Familie im Märchen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kriterien für die Auswahl der Literatur

3. Die Rollenverteilung in „märchenhaften“ Familien
3.1 Die Väter
3.2 Die Mütter
3.3 Die Söhne
3.4 Die Töchter

4. Erarbeitung der Rollenverteilung in „Märchenfamilien“ im Unterricht
4.1 Richtlinien und Lehrplanbezug
4.2 Mögliche Arbeitsmaterialien und ihre Lehrziele
4.2.1 Vorbemerkung
4.2.2 Groblehrziel
4.2.3 Lernangebote

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Volksmärchen der Brüder Grimm sind Teil unserer europäischen Kultur und gehören für viele Eltern heute noch zum traditionellen Bestandteil der Erziehung.

Nahezu alle Kinder kennen Märchen vom Vorlesen oder Erzählen, von Kassetten bzw. CDs oder aus dem Fernsehen, bevor sie in die Schule kommen. Diese Tatsache bildet eine gute Basis, um die Rolle der Personen innerhalb einer Märchenfamilie bzw. das Thema „Familie heute“ anhand dieser zu erarbeiten. Das Thema „Familie“ erscheint heute aktueller denn je, da in der Lebenswirklichkeit der Kinder immer neue Familienformen auftreten (alleinerziehende Elternteile, Patchworkfamilien usw.).

Zwei Fragen bilden den zentralen Ausgangspunkt dieser Arbeit:

- Wie wird die Familie in den Märchen der Brüder Grimm präsentiert?
- Wie können Lehrer Primarstufenschüler auf die Rollen der einzelnen Familienmitglieder aufmerksam machen?

Es sollen zunächst die Kriterien erläutert werden, die für die Auswahl der Literatur (Märchen) sprechen, dem wird die Begründung folgen, weshalb gerade Märchen der Brüder Grimm gewählt wurden. Im Anschluss daran wird die Rollenverteilung in Märchen analysiert, um dann Anregungen zu geben, wie man diese mit Kindern im Unterricht der Primarstufe (etwa zum Ende des 2. Schuljahres) erarbeiten könnte. Diese Unterrichtsanregungen erfolgen unter vorheriger Berücksichtigung der Richtlinien und des Lehrplans. Die vorgestellten Arbeitsmaterialien ermöglichen einen fächerübergreifenden Unterricht in Werkstattform und sollen die sozialen Kompetenzen der Schüler fördern.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Darstellung der Familie in den Märchen der Brüder Grimm zu analysieren und beispielhaft in einem Unterrichtsmodell Möglichkeiten für die Erarbeitung in der Schule vorzustellen.

2. Kriterien für die Auswahl der Literatur

Es erscheint sinnvoll die Erarbeitung der Rollenverteilung in Familien anhand von Märchentexten vorzunehmen, da man bei Kindern an ein entsprechendes Vorwissen anknüpfen kann und Märchentexte sprachlich gut verständlich sind. Die Kürze der Texte spricht ebenfalls für ihre Auswahl, da Primarstufenschüler dieses Alters mit längeren Texten überfordert wären. Nach BEINLICH bzw. MAIER gilt das Alter von 5-8 Jahren als die märchenhafte Lesephase.[1] Demnach haben Kinder Interesse an Wunderbarem, sammeln aber auch Realerfahrungen, die sie sich assoziativ merken und entwickeln ein Menschenbild, welches auf Kontrastierung ausgerichtet ist. Hiermit ist die Hauptbegründung für die Auswahl von Märchentexten gegeben: Märchentexte liefern einerseits etwas Wunderbares; die Erarbeitung des Aspekts der Familienbetrachtung trägt mit dazu bei, die bisher gemachten Erfahrungen der Kinder zu thematisieren und ihr Menschenbild zu prägen.

„Ferner herrscht im Märchen ein für das Kind zuträgliches Gleichgewicht zwischen Bekanntem und Unbekanntem“[2], so dass eine Erweiterung des kindlichen Wissens möglich ist, ohne das Kind zu überfordern. Familienbetrachtung in Bezug auf Märchentexte ermöglicht des Weiteren das Anknüpfen an Bekanntes und entspricht so aktuellen didaktischen Forderungen. Ein weiteres Kriterium für die Wahl von Märchentexten ist, dass Kinder ein großes Interesse an ihnen zeigen, welches wahrscheinlich dadurch begründet ist, dass durch Märchen den Kindern ermöglicht wird die „Sehnsüchte nach Abenteuer, Wunscherfüllung und Überwindung von Problemen und Ängsten auszuleben“[3].

Die Märchen der Brüder Grimm bieten sich geradezu als Basistexte an. Sie wurden immer wieder auf ihren erzieherischen Wert hin überprüft. Dabei kam man zu unterschiedlichen Ansichten[4]: bevor die Brüder Grimm die Märchen sammelten und veröffentlichten, wurden bereits Empfehlungen für das Erzählen von Märchen in der antiken und mittelalterlichen Pädagogik gegeben. Das Märchen diente dazu, Kinder „zu trösten, zu ermuntern, zu bewahren und zu ermutigen“[5]. Während der Aufklärung wurde es dann verdammt, da es als „üble Lügengeschichte“[6] galt. Erst als man sich in der Romantik vom rationalen Denken der Aufklärung abwandte, wurden Märchen populärer. Die Brüder Grimm hatten die Absicht mit ihrer Märchensammlung sowohl Materialien der deutschen Poesie zusammenzutragen als auch ein Erziehungsbuch herauszugeben. Die erzieherischen Ziele waren ebenfalls unterschiedlich: die Kinder sollten das Lehrreiche aus Märchen anerkennen und gleichzeitig, „das geistige Gut des Volkes lebendig [zu] bewahren“[7]. Auch WITTGENSTEIN weist im Vorwort seines Buches „Märchen, Träume, Schicksale“[8] auf die Darstellung der Familie in Märchen hin, aus der Kinder lernen sollen.

