Die Zivilbevölkerung im 1. Weltkrieg: Internierung beim Kriegsgegner in Australien - eine Familiengeschichte


Facharbeit (Schule), 2001
18 Seiten, Note: 14 Punkte

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Australien im 1.Weltkrieg
1. Deutsch-australische Beziehungen ändern sich
1.1.Ein Freund wird verdächtig
1.2.Im Kampf gegen Deutschland: die ANZAC-Einheiten
2. Internierungslager
2.1.Gefangenenrechte
2.2.Australische Lager

II. Internierung im Lager Berrima - eine Familiengeschichte
1. Das Lager Berrima: Ein Sonderfall
2. Die Vorgeschichte
2.1.Was tun mit dem Kriegsgegner?
3. Äußere Umstände im Lager
3.1.Unterbringung
3.2.Die Guards
3.3.Das Reglement
3.4.Verpflegung
3.5.Krankheiten/ Plagen
4. Alltag trotz ungewöhnlicher Lebenslage
4.1.Familienleben - Kinder
4.2.Schule
4.3.Freundschaften
4.4.Gemeinsame Feste
4.5.Talente der Männer
5. Das Leben mit dem Krieg
5.1.Nationalstolz/ Nationalbewusstsein
5.2.Kontakte zum Heimatland: Briefe
5.3.Informationen über den Kriegsverlauf: Zeitungen
5.4.Friedenshoffnungen

III. Die Zeit danach
1. Heimkehr
2. Ein Schicksal, das prägt: Interviews mit Hanna und Lore
3. Deutsch-australische Beziehungen nach dem 1.Weltkrieg

Schlussbetrachtung

Anhang

Einleitung

Der Beginn des 1.Weltkrieges liegt 86 Jahre zurück. Seine tragischen Auswirkungen auf die am Krieg beteiligten Staaten und deren Soldaten und Zivilbevölkerung sind in vielen Geschichtsbüchern festgehalten. Es verbleiben Daten, Fakten und Spekulationen über die Kriegsschuld. Heute scheinen die vielen Einzelschicksale vergessen zu sein. Der Krieg liegt zu weit zurück. Die Zeitzeugen sind mittlerweile fast alle gestorben. Viel interessanter scheint da der 2. Weltkrieg zu sein. Eltern und Großeltern können von ihren Erfahrungen erzählen, und neue antisemitische Bewegungen (Rechtsradikalismus) führen dazu, sich immer wieder mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Der 1.Weltkrieg war auch für mich uninteressante Vergangenheit, bis ich zu Weihnachten das Tagebuch meiner Urgroßmutter Luise Hurtzig geschenkt bekam, welche mit ihrem Mann Gust und zwei von drei Kindern 1914 - 1919 in australischer Kriegsgefangenschaft gewesen war. Plötzlich hatte ich einen direkten Bezug zu der damaligen Zeit. Ich konnte mit den Freuden und Ängsten meiner Urgroßmutter mitfiebern. Sie selbst starb 1977, aber meine Oma und deren Schwester, welche zu Kriegsbeginn fünf und zwei Jahre alt waren, leben heute noch.

In dieser Facharbeit möchte ich die Zeit des Krieges aus Sicht der am Krieg unbeteiligten Zivilbevölkerung und deren Alltag und Beziehungen zueinander darstellen. „Wie war der Alltag in Gefangenschaft?“, „Welche Freuden und Leiden bewegten die Internierten?“, „Wie hielten sie Kontakt zum Heimatland?“ und „Wie standen sie selbst zum Krieg der Deutschen?“ In Verbindung damit möchte ich die Kriegsgefangenenrechte und deren Einhaltung bearbeiten. Außerdem liegt es nahe, die deutsch-australischen Beziehungen vor und nach dem 1.Weltkrieg zu betrachten. Abschließend nutze ich die Gelegenheit, um zwei der wenigen noch lebenden Zeitzeugen zu interviewen, um aus deren Erinnerungen und Erfahrungen darauf zu schließen, wie Krieg ein ganzes Leben prägen kann (im Negativen wie auch im Positiven).

Leider lassen sich so gut wie keine Bücher über Australien im 1.Weltkrieg finden, daher dienen mir außer dem einmaligen Tagebuch (95 Seiten) nur drei Bücher als Hauptquellen: Ein Buch über Deutsch-Australische Beziehungen, eine Dissertation über Kriegsgefangene in Japan und ein Buch in englischer Sprache über das Lager Berrima in Australien. Mein ursprüngliches Vorhaben, die Änderungen des Reglements gegen die Kriegsgefangenen und verschiedene Aussagen im Tagebuch über den Krieg genau mit dem Kriegsverlauf zu vergleichen, muss ich aus Zeit- und Platzgründen aussparen.

Kapitel I Australien im 1.Weltkrieg

1. Deutsch-australische Beziehungen ändern sich

Deutsche waren in Australien gern gesehen. Im 19. Jahrhundert begann der 5. Kontinent als Alternative zum Traumland Amerika gesehen zu werden. Auf der Suche nach politischer oder religiöser Freiheit, Land, Gold und Wohlstand oder einfach nur dem Abenteuer machten sich zwischen 1847 und 1914 etwa 60.000 Deutsche auf den Weg nach Australien. Wissenschaftler, Botaniker, Forscher, Missionare, Akademiker, Künstler, Musiker, Maler, Schriftsteller, Industriefachkräfte und Farmer bereicherten die weitgehend britische Kultur. Sie bauten Wein, Tabak und Wolle an, halfen im Eisenbahnbau und in der Industrie. Allerdings wurde in Deutschland bedauert, dass die deutsche Tüchtigkeit in einem fremden Land verloren ging. Man versuchte die Auswanderung weitgehend zu verhindern. Die Burenkriege brachten dann eine vorübergehende Abkühlung von Seiten der australischen Presse und Politiker gegenüber den Deutsch- Australiern. Generell war das Verhältnis zueinander aber recht harmonisch. Vor allem die erfolgreiche Weltausstellung in Sydney 1880 und ein sich ausweitender Handel repräsentierten die wirtschaftliche Abhängigkeit voneinander. Während der Wilhelminischen Ära zeigten die regelmäßigen Besuche des deutschen Generalkonsuls das immer noch vorhandene Interesse an den Deutsch-Australiern. (vergleiche Voigt, a.a.O. S.17f.)

