Nachrichtenwert-Theorie


Seminararbeit, 2000

17 Seiten, Note: 1,2


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Anfänge der Nachrichtenwertforschung
2.1 Walter Lippmann: die erste theoretische Abhandlung
2.2 Charles Merz: die erste empirische Untersuchung
2.3 Einar Östgaard als Pionier der europäischen Forschungstradition

3 die Paradestudie von Galtung und Ruge
3.1 die zwölf Nachrichtenfaktoren
3.2 Formulierung von fünf Hypothesen

4 Folgestudien und neue Ansätze
4.1 Æystein Sande
4.2 Winfried Schulz
4.3 Joachim Friedrich Staab
4.4 der Extra-Media-Daten-Ansatz: Karl-Eric Rosengren

5 Fazit

Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

„Selbst wenn alle Reporter der Welt Tag und Nacht arbeiteten, könnten sie nicht bei allen Ereignissen der Welt dabeisein. Es gibt auch nicht allzu viele Reporter. Und keiner von ihnen hat die Kraft, an mehr als einem Platz gleichzeitig zu sein. (...) Zeitungen versuchen gar nicht, die ganze Menschheit unter den Augen zu behalten.“1 W. Lippmann

Diese Aussage Walter Lippmanns bringt ein elementares journalistisches Problem bei der Produktion von Nachrichten auf den Punkt: da es für den Menschen oder hier ganz speziell für den journalistischen Apparat unmöglich ist, sämtliche Weltgeschehnisse vollständig zu erfassen, müssen aus diesem riesigen Ereignispool zwangsläufig die Begebenheiten selektiert werden, denen der Journalist den größten Wert attestiert. Es liegt also eine große Verantwortung auf der nachrichtenproduzierenden Zunft, und die Frage liegt nahe, welche Faktoren dazu führen, dass ein Journalist ein Ereignis als berichtenswert empfindet und es letzten Endes auch berichtet.

Im Verlaufe dieses Forschungszweiges haben sich drei wesentliche Forschungsrichtungen herauskristallisiert. Zum einen die Gatekeeperforschung, die sich mit dem Journalisten und den auf ihn einwirkenden Faktoren und Zwängen auseinandersetzt. Als zweites die News-Bias-Forschung, die sich damit beschäftigt, „Unausgewogenheiten, Einseitigkeiten und politische Tendenzen in der Medienberichterstattung zu messen (...)“2. Die dritte Forschungsrichtung bildet die Nachrichtenwert-Theorie, die sich mit den Ereignissen an sich beschäftigt und nach den Faktoren forscht, die dazu führen, dass ein Ereignis überhaupt erst wahrgenommen und schließlich berichtet wird.

Diese Arbeit soll einen Überblick über die wichtigsten Forschungen in diesem dritten Gebiet bis 1990 geben und dabei auch die Grenzen dieses Zweiges aufzeigen. Behandelt werden insbesondere die grundlegende Theorie von Galtung und Ruge sowie deren Weiterentwicklungen durch Sande, Schulz und Staab. Um den Rahmen nicht zu sprengen beschränke ich mich - mit Ausnahme von der Studie Rosengrens - dabei auf die inhaltsanalytischen Studien über die journalistische Selektion und ziehe andere Ansätze nur gegen Ende zu Vergleichs- und Kritikzwecken heran.

2 Anfänge der Nachrichtenwertforschung

2.1 die erste theoretische Abhandlung

Das obige einführende Zitat stammt aus der 1922 erschienen Abhandlung „Public Opinion“ von Walter Lippmann, einem amerikanischen Wissenschaftler, der sich damit erstmals theoretisch mit dem Problem der Nachrichtenselektion beschäftigte. Er stellte die These auf, dass die Wirklichkeit so komplex ist, dass sie weder vollständig erfasst noch dargestellt werden kann. Zwangsläufig müsse eine Auswahl von für einen jeden selbst relevanten Ereignissen und Ereignisteilen stattfinden, was einer zwangsläufigen Modellbildung und Interpretation der Realität gleichkomme3. Da in der journalistischen Branche großer Wettbewerb herrsche und der Journalist unter ungeheurem Druck arbeite, sei es besonders hier erforderlich, abzuwägen ob ein Ereignis es wert ist, veröffentlicht zu werden oder nicht4. Denn selbst das, was der Journalist wahrnimmt, muss nicht zwangsläufig zur Nachricht werden. Und „Er weiß, dass er die Welt durch die subjektive Brille sieht.“5. Lippmann ging davon aus, dass in diesem Zusammenhang bestimmte „news values“ wirken. Darunter versteht er Merkmale von Ereignissen, die ihre Veröffentlichungschance erhöhen. Faktoren, die den Wert einer Nachricht bestimmen, sind laut Lippmann u.a. Eindeutigkeit, Relevanz6 und Sensationalismus7. Je mehr dieser Faktoren ein Ereignis aufweist und je ausgeprägter sie vorliegen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Nachricht wird.

