Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Literarische Erörterung


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

7 Seiten, Note: 1


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Gliederung

A) Informationen zu Autor, Werk sowie dessen Thematik

B) Odoardo und der Prinz von Guastalla - Vergleich zweier Kontrahenten

I. Emilias Vater und Hettore Gonzaga als Kontrastfiguren

1. Gedanken über Umwelt

a) bei Odoardo Sorgen um Familie und Emilia geradezu übertrieben
b) Prinz als Selbstmitleid zeigender Egoist

2. Wachsamkeit

a) Odoardos frühzeitiges Erkennen von Problemen
b) Mangelnde Voraussicht beim Handeln Hettores 3. Bewusstheit des Handelns
a) Odoardo als seiner Ansicht nach pflichtbewusste Person, die sich über ihre Ziele im Klaren ist
b) Hettores Unbeholfenheit und das daraus resultierende unüberlegte Handeln 4. Verantwortungsbewusstsein
a) bei Odoardo deutlich vorhanden
b) Prinz entzieht sich der Verantwortung

5. Beeinflussbarkeit

a) Odoardo als misstrauische und kritische Person
b) Prinz als beeinflussbare, willkürliche und unvernünftige Person 6. Einstellung gegenüber Tugenden
a) Odoardos Festhalten an alten Tugenden sowie Keuschheit und Emotionslosigkeit
b) Prinz als Vertreter der höfischen sexuellen Freizügigkeit

II. Gemeinsamkeiten von Odoardo und dem Prinzen
1. Positive Einstellung Appiani gegenüber
2. Mangelnde Fähigkeit zur Selbstkontrolle
3. Mangelndes Vertrauen der Umwelt gegenüber
4. Sturheit
5. Machtposition der beiden Personen
6. Geringe Einstufung der Wichtigkeit Emilias freiheitlichen Lebens

III. Vertretung aufklärerischer Ideen der beiden Personen

1. Odoardos Handeln

a) Ablehnung des Hofes im Sinne der Aufklärung

b) Widerspruch im Familienleben zu „sapere aude“

2. Hettores Ausnutzen seiner Machtposition mit Aufklärung nicht vereinbar

C) Lessings Konzeption der gemischten Charaktere

Der Autor des Dramas „Emilia Galotti“ Gotthold Ephraim Lessing wurde 1729 im A) sächsischen Kamenz geboren. Als Pfarrerssohn genoss er eine streng protestantische Erziehung, was im Widerspruch zu seinen bereits zu Kindeszeiten ausgeprägten aufklärerischen Ideologien stand. Sein Studium brach Lessing ab und er betätigte sich von diesem Zeitpunkt an als Schriftsteller. Nach verschiedenen Anstellungen, z.B. als Sekretär des Generals Tauentzien oder Dramaturg am Hamburger Nationaltheater musste er ab 1770 als Hofbibliothekar in Wolfenbüttel arbeiten. Während dieser Zeit wurde sein Werk „Emilia Galotti“ anlässlich des Geburtstags der Herzogin von Braunschweig 1772 uraufgeführt. Seine Kritik an der Kirche stieß oft auf reichlich Widerspruch, v.a. von Seiten des Hamburger Pastors Goeze. Nach dem Tod seines Sohnes und seiner Frau starb Lessing 1781 völlig verarmt in Braunschweig. Die bekanntesten Werke Lessings sind neben „Emilia Galotti“ „Nathan der Weise“, „Miss Sara Sampson“ sowie „Minna von Barnhelm“.

Im hier behandelten Drama „Emilia Galotti“ wird die römische Virginia-Geschichte wieder aufgerollt. Der Prinz von Guastalla, Hettore Gonzaga, hat sich in ein bürgerliches Mädchen namens Emilia Galotti verliebt. Als er erfährt, dass noch am selben Tag deren Hochzeit mit Graf Appiani erfolgen soll, veranlasst er seinen Kammerherren Marinelli, dies um jeden Preis zu verhindern. Hierbei kommt Appiani ums Leben und Emilia, die vom Prinzen eher abgeneigt ist, ist dem Herrscher nun scheinbar schutzlos ausgeliefert. Dies verhindert jedoch ihr Vater Odoardo Galotti, indem er am Ende des Dramas seine einzige Tochter - auch auf ihren Wunsch - ermordet, da die Unschuld für ihn einen höheren Wert hat als Emilias Leben. Das Drama zeigt deutlich, welche fatalen Folgen ein allzu tugendhaftes Weltbild haben kann.

