Vogelweide, Walther von der - als politischer Dichter


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

14 Seiten, Note: 13 Punkte


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Aufbau und Ziel der Untersuchung

2. Hauptteil
2.1 Die politischen Ereignisse zur Zeit Walthers von der Vogelweide
2.2 Biographische Daten zu Walther von der Vogelweide
2.3 Möglichkeiten und Begrenzungen politischer Dichtung im Mittelalter
2.4 Zur Auswahl der Sprüche
2.5 Darstellung der politischen Absichten Walthers von der Vogelweide am Reichston
2.5.1 Der erste Reichsspruch
2.5.2 Der zweite Reichsspruch
2.5.3 Der dritte Reichsspruch
2.6 Fazit
Was wollte Walther von der Vogelweide mit dem Reichston erreichen?

3. Materialien

4. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema meiner Facharbeit lautet: „Walther von der Vogelweide als politischer Dichter“. Ich möchte also im Folgenden versuchen, die politischen Aussagen Walthers unter Berücksichtigung der historischen Umstände ein wenig zu verdeutlichen. Zunächst musste ich mich natürlich über die politischen Ereignisse zur Zeit Walthers und über sein Leben informieren, bevor ich mich den Texten zuwenden konnte. Auf diese beiden Punkte gehe ich daher im ersten Teil meiner Arbeit ein, da sie die Grundvoraussetzungen zum Verständnis der Sprüche Walthers sind. Außerdem habe ich mich noch mit den Möglichkeiten und Einschränkungen eines politischen Dichters im Mittelalter beschäftigt, da dies wichtig ist, um Walthers Intention besser zu verstehen.

Zur Darstellung seiner politischen Aussagen in seinem Werk musste ich entsprechende Texte auswählen, was sich recht schwierig gestaltete, da Walther eine Vielzahl an derartigen Sprüchen geschrieben hat. Aus dieser Fülle nun einige herauszusuchen, die meinen Vorstellungen entsprachen, das heißt, die seine Ideale und seine Einstellung zu Kirche und Reich darstellen, war nicht ganz einfach. Warum meine Wahl letztlich auf den Reichston fiel, versuche ich dann im vierten Punkt meiner Arbeit zu verdeutlichen.

Nach der Auswahl konnte ich mich dann der Untersuchung des Reichstons auf seinen politischen Inhalt hin widmen, was somit den letzten und größten Teil meiner Arbeit ausmacht.

Im Laufe meiner Untersuchung komme ich insofern vom Allgemeinen auf das speziell Walther Betreffende.

Mittelhochdeutsche Ausdrücke und Zitate aus dem Reichston habe ich in meiner Untersuchung kursiv geschrieben, um sie besser hervorzuheben.

2. Hauptteil

2.1 Die politischen Ereignisse zur Zeit Walthers von der Vogelweide

1197 starb der staufische Kaiser Heinrich VI., was schwere Unruhen und einen Bürgerkrieg im Reich auslöste. Heinrichs Sohn Friedrich wurde zum deutschen König gewählt, aber aufgrund seiner Unmündigkeit wurde zunächst Philipp von Schwaben, Heinrichs Bruder, als Reichsregent eingesetzt.

Im Januar des Jahres 1198 wurde der Papst Innozenz III. gewählt, der den Kirchenstaat wiederherstellen und vergrößern und die Macht des Papstes universal gültig machen wollte. Im März des gleichen Jahres wurde Philipp von Schwaben von der Mehrheit der deutschen Reichsfürsten zum König gewählt, wogegen die welfische Gegenpartei im Juni Otto von Braunschweig zum König wählen ließ. Dieser wurde im Juli in Aachen durch den Erzbischof Adolf von Köln, der hierzu legitimiert war, ohne die Throninsignien gekrönt. Im September wurde dann Philipp im Mainz durch den Erzbischof Aimo von Tarenteise, der dazu nicht legitimiert war, mit den Throninsignien gekrönt.

Im Jahr 1201 wurde dann über Philipp und seine Anhänger von Innozenz III. der Bann verhängt und Otto vom Papst als König anerkannt.

Im Jahr 1202 schlug Philipps Verbündeter, Philipp II. August von Frankreich, Richard Löwenherz von England, einen Verbündeten Ottos. In der Folge wechselte dann der Erzbischof Adolf von Köln ins staufische Lager und krönte Philipp, der wichtige militärische Erfolge verbuchte, in Aachen.

