Wortbildung im Wiener Dialekt


Seminararbeit, 2001

11 Seiten, Note: sehr gut


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Wortbildung im Wiener Dialekt: Besonderheiten und Funktionen

EINLEITUNG

In dieser Arbeit sollen die Besonderheiten der Wortbildung im Wiener Dialekt herausgearbeitet werden. Zusätzlich wird versucht, die Wortbildung des Wienerischen bezüglich ihrer Funktion zu interpretieren.

Als Textgrundlage diente:

Wolfgang Teuschl (1981 5): Da Jesus & seine Hawara. Das Neue Testament im Wiener Dialekt. Purkersdorf/Wien. Kapitel I: S.19-35

Aus dem Text wurden Komposita und Derivate extrahiert und nach Wortarten geordnet. Flektierte Formen wurden wegen der besseren Übersicht in Lexeme verwandelt.

Abweichungen vom Standarddeutschen werden im Folgenden aufgezeigt, sofern sie nicht phonologisch begründet sind. Zielsetzung der Arbeit ist es, Regelmäßigkeiten bezüglich dieser Abweichungen festzustellen. Die Unterschiede in der Wortbildung zwischen Wiener Dialekt und Standarddeutsch sollen soweit wie möglich systematisiert werden.

Im letzten Kapitel wird versucht, die Funktionen der Wortbildungen im Wienerischen zu erfassen.

Besonderheiten des Wortschatzes sind nicht Thema dieser Arbeit. Allerdings werden Basislexeme, die besonders häufig Verwendung finden, angeführt, sofern dies aus dem Korpus ersichtlich wurde.

Beispiele, die aus dem gewählten Text stammen, sind fett/kursiv wiedergegeben. Ihre Bedeutung im Standarddeutschen wird (kursiv eingeklammert) angegeben. Beispiele, die ich aus meiner Kompetenz als native speaker beziehe, werden kursiv dargestellt. Bei der Schreibung habe ich mich der von Wolfgang Teuschl verwendeten angeglichen.

BESONDERHEITEN DER WORTBILDUNG IM WIENER DIALEKT

1. VERBA

1.1. Komposition

Wie in der Standardsprache spielt die Komposition des Verbs auch im Dialekt eine untergeordnete Rolle.

hochleem (hochleben), fuatzaan (fortziehen/gegziehen), ausanaundagä (auseinandergehen) weichen nur phonologisch von Standardsprache ab und werden deshalb nicht näher behandelt.

haamdraan (töten), zaumdraan (etw.anstellen, anrichten), zaumhaazn (sich zusammentun).

Auch diese Verben weisen bezüglich ihrer Bildung keine typisch wienerischen Besonderheiten auf. Sie fallen allerdings aufgrund der besonderen Lexik ihrer Basisverben auf. draan (drehen) ist im Wienerischen eine beliebte verbale Basis und nimmt in Zusammensetzungen verschiedene Bedeutungen an: vgl. einedraan (angeben), audraan (Streit suchen).

Sehr häufig werden im Wienerischen verbale Komposita mit Richtungsadverbien gebildet.1 Diese Art der verbalen Wortbildung findet auch im Standarddeutschen zunehmend größere Verwendung. In unserem Text finden sich 15 Belege, z.B.: einelaan (hineinleeren), aussagriagn (herausbekommen), owefoen (herunterfallen) etc.

Ein sehr beliebtes Basisverb in dieser Gruppe ist gräun , dessen ursprüngliche Bedeutung kriechen heute für jede Art der Fortbewegung steht. Im Text finden sich: aussagräun (herauskommen), daheagräun (herkommen), einegräun (hineingehen). Letzteres kann auch metaphorisch verwendet werden: jmdn. einegräun (sich einschmeicheln).

aussagriagn (herausbekommen): Das standardsprachliche bekommen wird im Wienerischen sowohl als Simplex als auch in präfigierter Form mit kriegen , bzw. seiner lautlichen Entsprechung ausgedrückt.

