Das Einhorn im Physiologus und im "Buch der Natur" von Konrad von Megenberg


Seminararbeit, 1998
16 Seiten, Note: 2

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INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

II. HAUPTTEIL
1. DIE EINORDNUNG DER TEXTZEUGNISSE
1.1. Die Einordnung der Millstätter Reimfassung und des althochdeutschen 4 Physiologus in die allgemeine Physiologus-Tradition
1.2. Die Einordnung von Konrad von Megenbergs „Buch der Natur“ in die 5 naturkundliche Überlieferungstradition
1.3. Die Ursprünge und die Überlieferung der Einhorn-Legende
2. VERGLEICH DES EINHORN-MOTIVS DER BEIDEN PHYSIOLOGUS-FASSUNGEN MIT 8 DEM MOTIV IM „BUCH DER NATUR“
3. DIE WUNDERKRÄFTE DES EINHORNS UND DAS EINHORN ALS TODESSYMBOL

III. NACHWORT

LITERATURVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

Diese Hausarbeit beschäftigt sich im Rahmen des Proseminars „Das Tier in mittelalterlicher Literatur“ mit der Darstellung und Deutung des Einhorns, wobei der Schwerpunkt auf dem exemplarischen Vergleich zweier Physiologi (der Millstätter Reimfassung und dem althochdeutschen Physiologus) mit dem Text im „puch von den naturleichen dingen“ von Konrad von Megenberg liegt. Als Grundlage hierfür dienen die jeweiligen Texte aus dem Konvolut des Proseminars, denen auch die angeführten Zitate entnommen sind.

Im ersten Teil des Hauptteils wird die Tradition des Physiologus erläutert und der althochdeutsche Physiologus und die Millstätter Reimfassung in diese eingeordnet, sowie ein knapper Überblick über den Ursprung der EinhornLegende gegeben. Darauf folgt im zweiten Teil der Vergleich des Einhorn-Motivs der Physiologus-Fassungen mit dem Motiv im Text von Konrad von Megenberg bezüglich der Darstellung und geistlichen Auslegung.

Der dritte Teil befaßt sich mit den Wunderkräften des Einhorns, die den Glauben und die Suche nach ihm bis weit über das Mittelalter hinaus aufrecht erhielten. Außerdem wird zum Abschluß ein Beispiel für eine eher untypische Symbolisierung des Einhorns erläutert: Das Einhorn in der Rolle des Todes.

II. HAUPTTEIL

1. Die Einordnung der Textzeugnisse

1.1. Die Einordnung der Millstätter Reimfassung und des althochdeutschen

Physiologus in die allgemeine Physiologus-Tradition

Der Begriff des „physiológos“ (‘Naturkundiger’) bezeichnet ursprünglich den Verfasser einer naturkundlichen Schrift, in welcher auf zunächst rein naturwissenschaftlicher Ebene über tote und lebendige Materie berichtet wird.1 Das Werk dieses unbekannten Autors ist selbst nicht erhalten, nach J.W. Einhorn entstand um 200 n. Chr. in Alexandrien der griechische Archetypus dieser Schrift durch einen ebenfalls unbekannten Verfasser, der sich dabei auf den „physiológos“ stützte.2 Mit der Ausbreitung des Christentums wurde das Werk durch die Beigabe allegorischer Ausdeutungen als „religiöse Erbauungsliteratur“3 für die Gläubigen verwendet. Die im Physiologus vorkommenden Tierberichte haben ihren Ursprung in der Antike, teilweise stammen sie aus dem ägyptischen Götterglauben. So beeinflussten beispielsweise Aristoteles` „Historia animalium“, die „Naturalis Historia“ des älteren Plinius sowie Plutarchs „De Iside et Osiride“ und ferner der Alexanderroman „Historia Alexandri Magni“ des Pseudo- Kallisthenes die Entstehung des Physiologus,4 wobei dessen Tierberichten jedoch „[...] gegenüber den antiken Quellen [...] eine eindeutige Bearbeitungstendenz [...]“ mit dem Ziel zugrunde liegt, „[...] die Geschichten für die Auslegung brauchbarer zu machen.“5

