Privilegien und Überlebenschancen der Musiker in der Lagerkapelle des KZ Buchenwald


Facharbeit (Schule), 2001

15 Seiten, Note: 2-


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Inhaltsverzeichnis

DECKBLATT

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. DIE LAGERKAPELLE
2.1 Entstehung der Lagerkapelle
2.2 Organisation der Lagerkapelle
2.3 Aufgaben der Lagerkapelle

3. DIE MUSIKER
3.1 Tagesablauf der Musiker
3.2 Privilegien der Musiker
3.3 Überlebenschancen
3.4 Vorheriger Beruf bzw. Ausbildung der Musiker

4. LAGERKAPELLE - EIN LEICHTES KOMMANDO?
4.1 Verschiedene Sichtweisen
4.2 Vergleich Loudas Ansicht ¤ Timinskis Ansicht zu der Frage des „leichten“ Kommandos

5. RESUMÉE

6. ERKLÄRUNG

1. Einleitung

Meine Facharbeit, die dem Fach Musik zugeordnet ist, beschäftigt sich mit der Lagerkapelle und den Musikern des Konzentrationslagers Buchenwald. Aufgabe der nachstehenden Zeilen soll es sein, sich kritisch mit einigen Fragestellungen auseinander zusetzen. Ich bemühe mich deshalb, das Thema auf folgenden Fragestellungen einzugrenzen.

Welche Privilegien hatten die Musiker gegenüber den anderen Häftlingen?

Wie war die Überlebenschancen der Musiker?

War die Lagerkapelle ein „leichtes“ Kommando?

Die Quellen, mit denen ich arbeite, stammen zum überwiegenden Teil aus dem Archiv der Gedenkstätte Buchenwald. Die Gelegenheit der Quellenbeschaffung bot sich bei einem zehntägigen Praktikum mit meinem Musikleistungskurs zusammen mit dem Geschichtsleistungskurs in der Gedenkstätte Buchenwald.

Bei einem leider nicht grade reichhaltigen Angebot, von Texten und Originalquellen wies es sich als schwierig heraus, Quellen zu finden, die sich genau mit diesen Fragestellungen beschäftigen. Es sind eigentlich nur zwei Quellen vorhanden, die einen genaueren Einblick über die damalige Situation in der Lagerkapelle geben und etwas über die Situation der Musiker aussagen. Das ist zum einen die Aussage des Vlastimil Louda und zum zweiten ein Bericht von Kasimir Timinski. Sie dienten mir als Grundlage für meine Arbeit, dennoch beruht sie zum Teil auf Hypothesen, die ich versuche mit Zitaten, aus verschiedenen Quellen zu belegen.

2. Die Lagerkapelle

2.1 Entstehung der Lagerkapelle

Einer der ersten Musiker und Sänger im KZ war der Häftling Willi Dehnert, der in Buchenwald von 1937 bis 1938 inhaftiert war. Er arbeitete als Pfleger im Revier und wurde von seinen Kollegen aufgefordert nach seiner Gitarre zu fragen, die ihm bei seiner Einlieferung ins Lager abgenommen worden war. Sie wurde ihm ausgehändigt und ab dann sang er von Zeit zu Zeit im Revier und schließlich auch in den verschiedensten Blocks. Es wurde ihm, obwohl es eigentlich nicht erlaubt war, nicht verboten und sogar vom Ersten und Zweiten Lagerältesten geduldet, die ihm zuhörten, wenn er sang und spielte.1

Die Lagerkapelle entstand 1938, nach etwa einjährigem Bestehen des Konzentrationslagers. Gegründet wurde die Kapelle von dem damaligen Schutzhaftlagerführer Rödl, der 1898 geboren wurde, sich 1914 als Kriegsfreiwilliger meldete und schließlich 1928 der SS beitrat. Von August 1937 bis April 1941 war er 1. Schutzhaftlagerführer des KZ Buchenwalds. Von einem ehemaligen Häftling wird Rödl als „fanatischer“ Musikliebhaber beschrieben, der sich aus den Reihen der Häftlinge Musiker für die Kapelle aussuchte2. Diese Musiker waren zum größten Teil Zigeuner, „die von den Nazis als ‚Schwarze’, also als ‚Asoziale’ und ‚Arbeitsscheue’ eingestuft waren“. Neben den Zigeunern spielten noch einige „Bibelforscher“ und ein Tscheche in der Kapelle mit. Die Musiker beherrschten anfangs meist nur den Umgang mit ihren Instrumenten und konnten zum Teil noch nicht einmal Noten lesen. Der Kapellmeister war zu dieser Zeit ein deutscher Chansonier, der ebenfalls zu der Gruppe der „Schwarzen“ gehörte. Äußerlich unterschieden sich die Musiker der Kappelle nicht von den anderen Häftlingen und die musikalische Leistung war in den ersten Jahren miserabel.