Weitere geschichtliche Hintergründe über Deutsch-Australier vor dem Ersten Weltkrieg werden im Anhang (S.I) erläutert.

1.1. Ein Freund wird verdächtig

Mit Beginn des 1.Weltkrieges wurden die bis dahin gern gesehenen Deutsch-Australier plötzlich verdächtig. Ihre Loyalitäts-Bekundung zur britischen Krone wurde ihnen nicht mehr geglaubt. (siehe Anhang, S.I) Alles, was Deutsch war, sollte plötzlich „Feind“ sein. Zwar taten sich nicht alle Australier mit dieser Befremdung so leicht, aber die Anti- Deutsch-Propaganda führte dazu, dass bald öffentliche Vereine und Firmen dichtmachten, deutsche Zeitungen den Druck einstellten, Ortschaften mit deutschen Namen umbenannt und Nationalfeste nicht mehr gefeiert wurden. Als ein Verbot der deutschen Sprache gefordert wurde, wehrten sich besonders die Kirchen und die Schulen, in denen noch auf Deutsch unterrichtet wurde. Der Unterrichtsminister von New South Wales warnte: „Wir sind im Krieg mit der deutschen Nation, nicht mit der Deutschen Sprache.“

(Voigt, a.a.O. S.117) Der Chef des australischen Generalstabs H.J. Foster und andere versuchten den Blick auf die Zeit nach dem Krieg zu lenken. Ein Verbot der Sprache und der Abbruch aller Handelskontakte würden doch im Endeffekt Australien viel mehr schaden als den Deutschen. Aber trotz einiger versöhnlicher Stimmen gerieten die Deutsch-Australier immer mehr unter den Druck zweier Nationen. Wehrlos mussten sie miterleben, wie ihre eben so liebgewonnene Heimat ihnen nun feindlich gegenübertrat und wie viele Männer, besonders in höheren Stellungen, ihre Berufe verloren.

1.2. Im Kampf gegen Deutschland: die ANZAC-Einheiten

Am 30.7.1914 erklärte der australische Premierminister: „Wenn das Empire (England) sich im Krieg befindet, dann auch Australien.“

Am 31.7.1914 ergänzte er: „... wenn Großbritannien Krieg führt, dann wird Australien an der Seite der Seinen stehen und sie bis zum letzten Mann und bis zum letzten Schilling verteidigen.“ (Bertelsmann, a.a.O. S.101) Auf diesen Aufruf hin meldeten sich viele Australier und Neu Seeländer freiwillig bei den ANZAC-Einheiten (Australian and New Zealand Army Corps), teilweise aus Pflichtgefühl oder weil sie das Abenteuer suchten, andere wegen der guten Bezahlung, aber alle um sich an den Deutschen für den Krieg zu rächen. Die Soldaten wurden in Australien ausgebildet und dann zum Kampf nach Ägypten, an die Dardanellen und später nach Palästina und Frankreich geschickt. Doch mit der Zeit meldeten sich immer weniger Freiwillige und man überlegte die allgemeine Wehrpflicht einzuführen. Dies stießjedoch auf allgemeinen Widerstand. Also wurde weiterhin mit Plakaten, Filmen und sonstiger Propaganda geworben. (siehe Anhang, S.III). Am Ende des Krieges hatten 330.000 Australier und 220.000 Neuseeländer gekämpft. Davon waren 120.000 verwundet zurückgekehrt und 59.000 Australier und 17.000 Neuseeländer gefallen. Die ANZAC-Einheiten hatten die höchsten Verluste aller angelsächsischen Kontingente. (vergleiche Bertelsmann, a.a.O. S.72)

2. Internierungslager

Internierungslager (Kriegsgefangenenlager) dienen dazu, Soldaten wie auch Zivilisten gefangen zu halten, um sie von der Teilnahme am Krieg fernzuhalten und so den Feind unschädlich zu machen. Kriegsgefangennahme ist keine Rache oder Strafe, sondern lediglich ein Sicherheitsgewahrsam. Dementsprechend müssen die Gefangenen nach bestimmten Regeln behandelt werden. (siehe S.4, Gefangenenrechte)

2.1. Gefangenenrechte

Auf der zweiten Haager Friedenskonferenz (Haager Friedenskonferenzen: in Den Haag abgehaltene Konferenzen über Fragen des Kriegsrechts; 2. H. F.K. 15.6.-18.10.1907) wurden einige Regeln festgelegt, welche die grausame Behandlung von Kriegsgefangenen humanisieren sollten. Die Gewahrsamstaaten müssen demnach die Gefangenen mit Menschlichkeit und Achtung behandeln. Die Kriegsgefangenen haben ein Recht auf Eigentum, Ernährung, Kleidung, Unterkunft und ärztliche Versorgung. Sie dürfen Briefe abschicken und empfangen und ihre Religion ausüben. Der Staat darf seine Kriegsgefangenen zu angemessenen Arbeiten heranziehen: Unteroffiziere dürfen nur Aufsichtsdienste leisten und Offiziere müssen gar nicht arbeiten. (Brockhaus, a.a.O. Stichwort „Kriegsgefangenschaft“) und (Microsoft Encarta, a.a.O. Stichwort „Kriegsgefangener“) Diese Regeln erscheinen in der Theorie zwar sehr schön, sind aber in der Praxis kaum durchsetzbar. Kriegsgefangene wurden auch im 1.Weltkrieg unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht und teilweise grausam behandelt. (Klein, Ulrike, a.a.O. „Das Kriegsgefangenenrecht“)

2.2. Australische Lager

In Australien gab es während des 1.Weltkrieges ungefähr 12 Internierungslager. Insgesamt wurden 5.688 Männer, Frauen und Kinder interniert. 5.188 waren Reichsdeutsche, 3.986 hatten schon in Australien gelebt und 61 waren bereits naturalisiert.