2.2 die erste empirische Untersuchung

Charles Merz wählte 1925 den praktischen Zugang zur Nachrichtenwertforschung. Er verglich zehn „front page stories“8 ausgewählter Zeitungen hinsichtlich der in ihnen vorkommenden Merkmale und kam zu dem Schluss, dass die vier Faktoren Konflikt, Personalisierung, Spannung und Prominenz bestimmen, ob und in wie weit von einem Ereignis berichtet wird. Zwar hatte Merz somit im Gegensatz zu Lippmann empirische Resultate, die auf das Wirken von Nachrichtenfaktoren deuteten, doch fehlte ihm das theoretische Fundament seines Vorgängers.

2.3 Einar Östgaard als Pionier der europäischen Forschungstradition

Eine empirische Untersuchung mit theoretischer Fundierung gelang erstmals 1965 Einar Östgaard, der damit die europäische Forschungstradition mitbegründete, die sich seither parallel zur amerikanischen entwickelte. Östgaard sammelte und verglich zahlreiche Inhaltsanalysen der vergangenen Jahre und attestierte, dass es in der internationalen Berichterstattung keinen „free flow of news“ gebe. „(...) there are factors which can be singled out for attention (…), and which affect the ‘free flow of news’.”9. In der Berichterstattung würde es zu Verzerrungen kommen, die von bestimmten Faktoren beeinflusst würden10. Er unterschied zwischen politischer Zensur, ökonomischen Zwängen wie begrenzten Etat und unzureichender Anzahl an Korrespondenten, sowie nachrichteninhärenten Kriterien11, die das Interesse eines Journalisten erst wecken. Diese untergliederte er in:

a) Simplifikation: Da Nachrichten verständlich und klar sein sollen, werden komplexere Sachverhalte vereinfacht dargestellt und einfachere Sachverhalte bevorzugt berichtet.
b) Identifikation: Zur Identifikation des Rezipienten mit dem Medium werden besonders Ereignisse aus dessen Umfeld sowie Begebenheiten mit Beteilung von prominenten Personen oder Staaten berichtet.
c) Sensationalismus: Um Aufmerksamkeit zu erzeugen, werden bevorzugt Ereignisse mit emotionalem und dramatischem Inhalt gewählt.

Östgaard unterschied damit zwei Ansichten von Nachrichtenfaktoren. Wählt man den theoretischen Zugang, so sind sie als kognitive Verarbeitungsmechanismen anzusehen, über den empirischen Weg betrachtet sind sie jedoch bloße Ereignismerkmale, also die Folge der Auswahl.

3 die Paradestudie von Galtung und Ruge

1965 beschäftigten sich aufbauend auf Östgaards Studie auch die beiden Wissenschaftler Johan Galtung und Mari H. Ruge mit “the general problem of factors influencing the flow of news from abroad“12. Sie gingen wie Lippmann von kognitionspsychologischen Vorgängen bei der Ereignisauswahl aus, wobei sie erstmals die Zweistufigkeit des Selektionsprozesses betonten. Nicht nur der Journalist, auch der Rezipient würde später aus der Nachrichtenfülle selektieren und so sein ganz persönliches Bild des Weltgeschehens erlangen. Den gesamten Prozess bezeichneten sie als „chain of communication“13:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gleichzeitig betonten sie jedoch, sich nur mit dem ersten Teil dieses Prozesses beschäftigen zu wollen, sie stellten sich Frage: „how do ‚events’ become ‚news’?“14.

3.1 die zwölf Nachrichtenfaktoren

Anhand der wahrnehmungsspezifischen Mechanismen beim Einstellen eines Radiosenders formulierten sie zwölf Faktoren, die verantwortlich für die Selektion zeichnen sollten15:

- Frequenz: Je mehr die Ereignisfrequenz mit der Erscheinungsfrequenz übereinstimmt, desto höher ist die Veröffentlichungschance. Kurze Ereignisse werden demnach mit höherer Wahrscheinlichkeit ausgewählt.
- Aufmerksamkeitsschwelle: Je größer die Intensität eines Ereignisses, desto eher wird darüber berichtet16. Eine gewisse Intensität muss also auf jeden Fall vorliegen.
- Eindeutigkeit: Je klarer und strukturierter ein Ereignis ist, desto eher wird es zur Nachricht.
- Bedeutsamkeit: Je relevanter und näher ein Ereignis für den Rezipienten erscheint, desto eher wird darüber berichtet.
- Konsonanz: Da ein Medium den Erwartungen der Rezipienten gerecht werden will, wird vor allem das berichtet, was mit den Einstellungen und Meinungen derer konform geht.
- Überraschung: Auf der anderen Seite birgt ein hoher Überraschungsgrad des Ereignisses auch höhere Veröffentlichungschancen17.
- Kontinuität: Wurde einmal über ein Ereignis berichtet, ist die Wahrscheinlichkeit einer wiederholten Berichterstattung höher.
- Variation: Ist ein Ereignis sehr verschieden zu bereits berichteten Begebenheiten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es veröffentlicht wird, um Abwechslung zu bieten.
- Elite-Nationen: Es wird besonders über Ereignisse berichtet, in die Elite-Nationen involviert sind, da deren Angelegenheiten stärkere Konsequenzen für den Rest der Welt mit sich ziehen.
- Elite-Personen: Mit diesem Faktor verhält es sich analog zum vorigen, außerdem bieten populäre Personen (wie auch Nationen) Möglichkeit zur Identifikation: „(...) the elite can be used in a sense to tell about everybody.“18
- Personalisierung: Je eher ein Ereignis auf das Handeln einer bestimmten Person zurückzuführen ist, desto eher wird es zur Nachricht, da auch hier die Identifizierung des Rezipienten mit dem Erzählten (bzw. dem Handelnden) ausschlaggebend ist.
- Negativismus: Es wird eher über negative als über positive Ereignisse berichtet, da bei ersteren eher ein Meinungskonsens mit dem Rezipienten hergestellt wird. Zudem enthält dieser Faktor auch die Kriterien der Frequenz und der Überraschung.

Galtung und Ruge grenzten die letzteren vier Faktoren von den anderen mit der Begründung ab, dass diese nicht kognitions- sondern kulturabhängig seien. Sie würden im Gegensatz zu den anderen nur für den nordwestlichen Teil der Erde gelten.

3.2 Formulierung von fünf Hypothesen

Die herausgearbeiteten Nachrichtenfaktoren wirken laut Galtung und Ruge keineswegs autonom zu den anderen. Bezüglich ihrer Wirkungsweise miteinander formulierten sie daher fünf Hypothesen. Je mehr Faktoren auf ein Ereignis zuträfen, desto eher werde es registriert (Selektionshypothese). Außerdem würden einmal ausgewählte Ereignisse bezüglich ihrer selektionsentscheidenden Faktoren hin verzerrt (Verzerrungs- hypothese). Diese beiden Gegebenheiten würden sich auf jeder Stufe der Nachrichtenvermittlung abspielen und Ereignisse somit umso verzerrter dargestellt, je mehr Vermittlungsschritte sie zu durchlaufen hatten19 (Replikationshypothese). Ähnlich zur ersten Hypothese verhält sich die Additivitätshypothese: je mehr Faktoren ein Ereignis aufweist, desto eher wird es zur Nachricht. Dabei könnten fehlende oder schwach wirkende Kriterien durch besonders stark wirkende Faktoren kompensiert werden (Komplementaritätshypothese).

Galtung und Ruge beschränkten sich bei der Überprüfung dieser Hypothesen auf die letztere und untersuchten diese auch nur auf vier Faktorenpaare20. Untersuchungsobjekt war die Berichterstattung von vier norwegischen Zeitungen über die Kongo-, Kuba- und Zypernkrise (1960 bzw. 1964)21. So konnten sie u.a. nachweisen, dass umso mehr über Elite-Personen berichtet wurde, je entfernter die betreffende Nation war. Insgesamt bestätigten sich drei der vier Hilfshypothesen22, nur der Zusammenhang zwischen Entfernung der Nation und der proportional dazu steigenden Negativität der berichteten Ereignisse konnte nicht inhaltsanalytisch belegt werden: „The data (...) do not appear to give any clear pattern of confirmation“23 heißt es in der Begründung.

Auch wenn Galtung und Ruges Theorie der bisher bedeutendste Beitrag zur Nachrichtenwertforschung überhaupt darstelle, würden diese wenigen Befunde in keinem Verhältnis zum Umfang der gesamten Theorie stehen, urteilte der Wissenschaftler Winfried Schulz später24. Tatsächlich wurden weder die Wirksamkeit der einzelnen Faktoren noch die vier weiteren Hypothesen überprüft, und das wenige „Untersuchungsmaterial ließ kaum Verallgemeinerungen zu“25.

