Der Kampf um Land und Freiheit: Machnowtschina und Zapatismus im Vergleich


Ausarbeitung, 2000

7 Seiten, Note: 1


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1. Die Machnowstschina

1.1. Die russische Revolution

17.02.1917: Ausbruch der Februarrevolution

12.03.1917: Provisorische Regierung aus Duma-Komitee und Sozialrevolutionären

15.03.1917: Abdankung des Zaren Nikolaus II.

16.04.1917: ab hier Aufbau der Sowjets (Arbeiter- und Soldatenräte)

25.10.1917: Machtübernahme durch die Bolschewiki

25.11.1917: Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung

06.01.1918: Auflösung der Nationalversammlung

1921: Aufstand von Kronstadt, wird am 18.03.1921 von der Roten Armee unter Trotzki blutig niedergeschlagen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nestor Machno

1.2. Die Ereignisse in der Ukraine

22.01.1918: Unabhängigkeitserklärung der Ukraine

29.01.1918: Friedensschluß der Ukraine mit Deutschland

03.03.1918: Friedensschluß Rußlands mit den Mittelmächten

- Finnland und die Ukraine werden als selbständige Staaten anerkannt und zu wirtschaftlichen Leistungen verpflichtet
- Gründung der Demokratischen Bauernpartei unter dem „Hetman“ Paul Skoropadski, der am 29. April 1918einen Staatsstreich ausführt, so an die Regierung gelangt und in der Folge den Großgrundbesitzern das vorher durch die Sowjetregierung der Ukraine enteignete Land zurückgibt. Als sich die Deutschen endgültig aus der Ukraine zurückziehen, wird Skoropadski gestürzt.

1918 - 1920: Bürgerkrieg in der Ukraine zwischen „Roten“ und „Weißen“

1920: weite Teile der Ukraine werden der Sowjetrepublik angeschlossen

1.3. Zur Person Nestor Machno

Nestor Machno wurde am 27. Oktober 1889 in Guljai-Pole als Sohn armer Bauersleut‘ geboren. Seine drei Brüder wurden zwischen 1918 und 1920 im Bürgerkrieg getötet.

1906 schloß Machno sich der ukrainischen Gruppe der „Bauern-Anarchisten-Kommunisten“ an. 1910 wurde er in Odessa zum Tode verurteilt, das Urteil wurde jedoch in eine lebenslange Strafarbeit umgewandelt. Im Botyrki-Gefängnis in Moskau lernte er seinen späteren Biographen Peter A. Arschinoff kennen. Im Zuge der revolutionären Ereignisse wurden beide 1917 aus dem Gefängnis befreit, woraufhin Machno nach Guljai-Pole zurückkehrte. Machno fordert hier die Enteignung der Großgrundbesitzer und die Übernahme von Landbesitz, Fabriken und Werkstätten. Am 29.03.1917 wird er Vorsitzender des neu gegründeten Bauernsowjets.

Im Juli 1918 wird - in Absprache mit Lenin - die Machnowstschina gegründet, um die deutschen und österreichischen Besatzer zu vertreiben. Nach dem Abzug der „Weißen“ 1920 führten die Bolschewiki Krieg gegen die Machnowstschina mit dem Ziel, diese komplett aufzureiben und die gesamte Ukraine der Herrschaft der Sowjetunion zu unterwerfen.

„So lange wir Machno brauchten, haben wir es verstanden, ihn auszunutzen, als wir ihn nicht mehr brauchten, haben wir es verstanden, ihn zu liquidieren.“

Im Januar 1920 wurden Machno und die AnhängerInnen der Machnowstschina für vogelfrei erklärt. Daraufhin floh er 1921 nach Rumänien. Dort wurde er am 11.04.1922 des Landes verwiesen und floh weiter nach Polen. Er erkrankte an Tuberkulose und ging schließlich nach weiteren kurzen Aufenthalten in Danzig und Berlin (u.a. bei Rudolf Rocker) nach Paris, wo er am 25.07.1934 im Krankenhaus starb.

1.4. Die Machnowstschina

Machnos Ziel war es, allen Besitz unter Arbeitern und Bauern gleich zu verteilen und deren Autokratie ohne Einfluß von außen zu sichern.