Interniert wurden Marineoffiziere, Schiffsmannschaften, Kolonialbeamte, Kolonisten aus Ostasien und dem Pazifikraum und einige Familienangehörige. Die australischenGefangenen wurden im Vergleich zu denen in Russland oder Japan verhältnismäßig gut behandelt. Gutes Essen, wenig Arbeit und Verbote ließen schnell ein kulturelles Lagerleben entstehen. Konzerte, Theater, Wettbewerbe, Sportveranstaltungen und nationale Feste ließen das schwere Los der Gefangenschaft teilweise vergessen. Man las die Zeitung und fieberte mit den Deutschen über Sieg und Niederlage. Eines dieser Lager war Berrima, über welches ich berichten möchte.

Kapitel II Internierung im Lager Berrima - eine Familiengeschichte

1. Das Lager Berrima: ein Sonderfall

Berrima ist ein kleines australisches Dorf im südlichen Hochland von New South Wales. (siehe Anhang S.IV)Es besteht aus wenigen Häusern und einem alten Gefängnis. Im Ersten Weltkrieg wurden in Berrima 300 deutsche Kriegsgefangene untergebracht. Der in der Nähe fließende Wingecarribee River lud die Gefangenen zu Aktivitäten und Bebauungen im und am Fluss ein. Schon bald zogen die selbst gebauten Picknick-Plätze, Hütten, Boote und Brücken zahlreiche Touristen an. Ihre Unternehmungen und Entwicklungen brachten den Deutschen bei der Dorfbevölkerung wie auch bei den „Guards“ (Gefängniswärter) gebührenden Respekt und Bewunderung ein. Die Gefangenen bekamen alle Freiheiten, die sie hätten erwarten können. Das Lager Berrima ist einmalig unter allen Internierungslagern weltweit. Es war ein solcher Erfolg, dass man hoffen kann, es wird in Zukunft als Beispiel für Humanität in Gefangenenlagern dienen. Leider ist die Geschichte Berrimas nicht weit verbreitet. Unter dem Motto: „Not to know history is to miss its successes.“ (Simons, a.a.O. S.15) möchte ich die Geschichte Berrimas nun weiter verbreiten.

2. Die Vorgeschichte

Mein Urgroßvater August (Gust) Hurtzig war Kapitän des deutschen Post-Schiffes „Prinz Sigismund“, welches seinerzeit Zeit zwischen Australien, China, Neuseeland und den Südsee-Inseln verkehrte. Da er einen Drei-Jahres-Vertrag mit dem Norddeutschen-Lloyd (einerHandelsgesellschaft in Bremerhaven) hatte, beschloss seine Frau Luise mit ihren Töchtern Hanna (meine Oma) und Lore nach Australien zu reisen, um, in Sydney wohnend, ihren Mann auf seinen monatlichen Zwischenstops zu sehen. Ihre älteste Tochter Eva sollte in Deutschland bleiben, damit sie weiterhin die Schule besuchen konnte. Doch alles kam anders. Hätte man damals den Krieg schon geahnt, so wäre Eva natürlich mitgekommen. Kurz vor ihrer Ankunft in Sydney erfuhr Luise vom Ausbruch des Krieges und davon, dass Gusts Schiff in Brisbane festgehalten war. Sie änderte ihre Pläne in letzter Sekunde und zog mit den Kindern und all ihren Sachen zu Gust aufs Schiff. (siehe Anhang S.XVI) So kam es, dass Gust einer der wenigen deutschen Männer war, welcher während des 1.Weltkrieges nicht von seiner Frau getrennt war.

2.1. Was tun mit dem Kriegsgegner?

Die Australier waren natürlich ebenso überrascht von dem plötzlichen Kriegsausbruch. Man wusste zunächst einmal gar nicht, wohin mit den Gefangenen. Nachdem die Besatzung des Prinz Sigismund zwei Monate lang auf dem Schiff gewohnt hatte, kam der Befehl: „Alle Europäer müssen innerhalb einer Stunde von Bord gehen.“ (Hurtzig, a.a.O. 2.10.1914) Die Männer wurden in ein Camp gebracht, während die Familien sich eine „Cottage“ (kleines Haus) mieten durften, denn mit ihnen hatte man hier nicht gerechnet. Die Familien führten ein recht freies Leben und bekamen Geld in wöchentlichen Rationen ausgezahlt. Familie Hurtzig knüpfte Kontakte zu einheimischen Deutschen, besuchte Gottesdienste im Ort, und die Kinder lernten Englisch zu sprechen. Im August 1915 wurden die Gefangenen in das Lager Berrima (siehe S.5) umgesiedelt. Hier sollten sie die nächsten dreieinhalb Jahre verbringen. In Berrima begann Luise Hurtzig ihr Tagebuch zu schreiben bzw. das ihr weggenommene frühere Buch aus der Erinnerung nachzuschreiben. Obwohl die Familie vor ihrer Heimkehr noch zehn Monate in einem weiteren Lager, Molongolo (Familienlager mit 75 Kindern), verbrachte, beschränkt sich dieser Teil meiner Facharbeit weitgehend auf die Zeit der Gefangenschaft in Berrima, denn hierzu liegen die ausführlichsten Tagebuchaufzeichnungen vor.

3. Äußere Umstände im Lager

Auch wenn es ironisch klingt: Berrima war ein ausgesprochen schöner Ort für ein Gefangenenlager. (siehe Anhang S.XVIII) Luise Hurtzig schreibt kurz nach der Ankunft in ihr Tagebuch: „Wäre man erst im Besitz seiner Sachen und ordentlich eingerichtet, so könnte das Leben hier wohl ganz hübsch werden.“ (Hurtzig, a.a.O. 29.8.1915) Doch nichts desto trotz blieben die Deutschen Gefangene und bekamen dies auch zu spüren.

