Erinnerung und Identität im Roman "La Hija del Caníbal" von Rosa Montero. Die Aufarbeitung des spanischen Bürgerkrieges in der modernen spanischen Literatur


Akademische Arbeit, 2018

25 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung Seite
1.1 Uberblick und Gliederung Seite
1.2 Leitfragen Seite

2. Erinnerung und Identitat Seite
2.1 Vier Ebenen der Erinnerung Seite
2.2 Erinnerung schafft Identitat und Identitat pragt Erinnerung Seite
2.3 Geschaffene Geschichte Seite
2.4 Gegengeschichtsschreibung Seite

3. Der historische Hintergrund: Der spanische Burgerkrieg Seite
3.1 Der Interventionskrieg der Faschisten Seite
3.2 Die Politik der Westmachte Seite
3.3 England, Frankreich und die USA als Mitschuldige Seite

4. La hija del cambal Seite
4.1Kurzer Textuberblick Seite
4.2 Forschungsstand Seite
4.2.1 Literatur der Erinnerung Seite
4.2.1 Die Suche nach Identitat im Roman Seite
4.3 Die Erinnerung an den Burgerkrieg im Roman Seite
4.4 Identitat, Erinnerung und Gegenwart Seite
4.5 Den Burgerkrieg erinnern - auf allen vier Ebenen? Seite
4.6 Die Suche nach Wahrheit Seite

5. Fazit Seite

6. Literatur und Quellen Seite

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars zu „Stadt und Vorstadt in der spanischen Literatur der Moderne“ haben wir uns unter anderem mit den „Lieux de memoire“ von Pierre Nora beschaftigt. Da ich sehr daran interessiert bin, wie gesellschaftspolitisch relevante Themen allgemein und insbesondere in Literatur und Kunst erinnert werden, hat mich dieses Thema direkt begeistert. Insbesondere das Thema des spanischen Burgerkrieges, das in einer Vielzahl von Romanen in den letzten Jahrzehnten aufgegriffen wurde, bietet sich in diesem Zusammenhang als Untersuchungsfeld an. Eben diese Frage nach der gesellschaftspolitischen Relevanz konnte im Rahmen des Referats der Kommilitonin im Seminar jedoch kaum abgedeckt werden. Ich mochte daher in der vorliegenden Arbeit versuchen, einerseits einen Einblick in die Debatte um Erinnerungskultur zu geben und andererseits eben dieses theoretische Konzept exemplarisch auf einen Roman aus der spanischen Moderne anzuwenden.

1.1 Uberblick und Gliederung

Eingangs soll zunachst ein Uberblick uber die Thematik der Erinnerung gegeben werden. Wahrend im Seminar vor allem Noras Erinnerungsorte besprochen werden, soll dieser Ansatz in der vorliegenden Arbeit durch das weiter gefasste Konzept von Assmann erweitert werden. Im Anschluss daran soll der historische Hintergrund, also der spanische Burgerkrieg, kurz in seinen wichtigsten Eckdaten skizziert werden. Dies ist notwendig, um den realen Hintergrund fur die im Roman aufgegriffenen Passagen zu skizzieren. Auf dieser Grundlage soll nun der Roman „La hija del cambal“ von Rosa Montero analysiert werden, indem nach einer kurzen Textzusammenfassung und einem Uberblick uber den Forschungsstand das theoretische Wissen aus den vorherigen Kapiteln auf den Roman angewendet wird. Diesen Roman habe ich gewahlt, weil er einerseits mit der Thematisierung des anarchistischen Widerstandes ein interessantes Randgebiet aufgreift und andererseits durch die Verflechtung von Erinnerungs- und Gegengenwartsgeschichte Fragestellungen nach Identitat und Bedeutung von Erinnerung fur das Jetzt nahelegt.

1.2 Leitfragen

Fur die vorliegende Arbeit sind folgende Fragen richtungsgebend: Welchen Einfluss hat die Erinnerung der Vergangenheit auf die Gegenwart und auf die Konstruktion der Identitat der Romanfiguren? In wie weit bedingen sich Identitat und Erinnerung im Roman, sowohl auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene? Wie flieBen Erinnerung und Gegenwart im Roman von Montero zusammen und auf welche Schlussfolgerungen konnen daraus fur die Gegenwart gezogen werden?

