Koch, Ilse - Auseinandersetzungen mit dem fragmentarischen Psychogramm einer Täterin. Untersuchungen zu Gilla Cremers "Die Kommandeuse"


Hausarbeit, 2001

12 Seiten


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1. Einleitung

"Die Welle" von Morten Rhue, "Das siebte Kreuz" von Anna Seghers, "Dann wieder" von Erich Fried und "Die Ermittlung" von Peter Weiß sind Titel von Romanen, Gedichten und Dramen, deren Aufgabe es ist, der Bevölkerung das Elend im Holocaust zu demonstrieren und sie vor rechter Gewalt zu warnen. Wie viele Autoren hat auch Gilla Cremer versucht, mit dem Theaterstück "Die Kommandeuse" ein Mahnmal zu setzen und die Menschen darauf aufmerksam zu machen, was im Nationalsozialismus wirklich passiert ist. Gilla Cremer hat es sich zum Ziel gesetzt, mit einer Annäherung an die potentielle Nazitäterin, die reale Person Ilse Koch, ein fragmentarisches Psychogramm auf die Bühne zu bringen, um den Zuschauern die Brutalität und die Ignoranz der Nationalsozialisten zu zeigen. Ist ihr das gelungen?

Das Stück "Die Kommandeuse" , welches ein einziger Monolog ist, hat folgenden Rahmen:

Ilse Koch, die Frau des Buchenwalder Lagerkommandanten Karl Koch, ist als potentielle Kriegsverbrecherin verhaftet. Sie lässt am 2.9.1967 in ihrer Gefängniszelle ihr Leben Revue passieren. Aus zwei ständig wechselnden Perspektiven ("die Alte" bzw. "die Junge") erinnert sie sich an Episoden aus ihrem Leben und beschließt resümierend, sich das Leben zu nehmen, da sie es für nicht mehr lebenswert hält. Zwischen den Texten des Monologs befinden sich Quellen über das Leben der Ilse Koch, dessen Herkunft aber nicht mit aufgeführt ist. Diese Quellen werden von der Schauspielerin im Regelfall nicht in die Inszenierung mit einbezogen.

In der "Kommandeuse" wird ein großes Spektrum an Facetten der Ilse Koch aufgezeigt.

Jedoch welches Bild über Ilse Koch könnte bei dem Zuschauer entstehen? Auf die Beantwortung dieser Frage zielt meine Facharbeit hin. Zur Einführung in die Thematik gebe ich zu Beginn einen kurzen Überblick über das Leben der Ilse Koch. Im darauf folgenden Hauptteil werde ich einzeln auf die im Stück angesprochenen Charakterzüge der Ilse Koch eingehen, um so zu einem abschließenden Urteil zu gelangen.

In der Charakterisierung werden einigen Male Briefe der Ilse Koch erwähnt. Diese Briefe sind nicht von der historischen Person Ilse Koch geschrieben. Gilla Cremer hat versucht, sich in die Rolle "Ilse Koch" hineinzuversetzen und aus dieser Sicht sowohl die Briefe als auch das gesamte Stück geschrieben. Da das Stück zeitlich gesehen nur etwa einen Tag, den Tag des Selbstmordes, umfasst, an dem Ilse Koch von vergangenen Begebenheiten und ihrer derzeitigen Situation erzählt, werde ich bei der Schilderung von im Stück erwähnten Ereignissen meist das Perfekt oder Imperfekt verwenden anstelle des für inhaltliche Wiedergaben üblichen Präsens, insofern sie nicht am Tag des Selbstmordes gesagt werden.

2. Biographie

Ilse Magarete Köhler wurde am 22. September 1906 als drittes Kind der Familie in Dresden geboren. Der Name Magarete gefiel ihr nicht, sie benutzte ihn nie. Sie besuchte 8 Jahre lang die Volksschule, anschließend die öffentliche Handelsschule in Dresden. Später arbeitete sie bei zwei verschiedenen Firmen als Sekretärin.

Es lässt sich nur schwer feststellen, was sie zu einer Verbindung mit den Nazis veranlasste. Sie hatte zwar auch unter den wirtschaftlichen Problemen und politischer Unstetigkeit der Zeit zu leiden, doch es trifft nicht zu, dass sie sich aus diesen Gründen von der "Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei" angezogen fühlte. Ihr gefielen Männer in Uniform, und eine ihrer ersten Beziehungen hatte sie mit einem SS-Mann. Ihre ständige Verbindung mit SA- und SS-Einheiten in Dresden führte schließlich dazu, daß sie sich für eine Parteimitgliedschaft interessierte. Am 2. April 1932 wurde Ilse Koch als Mitglied in die NSDAP aufgenommen.

1933 sah die Zukunft für Ilse Köhler entscheidend besser aus. Sie ging zum ersten Mal zur Wahl und stimmte selbstverständlich für die Nazis. Mit 27 Jahren war sie eine hübsche Frau, der man nachsagte, dass sie das Leben zu genießen verstand. Für Parteimitglieder war es eine Zeit mit zahllosen Aufstiegschancen, da dem neuen Regime daran gelegen war, tausende von Posten mit linientreuen Erfolgsleuten zu besetzen. Es war der Augenblick auf den die politisch Ehrgeizigen gewartet hatten.

