Nietzsche und Freud


Hausarbeit (Hauptseminar), 1995
12 Seiten, Note: 1

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Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche - Parallelen und Dissonanzen

„Eigentlich ist alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich auseinanderdachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen: breittrat - alles das hatte sich bereits bei Nietzsche aus gesprochen und erschöpft, definitive Formulierung gefunden, alles weitere war Exegese. Seine gefährliche stürmische blitzende Art, seine ruhelose Diktion, sein Sichversagen jeden Idylls und jeden allgemeinen Grunds, seine Aufstellung der Triebpsychologie, des Konstitutionellen als Motiv, der Physiologie als Dialektik ->Erkenntnis als Affekt<, die ganze Psychoanalyse, der ganze Existentialismus, alles dies ist seine Tat.“1

So Gottfried Benn in seiner Rede Nietzsche nach 50 Jahren von 1950.

Wie? fragt man unwillkürlich - was hat denn Nietzsche mit der Begründung der Psychoanalyse zu tun? Schön, Nietzsche gilt als Seelenerrater, aber deshalb gleich Sigmund Freud selbst als Vater der Psychoanalyse vom Thron zu stürzen, auch wenn Nietzsche einmal gesagt hat: „der Mensch, der sich mitteilt, wird sich selber los, und wer >bekannt< hat, vergißt“2, allerdings zu „Ehren der priesterlichen Naturen“ und zur Beichte und nicht etwa zum Verhältnis von Analytiker und Analysand.

Trotzdem sind die Überschneidungen und Vorwegnahmen von Freud durch Nietzsche verblüffend. das bleibt keineswegs in der recht banalen Feststellung verhaftet, sie seien beide misogyn gewesen, daß sie beide von der Philosophie Schopenhauers beeinflußt waren, was Freud nur zögernd und erst sehr spät zugab und Nietzsche in späten Jahren zu vernichtender Kritik trieb. Keineswegs bleibt es bei der Übereinstimmung, daß beide für die Früchte ihrer Erkenntnisse antike Paten wählten, wie Apoll, Dionysos oder Ödipus, oder daß sie sich an den zeitgenössischen, heute offenbar überholten oder doch stark modifizierten Lehren der zeitgenössischen Naturwissenschaftler orientierten - Da ist noch mehr.

„Von der Existenz des Ichs weiß man erst, wenn es weh tut,“ schrieb Franz Werfel bei einer Gelegenheit. Die Einteilung des menschlichen Bewußtseins in einen wachen und einen triebhaften Teil nimmt Nietzsche schon in seinem Erstlingswerk Die Geburt der Tragödie vor - über den Umweg der Kunst. Zunächst werden Traum und Rausch noch getrennt - im vielzitierten Appolinischen und Dionysischen und ihren etwas gewollt scheinenden Zuordnungen der Künste. Die ästhetische Betrachtungsweise schlägt jedoch sehr schnell ins psychologische um, und streicht man dem jungen Nietzsche einige Adjektive, aber nicht allzuviele, scheint man Sigmund Freud selbst reden zu hören, 28 Jahre vor dem Erscheinen seiner Traumdeutung: „ So gewiß von den beiden Hälften des Lebens, der wachen und der träumenden Hälfte, uns die erste als die ungleich bevorzugtere, wichtigere, würdigere, liebenswertere, ja allein gelebte dünkt, so möchte ich doch, bei allem Anschein einer Paradoxie (...) gerade die entgegengesetzte Wertschätzung des Traums behaupten.“3 Der Stellenwert, den Nietzsche dem Traum einräumt, hat in der Geburt der Tragödie noch fast ausschließlich Züge dessen, was Freud eine Generation später unter dem Begriff Wunscherfüllung fassen wird4. Noch ist Nietzsche vom Schöpferischen des Traums gebannt - „Tatsachen, welche deutlich Zeugnis dafür abgeben, daß unser innerstes Wesen, der gemeinsame Urgrund von uns allen, mit tiefer Lust und freudiger Notwendigkeit den Traum an sich erfährt.“5 Aber schon im Rahmen seines Erstlings schildert Nietzsche das Appolinische als das traumdeutende Element, während der Traum mehr und mehr dionysische, rauschhafte Züge annimmt, bis schließlich im Spätwerk Kloaken der Seele6 aufgespürt werden.

„Ist ihnen nicht bekannt, wie unbeherrscht und unzuverlässig der Durchschnitt der Menschen in allen Angelegenheiten des Sexuallebens ist? Oder wissen Sie nicht, daß alle Übergriffe und Ausschreitungen, von denen wir nächtlich träumen, alltäglich von wachen Menschen als Verbrechen wirklich begangen werden? Was tut die Psychoanalyse hier anderes als das alte Wort von Plato bestätigen, daß die Guten diejenigen sind, welche sich begnügen von den zu träumen, was die anderen, die Bösen wirklich tun?“ schreibt Freud 1917 dazu in seiner 9. Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse.7