4 Folgestudien und neue Ansätze

Nach Veröffentlichung des Werkes von Galtung und Ruge versuchten zahlreiche Wissenschaftler nicht zuletzt aufgrund der mit der Abhandlung verbundenen Brisanz (inwieweit stellen Medien die Realität bewusst oder unbewusst verzerrt dar) die Theorie zu untermauern, wobei sie oft zu widersprüchlichen Ergebnissen kamen. Die wichtigsten Aufsätze sollen im Folgenden behandelt werden.

4.1 Æystein Sande

Sande wollte 1964 in seiner Studie die Additivitäts- und die Komplementaritätshypothese sowie einige Faktoren von Galtung und Ruge26 testen. Dazu untersuchte er die Auslandsberichterstattung dreier norwegischer Zeitungen sowie erstmals die der Hörfunknachrichten für den Zeitraum von 15 Tagen. Die Wissenschaftlerin Christiane Eilders bescheinigte ihm 1997 „sorgfältige Operationalisierungen und anspruchsvollere Analysen“27 als die seiner Vorgänger und Kollegen. So führte er erstmals das Hilfsmittel des Beachtungsgrades ein. Sande war der Meinung, dass es unmöglich sei Ereignisse an sich mit der Art ihrer Darstellung zu vergleichen, er begründete dies u.a. mit der Feststellung „it is hard to have full access to ‚events themselves’“28, es gäbe also keine wirkliche objektive Ereignissicht. Aus diesem Grunde erschien Sande auch die Überprüfung der Selektionshypothese unmöglich.

Also setzte Sande in seiner Inhaltsanalyse einen Schritt später an, er untersuchte die Faktoren in den Nachrichten, die zu einer größeren Beachtung hinsichtlich der Dauer und der Platzierung des Berichtes in den Medien führten29. Diese seien gleichzusetzen mit den Faktoren, die überhaupt erst das Registrieren eines Ereignisses ermöglichten. Durch seine so durchgeführten Analysen konnte er die Additivitäts- und - mit Hilfe von Korrelationspaaren - die Komplementaritätshypothese bestätigen. So könne jeder der drei Faktoren Elite-Nation, Elite-Person und Negativismus jeden anderen in seiner Wirksamkeit ersetzen30. Erstmals konnte er auch isoliert das Wirken einzelner Nachrichtenfaktoren auf den Beachtungsgrad nachweisen, besonders stark wirkende Kriterien waren demnach Negativismus und Kontinuität.

4.2 Winfried Schulz

Auch Schulz vertrat die Ansicht, dass es nicht möglich sei, die Realität wirklich objektiv zu erfassen und mit dem Berichteten zu vergleichen. Nachrichten seien zudem auch gar nicht in der Lage, die Realität wirklichkeitsgetreu wiederzugeben, sondern würden eine Interpretation der Umwelt zeigen31. Somit wandte sich Schulz von der Vorstellung ab, Nachrichtenfaktoren seien Ereignismerkmale oder Verarbeitungs- mechanismen, sondern definierte sie als Beitragsmerkmale, die den Wert einer Nachricht bestimmen32.

Er benutzte bei seiner Inhaltsanalyse wie schon Sande den Beachtungsgrad als Hilfskonstruktion. Als Nachrichtenfaktorenkatalog diente die Liste von Galtung und Ruge, die er geringfügig abwandelte und um weitere Faktoren ergänzte (vgl. Abb.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die Modifizierung der Nachrichtenfaktoren von Galtung/Ruge nach Schulz 1976

Forschungsgegenstand waren zehn Tageszeitungen, Nachrichtensendungen in Funk und Fernsehen sowie der dpa-Basisdienst. Schulz untersuchte erstmals sowohl die nationale als auch die internationalen Berichterstattung sowie nicht-politische Themen.

Er kam zu dem Ergebnis, dass Nachrichtenfaktoren tatsächlich den Grad des Nachrichtenwertes beeinflussen. Indem er die Nicht-Veröffentlichung eines Ereignisses als niedrigste Stufe der Beachtung definierte, konnte er das Wirken der Faktoren auf journalistische Selektionsentscheidungen übertragen. Dabei ging er von Folgendem aus: „Die Definition von Realität, wie sie uns von den Nachrichtenmedien dargeboten wird, orientiert sich an einem weitgehend allgemeinverbindlichen Kanon von Selektions- und Interpretationsregeln.“33 Jeder Journalist würde also nach den selben Kriterien auswählen. Als besonders stark wirkende Faktoren erwiesen sich Komplexität, Thematisierung und persönlicher Einfluss. Dabei stellte er fest, dass die Faktorenwertigkeit bei nationaler und internationaler Berichterstattung variiert. Bei internationalen Geschehen waren persönlicher Einfluss und Erfolg wesentliche Kriterien, bei nationalen Nachrichten dagegen wirkten vor allem die Faktoren Überraschung und Konflikt.