Odoardo Galotti, Emilias Vater, sowie Hettore Gonzaga, der Prinz, unterscheiden sich B) I. nicht nur in etlichen Punkten, wie im Folgenden aufgezeigt wird, der Prinz hat auch gegenüber Odoardo gewisse Vorbehalte - „Odoardo ist [s]ein Freund nicht“ (9, 18), sondern „[d]er Prinz haßt [ihn]“ (23, 29).

Eine auffällige Divergenz zwischen den beiden Figuren ist die Art, wie sie sich Gedanken über ihre Umwelt und andere Personen machen. Bei Odoardo sind die Sorgen um seine Familie und v.a. Emilia geradezu übertrieben - während des Kirchgangs z.B. „bleibt“ ihm seine Tochter „zu lange aus“ (22, 22), außerdem sei „[ein Schritt seiner Tochter] genug zu einem Fehltritt“ (19, 31). Ein weiteres Indiz ist die Tatsache, dass ihn das Gespräch des Prinzen mit Emilia auf der Vegghia in Rage versetzt (vgl. 24, 10ff.). Der Prinz hingegen denkt nur an seine eigenen Wünsche, in diesem Drama v.a. daran, Emilia zu bekommen. Dass er kein Interesse am Wohl seines Herrschaftsgebietes hat, zeigt sein unvernünftiger Umgang mit der Staatskasse, als er dem Maler Conti soviel bezahlt, wie er nur wolle (vgl. 11, 10f.). Hinzu kommt ein stark ausgeprägtes Selbstmitleid - der Prinz jammert über „Klagen, nichts als Klagen“ sowie „Bittschriften, nichts als Bittschriften“ (5, 5f.), er bedauert es, dass „[s]ein Herz (...) das Opfer eines elenden Staatsinteresse[s]“ (12, 22f.) wird, er sieht sich als verloren, will nicht so leben, wie er lebt (vgl. 15, 8) und klagt schließlich darüber, dass ein Fürst „keinen Freund haben“ (15, 16f.) könne.

„Einer ist genug zu einem Fehltritt!“ (19,31) - dieses bereits genannte Zitat zeigt ebenso 2. wie die Unruhe, mit der er den ebenfalls bekannten Vorfall bei der Vegghia aufnimmt (vgl. 24, 10ff. sowie 27, 18f.), dass Odoardo extrem wachsam ist und eventuelle Probleme bereits sehr frühzeitig erkennt. Von dieser Eigenschaft kann bei Hettore Gonzaga keineswegs die Rede sein. Als er seinem Kammerherren Marinelli alle Mittel erlaubt, um die Hochzeit abzuwenden (vgl. 16, 35f.), denkt er nicht an die Konsequenzen, die ein solches Zugeständnis haben kann, wie z.B. Appianis Tod.

Odoardo Galotti zeigt sich als seiner Ansicht nach pflichtbewusste Person, die sich über 3.