Die Einschätzung der Traumarbeit, sie bestünde aus verdrängten Triebwünschen trifft Nietzsche zwar nicht explizit, der Mechanismus der Verdrängung von Unliebsamem ins Unbewußte war ihm aber sehr wohl bekannt, was einer von vielen Aphorismen deutlich macht: „>Das habe ich getan<, sagt mein Gedächtnis, >Das kann ich nicht getan haben< - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - gibt das Gedächtnis nach.“8 In der Beschreibung der Traumarbeit nimmt Nietzsche Freud immer wieder vorweg, was wir am Beispiel der Wunscherfüllung schon gesehen haben. Es scheint, als seien verstreuten Äußerungen aus Nietzsches Gesamtwerk in einigen Vorlesungen kondensiert und empirisch untermauert - Beispielsweise. „ Wir machen es auch im Wachen wie im Träume: Wir erfinden und erdichten erst den Menschen, mit dem wir verkehren - und vergessen es sofort.“9 Das Ganze auf wienerisch: „ Wenn Sie wollen, können Sie den Namen Verdichtung für diesen letzten Vorgang allein reservieren (...). Aus Ihren eigenen Träumen werden Sie sich mühelos an die Verdichtung verschiedener Personen zu einer einzigen erinnern. Eine solche Mischperson sieht etwa aus wie A, ist aber gekleidet wie B, tut eine Verrichtung, wie man sie von C erinnert, und dabei ist noch ein Wissen, daß diese Person D ist. Durch diese Mischbildung wird natürlich etwas den vier Personen Gemeinsames hervorgehoben.“10

In seinen früheren Schriften, wie zum Beispiel der Traumdeutung von 1900 und Totem und Tabu von 1913 ist für Freud vor allem das Lustprinzip Triebfeder der menschlichen Psyche und verdrängte Sexualität hauptsächliche Ursache für zwangsneurotisches verhalten. Obwohl diese Kerntthesen ihre Gültigkeit für Freuds gesamtes Werk behalten sollen, modifiziert er sie doch Anfang der zwanziger Jahre, vor allem durch seine Erfahrungen, die er in der Arbeit mit Kriegsneurotikern gesammelt hatte. Dem Lustprinzip und seinen Triebwünschen wird eine zweite Motivation gegenüber gestellt, die Freud Wiederholungszwang nennt, dessen Sinn es ist, unlustvolle Erlebnisse zu binden und durch ständiges Wiederholen zu verarbeiten. die Analogie zur von Nietzsche postulierten ewigen Wiederkehr des Gleichen liegt auf der Hand. Zarathustra sprach also: „ Denn was laufen kann, von allen Dingen, auch in dieser engen Gasse hinaus - muß es noch einmal laufen! - Und diese langsame Spinne, (...), und dieser Mondschein selber, und ich und du im Torweg, zusammen flüsternd, von ewigen Dingen flüsternd - müssen wir nicht alle schon dagewesen sein? - und wiederkommen und in jener anderen Gasse, hinaus, vor uns, in dieser langen schaurigen Gasse - müssen wir nicht alle ewig wiederkommen?“11

Freud kommt mit dem Wiederholungszwang zur These, daß der Drang zur Wiederholung dem Drang zur Wiederherstellung eines früheren, anorganischen Zustands gleichgesetzt wird, und daß somit das Endziel des Lebens der Tod sein muß, getreu der Fabel von Midas und dem gefangenen Silen, die Nietzsche in der Geburt der Tragödie überliefert. Der Begleiter des Dionysus antwortet dem König auf die Frage, was für den Menschen das Allerbeste sei: „Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal (...) das Allerbeste ist für Dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für Dich - bald zu sterben.“12

Um einem drohenden Monismus vorzubeugen wird der Lebenstrieb (Eros) Thanatos insofern entgegengesetzt, daß er wenigstens den Verdienst hat, das Endziel des Todestriebes so lange als möglich aufzuschieben, indem er die Schöpfung neuen Lebens garantiert, auch wenn Thanatos diesen Kampf im Sinne des Individuums letztenendes für sich entscheidet.

Das Gegensatzpaar Eros und Thanatos ist übrigens sehr anschaulich im Dialog von Don Juan und dem Teufel in Shaws Man and Superman verdichtet, wobei Don Juan einen sehr sublimen Eros und der Teufel einen recht abgeklärten Thanatos abgeben. Auf die Frage des als Zuhörer anwesenden Steinernen Gastes. " And who the deuce is Superman?" den uns Don Juan lehrt, antwortet der Teufel: "Oh, the latest fashion among the Life Force fanatics. Did you meet in Heaven among the new arrivals, that German Polish madman (sic.!)? What was his name? Nietzsche?" Der Steinerne Gast

Mit derselben wissenschaftlichen Akribie, die Freud bei der Auslotung individualpsychologischer Vorgänge an den Tag legt, widmet er sich auch Fragen nach den Ursprüngen von Religion und Gesellschaft, um daran unter anderem die Psychoanalyse für das Individuum zu belegen. „Kannst Du Dir denken“, schreibt 1897 an einen Freund, der nicht Carl G. Jung war,“ was endopsychische Mythen sind? Die neueste Ausgeburt meiner Denkarbeit. Die unklare innere Wahrnehmung des psychischen Apparates regt zu Denkillusionen an, die natürlich nach außen projiziert werden und charakteristischerweise in die Zukunft und in ein Jenseits. Die Unsterblichkeit, Vergeltung, das ganze Jenseits sind solche Darstellungen unseres psychischen Inneren...“14