Ilse Köhler war jung, attraktiv und hatte eine unersättliche Gier nach allem, was ein Leben im Wohlstand zu bieten hatte. Daraus erklärt sich ihre Heirat. Im Frühjahr 1934 lernte sie den SS-Offizier Karl Koch kennen. Er war persönlich mit Heinrich Himmler befreundet. Die Beziehung zwischen Karl und Ilse wurde enger, als Karl Lagerkommandant von Buchenwald wurde. Die Zukunft von "Karli" und "Pimpfi" - wie Karl und Ilse sich liebevoll nannten- sah vielversprechend aus.

Am 5.Mai 1937 reichten Karl und Ilse das Heiratsgesuch bei der SS-Behörde ein. Karl entschied, dass es nun Zeit war, Ilse zu heiraten, weil man verheiratet eher akzeptiert wurde. Am 25.5. 1937 wurde die Ehe nach der damals üblichen SS-Zeremonie geschlossen.

Ilse Kochs Leben stand im scharfem Kontrast zu ihren früheren Jahren. Als Frau des Lagerkommandanten genoss sie jetzt ein Leben voller Bequemlichkeit und Luxus. Ihre Tage waren damit ausgefüllt, spät aufzustehen, es sei denn, sie ritt früh aus, sie nahm Sonnenbäder, wenn es das Wetter erlaubte und machte Spaziergänge. Beim Ausreiten trug Ilse Koch für die Häftlinge provozierende Kleidung, um sie zu reizen sie anzusehen, woraufhin sie diese entweder mit der Reitgerte oder sie mit Schlägen bestrafen ließ. Ihr wurde übelste Misshandlung der Häftlinge vorgeworfen.

Am 17. Juni 1938 wurde ihr erstes Kind Artwin geboren.

Man vermutet, daß Ilse Koch alkoholabhängig war, sie stritt es jedoch immer wieder ab. Ihr Verhältnis zum stellvertretenden Lagerkommandanten Hermann Florstedt und dem Lagerarzt Waldemar Hoven, beide verheiratet, war ein offenes Geheimnis. Es wusste auch jeder von Karls Seitensprüngen in Weimar. Eheliche Treue war es demnach nicht, was Ilse und Karl zusammen hielt.

Am 26. April 1939 wurde ihr zweites Kind, das Mädchen Gisela, geboren, am 11. Dezember 1940 ihre zweite Tochter Gudrun, die aber im Frühjahr des nächsten Jahres starb. Am 18. Dezember wurde Karl von der Gestapo wegen potentieller Korruption in der Lagerverwaltung verhaftet. Die Freilassung erfolgte einen Tag später. Am darauf folgenden Tag wurde Hermann Pister Kommandant von Buchenwald. Karl und Ilse blieben jedoch vorerst in ihrer "Villa Koch" wohnen.

1942 wurde Karl nach Lublin geordert. Bei einem Besuch in der "Villa Koch" ist Karl von SS-Ermittlungsbeamten verhaftet worden. Er wurde der Unterschlagung von Staatsgeldern verdächtigt. Einen Tag später wurde Ilse als Komplizin ihres Mannes verhaftet. Die Ära Koch in Buchenwald war zu Ende.

Für die Ermittlung wurden beide in Weimar inhaftiert, sie durften sich jedoch nicht sehen.

Im September 1944 war die erste Zusammenkunft des SS-Gerichts unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Weimar. Am 19.September wurde die zweite geheime Gerichtssitzung abgeschlossen. Karl Koch ist zum Tode verurteilt worden, Ilse aus Beweismangel freigesprochen.

Ilse Koch zog gemeinsam mit ihren Kindern im Januar 1945 zu Karls Stiefschwester nach Ludwigsburg. Diese forderte Ilse jedoch kurze Zeit später auf, ihr Haus zu verlassen. Sie zog in ein Hotel.

Am 5.April 1945 wird Karl von SS-Männern aus seiner Zelle in Weimar abgeholt und im Konzentrationslager Buchenwald hingerichtet. Das Konzentrationslager Buchenwald wurde von amerikanischen Truppen befreit.

Am 30. Juni ist Ilse, wie viele andere ihrer Zeit, als potentielle Kriegsverbrecherin verhaftet worden. Als die amerikanische Militärskommission zwei Jahre später mit den Verhörungen zum Fall Buchenwald begann, war Ilse die einzige Frau unter 31 Angeklagten. Am 12.August 1947 wurde Ilse Koch schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft in Amerika verurteilt. Zu der Zeit war sie im siebten Monat schwanger. Ihr viertes Kind Uwe wurde unehelich geboren und den Wohlfahrtsbehörden übergeben. General Clay, Kommandant der amerikanischen Besatzungswehrmacht, wandelte die lebenslängliche Haftstrafe in eine vierjährige Strafe um. Die Freilassung wurde auf Oktober 1949 angesetzt.

Der Freistaat Bayern gab ein Jahr vor ihrer Entlassung an, dass er beabsichtigt, Ilse Koch nach ihrer Freilassung einen Prozess anzuhängen. Die Sowjetunion verlangte, dass Ilse Koch nach ihrer Freilassung aus der amerikanischen Haft in Gewahrsam genommen wird. General Clay gab daraufhin bekannt, dass die Vereinigten Staaten keinen neuen Prozess gegen Ilse Koch führen können.

Nach ihrer Freilassung ist Ilse Koch in eine psychiatrische Klinik zur Beobachtung überwiesen worden.

Am 27. November begann der deutsche Prozess in Augsburg. Sie wurde des Mordes und der Misshandlung angeklagt.1951 wurde Ilse Koch vom westdeutschen Gericht zu lebenslänglicher Haft verurteilt . Man brachte sie in das Frauengefängnis nach Aichach . Während der folgenden Jahre beantragte der Rechtsanwalt Alfred Seidel immer wieder ihre Begnadigung oder Freilassung. Alle Gesuche wurden jedoch abgewiesen.