ihre Ziele im Klaren ist. Diese Sicherheit zeigt sich allein schon dadurch, dass er von seinen Meinungen und Grundsätzen während des ganzen Dramas überhaupt nicht abrückt. Das - zumindest scheinbar vorhandene - Pflichtbewusstsein des Vaters kann man in seiner Äußerung „[Die Tugend] allein hab ich zu retten“ (68, 19) erkennen, womit er den Tod seiner Tochter letztendlich legitimiert. Ob das „Pflichtbewusstsein“ Odoardos als positiv angesehen werden kann oder nicht, sei dahingestellt, jedenfalls kann man beim Prinzen keinerlei solcher Sicherheiten in seinem Handeln erkennen. Seine Abhängigkeit von Marinelli erkennt man z.B., als er diesen auffordert, für ihn zu denken (vgl. 16, 22f.), und aus dieser Abhängigkeit kann man auf eine massive Unbeholfenheit schließen. Diese wiederum bestätigt sich, als Marinelli seinem Herren das Versäumnis, Emilia seine Liebe zu gestehen, vorwirft (vgl. 16, 12f.). Auch in seiner unüberlegten Art zu handeln, wie er sie auch selbst zugibt, als er vor Emilia sein eigenes Verhalten in der Kirche verurteilt (vgl. 44, 3ff.) und was auch Marinelli als Untergrabung „[s]eines Gebäudes“ (52, 11) bezeichnet, manifestiert sich diese Unbeholfenheit.

Auch im Hinblick auf die Weise, wie die beiden Personen mit ihrer Verantwortung umgehen, zeigen sich deutliche Unterschiede. Obwohl Emilia während ihres Todeskampfes die Schuld von ihrem Vater abwenden und auf sich nehmen will (vgl. 78, 35), will Odoardo diese Verdrehung der Tatsachen richtigstellen und für seine Tat gerade stehen: „Nicht du, meine Tochter - nicht du! - Gehe mit keiner Unwahrheit aus der Welt. Nicht du, meine Tochter! Dein Vater, dein unglücklicher Vater!“ (78, 36ff.). Prinz Hettore hingegen will, obwohl er beispielsweise von Orsina wegen des Todes von Appiani als „Mörder“ (59, 33) bezeichnet wird, seinen Kopf aus der Schlinge ziehen: Er sei seiner Meinung nach „unschuldig an diesem Blute“ (49, 29f.), obwohl er seinem Kammerherren Marinelli alle Mittel erlaubt hat, die die Vermählung abwenden könnten. Des Weiteren drückt sich Hettore Gonzaga vor Orsina mit den Worten „Ich bin nicht hier. Ich bin für sie nicht hier.“ (52, 32), um sich nicht für den Vorfall schlimmstenfalls rechtfertigen zu müssen, falls sie „schon etwas vernommen“ hätte (52, 36).

„Alles scheint ihr verdächtig, alles strafbar!“ (24, 23) - mit diesen Worten beschreibt 5.

Odoardos Frau Claudia die Tugend ihres Ehemannes. Auch die bereits mehrmals genannte Tatsache, dass Odoardo nicht einmal seiner Tochter traut, wenn sie in die Kirche geht, und die etwas abfällige Äußerung „Wie leicht vergessen sie etwas, fiel mir ein.“ (19, 21) über seine Frau und seine Tochter deuten auf ein deutlich vorhandenes Misstrauen und kritisches Verhalten gegenüber seiner näheren Umgebung hin. Beim Prinzen Hettore Gonzaga ist dies offensichtlich nicht der Fall. Dass dieser von Marinelli, der zu seinem näheren Umkreis - wie vergleichsweise Claudia und Emilia zu Odoardo Galotti - gehört, erwartet, von ihm gerettet zu werden (vgl. 16, 9) und ihn sogar auffordert, für ihn zu denken (vgl. 16, 23), zeigt, wie leicht beeinflussbar und unselbstständig der Prinz ist. Gleich am Anfang des Dramas akzeptiert er die Forderungen einer Emilia Bruneschi, und zwar nur wegen ihres Vornamens (vgl. 5, 9ff.). Dies und beispielsweise die Art, den Künstler Conti für das Portrait Emilia Galottis zu bezahlen - der Maler soll sich nehmen, was er wolle (vgl. 11, 10) - zeigt, dass der Prinz enorm willkürlich und auch unvernünftig handelt.

