Friedrich Dürrenmatts Drama bediente sich einigen Merkmalen des antiken Dramas. Wirkte sich demnach das antike und aristotelische Dramenverständnis vielleicht noch bis auf das 20. Jahrhundert aus? Aus diesem Grund beschäftigt sich die Hausarbeit mit der Frage, inwiefern die Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame" durch das antike aristotelische Dramenverständnis beeinflusst wurde. Um die Frage beantworten zu können, bedarf es einer Analyse des Dramas im Blickwinkel der aristotelischen Dramentheorie, wobei die einzelnen Grundprinzipien der Poetik (Mimesis, mythos, ethe etc.) auf Dürrenmatts Drama übertragen werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die aristotelische Dramentheorie
Das Grundprinzip der Nachahmung (Mimesis)
Komödie vs. Tragödie
Die aristotelischen Einheiten
Die sechs Teile der Tragödie
Der Besuch der alten Dame im Blickwinkel der aristotelischen Dramentheorie
Die Nachahmung bei Dürrenmatt
Die drei aristotelischen Einheiten im Bezug auf das Drama Der Besuch der alten Dame
Die aristotelischen Teile der Tragödie (éthe, lexis, melopoiia) im Zusammenhang mit dem Drama Der Besuch der alten Dame
Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht inwiefern Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame" von antiken aristotelischen Dramenvorgaben beeinflusst wurde. Das primäre Ziel besteht darin, durch einen direkten Vergleich der Grundprinzipien der "Poetik" mit dem modernen Drama zu prüfen, ob sich das Werk in die klassische aristotelische Dramenkonzeption einordnen lässt oder diese bewusst überschreitet.
- Analyse des aristotelischen Begriffs der Mimesis im Kontext moderner Theaterstücke.
- Untersuchung der Einhaltung der drei Einheiten (Zeit, Ort, Handlung) bei Dürrenmatt.
- Bewertung der tragischen Heldenkonzeption und der Katharsis-Wirkung.
- Diskussion über die Relevanz klassischer Dramentheorien für die moderne Literatur.
- Betrachtung von Verfremdungseffekten und grotesken Elementen in der Dramenstruktur.
Auszug aus dem Buch
Die Nachahmung bei Dürrenmatt
Das aristotelische Grundprinzip der Nachahmung stößt in Dürrenmatts Drama Der Besuch der alten Dame an seine Grenzen. Dürrenmatt verwendet eine groteske und verfremdete Darstellungsweise der Figuren. Claire Zachanassian wird als eine bizarre und befremdende Frau dargestellt, die aufgrund von zahlreichen Unfällen nur durch Prothesen zusammengehalten wird. Selbst ihre Diener und Begleiter sind grotesk, lächerlich und überspannt dargestellt. Die beiden Sänftenträger Roby und Toby werden als „herkulische, kaugummikauende Monstren“ charakterisiert. Selbst die beiden blinden Begleiter von Zachanassian Koby und Loby bekommen eine lächerliche Anekdote, da sie immer gleichzeitig sprechen (vgl.: B 32). Zachanassian gibt zudem ihren Begleitern absurde und lächerliche Namen. Während ihre Gatten nur eine numerische Bezeichnung (Gatte VII, VIII, Gatte IX) haben, haben ihre Diener sehr ähnliche Namen und unterscheiden sich nur an den Anfangsbuchstaben (Toby, Roby, Koby, Loby). Diese komplette groteske und lächerliche Darstellung der Figuren lässt eine Mimesis nicht zu, da die Zuschauer keinen Realitätsbezug sehen und sich nicht mit den Charakteren identifizieren können.
Durch Paradoxa wird die realitätsferne Welt nochmal unterstrichen. Beim letzten Gespräch im Wald zwischen Ill und Zachanassian wird eine romantische Atmosphäre spürbar, obwohl Ill vor seiner „Hinrichtung“ steht. Beide sprechen über ihre damalige Liebe und im Hintergrund spielt Roby Gitarre (vgl.: B 116 – 118). Diese Widersprüchlichkeit lässt die Dramatik und das traurige Schicksal Ills verpuffen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt die Fragestellung vor, inwieweit Dürrenmatts Drama trotz antiker Anspielungen aristotelischen Normen entspricht.
Die aristotelische Dramentheorie: Dieses Kapitel erläutert die Grundbegriffe der Poetik, darunter Mimesis, die Einheiten sowie die sechs Teile der Tragödie.
Der Besuch der alten Dame im Blickwinkel der aristotelischen Dramentheorie: Dieser Hauptteil überträgt die zuvor definierten aristotelischen Prinzipien konkret auf Dürrenmatts Werk und analysiert die Abweichungen.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Drama die aristotelische Konzeption aufgrund zahlreicher Verfremdungseffekte und struktureller Brüche nicht erfüllt.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame, Dramentheorie, Mimesis, Tragödie, Katharsis, Peripetie, Anagnorisis, Groteske, Verfremdungseffekt, Einheiten, Poetik, Drama, Theaterprobleme.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen Friedrich Dürrenmatts Drama "Der Besuch der alten Dame" und der antiken aristotelischen Dramentheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Anwendung klassischer Begriffe wie Mimesis, die drei Einheiten, die Struktur der Tragödie und deren bewusste Dekonstruktion durch moderne literarische Mittel.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, ob sich das Drama in die klassische aristotelische Dramenkonzeption einordnen lässt oder ob es diese aufgrund einer verfremdeten Darstellung negiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Dramenanalyse, die die Grundprinzipien der aristotelischen Poetik auf das Primärwerk Dürrenmatts anwendet und vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die groteske Figurenzeichnung, die Orts- und Zeitgestaltung sowie die sprachliche Umsetzung in Bezug auf die aristotelischen Anforderungen an die Tragödie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören neben dem Dramatiker Dürrenmatt vor allem Mimesis, Katharsis, Groteske, Peripetie und die drei Einheiten.
Warum kann im Stück keine Katharsis beim Zuschauer eintreten?
Die Arbeit argumentiert, dass durch die groteske Darstellung der Figuren und die bewusste Zerstörung von Illusionsmitteln eine emotionale Distanz geschaffen wird, die Jammer und Schauder verhindert.
Wie geht Dürrenmatt mit den aristotelischen "Einheiten" um?
Dürrenmatt ignoriert die Einheit von Zeit und Raum durch starke Zeitraffung und zahlreiche Ortswechsel, was eine beabsichtigte Diskrepanz zur klassischen Theorie darstellt.
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- Anonym (Author), 2014, Die aristrokratische Dramentheorie am Beispiel von Dürrenmatts "Besuch der alten Dame", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1045296