Interkulturelle Anpassung: Kulturschock und Reentry-Schock


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

19 Seiten


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INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. GRUNDBEGRIFFE
2.1. KULTUR
2.2. INTERKULTURELLES HANDELN
2.3. DER PSYCHOLOGISCHE HINTERGRUND DES KULTURSCHOCKS

3. INTERKULTURELLE ANPASSUNG
3.1. INTERKULTURELLE ANPASSUNG
3.2. KULTURSCHOCK
3.2.1. Aspekte des Kulturschocks
3.2.2. Symptome des Kulturschocks
3.2.3. Verlauf und Charakterisierung des Kulturschocks
3.2.4. Reaktionen auf den Kulturschock
3.3. DER REENTRY- SCHOCK

4. MINIMALISIERUNG DES KULTURSCHOCKS

5. SCHLUßBEMERKUNG

6. BIBLIOGRAPHIE

1. Einleitung

„One of the most difficult things to get used to at first was that, at a party, for example, German friends tended not to introduce me ‘formally’ to strangers. Making contact was often rather awkward, therefore, until I got used to it.

(Howard Atkinson, Lektor an der Bauhaus- Universität Weimar)

Aufenthalte im Ausland über einen längeren Zeitraum illustrieren eine Grenzsituation im Leben einer Person. Trotz unterschiedlicher Motivationen - sei es geschäftlich, privat oder aus Gründen der (akademischen) Weiterbildung - hat dieser Aufenthalt großen Einfluß auf die persönliche Entwicklung eines jeden sowie auf dessen soziales Umfeld. Ohne Zweifel haben die Erfahrungen, die man im Ausland sammelt, einen positiven Einfluß auf die Zukunft der Person. Jedoch, können auch unbekannte Situationen „schockende“ Auswirkungen hervorrufen, welche das Leben und die Arbeit der Person beeinflussen. In dem eben angeführtem Beispiel von Howard Atkinson werden Eindrücke über die ihm fremde Kultur dargestellt, sein Unverständnis gegenüber Handlungen in dieser - hier deutschen - fremden Kultur und die damit verbundene Irritation sind typische Prozesse und Reaktionen eines Aufenthaltes in einem Gastland. Der Schluß seines Kommentars beschreibt den interkulturellen Anpassungsprozeß.

In diesem Aufsatz soll allgemein der interkulturelle Anpassungsprozess näher untersucht werden, wobei ein kurzer Abriß über die Grundbegriffe wie „Kultur“ und „interkulturelles Handeln“ notwendig erscheint. Ferner werden Verlauf und Charakter des Phänomens Kulturschock in differenzierter Betrachtung zum sogenannten Reentry- oder auch Reverse- Schock sowie mögliche Wege zur Minimalisierung des Kulturschocks aufgezeigt.

2. Grundbegriffe

2.1. Kultur

Um den Begriff Kulturschock überhaupt näher erläutern zu können, ist es unabdingbar, den Begriff „Kultur“ zu definieren. „Kultur“ ist ein häufig verwendetes Wort - ein abstrakter Begriff, dessen Bedeutung vieldeutig ist. Demnach existiert eine einheitliche, allgemein anerkannte Definition nicht, sondern variiert je nach Benutzer und Kontext - auch in den Wissenschaften. In der modernen Kulturanthropologie ist „ ... Kultur im wesentlichen zu verstehen als ein System von Konzepten, Überzeugungen, Einstellungen, Wertorientierungen, die sowohl im Verhalten und im Handeln der Menschen als auch in ihren geistigen und materiellen Produkten sichtbar werden“1. Dies verdeutlicht, daß Kultur nicht nur auf Mentalität beschränkt sein darf, sondern sie vielmehr sämtliche Handlungsmuster, Wertvorstellungen und Denkweisen, Verhalten sowie Handlungsergebnisse beinhaltet. Wagner führte die wohl auf die Thematik zutreffendste Definition an: „Kultur ist das, was Angehörige anderer Kulturen zu Fremden macht.“2