2. Erinnerung und Identitat

Die Auseinandersetzung mit der Schaffung, Bedeutung und Veranderung von Erinnerung weckt schon lange die Aufmerksamkeit beispielsweise von Historikern, Literatur- und Politikwissenschaftlern und Ethnologen. Der im Seminar besprochene Ansatz von Pierre Nora zu Erinnerungsorten soll im Folgenden durch den theoretischen Ansatz von Aleida Assmann erweitert und vertieft werden. Schon die antiken Hochkulturen weltweit hatten jeweils ihre eigenen Formen des Erinnerns und Festschreibens von Geschichte. Doch wie wird dieses Schreiben von Geschichte vollzogen und welche Auswirkungen hat Erinnerung auf Gruppen und Individuen? Um diesen Fragen nachzugehen soll im Folgenden ein knapper Uberblick uber Erinnerungstheorie gegeben werden.

2.1 Vier Ebenen der Erinnerung

Der Vorgang des Erinnerns findet nach Assmann auf vier verschiedenen Ebenen statt, somit verfugt jedes einzelne Individuum auch uber vier Gedachtnisebenen1. Neben der individuellen Erinnerung2 existiert nach Assmann ein soziales, ein kollektives und ein kulturelles Gedachtnis. Das individuelle Gedachtnis umfasse dabei die personlichen Erinnerungen jedes einzelnen Menschen. Das soziale Gedachtnis umfasse „eine Gruppe mit einer gemeinsamen Erfahrungsbasis“, die sich mit Hilfe des Mediums des Gesprachs uber diese „Erfahrungen aus ihren verschiedenen Perspektiven heraus immer wieder austauscht“3. Das kollektive Gedachtnis beziehe sich auf Institutionen wie Nationen, Firmen oder die Kirche und ist mittels symbolischer Stutzen geschaffen.

„Mit diesem Gedachtnis 'machen' sich Institutionen und Korperschaften zugleich eine Identitat. Ein solches gemachtes kollektives Gedachtnis hat keine spontanen und unwillkurlichen Momente mehr, weil es durch und durch intentional verfasst und symbolisch konstruiert ist. Es ist ein 'Gedachtnis des Willens' und der kalkulierten Auswahl“4.

Als Symbole dienen nach Assmann beispielsweise Monumente, Riten, Orte, Texte, Praktiken oder Bilder - also weite Teile dessen, was Nora als „Erinnerungsorte“ versteht. Das kulturelle Gedachtnis diene der dauerhaften Speicherung von Erinnerungen und kann auch als das „soziale Langzeitgedachtnis“5 bezeichnet werden. Es wird in Schrift und Bild, beispielsweise in Buch und Film gespeichert. „Das kulturelle Gedachtnis [dient] den Burgern einer Gesellschaft dazu, in langfristiger historischer Perspektive uberlebenszeitlich zu kommunizieren“6.

2.2 Erinnerung schafft Identitat und Identitat pragt Erinnerung

Menschen haben Erinnerungen auf verschiedenen Ebenen und durch diese Erinnerungen schaffen sich Individuen und auch Gruppen und Nationen eine Geschichte und somit eine Identitat. Dieses Identitatsschaffen erfolgt sowohl auf individueller als auch auf nationaler Ebene sowie innerhalb der unterschiedlichsten Gruppen von Menschen, beispielsweise der Familie, Sportvereine, politische Gruppen oder den Kollegen am Arbeitsplatz7. Jede dieser Gruppen erzeugt bei jedem Individuum neben dem 'ich' die unterschiedlichsten 'wir'-Gruppen mit jeweils eigenen Erinnerungen und Identitaten. Assmann kommt zu dem Ergebnis, dass „das Verhaltnis zwischen Erinnerungen und Identitat [...] zirkular“8 ist. Somit stimmt sie mit Halbwachs in dem Punkt uberein, dass jeder Mensch stets auf der Grundlage seines gesellschaftlichen Hintergrundes erinnert9. Zudem ist das Gedachtnis die Grundlage von Gemeinschaft und Kultur10. Gemeinsame Erinnerungen sind daher zentral fur die Entstehung einer Gruppenidentitat und eines Gruppengefuhls. Erinnerungen sind auch fur jeden einzelnen Menschen, seine Identitat und sein Selbstbewusstsein grundlegend. Gibt es keine oder verfalschte Erinnerungen an fur die Gegenwart wichtige Ereignisse oder Prozesse, kann sich dies im Umkehrschluss storend auf die Bildung von Identitat und Gruppengefuhl auswirken. Das Fehlen oder nur luckenhafte Vorhandensein einer Identitat wiederum wirkt sich negativ auf die Fahigkeit des Erinnerns aus. Auch fur das Verstandnis der Gegenwart ist eine gemeinsame Erinnerung notig: „Es ist die[...] gemeinsame Erinnerung, die der Gegenwart einen Sinn verleiht, indem sie sie als Stufe einer langfristigen und notwendigen Entwicklung deutet.“11.