„Die Lagerkapelle der Jahre 1938-41 spielte mehr schlecht als recht. Nur ein paar Musiker verfügten über mehr als die simpelsten Grundkenntnisse und konnten sich kaum in einer einfachen Partitur orientieren. Wenn ein neues Stück eingeübt werden sollte, mussten jene, die Noten lesen konnten, den anderen ihre Partie solange einpauken, bis sie sie auswendig konnten. Das war aufreibend und schwerfällig. Das Ergebnis war meist Musik auf bescheidenstem Schrammel-Niveau3.“

Die Lagerkapelle wurde erst mit dem Beginn des Krieges in ihrer Funktion aufgewertet und so wurde Ende 1940 vom SS-Standartenführer H. Florstedt der Ankauf von neuen Instrumenten befohlen. Diese Instrumente trafen Anfang 1941 ein, es waren zum größten Teil Blasinstrumente. Die Grundlage für eine qualitativ bessere Lagerkapelle war gegeben und die Anzahl der Musiker wurde von 12 auf 18 Musiker erhöht. Da die Musik allerdings nur lauter und nicht besser wurde, war es zwangsläufig notwendig, das ein neuer Kapellmeister gefunden werden musste.

Dieser neue Kapellmeister war der Politische Häftling Vlastimil Louda, ein ehemaliger Chefredakteur der Narodni politika tschechischer Herkunft, der zwar recht gut Geige spielte, aber noch nie als Leiter einer Kapelle gearbeitet hatte. Er war aber ein guter Organisator, was eine der wichtigsten Eigenschaften war, um im KZ überleben zu können und um Arbeit zu leisten, mit der die Lagerführung zufrieden war. Politisch war Louda schon vor seiner Verhaftung, im Dezember 1939 im tschechischen Widerstand aktiv gewesen und er verfügte immer noch über Kontakte zum politischen Untergrund.

Louda ersetzte nach und nach die Zigeuner und Bibelforscher und die anderen semiprofessionellen Musiker, die in der Kapelle spielten mit teilweise sogar professionellen Musikern, die ähnlicher politischer Gesinnung waren wie er. Dies machte er nicht ohne Grund, denn so konnte er „die Kapelle auch für verbotene Zwecke einsetzen“, denn es war für die Politischen Häftlinge, die den antifaschistischen Widerstand im Lager organisierten wichtig, dass Funktionshäftlinge aus ihren eigenen Reihen berufen wurden. Louda schaffte es, die Genehmigung zu bekommen, die Anzahl der Musiker von 18 auf 32 Mann zu erhöhen und so bildete sich eine Internationale Lagerkapelle, mit Musikern aus allen Häftlingsgruppen.

Ab etwa 1941 unterschieden sich die Musiker der Kapelle dann auch äußerlich von den anderen Häftlingen. Sie wurden mit Uniformen der jugoslawischen königlichen Garde ausgestattet, die aus roten Reithosen, deren Nähte gelb abgesetzt waren, aus blauen Röcken mit Messingknöpfen und goldenen, zu Ornamenten geknüpften Kordeln sowie aus dunkelblauen Brigadiersmützen mit festen Schild bestanden4. Auf die anderen Häftlinge wirkten die Musiker mit ihren Uniformen wie ein „Zirkusorchester“5. Doch für die Musiker hatte die Uniform Vorteile, so konnten sie leichter von den anderen Häftlingen unterschieden werden und so der einen oder anderen Strafe entgehen, aber andererseits waren sie mit der Uniform auch auffälliger und konnten so leichter kontrolliert werden.

