Syntaktische Beschraenkungen beim Codeswitching zwischen Wolof und Franzoesisch im Senegal


Hausarbeit, 2001

25 Seiten


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Inhalt

1.) Einleitung

2.) Grammatische Beschränkungen beim Codeswitching
2.1.) Equivalence Constraint und Free Morpheme Constraint
2.2.) Government Constraint
2.3.) Functional Head Constraint
2.4.) Das Matrix Language-Frame Modell und 4-M Modell

3.) Überprüfung der Beschränkungen anhand von Wolof-Französisch Codeswitching-Diskursen
3.1.) Government Constraint
3.2.) Functional Head Constraint
3.3.) MLF Modell

4.) Schlußfolgerung

5.) Literatur

6.) Anhang

1.) Einleitung

Wenn sich Menschen unterhalten, die beide zwei oder mehr Sprachen beherrschen, wechseln sie häufig während des Dialogs von der einen zur anderen Sprache. Dieses Phänomen bezeichnet man in der Literatur zur Bilingualität meist als „Code-Mixing“1.

Das Vermischen der beiden Sprachen verläuft jedoch nicht zufällig. Viele Forscher gehen davon aus, dass kompetente multilinguale Sprecher nach bestimmten syntaktischen Regeln zwischen den Sprachen wechseln. Verstößt jemand, der nicht beide Sprachen ausreichend beherrscht, gegen diese Regeln, so wird dies als ungrammatisch und komisch empfunden. Leigh Swigart (1992) beschreibt in ihrer Untersuchung zum Codeswitching in Senegal eine solche Situation:

„There are acceptable und unacceptable ways of switching. I learned this early in my stay in Dakar when I responded to a question about someone’s ability to speak French: Mën na ko làkk pas mal `She can speak it pretty well.‘ There was an immediate outcry in the gathering and I was informed that kenn du wax loolu, `That cannot be said.‘“ (ibid.:17)

Das regelgeleitete Wechseln zwischen zwei Sprachen im bilingualen Dialog bezeichnet man (meist) als „Codeswitching“2. Der Frage, an welcher Stelle innerhalb von Sätzen zwischen den Sprachen gewechselt werden darf, sind zahlreiche linguistische Forscher in den letzten 20 Jahren nachgegangen. Es wurden verschiedene Beschränkungen und Modelle formuliert. Eine allgemeine Akzeptanz konnte bislang allerdings noch kein Vorschlag erreichen.

Ich werde in meiner Arbeit zunächst die wichtigsten syntaktischen Beschränkungen, die in diesem Zusammenhang formuliert wurden, vorstellen. Dabei handelt es sich um die Equivalence Constraint, Free Morpheme Constraint, Government Constraint, Functional Head Constraint und das MLF Modell. Anschließend werde ich versuchen zu überprüfen, mit welchen dieser Regeln das Code-Switching im Senegal zwischen Wolof und Französisch am besten beschrieben werden kann. Anhand der Daten werde ich zeigen, dass in Dakar von einer dominanten Sprache (Wolof) und einer hierarchisch untergeordneten (Französisch) auszugehen ist. So man akzeptiert, dass einzelne Inhaltswörter (meist Nomina) aus Französisch entlehnt werden können, lassen sich mit Hilfe der Functional Head Constraint die Sprachwechsel gut erklären.

2.) Grammatische Beschränkungen beim Codeswitching

2.1.) Equivalence Constraint und Free Morpheme Constraint

Sankoff & Poplack (1981) haben als erste generelle Beschränkungen für den Sprachwechsel formuliert. Ihre Equivalence Constraint (EC) besagt, dass die Reihenfolge der Konstituenten eines Satzes, die direkt vor und direkt nach dem Switch-Punkt liegen, gemäss den grammatischen Regeln beider involvierter Sprachen korrekt sein muss.

Jedoch wurden in den darauf folgenden Jahren zahlreiche Gegenbeispiele in anderen Untersuchungen aufgezeigt.3 Auch wurde kritisiert, dass sich die Beschränkung auf die lineare Satzfolge bezieht, nicht auf die zugrunde liegende grammatische Struktur.4

Gleiches gilt für die Free Morpheme Constraint, die Sankoff und Poplack (1981) ergänzend vorgeschlagen haben. Diese Beschränkung bezieht sich auf die Eigenschaft von Morphemen, isoliert stehen zu können. Ein gebundenes Morphem muss immer in der gleichen Sprache sein, wie das Morphem, an das es gekoppelt ist. Gegenbeispiele hierzu wurden vor allem bei agglutinierenden Sprachen gefunden.

Das Hauptverdienst von Sankoff & Poplack war es also erstmals generelle Beschränkungen für das Codeswitching auszuarbeiten. Ihre Vorschläge wurden allerdings ausreichend empirisch und theoretisch widerlegt, so dass ich hierauf nicht weiter eingehen werde.

2.2.) Government Constraint

Di Sciullo, Muyken und Singh (1986) haben die Government Constraint (GC) vorgeschlagen. Der Rektion- und Bindungstheorie folgend sagen sie, dass ein Sprachwechsel an den Stellen nicht möglich sei, an denen die grammatischen Elemente durch Rektion miteinander verbunden sind. Sie definieren dabei Rektion wie folgt:

„X governs Y if the first node dominating X also dominates Y, where X is a major category N, V, A, P and no maximal boundary intervenes between X and Y.“ (ibid.:6)

Sie gehen dabei von einem C-Kommando aus. Das regierende Element bestimmt dabei die

Sprache des regierten Elements. Sie argumentieren dafür, dass diese Beschränkung bei der S- Struktur greift. Der lexikalische Kopf einer NP, VP, AP oder PP legt also die Sprache für die in der Satzhierarchie direkt folgende Kategorie fest.

In dem Beispiel „I went to Rome“ (S.8f.) müssen folglich Rome, to and went in der selben Sprache sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Sprachwechsel ist nach di Sciullo et al. (1986) möglich zwischen dem Subjekt und dem Verb, jedoch nicht zwischen dem Verb und dem oder den Objekten. Ebenso wird ein Switchen zwischen einer Präposition und ihrem Komplement ausgeschlossen.