1.2.Derivation

1.2.1.Suffigierung

Im Gegensatz zur nominalen Wortbildung, wo die Suffigierung überwiegt, wird bei der verbalen Derivation die Präfigierung bevorzugt. Es gibt nur eine beschränkte Anzahl von Verbalsuffixen im Deutschen: -ieren (marschieren), -igen (kräftigen), -(e)ln (lächeln), und selten :-(en)zen (verhunzen) und -sen (knacksen).

In unserem Text finden wir vier Belege für das Suffix -ieren, nämlich:

bäulesian.2: Ein typisch wienerisches Wort, das keine Entsprechung in der Standardsprache hat, und am besten mit weggehen oder dem umgangssprachlichen Ausdruck abhauen paraphrasiert werden kann. Gebildet aus dem Adverb bäuli : aus dem rotwelschen3 pale (dt.wieder zurück) und der aus dem frz. stammenden Endung -ian (-ieren).

blanian entspricht dem standardsprachlichen planieren, wird hier aber metaphorisch gebraucht für Problembereinigung, Wiedergutmachung. Standardsprachlich würde man hier eher einen anderen metaphorischen Ausdruck wie ausbügeln verwenden. An anderer Stelle im Text wird das Wort in seiner wörtlichen Bedeutung ebnen gebraucht.

maschian (marschiert) und browian (probiert) haben standardsprachliche Entsprechungen

Ein anderes verbales Suffix ist im Wienerischen weitaus häufiger anzutreffen, nämlich -(e)ln. Im Text finden sich folgende Belege:

In ausfraadschln (ausfragen) und oogragln (töten) hat das Suffix -(e)ln wahrscheinlich iterative Funktion.

daschbeanzln (erblicken): schbeanzln enthält eine diminutive Bedeutungskomponente im Sinne von vorsichtig schauen/heimlich schauen.

eiwikkln (einwickeln) ist der einzige Beleg in dieser Reihe, der eine direkte Entsprechung im Standarddeutschen hat.

oomaxln (töten)

1.2.2. Präfigierung

Präfigierung ist die häufigste Art verbaler Wortbildung sowohl in der Standardsprache als auch im Dialekt. In unserem Text fanden sich nicht weniger als 46 präfigierte Verben. Zwei Punkte sind hier bemerkenswert:

- Während in standarddeutschen Texten das Verhältnis zwischen trennbaren und untrennbaren Präfixen ungefähr 1:1 ist, verwendet der Wiener Dialekt fast ausschließlich trennbare Präfixe.
- Weniger als die Hälfte aller präfigierten Verben in unserem Text hat eine direkte standarddeutsche Entsprechung. Dies ist der Fall z.B. bei aufschreim (aufschreiben), ausbraadn (ausbreiten) und ooleng (ablegen).4 Beim Großteil der Belege weicht entweder Präfix oder Basisverb oder sogar beides von der standardsprachlichen Paraphrasierung ab.

1.2.2.1. Untrennbare Präfixe

Untrennbare Präfixe wie be- und ver- und er-, die in der Standardsprache die am häufigsten verwendeten sind, sind im Wienerischen offensichtlich selten. In unserem Text fanden sich nur 4 Belege:

fahawad (befreundet) ist eine denominale Wortbildung aus dem Substantiv Hawara(Freund). Dieses aus der Gaunersprache stammende Wort geht wahrscheinlich zurück auf das jiddische Chaber (Genosse , G efährte oder auch Zuhälter).5

dazöön (erzählen), darennan (erwischen) und daschbeanzln (erblicken) zeigen eine Besonderheit, die für alle bairischen Dialekte typisch ist. Das standarddeutsche Präfix ererscheint dort ausnahmslos als da-.

1.2.2.2. Trennbare Präfixe

6 Verbale Wortbildung mit trennbaren Präfixen ist äußerst produktiv. Im Folgenden werden nur solche Beispiele aus dem Korpus angeführt, die auch bezüglich ihrer Lexik für das Wienerische typisch sind.