Die Lagerkapelle blühte unter der Leitung Loudas mehr und mehr auf, das lag einerseits daran, dass die Musiker sich mehr engagierten als die Musiker der ersten Jahre und sich um ein kulturelles Angebot im Lager kümmerten6. Bis zur Befreiung des Lagers änderte sich nicht mehr viel in der Kapelle, Louda war recht bald bei der Lagerführung angesehen wegen seiner guten Erfolge bei der Leitung der Kapelle. Die Mitgliederzahl stieg stetig an und betrug 1945 etwa 120 Mitglieder.

2.2 Organisation der Lagerkapelle

Die Organisation der Lagerkapelle ging von der Gründung der Lagerkapelle bis zur Auflösung infolge der Befreiung des Lagers von der Lagerleitung aus. Allerdings änderte sich der Einfluss der Lagerleitung auf die Kapelle auf gewisse Weise mit den Jahren. Anfangs wurde der Befehl zur Gründung der Kapelle gegeben, der Kapellmeister festgelegt, aber um alles andere musste sich die Kapelle selbst kümmern. Dies änderte sich auch nicht mit Fortbestehen der Kapelle. Die Musikalische Leistung hing also sehr am Organisationstalent des Kapellmeisters bzw. der Musiker7. Die Kapellmeister hielten den hohen Anforderungen nicht lange stand und so gab es zwischen 1938 und Frühjahr 1942 sechs verschiedene Kapellmeister. Loudas Organisationstalent bestätigt sich demnach, wenn man betrachtet, das er der siebte und auch letzte Kapellmeister bis 1945 war. Seine Vorgänger hatten im Schnitt nicht länger als ein Jahr die Leitung der Kapelle, was zeigt, dass man außergewöhnliche Fähigkeiten brauchte, um sich in der Funktion des Kapellmeisters zu behaupten.

Loudas erstes Anliegen war, das überaus spärliche Repertoire, das nur aus wenigen Stücken bestand, zu erweitern und somit für bessere Stimmung bei den Musikern und auch den Häftlingen zu sorgen. Er ließ sich Stücke von seiner Frau schicken, die ohne weiteres zu ihm gelangten und noch nicht einmal zensiert wurden. Es waren zum größten Teil tschechische Stücke, und die Wirkung die, sie auf die Musiker und Häftlinge hatten, war unbeschreiblich. Die Musiker spielten sie mit größter Hingabe und die Häftlinge schöpften neuen Mut bei den Klängen dieser Lieder. „Es war, als platzte eine Bombe in die Eintönigkeit des Lagerlebens. (...) Die Köpfe reckten sich, über die düsteren, missmutigen Gesichter ging ein selbstbewusstes Lächeln.“

Louda wusste, dass die Musik den Häftlingen helfen konnte und erweiterte ein Jahr später wieder das Repertoire mit der selben Wirkung. Einerseits wurden die Verpflichtungen, die von der Lagerkommandantur auferlegt waren erfüllt, andererseits wurde ein Kulturleben im Lager geschaffen.

Durch die Musiker die, sich den Plänen Loudas nicht widersetzten und ihn sogar unterstützen, konnte einiges an Konzerten, Ständchen, etc. arrangiert werden, was ansonsten gegen den Willen der Lagerkommandantur nicht möglich gewesen wäre. Louda beschaffte aber nicht nur Notenmaterial von außerhalb, sondern kümmerte sich auch darum, dass lagereigene Kompositionen einstudiert und aufgeführt wurden8.

2.3 Aufgaben der Lagerkapelle

Die Aufgaben der Lagerkapelle waren anfangs nicht wie die anderer Lagerkapellen in vergleichbaren Konzentrationslagern, in denen die Lagerkapellen eingesetzt wurden, um bei militärischen Veranstaltungen der SS zu spielen. In Buchenwald gab es für solche Zwecke eine eigene Divisionsmusikkapelle, die diese Aufgaben übernahm.9 Die Lagerkapelle sollte durch ihr spielen bei den Häftlingen die Stimmung steigern und so in ihrem tristen Leben einen gewissen Grad von Abwechslung bringen. Aber der eigentliche Hintergrund war, das die Ordnung in den aus- und einmarschierenden Häftlingskolonnen durch die Marschmusik eingehalten werden sollte. Die SS hat die Musik zur Verschlüsselung ihrer eigentlichen Grausamkeit benutzt10. Die Häftlingskapelle musste bei „Zähl- und Stehappellen, formationsweisen Aufmärschen morgens und abends, Barackendurchsuchungen, Exekutionen von Strafen ...“ und vielen anderen Gelegenheiten, wo Häftlinge geprügelt, gepeinigt oder gefoltert wurden spielen. Sie komplettierte das militärische SS-System und war ein Baustein in der Kontrolle und Beherrschung der Gefangenen11.