1207 endeten dann die Verhandlungen mit der Kurie über den Thronverzicht Ottos und Philipp wurde nach der Aufhebung des Banns als König anerkannt.

1208 wurde Philipp im Juni aus privater Rache ermordet und daraufhin im September Otto erneut zum König gewählt, diesmal sogar mit Anerkennung durch die staufische Partei. Dieser wurde dann 1209 in Rom durch den Papst zum Kaiser gekrönt. Er wurde jedoch 1210 bereits wieder gebannt, da er versucht hatte, in Sizilien, dem Papstlehen, einzufallen und den jungen Friedrich dort vom Thron zu vertreiben. 1211 wurde dann der Staufer Friedrich II. von einigen Fürsten mit Unterstützung der Kurie und Frankreichs zum Kaiser gewählt, worauf Otto 1212 nach Deutschland zurückkehrte und seine Lage zu stabilisieren versuchte, was ihm aber nur so lange gelang, bis Friedrich II. in das Reich kam und das staufisch-kapetingische1 gegen das welfisch-englische2 Bündnis erneuerte, aufgrund dessen 1214 bei Bouvins der entscheidende Schlag des französischen König gegen Otto gelang.

1215 wurde Friedrich II. dann vollgültig in Aachen gekrönt.3

2.2 Biographische Daten zu Walther von der Vogelweide

Walther von der Vogelweide wurde um 1170 vermutlich in Niederösterreich geboren. Von 1190 bis 1198 lebte und arbeitete er unter Herzog Friedrich dem Katholischen am Babenberger Hof in Wien und kam hier durch Reinmar von Hagenau zum Minnesang. 1198 musste er dann nach dem Tod Herzog Friedrichs den Hof in Wien verlassen und als Wanderdichter seinen Lebensunterhalt verdienen, wobei er immer wieder an den Höfen der deutschen Kaiser weilte. In dieser Zeit veränderte und erweiterte sich sein Weltbild stark, was man schon allein daran erkennen kann, dass er die politische Spruchdichtung, die es so noch nicht in Deutschland gab, begann.

Um 1200 hielt Walther sich des öfteren am Hofe Philipps von Schwaben auf und schrieb für ihn um 1202 den Philippston.

Um 1203 hatte sich Walther bereits von Philipp gelöst und war im Gefolge des Bischofs Wolfger von Passau. Aus dieser Zeit stammt auch die einzige Urkunde, in der Walther erwähnt wird: der Bischof schenkte ihm einen größeren Geldbetrag zur Anfertigung eines Pelzmantels. Mit dem Bischof kam Walther auch kurzzeitig zurück nach Wien. Außerdem hielt er sich über längere Zeiträume am Hof des Thüringer Landgrafen, in Meißen und Bayern auf.

Um 1211 wurde Walther dann vorübergehender Anhänger Ottos IV. und schrieb den Ottenton. Um 1212 löst sich Walther aber schon wieder von diesem.

Um 1212 wurde Walther dann auch Anhänger Friedrichs II., an dessen Hof er sich von 1213 bis 1229 immer wieder aufhielt. Von Friedrich II. erhielt Walther um 1216 sein Lehen, sein Lebensziel. Nun reiste er weniger durch das Reich, da er Friedrich verpflichtet war. Um 1230 starb Walther, sein Grab befindet sich nach der Überlieferung in Würzburg.4 Walther war schon zu seinen Lebzeiten durchaus bekannt, worauf namentliche Erwähnungen in Werken anderer Dichter schließen lassen.5

2.3 Möglichkeiten und Begrenzungen politischer Dichtung im Mittelalter

Wenn man sich mit den politischen Sprüchen Walthers von der Vogelweide beschäftigt, muss man sich natürlich auch die Umstände vor Augen halten, unter denen diese entstanden. Dazu gehören nicht nur politische Ereignisse, sondern auch der Stand des Dichters und somit die Möglichkeiten, die er hatte, seine Meinung zu äußern. Walther von der Vogelweide war ein fahrender Dichter und es ist falsch zu glauben, dass er seine politischen Sprüche vortragen konnte, wann er wollte. Denn zum einen war Walther auch als politischer Sänger auf die milte seiner Gönner angewiesen, das heißt auf Beschenkungen usw., um sich am Leben zu erhalten. So konnte er seine Sprüche nur am richtigen Ort zur richtigen Zeit anbringen, jedenfalls, wenn er Erfolg haben wollte. Zum anderen entstanden auch seine politischen Sprüche im Auftrag von Herrschern, so dass man nicht unbedingt davon ausgehen kann, dass sie Walthers Meinung widerspiegeln. Diese Sprüche waren Propaganda, auch wenn sie wohl mehr zu Anlässen adeliger Geselligkeit vorgetragen wurden, um dort „lehrend ins Allgemeine ausholend bis kabarettistisch pointierend“6 die aktuelle Politik zu behandeln. Die Möglichkeit, politisch zu urteilen und zu fordern ist Walther nur unter Zurückgreifen auf allgemeine Ideale gegeben. Auch war es Walther nur möglich, an politische Informationen heranzukommen, die für die breite Masse zugänglich waren und nicht in den Beratungszimmern der Herrscher blieben. Daher sind die Themen seiner Sprüche meist solche, die starken öffentlichen Aufruhr erzeugten.

