Die Einbettung rationalen Handelns: Habits und Frames


Skript, 2001
6 Seiten, Note: 1,3

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Thema: Die Einbettung rationalen Handelns: Habits und Frames

Der Inhalt der heutigen Sitzung waren die Begriffe Habits und Frames im Zusammenhang mit der Rational-Choice-Theorie. Das Referat war an dem Text von H. Esser orientiert, wobei es am Schluss leider zu keiner wirklichen Diskussion gekommen ist darüber, in wie weit diese neuen Begriffe im Zusammenhang mit der RC-Theorie auf das Beispiel der DDR-Bürgerbewegungen und der RAF anwendbar sind.

Es ging also um die Frage, in wie weit die RC-Thoerie wirklich auf soziale Prozesse anwendbar ist, also in wie weit die RC-Theorie zur Erklärung von sozialen Prozessen dient. Aber auch, welche Fehler eintreten können, sowie die generelle Kritik an der Theorie wurden erwähnt. Dabei spielen eben diese beiden neuen Begriffe in eine Theorie mit ein, die so etwas eigentlich nicht zulässt. Die Kritik und das "so etwas" werde ich weiter unten noch genauer erläutern.

Um die Anwendbarkeit der RC-Theorie, den Prozess der Theorie, sowie deren "Fehlerquote" zu zeigen, wurde das anhand eines Beispiels zum Befragtenverhalten, dem Tversky-Kahneman-Experiment, veranschaulicht. Den Befragten wurde eine Situation geschildert, eine Frage gestellt und jeweils zwei Antwortvarianten gegeben, für welche sich der Befragte dann entscheiden musste. Die Antwortvarianten waren wieder in zwei Möglichkeiten unterteilt, wobei sich die Antworten lediglich von der Satzstellung her unterschieden, nicht aber inhaltlich, und somit eigentlich nur zwei Antwortarten zur Verfügung standen. Allerdings spielt die Satzstellung eine große Rolle: bei beiden Varianten gab es die Alternative für ein kleineres Übel, und die für ein größeres. Fast alle der Befragten entschieden sich bei den verschiedenen Variationen immer für die Antwortalternative, die das kleinere Übel suggerierte. Die typgleichen Antworten der Alternativen waren aber vom Ergebnis her identisch. Und gerade hier liegt die Besonderheit: obwohl, wer gut überlegt und nachgedacht hätte, sicherlich bemerkt hätte, dass da Ergebnis unterm Strich dasselbe ist, haben sich die Befragten ggf. intuitiv oder spontan entschieden. Dieses Resultat war ein Indiz dafür, dass der Mensch eben nicht schlichtweg immer rational und wohlüberlegt seine Entscheidungen trifft. Anders gesagt: die Kritik war einerseits, dass menschliches Handeln nie mit der Maximierungsregel, sondern immer mit einer Routine, Intuition stattfindet, da der Mensch nie perfekt informiert und aufgeklärt sein kann. Andererseits wurde kritisiert, dass sich menschliches Handeln nie mit bestimmten, stabilen Faktoren vollzieht, sondern das zuvor jede Situation und jede Gegebenheit neu eingeschätzt wird (Frames). Dem Befragten wurde also ein "systematischer Fehler" bei dem Beantworten, resp. bei der Wahl unter den Antwortalternativen, zugetraut, welcher wiederum auf ein sgn. "Response-Set" schließen lässt. Response-Set heißt, dass der Befragte einige "Antworten in Petto" hat, bzw. dass er einer Zustimmungstendenz (bei Rhetorischen Fragen?) unterliegt und auch eine Tendenz zur sozial erwünschten Antwort befolgt. Aber neben dem systematischen Fehler, lässt sich das Befragtenverhalten auch so in Verbindung mit der RC-Theorie erklären. Nach dem RC durchläuft der Befragte drei verschiedene Stadien/Stufen, die ihn bei seiner Entscheidungsfindung helfen, besser: zur Antwortauswahl aus den Alternative kommen lässt. Diese drei Schritte lauten: die Kognition einer Situation, die Evaluation der Konsequenzen bestimmter Handlungen und die Selektion einer bestimmten Handlung nach einer bestimmten Regel. Kognition bedeutet, dass der Akteur Assoziationen erkennt, die Situationsumstände und die Kalkulation der Alltagstheorien bestimmt - der Akteur macht sich ein Bild davon, was der Sinn der Situation ist. Evaluation bedeutet die Bewertung der Alternativen vor dem Hintergrund der eigenen Präferenzen, sowie der subjektiven Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Handlung eine bestimmte Folge (Konsequenz) mit sich bringt.