Im 1913 veröffentlichten Totem und Tabu formuliert Freud erstmals zusammenhängend seine Theorie von der historisch praktisch nicht faßbaren Zeit der Urhorde, die den Ausgangspunkt für alle menschliche Gesellschaft bilden soll. In der Zusammenfassung klingt es beinahe infantil. Urmenschen haben, so Freud getreu dem, was Charles Darwin 1871 in seiner Entstehung der Arten darlegte, in grauer Vorzeit in kleinen Gruppen zusammengelebt, beherrscht von einem starken Männchen, „ein Übermensch, den Nietzsche erst von der Zukunft erwartete.“15 Dieser Überurmensch vertrieb nun alle männlichen Nachkommen, um seinen Status nicht zu gefährden, bis er irgendwann vom jüngsten männlichen Nachwuchs abgelöst wurde, was seinen Nachklang in vielen Märchen hat, in denen immer der jüngste Sohn die Aufgabe bewältigt, an der seine Brüder scheitern. Der entscheidende Schritt zur Abhilfe dieser Monopol - Situation sei es gewesen, daß die vertriebenen Söhne sich zusammentaten und in karamasoffscher Manier ihrem Triebwunsch Folge leisteten und den Vater töteten, allerdings in einer Art sozialen „Organisation“, also als Gemeinschaft. Da man nun in prähistorischer Zeit offenbar noch aus Schaden klug wurde, tabuisierte man das Vatererbe, also den Anspruch, sich nach Gutdünken mit der weiblichen Verwandtschaft zu paaren und jedem Tötungswunsch Folge zu leisten. Man verzichtete auf unmittelbare Triebbefriedigung, um ein Zusammenleben zu ermöglichen und schritt so von der Ur- in die Vorgeschichte. Soviel in aller Kürze.

Nach Freud ist Kultur also im Wesentlichen auf Triebverzicht begründet, der dem Kind im Normalfalle in frühester Jugend anerzogen wird. Triebansprüche werden durch Verbote, d. h., durch physische Maßregelung und psychischen Liebesentzug unterdrückt und durch den Lustgewinn über das Lob bei konformem Verhalten kanalisiert. Die Psyche bildet später ihre eigene Instanz aus, die das Lob - Tadel - Spiel auf der Bühne des Bewußtseins gibt. Die Rolle des Erziehenden wird durch das eigene kennt ihn nicht. Der Teufel:" Well, he came here first (in die Hölle - hier: eine Art Künstlerkolonie), before he recovered his wits. I had some hopes of him; but he was a confirmed Life Force worshipper. It was he who raked up the Superman, who is as old as Prometheus; ...Unfortunately he met Wagner here, and had a quarrel with him ... Wagner once drifted into Life Force worship, and invented a Superman called Siegfried. But he came to his senses afterwards. So when they met here, Nietzsche denounced him as a renegade; and Wagner wrote a pamphlet to prove that Nietzsche was a Jew; and it ended in Nietzsche's going to Heaven in a huff."

Über-Ich und die Gesellschaft wahrgenommen, Je mehr sich eine Gesellschaft differenziert, um so mehr werden die Triebe eingeschränkt. Man bedenke, was man allein als Zugehöriger zu einer der Weltreligionen besser bleiben läßt, um nicht mit furchtbaren Strafen rechnen zu müssen.

Was nun die Religion angeht, insbesondere die judäo - christliche, so sind ihre eigentlichen Grundlagen der Triebverzicht und der gestrenge Vatergott, der jeden Übertritt bestraft. In Der Mann Moses und die monotheistische Religion schreibt Freud: „Die Religion entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zu einer Religion der Triebverzichte. Nicht daß sie sexuelle Abstinenz fordern würde, sie begnügt sich mit einer merklichen Einengung der sexuellen Freiheit. Aber Gott wird der Sexualität völlig entrückt und zum Ideal der ethischen Vollkommenheit erhoben. Ethik ist aber Triebeinschränkung. die Propheten werden nicht müde zu mahnen, daß Gott nichts anderes von seinem Volke verlange, als gerechte und tugendhafte Lebensführung, also Enthaltung von allen Triebbefriedigungen, die auch noch von unserer heutigen Moral als lasterhaft verurteilt werden.“16

Dieselbe narzißtische Befriedigung des Einzelnen, ethischen Anforderungen gerecht zu werden, spielt sich auch im gesellschaftlichen Bereich ab: „Religiöse Vorstellungen, ... die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit. Das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche. Wir wissen schon, der erschreckende Eindruck der kindlichen Hilflosigkeit hat das Bedürfnis nach Schutz - Schutz durch Liebe - erweckt, dem der Vater abgeholfen hat. Die Erkenntnis von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit durch das ganze Leben hat das Festhalten an der Existenz eines - aber nun mächtigeren Vaters verursacht. Durch das gütige Walten der göttlichen Vorsehung wird die Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt, die Einsetzung einer sittlichen Weltordnung versichert die Erfüllung der Gerechtigkeitsforderung, die innerhalb der menschlichen Kultur sooft unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung der irdischen Existenz durch ein zukünftiges Leben stellt den örtlichen und zeitlichen Rahmen bei, in dem sich diese Wunscherfüllungen vollziehen sollen ... es bedeutet eine großartige Erleichterung für die Einzelpsyche, wenn die nie ganz überwundenen Konflikte der Kindheit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen und einer von allen angenommen Lösung zugeführt wird.“17

In der Einordnung der Religion als Illusion und Ethik und Moral als Triebverzicht stimmen Freud und Nietzsche wieder einmal überein. Betrachtet man Nietzsches Bibliographie, vor allem die Untertitel seiner veröffentlichten Werke, wird schnell deutlich, daß wir es hier mit einem seiner Hauptanliegen zu tun haben. „Insofern es zu allen Zeiten, solange es Menschen gibt, auch Menschenherden gegeben hat (Geschlechts - Verbände, Staaten, Kirchen, Gemeinden, Stämme, Völker, Staaten, Kirchen) und immer sehr viel Gehorchende im Verhältnis zu der kleinen Zahl Befehlender, - in Anbetracht also, daß Gehorsam bisher am besten und längsten unter Menschen geübt und gezüchtet worden ist, darf man billig voraussetzen, daß durchschnittlich Jedem das Bedürfnis angeboren ist, zu gehorchen, als eine Art formalem Gewissen, welches gebietet: „ du sollst irgend Etwas unbedingt tun, irgend