Di Sciullo et al. (1986) geben noch weitere Fälle an, bei denen die GC einen Sprachwechsel als ungrammatisch vorhersagen würde (S. 8ff.): zwischen einem Verb und dem folgendem Komplementierer (V COMP), einem Verb und einem bestimmten Artikel (V DET), einem Verb und einem Adverb, das sich direkt auf das Verb bezieht - die Art der Handlung näher beschreibt (V Q), einem Nomen und den dazugehörigen Adjektiven (N AP), einem Nomen und einer Präposition (N PP) sowie zwischen Verben und Klitika (V CL).

Jedoch ist ihrer Argumentation zufolge ein Wechsel zwischen einem bestimmten Artikel und einem Nomen (DET N) sowie zwischen einer Konjunktion und dem folgenden Satz (CONJ ‘) möglich, da in diesen Fällen keine Rektion vorliegt.

2.3.) Functional Head Constraint

Belazi, Rubin und Toribio (1994) haben die Functional Head Constraint (FHC) entwickelt. Demnach ist ein Sprachwechsel zwischen einem funktionalen Kopf und dessen Komplement nicht möglich. Nach einem lexikalischen Kopf dürfe aber frei geswitched werden.

„[... ]we assume that a functional head requires that the language features of its complement match its own language feature.“ (ibid.:228)

Dieser Annahme folgend ist ein Sprachwechsel unmöglich zwischen C0und IP, D0und NP, Negond VP, Nom0[Zahlwörter]5 und NP sowie zwischen I0und VP.

Unerschiede zur GC finden sich zum Beispiel in bezug auf Konjunktionen bzw.

Komplementierer. Während die FHC ein Wechsel zwischen C0 und IP verbietet ist dies der GC folgend erlaubt. Gleiches gilt für bestimmte Artikel und dazugehörige Nomen (D0NP). In vielen anderen Fällen ist die GC allerdings deutlich restriktiver als die FHC.

2.4.) Das Matrix Language-Frame Modell und das 4-M Modell

Myers-Scotton (1993) hat das Matrix Language-Frame Modell (MLF) zur Erklärung von Codeswitching entwickelt. Die grundlegende Idee ist die einer Unterscheidung zwischen Matrixsprache (ML) und eingebetteter Sprache (EL) in Codeswitching-Sequenzen. Die ML ist der EL übergeordnet und gibt den morphosyntaktischen Rahmen von gemischtsprachlichen Äußerungen vor.

„One of the languages involved in CS [Codeswitching] plays a more dominant role. This language is labelled the Matrix Language [ML], and its grammar sets the morphosyntactic frame for two of the three types of constituents contained in sentences showing intrasentential CS, ML+EL constituents (those showing morphemes from the two or more participating languages) and ML islands (constituents composed entirely of ML morphemes). The third type of constituent, the EL island, is entirely in the EL.“ (Myers-Scotton (1993:6)

Zur Bestimmung der ML schlägt Myers-Scotton drei Prinzipien vor (vgl. ibid.:66ff.):

1) das psycholinguistische Kriterium. Demnach ist die ML die Sprache, in der der jeweilige Sprecher die höhere Kompetenz besitzt.
2) das soziolinguistische Kriterium, nach dem die ML innerhalb der Sprachgemeinschaft die dominante Sprache darstellt, bzw. die dominante Sprache in einer spezifischen Interaktion ist.
3) Das Häufigkeits-Kriterium. Dieses besagt, dass in einem Diskurs die ML die Sprache ist, aus der die meisten Morpheme stammen. Dies ist das wichtigste und am leichtesten zu überprüfende Kriterium.

Das MLF Modell geht davon aus, dass die Beschränkungen nicht wie bei GC und FHC auf der Oberflächenstruktur, sondern bereits zuvor, auf der so genannten funktionalen Ebene, greifen. (vgl. ibid.:116f.). Die ML gibt auf dieser Ebene ein Gerüst vor, das anschließend mit Morphemen gefüllt wird. Dies zeigt, dass Myers-Scotton von einem syntaktischen Modell ausgeht, das stärker lexikalisch ausgerichtet ist.

Eine zentrale Rolle in dem Modell spielen die so genannten Lemmata, „the nonphonological part of an item’s lexical information‘ including semantic, syntactic, and sometimes aspects of morphological information“ (ibid.:49). Diese Definition geht auf Levelt (1989:6) zurück. Lemmata sind im mentalen Lexikon gespeichert und geben die Richtungen für die anschließende Realisierung von komplexen Wörter vor.

Die Beschränkungen beim Codeswitching im MLF Modell geben zwei Prinzipien vor: das morpheme-order principle und das system morpheme principle (vgl. Myers-Scotton (1993):75ff.). Das morpheme-order principle besagt, dass in Konstituenten, die aus Morphemen der ML und der EL bestehen, die Reihenfolge der Morpheme in der Oberflächenstruktur sich nach der Grammatik der ML richtet. Laut dem system morpheme principle müssen alle System-Morpheme in ML+EL-Konstituenten, die grammatikalische Beziehungen zu anderen Elementen als dem Kopf ihrer Phrase haben, aus der ML stammen.

Das system morpheme principle haben Myers-Scotton & Jake (2000) mit dem 4-M Modell verfeinert. Wie der Name des Modells bereits impliziert unterteilt es die Morpheme in vier Kategorien: content morphemes, early system morphemes, bridge late system morphemes und outsider late system morphemes.

Die Inhalts-Morpheme unterscheiden sich von den System-Morphemen dadurch, dass sie entweder eine thematische Rolle zuweisen oder zugewiesen bekommen [+/- thematic role] (vgl. Myers-Scotton & Jake (2000:1057f.).