Außerdem erstellt der Akteur eine SEU-Wert-Kallkulation für jede Alternative - der Akteur "errechnet" sich also für jede Alternative und deren Konsequenz einen Wert. SEU heißt: „subjective expective utility“, also was dabei eine Alternative dem Akteur bringt, mit welcher Wahrscheinlichkeit, und welche Kosten entstehen. Selektion bedeutet die Maximierung der subjektiven Nutzenserwartung und den Vergleich der kalkulierten SEU-Werte. Die oben schon erwähnte Kritik stützt sich auf diese drei Schritte, die der Akteur laut der RC-Theorie durchlaufen muss. Erstens folgt menschliches Handeln nicht der Maximierungsregel (Mensch ist nicht perfekt informiert, kann die Informationen nicht alle verarbeiten); Hierzu stellte Herr Müller noch einmal das Problem des Akteurs und seiner Wahl dar, anhand von H. Simon: a) "satisficing" - der Akteur gibt sich mit einem bestimmten Ausmaß an Verbesserung zufrieden (subjektiv, bewußt) und b) "bounded rationality" - der Akteur maximiert nicht allumfassend, sondern auf Basis von Teilinformationen und limitierter Wahrnehmung (biologisch bedingt). Die Annahme dieser wird über die Annahme der Response-Sets möglich, und als situations-unabhängige Reaktion der bounded rationality verletzt sie geradezu die RC-Theorie. Diese Tatsache bedeutet, dass menschliches Handeln per se, aber gerade in ungewohnten Situationen, vielmehr unreflektiert und demnach (undurchdacht) sich als "Habit" und nicht als RC vollzieht. Zweitens, dass es beim Handeln des Menschen keine fixen Präferenzen und stabile Erwartungen gibt, sondern das diese viel eher jedes mal neu definiert werden. Der Mechanismus der das Handeln erklären soll ist ein "Prozess der Generierung von Bedeutungen" - der Akteur legt also einen Rahmen der Relevanz ("Frame") darüber fest, was für ihn der Sinn der Situation ist. Situationsmerkmale, symbolische Merkmale und Interaktionspartner definieren die Situation, und legen - strategisch oder nicht - den weiteren Ablauf der Situation fest. Welcher Rahmen gewählt wird, erweist sich durch das dann folgende Handeln. Die hier eingebrachte Annahme dieser "Habits" und "Frames" soll aber nicht die RC-Theorie entkräften, sondern eine Ergänzung, eine Vertiefung der Theorie sein. Denn da sie keine wirklich theoretische Grundlage hat und es nur zwingend angenommen wird, dass das menschliche Wesen über die bounded rality, satisficing, habits und frames verfügen muss, können sie die Annahmen der RC-Theorie gar nicht entkräften, sondern eben nur ergänzen.