So kann man sagen, dass Walther sehr gebunden war, wenn er seine politischen Sprüche schrieb, und dass man daher nicht alle Äußerungen in diesen Sprüchen als Walthers persönliche Meinung sehen darf.7

2.4 Zur Auswahl der Sprüche

Es ist nicht ganz einfach, sich für einige wenige Sprüche Walthers von der Vogelweide zu entscheiden, wenn man ihn als politischen Dichter darstellen will, da das Thema recht komplex ist.

Da ich mich aber nun entscheiden musste, habe ich dies getan, und zu meiner Auswahl möchte ich hier einige Anmerkungen geben, um diese etwas zu verdeutlichen. Ich habe mich für den sogenannten Reichston entschieden, der sich aus drei Sprüchen zusammensetzt. Zu dieser Entscheidung bin ich gelangt, weil ich finde, dass diese drei Sprüche eine Einheit bilden, deren wirkliche Aussage nur in einer Gesamtbetrachtung herausgestellt werden kann.

Auch eignen sich diese Sprüche gut zu einer relativ umfassenden Darstellung, da in ihnen sowohl Walthers Ideale, als auch die Problematik im Reich und mit der Kirche dargestellt werden.

Außerdem werden in diesen Sprüchen einerseits die Eingeschränktheit des Autors und zum anderen aber auch seine Möglichkeiten, sich politisch zu äußern sehr schön deutlich.

2.5 Darstellung der politischen Absichten Walthers an ausgewählten Sprüchen

Nun soll hier der Versuch gemacht werden, anhand des Reichstons, den ich ausgewählt habe, Walther von der Vogelweides Ansichten über Politik etwas zu verdeutlichen.

2.5.1 Der erste Reichsspruch (1198)

Ich saz ûf eime steine

und dahte bein mit beine,

dar ûf saste ich mîn ellenbogen; ich hete in mîne hant gesmogen

5 daz kinne und ein mîn wange. dô dâhte ich mir vil ange,

wie man zer werlte solte leben. deheinen rât kond ich gegeben, wie man driu dinc erwurbe,

10 der keines niht verdurbe.

diu zwei sint êre und varnde guot, daz dicke ein ander schaden tuot. daz dritte ist gotes hulde,

der zweier übergulde.

15 die wolte ich gerne in einen schrîn: jâ leider des enmac niht sîn,

daz guot und weltlich êre und gotes hulde mêre

zesamene in ein herze komen.

20 stîg unde wege sint in benomen; untriuwe ist in der sâze,

gewalt vert ûf der strâze,

fride unde reht sint sêre wunt. diu driu enhabent geleites niht,

25 diu zwei enwerden ê gesunt.

Der erste Reichsspruch ist der erste politische Spruch Walthers. Er entstand 1198, als Walther den Babenberger Hof in Wien verlassen musste und als Wanderdichter mit den politischen Ungereimtheiten der Zeit in dem nach dem Tod Heinrichs VI. herrenlosen und vom Thronstreit und Bürgerkrieg erschütterten Reich in Berührung kam. In der politischen Spruchdichtung sah er wohl zum einen die Möglichkeit, seine Meinung auszudrücken, zum anderen aber auch eine weitere Art des Broterwerbs.