Myers-Scotton & Jake stellen insgesamt drei Kriterien zur Differenzierung der Morpheme heraus (ibid.:1062):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die frühen System-Morpheme werden wie die Inhaltsmorpheme durch die Absicht des Sprechers, etwas auszudrücken, hervorgerufen. Als Beispiele geben Myers-Scotton & Jake (2000:1063) folgende Sätze an:

„I found the book that you lost yesterday. Bora chewed up Lena’s toy yesterday.“

Der definite Artikel „the“ drückt dabei aus, dass es sich um ein bestimmtes Buch handelt.

„Chew“ alleine ohne den Zusatz „up“ würde ebenfalls etwas anderes bedeuten. Insofern sind beide Morpheme notwendig, um die Intention des Sprechers widerzugeben. Im Gegensatz dazu ist die Information, die in den späten System-Morphemen enthalten ist, rein grammatikalischer Natur.

Nach dem 4-M Modell müssen die System-Morpheme, die sich auf grammatikalische Informationen ausserhalb der maximalen Projektion des Kopfes ihrer Phrase beziehen, aus der ML stammen.

„In the original statement of the model [MLF Modell], the system-morpheme principle states that ‚all system morphemes which have grammatical relations external to their head constituent ... will come frome the ML‘ (Myers-Scotton 1993, 1997:83). Under the new 4-M model, this class of system morphemes is more explicitly identified as the late outsider system morpheme. While other types of system morphemes may come from the embedded language (EL), in fact, almost all - not just those required by the systeme-morpheme principle - come from the matrix language.“ (Myers-Scotton & Jake (2000):1070f.)

Das in manchen Codeswitching auftauchende Phänomen der doppelten Morphologie lässt sich in diesem Modell damit erklären, dass die frühen System-Morpheme der EL im mentalen Lexikon gespeichert sind und bei Bedarf mit aufgerufen werden. Die grammatisch relevanten System-Morpheme müssen jedoch aus der ML ergänzt werden. Dies geschieht z.B. recht häufig bei der Verwendung von Nomina im Plural.

3.) Überprüfung der Beschränkungen anhand von Wolof-Französisch Codeswitching-Diskursen

Im folgenden werde ich die drei Vorschläge zu grammatischen Beschränkungen beim Codeswitching - GC, FHC und MLF Modell - anhand von Sprachdaten aus Senegal überprüfen. Die Daten habe ich aus der soziolinguistischen Untersuchung zum Sprachverhalten in Dakar von Leigh Swigart (1992) entnommen. Es handelt sich dabei um Aufzeichnungen von Gesprächen und Interviews unter erwachsenen Senegalesen in Dakar aus unterschiedlichen sozialen Schichten in verschiedenen Situationen. Alle sprechen Wolof und Französisch. Jedoch weisen sie vor allem in Französisch sehr starke Unterschiede in der Kompetenz der Sprache auf.

Wolof ist zunächst die Bezeichnung für eine Ethnie, die in Senegal rund 43 Prozent der Bevölkerung ausmacht.6 Die Sprache der Wolof hat sich jedoch als inoffizielle Landessprache durchgesetzt. Fast alle Senegalesen beherrschen sie als erste oder zweite Muttersprache. Wolof gehört zu den Niger-Kongo Sprachen, genauer zu der nördlichen Gruppe der westatlantischen Sprachen. Die Wortstellung ist SVO.7

Ein weiteres Charakteristikum der Sprache ist z.B. die reiche und differenzierte Morphologie mit einer komplexen Wortstruktur. Dabei wird zwischen Nomina und Verben nicht unterschieden. Das Nominalklassensystem umfasst acht Singular- und zwei Pluralklassen. Definite Artikel werden nachgestellt. Wolof hat zudem ein umfangreiches System an derivativen Nominal- und Verbalerweiterungen. Es handelt sich jedoch nicht um eine agglutinierende Sprache. Das Verbalsystem umfasst eine Tempusform, zwei Aspekte und neuen Modi, die durch ein pronominals INFL-System repräsentiert werden.8 Diese Pronomina weisen alle Kriterien von Subjekt-Klitika auf.9

Die Syntax von Wolof mit der SVO-Wortstellung ähnelt stark der Syntax des Französischen. Ein Unterschied ist bei den definiten Artikeln vorhanden. Im Wolof werden sie - wie bereits erwähnt - nachgestellt. Unbestimmte Artikel werden fast nie benutzt. Wenn doch, stehen sie vor dem Bezugselement. Zahlwörter und andere Quantifizierer stehen ebenfalls davor. Ein

weiterer Unterschied findet sich z.B. bei den Subjekt-Pronomina. Die Klitika stehen im Wolof teilweise vor, teilweise nach dem Verb. Im Französischen werden sie in Aussagesätzen stets voran gestellt. Bei meiner Analyse gehe ich davon aus, dass die Subjekt-Klitika sowohl in Wolof als auch in Französisch in INFL basisgeneriert werden und die Verben nach INFL bewegt werden.10

Insgesamt habe ich 209 Fälle von satzinternen Sprachwechseln gefunden und analysiert.11

Dabei habe ich jeden Wechsel von einer Sprache in die andere auf der Oberflächenstruktur als einen einzelnen Fall betrachtet, z.B. weist folgender Satz demnach zwei Sprachwechsel auf, zum einen zwischen der Präposition „ci“ und dem nachfolgenden Nomen, sowie zwischen „médecins“ und dem definiten Pluralartikel „yi“:

„dem leen ci médecins yi“ (Swigart (1992:186)

gehen pl.aff.perf.inj.impér.12 zu13 Ärzten pl.déf.proche „Geht zu den Ärzten!“

Die meisten Sprachwechsel finden sich jedoch am Satzanfang oder -ende.

Bezüglich der Unterscheidung zwischen Entlehnung und Codeswitching habe ich mich

zunächst auf die Erläuterungen von Haust (1995:45ff) gestützt. Sie geht wie auch z.B. MyersScotton davon aus, dass Codeswitching und Entlehnungen nur dann zu unterscheiden sind, wenn es sich um etablierte Entlehnungen handelt.