Ab 1943 hatte die Lagerkapelle dann auch die Erlaubnis, legal öffentliche Konzerte zu geben. Zusätzlich zu ihren übrigen Aufgaben veranstalteten die Musiker viele illegale „kleinere“ Konzerte, die auf große Begeisterung bei den Häftlingen stießen. Eine kleine Gruppe von Musikern machte es sich zur Aufgabe „wie richtige Dorfmusikanten an den Feiertagen und Geburtstagen ihrer Freunde, oder bei außergewöhnlichen Jahrestagen des Aufenthaltes im KZ“ zu spielen12.

3. Die Musiker

3.1 Tagesablauf der Musiker

Die SS sah die Lagerkapelle Anfangs als ganz normales Arbeitskommando an und, da man fand, dass die Musiker durch ihr Spielen zum Aus- und Einmarsch der Häftlingskolonnen nicht ausgelastet seien, mussten sie in der Zwischenzeit auf dem Holzplatz oder Zimmerei arbeiten, Zeit zum Üben blieb dadurch nicht.13

In der Zeit von 1942 bis 1945 musste die Kapelle zweimal am Tag zum Marsch spielen, vormittags gab es Proben für die Bläser und Nachmittags für die Streicher. Diese Übungsstunden wurden aber oft von Blockführern ausgenutzt um die Kapelle für sich spielen zu lassen14. In der übrigen Zeit waren die Musiker eine Art Reinigungsdienst in den Baracken, wo sie z.B. aufräumten, sich um die dreckige Wäsche kümmerten, etc.15. Es kam aber auch oft vor, dass die Musiker zu Exekutionen oder Ähnlichem gerufen wurden, wo sie dann oft ohne Unterbrechung Märsche spielen mussten, bis die Bestrafung beendet war. Durchaus kam es auch ein paar mal vor, das die Mitglieder der Lagerkapelle auf den Appellplatz zitiert wurden, nicht um irgendwelche Märsche zu spielen, sondern um „Leibesübungen“ unter der Aufsicht von SS-Leuten mitzumachen.

3.2 Privilegien der Musiker

Die Musiker in den ersten Jahren der Kapelle hatten nicht mehr Privilegien als die anderen Häftlinge auch. Das liegt daran, dass die Kapelle als kein besonderes Arbeitskommando angesehen wurde, sondern auch wie jedes andere Arbeitskommando behandelt wurde.

Erst 1941 als die Mitglieder der Lagerkapelle sich durch ihre Uniform von den anderen Häftlingen unterschieden, kann man sagen, dass sie sich nicht nur durch ihr Äußeres von den anderen Häftlingen unterschieden. Die Lagerkapelle wurde als Vorzeigeobjekt des KZ bei besuchen „höherer“ Abordnungen der SS benutzt und so stieg auch das Ansehen der Musiker bei den Blockführern.

Sie konnten alleine durch ihre Kleidung und geschicktem Verhalten den meisten Strafen entgehen, aber die Uniform machte sie auch unter den anderen Häftlingen schneller auffindbar und somit konnte man sie auch letztendlich besser kontrollieren.16 Doch der größte Vorteil der Uniform war, das sie viel wärmer als die normale Häftlingskleidung war, was sich vor allem im Winter als überaus Nützlich erwies. Das Privileg, die Uniform der Lagerkapelle zu tragen, brachte aber auch den Nachteil, dass man vom Aussehen wie ein „Clown“ wirkte und dass es durchaus zu Verwechslung mit den „Dieben“ und „Widerstandskämpfern“ kommen konnte, die ebenfalls rote Hosen trugen.

Die Arbeit zwischen den Proben in den Baracken als „Hausmeister“ oder „Reinigungsdienst“ erlaubte, das die Musiker Einfluss auf den Hygienezustand in den Baracken und sogar auf die Verteilung des Essens hatten. Außerdem konnten sie kurze Pausen nutzen, um sich auszuruhen, was die Moral der Kapelle stark hob17. Aber es gab auch in der Lagerkapelle so etwas wie Konkurrenz, die damit zusammenhing, das die Einzelnen Mitglieder untereinander fürchteten, die Gunst zu den Peinigern durch unliebsame Konkurrenz zu verlieren18.