Die Beispiele präfigierter Verben, die bezüglich ihrer Basis von der Standardsprache abweichen, sind zahlreich:

zuahuachn (zuhören), auhuachn (anhören), auschaun (ansehen) : Während die Simplexverben sehen und hören im Wiener Dialekt sehr wohl ihre Entsprechungen haben, werden in präfigierten Verben meist nur die Lexeme horchen und schauen verwendet ausdiwidian (ausrechnen): Die Grundrechnungsart dividieren steht hier für rechnen allgemein. Dem Fremdwort wird der Vorzug gegeben.

nochwassan (nachforschen): Der Zusammenhang mit dem Simplexverb wassan (tränken) ist nicht mehr ersichtlich.

ausfraadschln (ausfragen) ist wahrscheinlich durch Kontamination von fragen und tratschen entstanden.

Verben der Fortbewegung werden im Wienerischen besonders gern umschrieben:

oojankan, ooreissn: Beide können mit abreisen übersetzt werden. Im Wienerischen existiert das Wort reisen überhaupt nicht.

ausreidn(wegfahren), eireidn (ankommen): Hier wird reiten statt der echten Art der Fortbewegung fahren oder gehen eingesetzt.

audaunzn (ankommen): Dieses Antanzen bedeutet meist ein verspätetes Ankommen.

aufgräun (aufstehen) bedeutet eigentlich aufkriechen. gräun ist ein Verb, das meist für langsame Fortbewegung verwendet wird.

Präfigierte Verben des Wienerischen, bei denen sowohl die Basis als auch das Präfix vom Standarddeutschen abweicht, sind zahlreich. Für diese Gruppe gibt es reichlich Belege im Text. Sie sind Beispiele dafür, dass das Wienerische eine eigene Lexik hat, die auch produktiv bezüglich der Wortbildung ist.

eibremsn refl. ( stehenbleiben)

jmdn.eibrodn (überreden): eig. einbraten hat eine standarddeutsche Entsprechung in

jmdn.einkochen

iwanosan, oogneissn (bemerken)

oogmaxln, oogragln (töten)

owehaun (betrügen)

ausschidn (entbinden, gebären)

ooreissn (weggehen, verschwinden)

owareissn (sich bei etwas bemühen): Im Kontext an Seawas owareissn bedeutet es sich bei der Begrüßung große Mühe geben.

iwareissn (verstehen)

Die letzten drei Beispiele zeigen, dass das Verb reißen im Wienerischen als Basis für Präfigierungen sehr produktiv ist. Es kann dabei verschiedenste Bedeutungen haben.

2. SUBSTANTIVA

2.1. Komposition

Substantivische Komposita sind in unserem Text sehr selten und haben meist standarddeutsche Entsprechungen, wie z.B. Wiadshaus (Wirtshaus), Mödeze´l (Meldezettel). Nur wenige zeigen Besonderheiten des Wienerischen. Diese sind:

Aansabosd (wichtigste Botschaft/Mitteilung): Aansa- (Einser-) ist im Wienerischen ein beliebtes Bestimmungswort bei Komposita und bezeichnet Vorrangigkeit.

Schmäädandla (Lügner oder auch Witzbold) ist ein Kompositum aus zwei typisch wienerischen Substantiven, die in der Standardsprache nicht existieren. Schmää stammt aus dem Rotwelschen und bezeichnete dort Lüge, im Wienerischen bedeutet es auch Witz. Dandla ist eine meist pejorative Bezeichnung für Händler, vgl. standarddt. Tand. Ein Schmäädandla ist also jemand, der die Unwahrheit erzählt, oder aber auch ein witziger charmanter Mensch.

2.2. Derivation

2.2.1. Suffigierung

Für die substantivische Wortbildung stehen im Standarddeutschen zahlreiche Suffixe zur Verfügung. Diese werden auch mit dialektalen Basen kombiniert, z.B. in:

Tschuuschien neutr.(Ausland): In Analogie zu Ländernamen wird Tschuusch (Ausländer) mit - ien suffigiert. Ursprünglich wurden mit Tschuuschn nur Ausländer aus dem südslawischen Raum bezeichnet. Der Begriff hat eine Bedeutungserweiterung erfahren.