„Aufgrund der dargestellten Schwierigkeit der Abgrenzung von Codeswitching und Entlehnung sowohl aus linguistischer als auch soziolinguistischer Sicht, werde ich in meiner Analyse alle Formen, die eindeutig auf der Makroebene, also der Gesamtheit der Sprecher/innen der jeweiligen Empfängersprache, als in das Lexikon dieser Empfängersprache aufgenommen identifiziert werden können, als etablierte Entlehnungen ansehen und aus der Analyse des Codeswitching ausschließen.“ (ibid.:61)

Kriterien für die Bestimmung darüber, ob ein Lehnwort etabliert ist oder nicht, haben Poplack & Sankoff (1984) entwickelt. Demnach ist entscheidend, wie häufig das Wort in Gesprächen innerhalb der Gemeinschaft auftaucht, ob es ein Synonym der dominanten Sprache verdrängt hat, ob es morphophonemisch und/oder syntaktisch integriert ist und ob es allgemein akzeptiert ist in der Sprachgemeinschaft. Auf diesen Kriterien aufbauend haben Sankoff, Poplack & Vanniarajan (1990) die Theorie der so genannten nonce loans, spontanen Entlehnungen, entwickelt. Sie unterscheiden diese vom Codeswitching. Sie widersprechen also der Annahme von Haust und Meyer-Scotton.

Darauf werde ich in meiner Arbeit später noch einmal zurück kommen. Denn mit Hilfe dieser Analyse können bestimmte Sprachmischungen in der Wolof-Französisch Sprachgemeinschaft besser erklärt werden. Doch zunächst gehe ich weiterhin davon aus, dass es sich bei allen Mischungen um Codeswitching handelt, so es denn eindeutig keine etablierten Entlehnungen sind.

3.1.) Government Constraint

Die GC erwies sich bei der Überprüfung mit dem vorliegenden Sprachmaterial als zu restriktiv. Es fanden sich zahlreiche Beispiele von Codeswitching, die nach der GC als ungrammatisch angesehen werden müßten.

Die GC besagt beispielsweise, dass ein Wechsel zwischen dem Verb und dem folgenden Objekt nicht möglich sei (vgl. di Sciullo et al. (1986:5). Insgesamt finden sich in den Daten von Swigart (1992) 34 solcher Wechsel, wie z.B.:

„...sans boole ces mots tubaab.“ (S.1)

ohne mischen diese Wörter weiß (Hautfarbe)

„...ohne diese französischen Wörter einzumischen.“

„Dangay def une faute grave.“ (S. 186)

2.sg.aff.imperf.ass.pro. machen einen Fehler schwer

„Du wirst einen schweren Fehler begehen“

So man jedoch die Kriterien für Entlehnungen weniger strikt anlegt als Haust u.a., können wohl einige der Mischungen als Lehnwörter betrachtet werden, da äquivalente Ausrdürcke auf Wolof entweder nicht existieren oder den meisten nicht bekannt sind, wie z.B. „frigo“, „banque“, „remboursement“, „essence“.

Desweiteren sprechen 15 Fälle von Sprachwechseln zwischen dem Subjekt-Klitikon und dem dazugehörigen Verb gegen die GC, wie z.B.:

„Mu ngiy dépendre ci yow.“ (S. 138)

3.Sg.aff.imperf.ass.sit. abhängen von du

„Das hängt von dir ab.“

„Consulter leen leen.“ (S. 186)

Konsultieren Pl.aff.perf.inj.impér. sie

„Konsultiert sie!“

„Débrancher nga frigo bi xanaa?“ (S. 136)

ausstöpseln 2.Sg.aff.perf.ass.term. Kühlschrank sg.déf.proche Fragepartikel

„Hast du den Kühlschrank ausgestöpselt?“

Di Sciullo et al. (1986) sind davon ausgegangen, dass Klitika von der VP dominiert werden und somit in der gleichen Sprachen sein müssen wie das Verb (vgl. S.11f.).

Interessant ist, dass die Verben aus dem Französischen (fast) immer in der indefiniten Form stehen. In den vorliegenden Sprachdaten habe ich nur zwei Ausnahmen gefunden. Dort wurde jeweils an das französische Verb ein Suffix mit prädikativer Bedeutung angehängt:

„Dañuy perdaat un an.“ (S. 149)

3.Pl.aff.imperf.ass.pro. verlieren+weiter ein Jahr

„Sie werden ein weiteres Jahr verlieren.“

„Dafa ko ko meubleel.“ (S. 164)

3.Sg.Pl.aff.perf.ass.pro. er/sie/es er/sie/es möblieren+für

„Er hat es für sie möbliert.“

Wie genau dieses Phänomen zu erklären ist, kann ich innerhalb dieser Arbeit nicht klären. Ein möglicher Erklärungsansatz wäre jedoch vielleicht, dass das Verb inWolof nicht flektiert wird. Die indefinite Form entspricht dem Verbstamm.

Die GC besagt desweiteren, dass zwischen einer Präposition und dem folgenden Nomen nicht gewechselt werden darf (vgl. di Sciullo et al. (1986:8). Solche Fälle tauchen jedoch neunmal in den Daten von Swigart (1992) auf. Beispiele sind:

„ci village yi“ (S. 147)

in Dorf pl.déf.proche

„in den Dörfern“

„Dañuy ligéey ci la condition de la femme sénégalaise.“ (S. 139)

3.pl.aff.imperf.ass.pro. arbeiten zu(über) die Bedingung von die Frau senegalesisch.

„Sie arbeiten zu (über) die Bedingung der senegalesischen Frau.“

Hinzu kommen noch weitere vereinzelte Fälle, die gegen die GC sprechen. So tauchen z.B. zwei Fälle von Sprachwechsel zwischen einem Nomen und dem dazugehörigen Adjektiv auf, drei Fälle, bei denen zwischen Verb und Präposition gewechselt wird, zwei Wechsel zwischen Verb und Adverb.

Rund ein Drittel (34%) aller Fälle von satzinternem Codeswitching sind mit der GC nicht vereinbar. Bei weiteren elf Fällen (5%) konnte ich nicht eindeutig sagen, ob die GC sie als grammatisch bestimmen würde.