3.1. Unterbringung

Die Männer wurden in kleinen Zweimann-Gefängniszellen untergebracht. Die Böden waren aus kaltem Stein und durch die Fenster pfiff der Wind. Zu Anfang fehlte es an Möbeln und Decken. Doch mit der Zeit schafften es die Männer, sich recht gemütlich einzurichten. Die Koffer dienten meist als Sitzgelegenheit und ein Petroleumkocher ersetzte die Küche. (siehe Anhang, S.XXI)

Während die Männer sehr beengt wohnen mussten, hatten es die Familien sehr viel bequemer. Frau Hurtzig teilte mit ihren Kindern und einer weiteren Familie zunächst das Gouvernementsgebäude. Im Dezember 1915 mussten sie dann in das ehemalige Soldatenhaus umziehen, um den Wachleuten Platz zu machen. Luise Hurtzig schreibt dazu: „Gott bewahre uns davor, noch einmal wieder ein Soldatenhaus rein machen zu müssen.“ (Hurtzig, a.a.O. 18.12.1915) Das Haus scheint zwar dreckig gewesen zu sein, doch Dreck lässt sich beseitigen, und nachdem zwei Monate später endlich die aus Deutschland mitgebrachten Sachen vom Schiff angekommen waren, wohnte es sich fast so komfortabel wie zu Hause. (siehe Anhang, S.XX)

3.2. Die Guards

Die Guards waren australische Soldaten, welche in dem Camp Wache hielten und für Ordnung sorgten. (siehe Anhang, S.XIX) Allerdings nahmen es nicht alle Leutnants gleich streng mit ihrer Aufsicht. Zu Theateraufführungen und Festen wurden die Familien nach Absprache in das Gefängnis hineingelassen. Lore Junghans erzählt in ihrem Interview, dass einige Kinder der Leutnants mit ihnen spielen durften und andere nicht. (Video- Aufzeichnung)

Das Tagebuch berichtet ebenfalls von mehreren Szenen der Menschlichkeit. Als eines Nachts die Kinder in Abwesenheit ihrer Mutter aufwachten und zu schreien begannen, fragte ein Guard, ob er den Vater aus dem Gefängnis holen solle, und tat dies auch. Ein anderes Mal begleitete einer der Polizisten zwei der Frauen abends nach Hause, um sie vor den angetrunkenen Soldaten zu schützen. Um ein Zunahekommen zwischen den Gefangenen und den Aufsehern zu verhindern, blieben die Letzteren nie zu lange im Lager Berrima.

3.3. Das Reglement

Die Regeln im Lager blieben nicht fest, sondern es gab während der Jahre einige Änderungen, welche den Gefangenen das Leben mal erschwerten und mal erleichterten. Insgesamt bot das Reglement jedoch sehr viele Freiheiten. Die Männer durften ihr Gefängnis täglich von 9:30 - 17:00 verlassen und sich anfangs uneingeschränkt frei bewegen. Später wurde ein Gebiet in einem Umkreis von zwei Meilen eingezäunt, so dass zu Luises Bedauern nun einige der schönsten Picknickplätze wegfielen. Zweimal geschah es, dass „die Parole gestoppt wurde“ (Ausgangssperre). Die Gründe hierfür waren das eine Mal das Ausbrechen zweier Gefangener und ein anderes Mal eine Prügelei, welche im Gefängnis stattgefunden hatte. Nach besagter Prügelei mussten die Familien nicht nur Weihnachten ohne ihre Männer feiern, sondern die Campverwaltung in Liverpool verbot auch noch die Zeitungen und jegliche Festspiele, welche zu Kaisers Geburtstag geplant waren. Luises Kommentar hierzu lautet: „Die Maßnahmen sind natürlich nicht nur eine Folge der Prügelei, [...], sondern Wut und Neid gegen die Deutschen wachsen mit ihren Siegen und können nur auf diese kleinliche Art an den deutschen Gefangenen ausgelassen werden.“ (Hurtzig, a.a.O. 25.1.1916) Ein kontinuierlicher Zusammenhang zwischen Kriegsverlauf und Maßnahmen gegen die Internierten lässt sich jedoch nicht ersehen. Vielmehr scheinen sich die Regeln je nach Lust und Laune der Campverwaltung zu ändern. Ein vorgeschobener Grund dafür, dass die Gefangenen Samstag- und Sonntagnachmittag innerhalb der Gefängnismauern bleiben mussten, war, dass die australischen Sonntagsausflügler den Deutschen nicht begegnen wollten. Der wahre Grund scheint jedoch die Attraktivität der von Deutschen angelegten Picknickplätze gewesen zu sein. Die Behandlung der Gefangenen stimmte in vollem Maße mit den Gefangenenrechten (siehe S.4, Gefangenenrechte) überein.

3.4. Verpflegung

Die Verpflegung aller Internierten war meistens reichlich und fiel nur vorübergehend etwas spärlicher aus; nämlich dann, wenn die Nahrung in Australien insgesamt knapp war. Für die Männer gab es die Möglichkeit, entweder in der Kantine (siehe Anhang, S.XXI) zu essen oder sich die Rationen in Naturalien „auszahlen“ zu lassen. Dieses Angebot nahmen vor allem jene Männer wahr, deren Familien im Camp wohnten. Frau Hurtzig kochte und backte in ihrer eigenen Küche. Den Herd hatten ihr einige der Männer selbst aus Ölkanistern zusammengebaut. Neben den ausgegebenen Naturalien gab es ein wöchentliches Gehalt von der Regierung, welches sich die Frauen in der Post abholen konnten. Von dem Geld konnte man sich Eier, Fleisch, Kartoffeln, Salat und andere Nahrungsmittel kaufen, welche es nicht im Camp gab. Um den Tisch zusätzlich zu decken, legten die Männer eigene Gemüsegärten an. (siehe Anhang, S.XXII) Gelegentlich kam auch einmal ein Paket mit deutscher Mettwurst oder Schwarzbrot an.

3.5. Krankheiten/ Plagen

Obwohl die hygienischen Bedingungen in Berrima recht gut waren, gab es einige harmlose Krankheiten, welche die Gefangenen plagten. Eine davon waren Eiterblasen, welche überall am Körper hervorbrachen. Diese Infektion wurde wahrscheinlich von Fliegen übertragen. Besonders die Kinder litten unter vereiterten Augen. Doch nicht nur Fliegen wurden als unangenehm empfunden, sondern auch Ratten, welche voller Dreistigkeit sogar das Brot vom Teller stahlen. Das Schlimmste für Frau Hurtzig aber war, dass sie mindestens einen Tag in der Woche schwere Migräne hatte. In ihrem Tagebuch berichtet sie immer wieder von den unerträglichen Kopfschmerzen, welche sie außer Gefecht setzten. In solchen Fällen war es ihrem Mann Gust des öfteren erlaubt, abends bis 20.30 Uhr außerhalb des Gefängnisses im Hause seiner Familie zu bleiben, um die Kinder ins Bett zu bringen.