Die griechischen Fassungen des Physiologus sind nach N. Henkel und Einhorn, die sich auf F. Sbordone berufen, in vier Redaktionen einteilbar. Der ersten, um 200 n. Chr. entstandenen Redaktion entstammen die Vorlagen sämtlicher lateinischer Übersetzungen, auf denen wiederum alle abendländischen Fassungen beruhen.6 Sowohl die Entstehungszeit als auch die genaue Anzahl der voneinander unabhängigen lateinischen Übersetzungen lassen sich laut Henkel und Einhorn nicht genau festlegen.7 Jedoch gehen beide von mindestens zweien aus, den Fassungen c und y. Der sogenannten Versio b entstammen unter anderem die Bestiarien, der „Physiologus Theobaldi“ und die „Dicta Chrysostomi“, aufgrund derer die deutschen Übersetzungen des Physiologus entstanden.8

Die Millstätter Reimfassung ist in der Millstätter Sammelhandschrift als eines von acht Reimgedichten mit 32 Text-Illustrationen überliefert. Die genaue Datierung gestaltet sich schwierig. Henkel nimmt an, daß die Fassung zwischen der zweiten Hälfte des 12. Jhs. und dem Beginn des 13. Jhs. entstanden ist.9

1.2. Die Einordnung von Konrad von Megenbergs „Buch der Natur“ in die naturkundliche Überlieferungstradition

Das „Buch der Natur“ von Konrad von Megenberg ist eine deutsche Übertragung der zwischen 1228 und 1244 abgefaßten Enzyklopädie „Liber de natura rerum“ von Thomas Cantimpratensis, welches im 14. Jh. als „Grundbuch der Naturlehre“10 galt. Während die lateinischen und volkssprachlichen Bestiarien allein auf der Physiologus-Tradition beruhen, gehen die Enzyklopädien aus der von Isidor von Sevilla und Gregor dem Großen „geschaffene[n] Verbindung zwischen biblischer, physiologischer und antiker Tradition“11 hervor. Die Übersetzung entstand 1350 auf der Grundlage eines Exemplars der 3. Redaktion. Neben der Übersetzung ergänzte Konrad die Schrift durch den Einbezug von

Werken weiterer naturkundlicher Autoren, wie etwa von Avicenna, Albertus

Magnus und in einer späteren Überarbeitung auch von Bartholomäus Anglicus. Ferner fügte Konrad eigene Beobachtungen zu einigen Berichten hinzu und erweiterte die allegorischen Ausdeutungen.12 Sein Werk gilt „als ‘das erste systematisierte deutschsprachige Kompendium des Wissens über die geschaffene Natur’ “.13

1.3. Die Ursprünge und die Überlieferung der Einhorn-Legende

Die Ursprünge der Einhorn-Legende liegen den Untersuchungen J.W. Einhorns zufolge im indischen Raum. Dort hat sich bereits ca. 2000 v. Chr. auf der Grundlage eines einhörnigen Stammestieres, dem sogenannten Cervide, der Glaube an eine einhörnige, mit Heilkräften ausgestattete Gazelle verbreitet und sich die Erzählung des „Mahabharata“, eines einhörnigen, durch die List einer Königstochter gefangenen Asketen entwickelt. (Hier deutet sich bereits der später im Physiologus geschilderte Fang des Einhorns durch eine Jungfrau an.) Diese Erzählung gelangte nach China, Japan und zum Abendland. Ferner war in China jedoch schon unabhängig von der indischen Erzählung der Glaube an das sogenannte „Ch’i-lin“, ein glückbringendes einhörniges, zu den vier heiligen Wundertieren zählendes Tier, wie auch an das Gut und Böse unterscheidende einhörnige „Hsieh-chai“ existent gewesen.14

Weitere Hinweise auf den Ursprung des Einhorns finden sich in den Schriften antiker Autoren: Ktesias, griechischer Leibarzt der persischen Königin Parysatis, beschreibt in seinem um 398 v. Chr. verfaßten Werk „Indika“ einen indischen weißen Esel mit einem am Ansatz weißen, in der Mitte schwarzen und an der Spitze purpurfarbenem Horn auf der Stirn. Er schildert die heilenden Kräfte des Hornes sowie die Unmöglichkeit, das Tier lebendig fangen zu können.15 J.W. Einhorn vermutet, daß für diese Darstellung „[...]entstellte Berichte vom indischen

