Allports Theorie der Persönlichkeit


Seminararbeit, 1997

15 Seiten


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Gliederung

I Allports Selbstverständnis als Psychologe und dessen Geistesgeschichtliche Hintergrund

II Individualität und Wissenschaft ?

III Werden der Persönlichkeit

IV Schlußbemerkung

V Literaturverzeichnis

I Allports Selbstverständnis als Psychologe

Allports Theorie der Persönlichkeit ist in einem besonderen Maße dadurch gekennzeichnet, daß sie aus einer umfassenden Beschäftigung mit traditionellen und zeitgenössischen Denkern hervorgeht.

Die Psychologie ist gegenüber anderen Wissenschaften wie z.B. der Mathematik, der Physik oder der Biologie eine junge wissenschaftliche Disziplin und zur Zeit Allports eine, unter deren Namen sich eine Vielzahl verschiedener Ansätze, ein Sortiment von Tatsachen, Voraussetzungen und Theorien verbergen. Sie kann auf diesem Entwicklungsstand nicht als eine einheitliche Wissenschaft angesehen werden. Bezüblich der Inhalte, Methoden und Ziele der Psychologie herrscht unter den einzelnen Wissenschaftlern selbst große Uneinigkeit. Und auch der Sinn und Nutzen dieser Wissenschaft als ganzer wird von nicht wenig Außenstehenden in Frage gestellt.1 Allport sieht sich der geistig zerstrittenen und in verschiedene Lager gespaltenen Situation, in der sich die Psychologie als Wissenschaft befindet, gegenübergestellt. Doch erblickt Allport in der Vielfalt der entgegengesetzten und voneinander abweichenden Ansätzen, Standpunkten und Meinungen innerhalb der psychologischen Forschung kein unbedingtes Übel, sondern betrachtet diesen Sachverhalt vielmehr als den Verdienst einer freien Gesellschaft. Für ihn spiegelt die damalige Situation den natürlichen Vorgang, welchen jede Wissenschaft in ihrem Anfangsstadium zu durchleben hat, da sich die Wissenschaftler, die sie repräsentieren, vor die Schwierigkeit gestellt sehen, eine breite Grundlage zu schaffen, von welcher ausgehend die einzelnen Arbeitsrichtungen verstanden werden können und außerdem eine Übereinstimmung dahingehend zu erzielen, welche Gegenstände sie als in den Bereich ihrer Forschung fallend begreifen - was nichts anderes ist, als sich gegenüber anderen Wissenschaften abzugrenzen und sich ihren spezifischen Aufgaben bewußt zu werden.

Wogegen sich Allport jedoch und in Anbetracht dieser zerfahrenen Situation mit aller Entschiedenheit ausspricht und wogegen er ankämpfen möchte, sind dogmatische Gesinnungen, die zuweilen mit den jeweiligen Lehren einhergenen: „Unsere Ablehnung sollte reserviert sein für diejenigen, die alle Türen schließen möchten mit Ausnahme einer einzigen. Der sicherste Weg, die Wahrheit zu verfehlen, ist, zu behaupten, daß jemand sie bereits besitzt. Denn engherzige Systeme, die dogmatisch vertreten werden, haben die Tendenz, den Geist des Forschers und seiner Schüler zu trivialisieren. Bedauerlicherweise haben wir Beispiele einer derartigen Trivialisierung in der Psychologie von heute.“2 Diese Haltung ist bezeichnend für Allport und spiegelt die Art und Weise wie er seinen “Forschungsgegenstand“ - die Persönlichkeit des Menschen - wahrnimmt und verstanden wissen will. „Die Hauptaufgabe der Psychologie von heute ist, ihren Horizont zu erweitern, ohne das Erreichte zu opfern.“3 Diese Grundeinstellung Allports schlägt sich in seinem gesamten Werk über die menschliche Persönlichkeit nieder. Mit großem Verständnis, aber auch mit scharfer Kritik an psychologischen Arbeitsrichtungen, die damals für eine Persönlichkeitspsychologie relevant waren, fügt er ihre fruchtbaren Gedanken zu einem imponierenden Ganzen zusammen. Allport selbst hat zu der Frage, wie man seine Auffassung der Persönlichkeit kennzeichnen könnte, Stellung genommen: „Meine Richtung der Persönlichkeitspsychologie ist sowohl humanistisch als auch personalistisch genannt worden. Sie ist humanistisch in dem Sinne, daß sie die uneingeschränkte Anerkennung aller Aspekte des Seins des Menschen verlangt - einschließlich seiner Potenz, mehr zu werden, als er ist. Sie ist personalistisch in dem Sinne, daß ihr Ziel ist, die Entwicklung der konkreten individuellen Person zu verstehen und vorauszusagen. Die Richtung ist ebenfalls als individuelle oder Eigenschaften-Psychologie bezeichnet worden, und bisweilen als eine Psychologie des Werdens. Ich ziehe es vor, sie als einen Eklektizismus anzusehen, der auf dem Begriff der Persönlichkeit als einen einzigartigen und offenen System basiert.“4