- Gründung von Kommunen (Kommune: jeweils 10 Arbeiter- und Bauernfamilien)

- Utopie eines idyllischen Lebens („Anarchie“), aber Grausamkeit bei der Beschaffung der notwendigen

Ressourcen

- Hinrichtungen waren an der Tagesordnung: z.B. Polizeibeamte, Gutsbesitzer, Geschäftsleute

- Die Machnowstschina gliederte sich in zwei Gruppen:

1. Agitationsgruppe
2. Guerilla

- Die Guerilla machte es sich zur Aufgabe, die Unterdrücker der ArbeiterInnen und Bauern schonungslos hinzurichten.

- In den Dörfern, die unter dem Einfluß der Machnowstschina standen, gelang es kollektiv-anarchistische Strukturen aufzubauen. Z. B.: Kongresse der Bauern, Arbeiter und Aufständischer; landwirtschaftliche Kommunen; Kulturarbeit; Einrichtung einer „Werktätigen-Einheitsschule“

1.5. Das Programm der Machnowstschina

Ob wirklich von einem Programm die Rede sein kann, ist durchaus fragwürdig, denn abgesehen von der Tatsache, daß die Machnowstschina sich als anarchistisch ansah, befaßte sie sich nur wenig mit Theorie. Der einzige Intellektuelle in der Machnowstschina war Peter A. Arschinoff, ansonsten bestand sie aus jenen Arbeitern und Bauern, die sich selbst gegen ihre Unterdrückung erhoben. Die reale (v.a. ökonomische) Not der „einfachen Bevölkerung“ war die Motivation für die Organisation und Handlungen der Machnowstschina. (Auch die teils brutalen Methoden sind vor dem Hintergrund der vorherigen noch brutaleren Methoden der Großgrundbesitzer zu sehen.) Ähnlich wie später im Spanischen Bürgerkrieg (vgl. Referat zu diesem Thema in „Zw. Schreibtisch und Straßenschlacht Teil 1“) etablierten sich die anarchistischen Strukturen eher spontan (wobei auch dies durchaus als Teil anarchistischer Theorie verstanden werden kann). Dennoch gab es konkrete Punkte, die realisiert werden sollten:

- völlige Freiheit der ArbeiterInnen in der Ukraine, freies Rätesystem, soziale Organe der Selbstverwaltung, Befreiung von den Besatzern (sowohl der weißen als auch der roten), sozialpolitisch-ökonomische und nationale Unabhängigkeit der Ukraine, Presse- und Meinungsfreiheit
- entscheidendes Kriterium: Landverteilung
- regionale Unabhängigkeit der Ukraine ohne Besitz an Land (bzw. mit Land im Allgemeinbesitz)
- Ablehnung jeglicher Regierung oder Regierungsform
- Organisation von freien Sowjets.

2. Die mexikanische Revolution

Pancho Villa und Emiliano Zapata mit Anhängern nach der Einnahme von Mexico D.F. Ende 1914 beim Phototermin im Präsidentensessel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1. Wichtige Daten der mexikanischen Revolution

1877: Porfirio Diaz wird Präsident von Mexiko, Beginn des „Porfiriats“

1884: 2. Amtszeit von Diaz, innenpolitische Ruhe, Unterdrückung weiter Bevölkerungskreise (insb. Der Indigenen), Modernisierung Mexikos (Eisenbahn und Erdölförderung), die USA werden zum wichtigsten Handelspartner, vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren neben ausländischen Firmen nur Großgrundbesitzer.

1910: 1% der Bevölkerung Mexikos verfügt über 96% des Bodens, fast 97% der Landbevölkerung hat keinen Grundbesitz.

Die Politik des Landes steht unter dem Motto „Orden y Progreso“ (Ordnung und Fortschritt) und wird von Diaz und seinen Beratern, den „Scientificos“ bestimmt. Die Scientificos haben mehrheitlich in Europa oder USA studiert und bringen ein westeuropäisch geprägtes Politikverständnis zum Ausdruck. Indigene gelten als Menschen zweiter Klasse (wenn überhaupt als Menschen), dürfen z.B. die Bürgersteige nicht benutzen. Diaz selber ist indigen-stämmig.

Spannungen in der Landbevölkerung führen zum Ausbruch der mexikanischen Revolution.