Nashorn die Grundlage bilden, vermischt vielleicht mit Vorstellungen vom iranischen einhörnigen Esel und der vedischen Gazelle.“16 Megasthenes verfaßte seine „Indika“ auf der Grundlage seiner Gesandtschaftsreisen zum Hof eines indischen Königs um 300 v. Chr. Seiner Beschreibung nach ähnelt das als „monokeros“ bezeichnete Einhorn, von den Indern „kartazon“ genannt, stark dem indischen Nashorn, jedoch unterscheidet Megasthenes die beiden Tiere voneinander, wie auch Aelian in seiner Schrift „De natura animalium“. Plinius der Ältere, (dessen Werk auf „De partibus animalium“ von Aristoteles fußt) und der aus ihm schöpfende Solinus differenzieren ebenfalls zwischen „monokeros“ und „rhinoceros“.17

In die Bibel hielt das Einhorn-Motiv Einzug, indem das im hebräischen Alten Testament vorkommende „re’em“ (ursprünglich ‘Wildstier’), beeinflußt von den Berichten Ktesias’, Megasthenes’ und Aristoteles’, in der Septuaginta an mehreren Stellen mit „monokeros“, in der Vulgata mit „unicornis“ und auch „rhinoceros“ übersetzt wurde.18 Die Kirchenväter legten diese Stellen der Septuaginta und später der Vulgata exegetisch aus, beschränkten sich dabei jedoch auf die Hervorhebung der Wildheit oder der Einhörnigkeit des Tieres, wobei sie zur Bezeichnung die Begriffe „monokeros“, „rhinokeros“ und „unicornis“ nicht differenzierten.19 In den Physiologus gelangte das Motiv des Einhorns, indem die indische Geschichte vom „Mahabharata“ von dem in Kapitel 1.1. schon erwähnten unbekannten alexandrinischen Verfasser zum Naturbericht vom Fang des Einhorns umgeschrieben und eine allegorische Ausdeutung beigefügt wurde. In dieser Fassung wurde es auch später in die Bestiarien übernommen. Gregor der Große und Isidor von Sevilla verbanden die Traditionen der Exegese und des Physiologus in ihren Werken „Moralia in Job“, beziehungsweise „Etymologiae“, was sich auch in den daraus hervorgehenden Enzyklopädien niederschlug.20

Im folgenden Kapitel werden die Charakteristika des Einhorn-Motivs bezüglich seiner Darstellung und Auslegung in Physiologi und Enzyklopädien beispielhaft anhand dem althochdeutschen Physiologus, der Millstätter Reimfassung und dem „Buch der Natur“ erläutert und miteinander verglichen.

2. Vergleich des Einhorn-Motivs der beiden Physiologus-Fassungen mit dem Motiv im „Buch der Natur“

Zunächst ist festzustellen, daß alle drei Textstellen hierarchisch nach Naturbericht und darauf gründender Allegorese geordnet sind. Zu Beginn des jeweiligen Naturberichtes wird das Einhorn begrifflich definiert. Hierbei werden im althochdeutschen Physiologus drei Bezeichnungen verwendet: Die Überschrift lautet „De unicorni“, im Text selbst wird das Tier „rinocerus“ genannt und erläutert, daß es sich dabei um das „einhurno“ handelt. In der Millstätter Reimfassung wird das Einhorn im Naturbericht als „Einhurn“ klassifiziert, bei der allegorischen Ausdeutung werden jedoch Bibelzitate angeführt, in denen neben der Bezeichnung „Einhurn“ an einer Stelle „Rinoczerotis“ verwendet wird. Dies läßt darauf schließen, daß im Gegensatz zur Antike im Mittelalter nicht mehr zwischen Nashorn und Einhorn unterschieden wurde, sondern mit den unterschiedlichen Bezeichnungen nur noch das Einhorn gemeint war.21 Im Gegensatz dazu findet sich bei Konrad von Megenberg auschließlich die Bezeichnung „Unicornus“, die er mit „ainhürn“ übersetzt.

