Hoffmann, E.T.A. - Der Sandmann - Interpretation der Seiten 17 bis 19


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

4 Seiten, Note: 15


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E.T.A. Hoffmann - Der Sandmann -

Interpretieren Sie den Textabschnitt Seite 17 Zeile 10 bis Seite 19 Zeile 4/5. Erläutern Sie, welche Ziele der Erzähler mit dieser Rede verfolgt! Mit welchen sprachlichen Mitteln versucht er, diese Ziele zu erreichen?

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann wurde 1776 in Königsberg geboren und starb 1822 in Berlin. Schon in frühster Kindheit wurde er mit geistigen Querelen seiner Mitmenschen (zum Beispiel die der Mutter seines Mitbewohners Zacharias Werner) konfrontiert. Es ist naheliegend, dass seine überreizte Phantasie und sein hysterisches Nervensystem Folgen dieser Erfahrungen sind. Von Visionen gejagt beginnt er die Niederschrift des Sandmanns am 16. November 1815 um 1 Uhr. Die Erzählung erschien 1816 im ersten Teil des Erzählzyklus Nachtstücke und spiegelt Hoffmanns Dasein als autonomer Künstler und die Raserei des Wahnsinns wider.

Im gesamten Zyklus wie auch im Sandmann herrscht das typisch romantische Interesse für die Nachtseiten der Natur, für das Unheimliche, Krankhafte und Verbrecherische vor. Der Sandmann ist die bekannteste Erzählung der Sammlung. Sie handelt über den Physikstudenten Nathanael, der bereits mit dem Bürgermädchen Klara verlobt ist, sich aber am Studienort in die Tochter des Professors Spalanzani, die schöne Olimpia, verliebt, bis sich herausstellt, dass Olimpia kein Mensch, sondern ein Automat, eine leblose Puppe, ist. Diese Täuschung erlebt Nathanael, wie auch andere illusorische Erfahrungen, als eine Bedrohung seiner Identität, die ihn schließlich in den Wahnsinn und den Tod treibt.

Die Grenze zwischen Phantasie (Einbildungskraft) und Realität ist für Nathanael nicht mehr ersichtlich. Sie ist neben dem Automatenmotiv das bedeutendste Merkmal der Romantik.

Der zu interpretierende Text lässt sich in 3 Abschnitte unterteilen.

Im ersten Teil (von Zeile 10 bis 37 / Seite 10) beschreibt Hoffmann, wie er versucht, seine Erlebnisse in Worte zu fassen. Dazu spricht er den Leser aus der Ich - Perspektive direkt an. Er wirkt sehr persönlich, indem er Personalpronomen wie „dir“ (Zeile 11), „dich“ und „mein“ (Zeile 13) verwendet. Außerdem gebraucht er Interjektionen wie „o“ (Zeile 13, 34) und schmeichelnde Anredeformen wie „geneigter“ (Zeile 27), die den Leser als etwas Besonderes und Übermächtiges erscheinen lassen. Durch das Setzen von Ausrufezeichen (Zeile 13, 26, 34) betont Hoffmann diese Haltung noch einmal. Die Faszination Hoffmanns an Nathanaels Leben wird deutlich, indem er unentwegt dramatische Adjektive wie „verhängnisvoll“ (Zeile 11), „wild“ (Zeile 22) und Substantivierungen wie „Das Wunderbare, Seltsame“ (Zeile 12), „Wunderliches“ (Zeile 14), „Possierliches“ (Zeile 23) verwendet. Innerhalb dieser Periphrase ist ein Klimax festzustellen, der spannungssteigernd wirkt. Die lateinische Redewendung „medias in res“ (Zeile 19) beschreibt die Euphorie Hoffmanns und stellt einen geschichtlichen Bezug dar.

Um dem Leser diese Begeisterung wiederzugeben, steigert er sich vom Bedeutend - Originellen zum Ergreifenden (Zeile 15/16). Er stellt verschiedene mögliche Anfänge dar und begründet, weshalb er sie für untauglich hält. Beginnend mit „Es war einmal“ (Zeile 16), welches zu nüchtern ist (Zeile 17), verbessert er sich bis hin zum „Scher Er sich zum Teufel...“ (Zeile 19). Dem Leser wird dadurch klar, wie viel dem Erzähler an der perfekten Wiedergabe der Umstände liegt. Außerdem wechselt er in der Darstellung der verschiedenen Ansätze in die auktoriale („Es war einmal“ Zeile 16) und die personale („Scher Er sich zum Teufel...“ Zeile 19) Erzählperspektive.