Walther zeigt sich (er ist hier wohl gleichzusetzen mit dem „Ich“ des Spruchs, da er ihn selbst vortrug und somit seine Meinung zu dem Thema bekundete) in diesem sowie im zweiten und dritten Reichsspruch in einer Art Propheten- oder Seherposition, wie Nix logisch aufzeigt8. Er beleuchtet hier das irdische Dasein der Menschen nicht nur unter dem Einfluß seiner Erfahrungen, sondern auch darüber hinaus, er stellt den Menschen das Ideal vor Augen. Durch diese Seherposition wird die Richtigkeit seiner Aussagen begründet und untermauert. Zunächst nennt er ein ethisches Problem, er fragt sich wie man zer werlte sollte leben (Vers 7). Hierzu setzt er die Grundanforderungen für irdisches und seelisches Heil, nämlich varnde guot, êre und gotes hulde in Bezug und betont ihre scheinbare Unvereinbarkeit, zu der nicht einmal er als Seher einen Rat geben könne (Vers 8 deheinen rât kond‘ ich gegeben), obwohl dies eigentlich seine Aufgabe wäre. Wenn schon er, der Prophet, keinen Rat in dieser Sache geben kann, muss dies also ein großes und wichtiges Problem sein.

Nun kommt jedoch das aktuelle politische Problem ins Spiel, nämlich in der Begründung der Unvereinbarkeit der drei Grundanforderungen. Laut Walther ist es nicht möglich diese drei Dinge gleichzeitig zu erreichen, weil Gewalt, Verrat und Hinterhalt im Land herrschen und somit Friede und Gerechtigkeit unterjocht sind (Verse 21-23 untriuwe ist in der sâze, / gewalt vert ûf der strâze: / fride unde reht sint sêre wunt. ), wobei er sich sowohl auf den tobenden Bürgerkrieg als auch auf den Thronstreit und den damit verbundenen Kampf zwischen der staufischen und welfischen Partei beziehen dürfte. Somit übt er hier auch Gesellschaftskritik. Walther sieht die Welt als gefährliches Reisegebiet, in der das irdische und seelische Heil der Menschen bedroht wird.

Vor diesem Hintergrund fordert er zum einen, dass Frieden und Gerechtigkeit wiederhergestellt werden, damit die Menschen ihr höchstes Ziel, das Heil, erreichen können, und gibt zum anderen eine konkrete Lebenshilfe, indem er die drei Grundanforderungen nennt, an die sich die Menschen halten sollen, wenn sie irdisches und seelisches Heil erreichen wollen. Dies zeigt, dass für ihn moralische Werte (êre, gotes hulde) durchaus wichtig waren, dass er aber auch nichts gegen weltliche Besitztümer (varnde guot) hatte.

Jedoch gibt Walther in diesem Spruch noch keine konkrete Lösung für das Problem des zerrütteten Reiches an, er will hier eher die Probleme zeigen und die Menschen überzeugen, dass etwas dagegen getan werden muss.9

2.5.2 Der zweite Reichsspruch (1198)

Ich hôrte ein wazzer diezen

und sach die vische fliezen,

ich sach, swaz in der welte was, velt, walt, loup, rôr unde gras

5 swaz kriuchet unde fliuget

und bein zer erde biuget,

daz sach ich, unde sage iu daz: der keinez lebet âne haz. daz wilt und daz gewürme

10 die strîtent starke stürme,

sam tuont die vogel under in; wan daz si habent einen sin: si dûhten sich ze nihte,

si enschüefen starc gerihte.

15 si kiesent künege unde reht, si setzent hêrren unde kneht. sô wê dir, tiuschiu zunge, wie stêt dîn ordenunge! daz nû diu mugge ir künec hât,

20 und daz dîn êre alsô zergât. bekêrâ dich, bekêre!

die cirkel sint ze hêre,

die armen künege dringent dich. Philippe setze en weisen ûf

25 und heiz si treten hinder sich!

Der zweite Reichsspruch, der im gleichen Jahr entstand wie der erste, ist gleichsam eine Fortsetzung des ersten. Hier wird nun die Lösung für das Problem gezeigt, das im ersten Reichsspruch behandelt wird.

Um seine Aussagen zu verdeutlichen und um deren Richtigkeit zu beweisen greift Walther hier auf das Tierreich zurück. Auch hier ist Walther wieder in der Position des Sehers. Zunächst beschreibt er die Realität (Vers 1-10), das was er sach und hôrte, er zeigt den Zustände im Tierreich. In der Zeile 8 stellt er eine zentrale These auf: Es gibt kein Leben ohne Feindschaft (keinez lebet âne haz). So muss er nun schon eine Forderung aus dem ersten Reichsspruch zurücknehmen, nämlich die nach Frieden. Also bleibt nur noch die Forderung nach Gerechtigkeit. Auf dieser Einsicht basierend stellt er in Vers 13-16 eine weitere These über das Zusammenleben auf: Ohne Ordnung, Regierung und Stände (gerihte, künege, reht, hêrren und kneht) kann das Zusammenleben nicht funktionieren. Er läßt an dieser Stelle die Tiere als Vorbilder auftreten, denn diese dûhten sich ze nihte (Vers 13), würden sich als niedere Wesen betrachten, wenn sie diese Ordnung nicht hätten.