Äußerlich wird das Einhorn in allen drei Textstellen als kleines Tier beschrieben: Im althochdeutschen Physiologus wird es als „uile lucil“ (sehr klein) bezeichnet, in der Millstätter Reimfassung wird dies noch mit einem Vergleich konkretisiert, dort ist das Einhorn „[...] luzzil gelich dem Chizze“, so klein also wie ein Zicklein oder ein Kitz. Konrad setzt zu seiner, sich dabei auf Isidor von Sevilla berufenden Beschreibung, daß es „klain“ gegenüber seiner enormen Kraft ist, noch hinzu, daß es kurze Beine hat. Auffällig ist bei den Äußerlichkeiten des Einhorns in den jeweiligen Naturberichten vor allem, wie auf sein Horn eingegangen wird: Im althochdeutschen Physiologus wird darüber keinerlei Aussage gemacht, während in der Millstätter Reimfassung hervorgehoben wird, daß es sein Horn an seinem Kopf in der Nähe der Ohren trägt („[...] und hat niwan ein horn an dem houbet den oren nahen [...]“). Konrad dagegen behauptet, das Tier trage das „[...] horn auf der nasen.“

Die Unmöglichkeit, das Einhorn auf herkömmliche Weise fangen zu können, wird in allen drei Werken erläutert und mit folgenden Eigenschaften des Tieres begründet: Im althochdeutschen Physiologus liegt es daran, daß es „so gezal“ (so schnell) ist, daß niemand ihm folgen, geschweige denn, es fangen kann. Bei Konrad kann es kein Jäger mit Gewalt fangen, weil es „gar scharpf und härwe“ (stark/rauh und herb) ist. In der Millstätter Fassung wird das Einhorn diesbezüglich ähnlich beschrieben, nämlich als „chuonezorn“ (kühn und zornig). Beim Fang des Einhorns mit einer Jungfrau wird in allen drei Texten übereinstimmend berichtet, daß man dazu eine Jungfrau alleine in die Nähe des vermuteten Aufenthaltsortes des Tieres hinsetzt. Das Verhalten des Einhorns gegenüber der Jungfrau, sobald es sie erblickt hat, wird wieder unterschiedlich dargestellt: Im althochdeutschen Physiologus springt es in den Schoß der Jungfrau und spielt mit ihr, wenn sie denn wirklich eine Jungfrau ist, wie der Zusatz lautet. (Dazu merkt J. W. Einhorn an, daß diese Einschränkung in keiner lateinischen Physiologus-Fassung belegt ist, jedoch in der Weltchronik Rudolfs von Ems als Jungfrauentest auftaucht.22 ) In der Millstätter Fassung springt es auf ihren Schoß und schläft ein, bei Konrad von Megenberg, der sich bei seiner Fanggeschichte wieder auf Isidor von Sevilla und Jacob von Vitry23 stützt, legt das Einhorn nur seinen Kopf in ihren Schoß und schläft ebenfalls ein, worauf es dann von den Jägern gefangen und zum König gebracht wird. Daß das Einhorn, ‘gebannt’ von der Jungfrau, von einem Jäger gefangen wird, findet sich auch in der althochdeutschen Fassung, jedoch nicht der Hinweis, daß es zum König geführt wird. Umgekehrt ist dies in der Millstätter Fassung der Fall: Hier wird das Tier „[...] glanze ze des chunigis phalze“ (glanzvoll zur Burg des Königs) gebracht, wobei allerdings unklar bleibt, ob von der Jungfrau selbst oder ebenfalls von Jägern. Auch beschreibt lediglich Konrad von Megenberg, in Anlehnung an Gregor den Großen, welches Schicksal dem Einhorn nach seinem Fang widerfährt: Nämlich daß es aufgrund der Schmach, die es dann empfindet, stirbt, wobei er diese Aussage nicht in den Naturbericht einordnet, sondern an das Ende seines auf die Allegorese folgenden Gebetsrufes stellt.

Wie schon erwähnt schließen sich an die Naturberichte die allegorischen Ausdeutungen des Einhorns an, die im folgenden miteinander verglichen werden. Zunächst ist zu bemerken, daß das Einhorn in allen drei Textstellen allgemein auf Jesus Christus ausgedeutet wird. So heißt es in der althochdeutschen Fassung: „Das bezeichenet unserin trotin Christin, [...]“. In der Millstätter Fassung wird Christus „ein geistlich Einhurn“ genannt und Konrad drückt es ähnlich der althochdeutschen Fassung aus: „Daz tier bedäut unsern herren Jesum Christum, [...]“. Darauffolgend werden die Eigenschaften des Einhorns auf die Person Jesu Christi ausgedeutet (signficans Æ significatum). Hierbei zeigen sich jedoch Unterschiede bezüglich der Ausdeutung der Größe des Einhorns: Im althochdeutschen Physiologus heißt es dazu, daß Jesus Christus klein aufgrund der Demut seiner menschlichen Geburt gewesen sei. Dies findet sich auch in der Millstätter Fassung, jedoch nicht bei Konrad von Megenberg. Ebenso fehlt bei Konrad die Ausdeutung des Horns, die sich in beiden Physiologus-Fassungen finden läßt: Die althochdeutsche Fassung bezeichnet das „eina horin“ als den „einen got“. Im Millstätter Physiologus steht das Horn am Kopfe des Einhorns dafür, daß Christus und Gott eins sind: „Daz er abir ein horn hat, uns das bezeichinot, daz Christ sprach also her: ‘ich unde min vater wir birn ein’: Christes houbit ist got rein.“