Herr Müller erläuterte in dem Zusammenhang mit den Präferenzen noch ein in

mathematische Begriffe gehülltes Beispiel - die Konsistenz und die Präferenzen, um die "verschrobene" Einschätzung von auf den ersten Blick unterschiedlichen Situation, aber auf den zweiten völlig identischen aufzuweisen - zu veranschaulichen. Wichtig hierbei war, dass wenn wir Annahmen über Personen und ihre Präferenzen machen, diese Präferenzen für die RC-Theorie immer konstant und gleich bleiben müssten, da die RC- Theorie sonst nicht anwendbar ist. Die Annahme von immer konstant-bleibenden Präferenzen ist aber nicht realistisch, weil Personen sonst ja immer ein gleich-bleibende Leben führen würden, was schwer zu glauben ist. Präferenzen sind also von Mensch zu Mensch verschieden und müssen deshalb in eine mathematische Formel "gepackt" werden, auch um real verständlich zu machen, wie die idealen konstanten Präferenzen sich verhalten und wie die Präferenzen der Menschen sich verhalten. Dies wurde innerhalb der empirisch-psychologischen Forschung betrieben. Diese Zeigt einen Mangel an konstanten (und logischen) Präferenzen. Veranschaulichen (anhand einer „realen“ Situation) lässt sich dies an dem Beispiel der Befragung von Arbeitnehmern über ihren Tariflohn am besten: ein Angebot von 7% Lohnkürzung bei Inflationsfreiheit wurde von mehr als der Hälfte abgewiesen, wohingegen ein Angebot von 5% Lohnkürzung und 12% Inflation nur noch von sehr wenigen abgelehnt wurde. Rechnet man dieses Beispiel durch, so kommt beiden Alternativen immer der gleich gekürzte Lohn heraus. In der Konsequenz sind es gleiche Situationen, nur werden sie unterschiedlich wahrgenommen, ähnlich dem allgemeine Prinzip: halbvolles oder halbleeres Glas - das Glas hat auf jeden Fall weniger Inhalt.

Um nun die Begriffe "frames" und "habits" zu erklären, wurde - teilweise - sehr weit ausgeholt. Sinn dieser beiden Ergänzungen zur RC-Theorie ist es, zwei weitere - neben dem satisficing und der bounded rationality - Kriterien mit einzuführen, nach denen der Mensch offensichtlich auch handelt.