Wenn seine Kritik sich im Allgemeinen zunächst gegen jede Art von Dogmatismus richtet, der, wie er sich ausdrückt, zur „wissenschaftlichen Anämie“ führt, so findet er diese verwerfliche Haltung vor allem durch bestimmte wissenschaftliche Richtungen repräsentiert, die in der philosophischen Tradition des Empirismus und Sensualismus John Lockes und David Humes stehen. Deren philosophische Grundannahmen zur menschlichen Persönlichkeit (Person), auf die ich später eingehen werde, finden sich in unterschiedlicher Ausprägung im Behaviorismus, der Reiz-Reaktions-Psychologie, der Tier-Psychologie, im Positivismus und logischem Empirismus wieder. Für Allport leisten diese wissenschaftlichen Disziplinen, bzw. wissenschafts-methodischen Grundhaltungen zwar durchaus wichtige Beiträge, die uns Aufschlüsse über die Persönlichkeit des Menschen liefern; aber sie können aus ihrer eigenen Beschränktheit heraus bei weitem nicht die Gesamtheit und Komplexheit der menschlichen Persönlichkeit erklären. Sein Abstand und seine bestimmt kritische Haltung gegenüber genannten Richtungen ist nicht zuletzt durch seine geistige Nähe zur europäischen und insbesondere zur deutschen Psychologie zu erklären. Der zweijährige Aufenthalt in Europa nach seiner Promotion5 an der Harvard-Universität, die Begegnungen mit europäischen Psychologen und Wissenschaftlern haben den jungen, empfänglichen Geist Allports tief geprägt. In seiner Autobiographie schreibt er: „Ganzheit und Gestalt, Struktur und Lebensformen, und die unteilbare Person waren neue Musik für meine Ohren Hier war die Psychologie nach der ich mich gesehnt hatte, aber von der ich nicht wußte, daß sie existiert.“6 Der geistigen Haltung, welche die Person als Quelle von Handlungen und die menschliche Aktivität als zielgerichtet begreift, fühlt sich Allport intuitiv verwandt. Auch dieses, vor allem in Europa vorherschende Verständnis die menschliche Persönlichkeit zu begreifen, steht in einer Tradition, die man mit Leibniz beginnen lassen kann und von Kant und dem deutschen Idealismus aufgenommen und verschiedentlich ausgebaut wurde. Für Allport ist es offensichtlich, daß bestimmte Theorien des Lernens, der Motivation, der Entwicklung und wesentliche Züge der reifen Persönlichkeit weit entfernt davon sind angemessen erklärt werden zu können, wenn der Mensch lediglich als eine anfängliche tabula rasa aufgefaßt wird, die im Laufe seines Lebens durch äußere Eindrücke beschrieben wird und er gleich einem Opfer des eigenen Organismus’ die ganze Zeit damit zubringt dessen Ansprüchen genüge zu leisten. Solche Vorstellungen der weitestgehenden Passivität des Menschen verkennen schlichtweg einige seiner fundamentalen Wesenszüge, ohne welche das Wachsen und Werden der Persönlichkeit nicht adäquat erklärt werden kann. Eigenstreben, Wertorientierung, Zielsetzungen und Absicht sind grundlegende Faktoren, deren Einfluß auf das menschliche Leben für Allport so immens und offensichtlich sind, daß er sich gezwungen sieht, jeglichen Versuch den Vollzug das menschlichen Werdens oder die reife Persönlichkeit zu beschreiben, ohne diese Aspekte mit einzubeziehen, als reduktionistisch anzusehen. Durch die Gestaltpsychologie, die sich in den zwanziger Jahren unter Führung Wolfgang Köhlers konstituierte und die Allport während seines Europaaufenthaltes kennenlernte, sah er die Auffassung sensualistischer Theorien der Wahrnehmung, die eine Passivität des menschlichen Geistes propagierte, widerlegt. Nicht zuletzt auch die durch diese Forschungen gewonnenen Aufschlüsse der menschlichen Wahrnehmung bestärkten ihn und andere Wissenschaftler die von Leibniz ausgehende Tradition, die eine entschieden aktive Teilnahme des Menschen am Vollzug seiner Entwicklung vertrat und welche durch die positivistische Ära nach Comte ein halbes Jahrhundert ins Abseits gedrängt worden war, wieder aufzunehmen und deren Weg weiterzuverfolgen.

Man könnte Allport als einen Gegner all derjenigen Psychologen bezeichnen, die aufgrund erzielter Forschungsergebnisse, diese vorschnell generalisierend auf die Gesamtstruktur der Persönlichkeit übertragen und den Menschen somit in seiner Komplexheit beschneiden. Wesentliche Züge der Persönlichkeit sind so durch den jeweils einseitig verengten Blick von vornherein unzugänglich. Den einzelnen Erkenntnissen verschiedener Forscher spricht Allport keineswegs jegliche Wahrheitswerte ab. Im Gegenteil hebt er den Wert dieser Ergebnisse hervor. Doch sind die in den verschiedenen Teildisziplinen der Psychologie erzielten Erkenntnisse gleichsam nur „Einzelwahrheiten“, die in Verbindung mit anderen Aspekten betrachtet und erwogen werden müssen, um ihre Stellung in der Gesamtheit der Persönlichkeit ausmachen zu können. Für ihn stellen die durch diese Forschungen gewonnenen empirischen Datenmaterialien eine Art von Rohstoffen dar, auf die er zurückgreifen kann und die ihm dazu dienen, seine Hypothesen hinsichtlich der Funktionsweisen und Strukturen der Persönlichkeit zu stützen. So sollen diese Hypothesen nicht nur den Ansprüchen, die von dieser Seite an die Wissenschaft gestellt werden, genüge leisten, sondern sich vor allem auch an den empirischen Befunden orientieren. Denn hierin scheidet sich die Psychologie von Existentialismus, dessen Gedanken zwar produktiv auf jene wirken, jedoch zum größten Teil ausschließlich abstrakt oder auf der Ebene der Methapher bleiben. Greift Allport zum Einen eine unzulängliche Simplifizierungen und mutwillige Schematisierung der Persönlichkeit an, die der Persönlichkeitsforschung von Positivistischer und ausschließlich Triebtheoretischer Seite widerfährt, sieht er sich auch vor, nicht etwa dem anderen Extrem zu verfallen und sich auf einen methodischen Standpunkt zu beschränken, der auf der Ebene ausschließlich spekulativ bleibender Mutmaßungen verharrt. Denn dann fände der „Wissenschaftler“ die Ergebnisse, zu welchen er gelangte, selbst niemals bestätigt und könnte Vorwürfen von anderen, die ihm Mythologisierung und Romantisierung vorwerfen, nichts entgegenhalten. Allport proklamiert, daß es das Ziel der Psychologie ist „..., die Uneinigkeit über unsere Grundauffassung der Persönlichkeit zu verringern und einen Maßstab dafür aufzustellen, was wahrscheinlich Wahrheit ist, so daß wir etwas mehr Sicherheit gewinnen darüber, ob eine Interpretation richtiger ist als eine andere.“ Und ein Maßstab dafür ist nicht zuletzt die Prüfung, inwieweit sich Interpretationen oder Hypothesen in Übereinstimmung bringen lassen mit empirischen Untersuchungen, die nach allgemein anerkannten methodischen Verfahren ermittelt werden. Würde man darauf verzichten und nicht um eine Verifizierung bemüht sein, die aus einem möglichst unvoreingenommenen Blick in die „wirkliche“ Welt hervorgehen könnte, bewegte man sich immer nur im Bereich des Möglichen und die gegensätzlichsten Theorien müßten als gleichwertig nebeneinander anerkannt werden. Der moderne Positivismus (logischer Empirismus) stellt das genaue Gegenteil dar. Er tritt dafür ein, daß nur allein solche Begriffe in die Psychologie Eingang finden sollen, auf welche durch vorhandene Methoden der Untersuchung direkt geschlossen werden kann, d.h. die uns durch (sinnliche) Empfindungen, also als „positive“ Tatsachen, unmittelbar gegeben sind. Der Positivismus scheitert in der Psychologie in dem Augenblick, in dem er komplexere strukturelle Zusammenhänge der Persönlichkeit erklären will - und nicht kann, da dies ein Bereich ist, der durch konkret-operative Methoden der Untersuchung eben kaum erschlossen werden kann. Er ist aus sich heraus agnostizistisch - es bleibt immer ein Ungenügen. Er verschließt sich von vornherein der Möglichkeit, solche Aussagen über Phänomene zu treffen, die von deren begrifflich gedachten Oberflächen gelöst versuchen die Phänomene tiefer zu durchdringen und so zu versuchen sie auch in ihren umfassenderen Zusammenhängen darzustellen.7