3.3 Überlebenschancen

Die Überlebenschance der Kapellmitglieder war bedeutend höher als die der anderen Kommandos. Es kam bei weitem nicht so oft zu Todesfällen infolge von Überanstrengung oder Bestrafung wie bei den harten Arbeitskommandos im Steinbruch oder in den anderen Außenkommandos. Die meisten Musiker, die einmal in die Lagerkapelle gekommen sind, haben die Zeit bis zur Befreiung 1945 ohne größere Schwierigkeiten überlebt. Louda hat seit Anfang seiner Tätigkeit als Kapelleiter versucht, so viele Häftlinge wie möglich den schweren Kommandos zu entziehen und sie in die Lagerkapelle als Musiker zu holen, oder er hat sie als unentbehrliche Musiker erklärt und so wurden sie von den Kommandos, in denen die Überlebenschancen gleich null waren, verschont und wurden leichteren Arbeitskommandos zugeteilt19.

Ein Beispiel ist Andrej Volrab, der im Juli 1943 nach Buchenwald kam und am gleichen Tag, an dem er inhaftiert wurde, Louda kennenlernte, der ihm das Notenschreiben für die Kapelle ermöglichte und ihn bei der Lagerleitung als Notenschreiber meldete. Volrab schuf innerhalb kürzester Zeit mehrere Stücke für die Kapelle die auch aufgeführt wurden. Anderer „schwerer“ Arbeit musste er nicht nachgehen und überlebte die Zeit im KZ unbeschadet20. So auch die Schicksale von Kazimirz Radwanski und Boleslaw Mazanek, die beide durch Loudas Hilfe aus schweren Arbeitskommandos herausgeholt wurden und ihren Platz in der Lagerkapelle fanden und somit auch die Zeit im KZ überlebten21.

Es lässt sich auch schon an der steigenden Mitgliederzahl der Lagerkapelle sehen, wie viel Louda dafür getan hat, dass vielen Häftlingen die Möglichkeit gegeben wurde, einen Platz in der „sicheren“ Lagerkapelle zu finden, selbst wenn sie keine guten Musiker waren. Schon durch ihre Privilegien, die sie als Mitglieder der Lagerkapelle genossen, war ihr Leben verhältnismäßig gut gesichert.

3.4 Vorheriger Beruf bzw. Ausbildung der Musiker

Es ist auffällig, das viele Mitglieder der Lagerkapelle keine professionellen Musiker waren, oder ein ganz anderes Instrument in der Lagerkapelle spielen, als sie gelernt hatten. Dies wird deutlich, wenn man sich die erlernten Berufe einiger Musiker anschaut. F. Polak war ursprünglich Rechtsanwalt und wurde in Buchenwald zum Notenschreiben angestellt und spielte auch Cello in Loudas Quartett. Kasimir Timinski war gelernter Bergbauingenieur und hatte als Kind begonnen Klavier zu spielen. In der Kapelle wurde er aber als Trompeter angestellt, da kein Pianist gebraucht wurde, er aber durch sein hervorragendes Gehör und seine sehr gute Technik den damaligen Kapo der Lagerkapelle überzeugte. Er musste innerhalb kürzester Zeit lernen, Trompete zu spielen, wobei er von den Mitgliedern der Lagerkapelle, die sehr kollegial waren, unterstützt wurde. Vlastimil Louda war Ingenieur, spielte Geige, hatte die Leitung der Kapelle und spielte im Louda Quartett.

J. Mikula ist ehemaliger Lehrer und spielt Bratsche in der Kapelle. Es lässt sich also erkennen, dass es nicht unmöglich war, in die Lagerkapelle zu kommen, auch wenn man kaum oder nur schlecht auf einem Instrument spielen konnte.