Desweiteren konnte er die Additivitätshypothese für einen ausgewählten Faktorenpool34 bestätigen. “Je mehr dieser Faktoren auf eine Nachricht zutreffen, desto höherer Nachrichtenwert wird der Nachricht zugeschrieben und desto stärker wird sie in den Medien beachtet.“35 Durch die stärkere Ausprägung von Faktoren bei internationalen Berichten und den dadurch erhöhten Beachtungsgrad konnte Schulz auch die Verzerrungshypothese als bestätigt betrachten.

1977 führte Schulz eine weitere Studie, diesmal zur Wirksamkeit von Faktoren bei der Nachrichtenrezeption, durch. Dazu modifizierte er seine eigene Faktorenliste und kam nun auf 20 Nachrichtenfaktoren.

4.3 Joachim Friedrich Staab

Die aktuellste Studie zur Nachtrichtenwerttheorie bildet die gleichnamige Abhandlung von Staab aus dem Jahre 1990. Auch er bediente sich des Hilfsmittels des Beachtungsgrades um die Wirkung bestimmter Nachrichtenfaktoren nachzuweisen. Gleichzeitig wollte er sich allerdings von dem bisherigen Kausalmodell der Selektionsentscheidungen entfernen und nachweisen, dass Faktoren auch Folgen - nicht nur objektive Ursachen - der Nachrichtenauswahl sein können. Dem Konzept der „Instrumentellen Aktualisierung“ von Hans Matthias Kepplinger folgend, welches besagt, dass Journalisten mit ihrer Berichterstattung auch ganz bestimmte Ziele und Zwecke verfolgen, entwarf Staab das sogenannte Finalmodell, das die (vor allem politischen) Intentionen der Journalisten berücksichtigen sollte36. Diese würden demnach zur Legitimierung ihrer Nachrichtenauswahl den ausgewählten Inhalten verstärkt bestimmte Faktoren zuschreiben37.

In seiner Studie wollte er nun überprüfen, inwieweit das herkömmliche Kausalmodell oder aber sein Finalmodell auf den Selektionsprozess zutreffen. Dazu modifizierte Staab den Nachrichtenfaktorenkatalog von Schulz 1977. Er wollte dabei „die mangelnde Trennschärfe und ungenügende Differenzierung“38 der bisherigen Kataloge beseitigen und unterschied außerdem zwischen indizierbaren (also quasi objektiven)39 und konsensbedingten (subjektiven) Faktoren (vgl. Abb.2).

Staab untersuchte im Jahre 1984 verschiedene Zeitungen, Hörfunk- und Fernsehsendungen sowie den dpa-Basisdienst hinsichtlich der nationalen und internationalen sowie der Konflikt - Berichterstattung. Die Ergebnisse zeigten, dass sowohl der Umfang als auch die Platzierung eines Beitrages von Nachrichtenfaktoren beeinflusst werden, allerdings sei der Einfluss auf die Platzierung wesentlich schwächer. Auch Staab stellte fest, dass bei nationaler und internationaler Berichterstattung unterschiedliche Faktoren unterschiedlich stark wirken. Zudem brachten ihn die Beobachtungen , wie unterschiedlich über ein und dasselbe Ereignis in verschiedenen seriösen Zeitungen berichtet wurde und dass vielmehr die Anzahl als die Intensität vorhandener Faktoren maßgeblich für die Beachtung ist zu der Überzeugung, dass Journalisten tatsächlich eine unterschiedliche Gewichtung der Ereignisse vornehmen und ihnen mehr Faktoren zuschreiben, je wichtiger sie ihnen erscheinen.

Als wirksamste Faktoren über alle Gattungen hinweg erwiesen sich Prominenz, Kontroverse, Schaden und Reichweite.

Staab verwarf damit nicht das bisherige Kausalmodell, sondern betrachtete sein Finalmodell als sinnvolle Ergänzung zur Interpretation von selektiven Prozessen40.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Die Modifizierung der Nachrichtenfaktoren von Schulz 1977 nach Staab

4.4 der Extra-Media-Daten-Ansatz: Karl-Eric Rosengren

Die drei bisher vorgestellten Folgestudien haben eines gemeinsam: Sie sehen Nachrichtenfaktoren nicht mehr als eigentliche Ereignismerkmale sondern als Beitragsmerkmale. Sie beschränken sich „auf die Analyse der Berichterstattung, also des Output, ein Vergleich mit einem Input findet nicht statt“41, formulierte es 1997 Christiane Eilders.

