Einigkeit und Recht und Freiheit: zur musikalisch-politischen Geschichte der deutschen Nationalhymne.


Hausarbeit, 1995

11 Seiten


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Einleitung

Derjenige, der den Mut hat, bis in die späte Nacht vor dem Fernseher zu sitzen, müßte schon mal den Sendeschluß auf ZDF gesehen haben. Täglich sendet man dort die 3. Strophe des Deutschlandliedes, jetzt auch offiziell Nationalhymne des wiedervereinigten Deutschlands. Jeden Tag gibt es andere Bilder und einige Sätze zur Erklärung der deutschen Geschichte. Aber auch bei einer Fußballweltmeisterschaft oder bei den Olympischen Spielen hört man das Singen von

»Einigkeit und Recht und Freiheit«.

Das Spielen und Singen der Nationalhymne in Deutschland war aber nicht immer so selbstverständlich, und ist es vielleicht auch heute noch nicht. Wie kommt denn das? Wie entstand diese Musik, die fast jeder kennt und mitsummen kann? Was für einen Text singt man dazu? Und woher kommt die Kritik? Das sind alles Fragen, deren Antworten ich Ihnen in der nächsten Vorlesung geben werde. Man soll aber kein musikalisches Märchen erwarten, sondern eher mit einem politischen Alptraum rechnen.

»Gott, erhalte den Kaiser!«: Eine Haydn´sche Hymne für Kaiser Franz II.

Die musikalische Geschichte der deutschen Nationalhymne fängt schon 1797 an. Die Truppen Napoleons zogen unter dem Singen der Marseillaise auf Wien zu. Als eine Art Gegenhymne verfaßt der Theologe und Dichter Lorenz Leopold Haschka im Auftrag des Grafen Franz Josef von Saurau den Text »Gott! erhalte Franz den Kaiser«. Das Lied sollte die Einigkeit des Volkes betonen und die Bedrohung der Franzosen entgegensetzen. Die Melodie (Hob. XXVIa:43) ist von Joseph Haydn komponiert worden. Das Lied erklang zum ersten Mal am 12. Februar zum Geburtstag des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Franz II. In einem derzeitigen Bericht heißt es:

»Um die Wiener während der Krisenzeit in bessere Stimmung zu bringen, spielte abends das Hoftheater eine beliebte Komische Oper [...] Noch vor Beginn der Operette hatte man den Haschkaschen Text auf Flugblättern im Theater verteilt, um die Hymne singen zu lassen, sobald der Kaiser die Loge betrat.«

Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B4], S. 32

Von diesem Lied bestehen kaum Tonaufnahmen. Auf CD gibt es gar nichts, aber eine Schallplatte wurde gefunden. Die Aufnahme, die Sie jetzt hören werden, enthält leider nur die erste und die letzte Strophe des Ganzen. Sie bekommen aber den vollständigen Text dazu.

Ausschnitt: Tonaufnahme [2'05"]: siehe Quellenverzeichnis [T2]

Gott, erhalte den Kaiser!

L.L. Haschka (1797)

1. Gott, erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz!

Lange lebe Franz der Kaiser

in des Glückes hellstem Glanz! Ihm erblühen Lorbeerreiser, wo Er geht, zum Ehrenkranz! Gott, erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz!

2. Laß von Seiner Fahnen Spitzen Strahlen Sieg und Furchtbarkeit! Laß in Seinem Rate sitzen Weisheit, Klugheit, Redlichkeit Und mit Seiner Hoheit Blitzen Schalten nur Gerechtigkeit! Gott, erhalte Franz den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!

3. Ströme deiner Gaben Fülle Über Ihn, Sein Haus und Reich!

Brich der Bosheit Macht;] enthülle Jeden Schelm- und Bubenstreich! Dein Gesetz sei stets Sein Wille, Dieser uns Gesetzen gleich!

Gott, erhalte Franz den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!

4. Froh erleb Er Seiner Lande, Seiner Völker höchsten Flor! Seh sie, eins durch Bruderbande, Ragen allen andern vor

Und vernehme noch am Rande Später Gruft der Enkel Chor: Gott, erhalte Franz den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!

In: siehe Quellenverzeichnis [B7], S. 89

Nach der Veröffentlichung der Haydn´schen Melodie entstanden bald verschiedene Variationstexte. So gibt es z.B. »Von der Donau Blumenstrande, kam die kaiserliche Braut«. Dieses Lied wurde 1819 zur Ehefeier der Erzherzogin Carolina Ferdinanda, Tochter des Kaisers Franz II., gesungen.

Es gibt auch viele Übersetzungen. Eine der meist merkwürdigen ist vielleicht die Siebensprachige Version »Patriotisches Volkslied der österreichischen Unterthanen, in der deutschen, slawischen, polnischen, ungarischen, böhmischen, italienischen und lateinischen Sprache«, die 1831 zur Feier des 63. Geburtstages des Kaisers Franz II. geschrieben wurde.

Dass Haydn diese Musik wirklich liebte, zeigt sich durch eine mehrfache Fragmentverwendung in anderen Werken. Am bekanntesten ist wahrscheinlich eine Bearbeitung der Kaiserhymne für den zweiten Satz seines Kaiserquartetts (Opus 76 Nr. 3;] Hob. III:77), dessen Erstaufführung September 1797 statt fand.