4. Lagerkapelle - ein leichtes Kommando?

4.1 Verschiedene Sichtweisen

Obwohl die Überlebenschance für die Mitglieder der Lagerkapelle ziemlich hoch war, taucht immer wieder die Frage auf, ob die Lagerkapelle ein leichtes Kommando war. Es kommt bei dieser Fragestellung immer auf den Standpunkt des Betrachters an. Wenn man in der Kapelle war, war das Überleben so gut wie gesichert, aber die seelischen und körperlichen Anstrengungen, denen die Musiker ausgesetzt waren, wurden den Häftlinge der Arbeitskommandos oft nicht deutlich. Das Leben der Musiker bestand für viele außenstehenden Häftlinge darin, beim Aus- und Einmarsch der Arbeitskolonnen zu spielen, danach zu proben, die Baracken aufzuräumen und bei Bestrafungen zu spielen. Einen genaueren Einblick über das Empfinden der Häftlinge und über die Fragestellung ob die Lagerkapelle ein leichtes Kommando war, geben nur die zwei folgenden Quellen Aufschluss.

4.2 Vergleich Loudas Ansicht ⇔ Timinskis Ansicht zu der Frage des „leichten“ Kommandos

Vlastimil Louda sieht in dem Kommando der Lagerkapelle nur ein scheinbar leichtes Kommando. Die Anstrengungen, mit denen die Musiker beim Spielen konfrontiert wurden, werden oft nicht erkannt, so wurden die Pausen zwischen den Stücken immer weiter gekürzt und es mussten innerhalb von vier Stunden, zum Aus- und Einmarsch an die 30 Märsche gespielt werden, die zum Teil über ein Dutzend mal wiederholt wurden.

„Es waren große Leistungen, die von den Musikanten bei ungenügender Nahrung verlangt wurden. Es ist deshalb kein Wunder, dass auch aus diesem zum Schein leichten Kommando sechs Kameraden infolge Lungenschwäche und TBC ausscheiden mussten.“

Aber nicht nur bei den musikalischen Tätigkeiten starben Mitglieder der Lagerkapelle.

„In der Zeit, als SS-OStuF.-Gust als II. Schutzhaftlagerführer eingesetzt war, wurde die gesamte Kapelle viermal auf den Appellplatz bestellt und musste dort Leibesübungen mitmachen, das heißt unter Aufsicht von SS bis zu 2 ½ Stunden ‚Auf’ und ‚Nieder’ machen. Bei der letzten dieser Übungen blieben drei Kameraden auf dem Appellplatz liegen und ich selbst musste einen Zahn einbüßen.“ Louda geht in seinem Bericht aber nicht nur auf die körperlichen Belastungen ein, denen die Musiker ausgesetzt waren, sondern beschreibt auch die seelischen Lasten die ihnen auferlegt wurden. „Täglich wurden bis zu 100 Kameraden halbtot oder tot ins Lager geschleppt oder getragen. Die Kapelle musste dazu spielen, ganz gleich, ob die Lippen das Mundstück des Instrumentes halten oder ob die Augen in Tränen schwimmen, die Kapelle konnte sehen, wie halb totgeschlagene Kameraden aus der politischen Abteilung geführt werden, aus den Händen der Gestapo-Assessoren Lecker oder Serno, und andere aus dem Arrest durch den Henker zum Richtplatz geführt werden“22.

Kasimir Timinski beschreibt das Kommando Lagerkapelle als ein leichtes Kommando, denn er war bevor er in die Kapelle gekommen war in verschiedenen Arbeitskommandos tätig und erfuhr so die körperlichen Belastungen, denen man ausgesetzt war, am eigenen Leib. Seine Beurteilung beruht auf den direkten Vergleich mit anderen Kommandos und auf Erfahrungen, die er sowohl in Buchenwald, als auch in Auschwitz gesammelt hatte. Er spielte in Auschwitz und Buchenwald in der Lagerkapelle, aber nie von Anfang an.

In Auschwitz arbeitet er erst als Maurer, da er seinen erlernten Beruf des Bergbauingenieurs angegeben hatte. In Buchenwald wurde er, obwohl er fälschlicherweise angab Musiker von Beruf zu sein, erst bei der Waldrodung und beim Bau der Eisenbahnstrecke Weimar-Buchenwald eingesetzt. Schließlich hatte er dann aber doch einen Platz in der Lagerkapelle bekommen, zwar als Trompeter, aber er war Mitglied der Kapelle. Für Timinski war das die Hauptsache, weil es für ihn bedeutete zu überleben23.