Aus diesem Sachverhalt geht klar hervor, daß weder die rein introspektive und spekulative, noch die streng empirische Methode, wie sie sich der Positivismus zum Programm gemacht hat, wenn sie ausschließlich auf sich beschränkt bleiben, in der Lage sind, den menschlichen Erkenntnisschatz zu erweitern. Diese Einsicht ist hier von großer Bedeutung, da sie für Allport die Argumentation bildet, die ihn legitimiert, ja sogar nötigt, seinen Begriff des Propriums einzuführen, dem innerhalb seiner Persönlichkeitspsychologie eine wesentliche Bedeutung zukommt. Doch bedeutete die Vermittlung dieser Erkenntnis, wie oben bereits gesagt, vor allem ein Kampf gegen die populäre geistige Strömung des Positivismus’. Allport war hier nicht der Einzige, der diesen Kampf führte. Ernst Cassirer und Allport verbindet eine verblüffende geistige Verwandschaft. In seinem Buch „Versuch über den Menschen“ schreibt Cassirer: „ Eine Theorie, die nicht auf Tatsachen beruht, wäre tatsächlich ein Luftschloß. Aber das ist noch keine Antwort auf die Frage nach einer wirklich wissenschaftlichen Methode; ... Offenbar ergibt sich eine solche Tatsache nicht aus irgendeiner zufälligen Beobachtung oder aus einer bloßen Anhäufung von Sinnesdaten. Die Tatsachen der Wissenschaft setzten stets ein theoretisches, das heißt ein symbolisches Element voraus. Viele, wenn nicht die meisten wissenschaftlichen Tatsachen, die einen Wendepunkt in der Geschichte der Wissenschaften bezeichnen, waren zuerst hypothetische Tatsachen, bevor aus ihnen beobachtbare Tatsachen wurden.“8

Bevor ich nun - nachdem ich den erkenntnistheoretischen Standpunkt, den Cassierer und Allport vertreten und welcher für das Verständnis der Einführung des Propriums (oder Selbst) in die Persönlichkeitstheorie Allports unerlä`ßlich ist - den Persönlichkeitsbegriff Allports näher erläutere, muß ich auf ein anderes Problem, dem sich die Persönlichkeitsforschung, wie sie Allport begreift, gegenübergestellt sieht, eingehen.

II Individualität und Wissenschaft ?

Die Persönlichkeitsforschung als solche sieht Allport in ein besonderes Spannungsverhältnis gestellt. Dieses Spannungsverhältnis ergibt sich aus dem Wissenschaftsanspruch, den die Persönlichkeitsforschung sich auferlegt und der Einzigartigkeit, in welcher der zu erforschende Gegenstand (die individuelle Persönlichkeit) jeweils in Erscheinung tritt und uns gegeben ist. Allport schreibt in seinem Buch“Gestalt und Wachstum in der Persönlichkeit“: „Es ist leicht zu sehen, daß wir uns in einer Verlegenheit befinden. Das Individuum, wer es auch sein mag, ist eine innerlich konsistente und Einzigartige Organisation von körperlichen und geistigen Vorgängen. Aber da es einzigartig ist, bereitet es der Wissenschaft Verlegenheit. Die Wissenschaft, sagt man, beschäftigt sich nur mit umfassenden, vorzugsweise sogar universalen Gesetzen. Die Wissenschaft ist also eine nomothetische (das, was Gesetz stiftet) Diszipin. Die Individualität kann nicht von der Wissenschaft untersucht werden, sondern nur von der Geschichte, der Kunst oder der Biographie, deren Methoden nicht nomothetisch, d.h. universelle Gesetze suchend, sondern idiographisch (eigen..., selbst... & ...schreibend, ...darstellend).“9 Hinter dieser Aussage steht mehr, als es zunächst den Anschein haben könnte. Zu seiner Zeit war es vor allem auch als Kritik an Vertreter der differenziellen Psychologie gerichtet. Mancher dieser Psychologen versuchten, mittels der Erstellung von Profilen der Persönlichkeit, diese in ihren Wesenszügen vollständig zu beschreiben. Diese Profile entstehen, indem allgemeine Eigenschaften einer bestimmten Anzahl von Menschen miteinander verglichen werden, um so zu eine Konstellation der Eigenschaften einer einelnen Person zu gelangen, und von den jeweiligen Stellenwerten, die sie bei ihm einnehmen auf die Gesamtpersönlichkeit zu schließen. Auch die Autoren der damaligen klinischen Psychologie vertreten üblicherweise die erkenntnistheoretische Auffassung, daß allgemeine Gesetze, die zu Schlußfolgerungen führen, die einzige Quelle all unseres Wissens von individuellen Menschen sind. Dieser Auffassung widerspricht Allport entschieden. Zunächst erfährt man nichts über die Persönlichkeit eines Menschen hinsichtlich einer vielleicht für ihn kardinalen Eigenschaft, wenn dieser Aspekt keine Berücksichtigung in der Untersuchung findet. Aber entscheidener ist noch folgendes Argument: Selbst wenn alle allgemeine Eigenschaften, die für ein Verständnis einer Person entscheidend wären, Berücksichtigung fänden, glichen sie nur einzelnen Perlen, die auf einer Perlenkette nebeneinander aufgereiht sind. Wir reichten mit dieser Methode, die sich dem Allgemeinheitsanspruch, den die Wissenschaft stellt, verpflichtet fühlt, nicht vor zur wirklichen Persönlichkeit. Sie bleibt auf der Stufe der Typen stehen, da ihr das wichtigste fehlt: die innere Organisation des jeweiligen Individuums, in welcher die einzelnen Eigenschaften in einer einmaligen Konstellation, in einer einzigartigen Mischung, einem unverwechselbaren Zusammenhang und einer spezifischen Abhängigkeit untereinander bestehen. Der Versuch, die Eigentümlichkeit einer bestimmten Persönlichkeit fassen zu wollen und „... als ein Diagramm zu betrachten, das in eine Reihe äußerer Koordinatensysteme gezeichnet wird, die keine Beziehung untereinander haben, keine Dauer in der Zeit, keine Bewegung, kein Leben, keine Variabilität ...“10, muß in Allports Augen scheitern. Jedoch auch hier kritisiert Allport nur wieder diejenigen Psychologen, welche in diesem Zugang zur Persönlichkeit den einzigen erblicken und hierauf beschränkt bleiben. Auch diesen methodischen Ansätzen gesteht er zu, daß sie in bestimmten Bereichen der psychologischen Forschung von großem Nutzen sind. Aber solchen Methoden gegenüber bedarf es innerhalb der Persönlichkeitsforschung der richtigen Einstellung. Diese gewinnt man, indem man den Nutzen, die Grenzen und die Bedeutung solcher Methoden ausgemacht, um so ihren Stellenwert vernünftig einschätzen zu können. So tritt z.B. Allport auch für einen Gebrauch von Idealtypen ein, insofern sie als Verstehens-Schemata aufgefaßt werden. Sie können so z.B. in einem bestimmten Rahmen für die Persönlichkeitserfassung nützlich sein usw.