Die Unmöglichkeit, dem Einhorn aufgrund seiner Schnelligkeit folgen zu können wird im althochdeutschen Physiologus auf die Unmöglichkeit, Gott sehen und hören zu können gedeutet. Konrad von Megenberg deutet den Zorn und die Wildheit des Tieres auf den Zorn, den Christi vor seiner Menschwerdung gegenüber dem Stolz der Engel und den Sünden der Menschen empfunden habe. Das „chuone“ der Millstätter Fassung wird zweifach ausgelegt: Zum einen auf Christus, den sich wegen seiner Kühnheit weder weltliche Mächte noch die Hölle unterordnen konnten, zum anderen auf Gott selbst, aufgrund dessen Kühnheit der „unchustige tievel“ (der hinterlistige Teufel) daran gehindert wird, die leibhaftigen Geheimnisse Gottes zu erforschen. Der Vergleich des Einhorns mit dem „Chizze“ wird mit einem Zitat des Apostels Paulus auf die Rolle Christi als Opferlamm und Erlöser ausgedeutet: Indem Gott Mensch wurde und „‘[...] mit sines lichnames wunden’“ (mit den Wunden seines Körpers) für die Sünden der Menschheit gebüßt habe. Auffällig am Millstätter Physiologus sind ferner die Zitate aus dem alten Testament, in welchen das Einhorn und sein Horn als Machtsymbol angeführt werden. Im Zusammenhang mit dem Einzug des Einhorns in die Septuaginta durch die oben schon erwähnte Übersetzung des „re’em“ als „monokeros“ merkt J.W. Einhorn zu diesen Bibelstellen an, daß das Einhorn dort „[...] als anschauliche Verkörperung der Macht Gottes [...], der Segensfülle des Stammes Joseph [...] und des Auserwählten Gottes [...] oder als Ausdruck einer nicht zu bändigenden Gewalt [...]“24 erscheine.

Die Fangszene wird nur bei Konrad von Megenberg genau übertragen: Wie das Einhorn in den Schoß der Jungfrau springt, habe auch Maria Jesus Christus, indem er vom Himmel „[...] in ir käusch rain schoz“ sprang, empfangen. In diesem Zusammenhang wird auch die Doppelbedeutung des Wortes „vahen“ deutlich. Im Naturbericht wird es als „fangen“ im wörtlichen Sinn verstanden, im allegorischen Teil im übertragenden Sinn als „empfangen“. Die beiden Physiologi setzen die Fangszene nicht derart bildhaft um. Auffällig ist bei Konrad von Megenberg ferner, daß er sogar die Jäger allegorisch ausdeutet, nämlich auf die Juden, die Jesus „lästerleich“ (schandvoll) getötet hätten. Auch schildert nur Konrad die Auferstehung und Auffahrt Christi in den Himmel. T.M. Nischik merkt hierzu an, daß die Einhornjagd und seine Auslegung vermutlich durch „[...] die einprägsame Zusammenfassung des Heilsgeschehens in einer Auslegungsszene [...]“ in das „Buch der Natur“ übernommen wurde, während andere, im Physiologus noch vorhandene Tierauslegungen, fehlen.25 Anschließend an die Allegorese fügt Konrad ein Schlußgebet hinzu, in dem die Jungfrau Maria um Beistand angerufen wird. Nach der Meinung J.W. Einhorns zeigt dieses Schlußgebet, „[...], daß Konrad das Naturexempel wieder in den geistlichen Rahmen einer

Meditationshilfe stellen will, so wie es der Verfasser des Physiologus ohne Zweifel ursprünglich gemeint hat.“26