Diese Kritik äußerte der Wissenschaftler Karl-Eric Rosengren bereits 1970. Er bemängelte, dass es unmöglich sei, etwas über das Verhältnis von Realität und dem in den Medien gezeigten Bild auszusagen, wenn man nur die Nachrichten untersucht. Durch herkömmliche Inhaltsanalysen könne man nur etwas über den Einfluss von Nachrichtenfaktoren auf Umfang und Platzierung erfahren, nicht aber über den auf die initiale Ereignisauswahl. Sogenannte Extra-Media-Daten aus Archiven, amtlichen Quellen oder Statistiken42 müssten zum Vergleich mit den Intra-Media-Daten, die man aus den Inhaltsanalysen gewonnen hat, herangezogen werden43.

In seiner Studie von 1974 zog er als Vergleichsbasis zur Berichterstattung dreier europäischer Zeitungen44 über Parlamentswahlen statistische Daten aus „Keesington`s Contemporary Archives“ heran45. Rosengren stellte fest, dass über viele Parlamentswahlen überhaupt nicht berichtet wurde. Über Regierungswechsel wurde darüber hinaus viel häufiger berichtet als über Wahlen, die die bisherige Regierung bestätigten. Dies kann als Bestätigung der Wirkung des Faktors Überraschung gewertet werden. Auch ökonomische Faktoren schienen in Rosengrens Augen eine große Rolle für die Berichterstattung zu spielen. So wurde über Parlamentswahlen von Ländern mit einem hohen Bruttosozialprodukt, Import oder Export wesentlich häufiger berichtet46. Kulturelle Nähe und Elite-Nation sind hier die entsprechenden Faktoren, die als bestätigt angesehen werden können.

Zahlreiche weitere Wissenschaftler griffen in der Folge Rosengrens Extra-Media-Daten- Ansatz auf, doch sah sich dieser stets mit dem Vorwurf konfrontiert, diese Vergleichsdaten seien „ihrerseits (...) lediglich Ergebnis der Selektion eines Beobachters“47 und damit auch nur eine weitere Interpretation der Realität.

Ein dem gerade dargelegten Forschungszweig sehr ähnlicher Ansatz bildet die Input- Output-Analyse, welche beispielsweise Agenturmaterial mit dem dann tatsächlich veröffentlichten Material vergleicht und so das Wirken von Nachrichtenfaktoren untersucht. Dieser Ansatz erwies sich als wesentlich fruchtbarer, da er nicht den Anspruch erhebt, Berichtetes mit der Realität vergleichen zu wollen. Allerdings ist hier wiederum nicht die Ereignis- sondern die Beitragsauswahl das eigentliche Forschungsobjekt.

5 Fazit

Das Wirken von Nachrichtenfaktoren wie es Galtung und Ruge in ihrer Studie beschrieben haben ohne es empirisch hinreichend zu überprüfen konnte im Nachhinein durch die vorgestellten Arbeiten weitgehend bewiesen werden, auch wenn beträchtliche Varianzen im Hinblick auf besonders stark oder schwach wirkenden Faktoren zu beobachten waren. Auch die Komplementaritäts- sowie die Additivitätshypothese können als bestätigt angesehen werden. Weitere Studien zur Verifizierung sämtlicher Nachrichtenfaktoren sowie der restlichen Hypothesen sind allerdings vonnöten. Die beobachteten Varianzen sind u.a. auf unterschiedliche Untersuchungsmethoden und - zeiträume sowie dem Beschäftigen mit unterschiedlichen Mediengattungen zurückzuführen. Faktoren, die sich bei allen Studien als wichtige Kriterien der journalistischen Selektion herausstellten, waren Elite-Nation, Nähe, Negativismus, persönlicher Einfluss und Kontinuität.