Worin besteht nun aber der wesentliche Unterschied in der Auffassung der Persönlichkeit zwischen Allport und den meisten seiner amerikanischen Kollegen? Und wie läßt sich das Problem der Individualität lösen? Am besten versteht man Allports Auffassung dessen, was ein einzigartiges Individuum ist, indem man herforhebt, was es für ihn in keinem Fall ist, nämlich ein Schnittpunkt einer Anzahl von quantitativen Variablen, wie es Psychologen wie Eysenck verstanden. Anstatt Teilaspekte einer Person mit anderen Personen auf einer Skala zu vergleichen und sie so gegen eine absolute Norm zu setzen, muß die Forschung sich vielmehr idiographisch orientieren, die Individualität als Gestalt begreifen und die verschiedenen physiologischen und dispositionalen Aspekte in ihrem Zusammenwirken untersuchen. Daß das Verfolgen der idiographischen Forschung wesentlich als ein Aufgabengebiet der Persnlichkeitsforschung anerkannt werden muß, trägt nur der Tatsache Rechnung, daß die Individualität ein Hauptmerkmal des menschlichen Wesens ist. Die Psychologie muß dies anerkennen und ist keineswegs dazu berechtigt unter dem Vorwand der Unwissenschaftlichkeit diesen Bereich einfach zu ignorieren. Um der Notwendigkeit der idiographischen Forschung Nachdruck zu verleihen, behauptet er an anderer Stelle, „daß sich alle Tiere in der Welt psychologisch weniger voneinander unterscheiden als ein Mensch vom andern.“11 Hieraus entsteht die Forderung Allports, die er gleich auf der ersten Seite seines bereits erwähnten und für College-Studenten bestimmte Buch so formuliert: „Wenn wir uns mit der Persönlichkeit überhaupt beschäftigen wollen, müssen wir bereit sein, unsere Aufmerksamkeit rasch vom Besonderen zum Allgemeinen umzustellen, von der konkreten Person zu der abstrakten Person, und wieder zurück.“12

Die menschliche Persönlichkeit muß nach Allport somit von universeller, kultureller oder gruppenspezifischer als auch von individueller Seite her verstanden werden. Somit versteht es Allport als Aufgabe der Psychologie die Einheit der Persönlichkeit, die aus diesen drei Arten von Normen zu einem einzigartigen idiomatischen System verworben zu denken ist, herauszustellen. Auch jede Person muß diese Einheit im Verlauf ihres Lebens, da sie viele Ziele, Interessen und Wünsche verfolgt, erst herstellen. Doch sind diese Bezüge zu den drei Arten von Normen nicht so zu verstehen, daß sie zusammen erst das Individuum konstituieren. Der Vielheit geht die Einheit voraus. Diese Bezüge schaffen dem begrifflich denkenden Geist des Menschen lediglich einen Zugang zur Einheit, die im Individuum als solche für uns Menschen nicht unmittelbar erkennbar ist. Nur über die Manigfaltigkeit der Erscheinungsformen kann auf die Einheit des Individuums geschlossen werden. So ist die Entstehung dieser drei Bezugsnormen doch primär auf ein erkenntnistheoretisches Motiv zurückzuführen, auch wenn ihnen seinsmäßige Wirklichkeit dahingehend zukommt, daß sie die Art und Weise beschreiben, wie und was das Individuum in der Welt jeweils sein kann.

III Werden der Persönlichkeit

Bevor man sich auf das Vorhaben einläßt das Werden der Persönlichkeit genauer ins Auge zu fassen und zu untersuchen, ist es wohl nicht von geringer Bedeutung, sich zunächst klar zu machen, was man mit dem, was man Persönlichkeit nennt, meint, um dann auch sagen zu können, wie so etwas wachsen kann.

Das Grundlegendste, was Allport über Persönlichkeit sagen kann, ist, daß sie eine bestehende Naturtatsache ist. Persönlichkeit ist also nicht etwa nur eine Konstruktion, etwas, das man sich ausdenkt, ein bloß theoretisches Erklärungsmuster, das zur Hilfe genommen wird um bestimmte Verhaltensvorgänge am plausibelsten zu erklären, jedoch keine reale Wirklichkeit besitzt. Allport begreift Persönlichkeit als eine Einheit, die wirklich „da“ ist und eine eigene innere Struktur besitzt. Somit ist Allports Bestimmung von Persönlichkeit eine essentialistische: „Persönlichkeit ist das, was der Mensch ‘wirklich ist ’, unabhängig davon, wie ein andere Menschen ihn und seine Eigenschaften beurteilen und interpretieren.“13 Diese Position, bzw. Grundansicht der Persönlichkeit gewinnt Allport nicht zuletzt aus seiner kritischen Beschäftigung mit den verschiedenen Strömungen der Psychologie, die ihren Ausgang im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nahmen. Die Grenzen des Positivismus, des Behaviorismus und der ausschließlich empirischen Methode sind oben bereits angesprochen worden. Einige extreme Vertreter des positivistischen Behaviorismus verstanden das Konstrukt „Persönlichkeit“ lediglich als intervenierende Variable, die wegfallen könnte, wenn man genug über den „Reiz“ und die „Reaktion“ (stimulus-response psychology) wüßte.