2.3 Geschaffene Geschichte

Die Betrachtung der Vergangenheit ist nach Assmann dynamisch und zielgerichtet, insbesondere auf der Ebene des kollektiven Gedachtnisses. „Wie lange sie [die vom kollektiven Gedachtnis geschaffenen Mythen] weitergegeben werden, hangt davon ab, ob sie gebraucht werde, d.h.: ob sie dem gewunschten Selbstbild der Gruppe und ihren Zielen entsprechen oder nicht“12. Jeder Staat bestimmt, wie seine Geschichte aussieht, wer die Helden und wer die Verrater sind, nach wem StraBen oder Schulen benannt werden, welche Feiertage gelten oder fur wen Statuen gebaut werden. Laut Assmann wird so von jeder „Nation ihr Selbstbild konstruiert“13. Diese Entscheidungen werden gezielt vollzogen, um Vorbilder im Sinne der Herrschenden zu pragen. Offizielle Moglichkeiten der Schaffung von Geschichte, wie beispielsweise StraBennamen, bilden eine wichtige Zeichensetzung, die nach Regierungswechseln als „hochgeschatzte Beute“14 der jeweils Regierenden angesehen werden. Nach Regimewechseln kommt es daher haufig zur Umbenennung vieler StraBen. Allgemein lasst sich sagen, dass insbesondere das, was auf StraBenschildern erinnert wird, politisch umkampft ist.

Somit schreiben sich Staaten je nach Bedarf ihre eigene Geschichte. Auch die Darstellung der Geschichte in Geschichtsbuchern variiert je nach dem Willen der jeweils Regierenden. Dieser konstruierten, aber dennoch offiziellen nationalen Geschichtsschreibung steht laut Assmann in vielen Fallen eine davon abweichende Wahrnehmung der Bevolkerung gegenuber:

„[...] [I]nteressant ist, daB sich [...] so etwas wie eine Zweigleisigkeit zwischen offiziellem und inoffiziellem Gedachtnis entwickelt. Unter den monumentalen Deklamationen und Zeichensetzungen des Staates erhalt sich das Netz eines sozialen Gedachtnisses, das eine kognitive Dissonanz produziert, damit aber auch einen kritische Distanz zur offiziell verordneten Gegenwartsdeutung ermoglicht“15.

Wahrend der Staat sich also je nach Bedarf seine Geschichte schafft, hat die Bevolkerung haufig eigene, aus ihrer Wahrnehmung heraus entstandene Geschichtsvorstellungen, die der offiziellen Variante widersprechen. Diese Geschichte aus der Wahrnehmung der Menschen bleibt zumeist ungeschrieben, sie existiert also meist nur in Erzahlungen und nicht in Texten oder Dokumenten.