Juli 1910: Wiederwahl von Diaz, Madero (PLM - Liberale Partei Mexicos) fordert aus dem US-Exil echte Wahlen und ruft zur Revolution auf (vorangegangen ist ein Nichtwiederwahl-Kampagne: („No reelección!“), der sich der Bauernführer Emiliano Zapata (Bundesstaat Morelos) und der Bandenchef Pancho Villa (Bundesstaat Chihuahua) anschließen.

1911: Diaz tritt zurück, Madero übernimmt im Oktober die Regierung.

25. November 1911: Plan von Ayala: Politisches Programm der Zapatistas. Zentral war die Landfrage: „Boden, Berge und Wasser, die sich Großgrundbesitzer oder Kaziken im Schatten der Tyrannei und des Strafgerichts angeeignet haben“; Enteignung eines Drittels des Landes der Großgrundbesitzer zur Verteilung an landlose Bauern; Verstaatlichung aller Ländereien derjenigen, die sich diesem Plan widersetzen.

Der Plan von Ayala manifestierte auch den Vertrauensbruch zwischen Zapata und Madero. Zapata hat den Eindruck, daß sich unter Maderos Präsidentschaft keine Verbesserungen für die Landbevölkerung ergaben haben.

1912: Rebellion gegen die Regierung, General Huerta schlägt mit Regierungstruppen und der Unterstützung Pancho Villas den Aufstand nieder

1913: Konterrevolution des Militärs, Madero wird gestürzt und ermordet, Huerta übernimmt die Regierung, Rebellion gegen Huerta unter Beteiligung von Zapata und Villa.

1914: Ausbruch von Machtkämpfen, die Mexiko ins Chaos stürzen

1917: Präsident Carranza verkündet die neue Verfassung Mexikos. Damit ist die Revolution beendet. Villa und Zapata lehnen die neue Verfassung ab.

1919: Ermordung Zapatas durch Regierungstruppen

2.2. Motivationen der mexikanischen Revolution

Die mexikanische Revolution war getragen von verschiedenen Gruppen mit verschiedenen Motivationen:

- liberales Bürgertum: Partzipation an der politischen Macht des Porfiriats, Partzipation an der Wirtschaft mit dem Aufbau eines mittelständischen Bereiches.
- Mexikanische Oberschicht: Partizipation an der politischen Macht (durch Posteneinnahme)
- Landbevölkerung: verarmt, landlos, (ökonomisch) unterdrückt: Gründeten Selbstverteidigungs- und Guerilla-Gruppen (wie z.B. Zapata)
- Gewerkschaften: In den relativ neuen Industriegebieten bildeten sich Gewerkschaften, inspiriert durch sozialistische Ideen, die Streiks der ArbeiterInnen organisierten, um die soziale Situation zu verbessern.

Entscheidend ist aber auch, daß es sich um eine Vielzahl von Einzelaufständen handelte. Deutlich macht dies z.B. B. Traven in seinem Caoba-Zyklus: Während die Besitzer und Aufseher der Mahagoni-Plantagen in Chiapas nervös werden, weil sie Nachrichten aus Mexico D.F. erhalten, ertragen die indigenen ArbeiterInnen ihre Situation nicht mehr und rebellieren - ohne von einer Revolution zu wissen.

2.3. War die mexikanische Revolution anarchistisch?

Die mexikanische Revolution war, wie die Motivationen zeigen, überhaupt nicht anarchistisch. „Revolutionär“ sein hieß im Mexiko Anfang des 20.Jahrhunderts, gegen das Porfiriat zu sein. In der wissenschaftlichen Literatur wird sie als bürgerliche Revolution gekennzeichnet, Marxisten sprechen von einer „unvollendeten“ oder „halben Revolution“.

Dennoch gab es wichtige anarchistische Einflußnahmen auf die Revolution. Am wichtigsten war die des Anarchisten Ricardo Flores Magon(1874 - 1922).

Ricardo Flores Magón, war der wichtigste und einflußreichste Anarchist in der revolutionären Bewegung Mexicos. Er war schon früh aktiv im Kampf gegen den Diktator Pofirio Diaz. Ab 1901 engagierte er im Vorfeld der Revolution in der liberalen Bewegung, zwar reformistisch, jedoch dem Regime oppositionell gegenüberstehend, und wurde als Herausgeber der oppositionellen Zeitungen „Regeneracion“ (von seinem Bruder gegründet) und „El Hijo del Ahuizote“ mehrere Male verhaftet.