Am 2.September 1967 beging Ilse Koch in ihrer Zelle in Aichach Selbstmord.

Die Reaktion der Presse auf Ilse Kochs Selbstmord kam nicht unerwartet. Man zeigte wenig Mitgefühl angesichts des Todes der "Hexe von Buchenwald", einem gefühllosen Tier, das angeblich Lampenschirme, Handschuhe und Bucheinbände aus der tätowierten Haut von Häftlingen anfertigen ließ.

Ihre bloße Existenz hatte als ständige Mahnung an die nationalsozialistische Vergangenheit gegolten, sie rief nur furchtbare Erinnerungen hervor. Die Nachricht von ihrem Tod wurde mit Erleichterung begrüßt.

3. Charakterisierung

Aufgrund der Fülle an Facetten der Ilse Koch, die in der "Kommandeuse" angesprochen werden, gliedere ich die einzelnen Themen voneinander. Zu Beginn werde ich untersuchen, was man über das Verhältnis zu ihren Kindern erfährt, anschließend werde ich ihre Beziehungen zu Männern analysieren, nachfolgend Ilse Kochs Sehnsucht nach Luxus. Des Weiteren versuche ich, ihrer Stellung zum Nationalsozialismus bzw. der Schuldfrage auf den Grund zu gehen. Abschließend gehe ich auf Ilse Kochs Wunsch ein, Selbstmord zu begehen. Über weitere Dinge, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben könnten, gibt das Theaterstück keine Informationen.

Die Charakterisierung besteht ausschließlich auf der Grundlage des Textes, damit deutlich wird, welche Auskünfte der Zuschauer über Ilse Koch mittels des Theaterstücks vermittelt bekommt.

3.1 Ilse Kochs Verhältnis zu ihren Kindern:

Wie es im "Dritten Reich" verlangt wurde, hat auch Ilse Koch ihre Kinder nach nationalsozialistischer Ideologie bekommen und erzogen. Der Text gibt zwei Hinweise darauf: "Es wird bestimmt ein Junge, ich nenne ihn Artwin, mein kleiner Ritter."(S. 13) und "Er hat zwei Wachtürme gemalt mit einer großen Sonne darüber. Und auf die Frage Himmlers, was er denn später einmal werden wolle, meinte Artwin voller Stolz: "Ein mutiger Ritter mit einem Flugzeug." (S. 19) Im ersten Zitat wir besonders deutlich, wie sehr Ilse Koch nach dem nationalsozialistischen Prinzip "einen Schaffenden sollst du schaffen" (S. 11) gelebt hat. An keiner Stelle wird der Wunsch nach einem gesunden Kind deutlich, ihr schien es ausschließlich auf einen starken Ritter anzukommen, mit dem man sofort Stärke, Tapferkeit, Soldat assoziiert . Das zweite Zitat lässt die nationalsozialistische Erziehung erkennbar werden. Artwin, Ilses Sohn, scheint die Wachtürme als etwas Positives anzusehen, über die eine große Sonne gemalt wird. Man kann auch sicher annehmen, dass Ilses Wunsch, einen Ritter zu erziehen, geglückt ist.

Es gibt Hinweise, dass Ilse ihre Kinder sehr geliebt hat. "Kinder sind ein Segen." (S. 24), sagt die junge Ilse Koch einmal. Auch beschenkt hat sie ihre Kinder, die sie als "Mein kleiner Prinz, meine kleine Prinzessin." (S. 24) bezeichnet, immer reich: "Ich werde Artwin ein Fahrrad schenken, ein rotes Fahrrad, und Gisela ein Schaukelpferd. Oh, meine Kinder, ich liebe euch doch so. Wo die Liebe fehlt, fehlt alles." (S. 24)

Ilse Koch sorgt sich selbst in Gefangenschaft noch um ihre Kinder: "Lieber Artwin, es ist eine große Ungerechtigkeit, daß du wegen deiner Mutter leiden mußt, daß du wegen mir keine Arbeit bekommst, mein Liebling..." (S. 35) Während des Stücks verliest Ilse Koch mehrmals Briefe an ihre Kinder. Doch hier stellt sich die Frage, ob sie diese Briefe nur geschrieben hat, damit ihre Kinder ihr helfen, aus dem Gefängnis herauszukommen oder ob sie diesen Kontakt aus Liebe aufrecht erhalten wollte. Für einen Kontakt aus Liebe sprechen die oben angeführten Zitate, die auf Mutterliebe schließen lassen, es spricht aber auch folgendes Zitat dafür, dass sie ihren Kinder nur aus eigennützigen Gründen schrieb: "Und jetzt ist er ( Uwe: Ilse war mit ihm schwanger, als sie zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Er wurde ihr sofort nach der Geburt weggenommen.) gekommen. Ein erwachsener Mann. Er hat mich gesucht und gefunden. [...] Uwe hat bereits an den Bundespräsidenten geschrieben - er wird alles für mich tun, was in seiner Macht steht." (S. 35)