Linke fem.(Sünde, Betrügerei) ist die Substantivierung des Adjektivs link-. Im Wienerischen trägt es zusätzlich zur Hauptbedeutung die Bedeutung schlecht, unrecht und wird in dieser häufig verwendet.

Auf einige Suffixe wird in der Folge näher eingegangen:

-a(-er)

Das standarddeutsche Suffix -er wird im Wiener Dialekt mit -a wiedergegeben, z.B. in dem sehr häufig verwendeten Oeda (Alter,mask.Sg.) als substantiviertes Adjektiv zu alt. Als Oeda werden in Wien Väter, Ehemänner oder Freunde bezeichnet.

Im Standarddeutschen kann dieses Suffix nur zur Bildung von Substantiven verwendet werden, die semantisch Nomina agentes sind (Täter, Holzfäller, Staubsauger etc.). Eine Eigenart des Wienerischen ist es, dass es -a auch zur Bildung von Substantiven verwendet, die nicht AGENS sind, sondern einen Vorgang oder eine Handlung ausdrücken, vgl. Bumpara (das Klopfen), Scheppara (das Scheppern), Deita (das Deuten). Leider gibt es in dem von mir gewählten Text kein Beispiel dafür, außer eventuell Mura (Plunder), dessen Herkunft ich aber nicht eruieren konnte.

-a wird in bairischen Dialekten auch zur Substantivierung der Kardinalzahlen verwendet, so z.B. in Aansabosd (Einserpost, wichtige Mitteilung). Im Bairischen sind die substantivierten Kardinalzahlen also männlich.

-la (-ler)

Das Suffix -ler zur Wortbildung von Substantiven ist nach Rudolf Muhr7 im österreichischen Deutsch sehr häufig. In unserem Text ist Schmäädandla (Witzbold,Lügner) der einzige Beleg.

- (e)l

Belege für subst. Wortbildung mittels -l sind dagegen sehr häufig anzutreffen.

Bakl neutr.(Paket, der Packen)

Binkl neutr.(Bündel): von mhd.Pünkel (etwas Dickes)

Fuchdl fem.(Herrschaft): subst. Wortbildung zu fechten.

Lampän8,Pl.neutr.(Lämmer)

Rappe9 mask.(innerer Anstoß, auch Zorn) ist eine substantivische Wortbildung aus dem mhd. Verb rapen (klopfen).

Schaffän neutr.Pl. (Schaffe, Tröge),

Weisl mask.(das Hinausweisen, das Wegschicken)

Substantive wie die eben genannten werden in der Literatur oft unter die Diminutive gereiht, mit der Erwähnung, dass eigentlich keine verkleinernde oder intimitätsfördernde Bedeutung enthalten ist. Wenn das so ist, kann man sie meiner Meinung nach auch von den Diminutiven abgrenzen. Es gibt für die oben genannten Beispiele meines Wissens keine Form ohne -l im Wiener Dialekt. Andererseits gibt es auch im Standarddeutschen das Suffix -(e)l ohne diminutive Bedeutung, z.B. Bündel, Hebel usw.

Manfred Glauninger (2000)10 stellt fest, dass österreichische Probanden bei einem Bildertest spontan für 14% aller Darstellungen eine Bezeichnung wählen, die mit -l oder -erl endet (Sackerl, Hendl, Kastel etc.). Bei schriftlicher Abfrage sind es nur mehr 6%. Das zeigt, dass sich die Probanden der Dialekthaftigkeit dieser Wortbildung bewusst sind.

Für echte Diminuierung gibt es im Wiener Dialekt zwei mögliche Suffixe:

-(e)l (diminutiv)

Bü´l (Bildchen) existiert neben Büüd (Bild).

Buali (Bübchen)existiert neben Bua (Bub). Hier wird die Diminution noch mit -i verstärkt.

Grezzl (Bezirk, Stadtteil) von mhd.gereiz (Umkreis) existiert heute nur mehr in der diminutiven Form.