Gezwungen, in die USA zu fliehen, führte er seit 1904 dort seinen Kampf gegen Diaz trotz der kontinuierlichen Repression und Verhaftungen seitens der US-Autoritäten und den Aufsticheleien der mexikanischen Regierung erst von St. Louis und später von Los Angeles aus weiter. 1905 gründete Magón die Partido Liberal Mexicano (PLM), die 1906 und 1908 zwei erfolglose Aufstände gegen Diaz organisierte und der später Madero angehörte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ricardo Flores Magon

Während dieser frühen Jahre im Exil wurde er mit Emma Goldman bekannt gemacht, und teilweise durch sie wurde er zum Anarchisten. Mit Ausbruch der Revolution 1910, der die PLM mehr als jede andere Gruppe oder Person den Weg bereitet hatte, begann Magón, für dem Anarchismus zu leben. Durch seinen Einfluß wurden große Landflächen durch die Landarbeiter enteignet und schlossen sich zusammen unter dem Banner „Tierra y Libertad“, dem Motto der PLM, später von Emiliano Zapata aufgenommen. Während der Revolutionsjahre kämpfte Magón erfolgreich gegen sogenannte „revolutionäre Regime“ mit derselben Kraft wie gegen die alte Diktatur. 1905, 1907 und 1912 verhaftet von den US-Autoritäten, wurde er 1918 schließlich nach den Spionagegesetzen zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er starb am 22. November 1922 im Leavenworth Prison, Kansas.

Am offensichtlichsten ist der Einfluß des Anarchismus durch die PLM. Die Begrifflichkeiten „Partei“ und „liberal“ hinterlassen hier einen falschen Eindruck. Es handelte sich durchaus um eine Organisation von Intellektuellen, die für Anarchismus und radikaldemokratischen Sozialismus eintrat. Die PLM war an mehreren Streikaktionen vor der Revolution maßgeblich beteiligt. Während die PLM sich jedoch mäßigte, radikalisierte Magón sich im amerikanischen Exil.

Als weiterer anarchistischer Einfluß, der ebenfalls eng mit dem Namen Magón verbunden ist, ist die mexikanische IWW zu nennen. Die „Industrial Workers of the World“ waren und sind eine weltweit organisierte anarcho-unionistische Gewerkschaftsbewegung, die zu jener Zeit insbesondere in den USA sehr groß war. Aus den USA heraus schwappte diese Gewerkschaftsbewegung nach Mexiko hinüber. Sie spielte nur in den industriellen Gebieten, d.h. hauptsächlich in Mexico D.F. unter den ArbeiterInnen eine Rolle. Schon lange vor Beginn der Revolution organisierten sie die anarchosyndikalistische Opposition gegen Diaz. Ihr Einfluß auf eine mexikanische ArbeiterInnenbewegung ist heute noch erkennbar an der Verwendung der schwarz-roten Fahne als Symbol des Streikes, ohne anarchistische Konnotationen.

3. Sind Machnowstschina und mexikanische Revolution vergleichbar? Stichwort: Agraranarchismus

3.1.Politikwissenschaftliche Einordnung

Peter Lösche differenziert in einer politikwissenschaftliche Typologie vier Richtungen des Anarchismus:

1. Agraranarchismus: Er appelliert an Gemeinschaftstraditionen einer kleinen Region, etwa eines Dorfes und knüpft an Traditionen des Landes an. „Das soziale Elend der Kleinbauern und Landarbeiter und der ländliche Widerstand gegen polizeiliche und bürokratische Maßnahmen der Regional- und Zentralregierungen bilden einen Resonanzverstärker für anarchistische Theorieangebote, die dörflichen Gemeinbesitz, genossenschaftliches Arbeiten und dezentral-föderative politische Strukturen fordern.“ U.a. sieht Lösche auch im Spanischen Bürgerkrieg noch viele Elemente des Agraranarchismus.
2. Handwerkeranarchismus: Er bezieht sich auf die zünftlerisch-solidarischen Traditionen, die durch den Kapitalismus gefährdet sind. Die Bedrohung des wirtschaftlichen und sozialen Status des Handwerks schafft die Aufnahmebereitschaft für anarchistische Argumentationen. Er findet seine Verbreitung vor allem in Kleinbetrieben. (Beispiel: Jura-Föderation)
3. Syndikalismus: Er kann als „Anarchismus der Industriebetriebe“ bezeichnet werden und reagiert auf zunehmende Arbeitsintensität und -entfremdung. Anders als die erstgenannten Formen geht er von einem ausgeprägten Klassengegensatz aus.
4. Intelligenz-Anarchismus: Er bleibt politisch ohne Massenbasis, wird aber literarisch wirksam. Seine Träger stammen aus der Schicht der Intellektuellen der Großstädte: Künstler, Literaten, Bohemians und „sozial deklassierte Intellektuelle“. (Erich Mühsam, B. Traven...)

