Bilder des Islam und Islamismus in deutschen Zeitschriften Mitte der 1990iger Jahre


Seminararbeit, 1997

13 Seiten


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Gliederung

I Vorbemerkung zum Material und zur Methodik

II Auswertung der Artikel zum Fundamentalismusbegriff im allgemeinen

III Auswertung der Artikel zum Islamischen Fundamentalismus

IV Schlußbermerkung und Nachwort

I Vorbemerkung zum Material und zur Methodik

In dieser kleinen Arbeit untersuchen wir Texte zum Schlagwort „Fundamentalismus“, die in namhaften, deutschsprachigen Zeitschriften im Zeitraum zwischen Nov.’92 und Mai ‘96 erschienen sind ( siehe Quellen am Ende der Arbeit ). Ca. 55% der unter diesem Schlagwort gefaßten Texte thematisieren Zustände islamischer Länder, liefern Beiträge zur Entwicklungsgeschichte islamistischer Parteien, zur Kulturgeschichte des Islam oder befassen sich in anderer Form mit der islamischen Welt und setzen sich, eben unter dem Gesichtspunkt des „ Fundamentalismus“ mit ihr auseinander.

Des weiteren läßt sich eine Gruppe von Texten bilden, die sich um ein Verständnis des Begriffs „Fundamentalismus“ in einem weiten und übergreifenden Sinne bemühen. Diese Texte machen ungefähr 25% des Gesamtkorpus`, der dieser Untersuchung zu Grunde liegt, aus und werden in dieser Untersuchung mit einbezogen.

So bleibt letztlich eine dritte Gruppe von Texten (ca.20%), deren Gemeinsamkeit darin besteht, daß sie alle eine spezielle fundamentalistische Gruppierung, jedoch nicht islamistischer Art, zum Gegenstand ihrer Untersuchung haben. Diese richteten ihr Augenmerk auf folgende Gruppierungen mit fundamentalistischen Strebungen:

- Entwicklung des Christentums in afrikanischen Ländern
- Protestantischer Fundamentalismus in den USA
- Katholiken in Polen
- Innergesellschaftliche Fundamentalismusstrebungen
- Fundamentalistische Identitätskonstruktion im zeitgenössischen Indien
- Zur Situation der israelischen Rechten
- Das Israel-Engagement christlicher Fundamentalisten
- Feminismus und Spießigkeit - Fundamentalistische Tendenzen in der Frauenbewegung
- ETA / Baskenland, IRA / Nordirland

Aus dieser prozentualen Verteilung läßt sich schon im Vorfeld ersehen, wie eng der Begriff „Fundamentalismus“ in Deutschland an den des „Islam“ geknüpft wird, und wie dadurch beide Begriffe eine neue Bedeutungsebene zu bekommen scheinen, wie eine korrelative Beziehung in den Köpfen der „Westler“ zu entstehen droht, welche ursprünglich nicht gegeben war.

Da unser Seminar „Islam und Erziehung“ um ein Verständnis der islamisch geprägten Kultur bemüht war, sollen die Texte der dritten Gruppe keine Berücksichtigung in dieser Arbeit finden. Dennoch sollten sie erwähnt sein, um die Bandbreite der Veröffentlichungen, die unter dieses Schlagwort fallen, realistisch dargestellt wird und damit auf eine mögliche Assoziationsbreite, die eine Leserschaft mit dem Fundamentalismusbegriff verbindet, geschlossen werden kann.

Vorweg noch ein Wort zur Intension dieser Arbeit und der Vorgehensweise:

Diese Arbeit stellt keinen Anspruch auf erschöpfende Behandlung dieses (durch die Vielzahl der Buch- und Pressepublikationen in den letzten Jahren) aktuellen sowie weitläufigen Themas. Was lediglich beabsichtigt ist, ist die Antwort auf einige Fragen, die wir an die, im genannten Zeitraum veröffentlichten Texte richten und die zur Beurteilung der einzelnen eine Art Leitfaden bilden sollen, der diese unterschiedenen Gesichtspunkte betrachtet. Wie durch die Willkürlichkeit der Festsetzung des Zeitraumes der hier betrachteten Texte schon deutlich wird, sollen lediglich Tendenzen eines Islamverständnisses und die eines Fundamentalismusbegriffes dargestellt werden, wie sie sich in Deutschland abzeichnen.

II Auswertung der Artikel zum Fundamentalismusbegriff im allgemeinen

Um uns dem eigentlichen Thema, dem speziell islamischen Fundamentalismus, zu nähern, halten wir es für angebracht, dies über eine Brücke hinweg zu tun, und zunächst zu fragen, was die hier in Betracht kommenden Texte über das Thema Fundamentalismus im allgemeinen zu sagen haben. Diesem Begriff „Fundamentalismus“ in einem möglichst allgemeinen Sinne auf die Spur zu kommen und zu fassen, versuchen folgende Texte:

Als erstes sei hier Kurt Kochs Artikel „Fundamentalismus“ angeführt, der die Bedeutung des Begriffes zu fassen versucht, indem er ihn als ein Angstsyndrom begreift, das sich durch fünf signifikante Kennzeichen charakterisieren läßt:

1) Unnachgibigkeit in betreff auf seine Glaubensgrundsätze; 2) Reduktionismus, der aufgrund der bornierten Suche nach der Selbst- und Glaubenssicherheit zur Verengung des Blickwinkels führt; 3) Autoritarismus, der schnell zum Personenkult wird ; 4) der manichäische Dualismus, nach dem schwarz - weiß und dem nicht Freund - dann Feind Prinzip; 5) weitgehende Diskursunfähigkeit, die zumeist mit Irrationalismus einhergeht. All diese Kennzeichen weisen, so Koch, alle pathologische Zustände von Ideologie und Wahn auf. Deshalb erweise sich der Fundamentalismus als ein „elementarer Angstbefreiungsversuch“ . Was diese Angst erzeugt, seien, vereinfacht gesagt, Zustände, welche die Moderne und ihre Grundwerte mit sich bringen: Pluralismus, Relativismus, Säkularisierung, Zustände und Haltungen, die dem Sicherheitsbedürfnis des Menschen entgegengesetzt zu sein scheinen. Im Umgang mit Fundamentalisten sei in jedem Fall Senibilität gefragt, da Fundamentalisten durch ihre tiefsitzende Angst vor Unsicherheiten die Andersgesinnten als eine Bedrohung ihrer Lebenshaltung und Denkweise empfinden. In diesem Sinne versteht Koch den Fundamentalismus als ein „reaktives Phänomen“, als ein modus vivendi, der von Verhältnissen provoziert wurde und deshalb ernst zu nehmen sei. Der Wert dieses Aufsatzes von Kurt Koch liegt vor allem darin, daß er um Einsicht in psychologische Gründe der Entstehung einer fundamentalistischen Haltung bemüht ist und somit einen Beitrag liefert, der vor vorschnellen und pauschalen Verurteilungen bewahrt, die der Masse von Menschen immer leicht zur Hand sind.

Auch Martin E. Marty widmet seine Aufmerksamkeit dem Fundamentalismus und insbesondere dem religiösen Fundamentalismus; wobei er explizit einräumt, daß es ebenso nicht- religiös inspirierte, fundamentalistische Bewegungen gibt, denen es beispielsweise um politische, marxistische, feministische oder ökologische Ideologien geht und die sich durch „fast schon religiösen Fanatismus und einem Widerstand gegen jegliche grundsätzliche Infragestellung und Kritik“ (S.42) auszeichnen. Marty weist in seinem Beitrag „Fundamentalismus heute“ auf verschiedene Eigenschaften und Ausprägungsarten des Fundamentalismus hin:

- Er bedroht den Weltfrieden, wenn man diesen aus Bestandteilen zusammengesetzt begreift, welche die friedlichen oder kriegerischen Situationen aller Regionen der Erde repräsentieren.
- Er ist eine „dynamische, einfallsreiche, innovative stets anpassungsfähige und manchmal sogar vorgreifende Bewegung“ (S.45).
- Er ist kein Schreckgespenst, das weit entfernt von uns irgendwo tobt; sondern Fundamentalisten leben unter uns, sind „brave, gesetzestreue Bürger...“ (S.45).

Den Hauptteil dieses Textes macht den Hinweis und die Verdeutlichung der Spannungslagen und Konflikte aus, die durch verschiedene fundamentalistische Gruppierungen bedingt und über unseren gesamten Erdball verteilt sind. Hierdurch führt er die Vielgestaltigkeit aktueller fundamentalistischer Strebungen vor Augen.

Auch Andreas Schwoick konstatiert dieses Phänomen, daß die Ausbreitung des Fundamentalismus keineswegs mehr nur innerhalb des radikalen politischen Islam zu beobachten sei, sondern sich mittlerweile in fast allen Kulturen breitmache. wie dieser Begriff jedoch genau zu bestimmen ist, welche Charakteristiken dem Fundamentalismus als wesentlich zugeschrieben werden müssen und ob er beispielsweise bereits bei der Beschreibung radikaler Diskussionsunfähigkeit anzusetzen ist, bleibt zunächst ungeklärt. Es werden im weiteren konkrete Beispiele eindeutig fundamentalistischer Strebungen innerhalb moderner Kulturen gegeben, welche Tatsache er auf „Defizite der Moderne“ zurückführt. Wie K. Koch und eine Vielzahl anderer Publizisten ist also auch Schwoick der Meinung, daß Fundamentalismus als Reaktion der Moderne mit ihren Anforderungen zu begreifen ist. Er sei „Versuch, das Unübersichtliche wieder übersichtlich, das Relative wieder definitiv zu machen.“ Doch ist aufgrund dieser Tendenzen die Moderne keineswegs pauschal und als Ganzes zu verurteilen oder gar zu verwerfen. Die Politik wird gefordert auf soziale und gesellschaftliche Zumutungen zu reagieren und diese suksessiv abzubauen. Dieser Text von Schwoik ist ein Beitrag einer Textsammlung, bzw. Aufsatzreihe, die mit „Fundamentalismus“ überschrieben ist und im Mai 1996 in den Frankfurter Heften erschienen ist.