Dies zeigt deutlich die Intention der Naturbücher, Physiologi und Bestiarien. T.M. Nischik geht in diesem Zusammenhang und bezogen auf die Naturbücher von zwei Intentionen aus, die sich sicherlich auch auf die Physiologi und Bestiarien übertragen lassen: Zum einen sollen dem Leser die Vielfalt von Gottes Schöpfung aufgezeigt und zum anderen der dahinter stehende ‘höhere Sinn’ verdeutlicht werden, woraus für T.M. Nischik folgt, daß „[...] die beschriebenen Dinge stets unter der Perspektive ihrer Deutungsfähigkeit gesehen werden [...]“.27 Darauf gründend stellt sich jedoch die Frage, wie wahrheitsgetreu die Naturberichte eigentlich sein sollten. Richteten sie sich in der Darstellung der Existenz und der Eigenschaften der Tiere ausschließlich nach der Allegorese oder erhoben die Berichte auch Anspruch auf die Vermittlung zoologischer Kenntnisse in realem Sinne? N. Henkel verneint dies. Seiner Meinung nach ist „die rein naturkundliche Relevanz des Physiologus für das Mittelalter „[...] ganz gewiß oft überschätzt worden. Bezeichnungen wie ‘Zoologiebuch des Mittelalters’ u. ä. verfehlen die tatsächliche Bedeutung des Physiologus und gehen von einem falschen Bild der Naturkenntnis des Mittelalters aus.“28 K. Grubmüller sieht dies ähnlich. Für ihn kommt es jedoch eher auf die Wahrheit an, die der Naturbericht in bezug auf die Allegorese verkörpert: „Das Bild bleibt illustrativ, unabhängig davon, ob seine Elemente faktisch nachweisbar sind. So können auch Daten aus der Naturbeschreibung, denen die Wirklichkeit bestritten wird, wahr bleiben, soweit sie Wahres illustrieren [...]“. Jedoch grenzt er die Unwahrheit der Physiologus- Geschichten klar gegen die der Fabel ab: „Sein Naturbezug bewahrt dem Tierbericht dennoch immer noch zumindest den Anspruch, möglich zu sein, [...]. Der Naturbericht wird sich auch im Darstellungsgestus niemals die

Irrealitätslizenz etwa der Fabel zueigen machen, zu deren Bestimmungsmerkmalen über ihre faktische Nicht-Wirklichkeit hinaus sogar noch das Fehlen jeder Möglichkeit zur Realität gehört [...]“.29 Dieser geäußerte Anspruch des Tierberichtes, möglich sein zu können, hat wohl auch den Ausschlag dazu gegeben, den Glauben an die reale Existenz des Einhorns noch bis weit über das Mittelalter hinaus aufrechtzuerhalten.

3. Die Wunderkräfte des Einhorns und das Einhorn als Todessymbol

Das Einhorn übte im Mittelalter, wie auch noch in der Neuzeit, nicht zuletzt wegen der Wunderkräfte seines Horns eine unwiderstehliche Faszination aus. Schon bei Ktesias und Aelian ist belegt, daß das Horn als Mittel gegen Vergiftungen und andere Krankheiten verwendet wird, sei es innnerlich durch die Einnahme des zermahlenen Horns, oder äußerlich durch die Benutzung daraus hergestellter Trinkgefäße. Ferner galt es als Aphrodisiakum. Auch war im Mittelalter die Legende verbreitet, die aus dem griechischen Physiologus stammt, in der das Tier Gewässer von Gift reinigt, indem es sein Horn ins Wasser taucht oder damit ein Kreuz ins Wasser schlägt, was als „[...] Typus der neutestamentlichen Taufe“30 ausgelegt wurde. Die Fähigkeit des Horns, Gift erkennen und unschädlich machen zu können, wurde besonders von Königen und Fürsten genutzt. Sie besaßen ein vollständiges Horn des Einhorns, welches in Wirklichkeit jedoch der Zahn des Narwals war und stellten es bei Festmählern auf die Tafel oder berührten mit einem Stück des Horns Speisen und Getränke. Seiner Wunderkräfte wegen wurden diese Hörner als kostbare Schätze gehandelt, mit Schnitzereien verziert und zu Schmuckstücken verarbeitet. Hildegard von Bingen glaubte ferner, daß auch die Leber des Einhorns, zusammen mit Eidotter zu einer Salbe verarbeitet, die Lepra heilen, das Tragen eines Gürtels aus dem Leder des Tieres vor Pest und Fieber schützen, sowie Schuhe aus dem Material die Füße gesundhalten könnten.31 Seiner Heilkräfte wegen wurde das Einhorn in der frühen Neuzeit zum Symboltier der Apotheken. Die Kräfte des Horn spielen jedoch auch in der Einhornjagd selbst eine entscheidende Rolle: So wird von Kosmas Indikopleustes um 550 n. Chr. berichtet, daß das Einhorn, wenn es von Jägern so bedrängt werde, daß es nicht mehr fliehen könne, sich in einen Abgrund stürze.

