Die Spezifika an Tiecks Märchen am Beispiel von "Der blonde Eckbert"

Die figurale Gestaltung


Hausarbeit, 2020

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Figurale Gestaltung des Hauptprotagonisten Eckbert
2.1 Erwartungen an die Figur des Ritters: Inferenzen und Schemaliteratur
2.2 Figurencharakterisierung
2.2.1 Implizite Charakterisierung
2.2.2 Explizite Charakterisierung
2.3 Bewusstseinszustände und der Übergang zum Wahnsinn
2.4 Inzestuöse Andeutungen
2.5 Dekonstruktion von Erwartungen und das Menschenbild der Moderne

3. Endbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert ist ein Kunstmärchen, welches 1797 innerhalb der sogenannten Frühromantik verfasst worden ist. Dem gängigen Epochenbegriff zufolge müsste es sich bei diesem Märchen dementsprechend um ein Schriftstück handeln, welches sich kohärent zu anderen Märchen der Epoche der Romantik verhält. Dennoch lassen sich im direkten Vergleich zu Märchen wie Aschenputtel von Jacob und Wilhelm Grimm signifikante Unterschiede erkennen. Dies wiederum führt zu einer vorläufig zweiteiligen These: Der blonde Eckbert ist erstens durch seine Gestaltungsweise ein untypisches, gar modern anmutendes Märchen und limitiert somit zweitens die Zuverlässigkeit der Theorie der Epocheneinteilung.

Um diese These zu belegen und zu bestärken, wird im Rahmen dieser schriftlichen Ausarbeitung die Tiefengestaltung der Figur Eckbert im Primärtext anhand von Aspekten der Figurenanalyse nach Matias Martinez analysiert. Diese figuralen Merkmale sollen anschließend daran in Vergleich zu prototypischen Merkmalen von Märchenfiguren gesetzt werden, durch dessen Abweichung die Funktion von Der blonde Eckbert erörtert werden soll. Die erarbeiteten Annahmen werden hierbei in Beziehung zum Forschungsstand gesetzt und somit ergänzt. Folglich liegt das Erkenntnisinteresse in der Hervorhebung eines bestimmten Spezifikums an Tiecks Märchen, welches in einen größeren Kontext, das heißt der Validität von Epochen, eingebunden wird.

2. Figurale Gestaltung des Hauptprotagonisten Eckbert

2.1 Erwartungen an die Figur des Ritters: Inferenzen und Schemaliteratur

In Anbetracht dessen, dass eine fiktive Figur ein kognitives Konstrukt von Inferenzen seitens des Lesers darstellt1, liegt die Annahme, dass der Leser neben Prozessen der „Lückenfüllung” ebenso Erwartungen an die Figur stellt, nicht fern. Diese Erwartungen können an weltliches Wissen gebunden sein, doch in diesem Fall vor allem an literarisches Gattungswissen.2

Weiterhin ist der Begriff der Schemaliteratur bei der Thematisierung von Märchen bedeutsam: Neben Fabeln und Kriminalromanen bestimmt diese literarische Gattung die Figuren handlungsfunktional, sodass die Figuren oder auch Aktanten über die Eigenschaft der Fortführung der Handlung hinaus kein eigenes Profil besitzen, d.h. wenig komplex und statisch verbleiben.3

Dies einbeziehend ergeben sich grob folgende Lesererwartungen hinsichtlich der Rolle des Ritters: Als durch Stereotype idealisierte Figur sollte Eckbert die Eigenschaften von Tapferkeit, Tugendhaftigkeit, Moralität und Stärke widerspiegeln, von adeligem Geschlecht und gerechtigkeitssuchend sein. Dementsprechend werden derartige Attribute kategorial mit dem märchentypisch „Guten” assoziiert, welche kontrastiv zu divergierendem Verhalten, welches mit dem „Bösen” in Verbindung gebracht wird, stehen. Ferner basiert eine derartige Konstruktion von Erwartungen auf dem Selbstverständnis von mentaler Gesundheit und Sündenfreiheit, welche für den späteren Kontext gleichermaßen wesentlich sind.

2.2 Figurencharakterisierung

2.2.1 Implizite Charakterisierung

Beginnend mit der impliziten Charakterisierung, welche nach Martinez zum Beispiel die Aspekte der Namensgebung und Physiognomie erfasst, ist auffällig, dass Teile dieser Kriterien eng an das Rittertum gebunden sind. So ist der Name „Eckbert”, dessen Ursprungsname „Egbert” darstellt, in seiner Zweiteilung von mnd. „egge”4 (hd.: „Schneide einer Waffe”, d.h. potentiell „Schwertschneide”) und mnd. „bert”5 (hd.: „Glanz) kohärent zu der Profession dieser Figur. Darüber hinaus wertet der positiv konnotierte zweite Bestandteil dieses „Kompositums” offenkundig die (Berufs-)Bezeichnung bzw. den Namen auf. Dazu konträr stehend ist die Statur des Ritters, welche auktorial als „kaum von mittlerer Größe”6 beschrieben wird. Zusätzlich lässt sich anhand der Beschreibung des Gesichts als „eingefallen” und „blass”7 mutmaßen, dass sich die Physis der Figur in einem morbiden Zustand befindet.