Etwas unbedingt lassen“, kurz, „du sollst“. Dieses Bedürfnis sucht sich zu sättigen und seine Form mit einem Inhalte zu füllen, es greift dabei als ein grober Appetit ... zu und nimmt an, was immer nur von irgendwelchen Befehlenden - Eltern, Lehrern, Gesetzen, Standesvorurteilen, öffentlichen Meinungen - ins Ohr gesetzt wird ... Der Herdenmensch in Europa (gibt sich heute) ... das Ansehen, als sei er die einzige erlaubte Art Mensch und verherrlicht seine Eigenschaften, vermöge der er zahm, verträglich und der Herde nützlich ist, als die eigentlich menschlichen Tugenden.“18

Nachtrag: Nachdem meine Arbeit über Freud und Nietzsche vorerst getan zu sein schien, war ich der festen Überzeugung, daß mir etwas oberflächlichere Lektüre nicht schaden könnte - ich griff zu Wildes Picture of Dorian Gray und dachte, ich müsse mich mit Themen wie Religion und Kultur als Triebverzicht, Verdrängungsprozessen und ähnlichem an diesem Abend nicht mehr befassen - weit gefehlt. Gleich in seinem ersten Gespräch mit dem Titelhelden äußert Wildes alter ego Lord Henry Wotton folgendes: "The aim of life is self-development. To realise one's nature perfectly - that is what each of us is here for. People are afraid of themselves, nowadays. They have forgotten the highest of all duties, the duty that one ownes to one's self. Of course they are charitable. They feed the hungry, and clothe the beggar. But their own souls starve, and are naked. Courage has gone out of our race. Perhaps we never really had it. The terror of society, which is the basis of morals, the terror of God, which is the secret of religion - these are the two things that govern us (sic.!) ... I believe that if one man were to live out his life fully and completely, were to give form to every feeling, expression to thought, reality to every dream - I believe that the world would forget all the maladies of mediaevalism, and return to the hellenic ideal - to something finer, richer, than the Hellenic ideal, it may be (Siehe! Ich lehre Euch den Übermenschen). But the bravest man amongst us is afraid of himself. The mutilations of the savage has its tragic survival in the self-denial that mars our lives (sic.!). We are punished for our refusals. Every impulse that we strive to strangle broods in the mind, and poisons us " Sigmund Freud! und weiter heißt es:" The only way to get rid of a temptation is to yield to it. Resist it, and your soul growes sick with longing for the things it has forbidden to itself, with desire for what its monstrous laws have made monstrous and unlawful."

Soweit ich es aus den gängigen Biographien in Erfahrung bringen konnte, war Wilde- im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen G.B. Shaw - mit Nietzsches Werk nicht vertraut. Die Übereinstimmungen sind wieder einmal verblüffend - und wieder einmal nicht die allerneueste Erkenntnis. Thomas Mann sagte 1947 in seinem Vortrag Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung (Ges. Werke, Bd. 9, p. 691-92):" Es ist überraschend, wie nahe die Verwandtschaft mancher Apercus von Nietzsche mit den keineswegs nur eitlen Attacken auf die Moral festzustellen, mit denen ungefähr gleichzeitig Oscar Wilde, der englische Ästhet, sein Publikum chokierte und zum Lachen brachte. Wenn Wilde erklärt >For, try as we may, we cannot get behind the appeareance of things to reality. And the terrible reason may be that there is no reality in things apart from their appeareances<; wenn er von der >Wahrheit der Masken< und vom >Verfall der Lüge< spricht, wenn er ausbricht >To me beauty is the wonder of wonders. It is only shallow peoplewho do not judge by appeareances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible<; wenn er die Wahrheit etwas so Persönliches nennt, daß niemals ein und die selbe Wahrheit von zwei Geistern

Sowohl Freud als auch Nietzsche stellen Ethik und Moral als einen evolutionären Vorgang dar, dessen Irrtümer sich parallel zur Menschheitsgeschichte entwickelten und generell wirklichkeitsfremd sind. „Die Bestie in uns“, schreibt Nietzsche über das Über- Tier, „will belogen werden; damit wir von ihr nicht zerrissen werden. Ohne die Irrtümer, welche in den Annahmen der Moral liegen, wäre der Mensch Tier geblieben. So aber hat er sich als etwas Höheres genommen, und sich strengere Gesetze auferlegt.“19 Die Annahme, daß es über den Erhöhten noch Höhere gibt, ist als Nietzsches Überzeugung, dessen Zarathustra uns den Übermenschen lehrt, nur allzu bekannt. Aber auch Freud greift den Begriff der Menschenherde auf, vor allem in der 1921 erschienenen Schrift Massenpsychologie und Ich-Analyse. Hier wird, im Bezug auf die acht Jahre früher erstmals in Totem und Tabu erwähnte Urhorde klargestellt: „ Wir dürfen uns sagen, die ausgiebigen affektiven Bindungen, die wir in der Masse erkennen, reichen aus, um einen ihrer Charaktere zu erklären, den Mangel an Selbständigkeit und Initiative beim Einzelnen, die Gleichartigkeit seiner Reaktion mit der aller Anderen, sein Herabsinken zum Massenindividuum sozusagen.“ Und: „ Viele Gleiche, die sich miteinander identifizieren können, und ein einziger ihnen allen Überlegener, das ist die Situation, die wir in der lebensgefährlichen Situation der Masse verwirklicht finden, Getrauen wir uns also die Aussage, ... der Mensch sei ... ein Hordentier, ein Einzelwesen einer von einem Oberhaupt angeführten Horde.“21 „Einst wart ihr Affen, und jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgendein Affe „22, lehrt uns entsprechend Zarathustra.