4. Alltag trotz ungewöhnlicher Lebenslage

Da man weder an dem Krieg noch an seiner Gefangenschaft etwas ändern konnte, musste man das beste aus seinem Schicksal machen. Den Familien mit Kindern gelang es wohl am ehesten auf andere Gedanken zu kommen und nicht in Trübsinn zu versinken. Der Alltag holte einen auch hier in dieser ungewöhnlichen Lebenslage ein. Arbeiten wie Kochen, Nähen, Waschen und Putzen mussten auch hier verrichtet werden. Dieser Alltag wird von Luise Hurtzig in ihrem Tagebuch ganz besonders ausführlich beschrieben. Ich meine, es ist interessant zu lesen, wie ungewöhnlich uns heute damals selbstverständliche Dinge erscheinen. (siehe Anhang S.XV)

4.1. Familienleben - Kinder

Für die Kinder war das Leben in Berrima natürlich ein aufregendes Erlebnis. Lore und Hanna hatten neben ihren Eltern, welche sich viel um sie kümmerten, auch noch ungefähr fünfzig „Onkels“ aus der internierten Marinebesatzung. Jeden Morgen, pünktlich zur Öffnung der Gefängnistore, standen die beiden Kinder bereit, ihre „Onkels“ zu begrüßen. Diese bewunderten die Unbefangenheit der Kinder und schäkerten gerne mit ihnen. Während die Kinder draußen spielten, erledigte Luise Hurtzig die anfallenden Hausarbeiten. Sie berichtet von großen Wäschebergen, die gewaschen, geflickt und gebügelt werden mussten. Außerdem war sie besonders geschickt darin, neue Kleidungsstücke zu nähen, und brachte das Stricken auch den eigenen Kindern bei. Neben Arbeiten, Briefe- und Tagebuchschreiben und gegenseitigen Besuchen mit Freunden fand Frau Hurtzig die Zeit, mit ihren Kindern an gemeinsamen Ausflügen, Spielen, Lieder- und Vorleseabenden am Kamin, Theaterbesuchen und vielem mehr teilzunehmen.

4.2. Schule

Ein Problem an der unvorhergesehenen Internierung war, dass zuerst Hanna und zwei Jahre später auch Lore ins schulpflichtige Alter kamen. Da es jedoch keine Schule gab, mussten die Eltern die Rolle der Lehrer übernehmen. Hanna lernte von ihrer Mutter lesen, schreiben, rechnen und Gedichte auswendig. Im April 1916 legte sie ihre erste Prüfung vor väterlichem Auditorium ab, worauf ihr Vater ihr ein recht gutes Zeugnis schrieb, das auch gebührend belohnt wurde. (vergleiche Hurtzig, a.a.O. 14.4.1916) Ihre Mutter gab Hanna keine offiziellen Ferien, da durch Wasch- und Kopfwehtage genug Unterricht ausfiel. (vergleiche Hurtzig, a.a.O. 22.10.1915) Im Dezember 1916 übernahm Pastor Treuz den Schulunterricht für die deutschen Mädchen. Er musste jedoch das Camp im April 1917 verlassen, so dass Luise Hurtzig wieder zu unterrichten begann, - aber nur für kurze Zeit, da dann ein Herr Voß, welcher ein halbes Jahr vor seinem Lehrerexamen interniert worden war, für den Schulunterricht engagiert wurde. (siehe Anhang S.XXXIV) Für Luise Hurtzig war dies eine große Erleichterung. Sie schreibt in ihr Tagebuch: „Die Kinder sind wissenschaftlich entschieden besser versorgt, als vorher, ich kann wohl hoffen, daßHanna noch mit ihrer Klasse fortschreitet.“ (Hurtzig, a.a.O. 12.8.1917) Abschließend lässt sich zu dem Thema Schule sagen, dass Hanna wie auch Lore nach ihrer Heimkehr gut im Unterricht mitkamen. Lore hätte sogar die Klasse übersprungen, hätte sie nicht eine große Rechtschreibschwäche aufgewiesen.

4.3. Freundschaften

Freundschaftliche Beziehungen der Gefangenen zueinander erleichterten das Lagerleben. Oft besuchten sich die Familien gegenseitig, luden sich zum Kaffee ein und unterhielten sich. Im Sommer unternahmen die Männer und die Familien Ausflüge zum Fluss, wo sie Picknicke veranstalteten, sangen und tanzten. Hanna Witte erinnert sich noch recht gut an die Einladungen, welche sie vom Männerchor zu Ausflügen erhielt. (siehe Anhang S.XXV) Stolz erzählt sie, wie sie die Männer mit Kaffee und Kuchen bedienen durfte. (Video- Aufnahme)

4.4. Gemeinsame Feste

Die starke Gemeinschaft bestätigte sich außerdem durch gemeinsam abgehaltene Feste wie Weihnachten und Kaisers Geburtstag. Zu Weihnachten organisierten die Männer im Camp eine große Feier mit Theater, Musik, Andacht und Geschenken für die Kinder, welche zuvor ein Gedicht aufsagen mussten. Zuvor hatte die Familie schon Bescherung mit den Kindern gemacht, so dass diese doppelt beschenkt wurden. Alles war natürlich sehr nach deutscher Tradition, auch wenn bei Luise Hurtzig nie so richtig Weihnachtsstimmung aufkommen mochte. (siehe Anhang S.XXXIII)

Da die Festspiele zu Kaisers Geburtstag 1916 nicht stattfinden durften, behalfen sich die Gefangenen mit einer kleinen Theaterfeier am selben Tag. Das geplante Sportfest wurde einfach auf eine Woche später verlegt. Am Fluss wurden Wettkämpfe in Fußball, Schwimmen und Laufen veranstaltet. Außerdem fand ein großer Bootskorso mit selbstgebauten Booten statt (ähnlich wie bei uns der Heideblütenfest-Umzug), welche mit einem Preis gekrönt wurden. (siehe Anhang S.XXVIII)

