschiedliche Wege gingen. Dieses Faktum erhöhte auf beiden Seiten den Druck, sich von den Andersgläubigen abzusetzen und ihre Weltanschauung als Irrlehre abzuwerten.

Ein weiterer wesentlicher Punkt liegt in der Überzeugung, die Juden seien als „Christusmörder“ zur Verantwortung zu ziehen. An dieser Ansicht wurde von Seiten der Christen wie an einem Axiom festgehalten. Die Tatsache, dass alle Juden, die nicht zum Christentum konvertieren wollten, zumindest implizit Jesus als Messias leugneten, musste den Christen als ein zweiter symbolischer Mord an ihrem Erlöser erscheinen. Nicht nur die Juden, die zur Zeit der Kreuzigung lebten konnten somit für den Tod des Gottessohnes verantwortlich gemacht werden, die vermeintliche Schuld übertrug sich vielmehr auf ‚den Juden an sich’. Aus dieser Auffassung erklärt sich das später sehr wirkmächtige und folgenschwere Vorurteil, Juden würden den ‚Gottesmord’ jederzeit wiederholen, hätten sie nur die Gelegenheit dazu.

Wenn sich die Autoren der Evangelien also aggressiv gegen jüdische Gruppierungen wenden, so zunächst aus machtpolitischen und theologischen Motiven heraus. In die moralischen Werturteile des frühen Christentums fließen auf diese Weise sublimierte Ressentiment- Gefühle ein, die unter anderem und insbesondere im sehr frühen Christentum aus einem physischen Ohnmachtgefühl heraus entstanden sind. Dieser Prozess sichert ihnen einerseits den inneren Zusammenhalt, andererseits ein steigendes Selbstbewusstsein gegenüber der etablierten jüdischen Religion, indem der eigene Wertekosmos bewusst von dem jüdischen abgegrenzt wird. Die Stellen der griechischen sowie der hebräischen Bibel, in denen abwertend von „den Juden“ die Rede ist, konnten nun von den späteren Christen ebenfalls antijüdisch ausgelegt werden, auch wenn sie nicht als solche vom Autor intendiert wurden. Diese, aus heutiger theologischer Sicht ungerechtfertigte Vorgehensweise, spielt eine große Rolle für den Antijudaismus der gesamten europäischen christlichen Kirchengeschichte.

Auf diese Weise konnte ein Feindbild von den Juden entstehen, das nicht nur eine bloße theologische Notwendigkeit des Christentums war und auf eine religiöse Auseinandersetzung mit der jüdischen Religion abzielte. Die oftmals blutigen Erfahrungen im Kampf um die religiöse und politische Vormachtstellung flossen ebenso wie die theologischen Differenzen in das Bild des Juden ein und formten sich zu einer giftigen Mischung beinahe aller negativen Charaktereigenschaften, die man einem Menschen nur zuschreiben kann.

Geht man von dieser Grundannahme aus, dass nämlich der Antijudaismus zunächst vorwiegend ein politisches Instrument der frühen Christen war, so ist es eine sehr interessante Tatsache, dass von dem Antijudaismus nicht abgelassen wurde, als die Juden keine Bedrohung mehr für die Christen darstellten. Das gefährliche und verhängnisvolle am christlichen Antijudaismus ist, dass er schon relativ früh religiös begründet wurde, was man später, als der Antijudaismus aus machtpolitischen Gründen nicht mehr nötig war, nicht mehr revidieren konnte. Die tragischen und leidvollen Entwicklungen im Mittelalter, als es zu den ersten größeren Pogromen kam, zu den ersten systematischen Verfolgungen und zu den ersten groß angelegten Glaubenskriegen von Christen gegen Juden, sind unter anderem eine Folge des ‚theologischen Antijudaismus’, eines wissenschaftlichen Systems, in welchem die Feindschaft einer anderen religiösen Gruppierung gegenüber als begründetes und gerechtfertigtes Handeln ein metaphysisch-philosophisches Fundament hat.