Jede Kultur kennzeichnet sich durch ihre eigenen kulturellen Merkmale. Das bedeutet, daß man innerhalb einer Gesellschaft mehrere verschiedene Kulturformen annehmen kann. Beispielsweise ergeben sich Wertvorstellungen, Verhaltensmuster, Gedankenmuster und Gefühle, welche die Gesellschaft eines Landes als ‘normal’ und plausibel anerkennt. Was für die eine Kultur normal und plausibel erscheint, muß nicht für eine andere Kultur zutreffen. Man geht davon aus, daß Kulturen sich im wesentlichen durch Nationalcharakter, Wahrnehmung, Zeit- und Raumerleben, Denken, Wertorientierung, Verhaltensmuster, soziale Beziehungen und nicht zuletzt durch verbale und non- verbale Kommunikation voneinander abgrenzen. Zusammenfassend kann man sagen, daß Kultur die Art und Weise ist, wie Menschen leben und was sie aus sich selbst und ihrer Welt machen.3

2.2. Interkulturelles Handeln

Die Prozesse bei der Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen bezeichnet man als „interkulturelle Kommunikation“, was die gegenseitige Verständigung ausdrückt. Weiterhin kann man das Verhalten und Handeln zweier Menschen auch als „interkulturelle Interaktion“ charakterisieren. (weitere Ausführungen bezüglich der Unterscheidung sollen hier nicht berücksichtigt werden) In einer interkulturellen Situation können sich die kulturellen Merkmale der eigenen Kultur mit der der Gastkultur überschneiden. Laut Thomas und Hagemann findet man sich in einer „kulturellen Überschneidungssituation“ wieder, „in der gewohnte, eigenkulturell geprägte Verhaltensweisen, Denkmuster und Emotionen mit fremden, ungewohnten Verhaltensweisen, Denkmuster und Emotionen fremdkulturell geprägter Interaktionspartner zusammentreffen“.4 Dies erfordert interkulturelles Handeln, welches aus drei wichtigen Komponenten besteht:

a) Kulturelle Unterschiede werden - sei es bewußt oder unbewußt - durch Interaktion erfahren. Sie beeinflussen die Länge und Tiefe/ Qualität des Anpassungsprozesses an eine fremde Kultur. Je nach Ausprägung der Person können sie in Neugier oder Angst resultieren.
b) Ferner hängt die Gestaltung des Aufenthaltes in einer fremden Kultur vom Individuum ab. Jede Person weist zahlreiche Eigenschaften und Merkmale auf, die zusammen die Persönlichkeit des Individuums bilden. Hier zählen zu den individuellen Unterschieden die Aspekte, welche die interkulturelle Kompetenz einer Person beschreiben, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. Das heißt, daß man als Person nicht nur persönlichkeitsspezifische Variablen, wie Intelligenz, sondern auch Toleranz, soziale Offenheit, Fertigkeiten, die Fähigkeit, positive soziale Kontakte aufzubauen, Sprachkenntnisse und geistige Beweglichkeit mitbringt. Somit ist das Individuum selbst eines der wesentlichen Faktoren im Verlauf des Aufenthaltes.
c) Interkulturelles Wissen und Erfahrung beschreibt wie sich die Fähigkeit der Anpassung auf die Häufigkeit und Länge der Auslandsaufenthalte bezieht. Dies umfaßt ein oft beobachtbares Phänomen, welches aufzeigt, daß sich mit zunehmenden Kulturwechsel oder längeren Aufenthalten die Fähigkeit der schnelleren und effektiveren Assimilation an einen fremden Kulturraum erhöht. Erfahrung und Wissen mit fremden Kulturen beeinflussen demnach das Verhalten mit wiederum neuen fremden Kulturen.