Sämtliche behandelten Studien sahen sich allerdings mehr oder minder gezwungen, das Wirken von Nachrichtenfaktoren über den Beachtungsgrad in den Medien zu messen und sie somit als Beitragsmerkmale, nicht wie von Galtung und Ruge ursprünglich definiert als Ereignismerkmale, zu betrachten. Zwar ist es durchaus legitim anzunehmen, dass bei der Frage über Platzierung und Umfang die gleichen Faktoren wirken wie bei der vorangehenden Ereignisauswahl, doch empirisch beweisen kann man diesen Gedankengang nicht. Dies weist auf das elementare Problem der Nachrichtenwertforschung hin. Es ist - wie es schon Schulz und Staab erkannten - unmöglich, berichtete Ereignisse bzw. Nachrichten mit der Realität zu vergleichen, da es keine wirklich objektiven Quellen der Realität gibt. Auch Rosengrens Extra-Media- Daten waren wie bereits erläutert nichts anderes als andere Interpretationen der Rwalität. Somit ist es auch schwer wenn nicht unmöglich zu definieren, welche Faktoren nun ereignisinhärent sind und welche durch die Berichterstattung erst künstlich dem Ereignis zugeschrieben werden.

Dass dies passiert konnte Staab nachweisen, der sich damit stark an die News-Bias- Forschung Kepplingers anlehnte. So wenig wie davon ausgegangen werden kann, dass jeder Journalist einem Ereignis die gleichen Faktoren zuschreibt - auch dieser von Galtung und Ruge lediglich angedachter kognitionspsychologische Aspekt wurde in den bisherigen Inhaltsanalysen so gut wie nie berücksichtigt - kann der Journalist auch nicht als apolitischer und völlig objektiver Mensch gesehen werden. Er verfolgt mit seiner Berichterstattung durchaus bestimmte Absichten und legitimiert seine Aussagen durch das besondere Hervorheben von bestimmten Nachrichtenfaktoren. Nachrichten sind damit immer nur eine Auswahl und Interpretation von Realität.

Die Zukunft der Nachrichtenwertforschung liegt meiner Meinung nach somit in der engen Zusammenarbeit mit der News-Bias-, aber auch der Gatekeeperforschung, um letztgenannte Mechanismen besser erforschen zu können. Nur wenn eine explizite Kenntnis darüber vorhanden ist, welche psychologischen und externen Faktoren bei der Arbeit eines Journalisten wirken, ist eine noch intensivere und genauere Untersuchung des Wirkens von Nachrichtenfaktoren möglich.

Literaturverzeichnis

- BURKART, Roland (1998): Kommunikationswissenschaft. Wien/Köln/Weimar, S. 271-282.
- EILDERS, Christiane (1997): Nachrichtenfaktoren und Rezeption. Eine empirische Analyse zur Auswahl und Verarbeitung politischer Information. Opladen, S. 19-72.
- GALTUNG, Johan / RUGE, Mari (1950): Structuring and Selecting News. In: Stanley Cohen & Jock Young (Hg.). The Manufacture of News. Social Problems, Deviances and the Mass Media. London: Sage, S.62-72.
- GALTUNG, Johan / RUGE, Mari (1965): The structure of foreign news. In: Journal of Peace Research, 2, Oslo, S. 74-91.
- KEPPLINGER, Hans Matthias (1989): Theorien der Nachrichtenauswahl als Theorien der Realität. In: Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ B15, 7.4.89.
- LIPPMANN, Walter (1990): Die öffentliche Meinung. Reprint des Publizistik Klassikers. Bochum, S.230-248.
- MERZ, Charles (1925): What makes a First-Page Story? A Theory Based on the Ten Big Newsstories of 1925. In: New Republic, S.156-158.
- ÖSTGAARD, Einar (1965): Factors Influencing the Flow of News. In: Journal of Peace Research, 2, Oslo, S. 39-63.
- ROSENGREN, Karl-Eric (1974): International news: methods, data and theory. In: Journal of Peace Research, 2, Oslo, S. 145-156.
- SANDE, Æystein (1971): The Perception of Foreign News. In: Journal of Peace Research, 3-4, Oslo, S. 221-237.
- SCHULZ, Winfried (1976): Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Analyse der aktuellen Berichterstattung. Freiburg/München
- STAAB, Joachim Friedrich (1990): Nachrichtenwert-Theorie, Formale Struktur und empirischer Gehalt. Freiburg/München.

[...]


1 Lippmann 1990, S. 230

2 Staab 1990, S. 27

3 vgl. Eilders 1997, S.19f

4 vgl. Lippmann 1990, S.240

5 Lippmann 1990, S.245

6 vgl. Lippmann 1990, S.237

7 vgl. Lippmann 1990, S.239

8 vgl. Merz 1925

9 Östgaard 1965, S.39

10 Östgaard kam zu dem Schluss, dass aus dem Wirken der genannten Faktoren drei Verzerrungstendenzen resultieren: die Welt wird konflikthaltiger dargestellt als sie ist, ihre Teilung in Länder mit hohem und niedrigem Status wird aufrechterhalten und das Handeln von Elite-Personen und Elite-Nationen wird verstärkt.