Die Erzählungen des hebräischen Kanons, in denen von einem rachsüchtigen jüdischen Volk die Rede ist (Vgl. Ps. 137, 9), wurden ebenso als Bestätigung der antijüdischen Weltauffassung herangezogen, wie etwa das ius talionis, das Gesetz der Wiedervergeltung oder der Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Den Grausamkeiten des jüdischen Volkes wird die Bergpredigt und das Gebot der Nächstenliebe entgegengesetzt, das als unmenschlich empfundene Verhalten der Akteure der hebräischen Bibel abgewertet und moralisch verurteilt. Die Sabbatruhe wird als Zeichen der Faulheit gewertet. Hatte doch Jesus seinen Anhängern gelehrt, dass es erlaubt sei, einem Menschen am Sabbat Gutes zu tun (Math. 12, 12) und gesagt: „Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat; er hat zu bestimmen, was an diesem Tag getan werden darf."

Die Charaktereigenschaften des jüdischen Volkes, die man aus der hebräischen Bibel ableiten kann, und die auch zu genüge abgeleitet wurden, lassen sich nur auf der Grundlage des Heilsangebots von Jesus wirkmächtig auf das jüdische Volk beschränken. Ein Rechtfertigungsproblem besteht ja zunächst aufgrund der Tatsache, dass das nunmehr ‚alte’ Testament theologisch gesehen auch für die Anhänger des neuen Bundes Gültigkeit besitzt. Die Argumentation verläuft unter Verweis auf den radikalen Traditionsbruch. Der neue Bund entrückt den Christen aus den Zusammenhängen, die ihn vor dem Auftauchen von Jesus noch als Juden definierten. Ein solcher Traditionsbruch besteht im Judentum freilich nicht - die schlechten Charaktereigenschaften, die das jüdische Volk in dem hebräischen Schriftenkanon aufweist, können nun problemlos auf die neueren Generationen jüdischer Abstammung übertragen werden ohne auch auf Menschen christlichen Glaubens angewendet werden zu müssen. Letztere können zudem, obgleich in der einen Hinsicht vom Spruch der Schriften befreit, den Gott der Juden auch als den Ihren akzeptieren.

Eine Reihe von Textstellen der hebräischen Bibel, die die von Christen als unmenschlich empfundene Grausamkeit des jüdischen Gottes zeigen und als eine Ursache des Antijudaismus erscheinen lassen, findet sich in „Antisemitismus. Von religiöser Judenfeindschaft zur Rassenideologie“ herausgegeben von Günter Brakelmann und Martin Rosowski, Göttingen 1989. Dort ist von einem „Gott der Rache“ und von seinem „nach Rache dürstenden Volk“ zu lesen. Die Bedeutung der jüdischen Bibel als Grundlage eines religiös motivierten Antijudaismus besonders innerhalb der Volkskunst, des Brauchtums, der Sagen, Mythen und Legenden ist nicht abzustreiten.

Die theologisch schärferen Argumente liefern hingegen eher die Evangelien und die frühchristlichen Briefe. Dort bestand schon die Alternative zwischen Judentum und Christentum, dort konnte man den Menschen jüdischen Glaubens vorwerfen, sich bewusst gegen das Heilsangebot des Messias gestellt zu haben. So ist auch Norbert Lohfink der Meinung, „die grundlegende Arbeit wäre zweifellos durch die Neutestamentler zu leisten“9. Dass die fraglichen Personen des Alten Testaments, die man im Laufe der Entwicklung angegriffen hat, quasi allesamt Vorfahren des christlichen Messias sind, bereitet verständlicherweise erneut ein Rechtfertigungsproblem. Die katholische Kirche hat mit dem Mariendogma jedoch das Kunststück vollbracht, Jesus vollständig von der Ahnenreihe abzukoppeln und von der Erbsünde zu befreien, indem sie auch Maria den normal Sterblichen entrückte. Damit durchkreuzten sie aber die Ahnenreihe, wie sie in Mathäus 1,1-17 aufgestellt wird. In dieser Auflistung wird Jesus als der verheißene Nachkomme Davids ausgewiesen. Freilich mit dem bemerkenswerten Schlenker im letzten Glied - Josef ist ein direkter Nachfahre von David, kann aber Jesus nicht in die selbe Reihe einordnen, da er an der Zeugung von Jesus der Überlieferung zufolge in keiner Weise konstruktiv mitgewirkt hat. Vielleicht erschließt sich aber über dieses Phänomen, dass nämlich Jesus dennoch zu einem Nachkommen Davids gezählt werden kann, dass die Heiratsverwandtschaft im jüdischen Volk wie eine Blutsverwandtschaft angesehen wurde. Denkbar wäre auch, dass der Text in einer Phase verfasst wurde, in der die Lehre Jesu bezüglich Bluts- und Geistesverwandtschaft schon in Teilen zu wirken begann. Der Widerspruch, weshalb dann überhaupt noch auf eine Ahnenreihe Wert gelegt wurde, kann somit freilich nicht interpretiert werden.