Als der erste, diese Textsammlung eröffnende Text, steht „Westlicher Universalismus“ von J. Becker und W. Vostkamp. Dieser Text distanziert sich von der oft vorschnell als selbstverständlich angesehenen Vorstellung, den westlichen Demokratien lägen, im Gegensatz zu anderen politischen Ordnungen, universale Normen (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) zugrunde. Die „universalen Normen“ stoßen, wie die jüngste Geschichte nach Beendigung des Ost-West Konfliktes zeigt, sehr schnell auf ihre Grenzen. Schnell wird ersichtlich, daß die umstandslose Expansion des westlichen Gesellschaftsmodells nicht möglich ist. So wird ersichtlich, daß die „normative Position kultureller Toleranz, die der westliche Universalismus einfordert, ... auch ... erst allmählich entstanden ist ...“ und an kulturelle und ökonomisch-politische Vorbedingungen gebunden ist. Becker und Vostkamp ziehen aus dieser Einsicht die richtige Konsequenz und warnen davor, universalistische Werte mit dem speziellen „Projekt moderner industrieller Gesellschaften“ gleichzusetzen. Denn dann würde die Integrationsfähigkeit anderer von besonderen, kulturspezifischen und somit partikularen Normen abhängig gemacht und der Anspruch auf Universalismus wäre unberechtigt.

Diese Überlegungen sind von großer Bedeutung, da sie die bestimmte Ausprägung einer Grundidee, in welche immer besonders geartete Eigenheiten mit einfließen, von eben der „einen“ Grundidee unterscheiden. Dieser Gedanke wird später bei der Frage nach der Vereinbarkeit islamischer und westlicher Gesellschaftsideologien und der möglichen Annäherung beider noch einmal aufgegriffen.

Klaus Mertes erblickt in seinem Essay „ Fundamentalismus und Religion“ im Gegensatz zu Marty einen engen Zusammenhang zwischen beiden, der so weit geht, daß er sagt: „ Das Problem des Fundamentalismus hat einen religiösen Kern .“ Mertes erblickt im Fundamentalismus eine Reaktion auf die Moderne, bzw. die Postmoderne, die dem Menschen wesentliche Erfahrungsbedürfnisse raubt, und zwar indem sich gesellschaftliche Bedingungen konstituieren, die tief verwurzelte gesellschaftsformende und -prägende Symbole und damit auch Inhalte, deren Träger sie sind, aus den Angeln hebt. Hierdurch, so Mertens , stehen sich zwei Möglichkeiten der Lebensführung gegenüber , die sich nicht miteinander vereinbaren lassen . Das Problem wird letzlich durch eine individuelle Perspektive sichtbar. Es besteht in der Schwierigkeit des Einzelnen eine Position zu finden zwischen „ polyfundamentalistischer“ Beliebigkeit und fundamentalistischer Klarheit, „wie man dann als religiöser Mensch den Pluralismus bejahen kann, ohne die Verbindlichkeit des eigenen Glaubensverständnisses opfern oder privatisieren zu müssen“ (S.62). Diese tiefe Kluft zwischen modernen Gesellschaftsmodellen , in denen der Mensch sich - durch den Gebrauch seiner Vernunft mündig geworden -der Instrumente seiner Selbstbestimmung und dessen Gebrauch bewußt wird, einerseits und dem Fahrenlassen einer absoluten Ordnung der Geborgenheit und unumstößlichen Wahrhaftigkeit andererseits, ist vielleicht der an erster Stelle stehende Erklärungsversuch zur Begründung fundamentalistischer Strebungen und deren Erscheinen in allen Teilen unserer Erde, die von diesem Prozeß der Veränderung und Aufhebung aller Vorstellungen betroffen sind - was letzlich nur die verschwindend geringe Anzahl von Naturvölkern ausschließt, die, unbeeinflußt vom neuzeitlichen Wandel, ihr, in unseren Augen archaisches Leben führen, wie bereits schon vor hunderten von Jahren. Man kann sogar, wie wir meinen , von dem Ausmaß fundamentalistischer Strebungen, und wie sich dieses Ausmaß in bestimmten Ländern oder Regionen der Erde darstellt, ausgehend, auf das Glücken oder Mißglücken dieses großen Wandlungsprozesses Rückschlüsse ziehen.