11 vgl. Östgaard 1965, S.45: „factors (…) which make their impact on the news flow even though they are not occasioned by any outside forces”. Auf den folgenden Seiten wird auf diese Faktoren näher eingegangen.

12 Galtung/Ruge 1965, S.64

13 Galtung/Ruge 1965, S.65

14 Galtung/Ruge 1965, S.65

15 Im Folgenden sollen exemplarisch für alle weiter vorkommenden Faktoren diese grundlegendsten Kriterien kurz umrissen werden. Im weiteren Verlauf der Abhandlung wird auf diese Ausführlichkeit der Faktorenbeschreibung verzichtet, um den Rahmen nicht zu sprengen.

16 Galtung/Ruge 1965, S.66. Als Beispiel wurde die These „the more violent the murder the bigger the headlines“ angeführt.

17 Galtung/Ruge 1965, S.67. Auf den Punkt bringen sie es mit dem Satz: „It is the unexpected within the meaningful and the consonant (...).“

18 Galtung/Ruge 1965, S.68

19 Galtung und Ruge folgerten daraus, dass besonders Nachrichten aus dem Ausland hinsichtlich ihrer Faktoren akzentuiert und damit verfälscht seien.

20 Untersucht wurden die wechselseitigen Beziehungen der kulturabhängigen Faktoren.

21 vgl. Galtung/Ruge 1965, S.73ff

22 Die zwei weiteren Hilfshypothesen lauteten: „the lower the rank of the person, the more negative the event“ und „the more culturally distant the theater, the more relevant must the event appear to be“.

23 Galtung/Ruge 1965, S.78

24 vgl. Schulz 1976, S.20

25 Eilders 1997, S.27

26 Sande beschränkte sich auf die Faktoren Negativismus, Personalisierung, Kontinuität, Elite-Nationen, Elite-Personen und Variation.

27 Eilders 1997, S.33

28 Sande, 1971, S.221

29 Diese Vorgehensweise wird auch als quantitativ (Dauer) bzw. qualitativ (Platzierung) bezeichnet, Galtung und Ruge wählten dementsprechend die selektive Vorgehensweise („selective gatekeeping“).

30 vgl. Sande 1971, S.228-231

31 vgl. Schulz 1976, S.28

32 Auch Schulz untersuchte damit nicht die Einflussfaktoren auf die Veröffentlichung, sondern die Faktoren, die nach der Selektion Einfluss auf die Präsentation des Beitrags haben. vgl. Eilders 1997, S.34

33 Schulz 1976, S.117

34 Dieser bestand aus den Faktoren Komplexität, Thematisierung, Persönlicher Einfluss, Ethnozentrismus, Negativismus und Erfolg.

35 Eilders 1997, S.36

36 vgl. Staab 1990, S.96. Dies bedeutet eine Verschmelzung der Nachrichtenwertforschung mit der NewsBias-Forschung

37 Kepplinger resümierte, „daß die Journalisten bewußt oder unbewußt bestimmte Ansichten hoch- und entgegengesetzte Ansichten herunterspielten, um Entscheidungen und Entwicklungen entsprechend ihrer eigenen Problemsicht zu fördern“. Kepplinger 1989, S. 12

38 Eilders 1997, S.39

39 Dazu zählte er räumliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Nähe eines Ereignisses und den Status der Ereignisnation bzw. Ereignisregion.

40 vgl. Staab 1990, S.214

41 Eilders 1997, S.41

42 Diesen Quellen schrieb Rosengren einen verlässlichen objektiven Charakter zu. Da nicht für alle Ereignisse solche Vergleichsdaten zur Verfügung stünden, müsse man sich bei solchen Untersuchungen auf bestimmte Gebiete wie etwa Parlamentswahlen, Vertragsabschlüsse oder Unfälle und Katastrophen beschränken.

43 vgl. Rosengren 1974, S.146f

44 Diese waren die britische „Times“, die ostdeutsche „Neue Deutschland“ sowie die schwedische „Dagens Nyheter“.

45 vgl. Rosengren 1974, S.151

46 vgl. Rosengren 1974, S.152ff

47 Eilders 1997, S.50

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Nachrichtenwert-Theorie
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Proseminar I: Theorien & Modelle der MK
Note
1,2
Autor
Jahr
2000
Seiten
17
Katalognummer
V104362
Dateigröße
380 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachrichtenwert-Theorie, Proseminar, Theorien, Modelle
Arbeit zitieren
Arne Hörmann (Autor), 2000, Nachrichtenwert-Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104362

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