Die Vertreter dieser Richtung sind demnach, im Gegensatz zu Allport, bereits in Bezug auf den Persönlichkeitsbegriff wissenschaftliche Antirealisten. Sie bestreiten die tatsächlichen Existenz dieses theoretischen Gegenstandes, den man Persönlichkeit nennt und verfolgen damit wohl das Ziel, das, was man bisher mit dem Begriffskonstrukt Persönlichkeit zu fassen versuchte, auf eine einfachere, direkter zugängliche Weise zu begreifen.

Wilhelm Wundt, der 1879 das erste Institut für experimentelle Psychologie in Leipzig gründete und dem introspektiven Zugang zur Persönlichkeitserforschung einen beschreibenden entgegensetzte, verbannte Begriffe wie Selbst, Seele oder Ich aus der Psychologie, da er die Gefahr sah, Funktionen, die man nicht ganz verstehe, einer solchen mysteriösen Instanz, die das Zentrum der Person bilde, zuzuschreiben und dann zu behaupten, daß diese Instanz die Persönlichkeit zusammenbinde und ihre Integrität aufrechterhalte.14 Beinah die gesamte psychologische Forschung bemühte sich nun über mehrere Jahre hinweg auf diese Weise - ohne das Postulat eines Selbst oder Ich zu beanspruchen - der Ordnung und dem Streben der menschlichen Person Rechnung zu tragen. Doch mußten Vertreter dieses Ansatzes, die den Menschen als lediglich reaktives Wesen betrachteten und ihn „in ein Netz von äußeren Koordinaten setzten“15, bald selbst erkennen, daß ihren Bemühungen keine erkenntniserweiternde Fortschritte beschert sein sollten. Sie waren nicht in der Lage, adäquate Erklärungen für bestimmte beobachtbare Phänomene im Verhalten menschlicher Personen zu liefern, bei welchen ein tieferliegender Zusammenhang unübershbar und die Notwendigkeit einer zu Grunde liegende Wirkursache kaum zu leugnen war.

Aus diesen fruchtlos bleibenden Bemühungen zieht Allport seine Lehren. Was entbehrten die unfruchtbar bleibenden Bemühungen vor allem? Die Anhäufung von methoden-zentrierten Einzluntersuchungen führten zu einer unzusammenhängenden und einer vorzugsweise auf den uniformen Aspekt des Geistes ausgerichteten Sichtweise und Wahrnehmung der Persönlichkeit. Dem setzt, wie oben gezeigt, Allport zum einen die Forderung der idiographischen Forschung als Aufgabe der Persönlichkeitspsychologie, die eine zusammenhängende Ansicht der menschlichen Person als Ganzer einfordert, entgegen. Doch folgender Tatbestand nötigt Allport zu einem weiteren, konstruktiven Schritt: Durch die Verbannung der Annahme eines für die individuelle Persönlichkeit zentralen Bereiches (der vor der positivistischen Ära innerhalb der Psychologie mit den Begriffen Selbst, Ich oder Seele zu fassen versucht wurde) konnten beobachtete Verhaltensweisen einer Persönlichkeit, die in einem offensichtlichen Zusammenhang zu stehen schienen, nicht erklärt werden. So führt Allport das Konzept des Propriums ein. Das Proprium ist eine Begriffsneubildung Allports, zu der er sich aufgrund des vielfältig unterschiedlichen Gebrauchs der konventionellen und stark bedeutungsvariierenden Begriffe des Selbst und des Ichs entschließt. Die Begriffe Selbst und Ich verwendet er nur in Wortverbindungen wie Selbst-Bild oder Ich -Ausdehnung. Das Proprium stellt also einen Bereich der Persönlichkeit dar, der umfaßt, „was warm und wichtig ist - alle die Regionen unseres Lebens, die wir als unsere Besonderheit betrachten ...“16, gehören zum propriaten Bereich der Persönlichkeit.

Im Dialog mit Richard I. Evans antwortet Allport auf die Frage, wie er sein Konzept des Propriums verteidigen würde, wenn dieses als metaphysisch kritisiert würde, folgendermaßen: „Anyone who says it’s transcendental or mystical just hasn’t read what I’ve written. I stated very carefully that the idea of an agent, a separate agent, whether metaphysical or mystical, is not what I intended. I’ve often said that Proprium is an entirely operational construct which is necessary and can’t be avoided in a systematic personality theory. I would define proprium, in terms which might be considered phenomenological, by saying it’s that part of the personality which seems to be warm and central to the person, involving matters that are of importance in this life over and above the mere matters of fact in it. If you begin from the phenomentological core it can be demonstrated that this sense of proprium, when it is present, makes an operationally demonstrable difference in behavior. Thus, I don’t consider it to be a mystical conception at all.“17

Für Allport ist es von großer Wichtigkeit, das Proprium nicht als eine mysteriöse zentrale Instanz zu verstehen, der man Funktionen zuschreibt, die man nicht ganz versteht und welche dazu dient die Persönlichkeit zusammenzubinden und ihre Integrität aufrechtzuerhalten. Vielmehr bildet sich das Proprium im Lauf des Wachstums der menschlichen Persönlichkeit allererst langsam heraus. Nicht als ein Erklärungsbehelf für einzelne Verhaltensaspekte einer fertigen Persönlichkeit ist das Proprium zu begreifen, nicht wie ein Homunkulus im Menschen, das wie ein vom Rest der Persönlichkeit abgetrenntes Wesen agiert, sondern als Funktionen, welche die Gesamtpersönlichkeit betreffen, muß es verstanden werden, als ein vortschreitender Prozeß der individuellen Selbst-Wahrnehmung, der im Kleinkindalter beginnt und der dem werdenden Menschen im Verlauf zunehmenden Selbst-Bewußtseins befähigt und in die Lage versetzt, immer aktiver, eigenbestimmend und -gestaltend Einfluß auf sein Leben nehmen zu können.