III Auswertung der Artikel zum islamischen Fundamentalismus

Und damit sind wir auch schon beim Thema ‘islamischer Fundamentalisms’ und einem Erklärungsversuch seiner rapiden Verbreitung durch gesellschaftlich ungefertigte Bedingungen, die wider und vor allem aus sozialwirtschaftlichen Entwicklungshemmungen, Fehlentwicklungen oder falsch ausgelegten Entwicklungsstrategien resultierend erklärt werden. Dies wird als sichere These auch von allen Autoren der Texte unseres Textspektrums anerkannt und oft expliziet geäußert: In vielen Ländern mit stark anwachsenden islamisch-fundamentalistischen Tendenzen ist ein oft katastrophaler sozialer Notstand zu verzeichnen . Diesen Zusammenhang versucht vor allem der Text „Rückwärts in die Zukunft“ von L. Boukra am Beispiel der Situation algerischer Jugendlicher deutlich zu machen, von denen nur jeder fünfte Schul- oder Hochschulabgänger eine Arbeit findet. Andere islamische Länder dagegen, wie die Arabischen Emirate, gehören zu den reichsten Ländern der Welt. Unmittelbar hiermit zusammenhängend ist ein gewaltiger demographischer Anstieg in allen islamischen Ländern von Nordafrika über den nahen Osten hin bis in die Länder des fernen Orients und Indonesien. Denn den wohl größten Teil fundamentalistisch Gesonnener und Anhänger islamistischer Bewegungen kommen aus den sozial niedrigsten Schichten des Volkes . Es gibt bestimmt nicht wenige Journalisten, die den scheinbar irrationalen Aktionismus islamischer Fanatiker als Ausgeburt der in Verzweiflung geratener Jugendlichen ohne Zukunftsperspektive und wertvolle Lebensinhalte, sehen. Jedoch sei hier am Rande mit erwähnt, daß ein beträchtlicher Teil derer, die sich zu islamistischen Gruppierungen bekennen oder sich als Islamisten bezeichnen, Intellektuelle im westlichen Sinne sind oder auch gesellschaftlich angesehene Positionen begleiten.

Zu diesen beiden Faktoren, die Gründe für die anwachsenden Zahl fundamentalistischer Gruppierungen zu finden und zu erklären suchen und eine als Bestandsaufnahme eines augenblicklichen Zustandes anzusehen sind, reihen sich eine Anzahl anderer, die diese Situation aus einer Betrachtung des gesellschaftsgeschichtlichen Verlaufs einer Bevölkerungsgruppe heraus ersichtlich zu machen bestrebt sind. Dieser geschichtliche Wandel der islamischer Welt, welcher sich zuerst ab 1859 unter dem Einfluß des westlichen Nationalismus vollzog, stellt Arnold Holtinger in seinem Text „Vom Nationalismus und Islamismus „ auf vorzüglich klare Weise dar. Diese nationalistische Ideologie und deren Verheißungen waren jedoch, so Holtinger , spätestens ab 1967 (Sechs-Tage-Krieg) unglaubwürdig geworden und es kam zu einem ideologischen Wandel. 1979 manifestierte sich diese neuartige Gesinnung als so mächtig, daß es Chomeni im Iran gelang, die erste erfolgreiche islamische Revolution der Neuzeit zu inszenieren, was den radikalen Moslems in aller Welt Auftrieb gab. Man kann - und dies wird auch von beinahe allen Autoren getan - diese Hinwendung zum Islamismus, also eine Rückbesinnung auf die jeweiligen Werte der eigenen, angestammten Kultur, als eine Abgrenzung ansehen, die im Sinne einer Identitätssuche und einer kulturellen Selbstbehauptung zu verstehen ist und sich vor Einflüssen der, wie die Geschichte zu zeigen scheint, unglückseligen westlichen Welt verwahrt.

Es wird in verschiedenen Texten, unter anderem in dem sehr differenzierten und von Einsicht zeugenden Text „ Der unbekannte Islam“ von Angelika Hartmann, ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Islamisten nicht in der Naturwissenschaft, in der Industrialisierung, der Technik oder der Technologie als solcher eine Gefahr sehen, sondern in den damit verbundenen islamfremden Werten. Wie wir jedoch bereits bei Mertes erfahren haben, ist diese scheinbare Unvereinbarkeit keine speziell den Islam betreffende, sondern läßt sich vielmehr in den unterschiedlichen Weltauffassungen und Definitionen des Weltverständnisses begreifen, die sich antagonistisch in den umfassenderen Begriffen und den damit verbundenen Ansprüchen der Relativität / Absolutheit, des Pluralismus / Laizität, Säkularismus / ganzheitlich-wahrhaftige Weltsicht und Individualismus / Kollektivismus gegenüberstehen.

Wie diese entgegengesetzten Weltverständnisse, die sich in Form islamistischer Ideologie und westlicher Gesellschaftsformen darstellen, zu vereinbaren sind, welche positiven Schritte auf dem Weg zu einer zumindest von Toleranz geprägten Synthese zu tun sind,- darüber macht sich auch der in diesem Themenfeld wohl bekannteste Publizist, Bassam Tibi Gedanken. In mehreren Aufsätzen, Artikeln und Interviews ist es ihm ein wichtigstes Anliegen zunächst die zugrundeliegenden Probleme zu umreißen, ein Veständnis der Konfliktlagen, sowohl für die innerislamische Welt, als auch für deren gesamtheitliche Konfrontation mit der westlichen Welt zu schaffen und nicht zuletzt auch mögliche Wege einer Annäherung der jeweiligen Parteien aufzuzeigen und ratsame Vorgehensweisen für eine friedvolle Kommunikation vorzuschlagen. In seinem Artikel „Militarismus und Fundamentalismus im Sudan“ zeichnet er die fatale und absurde jüngere Geschichte und die augenblickliche Situation dieses Vielvölkerstaates und vermittelt damit zugleich eine Ahnung der Vielschichtigkeit und Komplexität der islamischen Welt. In dem Interview „Offen sein für den Dialog“, in seinen Artikeln „Islamisten auf dem Vormarsch“, „Die Zerstörung des Religionsfriedens“ und „Bedroht uns der Islam?“ versucht er in der Hauptsache folgende Punkte zu klären: Was wollen die Fundamentalisten? Welche Gefahren bringen die in Europa lebenden muslimischen Einwanderer mit sich? Stellen sie eine zumindest latente Bedrohung dar? Wie muß eine vor Unglück und Gewalt bewahrende Integrationspolitik aussehen, welchen Richtlinien muß sie folgen und was beachten? Er weist auf die große Verantwortung der Politiker hin und ebenso auf den allgemein vorbildhaften Wert einer glückenden Eingliederung und Integration von Ausländern islamischer, bzw. muslimischer Herkunft in die westlichen Industrienationen. In diesen Zusammenhang sei auch der interessante Beitrag von Johannes Röhring „Der fremde Spiegel“ erwähnt, in dem er fünf SchriftstellerInnen islamischer Herkunft vorstellt, die, in England, Frankreich und Deutschland lebend, sich einen Namen gemacht haben aufgrund ihrer Thematisierung und Schilderung der Probleme, mit denen Immigranten im jeweiligen Gastland konfrontiert werden. In diesen autobiographisch geprägten Schriften wird in unterschiedlichster Weise die Schwierigkeit einer Identitätsfindung beschrieben, da die betreffenden Personen zwischen zwei geistigen Welten mit heterogenen Weltanschauungen und Ansprüchen stehen, die einen Konflikt provozieren, den es auszutragen und zu einer Lösung zu bringen gilt.