2.3. Der psychologische Hintergrund des Kulturschocks

Zum besseren Verständnis des Phänomens „Kulturschock“ bedarf es noch einer weiteren Betrachtung, die der psychologischen Hintergründe. Wie schon erwähnt kann jede Erfahrung des Kulturschocks auf Unverständnis stoßen, welches zu Unsicherheit, Irritation bis hin zu Angst führen kann. Diese Fremdheitserfahrung basiert auf der „mentalen Software“5und der auf ihr befindlichen grundlegenden kulturellen Werte. „Diese [Werte] haben wir uns bereits in der frühsten Kindheit erworben, und sie sind so selbstverständlich geworden, daß wir uns ihrer gar nicht mehr bewußt sind.“5 Die Konfrontation mit dem Fremden versetzt den entsandten mental zurück in die Kindheit. Sie erfordert somit neues Erlernen von Werten und Normen (hier der fremden Kultur).

Mit diesem Lernprozess haben sich zahlreiche Psychologen und Verhaltensforscher beschäftigt. Beispielsweise hat Festinger die Theorie der kognitiven Dissonanz aufgestellt6. Diese besagt, daß jede Person im Verlaufe des Lebens eine individuelle soziale „Vorwelt“ entwickelt, die durch eigene Erfahrungen und durch Einflüsse anderer geprägt ist. Beim Antreffen auf eine unbekannte Situationen, Personen oder Objekte greift man auf Bekanntes, schon Erlebtes oder Erfahrenes zurück. Es entwickeln sich Kognitionen, die entweder zueinander passen (konsonant sind) oder nicht zueinander passen (diskonsonant sind). Diskonsonante Kognitionen vermitteln den Eindruck der Fremdheit und Verwirrung, wohingegen konsonante Kognitionen als Versuch Alltäglichkeit und Vertrautheit wieder zu erlangen, zu verstehen sind. Das Beispiel von Howard Atkinson, die Konfrontation mit dem Verständnis des Sich- Bekanntmachens, verdeutlicht eine diskonsonante Kognition. Diese Situation erscheint ihm fremd, da dieses in seiner eigenen Kultur nicht vorstellbar ist. Somit wird diese nicht passende Kognition als emotional belastend angesehen und man versucht eigene vertraute Ordnung wiederherzustellen, wobei dies von Veränderung der eigenen Kognition über eine Art ‘Uminterpretation’ bis hin zu Ignoranz der diskonsonanten Kognition reichen kann. Die verschiedenen Reaktionen, die aus den Konsequenzen des Kulturschocks resultieren, werden im weiteren Verlauf des Aufsatzes erklärt.

3. Interkulturelle Anpassung

Wie schon erwähnt stellt ein Auslandsaufenthalt oft eine Grenzsituation im Leben einer Person dar. Um es ganz vereinfacht auszudrücken: verbringt man längere Zeit im Ausland, verändert man sich. Einen Prozess der Veränderungen würde man natürlich auch in der Heimat geblieben, durchlaufen, jedoch in einer anderen Art und Weise. In der Fremde wird einem abverlangt, mit vielen neuen, ungewohnten Eindrücken zurechtzukommen, die von unserer vertrauten Ordnung abweichen. Diesen Prozeß nennt man „Anpassung“. Im folgenden Abschnitt soll dessen Bedeutung nun näher untersucht werden, ebenso wie 2 wichtige Phasen dieses Prozesses, dem Kulturschock und dem Reentry- Schock.