Nun kommt der zeitlich-politische Bezug dazu. Das Tierreich hat diese hierarchische Ordnung und betrachtet sich nicht als unzivilisiert oder barbarisch. Im herrenlosen deutschen Reich jedoch bricht jegliche Ordnung zusammen, es herrschen Chaos, Ungerechtigkeit und Gewalt (Vers 17-18 sô wê dir, tiuschiu zunge, / wie stêt dîn ordenunge! ). Hier treibt Walther es nun auf die Spitze: daz nû die mugge ir künec hât / und daz dîn êre alsô zergât. Sogar die Mücke, ein recht niederes Lebewesen, hat einen König, aber das große Reich nicht. Hiermit will er dazu aufrufen, daran etwas zu ändern, was er dann in Vers 21 auch deutlich ausspricht (bekêrâ dich, bekêre! ).

Dann stellt er in den Versen 22-23 noch einmal ganz deutlich das Problem heraus, das das Reich hat: Es sitzt in einer Zwickmühle, da es keinen Herrscher hat und sogar überlegt wurde, dem englischen oder französischen König die deutsche Krone zu übergeben (... circel sind ze hêre, / die armen künege dringent dich. )10. Dies lehnt Walther entschieden ab, wie man an der Formulierung die armen künege dringent sehen kann. Hier macht Walther sich über die circel-Träger, die ausländischen Herrscher, lustig, die sich über den weisen, die deutsche Kaiserkrone, stellen wollen.11

In den letzten zwei Versen seines Spruchs zeigt Walther nun seine Lösung für das Problem des fehlenden Rechts auf, das er schon im ersten Reichsspruch behandelte: Philippe setze en weisen ûf, man soll Philipp von Schwaben zum deutschen Kaiser machen, und dann heiz si treten hinder sich, die ausländischen Herrscher auf ihren Platz hinter ihm verweisen. Hier macht Walther eine klare politische Aussage: Philipp soll herrschen, dann kann das Reich aus seiner verzwickten Lage herauskommen. An dieser Stelle stellt sich nun die Frage, ob dies Walthers persönliche Meinung war, oder ob er dies im Auftrag einer anderen Person schrieb. Diese Frage läßt sich weder für den ersten noch für den zweiten Reichsspruch eindeutig klären. Nix12 verweist hier unter Berücksichtigung des Vortragsorts (Königswahl der deutschen Fürsten im März 1198) auf die Möglichkeiten, dass die Sprüche, die ja einen eindeutigen Aufruf zur Wahl Philipps darstellen, von Herzog Leopold VI. von Steiermark, einem Anhänger der Staufer, in Auftrag gegeben wurden oder dass Walther sie ohne Auftrag schrieb, um sich eventuell einen neuen Gönner, z.B. Philipp von Schwaben, zu suchen.

Diese Frage kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Deutlich wird jedoch, dass Walther, egal warum er diese Sprüche schrieb, hier nicht nur seine eigene Meinung darstellt, sondern auch ein konkretes Ziel verfolgt, nämlich entweder die Zufriedenstellung seines Auftraggebers oder das Finden eines neuen Gönners.13

2.5.3 Der dritte Reichsspruch

Ich sach mit mînen ougen

man unde wîbe tougen,

daz ich gehôrte und gesach,

swaz iemen tet, swaz iemen sprach.

5 ze Rôme hôrte ich liegen,

und zwêne künege triegen.

dâ von huop sich der meiste strît, der ê was oder iemer sît,

dô sich begunden zweien

10 die pfaffen unde leien.

daz was ein nôt vor aller nôt, lîp unde sêle lac dâ tôt. die pfaffen striten sêre, doch wart der leien mêre.

15 diu swert diu leiten si dernider, und griffen zuo der stôle wider: si bienen, die si wolten, und niht, den si solten. dô stôrte man diu goteshûs.

20 ich hôrte verre in einer klûs vil michel ungebære:

dâ weinte ein klôsenære, er klagete gote sîniu leit, «owê der bâbest ist ze junc!