Allport gliedert diese Entwicklung des Propriums in acht Etappen. In ihnen versucht er die wichtigsten Entwicklungsschritte zu beschreiben. Angefangen über die Erfahrung eines körperlichen Selbst festigt sich in den ersten drei Lebensjahren ein Bewußtsein der Selbs-Identität: Was zeitlich aufeinander folgt, wird von einem identischen Subjekt erlebt. Auch bereits innerhalb der ersten drei Jahre fängt das Kind an sich als Einheit innerhalb eines sozialen Kontextes zu begreifen und nach Autonomie zu streben. In diesem Stadium der Entwicklung, in dem Allport vor allem ein Streben nach Selbstachtung erblickt, sucht das Kind die Möglichkeiten seiner Einflußnahme auf die unmittelbare Umwelt zu erforschen. Bis zum sechten Lebensjahr identifiziert sich das Kind mit Sachverhalten, die es in besonderer Weise sich selbst zugeordnet sieht. Dieser Etappe der Propriumentwicklung ist also charakterisiert durch das Bedürfnis der Ich-Ausdehnung. Das Kind erweitert seinen Sinn vom Selbst, indem es sich mit den Eltern, wie auch mit Puppen, Steinen und anderem Besitz identifiziert.

Ebenfalls bis zum sechsten Lebensjahr fängt das Kind an ein Selbst-Bild zu entwerfen. Das Selbst-Bild hat zwei Seiten. Zum einen lernt es seine Rollen innerhalb eines sozialen Gefüges kennen. Zum andern konstituiert sich das Selbst-Bild über seine Wünsche für die Zukunft und über das, was es werden möchte. Im Alter zwischen sechs und zwölf erwirbt das Kind ein weiteres Attribut des Propriums. Es kommt in die Lage, sich rational mit der sozialen und physischen Umwelt auseinanderzustzen. Das rationale Ich ist in der Lage Strategieen der Problembewältigung und Schutzmaßnahmen zu entwickeln, um Verletzungen der Selbstachtung zuvorzukommen. Während der Adoleszenz bildet sich das Eigenstreben oder auch propriate Sreben deutlich heraus. Es werden langfristige Pläne gemacht und entfernte Ziele angestrebt.

Bei dieser siebten Stufe der Allport’schen Entwicklung des Propriums angelangt, müssen wir Halt machen, da wir hier zu einem Punkt kommen, der wesentlich für das Verständnis der gesamte Allport’sche Psychologie ist. Allport geht davon aus, daß motivationale Strukturen im Erwachsenenalter funktional nicht davon abhängen, was wir im Alter von drei, vier oder sogar von fünfzehn Jahren waren. In den anfänglichen und rudimentären Ebenen des Werdens, die bis in die dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts hauptsächlich Gegenstand der psychologischen Forschung waren, ist es wohl wahr, daß Impulse und Triebe, die auf unmittelbare Befriedigung und Lösung von Spannungen ausgehen, das Verhalten bestimmen. Dem Handeln eines psychisch gesunden Erwachsenen können jedoch bestimmte Motive zu Grunde liegen, die anderer Natur sind als solche eines Hundes oder die eines Menschen, dessen propriate Entwicklung noch nicht über ein genetisch früheres propriates Entwicklungsstadium hinausgewachsen ist. Diese Motive ergeben sich für ihn aus bestimmten Wertsetzungen. Ein solches „Für-Wert-halten“ kann nun Motiv sein, sich ein bestimmtes, mit diesen Werten verbundenes Ziel zu setzen. Somit kommen viele Situationen zu Stande, in denen die Handlungen der Person, die hier angenommen wird, nicht dem Motiv einer aktuellen Bedürfnisbefriedigung und einem Triebausgleich unterstehen, bzw. ihr Verhalten nicht dadurch erklärt werden könnte. Diese Handlungen sind erst plausibel erklärbar, wenn gewisse Wertbestimmungen der Person berücksichtigt werden. Aus den daraus individuell abgeleiteten Zielsetzung ergeben sich Motive (oder Forderungen) für das Handeln, die über eine bestimmte Situation hinweg für die Person von Bedeutung sein und ihr Handeln über einen längeren Zeitraum hinweg bestimmen können. Bestimmtes Verhalten ist demnach nur durch solche Motive zu erklären, die ihrerseits einem Hauptmotiv untergeordnet sind, das sich wiederum, wie oben gesagt, aus einer individuellen Zielsetzung herleitet, in welcher eine oft komplexe Wertekonstellation der Person ihren Ausdruck findet.

Diese Art von Motivation setzt in der onthogenetischen Entwicklung des Menschen erst mit Beginn der Adoleszenz ein. Auch hier ist es wichtig zu sehen, daß sie zwar einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit untersteht, sich im einzelnen Individuum aber auf unterschiedlichste Weise und in verschiedenen Reifungsgraden ausbildet. Dieses Motiv-System betrifft nur einen Teil der menschlichen Motive und erklärt nicht das Ganze der Motivation. Allport bezeichnet dieses Motiv-System als (propriate) funktionelle Autonomie. „Die funktionelle Autonomie betrachtet die Motive des Erwachsenen als mannigfaltige, sich selbst unterhaltende und gegenwärtige Systeme, die aus vorhergehenden Systemen hervorwachsen, aber funktionell unabhängig sind Sowie das Individuum (oder das Motiv) reift, wird das Band mit der Vergangenheit zerrissen. Die Verbindung ist historisch, nicht funktionell.“18 Wie unvereinbar diese Motivationstheorie mit den verschiedenen Erklärungsmodellen ist, die jegliche Motivation als durch Triebe bedingt erklärt haben und verstanden wissen will, geht hieraus deutlich hervor. Keinesfalls leugnet Allport, daß die Trieb-Theorie adäquat ist, wenn es um die Motivation in den ersten beiden Jahre des Lebens geht. Selbst daß sogenannten Trieben oder Grundbedürfnissen in einem begrenzten Bereich das ganze Leben hindurch eine mehr oder weniger große Rolle zukommt, würde Allport nicht bestreiten. Auch die Angemessenheit der Trieb-Theorie in Bezug auf Erklärungen der Motivation von Tieren würde er nicht bestreiten. Doch in Bezug auf gesunde, erwachsene Menschen stellt sie sich - mit dem Anspruch eine vollständige Theorie zur Erklärung jeglicher Motivation zu sein - unbedingt als eine unzulässig reduktionistische Theorie dar.