2.4 Gegengeschichtsschreibung

Verschiedene Autoren fordern, diese ungeschriebene Geschichte, diese Geschichte aus Sicht der Subalternen und Kolonialisierten, anzuerkennen, zu verbreiten und zu verschriftlichen. Diese Forderung beinhaltet zudem die Kritik, dass bis heute zumeist nicht von den Unterdruckten selbst gesprochen wird, dass diese also nicht selbst sprechen, sondern dass stellvertretend fur sie und uber sie geschrieben und gesprochen wird. Die postkoloniale Autorin Spivak fordert daher eine Gegengeschichtsschreibung16. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Sicht der Unterdruckten und Subalternen, die bisher nur wenig Zugang und Moglichkeiten hatten und haben, um ihre Sicht auf die Geschichte les- und horbar zu machen, vertreten werden muss. Dadurch wurde nicht nur deren Geschichte endlich geschrieben, sondern auch die bisher verschriftlichte Geschichte erst durch ihr Gegenstuck komplett zu erfassen sein.

Das Erinnern der gemeinsamen Geschichte ist zentral, um diesen bisher unterdruckten Gruppen ihre jahrhundertelang geraubte Identitat zuruckzugeben. Grundlegend ist dabei nach Spivak, dass nicht fur die bisher Unterdruckten gesprochen wird, sondern dass diese selbst zu sprechen beginnen. Die Geschichte, die dabei formuliert wird, soll nicht stellvertretend fur die Unterdruckten geschrieben werden, sondern von ihnen. Ebenso wie Unterdruckte und Subalterne fur sich selbst sprechen sollen, sollen sie auch ihre eigene Geschichte schreiben. Dieses Schreiben der Unterdruckten gestaltet sich in der heutigen Welt, in der die groBen Medien, die Schulbuchverlage, die Museen und der Zugang zu Gestaltungsmoglichkeiten offentlicher Platze meist in wenigen Handen konzentriert ist und Geschichtsschreibung staatlich organisiert, finanziert und haufig im Interesse des Staates vorgenommen wird, etwas schwierig.

Auch der spanische Historiker Miguel Izard vertritt den Standpunkt, dass die offizielle Geschichtsschreibung die Geschichte der Sieger ist und kritisiert dies scharf:

„[...] das erste Hindernis, dem man gegenubersteht, wenn man sich der Vergangenheit eines Landes nahert, oder einer bestimmten Epoche ist die Offizielle [sic] Geschichtsschreibung [...], im Wesentlichen bloBer Machtdiskurs, Heiligsprechung des Staates, Verteidigung und Rechtfertigung des Uberschuss-Systems bzw. des Kapitalismus, Ahnenforschung des Eigentums, der Ungerechtigkeit, der Ungleichheit, des Machismus,[...]“17.

Es muss daher stets untersucht werden, wer wessen Geschichte mit welcher Intention schreibt oder geschrieben hat. Unter Geschichte soll dabei allgemein nach Kupprat „eine Form des Gedachtnisses, welche die Eigenschaft besitzt, dass sie von den Mitgliedern einer Gemeinschaft geteilt und deren Inhalt fur wahr befunden wird“18 verstanden werden. Dieses „fur wahr befinden“ ist jedoch auBerst subjektiv und kann durch gezielte Medienmanipulation beeinflusst werden. Es ist daher stets zu prufen, inwiefern der Staat und die jeweils herrschende Regierung die Geschichtsschreibung in ihrem Interesse beeinflusst und andert.

3. Der historische Hintergrund: Der spanische Burgerkrieg

Der spanische Burgerkriegwarderoffene Ausbruch schon lange schwelender sozialer Kampfe. Zwei der wichtigsten Konflikte waren einerseits die Konfrontation zwischen landlosen Agrararbeitern und „prunksuchtigen GroBgrundbesitzern“, andererseits zwischen stadtischen Arbeitern und Kapitalisten. 0,2% der Bevolkerung besaBen zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflachen Spaniens.19 Die Oktoberrevolution 1917 inRussland und die Weltwirtschaftskrise 1928-1933 beforderten Massenstreiks und Bauernerhebungen20.