Bangl (Bänkchen) existiert neben Baung (Bank).

Kammal (Kämmerchen) als Diminutiv zu Kauma (Kammer).

-al (-erl) (diminutiv)

Diminutive dieses Typs werden auch als sekundäre Diminutive bezeichnet, weil hier der Wiener die Möglichkeit hat, bereits diminuierte Formen weiter zu verkleinern, z.B. Sokk (Sack)- Sakkl (Säckchen)- Sakkal (kleines Säckchen).

Bei Substantiven, die auf -l enden, wie z.B. Stall, ist -al die einzige Möglichkeit der Diminuierung,. In diesen Fällen handelt es sich also nicht um sekundäre Diminuierung.

Buzzal (Kleinkind): Die nicht-diminuierte Form Buzz existiert im Wienerischen nur in anderer Bedeutung, nämlich als Bezeichnung für das Kerngehäuse einer Frucht.

Dauwal (Täubchen) ist das Diminutiv zu Daum (Taube.)

Fezzal (kleines Stück Papier oder Stoff) existiert neben Fezzn (Fetzen).

Schdallal (Ställchen) existiert neben Schdoi (Stall).

Prinzipiell ist zu den Diminutiven festzustellen, dass die bairischen Dialekte nur Liquidsuffixe dafür verwenden, während gegen Norden des deutschen Sprachraums zunehmend gutturale Suffixe (-chen, -ken, -ke, oder palatalisiert jen, -je) benutzt werden.

2.2.2. Präfigierung

Bezüglich substantivischer Wortbildung mittels Präfixen lieferten unsere Textbeispiele Hinweise auf zwei Besonderheiten des Wienerischen:

- Die Beliebtheit und Produktivität des Präfixes Owa-(Ober-) mit der Bedeutungskomponente "besser/höher". Hier wird es einmal mit einer Fremdbasis (kapo) kombiniert, einmal mit einer deutschen Basis (Pfaffe) und einmal mit einer, die nur im Wienerischen existiert, nämlich gneissn11 (wissen, bzw. bemerken): Owakapo (Befehlshaber), Owapfoff (Hohepriester), Owagneissa (Gelehrter).

- Die relativ hohe Produktivität des Präfixes G- mit der Bedeutungskomponenete "kollektiv", z.B. in:

Gfries neutr.(Gesicht oder Mensch mit schlechtem Charakter12 ) als substantivische Wortbildung zu fressen.

Ghaam fem.( das Geheime): Es handelt sich um ein deadjektivisches Derivat, wobei das Adjektiv geheim im Wienerischen meiner Meinung nach nicht existiert.13

Gschdudiada (Gelehrter): deverbales Substantiv aus dem Partizip II von studieren. Interessant ist hier, dass das Präfix G- verwendet wird, das beim Partizip II studiert weder in der Standardsprache noch im Dialekt vorkommt: er hod schdudiad.14

Gschropp (Kind) aus Gschrapp (kleiner Brocken), substantivische Wortbildung aus schrappen (zerkleinern).

2.3. Reduplikation

Die Reduplikation als Sonderform der Wortbildung weist einen Beleg in unserem Text auf, nämlich:

Wiglwogl (Unentschlossenheit ) als Reduplikation von wackeln.

3. ADJEKTIVE UND ADVERBIEN

3.1. Komposition

Kompositionen von Adjektiven oder Adverbien sind äußerst selten. Eine Ausnahme bildet die Komposition der Richtungsadverbia, welche wiederum gern mit Verben kombiniert werden. Hier fällt im Wienerischen wie in allen bairischen Dialekten ein systematischer Unterschied zum Standarddeutschen auf.