Auffallend bei der Beschäftigung mit dem Antijudaismus ist im Zusammenhang mit der Frage nach der Bedeutung der Abstammung innerhalb der Gesellschaft zudem das Motiv eines spezifisch jüdischen Wesens, dem von christlicher Seite aus stets bestimmte - meist negative - Charaktereigenschaften zugeschrieben wurden und das die reine Religionsbekenntnis bei weitem übersteigt. Noch bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, wenn nicht bis in die Gegenwart, existiert die Vorstellung eines typisch jüdischen Charakters, der auch bei einer Konvertierung zum Christentum erhalten bleibt und über Generationen vererbt werden kann. Eine solche, jeglichen Anspruch an Rationalität verhöhnende Vorstellung erst ermöglichte es ja den Nationalsozialisten, selbst assimilierte und sogar christliche ‚Juden’ in ihr Vernichtungskonzept mit einzubeziehen.

Es scheint hier unter anderem die im Judentum und anderen Ahnenkultgesellschaften übliche Vorstellung auch im Christentum lebendig zu sein, einer Religionsgemeinschaft könne man aufgrund der Geburt beziehungsweise aufgrund der Religionszugehörigkeit der Ahnen unausweichlich angehörig sein. Auch die Vorstellung, die heute lebenden Menschen jüdischen Religionsbekenntnisses hätten auch nur im entferntesten etwas mit der Kreuzigung des christlichen Messias zu tun, seien gar noch Träger einer Teilschuld, erinnert an die Erbsündelehre der jüdischen und christlichen Kirche und an die Aussage der hebräischen Bibel, dass man für die Schuld seiner Väter moralisch verantwortlich sei.

II.VI. Antijudaismus im Islam

Der Islam steht in einem ähnlichen Nahverhältnis zur jüdischen Religion wie das Christentum. Dennoch gibt es wesentliche Unterschiede zwischen den Verhältnissen Islam - Judentum und Christentum - Judentum, die zu einem völlig verschiedenen Umgang mit der jüdischen Tradition führen, aus der so viel hervorgegangen ist. Eine genauere Untersuchung der besonderen Beziehung zwischen Islam und Judentum und ein Vergleich mit der Stellung des Christentum zu seiner Vorgängerreligion mag einige weitere bedeutende Aspekte des christlichen Antijudaismus beleuchten.