1994 nimmt Bessam Tibi Stellung zur Balkankriegs-Politik der UNO und kritisierte deren Zurückhaltung in aller Schärfe und in allen Einzelheiten. Insbesondere sieht er eine Gefahr dahingehend , daß durch die politische Haltung der UNO das westliche Feindbild in islamischen Ländern bestätigt wird, da das so sehr auf Menschenrechte bedachte Europa tatenlos zusieht, wenn die „ethno-fundamentalistischen“ Serben die deutlich unterlegenen muslimischen Bosnier abschlachten, zudem noch ein internationales Waffenembargo gegen Bosnien-Herzigowina verhängen. Als Zynismus bezeichnet diesen Schritt auch Guntram von Schenck ( „Die Angst des Westens vor dem Islam“), da man den Muslimen somit sogar eine Art Notwehrrecht verweigere. „In der islamischen Welt wird der Mord an Muslimen auf dem Balkan als ein christlicher Kreuzzug gedeutet, ...“ („Die Zerstörung ...“,S. 205). Hier bringt Tibi die Unbeholfenheit der Europäischen Politik hinsichtlich der Balkankrise ans Tageslicht. Darüber hinaus wird von vielen Autoren beobachtet und herausgestellt, daß sich die gesamten, technisch-wissenschaftlich so fortschrittlichen westlichen Industriestaaten, die gewohnt sind, aufgrund ihres know-how , alles regeln und kontrollieren zu können, nun, im Hinblick auf die Entwicklungen innerhalb der islamischen Welt, mit einer Dynamik konfrontiert sind, der sie mehr oder weniger ohnmächtig gegenüberstehen.

Ihre Gesetze, nach denen sie in ihrem Interesse zu regulieren gewohnt waren, scheinen in der Auseinandersetzung mit Islamisten auf keine Resonanz zu stoßen. Doch sei hier, was oft vergessen wird, gleich hinzugefügt, daß die weitgehende Diskursunfähigkeit kein speziell islamistisches, sondern, wie zu Beginn herausgestellt, ein typisches Kennzeichen oder Charakteristikum aller fundamentalistischer Strömungen ist.

Andere Texte („Machtvolle Basis“ von Anette Reuß, „Fundamentalismus in Algerien“ von Julius Richter u.a.) versuchen, auf mehr oder weniger ausführliche Weise, die Ziele islamischer Fundamentalisten zu verdeutlichen. Doch eine analytische Aufschlüsselung der Plausibilität dieser Ziele, eine genauere Untersuchung der Standhafthaftigkeit der Grundlagen oder Möglichkeit ihrer Umsetzungen und deren Konsequenzen, liefern die wenigsten Texte. Dies tut Angelika Hartmann in ihrer schon erwähnten Abhandlung, in dem sie zunächst naiv fragt: „Wer sind die Islamisten?“ (S.23). Sie kommt zu dem Ergebnis, daß die Islamisten die in der Geschichte des Islam von Anfang an präsente Säkularisierung nicht sehen (wollen) und sich wirklichkeitsfern auf eine Norm berufen und diese anstreben, wie sie so noch niemals geschichtliche Realität war. Auch Aziz Al-Azmeh spricht, wie der Titel schon erwarten läßt, von „Imaginäre(n) Welten des Islam“. Er klärt das Mißverständnis auf, welchem Islamisten unterliegen, wenn sie die Wiedereinführung der Scharra fordern, und sie als ein Gesetzbuch verstanden wissen wollen, was sie historisch nie gewesen ist. Scharra war immer nur ein Ensemble von Grundsätzen und Auskünften darüber, was rechtmäßig ist. Die Fundamente des Gesellschaftsbildes und des politischen Handelns, wie es die Islamisten fordern, resultiert aus einer ahistorischen Gegebenheit. Diese Herstellung der alten göttlichen oder religiösen Ordnung, welche die Islamisten vorgeben anzustreben, erweist sich bei genauerer Betrachtung somit als keineswegs traditionell. Vielmehr äußern einige Autoren ihre Überzeugung dahingehend, daß sie im Aufkommen islamistischer Bewegungen eine neue Form des politischen, religiös verkleideten Totalitarismus erblicken. Eine annähernd gleiche Position vertritt auch J. Rovan, der des öfteren Parallelen zum Nationalsozialismus Hitlers zieht und damit bestimmte Strukturen in der islamistischen Bewegung mit denen des 3. Reiches vergleicht. Und obgleich in vielen Texten darauf hingewiesen wird, daß es den Islam nicht gibt, da seine verschiedenen Ausprägungen, seine krassen ethnischen, sprachlichen und kulturellen Unterschiede und die daraus resultierende Vielfalt dem entgegenstehen, gibt es doch grundlegende Gemeinsamkeiten bei allen politisch- radikalen Fundamentalisten, bzw. Integristen, wie sie von der Mehrzahl aller Publizisten genannt werden. Denn auch wenn diese viele politische Varianten und Abstufungen ihrer Forderungen hinsichtlich der Radikalität des programmatischen Inhaltes aufweisen, gibt es einen gemeinsamen Kanon an unverzichtbaren Grundwerten und Grundzielen :