gewürdigt werden kann, wenn er sagt: >Every impulse that we strive to strangle broods in the mind and poisons us ... The only way to get rid of a temptation is to yield to it<, und >Don't be led astray into the paths of virtue!< So könnte das alles sehr wohl bei Nietzsche stehen (oder bei Freud - siehe da). Und wenn man andererseits bei diesem liest >Der Ernst, dieses unmißverständliche Abzeichen des mühsamen Stoffwechsel< - >In der Kunst heiligt sich die Lüge und hat der Wille zur Täuschung das gute Gewissen auf seiner Seite< - >Wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, daß die falschen Urteile uns die unentbehrlichsten< - >Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, daß die Wahrheit mehr wert ist als Schein< - so ist unter diesen Sätzen keiner, der nicht in einer von Oscar Wilde's Komödien vorkommen könnte and get a laugh in the St. Jame's Theatre Natürlich hat die Zusammenstellung Nietzsche's mit Wilde etwas fast sakrilegisches, denn dieser war ein dandy, der deutsche Philosoph aber etwas wie ein Heiliger des Immoralismus. Und doch gewinnt durch das mehr oder weniger gewollte Märtyrertum seines Lebensendes, das Zuchthaus von Reading, Wilde's dandyism einen Anflug von Heiligkeit der Nietzsches ganze Sympathie erweckt hatte." Der Prozeß wegen Sodomie und das Märtyrertum in Reading, das nach Wildes Biographen M. Hyde eine ziemlich schmierige Angelegenheit gewesen sein muß, vielleicht nicht, ab der dandyism? "Wer tief in die Welt gesehen hat, errät wohl, welche Weisheit darin liegt, daß die Menschen oberflächlich sind ... möge niemand zweifeln, daß wer dergestalt den Kultus der Oberfläche nötig hat, irgendwann einmal einen unglücklichen Griff unter sie getan hat." For to get a laugh at Sils Maria?

Wenn Nietzsche und Freud in der Analyse von Moral, Ethik und der Horde Mensch vergleichbar folgern, sind ihre endgültigen Schlüsse doch grundverschieden: „ Inmitten einer düsteren und über die Massen verantwortlichen Sache seine Heiterkeit aufrecht zu erhalten ist nichts Kleines von Kunststück: und doch, was wäre nötiger als Heiterkeit? Kein Ding gerät, an dem nicht Übermut seinen Teil hat. Das zuviel von Kraft erst ist der Beweis von Kraft - Eine Umwertung aller Werte, dies Fragezeichen so schwarz, so ungeheuer, daß es Schatten auf den wirft, der es setzt - ein solches Schicksal von Aufgabe zwingt jeden Augenblick in die Sonne zu laufen, einen schweren, allzu schweren Ernst von sich zu schütteln. Jedes Mittel ist dazu recht, jeder Fall ein Glücksfall. Vor allem der Krieg. Der Krieg war immer die große Klugheit aller zu innerlich, zu tief gewordenen Geister; selbst in der Verwundung liegt noch Heilkraft.“ schreibt Nietzsche 1888 23.

Obwohl auch Freud der Religion zu Gunsten der Wissenschaft den Kampf angesagt hatte, angeblich nannte er sie kurzweg den Feind24, warnt er doch grämlich davor, Perlen vor die Säue zu werfen: „Die religiösen Lehren sind kein Gegenstand, über den man klügeln kann wie über einen beliebigen anderen. Unsere Kultur ist auf ihnen aufgebaut, die Erhaltung der menschlichen Gesellschaft hat zur Voraussetzung, daß die Menschen in ihrer Überzahl an die Wahrheit dieser Lehren glauben. Wenn man sie lehrt, daß es keinen allmächtigen und allgerechten Gott gibt, keine göttliche Weltordnung und kein künftiges Leben, so werden sie sich aller Verpflichtung zur Befolgung der Kulturvorschriften ledig fühlen. Jeder wird ungehemmt, angstfrei, seine Macht zu bestätigen suchen, das Chaos wird wieder beginnen, daß wir in vieltausendjähriger Kulturarbeit gebannt haben. Selbst wenn man es wüßte und beweisen könnte, daß die Religion nicht im Besitz der Wahrheit ist, müßte man sich so benehmen, wie es die Philosophie des Als ob verlangt. Im Interesse der Erhaltung aller!“25 Getreu des Zarathustra - Wortes, daß nicht jedes Wort in jedes Maul gehöre,