Der Islam ging aus den Grundgedanken der jüdischen und der christlichen Überlieferung hervor und entwickelte sich rasch zu einer eigenständigen und selbstständigen Religion. Die Kenntnis der überlieferten Schriften und Bräuche wies Mohammed als Propheten aus, die allseits bekannten Geschichten sicherten ihm die Aufmerksamkeit des Volkes. So fließen später christliche und jüdische Legenden in den Koran, die Heilige Schrift des Islam, ein. Ähnlich wie Jesus geht also auch Mohammed von einem Standpunkt innerhalb einer etablierten Tradition aus und führt seine Anhänger dann zu einer neuen Religion. So erklärt sich auch, dass im Islam die Juden und die Christen als Besitzer einer heiligen Schrift anerkannt, jedoch zugleich als ungläubig bezeichnet werden können. Mohammed war anfangs überzeugt, den Glauben der Vorväter wieder herstellen zu können. Er verbreitete die Lehre der neuen Religion - noch nicht in dem Bewusstsein, dass es eine solche sein würde - unter den heidnischen Arabern und hoffte so, sich politische Unterstützung von den Juden zu verdienen. Mit seinen Anhängern hatte Mohammed wahrscheinlich schon in den letzten Jahren seines Wirkens in Mekka in Richtung Jerusalem gebetet. Ein gutes Verhältnis zu den Juden soll nach islamisch-theologischer Auffassung auch der Vers 5 der 5. Sure propagieren: „Heute sind euch die guten Dinge erlaubt und die Speise derer, denen die Schrift gegeben ward, ist euch erlaubt, wie eure Speise ihnen erlaubt ist. Und (erlaubt sind euch zu heiraten) züchtige Frauen, die gläubig sind, und züchtige Frauen von denen, welchen die Schrift vor euch gegeben ward, so ihr ihnen ihre Morgengabe gegeben habt und züchtig mit ihnen lebt ohne Hurerei und keine Konkubinen nehmt.“ Die Juden schlugen solche Angebote aus, vermutlich, weil sie den Anspruch Mohammeds, ein legitimer Nachfolger der jüdischen Propheten zu sein, für anmaßend hielten. Auch politische Gründe mögen eine Rolle gespielt haben. In der Folgezeit jedenfalls brachen die Anhänger Mohammeds nach und nach mit dem traditionellen Kultus der jüdischen Überlieferung: So wurde das Fasten am Versöhnungstag in das Ramadanfasten umgewandelt, die Kaaba wurde nun zur verbindlichen Gebetsrichtung aller Muslime erklärt und Mekka zum neuen Zentrum der islamischen Welt erkoren. Was den Propheten noch immer in seiner jüdischen Herkunft auszeichnet, ist seine genealogische Ableitung von Ismael, dem Sohn Abrahams. Mohammed gehört zum Stamm der Quraiš, welche den Kult der Kaaba, eine von Abraham und Ismael errichtete Kultstätte, verwalteten. Der Ahnherr Qusaij, im Stammbaum fünf Generationen vor Mohammed, stellte diesen ursprünglichen Kult wieder her.

Nachdem Mohammed in Medina Fuß gefasst hatte, baute er mit seinen Anhängern eine gigantische wirtschaftliche und politische Machtposition auf. Der letzte in Medina überlebende Clan der Juden, die sich neutral gehalten hatten, kam in Verruf, verräterische Beziehungen zu Mekka gepflegt zu haben, woraufhin Mohammed sie schonungslos niedermetzeln ließ. Die letzte bedeutende Enklave der Juden in Mohammeds Gesichtskreis war Haibar, eine Oase nördlich von Medina. Sie wurde im Frühling 628 erobert, nachdem die Bevölkerung sich von einflussreichen Männern der „Ungläubigen“, die nach ihrer Vertreibung aus Medina dorthin gezogen waren, in Unternehmungen gegen die Muslime hatte verwickeln lassen. Die erfolgreichen militärischen Auseinandersetzungen gegen die jüdischen Stämme in Medina und Umgebung war zweifellos ein Grundstein dafür, dass Mohammed und die Muslime sich als Gemeinschaft behaupten konnten. Das Schicksal der Juden musste von all denjenigen, die sich gegen den Propheten stellten, als ein warnendes Beispiel aufgefasst werden: Es war zu gefährlich, in unmittelbarer Nähe zu den Muslimen zu leben und sich in Verschwörungen gegen sie einzulassen. Der Kampf gegen die Juden förderte jedoch nicht nur den politischen Zusammenhalt des jungen islamischen Gemeinwesens, sondern verhalf auch dem Propheten und seiner Anhängerschaft zu einem vertieften Bewusstsein ihrer religiösen Eigenständigkeit.

Der Sieg über Mekka im Jahre 630 n. u. Z. stellt die letzte Etappe der neuen Lehre dar, bevor sie als eigenständige neue Religion einen unaufhaltsamen Siegeszug in der gesamten arabischen Welt antritt. Die Weltreligion Islam ist geboren.

