Die Digitalisierung der Arbeitswelt im Kontext der kritischen Frage. Eine Analyse nach Foucaults Ethos der Moderne


Hausarbeit, 2021

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Digitale Arbeit – Zwischen Utopie und Dystopie

2. Zu Foucaults Kritik der Aufklärung
2.1. Kants Ausgang der selbstverschuldeten Unmündigkeit
2.2 Baudelaires Haltung der Moderne
2.3 Foucaults Ethos der Moderne

3. Wearables als Sinnbild einer ontologischen Transformation

4. Industrie 4.0 – Die Spitze eines gesellschaftlichen Umwälzungsprozesses

5. Fazit

Literatur

1. Digitale Arbeit – Zwischen Utopie und Dystopie

„Technische Rationalität heute ist die Rationalität der Herrschaft selbst.“ (Adorno/Horkheimer 1947: 145)

Die Digitalisierung ist die entscheidende gesellschaftliche Transformation des noch jungen 21. Jahrhunderts. Sie manifestiert sich in den unterschiedlichsten Formen und Facetten des sozialen und gesellschaftlichen Lebens. Der technische Fortschritt hat eine Grenze überschritten, die die Grundfeste menschlicher Zivilisationen in Frage stellt. Der ständige direkte Zugriff auf eine überwältigende Datenmenge an Informationen und eine globale Kommunikation in Echtzeit sind nur die Spitze dieser gesellschaftlichen Transformation. Neben den offensichtlichen Veränderungen der ökonomischen Globalisierung oder der Art von Kommunikation, tangiert die Digitalisierung soziale Konstrukte der Macht, des Wissens oder der Ethik. Die gesellschaftliche Betrachtung ist so ambivalent wie der Gegenstand der Digitalisierung selbst. So werden auf der einen Seite die scheinbar unendlichen Möglichkeiten des digitalen Fortschritts gefeiert. Hierzu zählen Lösungen für die großen gesellschaftlichen Probleme, wie der Gewinnung erneuerbarer Energie zur Bekämpfung des Klimawandels, die Kolonisierung neuer Planeten zur Vermeidung von Überbevölkerung oder ein weltweiter Zugang zu digitaler Bildung für globale Chancengleichheit. Weiter bietet die Digitalisierung auch eine Vielzahl „kleineren“ Lösungen, die den Alltag in vielen Bereichen komfortabler gestalten. So sollen z.B. Online-Lieferdienste oder Dating-Apps grundlegend menschliche Bedürfnisse mit so wenig Aufwand wie möglich gewährleisten. Was auf der einen Seite mit einer Euphorie des Optimismus grenzenloser Gestaltungsmöglichkeiten gefeiert wird, produziert auf der anderen Seite eine Nostalgie, die das soziale Produkt des technologischen Wandels verachtet. So führt z.B. die Komplizenschaft der Digitalisierung mit dem Kapitalismus zu Machtverhältnissen, die Chancengleichheit in unterschiedlichen Formen negieren. Monopolstellungen einiger Technologiekonzerne sind keine Seltenheit. Weiter führt die digitale Globalisierung zu einem ökonomischen Aufschwung der Entwicklungsstaaten, die den Klimawandel letztlich eher verstärken. So könnte man in den alltäglichen Auswirkungen der Digitalisierung auch über Isolation, degenerative Kommunikationsfähigkeiten, einen Werteverfall oder über unkontrollierte digitale Räume sprechen. In diesem undifferenzierten Wechselverhältnis zwischen Menschen und Digitalisierung muss jedoch vor allem der der Themenkomplex der „Arbeit“ hervorgehoben werden. Denn die Arbeit betrifft einerseits den ontologischen Kern des Individuums als menschliches Wesen. Im Sinne Marx definiert sich der Mensch sich durch Arbeit selbst. Ihre Funktion „ist die menschliche Form des Stoffwechsels mit der Natur“ (Marx 1867: 192). Andererseits befindet sich die Arbeit im Prozess einer Transformation, dessen gesellschaftliche Ausmaße mit der industriellen der Revolution der 19. Jahrhunderts verglichen werden. (vgl. Boes 2016: 20)