Die Militardiktatur Primo de Rivera 1923-1930 bedeutete Repression gegen „die organisierte Arbeiterschaft“ und Faschisierung21. Militardiktatur und auch Monarchie konnten sich in Spanien nicht mehr halten, „die Massen wandten si ch (...) der Republik zu“22. Die revolutionare Bewegung war aber noch zu schwach, die Grundfrage Spaniens zu losen: Die Enteignung der GroBgrundbesitzer und die Verteilung des Bodens. Unter dem Einfluss des Triumphes der Nationalsozialisten in Deutschland schlossen sich die Rechten und Faschisten in Spanien 1933 zusammen und gewannen die Wahlen. Die zahmen Reformen der Vorgangerregierung wurden zuruckgenommen, ein Arbeiteraufstand in Asturien, der „spanische Oktober“ von 1934, wurde unter Einsatz der Afrikatruppen niedergeschlagen: Der General Francisco Franco lieB Arbeiterwohnviertel bombardieren, Tausende starben. Auf Impuls der Kommunisten bildete sich die „Volksfront“ aus Kommunisten, Sozialisten und burgerlich-demokratischen Parteien, die imFebruar 1936 die Wahlen gewann23.

3.1 Der Interventionskrieg der Faschisten

Am 18. Juli 1936 unternahm die Gegenseite, das Bundnis von rechten Parteien und Faschisten mit General Franco an der Spitze, einen Putschversuch gegen die Volksfrontregierung, der durch die Treue der Truppen zur Regierung zunachst scheiterte. Die ,faschistische Internationale' aus Hitler in Deutschland, Mussolini in Italien und Salazar in Portugal verwandelte den misslungenen Versuch Francos allerdings schnell in einen Interventionskrieg, der erst Anfang 1939 mit der Niederlage der Volksfrontregierung und dem Sieg der Franquisten enden sollte24. Bereits die Landung der Franquisten in Spanien war nur durch deutsche Militarhilfe moglich. Durch die Lieferung enormer Mengen Waffen, tausender Flugzeuge, Panzer und U-Boote, durch logistische Hilfe im GroBmaBstab, durch Geldgeschenke, Kredite und andere Vergunsti gungen, durch politische und diplomatische MaBnahmen aller Art unterstutzten Hitler, Mussolini und Salazar die spanischen Faschisten offen und direkt. Aus Italien kamen allein 80.000 Soldaten nach Spanien, aus Deutschland 110.000 Tonnen Waffenlieferungen25.

3.2 Die Politik der Westmachte

Die Westmachte, allen voran England, Frankreich und die USA, unterstutzten die spanischen Faschisten indirekt durch eine Politik, die sie der Offentlichkeit gegenuber „Nichteinmischung“ oder „Neutralitat“ nannten26. Das von England und Frankreich im September 1936 geschaffene „Nichteinmischungskomitee“ stutzte Kriegslugen aus Deutschland und Italien und lieB sie gewahren. In einer internen Einschatzung der deutschen Regierung heiBt es: „Das Abkommen [zur Nichteinmischung] stellt keine Gefahr fur uns dar. Das Wort ,Kontrolle' kommt noch nicht einmal darin vor“27.

Das war ein klarer Bruch auch der volkerrechtlichen Verpflichtungen der Westmachte, die gegenuber der regularen spanischen Volksfrontregierung dazu gezwungen gewesen waren, alles Erdenkliche gegen die auslandische Intervention zu unternehmen. Die Westmachte hatten stets normale diplomatische Beziehungenzur Volksfrontregierung unterhalten und waren durch den Volkerbund zur Bundnisfallpolitik verpflichtet28. Sie waren ebenfalls verpflichtet gewesen, vertraglich vereinbarte Warenlieferungen nach Spanien einzuhalten. Stattdessen verstandigten sich England, Frankreich und die USA einerseits auf ein Embargo gegen die spanische Republik, wahrend sie der faschistischen Intervention abwartend zusahen, und lieferten andererseits selbst uber Umwege Waffen an die Faschisten.

Die USA beispielsweise erhohten ihre Waffenverkaufe an Mussolini in den Burgerkriegsjahren 1936 und 1937 um das Funffache, obwohl Italien unmittelbar Kriegspartei war. Prasident Roosevelt gab zu, dass amerikanische „Bomben (...) aus den USA uber Holland, Belgien und selbst uber England zu Franco gelangen“29. Waffenverkaufe an die Gegner der Faschisten, an die spanische Republik, auch uber Drittstaaten, wurden allerdings vom amerikanischen AuBenministerium verhindert30.