4.5. Talente der Männer

Die Gefangenen entwickelten in ihrer Abgeschlossenheit vielseitige Talente. Von Puppenstuben über Möbel, Boote, Herde, Lampen bis hin zu Hütten (siehe Anhang S.XIII), Brücken (siehe Anhang S.XXVII) und Abwassersystemen bauten sie alles selbst. Sie spielten großartiges Theater und gaben Konzerte. Die Bühnendekoration, Kostüme und Programme entwarfen sie alle selbst. (siehe Anhang SS.XXIX-XXXIII) Es ist erstaunlich, in wie kurzer Zeit sich die Marineleute ihre eigene Gesellschaft mit Handwerkern, Lehrern, Bademeistern, Gärtnern, Köchen, Malern, Schauspielern und Musikern aufgebaut hatten. In dieser Gesellschaft fühlte sich jeder für jeden verantwortlich und half jeder den anderen, wo es nur ging. Ein Grund für diese sich entfaltende Kreativität war sicher die „große Langeweile“, vor der sich jeder Gefangene fürchtete. Die meisten Männer waren es nicht gewohnt, zum Nichtstun verurteilt zusein, denn keiner von ihnen hatte sich die Gefangenschaft ausgesucht. Viel lieber wären sie in den Krieg gezogen, um für ihr Vaterland zu kämpfen. Lore erinnert sich, dass Gust sich nicht an den vielseitigen Aktivitäten beteiligte und nur die nötigsten Arbeiten wie Holzhacken und Wasserholen verrichtete und seiner Frau im Haushalt unter die Arme griff. Er litt ganz besonders unter der drückenden Langeweile und war oft deprimiert. (Video-Aufnahme)

5. Das Leben mit dem Krieg

Der Grund für die Internierung war, die Internierten an einer Teilnahme am Krieg zu hindern. Am 4.10.1915 wurden die deutschen Internierten deshalb dazu gezwungen, einen Eid abzulegen, dass sie keine Waffen gegen die Engländer erheben werden. Sogar die Frauen blieben von diesem Eid nicht verschont. „Es war mir widerlich so auf Befehl und auf solche Art und Weise meinen ersten Eid abzulegen, aber es ist mir aufgezwungen worden“, schreibt Luise Hurtzig in ihr Tagebuch. (Hurtzig, a.a.O. 4.10.1915)

Obwohl Deutschland so fern von dem Lager in Australien war, verfolgten die Internierten das Kriegsgeschehen mit größtem Interesse und mit Sorge. Freude und Trauer waren bestimmt von Sieg und Niederlage der Deutschen. Die Distanz brachte die Nähe. Doch das Schlimmste war die ständige Ungewissheit darüber, wann der Krieg endlich zu Ende sein werde.

5.1. Nationalstolz/ Nationalbewusstsein

Auf die Frage, was sie unter dem Begriff Nationalbewusstsein verstehe, antwortete meine Oma: „Vaterland, das ist das Wort, was wir dafür benutzten. Und für das Vaterland muss man kämpfen. Wenn das nicht geht, dann werden die Männer ganz depressiv.“

(Video-Aufnahme) In Luise Hurtzigs Tagebuch fallen immer wieder Bemerkungen darüber, wie stolz sie auf die schwere Leistung der tapferen Deutschen ist. Um ihrem Stolz auf Deutschland Ausdruck zu geben, singen die Internierten nach Theaterabenden regelmäßig das Lied „O Deutschland hoch in Ehren“. (siehe Anhang S.XIV) Als dieses wegen Reibungen zwischen den Gefangenen an zwei Abenden nicht gesungen wird, sieht Luise Hurtzig darin ein Schwinden des Nationalbewußssteins. Die Campverwaltung versuchte den Nationalstolz zu unterdrücken, indem sie Rituale wie zum Beispiel ein „Hoch“ auf den deutschen oder österreichischen Kaiser verbat. Die Internierten ließen sich dadurch aber nicht unterkriegen. Sie sangen statt dessen: „Gott erhalte Franz den Kaiser“, denn das war erlaubt. „Es tut weh, daßalles so versteckt geschehen muß“, bemängelt Luise Hurtzig in ihrem Tagebuch und spricht damit vielen Internierten aus dem Herzen. (Hurtzig, a.a.O. 18.9.1916)

5.2. Kontakte zum Heimatland: Briefe

Die einzige Kontaktmöglichkeit zu den Verwandten und Freunden in Deutschland war die Post. Deshalb ist es verständlich, dass Luise Hurtzig immer ganz besonders erfreut war, wenn ein Brief für sie ankam, vor allem wenn er von ihren Eltern oder ihrer Tochter Eva war. Es kam auch vor, dass ein Brief ankam, aus welchem Bilder oder Seiten entfernt worden waren. Wenn Briefe überhaupt nicht ihren Weg bis hin nach Berrima fanden, erklärt Luise Hurtzig das damit, dass wohl Schiffe versenkt worden waren.

Selber konnten die Internierten auch Briefe abschicken, jedoch wurden diese zensiert und durften nicht länger als 150 Wörter sein, was so gut wie gar nichts ist. Ab Juli 1916 bekamen die Internierten vorgedrucktes Briefpapier, das allein sie benutzen durften. „Es ist miserabel, direkt eine Aufgabe, es zu beschreiben. Nebenbei wirkt es zu komisch, wenn ein 7-jähriges Kind einen mit Prisoner of war bedruckten Briefbogen beschreibt.“ (Hurtzig, a.a.O. 29.7.1916) Der Briefkontakt wurde zusätzlich durch die lange Zustellungsdauer (ca.3 Monate) erschwert. So konnte es sein, dass gute Nachrichten lange überholt waren und im schlimmsten Fall der Absender bei Ankunft des Briefes schon gar nicht mehr am Leben war. So erfuhr Luise Hurtzig beispielsweise erst im Januar, dass ihr Bruder am 18.Oktober in der Schlacht bei Reims gefallen war.