"Frames" sind als situative Dominanz bestimmter Ziele und "Codes" zu verstehen, mit dem Bezug: wozu soll ich etwas tun? Sie gelten als eine Einschränkung in Bezug auf die Auswahl des Ziels. Frames entstehen als "Definition der Situation" durch Kommunikation, Konversation, Sprache, Aushandeln und Indizierung. Im speziellen gelten sie als "Identität" oder "Selbst-Konzept" des Akteurs und die "Persönlichkeit" ordnet die Entscheidungsstruktur von Akteuren in Situationen nach Ziel-Prioritäten. Die Aktualisierung oder Transformation von Frames äußert sich darin, dass sie wie kognitive Schemata erweitert, vertieft, spezifiziert und verändert werden können, sowie dass sie häufig den Charakter einer Konversation (Austausch einer Relevanzstruktur nur bei einer alternative neuen Relevanzstruktur) haben. So geht man davon aus, dass der Mensch ein Ziel vor Augen hat und dieses erreichen möchte. Da er aber nicht - wie die einfache RC-Theorie suggeriert - alle möglichen Kosten durchrechnet, Alternativen durchdenkt und sich darüber Gedanken macht, was alles passieren könnte, oder welche Indikatoren ihn von seiner Erreichung des Ziels wieder abbringen könnten, passiert das Entgegengesetze: er setzt sich einen Rahmen, und filtert die für ihn relevanten Aspekte heraus, um sein Ziel erfolgreich zu erreichen. Die Alternative fallen weg. (Beispiel Kino) Dies lässt sich mit einer "Brille" vergleichen: um die in der Umwelt vermeintlich wichtigen Sachen von den vermeintlich unwichtigen zu trennen. Der Mensch schaut durch eine Brille, die nach dem gesetzten Ziel filtert - also einen Rahmen setzt. Außerdem verfügen die Menschen über viele verschiedene Frames und wählen sich einen heraus. Die Idee der Frames passt eigentlich - wie oben bereits erwähnt - nicht in die RC-Theorie, sondern kann durch lernen, erleben, speichern und wieder erinnern in/von Situationen entstehen und nicht durch bewusstes, kalkuliertes Nachdenken/Handeln. Diese Vereinfachung muss in die Analyse des menschlichen Verhalten mit hinein. Sie lässt sich also doch mit der RC-Theorie verbinden, da das Framing (wie die Wahl einer Brille) eine separate Handlung ist. Framing ist die Vereinfachung von einer Situation mit einem bestimmten dominantem Ziel. Zwar wird nicht die Situation mit dem größten Nutzen in den drei erwähnten Schritten von Kognition, Evaluation und Selektion, sondern es wird eine Vorabeinschätzung der Situation getroffen (Framing), und danach findet erst das weitere Wählen einer Alternative und die Handlung statt. Framing ist immer ein Auswahlprozess von relevanten Sachen im Vorfeld, allerdings ohne sich darüber allzu sehr den Kopf zu zerbrechen, sondern fast "automatisch". Vorweg vollzieht sich die Wahl der Rolle, ohne nachdenken und innerhalb der Rolle erfolgt dann eine natürliche Maximierung der Situation. Wenn ich 10,- DM in der Tasche habe und mir viele Dinge kaufen möchte, so versuche ich stets diese 10,- DM mit dem größtmöglichsten Ergebnis zu investieren! Um diese Tatsache zu veranschaulichen, zu vereinfachen, wurde das Beispiel der "blauen Ampel vs. Fußgänger" erläutert. Wenn man an eine Ampel kommt und das Zeichen leuchtet rot, so bleibt man stehen, bzw. man weiß, dass man die Straße jetzt nicht überqueren darf. Leuchtet statt einem satten Rot die Ampel aber mit blauem Signal wird man stutzig. Folgendes könnte dann passieren: man bleibt stehen und beobachtet seine Mitmenschen, sowie die Autos und "registriert", was diese machen; man schließt sich ihnen an, tut ganz normal; gehen die anderen Fußgänger dann rüber, geht man mit. Oder aber man denkt sich, das kann ja nicht sein, ist verunsichert und sucht sich einen anderen Fußgängerüberweg mit roter Ampel. Als dritte Variante könnte man annehmen, dass das Team der "Versteckten Kamera" unterwegs ist, und man sich im Zweifelsfall vor der gesamten Nation blamiert, weil man zuvor schon sehr skeptisch geschaut hat, umher geht und die Kamera sucht. So kann der Akteur also seinen Frame wechseln, bzw. sein Zielvorhaben ändern, nämlich vom normalen Fußgänger, der sich einen anderen Übergang sucht, über den sich anpassenden, welcher ganz normal tut, wie die anderen auch, bis hin zu dem, der die "Versteckte Kamera" sucht. Aber erst nach Feststellung der unterschiedlichen Frames findet die Evaluation der SEU-Werte für einen bestimmte Frame statt, und danach die Entscheidung, welchen man wählt. Die an dieser Stelle ausführliche Errechnung der Wahrscheinlichkeit für den Frame "normaler Fußgänger" kann, legitimiert durch Herrn Lapinski, weggelassen werden. Die vereinfachte Formel allerdings lautet: p(i) = ß + 1/K - p von (i) ist die Wahrscheinlichkeit für den Frame des normalen Fußgängers; ß ist der Wert, sich als Fußgänger zu verhalten in Abgrenzung der möglichen Werte der übrigen möglichen Frames, K ist die Anzahl der möglichen Frames. Die Wahl eines Frames hängt von ß ab. Wichtig ist erstens, dass die Mustersituation "normaler Fußgänger" mit wesentlichen Merkmalen im Kopf gespeichert ist. Das heißt: wenn die Mustersituation passungsgleich mit der aktuellen Situation ist, dann ist der ß Wert umso höher, da der Wert für die übrigen Situationen niedrig ist. Anders: bei einer blauen Ampel ist die Deckungsgleichheit mit der Mustersituation nicht vollkommen und somit wird der ß Wert für die Wahl des Frames der Mustersituation niedriger und damit die Wahrscheinlichkeit für die Wahl eines anderen Frames vergleichsweise höher. Zweitens ist bei der Wahl des Frames wichtig, welche Nebenkosten damit verbunden sind. Sind die Kosten für die Mustersituation "klein", so steigt der ß-Wert für die Mustersituation und K, also die Anzahl der sonst möglichen Frames sinkt, weil die Kosten hierfür zu groß sind; sind die Kosten für die Mustersituation aber groß, so sinkt der ß-Wert für die Mustersituation und K wird größer. Frames sind sie Filter für eine Situation, Framing ist das Feststellen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt und späterer Handlungskonsequenzen. Dieses Framing passiert so lange nicht bewusst, als wie man eine intonalisierte Handlung "abfährt". Wenn sich ein Frame als "gut" erwiesen hat, behält man ihn bei. (Dennoch sollte man nicht verachten, dass Framing auch immer mit der momentanen Verfassung des Akteurs zu tun hat)