Wir halten in diesem Zusammenhang einige Dinge fest:

Zum einen wird aus dieser Auffassung Allports, dem Schritt hin zu einer funktionellen Autonomie des Menschen, seine geistige Verwurzelung in der deutschen idealistischen Philosophie deutlich. Für Kant bildet das, was Allport funktionelle Autonomie nennt, eine Grundvoraussetzung, ohne die seiner gesamten praktischen Vernunft der Boden weggezogen wäre. Die naturalistischen Theorien vom Menschen, wie sie Schopenhauer und Freud behauptet haben, verfehlen für Alloprt gerade das, was den Menschen gegenüber den Tieren auszeichnet: Die Möglichkeit sich durch Rationalität den natürlich-biologischen Gesetzen zu überheben.

Es ist wichtig zu sehen, daß ohne eine Annahme eines proprialen Bereiches innerhalb der Gesamtpersönlichkeit, viele Ebenen menschlichen Verhaltens nicht adäquat erklärt werden können. Deshalb ist das System der (propriaten) funktionellen Autonomie eben ohne die Annahme eines solchen Bereiches innerhalb der menschlichen Persönlichkeit nicht erklärbar.

Es muß weiter unterstrichen werden, daß erst mit jener Entwicklungsstufe des Propriums, ab welcher sich propriates Streben herausbildet und zur Entstehung funktionell autonomer Motive führen kann - daß allererst hiermit auch jene Handlungen möglich sind, die wir als human bezeichnen würden. Hieraus wird auch verständlich, warum, philosophiegeschichtlich betrachtet, Philosophen, die der idealistischen Tradition zugeordnet werden, immer wieder auf die Kluft zwischen Menschen und Tieren aufmersam zu machen bestrebt waren; ganz im Gegensatz zu den Philosophen, die vornehmlich den Schulen angehörten, die ich bereits oben (S. 3) aufgegührt habe und gegen dessen Reduktionismus Allport ankämpfte. Allport stellt klar heraus, daß das typisch humane, also das, was den Menschen von anderen animalen Lebensformen unterscheidet, was sein „Wesen“ ausmacht, nur funktional erklärt werden kann. Was den Menschen gegenüber allen Tieren, deren Verhalten sich vollständig im Bereich ihrer natürlichen Determinationen erschöpft, auszeichnet, ist für Allport, wie auch für die gesamte Philosophie Cassirers, nur durch eine hinzutretende Funktion erklärbar. Mit diesem funktionalen Prozeß, der beim Menschen ab einer bestimmten Entwicklungsstufe einsetzt, ist dem Menschen die Möglichkeit gegeben, seine natürlich-biologische Determiniertheit in einem bestimmten Rahmen zu überwinden.

Wodurch dieser Prozeß phylogenetisch motiviert ist und welche Triebfedern diesen Prozeß in Gang brachten - darüber lassen sich, soweit ich das beurteilen kann, nur Mutmaßungen anstellen und soll hier auch nicht das Thema sein. Wichtig für das Verständnis der geistigen Grundlage der Allport’schen Psychologie und seines Verständnisses der menschlichen Persönlichkeit ist an dieser Stelle vor allem die Erkenntnis, daß das, was man meint, wenn man vom Wesen des Menschen spricht, nicht mit einer naturalistischen Theorie erklären kann. Mit dem Einsetzen des Entwicklungsstadiums des propriaten Strebens, muß, damit sich Motive, die funktionell autonom sind, überhaupt entwickeln können, eine Art von Abkopplung von den uns gänzlich bestimmenden, natürlichen Gesetzmäßigkeiten stattfinden. Doch wenn dies geschieht, sind wir damit auch genötigt, uns selbst zu bestimmen, was in zunehmend bewußterem Maße über ein jeweiliges Verständnis unseres „Selbst“ funktionieren muß. Freiheit fordert, sowohl phylogenetisch als auch onthogenetisch gesehen, Selbstbestimmung. Der Mensch muß auf etwas in sich zurückgreifen. Und dieses etwas meint Allport, wenn er von Proprium spricht.

Das letzte Entwicklungsstadium des Propriums trägt nach Allport der Tatsache rechnung, daß wir nicht nur die einzelnen Stadien unserer Selbst-Bezugnahme und Selbst-Erfahrung durchlaufen, sondern wir uns auch des Besitzes dieser bewußt sind. Deshalb nennt er diesen Selbst-Aspekt auch das Selbst als Wissender. Die Problematik, die sich bei der Frage, wie man das Selbst als Wissender zu verstehen hat, ergibt, ist vor allem jene: Ist dieses erkennende Selbst so zu begreifen, daß es über alle anderen Funktionen des Propriums hinausgeht und in qualitativer Hinsicht verschieden von diesen ist, oder ist es nur als ein Aspekt unter den anderen oben aufgeführten Proprium-Funktionen zu verstehen. 19

Wichtig ist für das Verständnis des Propriums, daß es im richtigen Verhältnis zur Gesamtpersönlichkeit gesehen wird. Die Funktionen des Propriums oder die SelbstFunktionen - ich betone es noch einmal - decken sich nicht mit der Persönlichkeit insgesamt. „Sie sind mehr die speziellen Aspekte der Persönlichkeit, die mit Wärme, mit Einheit, mit einem Sinn persönlicher Bedeutung zu tun haben.“20

IV Schlußbemerkung

In dieser Arbeit war ich bemüht Allports Theorie der Persönlichkeit in seinen Grundzügen vorzustellen. Daraus ging hervor, daß Allports Verständnis davon, was unter einer Persönlichkeit zu verstehen sei, aus einer kritischen Auseinandersetzung mit kontroversen philosophischen Positionen resultiert, wie sie diesbezüglich im Lauf einer mehr als zweitausend Jahre alten Geistesgeschichte vertreten wurden. Die zu seiner Zeit heftig geführten wissenschaftstheoretischen Diskussionen verfolgte er nicht nur, sondern beteiligte sich, Stellung beziehend, lebhaft an ihnen. Unter anderem wurde gefragt, wie die, dem Selbstverständnis der Wissenschaft entsprechenden Methoden, die einen wissenschaftlichen Fortschritt gewährleisten, zu bestimmen seien.

Auch die in diesem Kontext geführte Diskussion bestätigte und festigte seine, in der idealistischen Tradition stehende Auffassung, daß die Erweiterung unseres Verständnisses von der Welt allein durch empirisches Vorgehen einen zum scheitern verurteilten Versuch darstellt. In seinem Aufsatz „Was heißt : sich im Denken orientieren?“ hat Kant auf - für seine Verhältnisse - überaus klare Weise die Richtlinien des Denkens im Umgang mit „übersinnlichen Gegenständen“ dargelegt. Allport ist in diesem Sinne als Kantianer zu bezeichnen.