Der öffentliche Diskurs zur Digitalisierung der Arbeitswelt wird häufig im Kontext des Themenkomplexes Industrie 4.0, der technischen Automatisierung und dem Verlust von Arbeitsplätzen, zugespitzt. Hier muss jedoch angemerkt werden, dass die Transformation in unterschiedlichen Ebenen, wie z.B. die Organisation bzw. Gestaltung von Arbeit, die Implementierung von Innovationen und auch der Kern der Weltschöpfung selbst, in Frage gestellt wird. (vgl. Boes 2016: 4) So gibt es beispielsweise spezifische Veränderung der Machtbeziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, eine qualitative Transformation von „Hand- und Kopfarbeit“ sowie ein Spannungsverhältnis zwischen digitalen Taylorismus und der individuellen Souveränität der Beschäftigten. Im Kontext dieser Vielfalt an Widersprüchen bieten sich eine Vielzahl von Analysen zu spezifischen Themengebieten der Digitalisierung von Arbeit an, um die vorhandenen Spannungsverhältnisse trennscharf zu rekonstruieren und so möglicherweise einen richtungseisenden Beitrag zu bieten. Methodisch möchte ich mit dieser Arbeit jedoch einen unkonventionellen Weg gehen, und die beschriebenen Transformationen nicht anhand eines spezifischen Themenkomplexes oder Widerspruchs analysieren. Stattdessen möchte ich die Digitalisierung der Arbeitswelt über zwei philosophische und soziologische Ebenen untersuchen. In der ersten Ebene betrachte ich die Verschiebung der individuellen Grenzen von Mündigkeit des einzelnen Menschen innerhalb dieser digitalen Transformation von Arbeit. In der zweiten Ebene exploriere ich diese ontologische Betrachtung in die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die damit einhergehen. So stellt sich im Kontext der oben angeführten Widersprüche die Frage:

Inwieweit verschieben sich die freiheitlichen Grenzen unseres ontologischen Seins im Kontext der Digitalisierung von Arbeit?

Diese methodische Herangehensweise hat zwei Gründe. Erstens stehen die Widersprüche der Digitalisierung in stetiger Wechselwirkung zueinander. So kann man beispielsweise den Technikgenese-Prozess nur indirekt von der gesellschaftlichen Einbettung der Industrie 4.0 trennen. Weiter stehen z.B. die Machtstrukturen bezüglich der Demokratisierung und Humanisierung stets in Abhängigkeit zur individuellen Perspektive der Auffassung von Mündigkeit des jeweiligen Arbeitnehmers. Zweitens kann die gegenwärtige Transformation von Arbeit nur in seiner Gesamtheit verstanden werden, wenn die Digitalisierung als ganzheitlicher Prozess der zeitlich spezifischen Gegenwart widergespiegelt wird. Nur so scheint es mir möglich die Digitalisierung im Analyse-Rahmen der kritischen Frage zu betrachten.

Um den Spagat zwischen methodischer Trennschärfe und umfassender Betrachtung der digitalen Transformation von Arbeit zu gewährleiten, strukturiert sich diese Arbeit wie folgt:

Im anschließenden Kapitel wird der theoretische Rahmen des „Ethos der Moderne“ von Michel Foucault über drei Säulen vorgestellt. Die erste Säule greift auf Kants Begriff der Aufklärung zurück. Hier wird die Grundlage der methodischen Betrachtung von Vernunft und Mündigkeit erläutert. In der zweiten Säule stellt Foucault, über die Perspektive des Malers Baudelaires, die Begriff der Moderne vor. Dieser Modernitäts-Begriff ist nicht nur der Reflektions-Gegenstand Foucaults Theorie, sondern auch in Hinblick auf diese Arbeit das entscheidende Merkmal, warum gerade diese kritische Theorie als methodische Grundlage zur Analyse von digitaler Arbeit ausgewählt wurde. So wird in der späteren Analyse deutlich, dass die Perspektive Baudelairs Modernität einen einzigartigen Einblick in die Strukturen digitaler Arbeit gewährt. Die abschließende dritte Säule Foucaults Ausführungen stellt die kritische Haltung des Ethos der Moderne dar, die die historische Ontologie unseres Seins analysiert. Das methodische Spannungsverhältnis zwischen Generalisierung und Spezifizierung dieser Arbeit wird auch in Foucaults Ausführungen des Ethos der Moderne aufgegriffen. Die Analyse in Kapitel Drei und Vier bezieht trotz des generalisierten Anspruchs dieser Arbeit auf zwei spezifische Aspekte der Digitalisierung der Arbeitswelt. So wird in Kapitel Drei der spezifische Gegenstand von Wearables in Betrieben in Hinblick auf die Verschiebung individueller ontologischer Grenzen hin betrachtet. Dieses Beispiel wurde deshalb gewählt, weil sich die individuelle Transformation von Menschen und Maschine hier selbst physisch manifestiert. In Kapitel Vier werden diese Annahmen auf die gesellschaftliche der Industrie 4.0 im Allgemeinen diskutiert. Im Fazit werde ich die methodische Herangehensweise dieser Arbeit reflektieren und dem Versuch der Transformation der Digitalisierung der Arbeitswelten im Kontext der kritischen Frage eine konstruktive Perspektive zu verleihen.

2. Zu Foucaults Kritik der Aufklärung

Das Werk „Ethos der Moderne – Kritik der Aufklärung“ des französischen Philosophen Michel Foucault beschäftigt sich mit der Frage „Was ist Aufklärung?“. Diese Frage ist seit Ende des 18. Jahrhundert eine Heraufforderung, die bereits große Denker wie Hegel, Nietzsche, Weber oder Horkheimer beschäftigte. Der Begriff der Aufklärung ist zwar historisch durch die Epoche der französischen Revolution geprägt, der Diskurs handelt jedoch von der ontologischen Reflektion freiheitlichen Denkens. Foucaults Theorie baut auf drei Säulen auf: Die erste Säule stellt die Grundlage über Kants „Gebrauch der Vernunft“ dar, der sich ebenfalls der Frage „Was ist Aufklärung?“ angenommen hat. So beschreibt er, im Sinne Kants, dass der Gebrauch der eigenen Vernunft, der Ausgang eines Zustands aus der Unmündigkeit sei. (Foucaults 1990: 37) Um den Zustand der Freiheit zu reflektieren, ist es notwendig, als zweite Säule seiner Ausführungen, die „Haltung der Moderne“ zu charakterisieren. „Die Moderne“ ist die Reflektions-Grundlage, um Mündigkeit im weltlichen Kontext zu manifestieren. Hier greift Foucault auf die Perspektive des Malers Baudelaire zurück, dessen „Bewusstsein der Moderne“ er als eines der schärfsten des 19. Jahrhunderts beschreibt. (Foucault 1990: 42) Baudelaires Modernitäts-Begriff ist eine ironische Heroisierung der Gegenwart, die dem Wechselspiel zwischen Freiheit und Wirklichkeit Gestalt verleiht. Die dritte Säule Foucaults Theorie ist der Apell seines Ethos der Moderne. Hier grenzt er sich in einem Negativ zum Humanismus ab und beschreibt im Positiv eine analytische Haltung an unseren ontologischen Grenzen, die der experimentellen Suche nach Freiheit Form verleiht. Diese Rekonstruktion der „kritischen Aufgabe“ wird im Folgenden anhand dieser drei Säulen vorgestellt.