- Eine Gesellschafts- und Rechtsordnung, wenn sie sich auch nicht vollständig der Scharra unterwirft, soll ihre Rechtsordnung doch nach ihr hin ausrichten. Diese Ordnung umfaßt alle Bereiche des Lebens. Eine Abgrenzung zwischen „privat“ und „öffentlich“ kennt sie nicht.
- Integristen sind in ihrer Wertausrichtung antwestlich (kein geographischer, sondern ideologischer Terminus) orientiert.
- Dies schließt auch eine antkapitalistische und antimperialistische Wirtschaftshaltung mit ein.

Auch innerhalb der Parteienlandschaft radikaler Islamisten gibt es solch große Differenzen, daß diese kämpferische Auseinandersetzungen fordern, bzw. bedingen. Diese Differenzen führen auch zu Parteiabspaltungen. So ist z.B. in Algerien die GIA aus der FIS hervorgegangen, da die Position der FIS vielen Mitgliedern als zu gemäßigt empfunden wurde.

In unserem Textepaket finden sich Interviews mit Regierungsoberhäuptern islamischer Länder, die ihre politische Position darstellen, Interviews mit intellektuellen fundamentalistischen Führungspersönlichkeiten, die ihre Lebensideologie und Weltanschauung vorstellen und zu begründen bemüht sind. Ebenso sind auch Künstler interviewt worden, die ihre schwierige Lage innerhalb einer Gesellschaft mit islamistischen Strömungen schildern und auf welche Schwierigkeiten sie durch ihre Arbeiten stoßen. Der aus Bombay stammende britische Staatsbürger und Schriftsteller Salmon Rushdie war durch den gegen ihn gerichteten Tötungsaufruf in besonderer Weise betroffen. Dies wird auch in einigen Texten aufgegriffen, um die Realität solcher Auseinandersetzungen ins Gedächtnis zurückzurufen. Auch die damit mittelbar im Zusammenhang stehende Kontroverse um den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1995 und die Orientalistin Annemarie Schimmel findet sich als ein Gegenstand zur kurzen Stellungnahme in manchen Texten wieder. (Z. B. „Das Islambild in der deutschen Öffentlichkeit“ von Kai Hafez).

Die einzelnen Regierungsparteien islamischer Länder geraten durch den Aktivismus islamistischer Gruppierungen zunehmend unter Druck und sind zu einer permanenten Gradwanderung im Umgang mit radikalen Moslems genötigt, deren Forderungen, aufgrund ihres aggressiven Potentials und ihrer Kampfbereitschaft, nicht einfach ignoriert werden können. Zum anderen stehen die Forderungen in unvereinbarem Widerspruch zu den Lebenskonzepten vieler Künstler und liberalen Intellektuellen, welche von der anderen Seite mit Forderungen der Meinungs- und Schaffensfreiheit an die Regierungen herantreten und auf die Verwirklichung ihrer Gemeinschaftsideale dringen. Diese Auseinandersetzung mit der „integristischen Herausforderung“ (G. v. Schenk „Die Angst des Westens vor dem Islam“ S. 1030) und die beständige Versöhnungs- und Schlichtungsrolle sei oft so kräftezehrend, daß der jeweiligen Regierung für andere wichtige Aufgaben die Energie fehle.

Die beiden Extreme einer Interaktionsgestaltung von Seiten der Regierung sind Syrien und Jordanien: Syrien in Form der unbarmherzigen Niederschlagung integristischer Moslembrüder; Jordanien mit einer Politik der Einbindung der Integristen in Entscheidungsfragen.