Anfänglich suggeriert die blonde Haarfarbe des Ritters, welche sogar im Titel Erwähnung findet, die Unschuld, Stärke, Güte und Fruchtbarkeit8 des Ritters. Hierbei steht das letzte Attribut erneut oppositiv zu der (aus der Haarfarbe resultierenden) Erwartungshaltung, denn es wird im Primärtext ebenso auktorial die Information offenbart, dass die Geburt eines Kindes bislang missglückt sei.9 Inwiefern dieser Erwartungsbruch intendiert ist und der mittelalterlichen Logik folgt, wird im späteren Verlauf noch aufgezeigt.

Infolge seines Berufsstandes und der Namensgebung in Repugnanz zu seiner äußeren Gestalt werden zunächst idealistische Erwartungen evoziert, welche unmittelbar darauf destruiert werden. Der Schein einer edlen Fassade wird dekuvriert, vergleichsweise ähnlich wie die Widersprüchlichkeit seines Wesens.

2.2.2 Explizite Charakterisierung

Innerhalb der Rahmengeschichte, d.h. auf extradiegetischer Ebene, wird die Figur Eckbert durch den Erzähler mit den Eigenschaften melancholisch, verschlossen und konfliktvermeidend, gleichzeitig aber auch mit „heiter und aufgeräumt" attribuiert.10 Dieser Dualismus wirkt hierbei trotz seiner Gegensätzlichkeit zusammenhängend, sodass beide Welten, d.h. die Scheinwelt und die Realität, als Einheit erscheinen. Kullick merkt zudem an, dass die Verwendung des Verbs in „sie schienen sich von Herzen zu lieben”11 ebenso die Synthese beider Realitäten suggeriert und auf die Zerbrechlichkeit dieser hindeutet.12

Nach der Binnenerzählung über die Lebensgeschichte Berthas auf intradiegetischer Erzählebene erfolgt eine dynamische Entwicklung der Beziehung zwischen der Figur Eckbert und der Figur Walter. Der Ritter entwickelt aus der innigen Verbundenheit zu seinem einzigen und gleichzeitig engsten Freund ein „unedles Misstrauen”13, welches die Quelle der Ausdehnung seiner psychischen Unruhe darstellt. Seit diesem Bekenntnis kommt es zu einer charakterlichen Veränderung, welche die steigende Komplexität der Figur manifestiert. Die Figur verliert in ihrer sich zunehmend fragmentierenden Wahrnehmung jegliches prospektive Kontrollbewusstsein und begeht aus eigennütziger Intention Mord an der Figur Walther.14 Es ist hierbei nicht anzunehmen, dass dieses Verbrechen als Folge von Infamität gesehen werden kann, sondern als Möglichkeit zur Besserung seiner psychischen Verfassung. Anschließend daran erfährt dieser von dem irdischen Abschied seiner Ehefrau Bertha. Infolgedessen erlangt die Figur Eckbert sein Gewissen wieder und empfindet Reue aufgrund der begangenen Tötung. Zudem resultiert aus diesem Ereignis die Zunahme von Selbstzweifeln, welche in eine nichtswürdige Selbstwahrnehmung münden.15 Der Erzähler dokumentiert somit die charakterliche Dynamik der Figur, welche in ihren Wesensmerkmalen vielfältiger als märchentypisch ist. Die Tiefengestaltung kann somit nicht als einfach oder „flat” klassifiziert werden, sondern ist maßgeblich für die Ausgestaltung einer Figur, die als komplex oder „round” definiert werden kann.16 Diese Form von Komplexität ist zudem häufig auffindbar in Charakterzügen moderner Protagonisten, worauf in den nächsten Abschnitten konkreter eingegangen wird.

2.3 Bewusstseinszustände und der Übergang zum Wahnsinn

Wie obig beschrieben, verstärkt sich mit der Ermordung des nahestehenden Freundes und des Todes Berthas der psychisch prekäre Zustand des Protagonisten drastisch. Aus belastender Einsamkeit heraus versucht sich dieser in der Stadt zu sozialisieren und trifft hierbei auf einen jungen Ritter namens Hugo. Erneut überfällt den Protagonisten das Gefühl, sich gänzlich mitteilen zu wollen, trotz der Angst dafür verurteilt zu werden. In der Divergenz zwischen des Ausbruchs aus völliger Ich-Bezogenheit und Selbstoffenbarungsangst sieht Kullick das Menschenbild der Moderne: Die Flucht vor sich selbst veranlasse in Eckbert den Ausbruch aus der Isolation und den Wunsch nach Mitteilung.17 Paraphrasiert äußerst sich dementsprechend dieses Menschenbild in einer Figur, welche nicht mehr fähig ist, das Ungeheuerliche in sich selbst zu ertragen, sodass diese die Ungeheuerlichkeit anderen offenbart. Der Mensch erscheint somit nicht mehr selbstbestimmt handlungsfähig, sondern als von seiner Triebhaftigkeit abhängiger Korpus18, was folgende Zeile visualisiert: „ohne zu wissen was er that”19.