In der nächsten Aufnahme hören Sie die ersten zwei Variationen aus dem zweiten Satz des Kaiserquartetts. Die Melodie ist leicht zu erkennen.

2. Ausschnitt: Tonaufnahme [2'25"]: siehe Quellenverzeichnis [T3]

Jetzt hören Sie ein Fragment des Trompetenkonzerts, das Haydn erst später verfasst hat. Er verwendet ein Stück derselben Melodie, das aber so kurz ist, dass man es nur nach einigem Zuhören wieder erkennen kann.

3. Ausschnitt: Tonaufnahme [2'40"]: siehe Quellenverzeichnis [T4]

Zur wirklichen Anwendung dieser Kaiserhymne als Nationalhymne kam es nicht. Erstaunen sollte das eigentlich kaum: Wie könnte es eine National hymne geben, ohne daß es einen National staat gab. Manche Volkslieder aber hatten den Status einer Hymne, wie z.B. »Heil dir im Siegerkranz« (1793; Musik gleichwie das englische »God save the king«), »Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein« (1840; Auf diese Musik wurde später die flämische Hymne »De Vlaamse leeuw« vertont) und »Die Wacht am Rhein« (1840).

»Ich habe ein Lied gemacht...«:

Hoffmann von Fallersleben und sein »Lied der Deutschen«

Nach dem Sieg Napoleons im Jahre 1806 proklamiert Kaiser Franz II. das Ende des Ersten Deutschen ›Heiligen Römischen ‹ Reiches.

1815 schafft der Wiener Kongreß einen neuen Deutschen Bund. Dieser Bund ist ein Zusammenschluß von 39 Staaten unter denen das Kaiserreich Österreich und 4 freie Städte: Bremen, Frankfurt am Main, Hamburg und Lübeck. Ein deutscher Nationalstaat gab es also immer noch nicht.

Rund 1817 versammeln sich Mengen von Studenten und Professoren in sogenannten Burschenschaften. Sie demonstrierten für Einheit und Freiheit. Bald aber wurden diese Burschenschaften vom österreichischen Fürsten Metternich verboten: Er sah sie als eine Bedrohung für die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie.

Einer der Mitglieder so einer Burschenschaft, war der 1798 geborene August Hoffmann von Fallersleben, damaliger Professor für Germanistik. Auch er setzte sich für die Vereinigung Deutschlands ein.

1841 besuchte er die Insel Helgoland, in der Zeit noch englischer Besitz. Während seiner Spaziergänge dachte er oft an das geteilte Deutschland. Wie von selbst entstand in seinen Gedanken das »Lied der Deutschen«. In seiner Autobiographie schreibt von Fallersleben:

»Wenn ich dann so wandelte einsam auf der Klippe, nichts als Meer und Himmel um mich sah, da ward mir so eigen zumute, ich mußte dichten [...] So entstand am 26. August das Lied ›Deutschland, Deutschland über alles! ‹«

Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B6], S. 10

Schon am 1. September 1841 wurde das Lied, mit der Haydn´schen Musik arrangiert für Singstimme und Klavier oder Gitarre, vom Hamburger Verlag Campe veröffentlicht. Auf dem Titelblatt liest man:

DAS | LIED DER DEUTSCHEN | VON | HOFFMANN VON FALLERSLEBEN. | MELODIE NACH JOSEPH HAYDN´S | ›GOTT ERHALTE FRANZ DEN KAISER | UNSERN GUTEN KAISER FRANZ ‹ | ARRANGIRT FÜR DIE SINGSTIMME | MIT BEGLEITUNG DES PIANOFORTE ODER DIE GUITARRE. | (TEXT EIGENTUM DER VERLEGER.) | 1 SEPTEMBER 1841. | HAMBURG, BEI HOFFMANN UND CAMPE. | STUTTGART, BEI PAUL NEFF. | PREIS 8 G GR.

In: siehe Quellenverzeichnis [B3], Band III, S. 374

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Details

Titel
Einigkeit und Recht und Freiheit: zur musikalisch-politischen Geschichte der deutschen Nationalhymne.
Autor
Jahr
1995
Seiten
11
Katalognummer
V104412
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einigkeit, Recht, Freiheit, Geschichte, Nationalhymne
Arbeit zitieren
Vanhoucke, Patrick (Autor), 1995, Einigkeit und Recht und Freiheit: zur musikalisch-politischen Geschichte der deutschen Nationalhymne., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104412

Kommentare

  • Gast am 4.12.2001

    Lob.

    Hallo,
    Zuerst möchte ich Ihnen/Dir meinen großen Respekt aussprechen! Ich besuche zur Zeit die 12. Klasse und habe Geschichte als Leistungsfach. Ihre/Deine Arbeit hat mich sehr beeindruckt! Es ist wirklich kein Detail verschwiegen oder missverständlich ausgedrückt. Ich bedanke mich im voraus Ihre/Deine Erkenntnis zur Weiterverwertung und Beteiligung verwenden zu dürfen. Jetzt mal ernsthaft, das war echt super-klasse!!!
    Grüße Susanne

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