Algerien findet mit seinen in dieser Zeit, wie auch heute noch, hochaktuellen politischen und gesellschaftlichen, bürgerkriegsähnlichen Unruhen, verglichen mit anderen islamischen Ländern, die weitaus größte Beachtung. Allein in sieben Artikeln, bzw. Berichten erscheint der Ländername bereits in der Überschrift. Beinahe in allen Texten finden Schwierigkeiten, mit denen Algerien zu kämpfen hat, Erwähnung. Es wird sowohl in groben Zügen, als auch in detailierten Schilderungen auf die Geschichte Algeriens, ihre Wendepunkte, desweiteren auf das Parteienspektrum und dessen Entstehung, die Umstürze ab Dezember `90, die Rolle der Armee, den unerbittlichen und bestialischen Kampf zwischen Regierung und Islamisten, auf die Rolle, den der Ausgang dieser Konflikte auf die politische Weltlandschaft haben könnte, auf das Verhältnis zu Frankreich und insbesondere auf die Frage, welche Bedrohung der Algerienkonflikt für Europa darstellt, eingegangen. Neben der intensiven Aufmerksamkeit, die Algerien zugedacht wird, werden weitestgehend alle islamischen Länder einer Spektion unterzogen, die im Einzelfall hier mal länger, dort mal kürzer ausfällt, sich aber durch viele Texte erstreckt. Es werden Geldströme und Finanzsprizen einelner Staaten, die der Unterstützung islamistischer Organisationen dienen, aufgedeckt. Doch aus der Tatsache grenzübergreifender Zusammenarbeit und Korrespondenz zwischen verschiedenen radikalen Bewegungen, die somit als Bündnisse und Bruderschaften verstanden werden können, wird kein Aufhebens gemacht, sondern wird vielmehr zur Machtdemonstration genutzt, die eine ideologischen Geschlossenheit proklamieren soll. Hierbei wird besonders deutlich, was vielen, auch ohne daß ausdrücklich darauf verwiesen werden müßte, als selbstverständlich und gewiß gilt: Die Rolle der Religion spielt sowohl im Algerienkonflikt, ebenso wie meist auch bei dem Phänomen der Bildung fundamentalistischen Gruppierung im allgemeinen eine sehr untergeordnete Rolle. Sie bildet lediglich eine Zufluchtstätte, die durch die ökonomische Misere und das damit verbundene soziale Elend nötig gemacht wurde. (Sabine Krebs „Rolle der Religion im Algerienkonflikt“).

In Anbetracht der schwierigen und zerfahrenen Lage in Algerien, eingedenk der unmittelbaren europäischen Nachbarschaft islamischer Länder und im Hinblick der großen Anzahl moslemischer Einwanderer, die in Europa unter uns leben, stellen sich implizit oder explizit alle Autoren die Frage, inwiefern Europa, inwiefern „wir“ vom Islam bedroht sind. Gundram von Schenk schreibt: „Unklarheit besteht auch darüber, worin die Bedrohung eigentlich besteht.“ Er fragt: „Ist es der staatlich gelenkte oder tolerierte internationale Terrorismus, die Furcht vor Flüchtlingswellen oder möglichen Angriffen (Chemiewaffen?) gegenwärtiger oder künftiger radikaler Regime oder die Bedrohung des Zugangs zu den Ölquellen? Oder ist es gar das Heraufdämmern eines neuen Mittelalters, das die Universalität westlicher Werte wie Demokratie, Menschenrechte etc. in weiten Teilen der Welt außer Kraft setzen könnte?“ Auch andere fragen „Bedroht uns der Islam?“ (Bassam Tibi), behaupten „Der fundamentalistische Islam bedroht Europa“ (Joseph Rovan) oder stellen fest: „Europa im Fadenkreuz“. Das eine gewisse potenzielle Gefahr von vielen Autoren empfunden wird, ist nicht zu leugnen und angesichts diverser internationaler Terroranschläge, ganz zu schweigen von der Brutalität innerislamischer Auseinandersetzungen, wie sie uns allen in den Medien entgegentritt, auch nachvollziehbar. Daß das Verhältnis beider Kulturkreise im Laufe der neuen Geschichte zumeist ein gestörtes und von Feindschaft geprägtes war - daran erinnern uns zudem einige Texte, meist jedoch in oberflächlich- plakativer Form und Aufmachung, wie z. B. in „Unser Marsch hat begonnen“, in bereits eingehenderer Weise „Der fremde Spiegel“.