5. Resumée

Ob die Lagerkapelle ein leichtes Kommando war, lässt sich nur beurteile, wenn man die verschiedenen Sichtweisen berücksichtigt. Die Musiker der Lagerkapelle genossen wesentlich mehr Privilegien als andere Häftlinge und dass machte ihnen den Aufenthalt im Konzentrationslager einfacher, als er für die meisten anderen war. Sie waren aber, wie die anderen Häftlinge auch, den enormen Druck und Launen der Lagerführung ausgesetzt und trotz ihrer Privilegien, lag es nicht in Ihrer Macht sich ihnen zu entziehen.

Von den Häftlingen der Arbeitskommandos wurden die Musiker oft als Drückeberger bezeichnet, angesichts ihrer Vergleichsweisen einfachen Arbeit. Das es unter den Mitgliedern der Lagerkapelle auch zu Todesfällen kam, ist für die Situation, in der sie sich befanden, durchaus normal. Die Lagerkapelle war ein beständiges Kommando, denn sie gehörte letztendlich mit zum SS-System und wenn man einmal einen Platz in ihr gefunden hatte, egal durch was für Umstände, war das Überleben so gut wie gesichert.

Um die Frage beantworten zu können ab die Lagerkapelle ein leichtes Kommando war, muss man sich erst in die damalige Lage der Häftlinge versetzen.

Inhaftiert an einem Ort, der vom Tod gesäumt ist, ohne Rechte, ohne Zukunft, wo das Überleben eine höhere Rolle spielt, als alles andere. Kann man dann davon sprechen ob es so etwas wie leichte Kommandos gab? Die Frage müsste eigentlich lauten:

In welchem Kommando hat man die größte Überlebenschance?

Bei den Arbeitskommandos z.B. im Steinbruch, war sie gleich null und sehr viele Kommandos, in denen die Überlebenschancen höher waren, gab es nicht. Es lässt sich also Schlussfolgern, das die Lagerkapelle als durchaus sicher galt. Die höhere Chance zu Überleben, ist das, wonach die Häftlinge gestrebt haben, denn das war das einzige was sie hatten, die Hoffnung zu Überleben.

6. Erklärung

Ich erkläre, dass ich die Facharbeit ohne fremde Hilfe angefertigt und nur die im Literaturverzeichnis angeführten Quellen und Hilfsmittel benutzt habe.

[...]


1 Aus: Buchenwaldheft 27, Sonja Starr, Kunst, Wiederstand und Lagerkultur, Eine Dokumentation Herausgeber: Weimar-Buchenwald 1987, P13 Ged. Bu-Bibl. 27, Seite 29

2 Aus: Jura Soyfer, Sieh hin, und du weißt Herausgeber: Zeitschrift der Jura Soyfer Gesellschaft 4.Jg. Nr.4/1995

3 Aus: Milan Kuna, Musik an der Grenze des Lebens, Zweitausendeins, Seiten 48 bis 53

4 Aus: Milan Kuna, Musik an der Grenze des Lebens, Zweitausendeins, Seiten 48 bis 53

5 Aus: Buchenwaldheft 27, Sonja Starr, Kunst, Wiederstand und Lagerkultur, Eine Dokumentation Herausgeber: Weimar-Buchenwald 1987, P13 Ged. Bu-Bibl. 27, Seite 12

6 Aus: Milan Kuna, Musik an der Grenze des Lebens, Zweitausendeins, Seiten 50 bis 53

7 Aus: Buchenwald Archiv 9-98-2, Aussage des Ing. Louda Vlastimil

8 Aus: Milan Kuna, Musik an der Grenze des Lebens, Zweitausendeins, Seiten 51 bis 55

9 Aus: Milan Kuna, Musik an der Grenze des Lebens, Zweitausendeins, Seite 48

10 Aus: Buchenwald Archiv 9-98-2, Aussage des Ing. Louda Vlastimil

11 Aus: Jura Soyfer, Sieh hin, und du weißt Herausgeber: Zeitschrift der Jura Soyfer Gesellschaft 4.Jg. Nr.4/1995

12 Aus: Wolfgang Schneider, Kunst hinter Stacheldraht, Seiten 221

13 siehe10

14 Aus: Buchenwaldheft 27, Sonja Starr, Kunst, Wiederstand und Lagerkultur, Eine Dokumentation Herausgeber: Weimar-Buchenwald 1987, P13 Ged. Bu-Bibl. 27, Seite 10