3.1. Interkulturelle Anpassung

Mit dem Eintritt in eine fremde Kultur ist man vom ersten Augenblick an neuen Eindrücken ausgesetzt, die sich nicht mit den bisherig erworbenen kulturspezifischen Denkmustern, Verhaltensmustern, Erfahrungen und Einstellungen decken. Alte Deutungsmuster greifen demnach in dem neuen sozialen und physischem Umfeld nicht mehr. Man stößt auf unverständliche. Unangebrachte, merkwürdige Situationen und somit entsteht Unsicherheit und Verwirrung. An dieser Stelle ist zu untersuchen, um welche kritischen Situationen es sich handelt, spricht man Irritationen bei Interaktionen mit dem Fremden:

1. Sprache
2. Nicht- sprachliche Kommunikationsformen, wie Gestik und Mimik
3. Soziale Verhaltensregeln innerhalb von Interaktionen; beispielsweise Raumerleben, Zeitempfinden, Begrüßungsrituale, Eß- und Trinkgewohnheiten
4. Soziale Beziehungsmuster, wie Stellung der Hierarchie oder Familie
5. Wertkonzepte und Ideologie der Kultur, z.B.: Welt- und Menschenbilder, individuelle und soziale Werte7

(Finanzielle, persönliche und familiäre Probleme werden hier nur im entfernteren Sinne berücksichtigt.)

Manchmal führen solche Irritationen zu Resignation und Ignoranz. In der Regel jedoch unternimmt man Anstrengungen, das Unbekannte zu bewältigen mit dem übergeordneten Ziel durch Um - und somit Neuorientierung und Lernen, die innere Ordnung und dadurch Sicherheit wiederherzustellen. Für diesen langwierigen - meist den ganzen Aufenthalt lang andauernd - Prozeß gibt es in der Fachliteratur mehrere Bezeichnungen, wie zum Beispiel Akkulturation, Assimilation oder Anpassung. In dieser Teil soll sich auf letzteres bezogen werden. (Umgangssprachlich hat das Wort eine negative, auf- oder nachgebende Bedeutung. Diese wertende Komponente wird jedoch hier außen vor gelassen.) Anpassung bedeutet demnach hier lediglich in einer neuen Umgebung sich durch eigene Veränderung zurechtzufinden. Daraus versteht sich für den Begriff der Interkulturellen Anpassung ein Lernprozeß zur Bewältigung von Problemen innerhalb der Begegnung mit der fremden Kultur. Die ablaufenden Vorgänge werden in Perioden oder auch Phasen eingeteilt. Entsprechend hat man versucht, den Prozeß der Anpassung in verschiedene Perioden zu unterteilen. Die Einteilung in Phasen wurde von vielen Wissenschaftlern erforscht, woraus sich 2 wichtige Phasen ergeben, die näherer Betrachtung bedürfen. Im folgenden Abschnitt werden wir Aspekte, Symptome sowie Verlauf und Charakteristik der zwei problematischsten Phasen der Anpassung erörtert: Kulturschock und Reentry- Schock.

3.2. Kulturschock

3.2.1. Aspekte des Kulturschocks

Die Problematik des Kulturschocks wurde vor einigen Jahrzehnten vom Anthropologen Kalvero Oberg studiert. Laut seiner Definition ergibt sich der Kulturschock aus einer Vielzahl von ungewohnten Erfahrungen, die man in der fremden Kultur erlebt7. Mit anderen Worten wird ein Kulturschock nicht nur durch eine veränderte Situation eingeleitet, sondern allmählich durch eine Menge von gesammelten Abweichungen zur eigenen Kultur. (Selbst wenn man sich gezielt auf das Gastland vorbereitet, sind längst nicht alle Gepflogenheiten, Normen und Werte erlernbar oder verhersehbar.) Zu den neuen Erfahrungen und Werten kommt, daß man die Irrelevanz vieler heimatlicher Symbole realisiert. Die Überwältigung durch das Fremde erfährt man als eine Art „Schock“. Kulturschock ist demzufolge ein „Sammelbegriff für eine ganze Reihe von psychischen Reaktionen“8.