Parallel zu der Beziehungsentwicklung zu Walther, treten bei Eckbert nach dieser arkanen Mitteilung Gefühle von Misstrauen und Argwohn auf, welche schließlich in erstmalig wahnhaften visuellen Wahrnehmungen münden. Diese manifestieren sich in der halluzinatorischen Annahme des Protagonisten, anstatt Hugos Gesicht das von Walther zu erkennen.20 Diese psychotischen Erlebnisse treten alsdann immer frequenter auf, begleitet von Nebenerscheinungen wie Orientierungslosigkeit und der vollständigen sozialen Isolation. Neben der vorherig genannten Halluzination trifft dieser während seiner Reise einen Bauer an, welchen dieser kurz darauf erneut als Walther identifiziert. Die Figur flieht im Wahn, völlig eingenommen von der Psychose und unter Verlust jeglicher Empathie.21

Zugleich fällt es dem Protagonisten immer schwerer, zwischen Realität und der eigenen subjektiven Wahrnehmung zu differenzieren: „Jetzt war es um das Bewusstsein, um die Sinne Eckberts geschehen [...] das Wunderbarste vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten”22. Infolge dieser Vagheit über den tatsächlichen Verlauf der Geschehnisse verliert die Figur ihre Kredibilität beim Leser und distanziert sich gleichzeitig von typisch romantischen Märchenfiguren. Die Fragmentierung der Welt und Subjektivierung des Wahrgenommenen sind Merkmale, welche das moderne Menschenbild auszeichnen. Objektivität kann infolgedessen nicht gewährleistet werden, sodass das Kunstmärchen in der Perspektive der internen Fokalisierung endet.

[...]


1 Vgl. Martinez, Matias (2011): Figur. In: Matias Martinez (Hrsg.): Handbuch Erzählliteratur. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart: Metzler 2011. S. 145-150. S. 147.

2 Vgl. ebd., S. 146.

3 Vgl. ebd., S. 148.

4 Lübben, August/ Walther, Christoph (1888): Mittelniederdeutsches Handwörterbuch. http://www.koeblergerhard.de/Fontes/Luebben_MittelniederdeutschesHandwoerterbuch1888.pdf (letzter Zugriff: 28.02.2021). S. 189.

5 Meyers (1905-1909): Meyers Großes Konversationslexikon. https://woerterbuchnetz.de/?sigle=Meyers&Iemid=B04003#0 (letzter Zugriff: 28.02.2021). S. 730.

6 Tieck, Ludwig (2018): Der blonde Eckbert. In: Ludwig Tieck (Hrsg.): Ludwig Tieck's Schriften. Berlin/ Boston: De Gruyter. S. 159-188. S. 159.

7 Ebd., S. 159.

8 Vgl. Girtler, Roland (2007): Mythos und Faszination der Haarfarbe Blond. Kulturanthropologische und kulturethologische Betrachtungen. In: Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft Wilheminenberg (Hrsg.): Kulturethologie zwischen Analyse und Prognose. Matrei/ Osttirol: LIT-Verlag. S. 196-209. S. 197.

9 Vgl. Tieck 2018, S. 159.

10 Ebd., S. 159.

11 Ebd., S. 159.

12 Vgl. Kullick, Jana (1995): Ludwig Tieck „Der Blonde Eckbert”. Versuch einer Deutung. München: GRIN. S. 6.

13 Tieck 2018, S. 180.

14 Ebd., S. 183.

15 Vgl. ebd., S. 184.

16 Vgl. Martinez 2011, S. 147.

17 Vgl. Kullick 1995, S. 7.

18 Vgl. ebd., S. 7.

19 Tieck 2018, S. 182.

20 Vgl. ebd., S. 185.

21 Vgl. ebd., S. 186.

22 Ebd., S. 187.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Spezifika an Tiecks Märchen am Beispiel von "Der blonde Eckbert"
Untertitel
Die figurale Gestaltung
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Germanstik)
Veranstaltung
,Zwischenphase’ versus ,Restaurationszeit’ – deutschsprachige Literatur zwischen Romantik und Realismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
13
Katalognummer
V1045053
ISBN (eBook)
9783346466976
ISBN (Buch)
9783346466983
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwig Tieck, Märchen, Der blonde Eckbert, Romantik, Frühromantik, Moderne, Kunstmärchen, Tieck, Eckbert, Wahnsinn, Bewusstseinszustände, Inzest, Psychose, Ritter
Arbeit zitieren
Nicole Karys (Autor:in), 2020, Die Spezifika an Tiecks Märchen am Beispiel von "Der blonde Eckbert", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1045053

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