3.2 Ilse Kochs Beziehungen zu Männern:

Ilse Koch war fasziniert von Männern, insbesondere von starken Männern in Uniformen oder Führungspositionen: "Und die Männer sahen einfach umwerfend gut aus in ihrer Uniform; am elegantesten waren die schwarzen, sehr modern, sehr gut geschnitten, sehr dunkel und doch voller glanz.[...] Männer, Männer, Männer, Männer, Männer, braun, bunt, schwarz, grau, braun." (S. 8) In dieser Sequenz berichtet die junge Ilse Koch von einer nationalsozialistischen Parade, die sie als junge Frau begeistert besuchte. Selbst als sie schon mit Karl verheiratet war, ließ sie sich gern von sehr kräftigen Männern faszinieren, auf eheliche Treue kam es ihr nicht an: "Hermann Florstedt, verheiratet. Waldemar Hoven, ebenfalls verheiratet. Wer weiß, wie lange noch. Hoven ist gefährlich. Gefährlicher als Florstedt. Karl ist gefährlich, aber schlapp, aus, Florstedt ist ein Bär, Florstedt ist dumm aber stark." (S. 22) Sie hatte also neben ihrem Ehemann mehrere Beziehungen. An einer anderen Stelle im Text spricht Ilse jedoch auch von einer Beziehung, die Karl Koch in Weimar mit einer Tänzerin hatte.

Ilse ließ sich aber nicht nur von Männern bezaubern, sie liebte es auch, wenn sie die Männer faszinieren konnte: "Die Herren buhlen. Meine Prinzen. Wenn einer da ist, ist für einen Moment alles weg." Ilse Koch hat mit ihren reizen nicht gegeizt, auch vor Gefangenen des Lagers nicht. Es geht aus dem Text hervor ,dass sie es genoss, in enger Kleidung durch das Lager zu reiten und die Blicke der Gefangen zu spüren, um ihre Macht zu demonstrieren, ließ sie sie aber dafür auspeitschen.

3.3 Ilse Kochs Sehnsucht nach Luxus:

Ilses Verlangen nach Ruhm und Reichtum muss schon seit ihrer Kindheit existieren. Ihre Eltern waren nicht sehr reich. In der "Kommandeuse" wird ihr Elternhaus kaum erwähnt und sie berichtet kaum von ihrer Kindheit, das mag ein Zeichen dafür sein, dass sie sich für ihre Armut geschämt haben muss. Die alte Ilse Koch schildert während des Theaterstücks: "Ich wollte raus aus meinem engen Leben, weg von meinem ärmlichen Elternhaus, ich wollte mich an etwas binden, das groß und wesentlich war." (S. 9) Es bleibt offen, ob sie Karl Koch nur wegen seiner Position als Obersturmbannführer geheiratet hat. Ohne Frage wollte sie ihr altes Leben verdrängen: "vergessen ist der kleine Laufbursche und das Mädchen vom Büro" (S. 12) Dabei legte sie so viel Gefühlslosigkeit an den Tag, dass sie sogar ihre Mutter von ihrer Hochzeit ausgeschlossen hat: "Meine Mutter hatte ich nicht eingeladen. Sie hätte nicht gewusst, sich in meinen neuen Kreisen angemessen zu bewegen." (S. 10)

Voller Stolz beschreibt Ilse ihr neues Heim in Buchenwald, dass es direkt in einem Konzentrationslager steht, scheint sie dabei nicht zu stören: "Unser Lebensstil muß repräsentativ sein, schlicht, aber großartig. Möbel, Kleidung, Autos, Reisen, Urlaube." (S. 13)

Selbst im Gefängnis würde Ilse den Luxus am Liebsten nicht missen und ihre Sonderstellung behalten wollen: "Ich weigere mich, hier Strickarbeiten zu machen." (S. 34)

Für Ilse Koch war es wichtig, etwas einzigartiges zu sein, dieses Privileg wollte sie über ihren Tod hinaus genießen: "Und wenn ich tot bin, gibt es eine große Beerdigung. Ich möchte verbrannt werden, in Feuer aufgehen, in Luft, in die Nacht, ich will in der Nacht verbrannt werden, in den Nachthimmel steigen, in die Sterne, so hoch, so hoch möcht´ ich fliegen und dann wieder auf die Erde regnen, und dann bin ich überall, auf der ganzen Erde bin ich, überall." (S. 24)

3.4 Ilse Kochs Einstellung zum Nationalsozialismus / Schuldfrage:

Wie viele andere, ist auch Ilse Koch zu Beginn der 30er Jahre der NSDAP beigetreten.

Folgendes mag sie dazu verleitet haben: Voller Naivität hat sie nicht über mögliche Folgen einer nationalsozialistischen Regierung nachgedacht. Für sie stand der Ruhm im Mittelpunkt. Ilse Koch war beeindruckt von den Aufmärschen der Kolonnen, insbesondere von Männern in Uniformen. Des Weiteren wollte sie eine moderne, angesehene Frau sein: "Ich will nicht träumen, will nichts versäumen, ich steh mit beiden Beinen auf der Welt Man muß verstehen, mit seiner Zeit zu gehen!" ( S.8)

Ilse Koch hat das nationalsozialistische Denken schnell übernommen. Das Gedicht, "Abendfrieden" welches sie geschrieben hat, enthält folgenden Vers:

"Wie hebt sich vom Dunkel des Waldes Das reife, lichte Korn;" (S. 2)

Es ist gut möglich, dass sie mit dem "Dunkel des Waldes" die politische und wirtschaftliche Situation Europas oder gar der Welt meint und mit "Das reife, lichte Korn" Deutschland. Deutschland, das nach Ilse Koch nun also reif geworden ist, die einzig wahre Erkenntnis, die nationalsozialistische Ideologie, gefunden hat und sich von den restlichen Nationen abhebt, sich bewusst von ihnen trennt. In diesem Zusammenhang wird Ilse Kochs Einstellung zu Deutschland sehr gut deutlich. Immer wieder betont sie auch die große deutsche Dichtkunst, die deutsche Eiche und die deutsche Kultur.

