So wichtig es auch sein mag, Kinder durch ansprechende Bilder und Texte zu motivieren und auf diesem Weg für die Mathematik zu begeistern, liegt wohl gerade darin die Ursache für Rollenstereotype, von denen sich auch ein
Mathematikschulbuch nicht lossagen kann.
Aus diesem Grund soll im Folgenden das Mathematikschulbuch „Nussknacker 4“des Oldenburg Verlags untersucht werden. Geprüft wird, ob es sich bei dem Mathematikschulbuch um einen sozial freien Raum handelt. Bereits die Thematisierung dieser Problematik evoziert ein aktives Konstruieren von Unterschieden. An die Geschlechtsforschung wird häufig der Vorwurf herangetragen, dass sie bereits bei der Datenerhebung Geschlechtsstereotype impliziere, die sich dann logischerweise auch in den Ergebnissen wiederfänden. Forschung selbst reifiziert Zuschreibungen und Kategorien, auch wenn es ihr eigentliches Anliegen ist, genau diese zu überwinden. Gadamer weist auf eine
weitere Problematik hin, nämlich dass die moderne Wissenschaft der Aufklärung alles umfassend, vernünftig und vorurteilsfrei verstehen will.
Somit ist nicht die Überlieferung, sondern die Vernunft letzte Quelle der Autorität. Ihr werden andere Autoritäten untergeordnet. Doch absolute Vernunft ist unmöglich, da auch der freieste Geist begrenzt ist und von Vorurteilen geprägt
wird. Ein menschlicher Geist kann niemals eine allumfassende Wahrheit erfahren oder begreifen.
Zur Vermeidung der eben genannten Problematik sollen in dieser Arbeit zunächst die objektiven Sachverhalte durch quantitative Messverfahren dargestellt und anschließend ausgewertet werden. Hierfür soll im ersten Teil der Arbeit zunächst eine Begriffsbestimmung und Fundierung des Sachverhalts vorgenommen werden. In einem weiteren Schritt soll das entwickelte Erhebungsinstrument genauer vorgestellt werden.
Es folgt die Darstellung, die Analyse und die Interpretation der Untersuchung. Hierbei werden zunächst die Texte und anschließend die Bilder des vorliegenden Schulbuchs nach einer quantitativen Methode untersucht. Im dritten Teil sollen
schließlich die Erkenntnisse der Untersuchung zusammengetragen werden und mit bereits bestehenden Studien verglichen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung und Überblick
2. Begriffsbestimmung
2.1 Konstrukt der Stereotype
2.2 Konstrukt der Geschlechtsrollen
2.3 Konstrukt der Geschlechtsrollenstereotype
2.4 Funktion und Folgen von Geschlechtsrollenstereotypen
2.5 Stand der Forschung
2.5.1 Inhaltliche Bedeutung der Geschlechtsrollenstereotype
2.5.2 Beständigkeit bestehender Stereotype
2.6 Analyse des Archivals
2.6.1 Entwicklung eines inhaltsanalytischen Kategorienschemas
3. Aufgaben in Textform
3.1 Darlegung und Analyse der Texte
3.2 Verdichtung und Interpretation der Ergebnisse
4. Abbildungen
4.1 Darlegung und Analyse der Abbildungen
4.2 Verdichtung und Interpretation der Ergebnisse
5. Erkenntnisgewinn aus den Analysen und Interpretationen
5.1 Verortung der Ergebnisse bei Eagly
6. Methodologisch- kritische Reflexion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob das Mathematikschulbuch "Nussknacker 4" im Hinblick auf Geschlechtsrollenstereotype ein sozial freier Raum ist oder ob tradierte Rollenbilder innerhalb des Mediums fortbestehen. Dabei steht die quantitative Analyse der textlichen und bildlichen Repräsentationen von Handlungsträgern im Zentrum, um den Einfluss auf den Sozialisationsprozess von Grundschülern zu hinterfragen.
- Quantitative Analyse von Geschlechtsrollenstereotypen in Mathematikschulbüchern.
- Untersuchung der Repräsentation männlicher und weiblicher Handlungsträger in Texten und Bildern.
- Überprüfung der Ergebnisse anhand sozialpsychologischer und rollentheoretischer Ansätze (u.a. Eagly).
- Kritische Reflexion über die Bedeutung von Schulbüchern als Instrumente der Sozialisation.
- Vergleich mit bestehenden Schulbuchstudien zur Beständigkeit von Stereotypen.