Über die Heilige Schrift des Islam herrscht eine ähnliche Vorstellung wie über die christliche Bibel. Der Islam glaubt konsequent an eine Verbalinspiration des Koran, die sogar bis in die Satzzeichen hinein wirkt: „Dein Herr ist der edelmütigste, der durch das Schreibrohr gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste“ (Sure 96, Vers 3-5). Dass das Wort Gottes in arabischer Sprache geoffenbart wurde, erklärt auch die strikte Ablehnung einer jeglichen Übersetzung des Koran durch die Muslime, da bei einem solchen Unterfangen unweigerlich der göttliche Glanz verloren gehen muss. Die Vorstellung, dass die Schönheit der koranischen Geschichten der Beleg für deren göttliche Herkunft sei und dass diese Schönheit anziehend wirken und von der Wahrheit des Vorgetragenen überzeugen müsse, wird in Sure 12, 1-3 deutlich: „Im Nahmen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen! Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches. Siehe, Wir haben es hinabgesandt als einen arabischen Koran; vielleicht begreift ihr (es). Erzählen wollen Wir dir die schönste der Geschichten durch die Offenbarung dieses Korans; siehe, zuvor warst du achtlos (auf sie).“10 Die Lehre von der Unübertrefflichkeit der koranischen Ausdrucksweise ist ein Kernthema der islamischen Theologie. Die Lehren des Koran sind also stärker noch als die der Bibel über jede Irrtümlichkeit erhaben. Erleichtert wird dieser Umstand dadurch, dass es im Gegensatz zur Bibel nur einen einzigen Mittler, Mohammed, gibt, der sich nicht so sehr in logische Widersprüche verstrickt wie die Autoren der biblischen Schriften. Aber obwohl die Worte des Koran eine mindestens ebensolche Autorität darstellen wie die der Bibel, und obwohl sich der Islam ebenso vom Judentum abgrenzen muss, kam es in der islamischen Welt lange nicht zu solch ausgeprägten Formen des Antijudaismus wie in den europäischen christlichen Kirchen. Das in westlichen und insbesondere in christlichen Kulturkreisen so gerne als Argument für die barbarische Brutalität des Islam herangezogene Konzept des ‚Heiligen Krieges’ wendet sich nach den Worten des Koran jedenfalls weder gegen Christen noch gegen Juden, die ja beide im Islam zwar als ungläubig, aber eben doch als rechtmäßige Besitzer einer heiligen Schrift gelten.

Die entsprechenden Stellen des Koran, die von der Auseinandersetzung mit dem Judentum und dem Christentum handeln, scheinen sich lediglich auf einer theologisch- wissenschaftlicher Ebene zu bewegen und klingen demnach relativ harmlos. Von einem ‚Krieg’ ist hier jedenfalls nichts zu lesen - die endgültige Entscheidung über die Wahrheit und der Richtspruch über die Ungläubigen und Irregeleiteten wird vielmehr Gott überlassen und zeitlich ins Jenseits verlegt: „10 9Viele Schriftbesitzer möchten euch am liebsten wieder zu Ungläubigen machen, nachdem ihr den Glauben angenommen habt. Sie missgönnen ihn euch, nachdem ihnen doch schon vorher die Wahrheit klargeworden ist. Verzeiht dies und geht darüber hinweg, bis Gott entscheidet! Gott ist zu allem mächtig. 111 Sie sagen: ‚Nur wer Jude oder Christ ist, wird das Paradies betreten!’ Das sind ihre Wunschträume! Sprich: ‚Bringt euren Beweis bei, wenn ihr meint die Wahrheit zu sprechen!’ 113 Nun sagen die Juden: ‚Die Christen glauben nichts Richtiges!’ und die Christen meinen: ‚Die Juden glauben nichts Richtiges!’ Dabei lesen sie alle die Schrift. Und diejenigen, die nichts (von einer Offenbarung) wissen, äußern die gleiche Ansicht. Am Tag der Auferstehung wird Gott zwischen ihnen darüber entscheiden, worüber sie uneins waren.“ (Sure 2 „Die Kuh“, Vers 109, 111 und 113)

