Die vorliegende Arbeit soll die Fragestellung beantworten, warum die Nordpolexpedition in "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" aus verschiedenen Perspektiven geschildert wird. Dabei wird die These untersucht, dass Geschichte immer relativ ist und unterschiedlich gedeutet werden kann. Um die These zu überprüfen, werden die Geschichts- bzw. Wirklichkeitsdarstellungen in den drei Erzählebenen und die Reflexionen des Ich-Erzählers über die Historiographie untersucht. Vorweg soll jedoch ein analytischer Blick auf die allgemeine Erzählsituation geworfen werden. Dabei sollen die Montage der Handlungsebenen, die Chronologie, das Tempus und die Fokalisierung der Erzählung näher betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Erzählsituation
2.1. Tempus und Chronologie
2.2. Fokalisierung
3. Geschichts- und Wirklichkeitsdarstellungen in den drei Handlungsebenen
3.1. Analyse der historischen Ebene
3.2. Analyse der Mazzini-Ebene
3.3. Analyse der Erzähler-Ebene
4. Geschichtsreflexion
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Christoph Ransmayrs Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ mit dem Ziel zu klären, warum die Nordpolexpedition aus verschiedenen Perspektiven geschildert wird. Dabei wird die zentrale These überprüft, dass Geschichte eine relative Konstruktion ist, die je nach Interpretation und Wahrnehmung unterschiedlich gedeutet werden kann.
- Analyse der narrativen Struktur und Montage der drei Erzählebenen
- Untersuchung der zeitlichen Chronologie und der eingesetzten Erzähltempora
- Evaluation der Fokalisierungstypen als Ausdruck multiperspektivischer Erzählweise
- Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen historischer Rekonstruktion
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Objektivitätsanspruch der Historiographie
Auszug aus dem Buch
3.2. Analyse der Mazzini-Ebene
Mit den historischen Dokumenten schafft Ransmayr eine Verbindung zu Josef Mazzini, der diese Quellen für sich nutzt, um die Expedition nach seinen Vorstellungen und Phantasien für sich neu zu erfinden. Dabei denkt er sich Ereignisse und Handlungsabläufe aus und prüft daraufhin, ob sich tatsächlich jemals Ähnliches in der Geschichte ereignet hat.
Er entwerfe, sagte Mazzini, gewissermaßen die Vergangenheit neu. Er denke sich Geschichten aus, erfinde Handlungsabläufe und Ereignisse, zeichne sie auf und prüfe am Ende, ob es in der fernen oder jüngsten Vergangenheit jemals wirkliche Vorläufer oder Entsprechungen für die Gestalten seiner Phantasie gegeben habe. Das sei, sagte Mazzini, im Grunde nichts anderes als die Methode der Schreiber von Zukunftsromanen, nur eben mit umgekehrter Zeitrichtung. […] Es sei ein Spiel mit der Wirklichkeit. Er gehe aber davon aus, daß, was immer er phantasiere, irgendwann schon einmal stattgefunden haben müsse. (SEF 20 f.)
Mit dieser Methode glaubt Mazzini, die Wirklichkeit erfunden zu haben. Er rekonstruiert die Vergangenheit neu, wobei „die Grenze zwischen Tatsache und Erfindung“ (SEF 22) nicht mehr erkennbar ist. Mazzini vertritt die Ansicht, dass Geschichte stets präsent und veränderbar ist. Obwohl bei seinem Rekonstruktionsversuch, die Zeit- und Wirklichkeitsebenen verschmelzen und die Vergangenheit damit neu erfunden wird, stellt es für ihn die Wirklichkeit dar. Erst wenn er die erfundene Wahrheit durch geschichtliche Nachforschungen überprüft, löse sich allmählich die Trennlinie zwischen Fakt und Fiktion.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der objektiven Geschichtsschreibung ein und stellt Ransmayrs Roman als ein Werk vor, das diese Ansprüche im Kontext der Postmoderne reflektiert.
2. Allgemeine Erzählsituation: Dieses Kapitel analysiert die komplexe Erzählstruktur, die aus der Verknüpfung dreier Handlungsebenen besteht, und beleuchtet die Rolle von Zeit, Chronologie und Fokalisierung.
3. Geschichts- und Wirklichkeitsdarstellungen in den drei Handlungsebenen: Die drei Unterkapitel untersuchen detailliert die historische Expedition, die fiktive Mazzini-Ebene sowie die Rolle des Ich-Erzählers in Bezug auf ihre jeweilige Subjektivität.
4. Geschichtsreflexion: Hier wird der Roman als metahistoriographische Fiktion typologisiert, die das Verhältnis zwischen historischer Realität und narrativer Fiktion kritisch hinterfragt.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Ransmayrs Roman die traditionelle Geschichtsschreibung durch die Betonung von Multiperspektivität radikal widerlegt und Geschichte als interpretative Konstruktion entlarvt.
Schlüsselwörter
Christoph Ransmayr, Die Schrecken des Eises und der Finsternis, Historiographie, Metahistoriographische Fiktion, Postmoderne, Erzählstruktur, Multiperspektivität, Fiktion und Faktizität, Nordpolexpedition, Zeitwahrnehmung, Geschichtsreflexion, Subjektivität, Romananalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Christoph Ransmayr in seinem Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ das Verhältnis von historischer Faktizität und fiktionaler Erzählung problematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die narratologische Untersuchung der drei Erzählebenen, der Einfluss von Zeit- und Körperwahrnehmungen auf historische Erlebnisse sowie die Kritik am klassischen, objektiven Geschichtsbild.
Welches primäre Ziel verfolgt der Verfasser?
Das Ziel ist der Nachweis, dass Geschichte keine singuläre, objektive Wahrheit darstellt, sondern stets aus verschiedenen, subjektiven Perspektiven konstruiert und interpretiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die auf narratologischen Modellen (z.B. Genette) basiert und durch eine metahistoriographische Theoriebildung (z.B. Nünning) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der allgemeinen Erzählsituation, die spezifische Analyse der drei Handlungsebenen (historische Expedition, Mazzini-Ebene, Erzähler-Ebene) sowie eine vertiefende Reflexion über die geschichtstheoretische Bedeutung des Werkes.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Multiperspektivität, metahistoriographische Fiktion, subjektive Geschichtserfahrung und die Dekonstruktion des historischen Objektivitätsanspruchs charakterisieren.
Warum scheitert die Figur Josef Mazzini in ihrem Vorhaben?
Mazzini scheitert, weil er versucht, eine authentische historische Erfahrung in einer veränderten Gegenwart zu reproduzieren, ohne zu erkennen, dass individuelle Wahrnehmung und Zeitgeist eine solche Replikation unmöglich machen.
Wie bewertet der Ich-Erzähler seine eigene Rolle?
Der Erzähler fungiert nicht als objektiver Berichterstatter, sondern räumt seine eigene Subjektivität, die Lückenhaftigkeit seiner Quellen und die spielerische Identifikation mit Mazzinis Phantasien offen ein.
- Arbeit zitieren
- Tobias Schlüter (Autor:in), 2017, Geschichts- und Wirklichkeitsdarstellung in Christiph Ransmayrs Roman "Die Schrecken des Eises und der Finsternis", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1045295