"Ohne Gott wirst Du noch den Rindfleischpreis erhöhen, wirst womöglich noch auf jede Kopeke einen Rubel aufschlagen" prophezeit demgemäß Dimitrij Karamasoff dem entlaufenen Priesterseminaristen Rakitin. Freuds Warnung vor dem drohenden Chaos läßt sich sehr leicht in einem der wichtigsten Motive von Dostojewskijs Die Brüder Karamasoff kulminieren - "Wenn Gott tot ist, dann ist alles erlaubt." In diesem Zusammenhang ist Dostojewskijs tiefe Frömmigkeit zwar nur, was der Theologe M. Doerne in seiner Schrift Gott und Mensch in Dostojewskijs Werk bemerkt auf den Ausdruck der Unentbehrlichkeit Gottes für Moral und Kultur - also den Triebverzicht - reduziert, den Freud im Zitat für unverzichtbar erklärt. Warum ich nun auch noch Dostojewskij bemühe hat außer dieser etwas vagen Übereinstimmung allerdings noch andere Gründe. Lassen wir Freud ersteinmal außer Acht. Wenn wir nachträglich mit Wilde und Shaw zeitgenössische Parallelen zu Nietzsche sammeln, so darf Dostojewskij auf keinen Fall fehlen. Nietzsche nennt den Russen einen "großen Lehrer", obwohl er mit dessen Werk vermutlich erst recht spät in Berührung kam - Dostojewskij verstarb 1881 und sein Werk wurde nur tröpfelnd ins Deutsche übersetzt. Sein de profundis, die Aufzeichnungen aus einem Totenhause Dostojewskijs kannte Nietzsche jedoch sicherlich. Ließt man jedoch Raskolnikoffs Äußerungen über Material und den

Ausnahmemenschen in Schuld und Sühne, findet man wieder einmal bezeichnende Koinzidenzen. Beispielsweise:" Ich lege Wert auf meinen Hauptgedanken. Er besteht eben darin, daß sich die Menschen nach einem Naturgesetz im allgemeinen in zwei Kategorien scheiden: in eine niedere, gewöhnliche, sozusagen das Material, das einzig zur Fortpflanzung dient, und in Menschen im Sinne des Wortes, das heißt in solche, die die Gabe oder das Talent haben, ihrer Umgebung etwas Neues zu sagen die unterschiedlichen Merkmale sind scharf ausgeprägt: die erste Kategorie, die große Masse, das Material, besteht im allgemeinen aus Menschen, die ihrem Wesen nach konservativ und gesittet sind, in Gehorsam leben, und es lieben, gehorsam zu sein (sic.!). Meiner Ansicht nach sind sie auch dazu verpflichtet, denn es ist ihre Bestimmung, und hierin liegt für sie entschieden nichts Erniedrigendes. Die von der zweiten Kategorie sind Zerstörer oder neigen zur Zerstörung, je nach ihren Fähigkeiten. Die Verbrechen dieser Menschen sind selbstverständlich abgestuft und sehr verschieden: meistenteils verlangen sie in mannigfacher Äußerung die Zerstörung des Bestehenden im Namen eines Besseren ... Die erste Kategorie ist immer Herr der Gegenwart, die zweite Herr der Zukunft. Die erste erhält die Welt und die zahl ihrer Bewohner, die zweite treibt die Welt vorwärts und führt sie einem Ziel entgegen. Die einen wie die anderen haben vollkommen die gleiche Existenzberechtigung. Mit einem Wort, ... alle haben das gleiche Recht - vive la guerre éternelle! - bis zum Neuen Jerusalem, versteht sich!" Oder Kirillow in den Dämonen: "Dann wird ein neuer Mensch sein. Alles wird neu werden. Die Geschichte wird in zwei Abschnitte zerfallen: Vom Gorilla bis zur Vernichtung Gottes, von der Vernichtung Gottes bis zur physischen Umwandlung der Erde und des Menschen." Auch die zwangsneurotisch anmutende "Ewige Wiederkehr des Gleichen" darf nicht fehlen. Dostojewskij legt sie dem Teufel in den Mund der dem fieberkranken Iwan Karamasoff erscheint: Ja, aber unsere jetzige Erde hat sich vielleicht selber billionenmal wiederholt ... und alles auf eine und dieselbe Weise bis zum kleinsten Strichelchen ... Das ist ja allerunanständigste Langeweile." In seiner literaturhistorisch etwas schlampigen Einleitung zu einer Sammlung von Dostojewskijs kürzeren Erzählungen Dostojewskij mit Maßen geht Thomas Mann so weit, Nietzsches Gedanken "für eine Lesefrucht, eine unbewußte euphorisch gefärbte Erinnerung an Dostojewskij zu halten". er gibt allerdings zu, es könne sich um einen "chronologischen Irrtum" handeln, was sicherlich der Fall ist. Der ganze Essay ist übrigens eine Gegenüberstellung von Dostojewskij und Nietzsche, wobei Mann selbstverständlich die Emphase auf Krankheit legt. Die vielleicht skurrilste Gemeinsamkeit der beiden Dichterphilosophen ist aber ihre Anteilnahme an totgeprügelten Pferden. Auf der Reise vom väterlichen Gut vor seinem Antritt des Studiums an der Petersburger Militärakademie umarmt der junge Dostojewskij ein ebensolches malträtiertes Tier, künstlerisch sublimiert in Raskolnikoffs Traum in Schuld uns Sühne. Nietzsche in Turin läßt allzu deutlich grüßen. Was nun Freud angeht, so hat er die tiefe psychologische Einsicht Dostojewskijs sehr wohl erkannt, aber mit der gewohnten Nonchalance gegenüber geistigen Vätern und Vorläufern ignoriert er sie. In seinem Aufsatz Dostojewskij und die Vatertötung, den er auf Wunsch von Fülöp-Müller und Eckstein als Vorwort für ihr Werk Die Urgestalt der Brüder Karamasoff schrieb, zergliedert Freud die Persönlichkeit Dostojewskijs zwar "in den Dichter, den Neurotiker, den Ethiker und den Sünder." Der Dichter habe zwar "seinen Platz nicht weit hinter Shakespeare", in der Biographie aber geht Freud mit dem "Sünder" hart ins Gericht Die was in der Rezeptionsgeschichte von Nietzsches Werk allerdings nur selten genug beachtet wurde.