Dabei drehe es sich so geschickt, daß sein Horn die Gewalt des Sturzes auffange und es auf diese Weise unverletzt entkommen könne. Bei einer anderen Jagdmethode wird das Horn dem Einhorn jedoch zum Verhängnis, wie die Geschichte vom tapferen Schneiderlein zeigt. Dort stellt sich der Jäger vor einen Baum, das Einhorn rennt wutentbrannt auf den Jäger zu, dieser springt beiseite und das Tier rammt sich mit seinem Horn im Baum fest und ist gefangen.32 Das Einhorn wurde im Mittelalter sehr häufig auf Christus hin ausgedeutet. Dies findet sich nicht nur in Physiologi, Bestiarien und Enzyklopädien, sondern besonders auch in der bildenden Kunst in der Darstellung des ‘Hortus conclusus’- Motivs. Jedoch kann es auch den Tod symbolisieren, wie die Legende von „Barlaam und Josaphat“ zeigt, deren Ursprung, ebenso wie der der „Mahabharata“-Geschichte, in Indien zu suchen ist und welche ebenfalls christlich umgedeutet wurde. In dieser Legende erzählt der Wanderasket Barlaam dem Königssohn Josaphat, um ihn zum Christentum zu bekehren, neben neun anderen Parabeln auch die vom Mann im Abgrund. Diese schildert, wie ein Mann auf der Flucht vor einem wilden Einhorn beinahe in eine Grube stürzt, sich jedoch noch an den Zweigen eines Strauches festhalten kann. Die Grube, mit einem Drachen darin, repräsentiert die Unterwelt. Der Strauch, an dem zwei Mäuse nagen, wird auf das menschliche Leben ausgelegt, die beiden Mäuse auf den Tag und die Nacht, also die Zeit, die beständig am Leben nagt. Der aus dem Strauch tropfende Honig stellt die weltlichen Freuden dar; die vier Schlangen, die den Mann am Emporklettern hindern, die vier vergänglichen Elemente des Körpers und das Einhorn den Tod, der den Menschen immerwährend bedroht.33

III. NACHWORT

Kaum ein anderes Fabeltier hat die Phantasie der Menschen mehr beschäftigt und beeinflußt als das Einhorn und kaum ein anderes Tier hat, auch und gerade in der bildenden Kunst, bezüglich seiner Darstellung und Interpretation eine so tiefgreifende Entwicklung und Veränderung durchlaufen.

Ausgehend von indischen Legenden und der Übernahme und Weitergabe mißinterpretierter Berichte von Nashörnern und anderen Tieren hielt das Einhorn über die naturwissenschaftlichen Werke antiker Autoren seinen literarischen Einzug in die Bibel, den Physiologus und von dort in die Naturbücher und Bestiarien des mittelalterlichen Abendlandes. Parallel dazu ging seine Entwicklung in der bildenden Kunst einher, die durch ihre mannigfaltigen Zeugnisse die verschiedenen Arten der Symbolisierung dieses Tieres erst verdeutlicht. Von einem kleinen, ziegenartigen rauhen Wesen wurde das Einhorn im Laufe der Zeit zu dem uns heute bekannten, stolzen und starken Tier, welches unter anderem als Symbol für Jesus Christus, die Keuschheit und auch den Tod diente. Seinem Horn wurden magische und heilende Kräfte zugesprochen, die den Glauben an seine wahre Existenz noch lange bis in die Neuzeit hinein aufrechterhielten, geschürt durch den Fund von Narwal- und eiszeitlichen Mammutzähnen.

Mit der vorliegenden Hausarbeit wurde versucht, einen Einblick in den Ursprung und die Tradition des Einhorn-Motivs zu geben und dies beispielhaft an mittelalterlichen Textzeugnissen zu erläutern, was jedoch in dem begrenzten Rahmen einer Seminararbeit in nur bescheidenem Umfange möglich war.