Die Misshandlungen der Häftlinge muss sie bemerkt haben (für eine direkte Veranlassung von Ilses Seite jedoch gibt "Die Kommandeuse" keine Hinweise), da sie sie für gerecht hielt: "Für wiederholte Regelwidrigkeiten hat mein Mann das Baumhängen angeordnet - eine sehr effektive Disziplinierung." (S. 16) bzw. "Entweder diese Hunde haben überhaupt nicht gegrüßt und sind ohne jeden Respekt an mir vorbeigegangen, oder sie haben mit gierigen Augen auf meinen Arsch geglotzt. Ein zweites Mal hat mich keiner angeschaut." (S. 17) Hier stellt sich die Frage, warum sie die Häftlinge kein zweites Mal angeschaut haben. Ich nehme an, sie wurden gehängt. Wenn dem so ist, zeugt das von einer brutalen Kaltherzigkeit der Ilse Koch. Andere Textstellen bestätigen diese Vermutung. Ohne Mitleid erzählt die junge Ilse Koch davon, wie ein Mann bei einer Parade zusammengeschlagen wurde: " Irgendwann sprang plötzlich jemand aus der Marschkolonne und schlug auf einen Mann ein, der nur wenige Schritte von mir entfernt gestanden hatte. Vielleicht hatte er eine feindselige Bemerkung gemacht. Ich sah ihn mit blutüberströmten Gesicht zu Boden fallen, und ich hörte ihn schreien." (S. 8) Hier wird nicht nur ihre Gefühlskälte, sondern auch besonders ihre Naivität deutlich, denn es macht den Anschein, dass sie nicht einmal darüber nachgedacht hat, ob es richtig ist, einen Menschen, selbst wenn er eine feindselige Bemerkung gemacht hat, zu schlagen. Eine weitere Stelle zeigt ihre Gefühlskälte ebenfalls: "Ein Häftling, der ohne jeden Kapitalaufwand beschafft werden kann, stellt bei direktem finanzwirtschaftlichen Einsatz folgenden Gewinnwert dar.:[...]Dieser Gewinn erhöht sich aber durch die Verwertung der Häftlingsleiche um den Erlös aus 1.dem Zahngold 2.den Privatkleidern 3.den hinterlassenen Wertsachen 4.dem hinterlassenen Geld [...]Durch Knochen-, Haar-, und Ascheverwertung können weitere Sondereinnahmen erfolgen. Das heißt für Buchenwald: Im Moment haben wir ca. 9000 Häftlinge, also: 1630 Mark mal 9000 ist gleich: 14 670 000 Reichsmark in neun Monaten." (S. 14) Hier werden Menschenleben mit Konsumgütern gleichgesetzt, dass alle diese Häftlinge auch Menschen sind, scheint Ilse Koch völlig zu ignorieren. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass sie das Leid um sich herum einfach nicht sehen wollte: "Ich verstehe das nicht. Die Leute aus Erfurt haben doch gesagt, daß man nichts riecht von ihrem neuen Krematorium. [...] Machen wir es so: Bei Ostwind verboten." (S. 22) Demnach hat sie durchaus gewusst, dass Menschen verbrannt werden, wollte es aber ignorieren, doch das ging nicht, so lang sie den Leichengeruch wahrnahm, deshalb lies sie es bei Ostwind verbieten, da das Krematorium wohl östlich ihres Hauses lag und der Geruch dann besonders stark gewesen sein muss.

An einer weiteren Stelle gibt Ilse Koch zu, dass sie das Leid der Menschen gesehen hat:

"Vielleicht stimmt es, daß ich das Leid um mich herum nicht gesehen habe, ich war doch so beschäftigt mit meinem eigenen Leben, aber das ist doch alles kein Grund, mich so hart zu bestrafen." (S.33)

Ob sie eine wirkliche Kriegsverbrecherin war, wie es die Medien nach ihrem Tod immer wieder behaupteten, geht aus der "Kommandeuse" nicht hervor, ganz im Gegenteil: Sie bestreitet ihre Schuld immer wieder wie in folgendem Beispiel in einem Brief an ihren Sohn Uwe: "Mein Anwalt schreibt, ohne Schuldeinsicht und Sühnebereitschaft käme ich nicht frei. Es ist alles Wahnsinn. Ich trage keine Schuld. Das sind alles üble Verleumdungen und Meineide." (S.4) Wahrscheinlich hat sie sich ihre Unschuld so weit eingeredet, dass sie jetzt selbst davon überzeugt ist. Zwei weitere Zitate bestärken diese Annahme: " Ich habe nie versucht, mich zu verstecken oder meinen Namen zu ändern. Warum auch? Mich hatte man freigesprochen." (S. 26) und " Ich muss für eine Tat büßen, die ich nicht begangen habe, nicht in diesem Leben. Es muß in einem früheren Leben eine große Schuld gegeben haben, für die ich jetzt büßen muss." (S. 34)

3.5 Ilse Kochs Wunsch nach Selbstmord:

Ilse Kochs Wunsch zu sterben ist entstanden, weil sie ihre Situation als ausweglos ansah. Aus ihrer Sicht bewegt sie sich in einem Teufelskreis. Sie würde nur begnadigt werden, wenn sie sich schuldig bekennen würde. Diese Schuld hat sie aber völlig verdrängt (s.o.). Ihr Stolz "verbietet" es ihr, gegen ihre Überzeugung zu handeln, so müsste sie ewig in Gefangenschaft bleiben. Auch mit diesem Schicksal will sich Ilse Koch nicht abfinden, sie wählt den Freitod:

"Zweiundzwanzig Jahre Gefängnis sind einfach zuviel. Ich möchte sterben, damit endlich Ruhe ist." (S. 4)

Sie stellt sich ihrem Tod. Das Motto "Man muß verstehen, mit seiner Zeit zu gehen!" (S. 8), das sowohl die junge Ilse Koch als auch die alte Ilse Koch sagt, könnte zwei völlig verschiedene Aussagen beinhalten. Als junge Frau mag es bedeuten, dass sie modern sein wollte und z.B. in die Partei eintrat, als alte Frau jedoch kann es sein, dass sie damit ausdrücken will, dass sie ihre Lebensumstände hinnehmen muss, da sie sie nicht ändern kann und somit ihren Tod akzeptieren muss.

In der ersten Strophe des Gedichts "Abendfrieden" wird dieser Wunsch sehr deutlich: "Abendfrieden.

Am Fenster still ich lausche Dem Abendfrieden zu.

Das Bächlein weiter rauschet, kann nicht halten an zur Ruh´" (S. 2)

Mit Abend wird der Ilse Kochs Lebensabend gemeint sein, auf den sie wartet, dem sie still zuhört. Das Bächlein steht für ihr Leben, das noch immer unglücklich lebt, dass sie endlich beenden will, um Frieden zu finden.

4. Welches Bild entsteht in den Köpfen der Zuschauer?

Ilse Koch hält sich selbst für unschuldig, sie beteuert dies immer wieder. Nebenbei erwähnt sie zwar auch die Misshandlungen der Gefangenen in Buchenwald und beschreibt fast nebensächlich die menschenunwürdigen Zustände im Buchenwalder Konzentrationslager, doch hauptsächlich versucht sie, Mitleid zu erregen. Sie hat sich selbst von sämtlicher Schuld freigesprochen, hat sämtliche Missstände einfach verdrängt und das Töten von Menschen völlig ignoriert.

Man darf nicht aus den Augen verlieren, dass das Stück im Selbstmord der Ilse Koch endet. Was treibt einen Menschen in den Selbstmord? -Ausweglosigkeit Ilse Koch hat ihre Situation als ausweglos angesehen. Sie fühlte sich ungerecht behandelt. Sie fragte sich, warum sie für eine Tat bestraft werden soll, die sie nicht begangen hat. Sie sagt, ihr Anwalt habe geschrieben, wenn sie zur Sühne bereit sei und ihre Schuld eingestehe, käme sie frei.

Es stellt sich nun die Frage, welches Bild die Zuschauer aufgrund dieses Fragments von Ilse Koch haben, das sich aus den in Punkt 3 aufgeführten Teilen der Charakterisierung zusammensetzt.

Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass schon sehr deutlich wird, dass Ilse Koch kein Engel gewesen ist. Doch wer ist das schon? Von ehelicher Treue hielt sie nicht sehr viel. Doch das bleibt jeder Frau beziehungsweise jedem Paar selbst überlassen.

Einige mögen ihren sehr deutlich werdenden Hang zum Luxus bemängeln, doch man kann es ebenfalls als Ehrgeiz ansehen, das für sich möglichst Beste aus seinem Leben machen zu wollen. Dass sie ihre Kinder liebt, nimmt ihr jeder ab, da sie ausschließlich voller Sehnsucht von ihnen spricht. Also eine Frau wie jede andere auch? Doch Ilse Koch hat in ihrem Leben einen gravierenden Fehler begangen: Sie ist Mitglied der NSDAP geworden. Ist sie deshalb als Bestie zu bezeichnen? Denn schließlich haben etwa 30 000 Menschen den selben Fehler begangen. Man könnte demnach aus dem Wort "Bestie" auch "naiver Mitläufer" machen, was es ziemlich genau trifft, denn die Naivität der Ilse Koch habe ich in der Charakterisierung schon deutlich gemacht. Was sind Mitläufer? Ein Mitläufer tut das, was die grobe Masse macht um angesehen zu sein, er denkt nicht selbst über sein Handeln nach - wie Ilse Koch auch. Demnach ist sie also ein naives Opfer ihrer Zeit. Genau dieses Bild könnte der konventionelle Zuschauer, der sich "Die Kommandeuse" im Theater anschaut, erhalten.

Durch folgende Aussprüche wird der Zuschauer immer wieder dazu verleitet, Mitleid mit einer Frau zu bekommen, die vielleicht ein Opfer ihrer Zeit ist, und nun voller Ausweglosigkeit den Tod sucht:

" Ich werde meine Memoiren schreiben, dann erfährt die Welt die Wahrheit. Ich habe nie aus einem Menschen einen Lampenschirm gemacht." (S. 27)

Die Psychologie sagt, dass Menschen, die wissen, dass sie in Kürze sterben, die Wahrheit sagen, weil selbst große Verbrecher nicht mit einer Lüge sterben wollen. Aus diesem Grund hat man auch mit der Todesstrafe gedroht, weil man sich auf diese Weise die Wahrheit erhofft hat. Warum, könnte sich der Zuschauer nun fragen, sollte diese Frau im Angesicht des Todes nicht die Wahrheit sagen und bekommt Mitleid.