3.2. Machnowstschina und Zapatistas

Für den Vergleich zwischen Machnowstschina und mexikanischer Revolution ist der erste Punkt, der Agraranarchismus von Bedeutung. Lösche nennt die Machnowstschina ganz explizit als Beispiel. Die ganze mexikanische Revolution mit der Machnowstschina zu vergleichen, wäre ein müßiges Unterfangen. Doch wie die Machno-Bewegung ihre besondere Rolle in der russischen Revolution spielte, so spielte der Zapatismus seine besondere Rolle in der mexikanischen Revolution.

Hier sind einmal die regionalen Grundvoraussetzungen vergleichbar:

Sowohl die Ukraine als auch der mexikanische Bundesstaat Morelos waren landwirtschaftlich orientiert, beherrscht von wenigen reichen Großgrundbesitzern und von sozialem Elend geprägt. In Morelos waren es hauptsächlich große Zuckerplantagen, die wenigen den Reichtum brachten. Widerstand richtete sich in beiden Fällen gegen die lokalen und die staatliche Autoritäten sowie die Großgrundbesitzer. Wie Machno sich nach dem Sieg gegen die Weißen auch gegen die leninistische Autorität wendet, wendet sich Zapata nach dem Sturz des Porfiriats auch gegen Madero.

Zum zweiten ist in den zwar nicht explizit anarchistischen, jedoch ideologisch dem Anarchismus nahestehenden Zielen, die Landfrage vergleichbar:

Sowohl in der Ukraine als auch in Morelos (Plan von Ayala) wird der gemeinsame kommunale Landbesitz gefordert. Die Parole „Land und Freiheit!“ (die in Mexiko von dem Anarchisten Magón stammt, später auch in der spanischen Revolution und heute im Neozapatismus der EZLN Verwendung findet) gilt für beide Bewegungen. Das gemeinsame Bebauen des kommunalen Gemeinschaftsbesitzes war Tradition in der Ukraine wie auch in den ländlichen Gebieten Mexikos („ejidos“).

Zum dritten sind die Methoden vergleichbar:

Sowohl in Morelos als auch in der Ukraine wurde mit Waffengewalt und teilweise äußerster Brutalität gegen die Unterdrücker gekämpft, während gleichzeitig lokale Strukturen aufgebaut wurden. Beide Gruppen können im heutigen Sinne als Guerillas verstanden werden.

Und viertens ist die Struktur der Zapatistas und der Machnowstschina vergleichbar:

Beide Gruppen bestanden zu einem großen Teil (einschließlich ihren Führern) aus Kleinbauern und Landarbeitern, die aus sozialen Gründen zu den Waffen griffen. Wie die Machnowstschina in Arschinoff nur einen Intellektuellen in ihren Reihen hatte, so auch die Zapatistas mit Otilio E. Montano, der maßgeblich am Plan von Ayala beteiligt war. Später wurde er als Verräter von den Zapatistas verurteilt und hingerichtet.

Post Scriptum: Nachwirkungen...

Sowohl Nestor Machno als auch Pancho Villa und Emiliano Zapata sind in ihren jeweiligen Heimatländern heute Nationalhelden. Das hat teilweise abstruse Auswirkungen, für die nun Beispiele folgen.

„Machno ist unser Zar, Machno ist unser Gott“

Am 9. Und 10. Dezember 1998 veranstalteten die Staatliche Universität der Stadt Saporoshje und die örtlichen Behörden in Machnos Geburtsort Guljaj-Polje Feierlichkeiten zu ehren des revolutionären Anarchisten. Von der Universität wurde ein Symposium ausgerichtet, die Behörden veranstalteten ein Volksfest. Die gelbblaue Staatsfahne der Ukraine wehte an der Fahnenstange, der örtliche Dichterclub paraphrasierte: „Machno ist unser Zar, Machno ist unser Gott1“ Kosaken aus Saporosjhie prunkten mit ihren Fahnen vor christlichen Heiligtümern, die Atamane fuhren in Nobelwagen vor. Insgesamt war der Mittelpunkt des Volksfestes ein militärisch-historisches Schauspiel, bei denen mit jenen Fahnen und Abzeichen geprunkt wurde, die die Gegner Machnos trugen.