25 hilf, hêrre, dîner kristenheit!»

Der dritte Reichsspruch entstand einige Jahre später als die ersten beiden Sprüche im Jahre 1201. Er stellt wahrscheinlich eine aktualisierende Erweiterung des ersten Reichsspruchs dar, die auf einem erneuten Vortragen des ersten Reichsspruch beruht. Auch dieser Spruch ist eine konkrete Erweiterung des ersten Spruchs, wie der zweite Reichsspruch es ebenfalls ist.14

Auch hier stellt sich Walther wieder in einer Art Seherfunktion dar, diesmal hat dieses Bild jedoch eine noch erweiterte Funktion. Es soll nicht nur die allumfassende Richtigkeit des Gesagten betonen, sondern auch rein inhaltlich erklären, warum Walther die Heimlichkeiten der Menschen sehen ( Vers 1-2 ich sach ... tougen ), das was in Rom geschieht ( Vers 5 ze Rôme hôrte ich ) und den Klausner hören kann (Vers 20-23 ich hôrte verre in einer klûs / ... / dâ weinte ein klôsenære ). Walther ist hier gleichsam ein Zeuge, der alles durchschaut.

Der Anlaß diese Spruchs ist die Kirchenbannung Philipps und seiner Anhänger im Juli des Jahres 1201. Die Einmischung des Papstes Innozenz III. in den Thronstreit in Deutschland hatte einen Kampf zwischen pfaffen und leien ausgelöst ( Vers 7 dâ von huop sich der meiste strît ), und als die pfaffen sich nicht mehr im Kampf gegen die Übermacht der leien, mit denen hier wohl mehrheitlich die Anhänger der Staufer gemeint sein dürften, da sich die Geistlichkeit des Reiches mehr auf der Seite Ottos IV. befand , zu wehren wußten ( Verse 13-14 die pfaffen striten sêre, / doch wart der leien mêre ), griffen sie zu geistlichen „Waffe“ des Banns gegen Philipp und seine Anhänger.

Besonders brisant sind hier die Verse 5 und 6: ze Rôme hôrte ich liegen, / und zwêne künege triegen. Rom hat zwei Könige betrogen. Hier drängt sich nun die Frage auf, welche Könige hier gemeint sind. Das hier Philipp von Schwaben gemeint ist, ist recht deutlich, denn in Vers 17 wird seine ungerechte Verbannung kritisiert ( si [die pfaffen] bienen, die si wollten / und niht, den si sollten ). Wer ist aber der zweite König, der von Rom betrogen wurde? Ist es der junge Friedrich, der Sohn des verstorbenen Heinrich VI.? Oder ist es Otto IV.? Auf den ersten Blick erscheint es wahrscheinlicher, dass hier Friedrich gemeint ist, denn für Otto, der ja von Papst anerkannt wurde, scheint sich keine ungerechte Behandlung zu zeigen. Aber wird denn der junge Friedrich, der zu dieser Zeit noch in Sizilien, dem Reich seiner Mutter, lebt, betrogen? Er ist rechtmäßig gewählter deutscher König und wird den Thron bekommen, sobald er alt genug ist. Hier läßt sich also kein Betrug erkennen. So könnte hier vielleicht doch Otto gemeint sein, denn der musste dem Papst für seine Legitimation erhebliche politische Zugeständnisse machen. Dies ist recht wahrscheinlich, denn im Weiteren wird deutlich, dass Walther für die Trennung von Reich und Kirche eintritt. Endgültig läßt sich aber auch diese Frage nicht klären.

Auf jeden Fall wird in diesem Spruch aber deutlich, dass Walther die pfaffen, also die Geistlichkeit kritisiert und sich nicht auf die Seite Philipps schlägt. Denn dadurch, dass er in Vers 6 Otto IV. wahrscheinlich auch als küneg bezeichnet, legitimiert er dessen Herrschaftsansprüche. Dies hätte Philipp aber nie geduldet. Also kann man diesen Spruch als Kritik an der Geistlichkeit sehen.

Wenn ich hier jedoch von der Geistlichkeit spreche, sollte man Papst und pfaffen trennen. Walthers Kritik bezieht sich hier eher auf die pfaffen, denn der Papst wird mit seiner Jugend entschuldigt ( Vers 24 der bâbest ist ze junc ). Gleichzeitig wird dem Papst jedoch daraus auch ein Vorwurf gemacht, denn aufgrund seiner Jugend hat er „seine“ pfaffen nicht unter Kontrolle.