Hier einige Aspekte des Kulturschocks:

1. Stress: Eine Belastung hinsichtlich der notwendigen Anpassungsleistung tritt auf
2. Verlustgefühl: bezüglich Freunde, Status, Beruf, Finanzen und Besitz
3. Gefühl der Ablehnung: man fühlt sich von Menschen der fremden Kultur ausgeschlossen, oder lehnt sie selbst ab
4. Verwirrung: über die eigene Rolle, die erwartete Rolle, die eigene Identität, Werte, etc.
5. Frustration, Angst, Empörung, Überraschung: man wird sich über das volle Ausmaß der kulturellen Unterschiede bewußt
6. Ohnmachtsgefühl: man glaubt, sich nicht in der neuen Kultur zurechtfinden zu können Personen mit einem schnellen Anpassungsvermögen erfahren diese Aspekte des Kulturschocks als ein nur kurzes und kaum erkennbares Phänomen während andere mit diesen Aspekten über Monate bis Jahre ringen. Diese unterschiedlichen Reaktionstypen werden im 3.2.4. näher erläutert.

3.2.2. Symptome des Kulturschocks

Wie aus dem vergangenen Abschnitt zu entnehmen ist, bedeutet der Kulturschock eine hochgradige psychische Belastung, die an bestimmten Symptomen erkennbar ist. Es sei noch einmal darauf verwiesen, daß sowohl die Symptome als auch deren Kombination zwischen den Personen variieren und von der Kulturdistanz abhängen.

Aus empirischen Untersuchungen zahlreicher Wissenschaftler ergab sich eine Liste von Symptomen. Die wohl Charakteristischsten sollen hier aufgeführt werden: Heimweh, Langeweile, Einsamkeit, Isolation, Überidentifikation mit der eigenen Kultur und damit Vermeidung jeglichen Kontaktes mit der Gastkultur, überbetontes Sauberkeitsempfinden, Konfusion, Überempfindlichkeit, Rechtfertigungssucht, Intoleranz, Ungeduld, Ehestress,Familienkonflikte, Stereotypisierung, Verlust des Selbstbewußtseins, Depressionen (in den schlimmsten Fällen bis hin zur Schizophrenie, Paranoia oder Selbstmordgedanken).9 Während frühere Untersuchungen diese Symptome als ausschließlich psychologische Angelegenheit betrachteten, versteht man sie nun als ein Defizit von Wissen über die neue Kultur und somit als eine Angelegenheit der interkulturellen Kommunikation. Die Gesamtheit dieser psychologischen und physischen Belastungen ergibt die Anpassungsleistung. Diese Leistung muß die Person, die sich an eine fremde Kultur anpassen will oder sie verstehen will in dem sie sich mit ihr auseinandersetzt, erbringen. Beobachtungen ergaben, daß der Grad der Anpassung vom Verlauf des Aufenthalts und von dessen Länge abhängig ist und darin variiert.

Der eben beschriebene Grad der Anpassungsleistung kann durch ein Diagramm dargestellt werden, im welchem die Phasen der Anpassung erkennbar werden. In der folgenden Darstellung geht man prinzipiell von 2 unterschiedlichen Modellen aus. Man differenziert zwischen der U- Kurve des Kulturschocks und mit der Rückkehr in die eigene Heimat wird die U- Kurve zur W- „Kurve“ des Reentry- Schocks. Beide werden in einem Diagramm abgebildet, sollen allerdings differenziert betrachtet werden.10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1) Entschlußfreude ; 2) Ausreisebefürchtung ; 3) Anfangsbegeisterung ; 4) Psychologische Eingewöhnung ;

5) Anpassungskrise ; 6) Anpassung ; 7) Rückreisebefürchtungen ; 8) Rückreisebegeisterung ; 9) RückkehrEingewöhnungskrise ; 10) Wiedereingewöhnung

(Die jeweiligen Phasen beziehen sich auf das Grundschema: Vorbereitung → Aufenthalt →Wiedereingewöhnung.)