Stark entlastend für die Beziehung zwischen Islam und Judentum wirkt zudem die Tatsache, dass die beiden Religionen kein gemeinsames heiliges Schriftstück haben, um dessen wahre Interpretation sie sich streiten müssten. Der Koran ist den Muslimen was den Juden die Thora ist. Die gesellschaftliche Integration, eines der Hauptprobleme in der Geschichte des christlich-jüdischen Missverhältnisses, fällt in der Beziehung zwischen jüdischer und islamischer Kultur aufgrund der Tatsache leichter, dass die histroisch gewachsenen Gesellschaftsstrukturen in vielen Punkten zwischen Islam und Judentum ähnlicher sind als zwischen Christentum und Judentum. So stimmen jüdische und islamische Religion in Fragen der Familienstruktur ebenso überein wie in Fragen der Gesetzestreue. Keine der beiden Religionen befördert eine starke Individualisierung der Gesellschaft und das Wohlwollen Gottes erlangt der Einzelne in beiden Fällen über ein demütiges, regelrechtes und arbeitsames Leben.

Eines der größten und weiterhin bestehenden Probleme zwischen Islam und Judentum ist jedoch nach wie vor der Streit um das heilige Land der Vorväter. An der Grenze zwischen Israel und Palästina stehen sich die beiden Kulturen scheinbar unversöhnlich gegenüber und spalten zwei auseinander hervorgegangene und verschwisterte Religionsgemeinschaften in zwei kriegerisch-feindliche Lager.

III. Schlussbemerkung

Der christliche Antijudaismus - das habe ich mit dieser Arbeit zu zeigen versucht - ist ein extrem vielschichtiges und hochkomplexes Phänomen, in dem Tradition und Religion verschwimmen, Gesellschafts- und Machtsysteme aufeinanderprallen und wirtschaftliche Interessen mit wissenschaftlichen Systemen um die Vormachtstellung kämpfen. Doch auch wenn der Antijudaismus in Form und Gestalt, in Umstand, Ausprägung, und Wirkung variierte, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen räumlichen Kontexten in unterschiedlichem Ausmaß und mit unterschiedlicher Wirkung auftrat - die in der christlichen Religion und in der spezifisch Mittel- und Westeuropäischen Sozialstruktur wurzelnden Grundtendenzen sind charakteristische Konstanten im spannungsgeladenen christlich- jüdischen Missverhältnis. Diese Konstanten, ihren Ursprung, ihren Lauf und ihre Wirkung zu erfassen und zu beschreiben sollte das Ziel dieser Arbeit sein. Auch wenn der im Kontext des hochkomplexen Gesamtsystems ‚Antisemitismus’ bescheiden wirkende Verweis auf dessen spezifisch christlichen Elemente keinen Anspruch darauf erheben kann, das Phänomen in seiner Ganzheit zu erfassen, so hoffe ich dennoch, einige Grundlagen aufgezeigt zu haben, die, wenn auch mit anderen Elementen verwoben, doch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Verhältnis zweier sich in feindlicher Brüderschaft begegnenden Religionen und ihrer Kulturkreise ausüben.

Bibliografie

- Baus, Karl: Von der Urgemeinde zur frühchristlichen Großkirche. In: Handbuch der Kirchengeschichte. Hrsg. von Hubert Jedin. Band 1. Freiburg, Basel, Wien, 3. Aufl. 1965.

- Eckert, Willehad Paul, Nathan Peter Levinson und Martin Stöhr (Hrsg.): Antijudaismus im Neuen Testament? Exegetische und systematische Beiträge. Münschen 1967.

- Henning, Max: Der Koran. Stuttgart, durchgesehene und verbesserte Ausgabe 1991.

- John Dominic Crossan: Wer tötete Jesus? Die Ursprünge des christlichen Antisemitismus in den Evangelien. Aus dem Englischen von Peter Hahlbrock (Originalausgabe: Who Killed Jesus? Exposing the Roots of Anti-Semitism in the Gospel Story of the Death of Jesus. San Francisco 1995). München 1999.