2.1. Kants Ausgang der selbstverschuldeten Unmündigkeit

Der Versuch, seine eigene Gegenwart zu reflektieren hat in der Geschichte der philosophischen Ideengeschichte eine lange Tradition. So stellt sich in Hinblick auf Foucaults Ethos der Moderne die Frage, warum er gerade Kants Ausführung zum Begriff der Aufklärung als Grundlage seiner Theorie verwendet. Dies hat hauptsächlich zwei Gründe: Erstens wird der Begriff der Aufklärung für Gewöhnlich im Kontext einer spezifischen Gegenwart bzw. eines historischen „Weltalters“ angesehen. Auch wenn sowohl Kants als auch Foucaults Ausführung letztlich dazu dienen die Zeichen einer spezifisch individuellen Gegenwart zu entziffern, so haben sie jedoch den Anspruch, eine Methodik zu konstruieren, die die Kritische Frage generalisiert. Zweitens definiert Kant die Aufklärung nicht im Kontrast einer zukünftigen Vollendung. Kants Argumentation wird zwar stehts im Negativ, als Ausgang aus der Unmündigkeit formuliert, kontrastiert jedoch nicht an Hand einer Totalität, sondern im Kontrast der Vergangenheit zur Gegenwart. „Er sucht nach der Differenz: Welche Differenz führt das Heute im Unterschied zu Gestern ein?“ (Foucault 1990:37) Entsprechend ist die Grundlage der kantschen Theorie einerseits zeitlich unspezifisch, jedoch andererseits immer in der Differenz zwischen Moderne und Vergangenheit.

Kant charakterisiert „Aufklärung“ als einen Prozess oder Ausgang aus dem Zustand der Unmündigkeit. Dieser Zustand bezieht sich auf unseren Willen, jemandem die Autorität zu gewähren, über unser Sein zu bestimmen. Verständlicher wird es in den drei Beispielen aus Kants Theorie:

„Wir sind in einem Zustand der Unmündigkeit, wenn ein Buch die Stelle unseres Verstandes einnimmt, wenn ein Seelsorger die Stelle unseres Gewissens einnimmt und wenn ein Arzt für uns entscheidet, was unsere Diät zu sein hat“ (Foucault 1990: 37)

Weiter beziehen sich die Ausführungen Kants um die Beziehungen der Begriffe Wille, Autorität und Gebrauch der Vernunft. Sie definieren sich im willentlich herbeigeführten Prozess der Veränderung des Subjektes selbst. Sowohl für den Ausgang der Unmündigkeit als auch für dessen ursprünglichen Zustand der Unmündigkeit, ist der Mensch selbst verantwortlich. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant 1996: S.9). Entsprechend ist die Aufklärung als ein Prozess und als eine Aufgabe zu betrachten. Der Wahlspruch der Aufklärung Sapere aude, „habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, ist eine Handlungsanweisung, indem sich das Subjekt, der Mensch, dazu entscheiden kann, Handelnder zu sein. (vgl. Foucault 1990: 38)

Weiter führt Foucault, im Sinne Kants, Bedingungen an, die den Gebrauch der Vernunft einordnen. Diese Einordnung in einen alltagstauglichen Kontext ist insofern notwendig, da sie verschiedene Themenkomplexe des Geistigen, Institutionellen, Ethischen und Politischen tangiert. Die herausstechende Unterscheidung betrifft die Bedingungen des „Gehorchens“ und „Räsonierens“.1 Dazu betrachtet man die Beziehung der beiden Begriffe sowohl im Zustand der Unmündigkeit, als auch im Zustand der Mündigkeit. In einem unmündigen Zustand militärischer Disziplin, politischer Macht und religiöser Autorität, beschreibt Kant diese Bedingung als „ Räsoniere nicht, sondern gehorche “. Eine mündige Menschheit bzw. Gesellschaft hingegen würde sagen: „ Gehorch, und ihr werdet so viel räsonieren können, wie ihr wollt. “ (vgl. Kant 1996) Der Unterschied besteht darin, dass man in der zweiten Definition zwar als Teil der Gesellschaft „die öffentliche Ordnung“ trägt, aber trotzdem fähig ist diese zu hinterfragen. So sollte man beispielsweise Steuern zahlen, aber trotzdem, so viel man möchte, über das System der Besteuerung räsonieren können. (vgl. Foucault 1990: 39) Noch deutlicher wird diese Differenzierung im öffentlichen und privaten Gebrauch der Vernunft. So führt Foucault aus, „dass die Vernunft im öffentlichen Gebrauch frei sein muss und sich im privaten Gebrauch unterwerfen muss“ (Foucault 1990: 39). Der private Gebrauch der Vernunft ist nicht frei, weil man als „Teil der Maschine“ sich der gesellschaftlichen Verantwortung unterordnen muss. Der Bereich des öffentlichen Gebrauches der Vernunft ist nicht bloß die Gewährleistung der Meinungsfreiheit. Als vernünftiges Wesen zu räsonieren, dort wo sich der freie, universelle und öffentliche Gebrauch der Vernunft überlagern, ist die Grundlage des Prozesses der Aufklärung.