Auffällig ist hier, das Walther nicht selbst die Kritik am Papst ausspricht, sondern dies den Klausner tun läßt. Davor scheint er trotz seiner Position als Seher in diesem Spruch zurückzuschrecken, vielleicht aus Angst, dadurch Probleme zu bekommen. So zeigt Walther in diesem Spruch ganz deutlich, dass er gegen eine Einmischung der Kirche in die Angelegenheiten des Reiches ist und das er die Kirche für verweltlicht hält, da sie sich um politische Dinge kümmert. Demgegenüber setzt er hier den klôsenaere, den Klausner, den er für den Verfechter der wahren Religion hält, da er sich vom Weltlichen abgewandt hat.

Dieser Spruch entstand wahrscheinlich im Auftrag eines im Thronstreit relativ unabhängigen Fürsten, was man gut an der Unabhängigkeit der Kirchenkritik von Philipp und Otto sehen kann.15

2.6. Fazit

Am Ende der Untersuchungen des Reichston stellt sich natürlich die Frage, was Walther mit seinem Reichston erreichen wollte.

Mit dem ersten Reichsspruch wollte Walther wohl seine Hörer aufrütteln. Indem er auf die mißliche Lage im Reich, auf Untreue, Verrat und Gewalt hinweist, den Menschen aber gleichzeitig ein Idealbild des Heils vor Augen hält, versucht er, sie dazu zu bringen, für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten und etwas gegen das politische Chaos zu tun, damit sie ihr eigenes Heil erreichen können.

Während Walther im ersten Reichsspruch aber noch recht allgemein bleibt und keine konkreten Vorschläge macht, wie man Frieden und Recht wiederherstellen kann, so nennt er im zweiten Reichsspruch dann die Lösung des Problems, wie sie seiner Meinung nach aussehen müsste, nämlich die Krönung Philipps zum deutschen Kaiser. Laut Walther kann man nur so die Ordnung im Reich wiederherstellen und somit seinen Fortbestand sichern. Im dritten Reichsspruch kritisiert Walther dann die Stellung der Kirche zum Thronstreit zwischen Philipp und Otto. Er hält es für falsch, dass die Kirche sich einmischt, er sieht die Aufgabe der Kirche nicht in der Politik, etwas Weltlichem, sondern in der Sorge um das Heil der Menschen, etwas Überweltlichem.

Also kann man nach der Betrachtung des Reichstons sagen, dass Walther mit ihm seine Hörer insgesamt dazu aufrufen wollte, dafür zu sorgen, dass endlich wieder Ordnung und Ruhe in das Reich einkehrt, nämlich durch die Lösung des Streits um den Thron und durch den Verweis der Kirche an ihren Platz außerhalb der Politik.

Da es vor Walther die politische Spruchdichtung in dieser Form noch nicht gegeben hatte, wagte er sich hier auf ein neues Terrain. Jedoch blieb seine Kunst weiterhin Auftragskunst. Vor diesem Hintergrund wurde Walther oft Charakterlosigkeit vorgeworfen. Diesen Vorwurf halte ich für nur teilweise berechtigt, da aus den zeitlichen Umständen allein deutlich wird, dass er nicht anders handeln konnte, wenn er sich seinen Broterwerb sichern wollte. Außerdem konnte Walther durchaus seine eigene politische Meinung mit ausdrücken, wenn auch nur versteckt hinter Forderungen nach moralischen Idealen.

Nach der Untersuchung der Sprüche wird außerdem deutlich, dass Walther ein großartiger Dichter war, der es verstand, auch unter den ihm gegebenen Umständen aussagekräftig zu dichten und seine vorhandenen Möglichkeiten weitestgehend für sich auszunutzen.

3. Materialien

D e r R e i c h s t o n ( 1 1 9 8 / 1 2 0 1)

I. Reichsspruch

Ich saz ûf eime steine

und dahte bein mit beine,

dar ûf saste ich mîn ellenbogen; ich hete in mîne hant gesmogen

5 daz kinne und ein mîn wange. dô dâhte ich mir vil ange,

wie man zer welte solte leben. deheinen rât kond ich gegeben, wie man driu dinc erwurbe,

10 der keines niht verdurbe.

diu zwei sint êre und varnde guot, daz dicke ein ander schaden tuot. daz dritte ist gotes hulde,

der zweier übergulde.