Die im Drama am deutlichsten erkennbare Divergenz zwischen den beiden Charakteren ist 6. ihre Einstellung gegenüber Tugenden und Moral. Odoardos Ehefrau Claudia bezeichnet ihren Ehepartner als einen Mann „der rauhen Tugend“ (24, 21f.), der Prinz sieht Emilias Vater als „alte[n] Degen, stolz und rauh, sonst bieder und gut“ (9, 20f.), und auch in Appianis Augen ist Odoardo „[d]as Muster aller männlichen Tugend“ (29,10f.). Ein Beispiel für die allzu strikte Einhaltung der Tugenden, wie sie Odoardo verteidigt, ist die Einstufung der Unschuld bzw. Keuschheit als höheres Gut als das Leben. Diese Haltung wird nicht erst zum Zeitpunkt der Ermordung seiner Tochter sichtbar, sondern bereits, als Orsina meint, Emilia sei schlimmer als tot und der Vater sich mit den Worten „Denn ich kenne nur ein Schlimmeres“ (63,14) auf den Verlust der Unschuld bezieht. Der Triebverzicht, den Odoardo propagiert, hängt auch evtl. mit seinem Emotionsverzicht zusammen: „Weinen konnt‘ [er] nie“ (68, 20). Jedenfalls kann von Triebverzicht und Keuschheit am Hofe des Absolutismus keine Rede sein. Zu dieser Zeit war es durchaus üblich, am Hof hunderte von Mätressen zu haben, z.B. in Versailles bei König Ludwig XIV. - dies gehörte zum typischen Hofleben. Dass auch Hettore Gonzaga diese Praktiken vertritt, kann man an der Tatsache erkennen, dass ihn seine „nahe Vermählung mit der Prinzessin von Massa“ (12, 14f.) nicht davon abhält, Interesse für Emilia zu zeigen. Des Weiteren gibt es Belege dafür, dass der Prinz gegenüber Emilia ein rein sexuelles Interesse zeigt, denn er spricht immerzu nur von „Schönheit“ (71, 19), und Claudia bezeichnet die Haltung des Prinzen Emilia gegenüber als „Kitzel“ (48, 1). Äußerungen über Emilias Verhalten und Charakterzüge findet man von Seiten des Prinzen nicht, folglich kann es sich höchstwahrscheinlich nicht um eine wahre Liebe, sondern - wie bereits erwähnt - nur um sexuelle Anziehung handeln.

Obwohl Hettore Gonzaga und Odoardo Galotti in etlichen Punkten als Kontrastfiguren bezeichnet werden können, stimmen sie auch in gewissem Umfang überein.

„Kaum kann ich’s erwarten, diesen würdigen jungen Mann meinen Sohn zu nennen..“ - mit diesen Worten umschreibt Odoardo Galotti seine Sympathie für den Grafen Appiani, den ja seine Tochter heiraten soll. Der Prinz ist Appiani gegenüber ebenfalls wohlgesinnt - auch er findet, er sei ein „sehr würdiger junger Mann, ein schöner Mann, ein reicher Mann, ein Mann voller Ehre“ (13, 33ff.).

Eine negative Eigenschaft, die Emilias Vater und der Prinz gemeinsam haben, ist eine mangelnde Fähigkeit zur Selbstkontrolle. Bei Odoardo manifestiert sich diese am deutlichsten, als er Marinelli um ein Haar erdolcht hätte (vgl. 73, 30f.), seine Frau Angst haben muss, dass er „Gegenstand des Verbrechens mit dem Verbrecher“ verwechseln würde (26, 27f.) oder sie ihn bitten muss, Ruhe zu bewahren (vgl. 65, 29). Beim Prinzen zeigt sich die mangelnde Selbstkontrolle, als ihn der Gedanke an die Hochzeit von Emilia und Appiani „rasend“ (37, 4) macht und er zugibt, „auch [er] erschrecke vor einem kleinen Verbrechen nicht“ (51, 19).