Gedankenstriche (Zeile 16, 17, 18) verbinden die Gedankengänge des Autors mit der Geschichte Nathanaels. Dadurch verspürt der Leser die Position Hoffmanns besser.

Durch den Gebrauch von erläuternden Nebensätzen (Zeile 21-24), Hypotaxen (Zeile 27-30) und Ellipsen (Zeile 33-37) werden viele Details wiedergeben, die für das Verständnis der Erzählung unerlässlich sind.

Das Fazit der Überlegungen Hoffmanns ist die Aufforderung an den Leser, die Briefe zu nehmen (Zeile 27), im Stil „Friss Vogel oder stirb!“. Doch das wirkt keines Falls abschreckend, sondern animiert erstrecht, die Briefe zu lesen. Metaphern wie „Farbenglanz des innern Bildes“ (Zeile 25) und „mattgeschliffenen Spiegels dunklem Widerschein“ (Zeile 36/37) bringen dem Leser die zahlreichen Erinnerungen Hoffmanns näher, welche er in die Erzählung hineinzutragen versucht (Zeile 29).

Im ersten Abschnitt weist er zum ersten mal auf das besonders wichtige Motiv der Augen hin (Zeile 33).

Hoffmann wechselt vom Präteritum in den Zeilen 10 bis 26 in das Präsens der Zeilen 27 bis 37, welches einen spannungssteigernden Effekt hat.

Im zweiten Teil (von Zeile 38 Seite 17 bis Zeile 4 Seite 18) legt Hoffmann einen kurzen Bericht darüber ab, was in der Zwischenzeit passiert war und für das weitere Verständnis von Nöten ist. Darauf weist er den Leser direkt und unvermittelt hin (Zeile 38).

Er verwendet hier eine Ellipse (Zeile 38-42), die viele erläuternde Nebensätze enthält. Mit wenigen Worten macht er dem Leser die häuslichen Umstände klar, in denen sich Nathanael zu dem Zeitpunkt befindet.

Die extreme Liebe zwischen Nathanael und Klara, welche schon fast unrealistisch wirkt, beschreibt Hoffmann durch „heftige Zuneigung“ (Zeile 43), wogegen kein Mensch auf Erden etwas einzuwenden hatte (Zeile1 Seite 18). Der gesamte Abschnitt ist aus der auktorialen Erzählperspektive und im Präteritum (bis auf die Zeilen 38/39 im Präsens) geschrieben. Dadurch wird die berichtende Form deutlich.

Der dritte Teil (von Zeile 5 Seite 18 bis Zeile 5 Seite 19) gibt eine detaillierte Beschreibung von Klara wider.

Hoffmann beginnt diesen Abschnitt aus der Ich - Perspektive (Zeile 5-8) im Präsens, wodurch seine eigenen Empfindungen klar werden. Dieses wird weiterhin durch die Metapher „es steht Klaras Bild mir so lebendig vor Augen“ (Zeile 6) verstärkt. Die Bezeichnung „Holdlächelnd“ (Zeile 8) zeigt die Bezauberung Hoffmanns beim Anblick Klaras.

Ein Gedankenstrich unterbricht seine Vision und leitet in die auktoriale Erzählperspektive (Zeile 8 Seite 18 bis Zeile 5 Seite 19) im Präteritum über. Hoffmann stellt seine Meinung in den Hintergrund und beschreibt das Empfinden anderer. Dieser Teil steht nun seiner eigenen Position gegenüber und treibt den Leser in die Irre, denn es heißt :„Für schön konnte Klara keineswegs gelten; das meinten alle“ (Zeile 8/9). Es trägt aber auch zu einer fast unheimlichen Magie bei, denn die Gegensätze werden immer weiter verstärkt: Klaras Körper wird mit einem Bauwerk verglichen „Architekten lobten die reinen Verhältnisse ihres Wuchses“ (Zeile 10/11) und Maler bewundern ihr Magdalenenhaar (Zeile 13). Dem gegenüber steht wieder die keusche Form des Nacken, der Schultern und der Brust (Zeile 11/12). Die Darstellung von Klara ist ein einziger Vergleich. Dazu dienen Symbole wie „Botonisches Kolorit“ (Zeile 14) und der „See von Ruisdael“ (Zeile 16) und Metaphern wie „des wolkenlosen Himmels reines Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft buntes, heitres Leben“ (Zeile 17/18). Sie vermitteln dem Leser ein Bild von Klara, indem man aber trotzdem die Möglichkeit behält, selbst zu ergänzen.