3.2.) Functional Head Constraint

Auch die FHC verbietet einige Sprachwechsel, die in den vorliegenden Daten jedoch durchaus recht häufig vorkommen, bei denen man also davon ausgehen kann, dass Sprecher in Dakar sie systematisch benutzen. So spricht z.B. das bereits oben genannte Wechseln zwischen Subjekt-Klitikon und Verb gegen die FHC.

Die FHC besagt zudem, dass ein Sprachwechsel zwischen C0und IP nicht möglich sein sollte (vgl. Belazi et al. (1994:228). Solche Fälle sind in den Daten jedoch 24 mal vorhanden, z.B.

„Il paraît que amoon na been bal lycée

es scheint dass haben+ „-oon“[Vergangenheit] 3.sg.aff.perf.ass.term. ein [Zahlwort] Ball Gymnasium

bi.“ (S.136)

sg.déf.proche

„Es scheint, dass es einen Ball im Gymnasium gegeben hat.“

„Parce que parfois dangay gis been afeer boo xam ne c’est très clair.“

weil manchmal 2.sg.aff.imperf.ass.pro. sehen eine Sache sg.dém. wissen dass es ist sehr klar

(S. 146)

„Weil manchmal siehst du eine Sache, du weißt, dass sie sehr klar ist.“

„Tu te dis que wolof nga.“

du dir sagst dass Wolof 2.sg.aff.perf.ass.term.

„Du sagst dir, dass du Wolof bist.“

Fünfmal handelt es sich dabei um das subjungierende „que“, einmal kommt das WolofPendant „ne“ vor. Bei den anderen 18 Fällen handelt es sich um konjugierende Komplementierer aus dem Französischen wie „mais“, „après“ oder „puisque“.

Darüber hinaus widersprechen Wechsel zwischen einem Quantifizierer oder einem Artikel und der dazugehörigen NP der FHC. Insgesamt 51 mal kommt dergleichen vor. Damit ist dies die größte Gruppe von Codeswitching-Fällen. Fast immer wird ein französisches Nomen mit einem definiten Wolof-Artikel benutzt, wie z.B. „carnet bi“ (S. 119) („das Notebook“) oder „chapitre bi“ (S. 271). Es finden sich auch einige Beispiele für einen Wechsel zwischen einem indefiniten Artikel und dem Nomen, wie „ay mots français“ (S.146) („französische Wörter“). Beispiele für Quantifizierer sind „weeru benn jour“ (S. 8) („der Mond des ersten Tages“) und „benn bal lycée bi“ (S. 136) („ein Ball am Gymnasium“). Letzteres enthält sogar noch den definiten Artikel „bi“, der sich auf „lycée“ bezieht.

Zweimal tauchen noch Fragewörter auf Wolof mit einer französischen NP auf. Da nach Tellier (1996:194) die Fragewörter nach einer wh-Bewegung in D0unterhalb von SpecCP stehen, und die NP von D0kommandiert wird, dürften auch diese Sprachwechsel der FHC zufolge nicht auftreten.

Insgesamt 92 der 209 Fälle von Codeswitching widersprechen der FHC. Das sind 44 Prozent. Zwei Sprachwechsel konnte ich nicht genau zuordnen.

3.3.) MLF-Modell

Als Gegenbeispiele für das MLF Modell würden ML+EL-Konstituenten zählen, in denen entweder outsider late system morphemes aus der EL oder eine Morphemreihenfolge, die der EL, nicht aber der ML, entspricht, zu finden sind.

Anhand der vorliegenden Sprachdaten von Swigart (1992) ist es allerdings recht schwierig das Modell von Myers-Scotton zu überprüfen. Denn zumeist liegen nur kurze Ausschnitte aus den aufgezeichneten Interviews bzw. Gesprächen vor. Es ist also oft nicht möglich, die ML zu bestimmen. Anhand des psycholinguistischen Kriteriums ist nur dann eine Bestimmung möglich, wenn Swigart in ihrer Arbeit Auskunft darüber gibt, in welcher Sprache der jeweilige Sprecher kompetenter ist. In diesen Fällen muss ich mich auch auf diese Information verlassen. Ich kann sie nicht überprüfen.

Bezüglich des soziolinguistischen Kriteriums ist zu sagen, dass in Senegal Wolof auf jeden Fall dominanter ist als Französisch. Deutlich mehr Menschen sprechen Wolof als Französisch. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Senegalesen in aller Regel auch über eine höhere Kompetenz in Wolof verfügen als in Französisch. Oft wird Französisch erst und nur im Kindergarten und in der Schule gelernt, während im privaten Umfeld Wolof dominiert. Dieser Eindruck ist jedoch rein subjektiv und kann nur als Orientierung, nicht als wissenschaftliches Kriterium dienen. Swigart (1992) argumentiert, dass in Dakar ein separater urban code gesprochen werde. Das Urban Wolof sei - wie der Name bereits zeigt - Wolofdominant. Dies bestätigt zumindest meinen Eindruck.

Da die Sprachdaten meist nur in kurzen Ausschnitten vorliegen, ist es schwierig anhand des dritten Kriteriums - der Häufigkeit von Morphemen - zu bestimmen, welche Sprache jeweils die ML ist.

In aller Regel bin ich also bei der Analyse der Daten davon ausgegangen, dass Wolof die jeweilige ML ist, es sei denn, es war aufgrund der Bemerkungen von Leigh Swigart oder aufgrund der deutlich höheren Anzahl von französischen Morphemen in der Äußerung anzunehmen, dass die ML Französisch ist.

Eine erste Erklärungsschwierigkeit bekommt das MLF Modell bei der französischen Präposition „sans“. Ein adäquater Ausdruck in Wolof existiert nicht, so dass die zweite CP in einer solchen Konstruktion zwangsläufig die Morphemfolge des Französischen hat. In diesem Fall ist die ML eindeutig Wolof. Damit liegt hier ein Gegenbeispiel für das Morpheme-Order Principle vor.