Standarddeutsch hinaus/heraus wird im Bairischen als aussa/ausse realisiert. Im Text finden sich Beispiele in den Verben aussesäng/aussasäng (hinaussehen), aussamausan refl.(sich mausern, entwickeln), aussaschiam (hinausschieben), aussagräun (herauskriechen), aussagriagn (herausbekommen). Analog dazu werden hinauf/herauf im Bairischen zu auffe/auffa (kein Beleg in diesem Text). hinunter/herunter ist bair. owa/owe, z.B. in owehaun (hinunterwerfen, metaphorisch betrügen), owefoen (hinunterfallen), owasegln (hinuntersegeln). Weiters lautet hinein/herein bair. eine: einegräun (hineinkriechen), einelegn (hineinlegen) und einelaan (hineinleeren). hinüber/herüber wird als uma/ume realisiert und hinzu/herzu als zuwa/zuwe.

Eine Erklärung für diese Diskrepanzen liefert die Etymologie. Bei kompositionalen Adverbien dieses Typs folgen die bairischen Mundarten dem Mittelhochdeutschen, wo sie in umgekehrter Reihenfolge zusammengesetzt werden. hinauf entspricht also einem aufhin, das im Lauf der Zeit zu auffi, bzw. auffe wurde. Analog dazu die anderen Formen:15

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Wienerischen fehlen die Formen auffi, aussi, eini und zuwi. Stattdessen finden wir aussa/ausse, auffa/auffe, eina/eine und zuwa/zuwe als jeweils freie kombinatorische Varianten, vgl. aussesäng/ aussasäng (hinaussehen/heraussehen). Es wird also bei den Richtungsadverbien nicht mehr zwischen her- und hin- unterschieden.

Die Formen uma/ume ersetzen heute zum Teil die Adverbien hinüber und herüber. Im Wienerischen wird Gib mir das herüber mit Gimma des ume ausgedrückt, während über als einfaches Adverb als iwa existiert.

3.2. Derivation:

3.2.1. Suffigierung

Adjektive werden analog dem Standarddeutschen mit den Suffixen -ig, -isch, -mäßig gebildet oder aus Partizipien abgeleitet. Zusätzlich gibt es aber im Wienerischen die Möglichkeit, Adjektive mit -ad (-ert) zu bilden.

-ich (-ig):

entrisch (unheimlich, gruselig) von enta (jenseitig).

noblich (nobel): Das Wienerische präferiert hier das Suffix -ig, das phonologisch zu -ich verändert wird wie auch in zuaschdendich (zuständig), ledich (ledig), häulich (heilig).

-isch (-isch):

tschuuschisch (ausländisch) aus dem dialektalen Substantiv Tschuusch (Ausländer).

-messig (-mäßig):

heagodmessig (nach Art Gottes): Hier handelt es sich wahrscheinlich um einen Okkasionalismus Teuschls. Allerdings ist das Suffix -messig (-mäßig) im Wienerischen durchaus üblich.

Partizip II:

fahawad (befreundet) ist ein Derivat des wienerischen Wortes Hawara (Freund), das lt. Hornung erst seit Wolfgang Teuschl so richtig Verbreitung gefunden hat.16

frischgflakd (neu ernannt, seit kurzem in dieser Funktion) ist eine Wortbildung aus einem Partizip II. Das Verb existiert nur (mehr) in dieser adjektivischen Form.

-ad (-ert)

Adjektivische Wortbildung mit diesem Suffix ist ein typische Erscheinung der bairischen Dialekte. z.B. hoibad (halb), deppad (dumm, desubstantivische Wortbildung zu Depp), schuslad (schusselig). Leider gibt es in meinem Text keinen Beleg dafür.

3.2.2.Präfigierung

Präfixe vor Adjektiven sind selten. Ein Präfix ist aber im Wienerischen sehr beliebt, nämlich bum-. Ursprünglich ein Schallwort für dumpfe Laute oder Schläge, hat es als Präfix augmentative Bedeutung, z.B. in

bumfoe (sehr voll), bumfest (sehr fest), bumzua (volltrunken) etc:

3.3. Reduplikation :

Diese Sonderform der Wortbildung findet sich auch bei Adverbien, z.B.:

rundumadum (rundherum) setzt sich zusammen aus rund+ umher+ Hiattilger d+ Reduplikation um.