Auszug aus dem Buch
2.1 Konstrukt der Stereotype
Da der Begriff Stereotyp häufig sehr unterschiedlich in der Literatur, aber auch im Alltagsgebrauch verwendet wird, lässt sich dieser Begriff nicht konzeptualisieren. Die einzelnen Definitionselemente der verschiedenen Ansätze sind dafür zu unterschiedlich und teilweise nicht ausreichend präzise festgelegt. Es ist daher notwendig, den Begriff der Stereotype als komplexes Konstrukt zu betrachten. Durch die Darstellung verschiedener Stereotypenkonzepte soll eine Annährung stattfinden und dabei zentrale Aspekte herauskristallisiert werden.
Walter Lippmann war 1922 wohl der erste, der den Begriff Stereotyp auf soziale Phänomene anwandte. In seinem Buch „Public Opinion“, in dem er Stereotype als „pictures in our heads“ bezeichnet, die aber nicht die Wirklichkeit, sondern eine Art „pseudo-environment“ darstellen, legt er die Basis für nachfolgende Definitionsansätze. Stereotype werden bei diesen Ansätzen oft als vereinfachte und dadurch falsche Repräsentation der sozialen Umwelt dargestellt. Dennoch werden sie als notwendig angesehen, um dem Menschen eine schnelle Informationsverarbeitung und Orientierung in der alltäglichen Welt zu ermöglichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung und Überblick: Einführung in die Thematik der geschlechtsspezifischen Leistungsunterschiede und der Rolle von Sozialisationsinstanzen wie dem Schulbuch.
2. Begriffsbestimmung: Theoretische Fundierung der Begriffe Stereotype und Geschlechtsrollen sowie Darstellung des Forschungsstands zur Stabilität dieser Konstrukte.
3. Aufgaben in Textform: Analyse der textbasierten Aufgaben im untersuchten Schulbuch und deren Einordnung in das Kategorienschema.
4. Abbildungen: Quantitative Untersuchung der bildlichen Darstellungen zur Identifikation von Geschlechterverteilungen und stereotypen Merkmalen.
5. Erkenntnisgewinn aus den Analysen und Interpretationen: Zusammenführung der Ergebnisse aus Text- und Bildanalyse sowie deren theoretische Verortung, insbesondere bei Eagly.
6. Methodologisch- kritische Reflexion: Kritische Auseinandersetzung mit der methodischen Vorgehensweise und den Grenzen der quantitativen Schulbuchanalyse.
Schlüsselwörter
Mathematikvermittlung, Schulbuchanalyse, Geschlechtsrollenstereotype, Sozialisation, Eagly, Grundschule, Rollentheorie, quantitative Analyse, Stereotypisierung, Geschlechtergerechtigkeit, Nussknacker 4, Handlungsfelder, Bildungsraum, Rollenerwartung, Identifikationsmodelle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung des Mathematikschulbuchs „Nussknacker 4“ und der Frage, inwiefern dort geschlechtsspezifische Rollenstereotype transportiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die quantitative Repräsentation von männlichen und weiblichen Personen in Texten und Abbildungen sowie die Analyse, wie diese Personen in Bezug auf Tätigkeiten, Berufe und soziale Rollen dargestellt werden.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Ziel ist es zu prüfen, ob das Mathematikschulbuch einen „sozial freien Raum“ darstellt oder ob es tradierte Rollenbilder reproduziert, die den Sozialisationsprozess von Kindern beeinflussen könnten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wurde eine quantitative Inhaltsanalyse durchgeführt, für die ein detailliertes Kategorienschema entwickelt und mit der Statistiksoftware SPSS ausgewertet wurde.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Textmaterials und des Bildmaterials, wobei jeweils Hypothesen aufgestellt, die Daten erhoben und die Ergebnisse mit bestehender Forschungsliteratur verglichen werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Schulbuchanalyse, Geschlechtsrollenstereotype, soziale Rollentheorie, Sozialisation und Grundschulmathematik beschreiben.
Welche Rolle spielt das Maskottchen „Trax“ in der Analyse?
Das Maskottchen wurde bei der eigentlichen Analyse der menschlichen Handlungsträger ausgeklammert, da es als Rabe die statistischen Ergebnisse in Bezug auf menschliche Rollenbilder verzerrt hätte, obwohl es eine zentrale Rolle im Buch einnimmt.
Warum ist die Analyse von Grundschulbüchern für die Genderforschung besonders relevant?
Da Grundschulbücher die Kinder über ihre gesamte Schullaufbahn begleiten, wirken sie als maßgebliche Instrumente der Sozialisation, die Kindern Identifikationsmodelle für ihre zukünftige soziale Rolle anbieten.
- Arbeit zitieren
- Thomas Riecke (Autor:in), 2014, Geschlechtsrollenstereotype in der Mathematikvermittlung. Analyse eines Schulbuchs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1045493