Was nun die Rezeption von Nietzsche durch Freud angeht, so kann man geteilter Meinung über Gottfried Benns Ansicht darüber sein, es sei eigentlich Nietzsche gewesen, der die Psychoanalyse entdeckt haben soll. Abgeschrieben wird Sigmund wohl nicht haben.

Trotzdem - seien die Resümees des Philosophen mit dem Hammer und des Wiener Psychoanalytikers auch noch so verschieden - des einen frenetische Bejahung dessen, was er das Leben taufte und die Rücksichtnahme auf schwächere Gemüter und letztendlich Resignation des anderen, der Parallelen sind, wie wir gesehen haben, viele. So schreibt Arnold Zweig 1930 an seinen Freund Sigmund Freud: „ Immer wieder stoße ich bei meinen Gedanken auf das Thema eines Aufsatzes, welchen ich über Ihr Verhältnis zu Nietzsche schreiben müßte, wenn ich Zeit hätte. Ich sehe nämlich die Sache so, daß Sie alles getan haben, was Nietzsche intuitiv als seine Aufgabe empfand, ohne doch imstande zu sein, es mit seinem von genialen Inspirationen durchleuchteten Dichteridealismus auch wirklich zu erreichen. Er versuchte, die Geburt der Tragödie zu gestalten, Sie haben es in Totem und Tabu getan, er ersehnte ein Jenseits von Gut und Böse , Sie haben durch die Analyse ein Reich aufgedeckt, auf das zunächst einmal dieser Satz paßt. Die Analyse hat alle Werte umgewertet, sie hat das Christentum überwunden, sie hat den wahren Antichrist gestaltet und den Genius des aufsteigenden Lebens vom asketischen Ideal befreit.“ Wäre man böswillig veranlagt, könnte man zu fragen versucht sein, was zuerst da war, das Ei oder die Henne. Auf folgende Aufforderung Zweigs, sich einmal über den Willen zur Macht in der Gesellschaft zu äußern und die Aufforderung, „ Wenn Sie jemanden wissen, der imstande wäre, das von mir skizzierte Thema gut ... zu schreiben, stelle ich gern diesen ersten Tupfen zur Verfügung...“26 gibt Freud sich mit der üblichen Bescheidenheit bedeckt: „ Schreiben Sie es einmal, wenn ich nicht mehr da bin.“27. Gesteht Freud eine „ weitgehende Übereinstimmung der Psychoanalyse mit der Philosophie Schopenhauers“28 noch ein, schreibt er über seine mannigfaltigen Berührungspunkte mit Nietzsche: „ ... dessen Ahnung und Einsichten sich oft in der erstaunlichsten Weise mit den mühsamen Ergebnissen der Psychoanalyse decken, habe ich gerade darum gemieden; an der Priorität lag mir ja weniger als an der Erhaltung meiner Unbefangenheit.“29 Was die von Freud so oft postulierte Unbefangenheit von seinen Vorläufern angeht, so scheinen ihm zumindest seine Zeitgenossen einigermaßen geglaubt zu haben. In seiner Rede über Freud und die Zukunft von 1936 sagt Thomas

Psychologie wird jedenfalls mit keinem Wort erwähnt. Die Brüder Karamasoff scheint jedenfalls das einzige Werk Dostojewskijs gewesen zu sein, das Freud gekannt zu haben scheint und in einem Brief an Theodor Reik gibt er zu: "Sie haben auch recht mit der Vermutung, daß ich Dostojewskij bei aller Bewunderung seiner Intensität und Überlegenheit nicht mag." (Bei Ernest Jones, p. 618)

Mann: „ Und wirklich weiß man ja, daß der Geist, den zu ehren uns heute angelegen ist, Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse als Therapeutik und allgemeiner Forschungsmethode, den harten Weg der Erkenntnis ganz allein, ganz selbständig, ganz nur als Arzt und Naturforscher gegangen ist, ohne der Trost- und Stärkungsmittel kundig zu sein, die die große Literatur für ihn bereitgehalten hätte. Er hat Nietzsche nicht gekannt, bei dem man überall Freud‘sche Einsichten blitzhaft vorweggenommen findet ... „30 Nun, wer‘s glaubt, Thomas, wer‘s glaubt. Tatsächlich gehörte Freud, 1856 geboren, also nur 12 Jahre jünger als Nietzsche, zur Generation der ersten Rezipienten des Philosophen. Er gehörte als Student dem Leseverein der deutschen Studenten in Wien an, „ einer pangermanischen Organisation, in der Schopenhauer, Wagner und Nietzsche brennend diskutiert wurden. Die Mitglieder dieses Vereins korrespondierten sogar mit Nietzsche ... Es ist einfach unvorstellbar, daß Freud, der diesem Leseverein fünf Jahre lang angehörte, von ... Nietzsche so vollkommen unbeeinflußt gewesen sein soll, wie er es mit Vorliebe darstellte.“31

Soviel zu Freuds mangelnder Kenntnis Nietzsches, auf die Mann mehr oder weniger hereinfiel. Freuds eifersüchtiges Beharren auf der Eigenständigkeit seiner Lehre läßt allein Goethe gelten, der für Freuds Generation ohnehin so etwas wie eine Vaterfigur war, und vielleicht ein bißchen Schopenhauer und Darwin. Die allermeisten anderen, vor allem Naturforscher, die Freud in seinen Schriften als Quellen angibt, sind heute halb bis ganz vergessen und tun der Eigenständigkeit von Freuds Erkenntnissen keinen Abbruch mehr.