Die hier aufgeführten Aspekte sprechen für die Auswahl der Märchentexte der Brüder Grimm, so dass diese im Folgenden näher betrachtet werden sollen.

3. Die Rollenverteilung in „märchenhaften“ Familien

Als Basistexte, für die von mir durchgeführte Analyse der Rollenverteilung in Märchenfamilien, werde ich folgende Märchen näher betrachten:

- Hänsel und Gretel
- Aschenputtel
- Die zwölf Brüder
- Schneewittchen[9]

Diese Märchen wählte ich aus, da sie einerseits sehr bekannt sind (mit Ausnahme der „Zwölf Brüder“) und andererseits die Rolle der einzelnen Familienmitglieder klar darstellen, so dass sie auch geeignet sind, von Kindern erarbeitet zu werden. Die Ergebnisse dieser Analyse sollen dazu dienen, als Lehrkraft genügend Hintergrundwissen zu haben, um solche Aspekte im Unterricht der Primarstufe zu thematisieren.

3.1 Die Väter

Betrachtet man die vier ausgewählten Märchen, so stellt man fest, dass der Vater unterschiedlich dargestellt wird. In „Hänsel und Gretel“ ist er ein armer Holzhacker, in „Aschenputtel“ und „Die zwölf Brüder“ ist er ein reicher Mann bzw. König. In „Schneewittchen“ wird der Vater nicht erwähnt; der Gegenpart zur eifersüchtigen Mutter wird durch den Jäger, der Schneewittchen in den Wald führen und töten soll, verkörpert. Die Einkommensverhältnisse der Väter prägen deren Rolle in der Familie entscheidend mit:

So ist der arme Holzhacker nur eine Marionette seiner Frau und handelt nach ihren Befehlen. Seine eigene Meinung, die nicht mit der seiner Frau übereinstimmt, zählt nicht und verhindert auch nicht das Schicksal seiner Kinder. Der Vater wird von der Mutter (obwohl diese wohl kaum ein eigenes Einkommen hat) als Versager dargestellt, der es noch nicht einmal schafft, seine Familie ausreichend zu ernähren. Sein Versagen wird als Auslöser für die Trennung der Kinder von den Eltern angesehen. Obwohl seine Gefühle gegen ein Aussetzen der Kinder sprechen, kann er sich seiner Frau nicht widersetzen, da sie in ihm den Verantwortlichen sieht. ZITZLSPERGER stellt fest, dass der Vater in den ersten Lebensjahren der Kinder „schwach und kraftlos“ ist[10]. Erst nach der Rückkehr der Kinder wird er als „Gewinner“ dargestellt: er freut sich über die Rückkehr seiner Kinder und seine Frau, die der Initiator für das Aussetzen dieser war, ist gestorben.

Im Märchen „Aschenputtel“ wird zunächst dargelegt, dass der Vater ein reicher Mann sei und vergnügt mit seiner Frau und seinem Töchterchen zusammenlebt. Der Tod seiner Frau bringt in die Lebenssituation der Familie eine entscheidende Wende: Die den Vater „bereichernde“ Mutter ist gestorben und somit als Teil seines Lebens verloren gegangen. Durch die Heirat mit seiner neuen Frau verliert er jeglichen Einfluss auf die Lebenssituation seiner Tochter. Er kann deren Schicksal als Hausmädchen und Sklavin der Stiefschwestern nicht verhindern. Er lässt sie ebenso im Stich wie Hänsel und Gretel von ihren Eltern im Wald allein gelassen wurden. Der Vater wird im Verlauf des Märchens nicht mehr genannt, wodurch seine untergeordnete Rolle in der Familie verdeutlicht wird.

[...]


[1] Vgl.: Fritzsche, J. 1994: Zur Didaktik und Methodik des Deutschunterrichts. S. 149

[2] Lüthi, M. 1964: Psychologie des Märchens. In: Laiblin, W. (Hrsg.)1969: Märchenforschung und Tiefenpsychologie. S. 421

[3] Richter, K. 2001: Märchen. In: Heckt, D./ Neumann, K. (Hrsg.) 2001: Deutschunterricht von A-Z. S. 239

[4] Vgl.: Gerstl, Q. 1964: Die Brüder Grimm als Erzieher. S. 22 ff

[5] Ebd., S. 22

[6] Ebd., S.23

[7] Ebd., S.29

[8] Vgl.: Wittgenstein, O. 1965: Märchen, Träume, Schicksale. S. 5-7

[9] Alle Märchen aus: Schertz, W. (Hrsg.) 1961: Grimms Märchen.

[10] Zitzlsperger, H.1993: Kinder spielen Märchen. S.68

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Familie im Märchen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fachbereich Germanistik)
Veranstaltung
Familienszenen - Mißratene KInder in der Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V10464
ISBN (eBook)
9783638168793
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familie Märchen der Brüder Grimm
Arbeit zitieren
Tanja Barstat (Autor), 2002, Familie im Märchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10464

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