"Habits" - welche im Vergleich zu den Frames nur kurz behandelt wurden - sind die stetigen Anwendungen von (bewährten) Rezepten auf den Alltag, mit dem Bezug auf: was soll ich sonst tun? Habits funktionieren ähnlich wie Schemata und Scripte, sie äußern sich in Erscheinungsmodi der Befehle, des Rezeptwissen und dem Lob der Routine. In Bezug mit der RC-Theorie können Habits als intentionale Interpretationen rekonstruiert werden. Simon, und darauf aufbauend Riker und Ordeshook Lösen das Problem der Verbindung von Habits und RC-Theorie (mit der SEU-Werten) indem sie feststellen, dass anstatt von maximising viel eher satisficing stattfindet, also dass sich der Akteur auch mit der nicht perfektesten Lösung zufrieden gibt. Der Prozess des Abwägens der Habits erfolgt mit Hilfe der SEU (subjective expected utility) in Funktion eines Filters im Prozess der Kognation, also die stetige Suche nach einer Alternative. Eine Veränderung der Habits kann nach Heiner nur sehr selten stattfinden, und wenn, dann nur falls ein großes Ereignis vorgefallen ist. Somit stellen auch Habits keinen Gegensatz zu der RC-Theorie, da sie intentional sind, also dass eine rationale Kalkulation durch Habits erfolgt, so etwa wie Schemata und Scripte. Es findet außerdem eine ständige Kognation, Evaluation und Selektion der Rezepte (Habits) statt. Habits sind dann gut, wenn sie sich über lange Zeit bewiesen haben und normativ geschützt sind. Satifsicing findet zudem nur statt, weil das Level der Überlegung niedriger ist und man sonst zuviele Informationen erhält, die man gar nicht speichern kann. Man behält seine Routine solange bei, wie die Kosten dafür erträglich sind und wechselt sie erst durch ein externes Signal. Das Beispiel der „Oma und dem Supermarkt“ veranschaulicht sehr gut, wie sich Habits in unserem Dasein äußern: Eine Oma von ca. 75 Jahren lebt seit 50 Jahren immer an dem gleichen Ort, und geht auch immer in "ihrem" Supermarkt einkaufen. Dieser ist ihr - über die lange Zeit entstanden - sehr vertraut, sie findet sich gut darin zurecht und kennt auch das Personal. Auch wenn es ggf. einen andersartigen Supermarkt in gleicher Entfernung geben würde, so bleibt sie dennoch bei "ihrem", denn es hat sich erwiesen, dass dieser ihr "gut tut". Erst wenn etwas schwerwiegendes passiert - ihr Supermarkt kündigt Insolvenz an, die gesamte Belegschaft wird ausgewechselt und/oder die Atmosphäre verändert sich, oder das Haus muss abgerissen werden - wird sie (wenn u.U. auch zwangsläufig, s. Abriss) erst dann ihren Habit ändern und zu einem anderen Supermarkt gehen. An sich "hinkt" dieses Beispiel, denn eine Veränderung des Habits hängt auch immer mit den neuen Möglichkeiten zusammen. So könnte doch die Oma, wenn ihr Supermarkt nun tatsächlich ein neues "Innenleben", Belegschaft, etc. bekommt, dennoch weiterhin in ihren Supermarkt zum Einkaufen gehen, oder?