15 Aus: Kasimir Timinski über seinen Buchenwald-Aufenthalt, Aus dem Polnischen von Przemek Abraham, Bielefeld

16 Aus: Wolfgang Schneider, Kunst hinter Stacheldraht, Seite 214

17 siehe16

18 Aus: Musik in Konzentrationslagern, Bu 838, Seite 59

19 Aus: Milan Kuna, Musik an der Grenze des Lebens, Zweitausendeins, Seite 52

20 Aus: Institut für Volksmusikforschung der Franz-List-Hochschule Weimar, Sammelmappe 63, 65:8215

21 Aus: Kasimir Timinski über seinen Buchenwald-Aufenthalt, Aus dem Polnischen von Przemek Abraham, Bielefeld

22 Aus: Buchenwald Archiv 9-98-2, Aussage des Ing. Louda Vlastimil

23 Aus: Kasimir Timinski über seinen Buchenwald-Aufenthalt, Aus dem Polnischen von Przemek Abraham, Bielefeld

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Privilegien und Überlebenschancen der Musiker in der Lagerkapelle des KZ Buchenwald
Note
2-
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V104671
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Facharbeit ist im Rahmen eines 2 Wöchigen Praktikums im Archiv des KZ Buchenwalds entstanden und beschäftigt sich mit den Musikern und ihren Überlebenschanzen im Gegensatz zu den anderen Häftlingen. Die Facharbeit ist entstanden aus allen Materialien die es über die Musiker bzw. die Lagerkapelle in Buchenwald gibt.
Schlagworte
Privilegien, Musiker, Lagerkapelle, Buchenwald
Arbeit zitieren
Frederik Pöschel (Autor), 2001, Privilegien und Überlebenschancen der Musiker in der Lagerkapelle des KZ Buchenwald, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104671

Kommentare

  • Gast am 8.12.2001

    Vorsicht!.

    Die Arbeit ist wirklich ziemlich gut, jedoch wäre ich an deiner Stelle vorsichtig mit der Behauptung, alle Materialien, die es gebe, verwendet zu haben. Woher willst du das wissen?

    Es gibt noch Archive, teils privat in den USA und Isreal unter anderem.

    Nimms als Tipp für die Zukunft

  • Frederik Pöschel am 20.2.2002

    Re: Vorsicht!.

    Hallo Herr Otto Meier ich freue mich das ihnen meine Facharbeit gefällt! Das mit den allen Quellen ist darauf bezogen, das ich alle bis jetzt existierenden Quellen in meiner Facharbeit verarbeitet habe die bis zu dem damaligen Zeitpunkt für das KL Buchenwald zur Verfügung gestanden haben. Aber Sie haben schon recht das es garantiert noch weitere Quellen gibt die in verschlossenen Archiven bzw. Privathänden sind.
    Falls sie noch fragen haben solten stellen sie diese.
    Mfg
    Frederik Pöschel

    |Otto Meier schrieb:
    ||Die Arbeit ist wirklich ziemlich gut, jedoch
    ||wäre ich an deiner Stelle vorsichtig mit
    ||der Behauptung, alle Materialien, die es
    ||gebe, verwendet zu haben. Woher willst du
    ||das wissen?
    |
    |Es gibt noch Archive, teils privat in den USA und Isreal unter anderem.
    |
    |Nimms als Tipp für die Zukunft

  • Gast am 16.7.2007

    Bitte um Nachweis.

    Darf ich um Klärung bitten: Literaturstelle 22
    wird zitiert und dort soll stehen: """Kriminal-Assessor Lecker oder Serno""" ....
    Wurde hier falsch zitiert? Es gab m.E. keine Kriminal-Assessoren (das wäre ein beamtenmäßiger oder akademischer Titel aus der Jurisprudenz oder der Pädagogik) und ein Lecker gab es im Bereich der Politischen Abteilung des KL (KZ) Buchenwald auch nicht. Wahrscheinlich ist Leclaire gemeint; und wahrscheinlich handelt es sich um die beiden Kriminal- obersekretäre Serno und Leclaire, wobei ersterer gegen Ende des Krieges zum Kriminalkommissar befördert wurde, nachdem oder obwohl er 1943 aus der SS ausgeschieden wurde.
    Wenn der Autor weitere Hinweise zu diesen beiden Gestapobeamten hat, wäre ich dankbar, diese nutzen zu können.
    MfGr. gez. Jochen Richter

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