Folgt man dieser Argumentationslogik, wird deutlich, dass der Prozess der Aufklärung zwar ein subjektiver Prozess des Individuums ist, sich jedoch im Kontext politischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen befindet. Entsprechend schlägt Kant abschließend eine Art Vertrag als Bedingung vor. Diesen beschreibt Foucault als ein Vertrag zwischen rationalem Despotismus und freier Vernunft:

„Der öffentliche und freie Gebrauch der autonomen Vernunft wird die beste Garantie des Gehorsams sein, jedoch unter der Bedingung, dass das politische Prinzip, dem gehorcht werden muss, selbst mit der universalen Vernunft übereinstimmt“ (Foucault 1990: 40).

Abschließend sei gesagt, man sollte die Ausführungen Kants nicht als historische Grundlage des Begriffs der Aufklärung betrachten. Viel mehr definiert Kant die Bedingungen zum Gebrauch der Vernunft, im Sinne eines Handbuches der kritischen Frage, im Prozess der Mündigkeit. Dies gilt sowohl für das individuelle Subjekt des einzelnen Menschen, als auch für den zivilisatorischen Prozess einer richtungsweisenden Vergesellschaftung.

2.2 Baudelaires Haltung der Moderne

Grundlegend wurden über Kants Ausführungen die Bedingungen und der Mechanismus im Prozess des Ausgangs einer selbst verschuldeten Unmündigkeit veranschaulicht. Es stellt sich jedoch die Frage, vor allem ohne dem Kontrast einer Totalität, an welchem Gegenstand der Zustand der Unmündigkeit reflektiert werden soll. Foucault umschreibt die kritische Frage, als die Reflektion der Differenz des „Heute“ zu „Gestern“. (vgl. Foucault 1990: 41) Der gegenwärtige Moment des „Heute“ muss jedoch muss jedoch aus einer bestimmten Perspektive betrachtet werden. Diese Charakterisierung der gegenwärtigen Verhältnisse beschreibt Foucault als „Moderne“. Dessen perspektivische Betrachtung beschreibt er als „Haltung der Moderne“. Wie auch bei der Definition des Begriffes der „Aufklärung“ ist hiermit kein spezifisches Zeitalter gemeint, sondern die jeweilig spezifische Gegenwart des Subjektes oder der Gesellschaft, die sich der Methodik der kritischen Frage bedient. Um die Haltung der Moderne trennscharf zu charakterisieren, greif Foucault auf die Ausführungen des französischen Malers Charles Baudelaire zurück.

Nach Baudelaires ist die Moderne deutlich von der Mode abzugrenzen. Mode bezieht sich auf ein Gefühl der Neuheit oder auf den Bruch mit der Tradition. Modern sein ist für Baudelaires jedoch nicht die Anerkennung der Diskontinuität von Zeit. Eine Haltung der Moderne ist, im Gegensatz zur Mode, mehr als das Erfassen des gegenwärtigen Moments. „Modernität ist nicht eine Art des Gespürs für den flüchtigen Augenblick; sie ist der Wille, die Gegenwart zu heroisieren “ (Foucault 1990: 43). Diese Heroisierung der Gegenwart ist ironisch. Sie steht für eine Methodik zur Erfassung des Gegenwärtigen in seiner Gänze und sich gleichzeitig dem Potential einer möglichen Transformation gewusst zu werden. Deutlicher wird diese Perspektive in der Abgrenzung zur Haltung des „Flanierens“. Als „Flanieren“ bezeichnet Baudelaire die stetige Suche nach flüchtigem Vergnügen, sowie der Konservierung von Augenblicken und Erinnerungen. Doch auch in Abgrenzung zur Mode und zum „flâneur“ ist der Gegenstand der „Moderne“ nicht leicht zu fassen. Foucault umschreibt die Haltung der Moderne als ein Wechselspiel zwischen der Wahrheit des Wirklichen und Ausübung von Freiheit. Hier sind zusammenfassend zwei Aussagen zentral. Ersten die Erfassung der Gegenwart in all ihren Facetten und zweitens die ironische Heroisierung dieser Erfassungen als Grundlage möglicher Transformation.