Ob die Parallelen des Werks von Nietzsche und Freud nun Plagiat, unabhängige wissenschaftliche Genese oder wundersame Fügung der Erkenntnis sind, bleibt offen. Im Nachhinein können wir uns tatsächlich nur noch die paradoxe Frage nach der Ursprünglichkeit von Ei oder Henne stellen.

Freud, Biologe der Seele, Frankfurt 1982, p. 634

Bibliographie

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Freud, Sigmund, Selbstdarstellung, Schriften zur Geschichte der Psychoanalyse, hrsg. und eingeleitet von Ilse Brubrich- Simitis, Frankfurt 1974

Gay, Peter, Ein gottloser Jude, Frankfurt 1988

Hyde, H. Montgomery, Oscar Wilde, London 1976

Jones, Ernest, Sigmund Freud - Leben und Werk, Frankfurt 1969

Kaier-el-Safti, Margret, Der Nachdenker: Entstehung der Metapsychologie Freuds in ihrer Abhängikeit von Schopenhauer und Nietzsche, Bonn 1987

Klages, Ludwig, Die psychologischen Errungenschaften Nietzsches, Bonn 1977 Mann Thomas, Ges. Werke, Frankfurt 1990

Marcuse Ludwig, Sigmund Freud - Sein Bild vom Menschen, Hamburg 1964

Nietzsche, Friedrich, Ges. Werke, (Da ich keine Gesamtausgabe von Nietzsches Werken besitze, zitiere ich aus meinen zusammengewürfelten Quellen unter Angabe von Werk und Kapitel ohne Seiten anzugeben)

Shaw, G.B., Definitive Edition of Bernard Shaw‘s Plays, London 1970 Sulloway, Frank J., Freud - Biologe der Seele, Frankfurt 1982 Wilde, Oscar, The Picture of Dorian Gray, London 1962

Wunberg Gotthart, hrsg., Nietzsche und die deutsche Literatur, Tübingen 1978

[...]


1 Gottfried Benn, Nietzsche nach 50 Jahren, in: Nietzsche und die deutsche Literatur, hrsg., Gotthart Wunberg, Tübingen 1978, p. 300 - 301

2 Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Band I, Aphorismus 351, vgl. Bibliographie

3 F. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, 4

4 Eine spätere Stelle als Ergänzung: "...Wenn meine Vermutung erlaubt ist, daß unsere Träume eben den Wert und Sinn haben, bis zu einem gewissen Grade jenes zufällige Ausbleiben der "Nahrung" während des Tages zu kompensieren." Aus: Nietzsche, Morgenröte, Zweites Buch, 119

5 Tragödie..., 1

6 Wortwörtlich in Menschliches, Allzumenschliches, 46: "Auch die Seele muß ihre bestimmten Kloaken haben, worin sie ihren Unrat abfließen läßt..."

7 Sigmund Freud, Ges. Werke, Frankfurt 1974, Bd. I, p. 118

8 F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 4. Hauptstück, Aphorismus 68

9 ibd., 9. Hs., A. 138

10 Freud, ibd., Bd. I, p. 137

11 F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Dritter Teil, 2

12 Nietzsche, Geburt..., 3

13 Und noch einmal zur Klärung: Das will keineswegs sagen, die von Nietzsche postulierte und vielzitierte "Ewige Wiederkehr des Gleichen" sei nichts weiter als eine Geisteskrankheit (auch wenn es, existierte sie denn, den Anschein haben könnte). Auffallend ist die Analogie des kosmischen Prinzips und der Zwangsneurose.

14 Freud, ibd., Bd. IX, p. 289

15 ibd., Bd. IX, p. 115, übrigens eine der ganz seltenen Stellen, an denen Freud Nietzsche erwähnt, und gleich noch so banal...

16 ibd., Bd. IX, p. 564

17 Freud, Totem und Tabu, ibd., Bd. IX, p. 164

18 Nietzsche, Jenseits..., 5. Hauptstück, 199

19 Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, 1. Band, 2. Hauptteil, 40 Freud, ibd., Bd. IX, p. 109

21 ibd., p. 113

22 Nietzsche, Zarathustra..., Vorrede, 3

23 Vorwort von 1888 zu Nietzsche, Götzendämmerung

24 Nach: Peter Gay, Freud - Ein gottloser Jude, Frankfurt 1988, p. 16

25 Freud, Die Zukunft einer Illusion, ibd., Bd. IX, p. 169

26 Arnold Zweig, Brief an Sigmund Freud vom 2. 12. 1930, in: Nietzsche und die deutsche Literatur, Gotthart Wunberg, hrsg., Tübingen 1978, p. 239-240

27 S igmund Freud, Selbstdarstellung. Schriften zur Geschichte der Psychoanalyse, hrsg. und eingeleitet von Ilse Brubrich-Simitis, Frankfurt 1974, p. 37

28 ibd., p. 87

29 ibd., p. 37

30 Thomas Mann, Freud und die Zukunft, in: Ges. Werke, Bd. IX, Frankfurt 1990, p. 479 - 80

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Nietzsche und Freud
Veranstaltung
Hauptseminar: Nietzsches Rezeption im Expressionismus
Note
1
Autor
Jahr
1995
Seiten
12
Katalognummer
V104461
Dateigröße
747 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Freud, Hauptseminar, Nietzsches, Rezeption, Expressionismus
Arbeit zitieren
Dirk Puehl (Autor), 1995, Nietzsche und Freud, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104461

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