3.2.3. Verlauf und Charakterisierung des Kulturschocks

Da der Kulturschock aus 6 verschiedenen Phasen besteht, sollen diese hier noch einmal - separat von der Rückanpassungsphase - angelehnt an das obige Diagramm näher dargelegt werden. Die schon vom Begründer Oberg aufgeführte Phasenaufteilung soll hier berücksichtigt werden.11

1. Euphorie - Entschlußfreude

Die Entscheidung für einen Auslandsaufenthalt wurde getroffen. Sowohl Verwandte, Bekannte, Familie als auch Kollegen teilen diese Freude hinsichtlich der Vorteile die ein solcher Aufenthalt mit sich bringt. Man fiebert dem Aufenthalt mir großen Erwartungen entgegen. Durch Unwissenheit über mögliche Konsequenzen werden in dieser Phase Druck, Angst, Nervosität überwiegend verdrängt.

2. Ausreisebefürchtungen

Erst bei der gezielten Vorbereitung auf den Aufenthalt beginnen die Befürchtungen. Man realisiert die Konsequenzen des Verlassens der Heimat durch erste Informationen über das Gastland oder dortige vorherrschenden Wohn- und Arbeitsbedingungen. Verstärkt durch geringste Verzögerungen in der Reiseplanung, wie Schwierigkeiten bei Visa- Genehmigungen, Wohnungssuche, u.a., erhöht sich die Stressanfälligkeit und steigert sich in Angst.

3. Anfangsbegeisterung

Abgelenkt durch viele neue (exotische) Eindrücke erscheint das Gastland aufregend und interessant. Man fühlt sich als Tourist, erlebt einen hohen Grad an Euphorie. Jeder Tag bietet etwas neues. Man ist damit beschäftigt, sich in der neuen Umgebung ein- und zurechtzufinden und nimmt die kulturellen Unterschiede nicht wahr. Aufgrund der Tatsache, daß man in dieser Phase nach Übereinstimmungen zur eigenen Kultur sucht, kommt es zu der irrtümlichen Schlußfolgerung, daß alle Kulturen gleich seien.

4. Psychologische Eingewöhnung:

Nach einiger Zeit wird man sich der Realität, in der man lebt, bewußt, denn nach und nach trifft man auf Situationen und Verhaltensweisen, die fremd erscheinen. Die Häufung der Kontaktschwierigkeiten führt zur Irritation und zu ersten psychischen Belastungen. Man sucht die Ursache der Konflikte in seiner eigenen Inkompetenz. Reue diesen Schritt gegangen zu sein, verstärkt sich.

5. Anpassungskrise

Wie dem Schaubild zu entnehmen, ist die Belastung in dieser Phase am höchsten. Konfliktsituationen verschärfen sich und man sucht verzweifelt nach Möglichkeiten der Bewältigung. Selbstbeschuldigung werden zu Schuldzuweisungen, die man dem Gastland zuschreibt. Man flüchtet sich dann in den Kontakt zu Personen der eigenen Kultur, was den Anpassungsprozeß erschwert, da das Sich-Flüchten in die eigene Kultur zu Kulturkrisen führen kann. Die eigene Kultur wird verherrlicht, was Heimweh hervorrufen kann. Psychosomatische Symptome wie Eßstörungen können auch auftreten, die durch die ungewohnte Nahrung erklärt werden. Die enorm hohe Belastung kulminiert bisweilen in einen Abbruch des Aufenthaltes.

6. Schrittweise Anpassung

Die soeben beschriebene Phase der Krise ist vorüber, wenn der Besucher mit den neuen Bedingungen leben, sich neuen kulturspezifischen Werten öffnen kann, sein Selbstbewußtsein steigt und er sich allmählich in sein Umfeld integrieren kann. Er nähert sich langsam der Gastkultur und beginnt Verhaltensweisen sowie Handlungen zu verstehen. Nach und nach entspannen sich die Konfliktsituationen und der Anpassungsprozeß ist eingeleitet. Das Verstehen weitet sich soweit aus, daß man die Unterschiede nicht nur akzeptiert sondern auch schätzt. Die Einsicht, daß auftretende Konflikte das Ergebnis kultureller Unterschiede sind, erhöht die (inter-) kulturelle Kompetenz. Jedoch wird diese Phase des Bikulturismus nur selten erreicht.