Bei dem Adverb doda (da) handelt es sich eher nicht um eine Reduplikation von da, sondern um eine Suffigierung mit -er, für die ich keine Gründe angeben kann.

FUNKTION DER WORTBILDUNG IM WIENER DIALEKT

1. KONKRETISIERUNG

Der Dialekt vermeidet Abstraktionen. Dies zeigt sich in der Wortwahl, in der Syntax und auch in der Wortbildung. Abstrakte Ausdrücke wie Geburt, Besuch, Flucht, Mord etc. werden in Verbalphrasen aufgelöst und konkretisiert, z.B.:

Besuch: daheagräun ("herkriechen")

Flucht: ooreissn ("abreißen")

Geburt: ausschidn ("ausschütten")

Mord: haamdraan ("heimdrehen")

Suche: oogrosn ("abgrasen")

Versuchung: eikochn ("einkochen"), darennan ("errennen")

Teilweise werden abstrakte Substantive mit ganzen Sätzen umschrieben. Beispiele dazu liefern Teuschls Übertragungen der biblischen Kapitelüberschriften, z.B.: Wia r a nu gaunz jung woa (Jesu Kindheit und Jugend)

Es werden aber auch Konkreta des Standarddeutschen im Dialekt weiter konkretisiert, sodass die Bedeutung klarer wird, z.B.:

Krippe: Fuadadrog (Futtertrog)

Hirte: Schofhoeda (Schafhalter)

Die Komposita, die Teuschl hier wählt, geben den semantischen Inhalt dieser Dinge konkreter wieder. Hier spielt sicher auch Publikumsorientiertheit eine Rolle (s.u.).

2. PUBLIKUMSORIENTIERTHEIT

Viele Ausdrücke der Bibel sind heute nicht mehr leicht verständlich. Teuschls Text ist an ein sehr spezielles Publikum gerichtet, an die Wiener des ausgehenden 20.Jahrhunderts. Im Speziellen will er auch untere Schichten erreichen. Das beeinflusst seine Wortwahl und natürlich auch die Wortbildung. Er ersetzt nicht mehr zeitgemäße Ausdrücke durch verständliche, z.B.:

Statthalter: Owakapo ("Oberhaupt")

Hohepriester: Owapfoff ("Oberpfaffe")

Heilsbotschaft: Aansabosd ("Einserpost")

huldigen: woefoatn ("wallfahrten")

Wiener sind Städter. Die Wörter Krippe, bzw. Hirte gibt es im Wienerischen meines Wissens nicht.Teuschl ersetzt diese Begriffe daher durch Fuadadroog und Schofhoeda. Das Wort Wüste ist zwar sicherlich jedem Wiener ein Begriff, doch auch hier wählt Teuschl einen gängigeren Begriff: Aaschichd ("Einschicht").

3. BILDHAFTIGKEIT

Viele Wortbildungen in unserem Text dienen dazu, bestimmte Dinge oder Vorgänge bildhaft zu machen. Besonders die Verben der Bewegung sind oft metaphorisch zu verstehen, z.B.:

herabschweben: owasegln ("herabsegeln")

ankommen: audaunzn ("antanzen"), eireidn ("einreiten")

stehenbleiben: eibremsn refl. ("sich einbremsen")

u.v.a.

ZUSAMMENFASSUNG

Die Wortbildung des Wiener Dialekts ist weniger vielfältig und produktiv als die der deutschen Standardsprache. Dennoch sind auch in einem relativ kleinen Korpus wie unserem Besonderheiten festzustellen.

Bei der Derivation der Verben ist es die Beliebtheit des Suffixes -ln, der Ersatz des Präfixes er- durch da-, sowie das Verhältnis zwischen untrennbaren und trennbaren Suffixen, das im Gegensatz zum Standarddeutschen eindeutig zugunsten der trennbaren Präfixe (Partikel) ausfällt. Das standarddeutsche Suffix -er zur Bildung von Nomina agentes wird im Wienerischen als -a auch zur Bildung von Substantiven verwendet, die semantisch nicht Agens sind.