Diese Tatbestände realistisch und nicht populistisch darzustellen und wahrzunehmen ist der erste Schritt. Die eigentlichen Fragen, deren immense Bedeutung nicht unterschätzt werden darf und welchen die nun folgenden Diskussionen (nach der Zeit der Bestandsaufnahme) nun nachgehen müssen, stellen den zweiten Schritt dar und lauten: Wie damit umgehen? Wie verhalten? Welche Maßnahmen treffen? Bassam Tibi schlägt Strategien zur Bekämpfung des Fundamentalismus vor. Zunächst plädiert er dafür, die offensichtliche zunehmende Zuwanderung, besonders nach Frankreich, England und Deutschland, durch ein Einwanderungsgesetz zu regeln. Als nächstes mißt er dem Gelingen der Integration von in Europa lebenden Muslimen eine große Bedeutung zu. Die Politik muß Maßnahmen treffen, die eine Eingliederung der Muslime im Sinne demographischer politischer Kultur gewährleistet und fördert. Eine Ghettobildung des Islam in Europa ließe ein Zusammenwachsen, eine Kommunikation der verschiedenen Kulturen unmöglich zu Stande kommen. Beide Fronten würden sich verhärten. Tibis Vision ist ein liberaler Islam in Europa, als eine integrierte Religionsgemeinschaft, die die Grundlagen der europäischen Moderne - Pluralismus, Toleranz, Laizität - annimmt. Dies könnte als Einstellung möglicherweise Vorbildcharakter haben und sich auch auf Muslime im jeweiligen Heimatland übertragen. Auch in außenpolitischer Hinsicht fordert Tibi dazu auf, mit modernen arabischen Staaten zusammenzuarbeiten und ihnen bei der Bewältigung ihrer strukturellen Probleme zu helfen. „Das Problem des Fundamentalismuskann der Westen nur mit den dialog-offenen Muslimen gemeinsam lösen, bilden die Fundamentalisten doch auch eine Gefahr für die Muslime selbst.“ („Offen sein für den Dialog“ S. 498). Nur ist eine Zusammenarbeit auf langfristige Sicht immer auch eine Frage des Vertrauens. Wie soll man die Aussetzung des zweiten Wahlgangs im Januar `92 in Algerien beurteilen? Die mögliche Ausnutzung der gewährten Freiheit in dem Sinne: „Wir werden von euch die Freiheit für uns im Namen eurer Prinzipien fordern, und wenn wir sie haben, werden wir sie euch im Namen unserer Prinzipien verweigern. (J. Rovan S. 50). Nur muß auch bedacht werden, wie glaubwürdig man nach außen hin bleibt, wenn die Verletzung der Grundpfeiler der eigenen Gesellschaft in ungewohnten Konstellationen geduldet oder sogar befürwortet wird. Wie Tibi setzt auch G. v. Schenck auf den Gesprächspartner des liberal- aufgeklärten Islam. Hier müsse jedoch auch Vorsicht und Feingefühl Bestandteil der Politik sein. So wird man, so G. v. Schenk, feststellen, „daß sie keineswegs durchgängig antiwestlich sind. Der Wille sich vom Westen abzugrenzen, distanz zu gewinnen, entspringt vielfach einem Bedürfnis der Rückbesinnung auf sich selbst, auf die eigene religiös-kulturelle Identität, was verständlich und legitim ist.

Was als ein oberster Grundsatz dieses wie jedes anderen Verhältnisses und jeder Beziehung auch beachtet werden muß, ist die Realisierung und lebendige Umsetzung jener universalistischen Grundwerte, von denen bereits die Rede war und derer sich westliche Staaten rühmen ihrer Gesellschaftsordnung zu Grunde gelegt zu haben. Diese schließen selbstverständlich ein Erkennen und Tolerieren der spezifischen Eigenheiten anderer Kulturen ein, die sich in der Konstitution und Ausrichtung eigener staatlicher Ordnungen dementsprechend niederschlagen werden.

IV Schlußbemerkung und Nachwort

Allein schon die Menge an unser Thema betzreffenden Veröffentlichungen und Puplikationen in seriösen und namhaften deutschsprachigen Zeitschriften innerhalb eines Zeitraums von nur dreieinhalb Jahren, wobei, wie gesagt, bei unserem Textkorpus kein Anspruch auf vollständigkeit besteht, ist bemerkenswert. (Die Textsammlung liegt der Arbeit bei). Hierbei sind natürlich die zahlreichen Buchpublikationen, die innerhalb dieses Zeitraumes erschienen sind genauso wenig berücksichtigt wie die in Tageszeitungen erschienen Berichte, kommentare, Stellungnahmen und Dokumentationen. Doch nicht die daraus hervorgehende quantitative Beschäftigung mit dem Thema „Fundamentalismus“ allein ist beeidruckend, sondern die Vielfalt unter der dies Thema angegangen und behandelt wird hat uns überrascht. Auch wenn einigen Artikeln anzumerken war, daß sie eher auf Wirkung als auf objektive Darstellung angelegt waren, bieten sie doch in der Gesamtheit die Möglichkeit einen zumeist um Objektivität bemühten Einblick in den Themenbereich zu bekommen. Trotzdem ist es erforderlich auf die Berichterstattung zu diesem Themenkomplex in den deutschen Medien auch in Zukunft einen kritischen Blick beizubehalten. Vor allem muß weiterhin auch klar gemacht werden, daß islamistisch-fundamentalistische Gruppierungen nicht mit der islamischen Religion als solche oder mit dem Selbstverständnis eines islamischen Staates gleichgesetzt wird. Sensibeler Umgang, Differenziertheit, die der Komplexität dieses Themas gerecht wird, und keine vereinfachende, populistische Darstellung - das sind wohl die wichtigsten Forderungen, um vorschnellen Verurteilungen entgegenzuwirken.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Bilder des Islam und Islamismus in deutschen Zeitschriften Mitte der 1990iger Jahre
Autor
Jahr
1997
Seiten
13
Katalognummer
V104571
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Islamismus, Bilder, Zeitschriften, Mitte, Jahre
Arbeit zitieren
Raphael Haardt (Autor), 1997, Bilder des Islam und Islamismus in deutschen Zeitschriften Mitte der 1990iger Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104571

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