- Lloyd deMause: Die Evolution der Kindheit. In: Ders.: Was ist Psychohistorie. Eine Grundlegung. Gießen 2000.

- Luther, Martin: Von der Freiheit eines Christenmenschen. In: Ders.: Luthers Werke in Auswahl. Hrsg. von Otto Clemen. Band 2, Schriften von 1520 bis 1524. Sechste, durchgesehene Auflage. Berlin 1967.

- Thoma, Clemens (Hrsg.): Judentum und christlicher Glaube. Wien 1965.

[...]


1 Anm.: Ein anonymer Prophet aus Ägypten, der zwischen 52 und 60 n. Chr. mit seinen Anhängern versuchte, Jerusalem mit Gewalt einzunehmen. Der römische Statthalter Felix schlug die Bewegung blutig nieder. Josephus schreibt in Der Jüdische Krieg von 30000 Anhängern dieser Bewegung.

2 Crossan, John Dominic: Wer tötete Jesus? Die Ursprünge des christlichen Antisemitismus in den Evangelien. Aus dem Englischen von Peter Hahlbrock. München 1999, S. 67.

3 Lloyd deMause: Die Evolution der Kindheit. In: Ders.: Was ist Psychohistorie. Eine Grundlegung. Gießen 2000, S. 71.

4 Die mangelnde Organisationsstruktur führt auch zu erheblichen Problemen bei der Geschichtsschreibung, weil die Terminologie „die Kirche“ nicht ein „Volk Gottes“ also eine Gemeinde bezeichnet, sondern ein Haus (Kirchengebäude), ein Bistum, eine Kirchenprovinz oder höchstens die Gemeinde einer einzelnen Stadt.

5 Zr Schuldfrage bei Paulus siehe: Ernst Ludwig Ehrlich: Paulus und das Schuldproblem, erläutert an Römer 5 und 8. In: Eckert, Willehad Paul, Nathan Peter Levinson und Martin Stöhr (Hrsg.): Antijudaismus im Neuen Testament? Exegetische und systematische Beiträge. Münschen 1967, S. 44-49.

6 Die Differenz zwischen Religion und Konfession ist auch hier nur eine quantitative. Die Unterscheidung erscheint angesichts der Radikalität mancher „Subreligionen“ oftmals nur noch als eine reine Definitionssache.

7 Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen. In: ders. Luthers Werke in Auswahl. Hrsg. Von Otto Clemen. Zweiter Band, Schriften von 1520 bis 1524. Sechste, durchgesehene Auflage. Berlin 1967, S. 11f.

8 Vgl. Norbert Lohfink in Clemens Thoma (Hrsg.): Judentum und christlicher Glaube. Wien 1965: „Unter dem Stichwort „Juden“ sind im Johannesevangelium Möglichkeiten der eigenen Existenz angesprochen.“

9 Norbert Lohfink in: Das heutige Verständnis der Schriftinspiration in der katholischen Theologie. 1967, S. 25. 27

10 Der Koran wird zitiert nach der Übersetzung aus dem Arabischen von Max Henning, Stuttgart, durchgesehene und verbesserte Ausgabe 1991. (Reclam 4206)

34 von 34 Seiten

Details

Titel
Die Grundlagen des christlichen Antijudaismus
Hochschule
Universität Wien
Jahr
2000
Seiten
34
Katalognummer
V104314
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ziel dieser Arbeit ist es, die spezifisch christlich-theologischen Elemente des Gesamtkomplexes 'Antisemitismus' bzw. 'Antijudaismus' anhand einer Untersuchung insbesondere des frühen Christentums und der spannungsreichen Epoche des Loslösungsprozesses des Christentums vom Judentum zu ergründen und dabei charakteristische Grundtendenzen, die auch heute noch von großer Bedeutung sind, herauszuarbeiten, um sie für die historische Analyse antijüdischer Mentalitäten insbesondere in Mittel- und Westeuropa fruchtbar zu machen.
Schlagworte
Grundlagen, Antijudaismus
Arbeit zitieren
Anonym, 2000, Die Grundlagen des christlichen Antijudaismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104314

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