Hoffmann fixiert sich nicht auf eine bestimmte Sichtweise, sondern zieht weitere Vergleiche hinzu. Anaphern („Was See - was Spiegel!“ Zeile 19), Synästhesie („aus ihrem Blick strahlen uns wunderbare himmlische Gesänge und Klänge entgegen“ Zeile 20/21) und Metaphern („um Klaras Lippen schwebendes feines Lächeln“ Zeile 25) steigern die Eindringlichkeit seiner Aussagen.

Rhetorische Fragen (Zeile 19-22) und Ellipsen (Zeile 23-28) drängen den Leser wiederum in eine Ecke, denn sie scheint die perfekte Frau zu sein. Ihr Charakter wird durch eine Hyperbel mit Wortspiel („die lebenskräftige Phantasie des heitern unbefangenen, kindischen Kindes“ Zeile 29) beschrieben. Eine Aufzählung (Zeile 29-31) verbindet die vielen positiven Charakterzüge miteinander. Sie wirkt dadurch erfahren, einfühlsam und humorvoll. Hoffmann betont Klaras hellen, scharf sichtenden Verstand (Zeile 30) durch ihr geschicktes Umgehen mit Neblern und Schweblern (Zeile 31), indem sie diese mit Ironie enttarnte (Zeile 33ff). Doch schon wird das positive Bild, welches der Leser nun wieder gewonnen hat, durch sprachliche Fehler in ihrer Sprache („Lieben Freunde!“ Zeile 34) beschattet. Außerdem wird sie als kalt, gefühllos und prosaisch (Zeile 37) bezeichnet.

Für den Leser ist es schwer, eine Haltung gegenüber den Figuren einzunehmen, denn er hat viele Entscheidungsmöglichkeiten, die Hoffmann durch seine Vergleiche zur Verfügung stellt.

Ich würde sogar sagen, dass sich der auktoriale Erzähler in den Zeilen 8 bis 36 nicht auf eine bestimmte Perspektive festlegt. Einmal sind die Sympathien eher auf der Seite Klaras, im nächsten Moment stellt Hoffmann die Situation jedoch so dar, dass dem Leser Zweifel an Klaras Position aufkommen. Die Handlungsebene setzt auf dieser offensichtlichen Ambivalenz fort.

Der Gedankenstrich Zeile 36 richtet die Blickrichtung wieder auf das eigentliche Geschehen. Nathanaels Liebe zu dem gemütvollen, verständigen, kindlichen Mädchen (Zeile 38/39) wird noch einmal bekräftigt (Zeile 39). Die Metapher „Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte“ (Zeile 41/42) lässt erkennen, dass die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. Es folgen Hypotaxen (Zeile 2-5 Seite 19), die wiederum mit wenigen Worten die wesentlichen Umstände zeigen: Nathanael kehrt glücklich und gesund zu Klara zurück.

Wie schon oben erwähnt, trägt die dezentrale und abschweifende Erzählperspektive zu einer unglaublichen Faszination und einer fast schon unheimlichen Magie bei. Die vielen Unbestimmbarkeitsmomente treiben den Leser allmählich an den Rand des Unüberschaubaren.

Es scheint, als ob das Wirrwarr an Perspektiven mit der Gedankenwelt Nathanaels übereinstimmt. Der Leser wird praktisch in einen Bann gezogen, indem er selbst die Grenze zwischen Traumwelt und Realität aus den Augen verliert.