Entscheidend fur die Unterstutzung der Franquisten war fur die Westmachte einerseits die unmittelbare okonomische Interessengemeinschaft mit ihnen. Der Ministerprasident von England, Neville Chamberlain, sagte im Juli 1938 im britischen Parlament beispielsweise, dass eine Schifffahrtsblockade gegen Franco nicht opportun sei, „weil auf diese Weise die 40 Millionen Pfund Sterling gefahrdet wurden, die von britischen Kapitalisten in dem von spanischen Rebellen beherrschten Gebiet investiert worden seien“31.

Andererseits trieb direkte ideologische Nahe zu Hitler einige Politiker der Westmachte um. Hitler habe „GroBes fur Deutschland getan“, so auBerte sich der amerikanische Botschafter in Deutschland, Kennedy, 1938. Er habe auch „durchaus Verstandnis“ fur die Judenverfolgung in Deutschland, zumal auch in seinem Bostoner „Golfklub und in anderen Klubs seit 50 Jahren keine Juden zugelassen“ wurden.

Man musse auBerdem - und dies ist eine wichtige strategische Uberlegung - Deutschland nach dem Osten hin „freie Hand“ lassen32. Im selben Jahr war dies auch die Strategie Englands: Der Gedanke war, „Hitler im Osten totlaufen zu lassen“ - so ein Memorandum des englischen AuBenministers Halifax. Derselbe hatte noch im Vorjahr verlauten lassen, dass „Deutschland mit Recht als Bollwerk des Westens gegen den Bolschewismus angesehen werden konne“33.

3.3 England, Frankreich und die USA als Mitschuldige

Es handelte sich beim spanischen Burgerkrieg offenbar um einen internationalen Krieg, dessen Ausgang entscheidende Auswirkungen auf ganz Europa haben sollte. Francos AuBenminister Jordana resumierte 1948:

[...]


1 vgl. Assmann (2006b)S. 1 f. und Assmann (2001) S. 34 f.

2 Auf das individuelle Gedachtnis wird in Kapitel 2.3.4 im Zusammenhang mit Trauma genauer eingegangen.

3 Assmann (2006b) S.2

4 Assmann (2001)S.39

5 Assmann (2001) S.43

6 Assmann (2001) S.44

7 vgl. Assmann (2006b) S.1

8 Assmann (2006b) S.2

9 Halbwachs (1985), zitiert nach Kupprat (2011) S.14

10 vgl. Assmann (2001) S.35

11 Assmann (2006a) S.42

12 Assmann (2006b) S.2

13 Assmann (2007) S.181

14 Assmann (2006b) S.6

15 Assmann (2006b) S.6

16 Spivak (2008) S. 24

17 Izard 1995 S.89

18 Kupprat (2011) S.15

19 Vgl. Albert Norden (1956) S.6f.

20 Vgl. ebenda

21 Vgl. ebd., S. 40

22 Bernecker (2006) S.40

23 Ebenda, S.42ff; Norden (1956) S.7f.

24 Vgl. Antony Beevor (2006) S.72ff.

25 Vgl. Norden (1956), S.17, 24, 36f.

26 Vgl. Bernecker (2006), S.47f.; Norden (1956), S.38ff.

27 Zitiert nach Michael Alpert (1998) S.56.

28 Vgl. Norden (1956) S.38, 47.

29 Zitiert nach Norden (1956), S.58.

30 Norden (1956), S.57.

31 zitiert nach Norden (1956), S.44.

32 zitiert nach Norden (1956), S.61.

33 zitiert nach Norden (1956), S.48f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Erinnerung und Identität im Roman "La Hija del Caníbal" von Rosa Montero. Die Aufarbeitung des spanischen Bürgerkrieges in der modernen spanischen Literatur
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,7
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V1044738
ISBN (eBook)
9783346465825
ISBN (Buch)
9783346465832
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erinnerung, identität, roman, hija, caníbal, rosa, montero, aufarbeitung, bürgerkrieges, literatur
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Erinnerung und Identität im Roman "La Hija del Caníbal" von Rosa Montero. Die Aufarbeitung des spanischen Bürgerkrieges in der modernen spanischen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1044738

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