Während sich Odoardo und Hettore Gonzaga im Hinblick auf das Vertrauen ihrer näheren Umwelt gegenüber unterscheiden - wie bereits erwähnt zeigt sich Odoardo hier misstrauisch und der Prinz beeinflussbar - ist das Vertrauen, das der Prinz seiner weiteren Umgebung gegenüber zeigt, ähnlich gering wie bei Odoardo, welchen ja allein schon der Kirchgang seiner Tochter stört. Hettores Meinung nach kann ein Fürst keinen Freund haben (vgl. 15, 16f.), er vertraut bestenfalls Marinelli. Obwohl Hettore Gonzaga diesem gegenüber wie bereits erwähnt leichtgläubig eingestellt ist, kann man selbst hier zeitweise ein gewisses Misstrauen erkennen. Er fragt sich z.B. im Hinblick auf den Plan seines Kammerherren, was sei, „[w]enn Marinelli nichts ausrichtete“ (17, 19f.), und auch später hat er teilweise Zweifel am Gelingen des Plans von Marinelli - er „versprach [sich] von [seinem] Einfalle so viel“ (36, 10f.).

II.

Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Personen ist ihre Sturheit. Odoardo z.B. akzeptiert es erst nach einer langen Diskussion mit Marinelli, seine Tochter Emilia ins Hause des Kanzlers Grimaldi bringen zu lassen (vgl. 69, 12ff.). Beim Prinz zeigt sich die Sturheit darin, dass er sich beim Wunsch, Emilia zu bekommen, ziemlich hartnäckig zeigt - obwohl sie offensichtlich kein Interesse an ihm zeigt, verfolgt er sie nach dem Gottesdienst (vgl. 24, 31ff.) und hofft weiterhin auf das Gelingen von Marinellis Plan (vgl. 36, 10f.).

Odoardo und der Prinz haben beide eine Machtposition inne. Bei den Galottis kann man 5. von einer patriarchalischen Familienstruktur sprechen, was zur Zeit, zu der das Stück spielt, üblich war. Dass Odoardo eine Art „Alleinherrscher“ in seiner Familie darstellt, ist z.B. an den Anredeformen zu erkennen: Während Odoardo von der ganzen Familie gesiezt wird (vgl. z.B. 20, 1 sowie 78, 11), duzt er seine Tochter (vgl. z.B. 79, 1) und seine Frau (vgl. z.B. 20, 4). Der Anspruch, alles zu erfahren, was mit seinen Angehörigen geschieht, wird deutlich, als er zu seiner Frau meint „Du hättest mir das sogleich sollen gemeldet haben.“ (24, 14f.). Odoardo hat das letzte Wort - er fordert seine Frau auf, „ruhig zu sein“ (65, 28), und an einer anderen Stelle herrscht er sie an: „Keine Einwendung!“ (66, 18). Des Weiteren muss Claudia einmal ihren Mann bitten, „nicht zu zürnen“ (20, 1). Hettore Gonzaga hat als Prinz durch seine Stellung bereits eine gewisse Amtsautorität, diese wird dem Leser noch stärker bewusst, als er z.B. seinen Kammerherren mit „Keinen Widerspruch, Marinelli!“ (74, 6) anfaucht. Außerdem antwortet der Herrscher auf die Frage Marinellis, ob er Emilia kenne, einfach mit „Ich habe zu fragen, Marinelli, nicht Er.“ (14, 24).

„Ehedem wohl gab es einen Vater, der seine Tochter von der Schande zu retten, ihr den 6. ersten, den besten Stahl in das Herz senkte - ihr zum zweiten Male das Leben gab. Aber alle solche Taten sind von ehedem! Solcher Väter gibt es keinen mehr!“ (78, 14ff.) - so lauten die letzten Worte Emilias, bevor sie von ihrem Vater erstochen wird. Hätte der Vater auf diese Äußerung seiner Tochter die Tat nicht begangen, hätte er bewiesen, dass es „solche[r] Väter“ tatsächlich nicht mehr gibt und auch er nicht dazugehört. Dies hätte eine Kränkung seiner Ehre bedeutet, welche ihm offenbar - wie auch die Unschuld seiner Tochter - wichtiger ist als das Leben Emilias. Auch der Prinz setzt die Priorität des freiheitlichen Lebens der Emilia stark herab. Anstatt ihren Willen, Appiani zu heiraten, zu akzeptieren, tut er alles, um dies zu verhindern, z.B. die bereits erwähnte Verfolgung nach dem Kirchgang (vgl. 24, 32ff.) oder die Intrige mit Marinelli (vgl. 16, 33ff.), und Emilia als unfreies Lustobjekt zu bekommen.