5.3. Informationen über den Kriegsverlauf: Zeitungen

Eine wichtige Verbindung zum Heimatland stellten die Zeitungen her. Neben den Briefen brachten sie den Gefangenen eine Menge Gesprächs- und Diskussionsstoff. Es ist also verständlich, dass im Camp eine tödliche Langeweile herrschte, wenn die Zeitungen gerade einmal verboten waren oder nur wenige oder schlechte Nachrichten durchkamen. Dass die Zeitungen oft auch verfälschte Nachrichten brachten, lässt sich am besten an dem folgenden Zitat Luise Hurtzigs festmachen: „Dagegen haben wir herrliche Nachrichten vom Krieg, wenn man die Zeitungen richtig liest und aus dem Lügengewebe das Gute herauszufinden weiß.“ (Hurtzig, a.a.O. 16.10.1915) Viele Kriegsmeldungen kamen sehr detailliert, aber waren natürlich bereits von den Engländern frisiert. Deutsche Zeitungen waren grundsätzlich verboten. Es war sehr schwer, sich ein wahres Bild über den Kriegsschauplatz zu verschaffen. Teilweise wurden Siegesmeldungen auch am nächsten Tag wieder zurückgezogen und erwiesen sich als falsch. Gust ließsich von den schlechten Nachrichten sehr niederschlagen und glaubte schon sehr früh nicht mehr an einen Sieg der Deutschen. Während andere einen weiteren Überblick zu haben meinten, weil sie verbotenerweise amerikanische Zeitungen lasen, glaubten sie bis zum Ende an einen Sieg der Deutschen.

5.4. Friedenshoffnungen

Alle Kriegsmeldungen waren mit der Hoffnung verbunden, dass es zu einem baldigen Ende kommen möge. „Der selbe Wunsch bewegt wohl unsere und ungezählte Herzen, dass endlich Frieden werden möge...“ (Hurtzig, a.a.O. 31.12.1915) Jedoch waren diese Hoffnungen anfangs mit dem Glauben verbunden, „dass sie (die Gegner) endlich einsehen, dass sie den Deutschen nicht gewachsen sind und dann Frieden machen.“ (Hurtzig, a.a.O. 1.10.1915) Die Friedensbedingungen der Deutschen wurden im Camp als so loyal gesehen, dass die anderen Mächte sie wohl wirklich annehmen könnten. (Hurtzig, a.a.O. 19.1.1915) Ein Jahr später empört sich Luise Hurtzig über die Alliierten wie folgt: „Es ist schrecklich, wie das ehrliche Bestreben Deutschlands, Frieden auszurichten, verschmäht wird, verlästert und in den Schmutz gezogen.“ (Hurtzig, a.a.O. Dezember 1916) Der Krieg bereitete Angst, da man über seine eigenen Grausamkeiten erschrak: „..., daßman sich über eine solche Katastrophe freuen kann.“ (Hurtzig, a.a.O. 28.5.1916) „Der Boden mußdort (an der Westfront) vor Blut triefen, o Gott, das ist ein schrecklicher Krieg.“ (Hurtzig, a.a.O. 16.8.1916) Später, als die Deutschen schon nicht mehr gewinnen konnten, gingen die Friedensverhandlungen von den Alliierten aus. Sie brachten für Luise Hurtzig etwas so Überwältigendes, dass sie lange geweint hat. (Hurtzig, a.a.O. 14.10.1918) Jedoch wurden ihre Hoffnung auf baldige Heimkehr am nächsten Tag schon wieder zerstört. Familie Hurtzig musste noch ein weiteres Jahr auf ihre Heimkehr warten.

Kapitel III Die Zeit danach

1. Heimkehr

Im Mai 1919 trat Familie Hurtzig auf dem russischen Frachtschiff „Kursk“ die Heimreise an. Kapitän Hurtzigs Schiff „Prinz Sigismund“ war von der australischen Regierung beschlagnahmt und zu Schrott gefahren worden. Er musste also ohne das ihm anvertraute Schiff heimkehren. Während der Fahrt brach auf der „Kursk“ die spanische Grippe aus, welche 18 Passagiere tötete. Kapitän Hurtzig erkrankte auch, wurde aber scheinbar geheilt. Wieder daheim war die Wiedersehensfreude natürlich groß, vor allem mit der schon erwachsen gewordenen Tochter Eva. Das Leben nahm seinen normalen, wenn auch verarmten Lauf. August Hurtzig bekam zuerst nur eine Anstellung in einer Seilschlägerei, durfte aber später noch einmal zwei Jahre für den Norddeutschen Lloyd fahren. Dann merkte er, dass die Grippe bei ihm doch bleibende Schäden hinterlassen hatte. Er erkrankte an Gehirnentzündung und starb 1938. „Zum Glück, denn wir hätten es nicht schaffen können, ihn im Zweiten Weltkrieg ständig in den Bombenkeller zu tragen.“ (Video- Aufnahme: Lore Junghans)

2. Ein Schicksal, das prägt: Interviews mit Hanna und Lore

Die Grundlage für dieses Kapitel sind zwei Interviews, die ich mit Hanna Witte (92 Jahre) und Lore Junghans (89 Jahre) geführt und auf Video dokumentiert habe. Hanna (meine Oma) und Lore (deren Schwester) waren zum Ausbruch des Krieges 5 und 2 Jahre alt. Sie können sich noch gut an die damaligen Ereignisse erinnern und haben offen und sehr detailliert auf meine Fragen geantwortet.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass ein Krieg im Leben einer einzelnen Person tiefe Prägungen hinterlässt. In meinem Interview mit Hanna und Lore konnte ich fühlen, wie tief die Erfahrungen ihrer Kindheit bis heute präsent sind. Die Internierung war eine Kriegsgefangenschaft, wie Hanna bestätigte, aber als Kind hat sie nur die schönen Seiten gesehen. Was Hanna als erstes in den Sinn kommt, wenn sie an Berrima zurückdenkt, ist, wie sehr sie die Handfertigkeiten der Männer bewundert hat. Lore erinnert sich als erstes an ihre Heimreise. Deutschland war für sie ja ein unbekanntes Land, wenn man bedenkt, dass sie mit zwei Jahren interniert wurde. Aber zu Hause fühlten sie sich dort beide sehr schnell, denn ihre Mutter hatte ihnen sehr viel von Deutschland erzählt.

Man kann nicht sagen, was aus Lore und Hanna geworden wäre, wenn sie den Krieg in Deutschland anstatt in Australien miterlebt hätten. Sicherlich fielen die Erfahrungen dann nicht so positiv aus. Beide haben ein ziemlich vorurteilsfreies Menschenbild. Durch den ständigen Kontakt mit verschiedenen Menschen haben sie die Einzigartigkeit des einzelnen schätzen gelernt. Auch die schlimmen Erfahrungen im Zweite Weltkrieg konnten ihnen die Ausländerfreundlichkeit nicht nehmen. Hanna wäre später gern nach Australien zurückgegangen, um ihre Spuren noch einmal zu verfolgen.