„Mën naa la tontu ci li nga may

können 1.sg.aff.perf.ass.term. dir antworten auf das 2.sg.aff.perf.ass.term. mich+y [Imperfektiv-Markierer]

laaje ci olof sans boole ces mots tubaab.“ (S. 1)

fragen auf Wolof ohne mischen diese Wörter weiß

„Ich kann auf das, was du mich fragst, auf Wolof antworten, ohne diese französischen Wörter einzumischen.“14

Das Systemmorphem „ces“ dürfte als frühes Systemmorphem eingeordnet werden, da es in sich eine Intention des Sprechers trägt. Also ist dessen Verwendung nach dem 4-M Modell in Ordnung. Jedoch widerpsricht auch hier die Morphemfolge dem Morpheme-Order Principle. Demonstrativbegleiter stehen wie definite Artikel in Wolof hinter dem Nomen; „ces mots“ übersetzt hieße „baat yii“ (baat=Wort; yii=Dem.Pl.).

Man könnte dafür argumentieren, dass nach der ersten CP bis einschließlich „olof“ ein Wechsel der ML erfolgt. Dann hätten jedoch die ersten beiden Kriterien zur Bestimmung der ML überhaupt keine Bedeutung. Und auch das dritte Kriterium der Morphemhäufigkeit wäre vollkommen arbiträr. Zwar sind drei der fünf Morpheme in der zweiten CP auf Französisch, dies jedoch als Evidenz für einen ML-Wechsel zu deuten, halte ich für ausgesprochen fraglich. Denn zum einen stehen im etwas größeren Zusammenhang deutlich mehr Morpheme auf Wolof. Und zum anderen würde dies de facto bedeuten, dass man zur Bestimmung der Morphemzahl im Zweifel einfach den richtigen Ausschnitt wählen muss, sollten die Prinzipien des MLF Modells etwas anderes vorhersagen als tatsächlich vorliegt.

Schwierig zu erklären ist auch das folgende Beispiel:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser Ausschnitt enthält 19 Wolof-Morpheme und 11 Französisch-Morpheme (ohne die vier Plural-Markier, da man diese nicht spricht). Man sollte also davon ausgehen, dass hier die ML ebenfalls Wolof ist. Der Teil „et puis c’est petit“ ist in Ordnung, da es sich hierbei um eine EL-Insel handelt. Jedoch widerspricht die nachfolgende CP dem morpheme-order principle. Denn Adjektive stehen in Wolof nach dem Nomen, das sie näher beschreiben. Sie werden mit dem Markier der Nominalklasse (meist b-) und dem Suffix -u angehängt (z.B. kër bu rafet=Haus das schön). Also müsste der folgende Satz auf Wolof „benn kii bu ndaw la“ (benn=eine; kii=Sache; bu=Det.Sg.; ndaw=klein; la=3.sg.aff.perf.ass.obj.) heißen.

Selbst wenn man annimmt, dass in dem Abschnitt ab „et puis“ bis „kii la!“ die ML Französisch ist, widerspricht die Morphemfolge des Teils „un tout petit kii la“ dem Morpheme-Order Principle. In Französisch müsste der Satz „c’est une toute petite chose“ heißen.

Im folgenden Beispiel folgt das Adjektiv dem Nomen ohne die nötige Wolof-Konstruktion. Das Morphem „bu“, das in Wolof eigentlich dort stehen müßte, wurde weg gelassen. Muttersprachler, die in Dakar aufgewachsen sind, beurteilen diesen Satz aber als durchaus korrekt.

„Yaa ngiy làkk olof normal.“

2.sg.aff.imperf.ass.sit. sprechen Wolof normal

„Du sprichst ein gutes/normales Wolof.“

Beispiele, bei dem ein late outsider system morpheme auf Wolof in eine Passage eingefügt wurde, bei der die ML Französisch ist, finden sich auch. Die beiden Sprecher bei der Unterhaltung, aus der folgender Ausschnitt ist, sind hoch gebildet und ihr Gespräch ist - wie ihr alltäglicher Gebrauch der Sprache wie Swigart hervorhebt (S. 148) - Französisch- dominant. In dem Gespräch sowie auch in den einzelnen Passagen finden sich stets deutlich mehr Morpheme auf Französisch als auf Wolof.

„Ils ont un an d’ avance, parce que ñoom à cinq ans lañu dugg

sie haben ein Jahr von Vorsprung weil sie bei fünf Jahren 3.pl.aff.perf.ass.obj. eintreten

école.“ (S. 149)

Schule

„Sie haben ein Jahr im voraus, weil sie mit fünf Jahren mit der Schule beginnen.“

Die Frage, die sich in diesem Fall stellt, ist, ob es sich bei „lañu dugg“ um eine EL-Insel handelt. Ich würde aber eher sagen, das „lañu dugg“ in Kombination mit „école“ eine ML+EL-Konsituente darstellt. Demnach dürfte das Subjektpronomen „lañu“ (3.Pers.Pl.) hier nicht auftauchen. Dies widerstößt gegen das system morpheme principle.

Gleiches gilt für folgende Passage:

„Tu leur dis un bonjour, ñu comprendre ko.“ (S. 149)

du ihnen sagst einen Guten Tag, 3.pl.aff.perf.ass.subj. verstehen es

„Du sagst ihnen Guten Tag, sie verstehen es.“

Es ließen sich noch einige weitere Beispiele anführen, die nicht mit den Prinzipien des MLF Modells vereinbar sind. Es handelt sich dabei meistens um Widersprüche zu dem morphemeorder principle, deutlich weniger zu dem system morpheme principle. Da in diesem Modell die Beschränkungen beim Codeswitching anders beschrieben werden als bei den ersten beiden, ist eine vergleichbare Quantifizierung der falschen Vorhersagen nicht möglich. Jedenfalls zeigen obige Beispiele bereits, dass auch das MLF Modell die Sprachwechsel in Dakar nicht völlig richtig vorhersagt.