„Aufklärung ist das Heraustreten des Menschen aus seiner selbstverschuldeten III.

Unmündigkeit.“ - so definierte der große Aufklärer Immanuel Kant die Bewegung zur Zeit Lessings. Ob Odoardos Verhalten im Sinne der Aufklärung ist, kann man nicht eindeutig sagen. 1. Zum einen lehnt er den absolutistischen Hof ab, welcher seiner „strengen Tugend so verhaßt“ (23, 7) ist. Dies ließe vermuten, dass der Vater im Sinne der Aufklärung handelt, die ja den Absolutismus stark anklagt. Andererseits erwartet der autoritäre Odoardo, dass sich jeder seinen Tugenden unterwirft und sich danach richtet. Ein freies und unabhängiges Weltbild sowie der Grundsatz „sapere aude“ (lat. „wage es, deinen Verstand zu benutzen“), wie sie von der Aufklärung gefordert werden, werden bei den Galottis offenbar nicht geduldet - Claudia und v.a. Emilia bleiben unmündig. Z.B. stört ihn gerade das, was Vorzüge seiner Tochter sind, nämlich „ihre Munterkeit und ihr Witz“ (vgl. 24, 1ff.). Er hat keinen Blick für Emilias Weltbild.

Bei Hettore Gonzaga kann man überhaupt keine aufklärerischen Züge feststellen. Er stellt 2. einen abgelehnten absolutistischen Herrscher dar, der seine Machtposition ausnützt und sich mehr oder weniger alles erlaubt, was ihm beliebt. Beispielsweise knüpft er eine Intrige mit Marinelli, um die Hochzeit Appianis und Emilias abzuwenden, welchen er diese eigentlich zustehende Freiheit nicht lässt. Auch seine bereits beschriebene Willkür ist ein Indiz für seine sich selbst eingeräumte Handlungsfreiheit. Des Weiteren wagt es Hettore Gonzaga nicht einmal, selbst zu denken - diese Tätigkeit überlässt er Marinelli (vgl. 16, 23). Folglich ist der Grundsatz „sapere aude“ auch für den Prinzen ein Fremdwort.

Man kann im Drama „Emilia Galotti“ erkennen, dass weder Odoardo noch der Prinz von C) Guastalla durchweg gute bzw. schlechte Menschen sind. Bei Hettore Gonzaga überwiegen zwar die schlechten Eigenschaften, doch er zeigt auch gute, wie z.B. den Respekt gegenüber Appiani. Hierdurch wird Lessings Forderung nach sog. „gemischten Charakteren“ deutlich, die im Widerspruch zu den Vorstellungen Gottscheds, welcher Kunst regelhaft gestalten wollte, steht. Nur so sei es Lessings Meinung nach den Zuschauern möglich, sich mit den Figuren auf der Bühne zu identifizieren, da sie gewissermaßen „reale Personen“ darstellen.

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Literarische Erörterung
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
7
Katalognummer
V104330
Dateigröße
345 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Benoteter Hausaufsatz an einem bayerischen Gymnasium (11. Klasse).
Schlagworte
Lessing Emilia Galotti Erörterung Odoardo Hettore Gonzaga
Arbeit zitieren
Fabian Diewald (Autor), 2001, Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Literarische Erörterung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104330

Kommentare

  • Gast am 8.1.2002

    Hähh???.

    Merci für deinen Aufsatz Er hat mir sehr geholfen. Wir müssen den gleichen Schrott schreiben von wegen Züge der Aufklärung. Shit happens.
    Machs gut!!

  • Gast am 26.9.2002

    Emilia Galotti.

    leider zum Teil Fehlinterpretation !!!
    Widersprüche

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Titel: Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Literarische Erörterung



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