Bei der Derivation von Substantiven bestehen im Wienerischen Präferenzen für die Suffixe -la ( -ler) und -l , sowie für das Kollektivpräfix G(e)-. Diminutive werden ausschließlich mit den Suffixen -l und -al (-erl) gebildet.

Adjektivbildungen entsprechen dem Standarddeutschen mit Ausnahme des Suffixes -ad, das nur im Dialekt existiert.

Die Komposition von Richtungsadverbien zeigt in bairischen Dialekten eine Umkehrung der Reihenfolge, die aus dem Mittelhochdeutschen stammt.

Die spezifischen Funktionen der Wortbildung in unserem Text sind analog den Funktionen von Lexik und Syntax, nämlich: Konkretisierung von Abstrakta, Anpassung an ein spezielles Publikum und bildhafte Ausdrucksweise.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Teuschl, Wolfgang (1981 5): Da Jesus & seine Hawara. Das Neue Testament im Wiener Dialekt. Purkersdorf/Wien. Kap. I

Sekundärliteratur:

Berend, N.G.(1982): Besonderheiten der verbalen Wortbildung in der norbbairischen Mundart des Altai. In: Ludwig Eichinger (Hg.): Tendenzen verbaler Wortbildung in der deutschen Gegenwartssprache. Hamburg: Buske (Bayreuther Beiträge zur Sprachwissenschaft 4)

Glauninger, Manfred Michael (2000): Untersuchungen zur Lexik des Deutschen in Österreich. Wien: Lang (Schriften zur deutschen Sprache in Österreich 28)

Hornung, Maria (1980): Der Wortschatz Wiens, seine Vielschichtigkeit, seine Grenzen. In: Peter Wiesinger (Hg.): Sprache und Name in Österreich. Braumüller: Wien (Schriften zur deutschen Sprache in Österreich 6) S.185-196

Hornung, Maria (1998). Wörterbuch der Wiener Mundart. Wien

Muhr, Rudolf (2000): Österreichisches Sprachdiplom Deutsch. Wien:öbv und hpt

[...]


1 Zu den Besonderheiten der Richtungsadverbien in bairischen Dialekten s.u. Kap.3.1.

2 vgl. Hornung (1980) S.187

3 rotwelsch = Sprache mittelalterlicher Vagabunden = deutsch, durchsetzt mit Jiddisch und Zigeunersprache

4 Im Rahmen dieser Arbeit wird nicht auf phonologische Abweichungen eingegangen. Wiener. ooentspricht dt. ab- , iwa- = über, etc.

5 vgl. Hornung (1980) S.191

6 Anmerkung: Verbale Wortbildung mit trennbaren Präfixen (Partikeln) wird von einigen Autoren nicht als Derivation, sondern als Komposition betrachtet.

7 Rudolf Muhr (2000): Österreichisches Sprachdiplom Deutsch. S.61-64

8 das im Wort enthaltene -p- entspricht wahrscheinlich einem alten noch nicht assimilerten - b- (auslautverhärtet?)

9 -l hier vokalisiert

10 Manfred Glauninger (2000).S.223-225

11 vgl. mhd. gnoissen

12 vgl. umgangssprachlich-dt. Fresse

13 Maria Hornung ist hier anderer Meinung. Vgl. dazu den Eintrag in ihrem Wörterbuch der Wiener Mundart (1998)

14 Lt. Maria Hornung heißt es aber im Zustandspassiv doch: er is gschdudiad, was ich als native speaker aber nicht bestätigen kann. Vgl. dazu Hornung (1998): Wörterbuch der Wiener Mundart

15 s. N.G. Berend (1982) S.178

16 Maria Hornung (1980). S.191

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Wortbildung im Wiener Dialekt
Hochschule
Universität Wien
Veranstaltung
Proseminar
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
11
Katalognummer
V104557
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wortbildung, Wiener, Dialekt, Proseminar
Arbeit zitieren
Christine Lindengrün (Autor), 2001, Wortbildung im Wiener Dialekt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104557

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