3.2.4. Reaktionen auf den Kulturschock

Nachdem nun Aspekte, Symptome und Verlauf des Kulturschocks untersucht worden sind, ist es erforderlich, die Reaktionen darauf näher zu beleuchten. Wie erwähnt, ist der Anpassungsprozeß abhängig von der Länge des Aufenthalts und von dessen Verlauf, hauptsächlich aber von der Person selbst. Im letzteren Falle unterschiedet man vier verschiedene Reaktionstypen: den Assimilationstyp, den Kontrasttyp, den Grenztyp und den Synthesetyp12. Bei unserer Betrachtung soll jedoch Typ nicht gleich Persönlichkeit gesetzt werden. Stattdessen kann man oftmals Überschneidungen oder gar im Verlauf des Anpassungsprozesses ein Durchlaufen aller 4 Typen beobachten.

Der Assimilationstyp übernimmt ohne Probleme sämtliche Werte und Normen der Gastkultur. Er verleugnet seine eigene kulturelle Identität, wobei der Verlust dieser den Reintegrationsprozeß an die eigene Kultur erheblich erschwert. Dieser Typ stammt größtenteils aus Kulturen mit starkem Anpassungsdruck oder dem Versprechen von erhöhtem Status. Im Gegensatz dazu weist der Kontrasttyp die Gastkultur radikal ab. Er betont die Werte und Normen seiner eigenen Kultur. Diese Haltung tendiert ab und zu zum Ethnozentrismus. Der Grenztyp neigt dazu mit seiner Identität in Konflikt zu geraten, da beide Kulturen als Träger wichtiger und bedeutender Werte verstanden werden. Aus diesem Grund wird eine Integration nicht stattfinden. Die Person wird zwischen zwei Kulturen stecken bleiben. Das Stadium des „third culture mind“13, d.h. wertvolle Elemente beider Kulturen zu einem neuen Ganzen zusammenzuführen, kann nur dem Synthesetyp gelingen. Sollte dieses Stadium erreicht sein, signalisiert es eine Bereicherung nicht nur für seine Persönlichkeit, sondern auch für seine Umwelt hinsichtlich der interkulturellen Verständigung. Der Synthesetyp identifiziert sich mit Kultur übergreifenden Normen und Werten.

3.3. Der Reentry-Schock

Der Reentry- oder Reversed-Schock bildet die 2. problematische Phase im unter 3.2.2. dargestellten Anpassungsdiagramm. Der Kulturschock beschreibt den Anpassungsprozeß einer Person während des Auslandsaufenthaltes. Kehrt diese Person danach in die eigene Kultur zurück, tritt sie in die Phase der Rückanpassung ein. Der Reentry-Schock charakterisiert den Zustand einer „disorientation, faced when trying to reorient oneself to life and work“14 [eine Disorientierung, der man sich gegenüber sieht, wenn man versucht sich selbst umzuorientieren im Leben und auf Arbeit] bei der Rückkehr in die eigene Gesellschaft. Viele Rückkehrer fühlen sich fremd, ähnlich wie zu dem Zeitpunkt ihrer Integration an die Gastkultur. Wie Erfahrungen belegen, erweist sich dieser Schritt komplizierter als erwartet. Obwohl der Prozeß der Wiedereingliederung an die eigene Kultur sich oftmals als schwieriger erweist als der eigentliche Kulturschock, kommt dem Reentry-Schock in der Wissenschaft leider nur eine untergeordnete Rolle zu. Der Umstellungsprozeß ergibt sich meist erst nach einigen Wochen der Heimkehr. Die Person hat an persönlichen und sozialen Erfahrungen hinzu gewonnen und ist beeinflußt und verändert durch die Gastkultur im Zuge der Anpassung. Die erlebten Erfahrungen lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen15, sollen jedoch hier nur kurz angeschnitten werden. 1. Durch die Anstöße aus der Kulturbegegnung erweitert sich die Toleranzgrenze gegenüber fremden Kulturen - bewußt oder unbewußt. Daraus ergibt eine neue Sichtweise gegenüber der eigenen ‘Mutterkultur’(2. Eine neue Sicht der Heimat), von der man nun auch negative Seiten - wie zum Beispiel in Deutschland Bürokratie, Egoismus, etc. - bemerkt durch den Hinzugewinn an neuen Werten und Normen. Die 3. Kategorie ist die der Zukunftserwartungen.