Komme ich nun zum Schluss meiner ausführlichen Beschreibungen zu Frames und Habits - oder Habits und Frames, und fasse deshalb nun noch einmal zusammen (lt. der Beschreibung von Herrn Müller): Habtis sind die Vereinfachungen hinsichtlich der Mittel der Zielerreichung, mit der Funktion: Kostensenkung bei der Informationsbeschaffung im Zusammenhang mit "satisficing" (Weg!); und Frames sind die Vereinfachungen der Zielstruktur, mit der Funktion: Reduktion von Komplexität im Zusammenhang mit "bounded rationality" (Sin/Ziel!). Die objektive Situation wird immer unterschiedlich eingeschätzt, es wird vereinfacht um zu sparen, aber das Ziel bleibt.

Nun stellen sich noch die Fragen, warum es Habits und Frames überhaupt gibt, welches ihre Wechselwirkungen sind und in wie weit sie innerhalb der RC-Theorie vorkommen, was die Schwächen sind und worin der Bezug zur Weltanschauung besteht.

Warum es Habits und Frames gibt, ist eine Frage, die mindestens so gut ist wie: warum gibt es den Menschen? Fest steht, dass es Habits und Frames gibt, und dass sie sozusagen "Hilfsmittel" für den Menschen sind in einer Welt, in der der Mensch überflutet wird mit Informationen, und nun versucht damit zurecht zukommen. Sie könnten der Orientierung dienen, der Festigkeit des Verhaltens. Sie könnten eine gewisse Geborgenheit darstellen, um mit dem Druck der Realität zurecht zukommen, um diesem Druck auszuweichen und abzuleiten. Da der Mensch - nach Descartes - nur sein kann, weil er fähig ist zu denken, bzw. fähig ist, sich selbst zu denken, kann es ja rein hypothetisch möglich sein, dass er der einzige reale Gegenstand ist, und die anderen Sachen/Dinge nur deshalb sind, weil der Mensch sie sich denken kann, und er somit geradezu verzweifelt damit leben muss, diese Tatsache tief in seinem innern zu wissen, ohne sie aber zu wissen wollen, und dass die Menschheit sich aus diesem Grund, nämlich das Wissen zu verdrängen, Eigenschaften angeeignet hat, die ihm helfen vor dieser Erkenntnis zu fliehen. Rein hypothetisch!

Die Wechselwirkungen zwischen Habit und Frames könnten darin bestehen, dass die Frames nicht das Ziel selbst sind, sondern nur in Verbindung mit Habits existieren können.