Zwischen institutionalisierter Revolution und Neozapatismus

Ganz Mexiko beruft sich auf die mexikanische Revolution PRI, (Parte der institutionalisierten Revolution) seit der Revolution bis Mitte 2000 Regierungspartei Mexikos, wie auch die sozialdemokratische PRD (Partei der demokratischen Revolution) tragen sie im Namen, Villa und Zapata stehen in jedem Schulbuch.

(Kopie: Geldschein...)

Auf der anderen Seite steht die EZLN, (Ejercito Zapatista de Liberacion National), die den Namen Zapatas im Namen trägt. Der 1994 in Chiapas begonnene Aufstand beruft sich in vielen Dingen auf die Revolution von 1910, so gibt es neben der EZLN auch die kleine UCPFV (Bauern- und Volksunion Francisco Villa), die sich nach Pancho Villa benannt hat.

Eines der bedeutenden Ergebnisse der mexikanischen Revolution war die Einführung des Artikels 27 („Ejido- Paragraph“) in die mexikanische Verfassung. Der Artikel 27 regelt die Verteilung des gemeinsamen Kommunelandes. Um den Bedingungen für NAFTA (North American Free Trade Agreement) gerecht zu werden, wurde dieser Artikel 1992 aus der Verfassung gestrichen. Seine Wiederaufnahme ist eine der zentralen Forderungen der EZLN.

Verwendete Literatur:

1. Zur Machnowstschina:

- Arschinoff, Peter A.: Geschichte der Machno-Bewegung. Münster 1998.
- Diefenbacher, Hans (Hg.): Anarchismus. Darmstadt 1996.
- Machno, Nestor: Das ABC des revolutionären Anarchisten. O.O, o.J.
- Rocker, Rudolf: Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten. Frankfurt a.M. 1974.
- Stowasser, Horst: Leben ohne Chef und Staat. Berlin 1993.

2. Zur mexikanischen Revolution:

- Dunn, John: Moderne Revolutionen. Analyse eines politischen Phänomens. Stuttgart 1974.
- Kampkötter, Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende. Münster 1996.
- Taibo II., Paco Ignacio: Erzengel. Hamburg 1999.
- Traven, B: Der Marsch ins reich der Caoba. Frankfurt a.M. 1983.
- Traven, B: Die Carreta. Frankfurt a.M. 1983.
- Traven, B: Die Rebellion der Gehenkten. Frankfurt a.M. 1983.
- Traven, B: Ein General kommt aus dem Dschungel. Frankfurt a.M. 1983.
- Traven, B: Regierung. Frankfurt a.M. 1983.
- Traven, B: Trozas. Frankfurt a.M. 1983.

Weitere Infos von www.spunk.org

3. Zum Vergleich:

- Dahlmann, Dittmar: Land und Freiheit. Machnovscina und Zapatismo als Beispiele agrarrevolutionärer Bewegungen. Stuttgart 1986.
- Lösche, Peter: Anarchismus. Darmstadt 1997.

4. Zum Post Scriptum:

- Gruppe demontage: Postfordistische Guerrilla. Vom Mythos nationaler Befreiung. Münster 1998.
- Kanzleiter, Boris und Dirk Peresa: Die Rebellion der Habenichtse. Der Kampf um Land und Freiheit gegen deutsche Kaffebarone in Chiapas. Berlin 1997.
- Schewtschenko, Sergej: „Machno ist unser Zar, Machno ist unser Gott.“ in: Direkte Aktion.
Anarchosyndikalistische Zeitung. Nr.132, April 1999. S.13.
- Simmen, Andreas: Mexico. Aufstand in Chiapas. Berlin 1994.

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Der Kampf um Land und Freiheit: Machnowtschina und Zapatismus im Vergleich
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht 2
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
7
Katalognummer
V104731
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zapatismus, Anarchismus, Mexiko, Machno
Arbeit zitieren
Torsten Bewernitz (Autor), 2000, Der Kampf um Land und Freiheit: Machnowtschina und Zapatismus im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104731

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