Jedoch können viele Beispiele, die mit der GC und der FHC nicht vereinbar sind, vom MLF Modell erklärt werden, wie „Débrancher nga frigo bi xanaa?“ (s.o.). Hier wurden zwei französische Morpheme in die Wolof-Struktur übernommen. Alle Systemmorpheme stammen dabei aus Wolof. Festzustellen ist, dass sich für die Modelle von Myers-Scotton (1993/2000) insgesamt deutlich weniger Gegenbeispiele finden lassen.

Haust (1995) hat das Modell von Myers-Scotton als recht zutreffende Analyse für das Codeswitching in Gambia zwischen Wolof, Englisch und Mandinka in Betracht gezogen.

Jedoch wählt sie eine andere Terminologie für die Embedded Language (EL). Sie spricht von der „Sprache der Insertionen“ (IL) (S.62). Sie definiert dabei auch genauer, wann ihrer Ansicht nach ein Wechsel der ML stattfindet.

„Bei Betrachtung der Sprachdaten aus dem Korpus ist auffallend, daß in den meisten Fällen von Codeswitching, d.h. dem Phänomen, das ich als Codeswitching definiere, ein Zurückschalten zur ursprünglichen Sprache stattfindet. Dabei wird eine grammatische Einheit aus der LB in eine Äußerung der LA eingefügt. Derartige Fälle fasse ich unter dem Begriff Insertion zusammen. Sofern nicht nach einer semantisch- syntaktischen Einheit zurückgeschaltet wird, handelt es sich um einen ML-Wechsel.“ (Haust 1995:77)

Bei den IL-Insertionen unterscheidet sie noch zwischen einzelnen Morphemen und ganzen IL- Konstituenten, die eingefügt werden. Einzelne Morpheme unterteilt sie in drei Gruppen: Diskursmarker, grammatische Morpheme und lexikalische Morpheme, die wiederum noch modifiziert werden können, entweder durch die ML ([+/-ML]) oder durch die IL ([+/-IL) (vgl. Haust (1995:79).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Interessant für die Überprüfung des system morpheme principle sind also vor allem die Kategorien 3,4,6 und 7. So es sich hierbei um late outsider system morphemes handelt, stellen sie Gegenbeispiele für das Prinzip dar.

Zunächst ist festzustellen, dass die Kategorien nur einen geringen Teil aller Codeswitching- Fälle ausmachen. 0,4% aller Sprachwechsel sind Codeswitching-Formen der Kategorie 3. Es handelt sich dabei z.B. um englische Pluralmarkier angehängt an englische Nomen. Kategorie 4 stellt die Kategorie dar, die Myers-Scotton als „double morphology“ (vgl. Myers-Scotton 2000:1072ff.) bezeichnen würde. 1,8% aller Codeswitching-Formen fallen in diese Kategorie. Auch hier handelt es sich vor allem um Pluralmorpheme, also early system morphemes. In die Kategorie 5 fallen 0,7% der Sprachwechsel. Meist handelt es sich dabei um die finale Infinitvkonjunktion „pur“ (=damit) aus Wolof15. Formen der Kategorie 6 kommen ein wenig häufiger vor. Sie machen 5,9% aus. Es sind v.a. Konjunktionen und Präpositionen, die thematische Rollen zuweisen, also content morphemes.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass auch bei Haust (1995) kaum Gegenbeispiele für das system morpheme principle zu finden sind. Dagegen ließen sich wiederum deutlich mehr Fälle nennen, bei denen das morpheme-order principle verletzt wird.

4.) Schlußfolgerung

Es scheint zunächst als könne das MLF Modell unterstützt von dem 4-M Modell das Codeswitching in Senegal am besten beschreiben. Jedoch muss ich zum einen kritisieren, dass die Kriterien zur Bestimmung der ML ziemlich unbestimmt sind. Zum anderen habe ich nur eine negative Überprüfung durchgeführt. D.h. ich habe nur nach Gegenbeispielen gesucht, die von dem jeweiligen Modell ausgeschlossen werden. Für eine genauere Analyse müsste man jedoch auch untersuchen, welche Stellen für Codeswitching jeweils zulässig sind und anschließend überprüfen, ob solche Sprachwechsel tatsächlich vorkommen. Denn ansonsten könnte man einfach ein Prinzip formulieren, das kaum Restriktionen in sich trägt. In diesem Fall ließen sich kaum oder keine Gegenbeispiele finden. Für eine Beschreibung des Codeswitching-Phänomens wäre es indes ungeeignet. Wünschenswert ist also eine theoretische Beschränkung, die möglichst restriktiv ist und nur die Sprachwechsel zulässt, die auch tatsächlich vorkommen.

Diese Bedingung kann vor allem das system morpheme principle nicht erfüllen. Myers- Scotton sagt, dass neben content morphemes auch early system morphems und late bridge system morphemes in ML+EL-Konsituenten auftauchen können. Dies tun sie aber de facto fast nie.

Es spricht aber vieles dafür, von einer dominanten Sprache wie der Matrixsprache auszugehen. Denn auffällig ist, dass bei den meisten Sprachwechseln (93,4%), die gegen die FHC sprechen, ein einzelnes Wort - meist Verb oder Nomen - aus Französisch in eine Wolof-Konstruktion integriert wird. Dies könnte dahingehend interpretiert werden, dass Insertionen von einzelnen Inhaltswörtern aus der nicht-dominanten Sprache erlaubt sind, also spontane Entlehnungen (nonce loans). Ansonsten gelten die Regeln der FHC. So könnten fast alle (86) der 92 Gegenbeispiele für die FHC erklärt werden. Lediglich die Wechsel nach den subjungierenden Komplementierern „que“ und „ne“ könnten damit nicht erfasst werden.16 Bei der GC wäre dies nicht so eindeutig.

Diese Regelhaftigkeit würde zudem gegen die Theorie von Swigart sprechen. Bei einem urban code, von dem sie annimmt, dass er in Dakar existiert, würden die Sprecher recht arbiträr zwischen den Sprachen wechseln.