In Berrima stehen heute nur noch die Grundmauern des Gefängnisses. Die Picknickplätze, Brücken und Hütten haben die Deutschen beim Verlassen Berrimas zerstört, - aus Rache, da die Australier zuvor ein deutsches Denkmal zerstört hatten.

3. Deutsch-australische Beziehungen nach dem 1.Weltkrieg

Nach dem Krieg kehrten 4620 Internierte auf eigenen Wunsch in ihre Heimat zurück. 496 Reichsdeutsche wurden zwangsdeportiert, einige wurden ausgewiesen.

Die deutsch-australischen Beziehungen hatten ganz offensichtlich unter dem Krieg gelitten. Die Deutschen standen unter der Kriegsschuldthese, mussten Reparationen zahlen und hatten alle ihre Kolonien verloren. Australien hingegen sah den Krieg als eine bestandene Feuerprobe an. Nun hatte es sich als neuer Staat unter Beweis gestellt. Der 25. April, der Tag, an dem man mit seinen Truppen auf Gallipoli gelandet war, der ANZAC- Day, wurde zum Nationalfeiertag erklärt. Die Einwanderung Deutscher nach Australien wurde für fünf Jahre unterbunden. Das Interesse an Australien als Auswanderungsland war aber in Deutschland sowieso gering. Nur deutsches Schiffspersonal versuchte immer wieder in den australischen Häfen zu desertieren. Schließlich wurde in den Häfen mit Plakaten davor gewarnt. (siehe Anhang S.XXXVII) Ab 1920 öffneten deutsche Vereine ihre Tore wieder, in lutherischen Kirchen wurde wieder auf Deutsch gebetet und gesungen und es durften deutsche Bibeln eingeführt werden. Die australische Öffentlichkeit forderte eine Normalisierung. Die Sydneyer Zeitung „Morning Herald“ schrieb 1921: „ Haßund Feindschaft können und dürfen nicht für immer so bleiben...“ (Voigt, a.a.O. S.121) Nur langsam besserten sich die deutsch-australischen Beziehungen. Am 1.8.1922 wurde die Beschränkung des Handels aufgehoben und die deutsche Flagge wieder zugelassen. Am 24.3.1924 war die Wiedereröffnung des deutschen Generalkonsulats in Melbourne, welches 1928 nach Sydney verlegt wurde. Die Assimilation schritt dann schneller voran. Die Deutsch-Australier verband mit Deutschland außer den Nationalfeiertagen und der Sprache nichts mehr.

Nach dem 2.Weltkrieg normalisierten sich die Verhältnisse jedoch sehr viel schneller als nach dem 1.Weltkrieg. Dies lässt sich vor allem durch die gemeinsame Position im „Kalten Krieg“ erklären.

Heute können von den 15 Millionen Einwohnern in Australien eine halbe Million immer noch deutsche Vorfahren nachweisen. Die Deutsch-Australier waren die Einwanderer, welche multi-kulturell dachten und lebten.

Schlussbetrachtung

Der 1. Weltkrieg zerstörte das bisher gute deutsch-australische Verhältnis. Die Australier britischer Abstammung ließen sich von der allgemeinen Kriegsbegeisterung mitreißen. Für die in Australien lebenden Deutschen kam diese plötzlich feindliche Gesinnung ihnen gegenüber sehr überraschend. Auch wenn sich die eigentliche Rache gegen Deutschland richtete, ließsich zwischen deutscher und deutsch-australischer Bevölkerung nicht eindeutig trennen. Der schreckliche Krieg mit Tausenden von Toten wurde von keinem vorausgesehen. Meine Familie hatte großes Glück, in Australien interniert gewesen zu sein. Mein Urgroßvater wäre sonst wohl als Kriegsschiffkapitän in einer der Seeschlachten untergegangen. Das Lager Berrima war ein wahrer Sonderfall. In kaum einem anderen Lager wurden die Gefangenen mit so viel Menschlichkeit und Achtung behandelt. Viele Internierte in Europa und Asien trugen bleibende physische und psychische Schäden von ihrer Kriegsgefangenschaft. Berrima zeigt, dass es möglich ist, die in Den Haag festgelegten Gefangenenrechte einzuhalten. Aber bei immer grausamer werdenden Kriegen schwindet die Hoffnung, dass die Wertschätzung anderer Völker und Kulturen in einem Krieg stärker sein kann als der blinde Hass gegenüber dem Feind. Meine Oma und deren Schwester haben sich diese Wertschätzung bewahren können.

Die explosionsartige Entfaltung von vielseitigen Talenten und Begabungen der Gefangenen in Berrima zeigt, dass Menschen in ungewöhnlichen Lebenslagen zu Unglaublichem fähig sind. Der Drang, die Welt verbessern zu wollen, ist bei jedem von uns vorhanden. Von der Last des Alltags werden wir aber immer wieder erdrückt.

Die Beschäftigung mit dem Tagebuch meiner Urgroßmutter hat mir eine Tür zu meiner Vergangenheit und somit einem Teil meiner Identität geöffnet. Ich finde es schade, dass Schule oft diese Türen nicht öffnen kann, denn „wissen“ ist nicht „selbst erfahren“ Mein Facharbeitsthema ist so interessant, vielseitig und vor allem unentdeckt, dass es sicher vom Inhalt den Stoff für eine Doktorarbeit hergeben würde. Ich hätte große Lust, selbst nach Australien zu reisen, um mir Berrima anzugucken. Fürs erste aber beschränke ich mich auf das bisher von mir Erarbeitete.

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Die Zivilbevölkerung im 1. Weltkrieg: Internierung beim Kriegsgegner in Australien - eine Familiengeschichte
Note
14 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V104544
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zivilbevölkerung, Weltkrieg, Internierung, Kriegsgegner, Australien, Familiengeschichte
Arbeit zitieren
Iris Witte (Autor), 2001, Die Zivilbevölkerung im 1. Weltkrieg: Internierung beim Kriegsgegner in Australien - eine Familiengeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104544

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