Auch Ausschnitte aus Briefen, wie folgender an Ilses Tochter Gisela, erzeugen Mitleid:

"[...]es ist so schade, daß ich nicht bei Dir sein kann. Alles ist so traurig und ungerecht. Als wäre ich die Schuldigste von allen. Als hätte ich die ganze Nation beschmutzt. Ich muß für eine Tat büßen, die ich nicht begangen habe. Und die anderen? Sie sind doch längst begnadigt und frei. Sie können doch mich als Frau und Mutter nicht länger einsperren als die anderen."(S. 33) Jeder Zuschauer, der selbst Kinder hat, ist in der Lage, Mitgefühl für eine Mutter zu empfinden, die nicht zu ihren Kindern gelassen wird.

Im letzten Teil des Monologs wird fünf mal nachfolgende Aussage wiederholt: "Ich bin unschuldig. Ich habe ein reines Gewissen. Ich habe immer versucht, meinem Mann und meinen Kindern eine gute Familienmutter zu sein." (S. 36) Allein durch die Tatsache, dass dieser Satz fünf mal wiederholt wird, hat es die logische Folge, dass der Zuschauer diesen Satz im Gedächtnis behält. Erfahrungsgemäß kann ich sagen, dass das Ende eines jeden Theaterstücks immer besonders aufwendig gemacht ist und man es in Erinnerung behält. Besonders bei Stücken, die eine bestimmte Aussage oder eine Moral enthalten steht diese immer am Ende. Dementsprechend ist auch der oben zitierte Satz, wahrscheinlich der, der sich bei dem Publikum einprägt. Meines Erachtens werden die Schauspielerinnen, welche die Ilse Koch verkörpern, durch Stimme und Mimik mehr Intensität in Aussagen wie: "Ich bin unschuldig. Ich habe ein reines Gewissen." (S. 36) stecken, als ob gleichgültig eine Lagerverordnung aufgesagt wird, da es der Ilse Koch ja gelegen ist, die Menschen von ihrer Unschuld zu überzeugen.

Jedoch bleibt dem Zuschauer auch eine vollkommen andere Sichtweise. Wer sich nicht von herzzerreißenden Floskeln, mögen sie der Wahrheit entsprechen oder nicht, blenden lässt und hinter die Mitleid erregende Fassade schaut, der erkennt einen scheinbar anderen Menschen. Man fragt sich, wie ein Mensch voller Gefühlskälte frei aus dem Zusammenhang heraus, wie es in der "Kommandeuse" immer wieder üblich ist, noch in einem Moment von seinem neu eingerichteten Haus spricht, im anderen jedoch anscheinend ohne Mitgefühl ausrechnet, wieviel Menschen er in einer bestimmten Zeit umbringen lassen muss, um einen bestimmten Betrag zu kassieren. (vgl. Zitat S. 9, oben). Schon an der Tatsache, dass Ilse Koch derartige Bilanzen wiedergibt, kann man erkennen, dass sie sich durchaus mit derartigen Machenschaften auskannte.

An keiner Stelle in der "Kommandeuse" kommt eine Art von Reue oder Mitgefühl ins Spiel für das, was die Gefangenen über sich ergehen lassen mussten. Sachlich und ohne eine Redensart wie z.B. "auf schrecklicher Weise" oder "voller Grausamkeit" schildert Ilse Koch, dass Gefangene bei Verstößen gegen die Lagerordnung mit Stockhieben bestraft werden. Hört man genauer hin, merkt man, dass sie schon damals versucht haben muss, sich ein gutes Gewissen einzureden:

"Wer einem SS-Angehörigen gegenüber abfällige oder spöttische Bemerkungen macht, kommt auf den Bock und wird mit 25 Stockhieben bestraft, selbstverständlich unter Aufsicht eines Arztes." (S.16) Einerseits wird brutal misshandelt, andererseits nur, wenn ein Arzt dabei ist. Sicher ist, dass dieser Arzt ein SS-Arzt gewesen ist, da Buchenwald für medizinische Versuche an Häftlingen bekannt war. Dementsprechend kann man davon ausgehen, dass sie sich nur ein reines Gewissen mit dieser Aussage machen wollte. Weiterhin ist auch möglich, dass sie die Aufsicht eines Arztes betont, um sich selbst und die von ihr unterstützten Machenschaften vor anderen als legitim darzustellen.

An einer weiteren Stelle kommt letzteres wieder zum Ausdruck. Ilse Koch hat eine "Ausrede" dafür gesucht, warum in Buchenwald unschuldige Menschen eingesperrt werden: "Kriminelle, Mörder, Perverse, Staatsfeinde und andere Schädlinge. Was würde geschehen, wenn diese Elemente frei herumlaufen? Sie würden planmäßig alles in kürzester Zeit zersetzen und total vernichten." (S. 16) Wahrscheinlich ist, dass ihr jemand diese Floskel vorgebetet hat und Ilse Koch, als typische Mitläuferin, dies immer wieder abspult.

Mit einigen Sätzen widerspricht sie sich. Die junge Ilse Koch äußert: "Schlampigkeiten lasse ich nicht durch, ich habe mir immer jeden ganz genau angesehen" (S. 16) Demnach muss sie Bestrafungen zumindest angeordnet, aber selbst streitet sie immer wieder ab.