Meiner Auffassung nach handelt es sich folglich in Dakar um eine Sprachgemeinschaft, in der Codeswitching zwischen einer dominanten (Wolof) und einer hierarchisch untergeordneten Sprache (Französisch) die Regel ist. Diese regelgeleiteten Sprachmischungen lassen sich mit Hilfe der FHC in Kombination mit der Theorie der nonce loans am besten erklären, mit der zusätzlichen Beschränkung, dass nur Inhaltswörter aus der dominanten Sprache in die andere entliehen werden dürfen.

Poplack & Meechan (1995) haben sich mit der Nominal-Struktur bei Wolof-Französisch- Mischungen befasst. Auch sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich bei den französischen Nomina, die als einzelne Wörter in Wolof-Diskurse eingesetzt werden um Entlehnungen handelt, seien es spontane oder etablierte.

5.) Literatur

Baars, C. (unveröffentl.): Das Autauchen von INFL. Der Erwerb von Subjektsklitika bei einem bilingualen Wolof-Französischen Kind. Inst. f. Romanistik, Universität Hamburg.

Belazi, H. M., Rubin, E. J. & Toribio, A. J. (1994): Code switching and X-bar theory: The functional head constraint. In: Linguistic Inquiry, 25, S. 221-237.

CIA - World Factbook 2000: http://www.odci.gov/cia/publications/factbook/geos/sg.html

Fal, A., Santos, R. & Doneux, L. (1990): Dictionnaire wolof-français. Karthaly, Paris.

Haust, D. (1995): Codeswitching in Gambia. Eine soziolinguistische Untersuchung von Mandinka, Wolof und Englisch in Kontakt. Köppe Verlag, Köln.

Levelt, W. J. M. (1989): Speaking: From intention to articulation. MIT Combany, Cambridge, Mass..

Meisel, J. M. (1994): Code-switching in young bilingual children: The acquisition of grammatical constraints. In: Studies in Second Language Acquisition, 16, S. 413-439.

Myers-Scotton, C. (1993): Duelling languages: Grammatical structure in codeswitching. Clarendon Press. Oxford.

Myers-Scotton, C. & Jake, J. L. (2000): Four types of morpheme: evidence from aphasia, code switching, and second language acquisition. In: Linguistics 38, S. 1053-1100.

Poplack, S. & Meechan, M. (1995): Patterns of language mixture: Nominal structure in Wolof-French and Fongee-French bilingual discourse. In: L. Milroy & P. Muysken (Hrsg.): One speaker - two languages: Cross-disciplinary perspective on code-switching. Cambridge University Press, Cambridge, S. 199-232.

Poplack, S & Sankoff, D. (1984): Borrowing: the synchrony of integration. In: Linguistics 22, S. 99-135.

Robert, S. (1991): Approche énonciative du système verbal: le cas du Wolof. Editions du Centre National de la Recherche Scientifique, Paris.

Sankoff, D. & Poplack, S. (1981): A formal grammar for code-switching. In: Papers in Linguistics 14, S. 3-45.

Sciullo, A. M. di, Muyken, P. & Singh, R. (1986): Government and code-mixing. In: Journal of Linguistics 22, S. 1-24.

Swigart, L. (1992): Practice and perception: Language use and attitudes in Dakar. Ann Arbor, Washington.

Tellier, C. (1996): Éléments de syntace du français. Méthodes d’analyse en grammaire générative. Les presses de l’Université de Montréal, Montréal.

6.) Anhang

beide Tabellen sind entnommen aus Fal et al. (1990:20 und 25)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 vgl. z.B. Meisel (1994:414)

2 vgl. z.B. Meisel (1994:414)

3 Myers-Scotton (1993:27ff.) faßt einige der Gegenbeispiele zusammen

4 vgl. di Sciullo et al. (1986:3)

5 andere Autoren bezeichnen diese Kategorie als Q

6 vgl. CIA - World Factbook 2000 unter http://www.odci.gov/cia/publications/factbook/geos/sg.html

7 vgl. zu den Charakteristika von Wolof: Haust (1995):88ff.

8 vgl. Fal et al. (1990:22ff.) sowie Robert (1991)

9 vgl. Baars (unveröffentl.:7f.)

10 vgl. Baars (unveröffentl.)

11 Unter einem satzinternen Codeswitching verstehe ich einen Sprachwechsel innerhlab einer CP. Zwei innerhalb eines Satzes aufeinanderfolgende CPs (z.B. „Ma ne ko on allait voir.“ (Ich habe ihm gesagt, wir würden sehen.“, S. 278)) habe ich nicht mitgezählt.

12 Zur Bestimmung der Nominalklasse sowie der Verbform beziehe ich mich auf die Systematisierung nach Fal et al. (1990:20 und 25). Im Anhang findet sich eine Kopie der Tabellen. Ich habe die französischen Bezeichnungen daraus übernommen. In diesem Fall bedeuten die Abkürzungen bspw. folgendes: pluriel, affirmatif, perfectif, injonctif, impératif.

13 die Präposition „ci“ ist eine Art „Allround-Präposition“. Sie kann je nach Kontext zahlreiche verschiedene Bedeutungen haben, wie z.B. auf, von, zu...

14 ein weiteres Beispiel aus Swigart (1992:49): „Mën naa làkk olof sans làkk ‚faranse‘“. („Ick kann Wolof sprechen, ohne Französisch zu sprechen.“), s.a. S. 145

15 bei „pur“ handelt es sich um ein etabliertes Lehnwort

16 Bei den konjugierenden Komplementierern handelt es sich meiner Ansicht nach um Inhaltswörter.

24 von 25 Seiten

Details

Titel
Syntaktische Beschraenkungen beim Codeswitching zwischen Wolof und Franzoesisch im Senegal
Hochschule
Universität Hamburg
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V104384
ISBN (eBook)
9783640027286
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Syntaktische, Beschraenkungen, Codeswitching, Wolof, Franzoesisch, Senegal
Arbeit zitieren
Christian Baars (Autor:in), 2001, Syntaktische Beschraenkungen beim Codeswitching zwischen Wolof und Franzoesisch im Senegal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104384

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