15 die wolte ich gerne in einen schrîn: jâ leider desn mac niht gesîn, daz guot und weltlich êre und gotes hulde mêre

zesamene in ein herze komen.

20 stîg unde wege sint in benomen; untriuwe ist in der sâze,

gewalt vert ûf der strâze,

fride unde reht sint sêre wunt. diu driu enhabent geleites niht,

25 diu zwei enwerden ê gesunt.

II . Reichsspruch

Ich hôrte ein wazzer diezen

und sach die vische fliezen,

ich sach swaz in der welte was, velt, walt, loup, rôr unde gras

5 swaz kriuchet unde fliuget

und bein zer erde biuget,

daz sach ich, unde sage iu daz: der keinez lebet âne haz. daz wilt und daz gewürme

10 die strîtent starke stürme,

sam tuont die vogel under in; wan daz si habent einen sin: si dûhten sich ze nihte,

si enschüefen starc gerihte.

15 si kiesent künege unde reht, si setzent hêrren unde kneht. sô wê dir, tiuschiu zunge, wie stêt dîn ordenunge! daz nû diu mugge ir künec hât,

20 und daz dîn êre alsô zergât. bekêrâ dich, bekêre,

die cirkel sint ze hêre,

die armen künege dringent dich: Philippe setze den weisen ûf,

25 und heiz si treten hinder sich!

III . Reichsspruch

Ich sach mit mînen ougen

man unde wîbe tougen,

daz ich gehôrte und gesach

swaz iemen tet, swaz iemen sprach.

5 ze Rôme hôrte ich liegen

und zwêne künege triegen.

dâ von huop sich der meiste strît der ê was oder iemer sît, dô sich begunden zweien

10 die pfaffen unde leien.

daz was ein nôt vor aller nôt, lîp unde sêle lac dâ tôt. die pfaffen striten sêre, doch wart der leien mêre.

15 diu swert diu leiten si dernider, und griffen zuo der stôle wider: si bienen die si wolten,

und niht den si solten.

dô stôrte man diu goteshûs.

20 ich hôrte verre in einer klûs

vil michel ungebære.

dâ weinte ein klôsenære,

er klagete gote siniu leit,

«owê der bâbest ist ze junc,

25 hilf, hêrre, dîner kristenheit.»

4. Literatur- und Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis:

Hahn, Gerhard: Walther von der Vogelweide. Eine Einführung. Artemis-Verlag, München, Zürich 1986

Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide. Kümmerle Verlag, Göppingen 1993

Stein, Gottfried (Hrsg.): Die Silberfracht. Sprachdenkmäler des Mittelalters. Hirschgraben-Verlag, Frankfurt am Main 1960

Stephan, Alina: Dichtung als politisches Mandat: Walthers politische und religiöse Lyrik unter Friedrich II. Universität Edmonton, Alberta 1977

Quellen aus dem Internet:

http://www.geschichte.2me.net/bio/cethegus/w/walthervdv.html: Walther von der Vogelweide. Kurz-Biographie

[...]


1 Die Staufer verbündeten sich mit Philipp II. August von Frankreich

2 Die Welfen verbündeten sich mit dem englischen König Richard Löwenherz

3 vgl. Hahn, Gerhard: Walther von der Vogelweide (1986) S.110-112

4 vgl. http://www.geschichte.2me.net/bio/cethegus/w/walthervdv.html: vgl. auch Stephan, Alina; Dichtung als politisches Mandat (1977) S.3-7

5 vgl. Stephan, Alina a.a.O. S.7

6 Hahn, Gerhard a.a.O. S.129

7 vgl. Hahn, Gerhard a.a.O. S.127-129

8 Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide (1993) S.13-16

9 vgl. Nix, Matthias a.a.O. S.13-19

10 vgl. Nix, Matthias a.a.O. S.35-36

11 vgl. Nix, Matthias a.a.O. S.30-31

12 Nix, Matthias a.a.O. S.39-40

13 vgl. 5.3 ‚Möglichkeiten und Beschränkungen politischer Dichtung im Mittelalter‘ dieser Arbeit

14 vgl. Nix, Matthias a.a.O. S.72

15 vgl. Nix, Matthias a.a.O. S.58-72

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Vogelweide, Walther von der - als politischer Dichter
Veranstaltung
Facharbeit
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
14
Katalognummer
V104326
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walther von der Vogelweide, politische Dichtung im Mittelalter, Reichston
Arbeit zitieren
Verena Funke (Autor), 2001, Vogelweide, Walther von der - als politischer Dichter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104326

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