Als Schlussfolgerung ergibt sich, dass deutlich wird: Ilse Koch war eine gefühllose Frau, die sich selbst am Liebsten im Mittelpunkt stehen sah, von den Intrigen im KZ Buchenwald gewusst hat und möglicherweise auch Freude am Leid anderer verspürte. Dennoch gibt das Theaterstück "Die Kommandeuse" dem Zuschauer genug Gelegenheit, Mitleid mit ihr zu empfinden. Dieses werde ich in Punkt 5 genauer erklären.

5. Erfüllt "Die Kommandeuse" ihren Zweck?

Auch wenn im Vordergrund des Theaterstücks "Die Kommandeuse" in erster Linie die Annäherung bzw. die Auseinandersetzung mit einer Nazitäterin steht, so hat es doch auch die Aufgabe, in gewisser Weise abzuschrecken und den Zuschauern klarzumachen, was im Nationalsozialismus passiert ist. Zu Beginn habe ich die Frage aufgestellt, ob der Autorin Gilla Cremer dieses gelungen ist.

Kritiker haben folgende Meinung:

" Jetzt also Gnade für Ilse Koch auf der Bühne? Keineswegs. Gilla Cremer [...] versucht eine Annäherung an eine Frau, die auch als Prototyp aller während der Nazizeit schuldig gewordenen Frauen stand und steht.[...] Kein Mitleid also für Ilse Koch. Verständnis nur insofern, daß man sie als ein (un)menschliches Wesen sehen muß."

"Kein Abend über eine Hexe oder eine sadistische Bestie ist die Hamburger Aufführung nun, eher Selbstgespräch einer Toten; das befremdende, auch gespaltene Portrait einer gewöhnlichen Frau. Identifikation ist nicht möglich, weder die Täter- noch die Opferrolle Ilse Kochs bietet Gilla Cremer eindeutig an;" (Süddeutsche Zeitung)

Die Autorin des oberen Kritikausschnitts ist der Ansicht, dass Ilse Koch eindeutig als Täterin dargestellt wird. Sie lässt keine Zweifel daran, dass Ilse Koch schuldig ist und Gilla Cremer auch das in ihrem Theaterstück "Die Kommandeuse" zum Ausdruck bringen wollte.

In der unteren Kritik wird dies anders beschrieben. Hier ist man der Meinung, dass nicht deutlich wird, ob Ilse Koch nun Nazitäterin oder nur Opfer ihrer Zeit gewesen ist.

Aufgrund meiner Ausarbeitungen gehe ich eher mit der Sichtweise des Kritikers der "Süddeutschen Zeitung" überein. Wenn man ein Theaterstück nur einmal auf der Bühne sieht, vergisst oder überhört man einige Dinge, besonders dann, wenn sie nicht besonders betont werden wie andere z.B. " Ich habe immer versucht, meinem Mann und meinen Kindern eine gute Familienmutter zu sein." (S. 36)

Erst beim wiederholten Lesen und Bearbeiten der "Kommandeuse" wurde mir Stück für Stück mehr bewusst, dass Ilse Koch das Böse in Person verkörpert. Ihr muss jegliches Einfühlungsvermögen gefehlt haben, sie konnte sich nicht mit dem Leid anderer Menschen auseinandersetzen.

Doch dem Zuschauer sollte dieser Sachverhalt schon während des Theaterbesuchs deutlich werden. Aufgrund der vielen Beteuerungen der Ilse Koch unschuldig zu sein, ist dies aber sehr schwer möglich. Wie schon in Punkt 4 erklärt, liegt es an vielen Stellen in der "Kommandeuse" nah, Mitleid mit Ilse Koch zu empfinden.

Abschließend vertrete ich die Meinung, dass "Die Kommandeuse" ein Theaterstück ist, bei dem es nicht ausreicht, es einmal im Theater zu sehen. Um viele Aussagen der Ilse Koch überhaupt begreifen und einordnen zu können, muss man mit dem Text arbeiten. Erst wenn man erkannt hat, dass Ilse Koch ausnahmslos eine Nazi-Täterin gewesen ist, die sich am Leid der Gefangenen ergötzte, ist man überhaupt in der Lage, das Stück zu verstehen. In einer Art "Vorstadium", wenn man noch Mitgefühl empfindet, würde die Aussage des Stückes völlig verdreht werden. Aus diesem Grund ist es ein großes Risiko, dieses Drama zu inszenieren, da es leicht missverstanden werden kann.

6. Literaturverzeichnis

1) Cremer, Gilla. Die Kommandeuse. Unter Mitarbeit von J. Kaetzler und C. Weiler. Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH Theater Verlag
2) Schwarz, Barbara. "Nach Bruder Eichmann nun Annäherung an Schwester Koch". Wilhelmshavener Zeitung (20.1.1998): 6
3) Smith, Arthur L. jr.. Die Hexe von Buchenwald: Der Fall Ilse Koch. 3., unveränd. Aufl. Weimar; Köln; Wien : Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln , 1983

Internet:

1) http://www.goethe.de/ms/bud/theat/de_t7.htm

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Details

Titel
Koch, Ilse - Auseinandersetzungen mit dem fragmentarischen Psychogramm einer Täterin. Untersuchungen zu Gilla Cremers "Die Kommandeuse"
Autor
Jahr
2001
Seiten
12
Katalognummer
V104343
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Koch, Ilse, Auseinandersetzungen, Psychogramm, Täterin, Untersuchungen, Gilla, Cremers, Kommandeuse
Arbeit zitieren
Nicole Hinrichs (Autor), 2001, Koch, Ilse - Auseinandersetzungen mit dem fragmentarischen Psychogramm einer Täterin. Untersuchungen zu Gilla Cremers "Die Kommandeuse", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104343

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