Wo finden sich Habits und Frames in der RC-Theorie wieder? Diese Frage

möchte ich anders stellen: unterliegen Menschen überhaupt der RC-Theorie? In

anbetracht der Tatsache, dass die RC-Theorie sowieso nur in Verbindung mit der "bounded rationality" und "satisficing", sowie nun auch noch unter Eingabe der "Habits" und "Frames" bestehen kann, bzw. nur in dieser Kombination einigermaßen zu rechtfertigen ist (wie wir im Verlauf des Seminars feststellen konnten), ist sie für mich nun bald um ihre Existenz gebracht; da, (auch wenn es ggf. nicht zutreffen mag) sie nur durch die Zusätze und Eingeständnisse der vier o.g. Begriffe, welche ja eine (nicht zu ergründende?) eigenständige, schwer empirisch und theoretisch nachweisbare Natur des Menschen aufweisen, nämlich dass der Mensch nicht nach der RC-Theorie, also nach dem Prinzip der Kosten-Nutzenmaximierung im eigentlichen Sinne der Theorie, funktioniert; und sie durch diese Begriffe absolut ergänzt werden muss - ist sie in ihrem Wesen - als das was sie sein soll, verloren hat. Die RC-Theorie funktioniert nur auf dem Papier, nicht aber in ihrer Anwendung auf Menschen ohne die Hilfe der Begriffe, und ist somit für mich hinfällig. Den Anspruch, eine Formel über das menschliche Verhalten zu "kreieren", kann ich sehr wohl verstehen; denn ist es nicht gerade das, was die Menschheit schon seit Tausenden von Jahren versucht zu ergründen, wie der Mensch funktioniert, nach welchen Prinzipien, Regeln oder Schemata, was den Versuch, eine Formel zu entwickeln, geradezu unabkömmlich macht? So haben sich mit Hilfe der Philosophie schon immer Menschen darüber Gedanken gemacht, wie es sein kann, das der Mensch so ist, wie er ist, und sich so verhält, wie er sich verhält, er so anders ist als Tiere, sich also seiner selbst bewusst sein kann, und sich Gedanken über die Welt und die „Dinge an sich“ machen kann; und auch in der Disziplin der Soziologie wurde es versucht, herauszufinden, wie der Mensch funktioniert, doch immer im Hinblick auf eine mögliche allgemeingültige Gleichung, was meiner Meinung nach ja sehr interessant ist, aber nicht funktioniert. Wie auch immer die Welt entstanden seien mag, so hat doch im Laufe der Zeit die Evolution, in jeder Hinsicht, eine gewisse Eigendynamik bekommen, und viele Sachen/Dinge entstehen einfach, weil es der Lauf der Entwicklung so will. Die Frage nach dem, was dahinter steckt, wird die Menschheit hoffentlich noch lange beschäftigen, denn gibt es etwas, auf was sich die Beschaffung der Welt und die Konzeption des Menschen (abgesehen von der Biologie, den empirischen Wissenschaften, denen ja - s. RC-Theorie - nicht alles gelingen mag) wirklich zurückführen lässt, wo ist es sicherlich die interessanteste Erkenntnis überhaupt.

Eine große Schwäche - von der empirisch-theoretischen Sicht her - ist die Operrationalisierung der "Habits" und "Frames". Wo befinden sie sich, wie und wo finden sie statt, etc., denn für eine empirische RC-Theorie reichen an sich bloße Annahmen nicht aus, sie müssten bewiesen werden.

Der Bezug zur Weltanschauung - welcher leider aus Zeitgründen nur rudimentär betrachtet wurde - lässt sich vielleicht insoweit ziehen: ein Mensch beschließt ein guter Christ zu sein, weil er sich die Welt nach diesen Kriterien sehr gut vorstellen mag, oder daran glaubt. In dem er sich also dieses Ziel setzt, ein guter Christ zu sein, wird er jede Situation mit dem Frame: ich möchte ein guter Christ sein, betrachten. So wird er auch seine Habits - also Gewohnheiten, Regeln, Maxime - immer unter dem Aspekt: ich bin ein guter Christ, wenn ich das so mach, ausführen (s. z.B. best. Gesten, Abendmahl, in die Kirche gehen, etc.).

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Die Einbettung rationalen Handelns: Habits und Frames
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Weltanschauung und Verhalten
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
6
Katalognummer
V104723
Dateigröße
343 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein Kurzessay/Zusamenfassung über einen Text von H.Esser "Habits, Frames und Rational Choice. Die Reichweite von Theorien der rationalen Wahl"
Schlagworte
Einbettung, Handelns, Habits, Frames, Weltanschauung, Verhalten
Arbeit zitieren
Johanna Lehmann (Autor), 2001, Die Einbettung rationalen Handelns: Habits und Frames, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104723

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