An verschiedenen Stellen seiner Schriften 21 wirft er anderen Psychologen vor, eine bestimmte philosophische Ansicht über das Wesen des Menschen zu haben, ohne daß ihnen diese bewußt sei. Jede Theorie der Persönlichkeit involviert zugleich eine Philosophie der Person. Die Forderung, die dieses Bewußtsein mit sich bringt, nämlich diesem Sachverhalt gegenüber Rechenschaft abzulegen, hat wohl kaum ein Psychologe seiner Zeit so konsequent Tribut gezollt wie Gordon W. Allport.

Seine Aussage zur Einschätzung seiner Psychologie von anderen und die sich anschließende Selbstcharakterisierung seiner Psychologie, die ich auf oben (S. 3) aufgeführt habe, müßte nach meinen Ausführungen nun etwas verständlicher geworden sein. Wenn sich ein solches Gefühl bei nochmaligem Lesen dieses Zitates einstellt, hat diese Arbeit ihren Zweck zumindest nicht ganz verfehlt und bestenfalls angeregt, selbst einmal ein Buch dieses Psychologen zur Hand zu nehmen, dessen klare und durchsichtige Darstellung seiner umfassenden Beschäftigung mit der menschlichen Persönlichkeit tief beeindruckt.

V Literaturverzeichnis

- Gordon W. Allport „Gestalt und Wachstum in der Persönlichkeit“ ; Übertragen und herausgegeben von Helmut von Bracken ; Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan, 1970.
- Gordon W. Allport „Persönlichkeit - Struktur, Entwicklung und Erfassung der menschlichen Eigenart“ ; Übertragen und herausgegeben von Helmut von Bracken ; Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan, 1959.
- Gordon W. Allport „Werden der Persönlichkeit - Gedanken zur Grundlegung einer Psychologie der Persönlichkeit“ ; Kindler Verlag GmbH, München, 1974.
- Richard I. Evans „Dialogue with Gordon Allport“ ; Publishedin 1981 by Praeger Publishers, New York.
- Hermann - Josef Fisseni „Persönlichkeitspsychologie“ ; 4. Auflage ; Göttingen 1998.
- Lawrence A. Pervin „Persönlichkeitstheorien“ 3. Auflage ; München 1993.
- Ernst Cassirer „Versuch über den Menschen“ ; Felix Meiner Verlag ; Hamburg 1996.

[...]


1 Gordon W. Allport „Werden der Persönlichkeit“ ; S. 14..

2 Gordon W. Allport „Werden der Persönlichkeit“ ; Kindler Verlag GmbH München 1974 ; S. 25.

3 ebd. S.26.

4 Gordon W. Allport „Gestalt und Wachstum der Persönlichkeit“ ; Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1970 ; S. XI-XII. Über die Interpretation dieser Aussage ließe sich die Psychologie Allports auch darstellen. Ich wähle diesen Weg jedoch nicht.

5 Der Titel der Dissertation Allports illustriert sehr gut seinen Standpunkt zwischen Wissenschaft und seinem Interesse für soziale Fragen und Probleme und dem damit verbundenen Engagement. Der Versuch soziale Fragen auch in seine Forschung mit einzubegreifen und diese beiden Gebiete miteinander zu verbinden, bleibt sein ganzes Leben hindurch ein bestimmendes Anliegen. Der Titel seiner Dissertation lautet : An Experimental Study of the Traits of Personality : With Special Reference to the Problem of Sozial Diagnosis.

6 ebd. S. XIV.

7 Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus nimmt im Grunde die verschiedenen Ausgestaltungen des Neupositivismus’ vorweg: „ Die Gesamtheit der wahren Sätze ist ...die Gesamtheit der Naturwissenschaften. Die Philosophie ist keine der Naturwissenschaften. Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken..Die Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. Das Resultat der Philosophie sind nicht ´philosophische Sätze´, sondern das Klarwerden von Sätzen.“ ; (Tractatus 4..112) .

8 Ernst Cassirer „Versuch über den Menschen“ ; Felix Meiner Verlag Hamburg 1996 ; S.95-96.

9 Gordon W. Allport „Gestalt und Wachstum in der Persönlichkeit“ ; Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1970 ; S. 8. Klammern von mir hinzugesetzt. Das Buch erschien 1961 unter dem Orginaltitel „Pattern and Growth in Personality“ in America. Es ist eine Neubearbeitung seines bereits 1937 erschienenen Buch „Personality : a Psychological Interpretation“.

10 G.W. Allport „Werden der Persönlichkeit“ ; S. 27-28.

11 ebd. ; S. 30.

12 G.W.Allport „Gestalt und Wachstum der Persönlichkeit“ ; S. 3.

13 Hermann-Josef Fisseni „Persönlichkeitspsychologie“ 4.Aufl. Göttingen 1998 ; S.160.

14 Siehe dazu G.W.Allport „Werden der Persönlichkeit“ ; S. 40.

15 ebd. ; S. 41.

16 ebd. ; S. 44.

17 Richard I. Evans „Dialogue with Gordon Allport“ (Isadore 1922) ; Published in 1981 by Praeger Publishers, New York ; S.42.

18 Gordon W. Allport „Gestalt und Wachstum in der Persönlichkeit“ ; S. 221. 12

19 Ich gehe auf dieses Problem innerhalb dieser Arbeit nicht weiter ein, da ich dessen Entfaltung nicht als zu den Zielsetzungen dieser Arbeit gehörig verstehe. Näheres dazu in Gordon W. Allport „Werden der Persönlichkeit“ ; S. 52 ff. und in „Gestalt und Wachstum der Persönlichkeit“ Kapitel 16 „Die Einheit der Persönlichkeit“.

20 Gordon W. Allport „Werden der Persönlichkeit“ ; S. 54.. 13

21 So z.B. in „Werden der Persönlichkeit“ ; S. 16. 14

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Allports Theorie der Persönlichkeit
Autor
Jahr
1997
Seiten
15
Katalognummer
V104605
ISBN (Buch)
9783640134090
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Allports, Theorie, Persönlichkeit
Arbeit zitieren
Raphael Haardt (Autor), 1997, Allports Theorie der Persönlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104605

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