„Eine Verwandlung, die die Realität nicht aufhebt, sondern ein schwieriges Spiel zwischen der Wahrheit des Wirklichen und der Ausübung von Freiheit treibt; ‚natürliche‘ dinge werden dann ‚mehr als natürlich‘, ‚schöne‘ Dinge werden dann ‚mehr als schön‘ und einzigartige Dinge scheinen ‚mit einem enthusiastischen Leben erfüllt wie die Seele ihres Erweckers‘. Für die Haltung der Moderne ist der hohe Wert der Gegenwart nicht von der verzweifelten Anstrengung zu trennen, sie sich vorzustellen, sie sich anders vorzustellen als sie ist und sie zu transformieren. Nicht durch Zerstörung, sondern durch ein Erfassen dessen was sie ist“ (Foucault 1990: 44).

Abschließend gibt Foucault noch zwei Anmerkungen: Ersten manifestiert sich Modernität in der ontologischen Beziehung eines Menschen zu sich selbst. Jedoch nicht im Negativ, wie bei Kant, als Befreiung ursprünglicher Grenzen wie der Unmündigkeit, sondern im Positiven, als Aufgabe der Ausarbeitung des eigenen Seins. Zweitens verortet Baudelaire die Produktion dieser philosophischen Annahme, die sowohl Ontologie, Gesellschaft und Politik tangiert, im Bereich der Kunst. Zusammenfassen lässt sich sagen, dass Foucault, Kants Methodik vernünftigen Denkens, an Baudelaires Gegenstand der Moderne reflektieren möchte. Dazu definiert er eine Haltung der Moderne, die sich strukturell in die Argumentationslogik der kritischen Frage einbinden lässt. Wie im Folgenden deutlich wird, generiert er aus dem Leitspruch der Aufklärung (Habe den Mut dich deines Verstandes zu bedienen) und der perspektivischen Haltung der Moderne, eine Handlungsanweisung, die er als „Ethos der Moderne bezeichnet“.

[...]


1 Den Begriff „Räsonieren“ hat nach Kant keinen anderen Zweck als sich selbst. Es ist der Gebrauch der Vernunft, mit dem Zweck Vernunft zu gebrauchen.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Digitalisierung der Arbeitswelt im Kontext der kritischen Frage. Eine Analyse nach Foucaults Ethos der Moderne
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Wirtschaftssoziologie)
Veranstaltung
Digitalisierung der Arbeitswelt
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
21
Katalognummer
V1047667
ISBN (eBook)
9783346471277
ISBN (Buch)
9783346471284
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Digitalisierung, Arbeit, Kritische Frage, Soziologie, Arbeitssoziologie, Industrie, Industrie 4.0, industrielle Revolution, Foucault, Kant, Automatisierung, Transformation, Grenzen, Freiheit, Technikgenese, Technik, Ethos der Moderne, Wearables, Smartwatch, Smartphone, Arbeitslosigkeit, Wirtschaft, Kapitalismus, Wachstum, Vierte industrielle Revolution
Arbeit zitieren
David Schmucker (Autor:in), 2021, Die Digitalisierung der Arbeitswelt im Kontext der kritischen Frage. Eine Analyse nach Foucaults Ethos der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1047667

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