Der Leser kann sich kaum auf eine bestimmte Sichtweise festlegen, denn Hoffmann bietet dem Leser einfach zu viele an. Es ist kaum möglich, ein Bild vom wirklichen Geschehen zu bekommen, denn die unterschiedlichen Perspektiven lassen zu viele Möglichkeiten zu. Es fällt aber auf, dass die Perspektive, obwohl Hoffmann objektiv zu sein scheint, die Perspektive Nathanaels fast immer den Blickwinkel des Lesers auf die übrigen Figuren beherrscht. Der Erzähler scheint manchmal mit der Perspektive Nathanaels zu verschmelzen, was dazu führt, dass der Leser auf Nathanaels Wissens- und Erlebnishorizont fixiert wird. Die Visionen Nathanaels erscheinen zum Teil überaus real.

Indem Hoffmann seine Bemühungen bis zur entgültigen Fassung des Sandmanns schildert, wird das Interesse des Lesers an der Kunst der Dichtung geweckt. Er scheint unendlich viel Spaßan der Schaffung neuer Werke zu haben und trägt damit zur eigenen Kreativität bei.

Metaphern, Symbole sowie Hypotaxen und Ellipsen vermitteln einen alltäglichen Eindruck vom Geschehen im Sandmann. Sie tragen dem allgemeinen Verständnis bei und erhöhen die Vorstellungskraft. Das Besondere allerdings ist, dass zum Beispiel Klara allein eine Metapher im Gesamtwerk darstellt.

Die Ironie ist zweifelsfrei das wichtigste Stilmittel Hoffmanns. Allerdings kommt sie in der zu interpretierenden Rede nicht großartig zum Ausdruck. Sie baut die Handlungsebene auf und verhilft dem Leser zu einer gewissen Distanz. Außerdem beinhaltet die Ironie eine versteckte Kritik an den vorherrschenden Zuständen in der Zeit der Entstehung des Sandmanns.

4 von 4 Seiten

Details

Titel
Hoffmann, E.T.A. - Der Sandmann - Interpretation der Seiten 17 bis 19
Note
15
Autor
Jahr
2001
Seiten
4
Katalognummer
V104551
Dateigröße
331 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoffmann, Sandmann, Interpretation, Seiten, Thema Der Sandmann
Arbeit zitieren
Angelika Gutsch (Autor), 2001, Hoffmann, E.T.A. - Der Sandmann - Interpretation der Seiten 17 bis 19, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104551

Kommentare

  • Gast am 27.11.2001

    Überschrift falsch!.

    Die Arbeit ist gut bis sehr gut, wenn es sich um eine Textanalyse handelte. Doch laut Überschrift ist es eine Interpretation der Textstelle und das Thema ist total verfehlt!

  • Gast am 6.6.2002

    sehr gute analyse.

    danke schön für die sehr gute textanalyse,sie wird mir bei meiner bevorstehenden klausur weiterhelfen:)
    ciao sue

  • Gast am 24.9.2002

    Das ist eine naratologische Analyse und weniger eine Interpretation des Textes.

    Als Schul-Hausarbeit mit Schwerpunkt "Erzaehlanalyse" in E.T.A. Hoffmanns Werk "Der Sandmann", bezug auf Modus, Stimme und Zeit koennte man noch durchgehen lassen, aber nicht als Interpretationsanalyse der Seiten 17 - 19. Fuer die Universitaet waere die Arbeit mangelhaft.

  • Gast am 1.3.2005

    -.

    Sehr gute Arbeit, den Interpretation ist ja bekanntlich Analyse + Deutung was die Arbeit in allen Punkten gut bis sehr gur erfüllt.

  • Gast am 27.5.2016

    Haarsträubend, auch für die Schule! Erzähler wird permanent mit dem Autor gleichgesetzt, unsinnige Behauptungen ohne Analyse und Beleg ("dass zum Beispiel Klara allein eine Metapher im Gesamtwerk darstellt" ?!) und angelernte Stichwörter, die nicht zum Text passen. Beispiel: Ironie sei das Hauptstilmittel, komme aber hier nicht vor; sie drücke Kritik an den "vorherrschenden Zuständen" aus - das ist in vielen Werken so, aber wo soll das denn hier sein? Nie und nimmer 15 Punkte!

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