LITERATURVERZEICHNIS

Forschungsliteratur:

Cherry, John (Hrsg): Fabeltiere. Von Drachen, Einhörnern und anderen mythischen Wesen, Stuttgart 1997

Einhorn, Jürgen Werinhard: Spiritalis Unicornis. Das Einhorn in Literatur und Kunst des Mittelalters, 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, München 1998

Grubmüller, Klaus: Überlegungen zum Wahrheitsanspruch des Physiologus im Mittelalter, in: FMASt 12 (1978), S. 160-177

Henkel, Nikolaus: Studien zum Physiologus im Mittelalter, Tübingen 1976

Nischik, Traude-Marie: Das volkssprachliche Naturbuch im späten Mittelalter. Sachkunde und Dinginterpretation bei Jacob van Maerlant und Konrad von Megenberg, Tübingen 1986

Lexika:

Lexikon des Mittelalters, Hrsg. von Norbert Angermann, München 1993

Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, Hrsg von Ernst Gall und L.H. Heydenreich Stuttgart 1958,

Die deutsche Literatur des Mittelalters, Verfasserlexikon, Hrsg. von Kurt Ruh, 2. völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin 1985

[...]


1 Vgl. Henkel, Studien, S. 12.

2 Vgl. Einhorn, Spiritalis Unicornis, S. 63.

3 Lexikon d. MA, 2117.

4 Vgl. Henkel, Studien S. 17 f.

5 Ebd. S. 18.

6 Vgl. Henkel, Studien S. 18 ff, Einhorn, Spiritalis Unicornis S. 63 ff.

7 Im Gegensatz zu Henkel greift Einhorn die Einteilung von Florence Mc Culloch in vier Hauptversionen auf, vgl. dazu Einhorn, Spiritalis Unicornis, S. 64.

8 Vgl. Henkel, Studien S. 33 ff, Einhorn, Spiritalis Unicornis, S. 64.

9 Vgl. Henkel, Studien S. 82 ff.

10 Verfasserlexikon, 232.

11 Einhorn, Spiritalis Unicornis, S. 358.

12 Verfasserlexikon, 232 f.

13 Ebd., Sp. 233, Einhorn, Spiritalis Unicornis, S. 202 ff.

14 Einhorn, Spiritalis Unicornis, S. 43 ff, S.359.

15 Ebd., S. 55 f.

16 Ebd., S. 56.

17 Ebd., S. 56 ff.

18 Ebd., S. 54 ff, S. 141, Wehrhahn-Stauch, RDK IV, Sp. 1508.

19 Einhorn, Spiritalis Unicornis, S. 60 ff.

20 Ebd., S. 63 ff, S. 141.

21 Vgl. dazu auch Ebd, S. 52.

22 Vgl. dazu Ebd., S. 191, 222 ff.

23 Vgl. Nischik, Naturbuch, S. 239. Nischik legt dar, daß die mehrfache Berufung auf angesehene Kleriker zur Untermauerung der eigenen Darstellungen in mittelhochdeutschen Kompendien üblich ist.

24 Einhorn, Spiritalis Unicornis, S. 54.

25 Nischik, Naturbuch, S. 273 f.

26.Einhorn, Spiritalis Unicornis, S. 207.

27 Nischik, Naturbuch, S. 402.

28 Henkel, Studien, S. 145 f.

29 Vgl. Grubmüller, Überlegungen, S. 169 f.

30 Einhorn, Spiritalis Unicornis,S. 338 ff.

31 Vgl. Cherry, Fabeltiere, S. 87 ff.

32 Vgl. Reallexikon IV, Sp. 1511.

33 Einhorn, Spiritalis Unicornis, S. 310ff.

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Details

Titel
Das Einhorn im Physiologus und im "Buch der Natur" von Konrad von Megenberg
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Proseminar "Das Tier in mittelalterlicher Literatur"
Note
2
Autor
Jahr
1998
Seiten
16
Katalognummer
V104462
Dateigröße
368 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einhorn, Physiologus, Buch, Natur, Konrad, Megenberg, Proseminar, Tier, Literatur
Arbeit zitieren
Julia Hommrich (Autor), 1998, Das Einhorn im Physiologus und im "Buch der Natur" von Konrad von Megenberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104462

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