Die bis dahin eher unterschwelligen Entfremdungen zur eigenen Kultur werden als solche erst jetzt wahrgenommen und können den 2. Schock auslösen. Beispielsweise haben hinsichtlich der Zukunftserwartungen Personen mit Auslandsaufenthalt zwar eindeutig Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt, jedoch werden diese Erwartungen nicht immer erfüllt, da sich Unternehmen bezüglich der inneren Strukturen häufig verändern (z.B. Führungswechsel). Dies führt zu psychischen Belastungen, die sich in Demotivierung im Alltag der Heimkehrer ausdrückt. Diese fühlen sich dann fremd in ihrer eigenen Kultur. Oftmals sind die Heimkehrenden enttäuscht, weil die Daheimgebliebenen nicht genügend Interesse zeigen an dem Erlebten in der Fremde, was einem so viel bedeutet. Man erkennt nicht, daß dies ein natürlicher Prozeß ist, da Freunde und Familie die Erfahrungen in keiner Weise nachvollziehen können, wenn sie nicht selbst im Ausland waren. Der Heimkehrer steht vor der Tatsache, daß er alte Beziehungen erneuern, neue Kontakte aufnehmen und sich im Berufsleben neu orientieren muß. Die Umorientierung im Lebensstil - sei es durch Wohn- und Ernährungsumstellung, im sozialen Status oder Prestige - stellt eine erhebliche Herausforderung für den Rückkehrer dar. Beispielsweise erhielt der Entsandte im Ausland doppeltes Gehalt, konnte einen gehobeneren Lebensstandard verwirklichen, hatte zum Beispiel Bedienstete, und genoß großes Ansehen (wobei letzteres auch auf Austauschstudent zutrifft). In die Heimat zurückgekehrt, muß man sich wieder mit bürgerlichen Verhältnissen begnügen (sozialer Abstieg) und erscheint unter Landsleuten nicht mehr als außergewöhnlich.

Von dieser sehr allgemein gehaltenen Betrachtung soll nun detailliert auf die einzelnen Phasen eingegangen werden. Der Verlauf des Reentry-Schocks läßt sich in vier Phasen unterteilen: Während der Rückreisevorbereitungen im Ausland beginnt die 1. Phase, die der Rückkehrbefürchtungen. Im Vergleich zur Phase der Ausreisebefürchtung (siehe Kulturschock) sieht sich der Heimkehrer ebenso mit Angst und Irritation konfrontiert, hier jedoch hinsichtlich der Rückkehrerwartungen. Der Heimkehrer belastet sich mit Fragen der Reintegration. Darunter versteht man zum Beispiel Zukunftsängste wie die der Wiedereingliederung in sein Unternehmen oder die Reaktion seiner Bekannt- und Verwandtschaft. Es folgt die Phase der Rückkehrbegeisterung, die der anfänglichen Euphorie bei der Ankunft im Ausland ähnelt. Man bezeichnet diese Phase auch als „naive Integration“16. Sie ist gekennzeichnet durch allgemeinen Optimismus des „wieder zu Hause seins“17 und durch Offenheit und die Bereitwilligkeit zu Erfahrung hinsichtlich der Veränderungen im Heimatland. Trotz dieses Optimismus trifft man immer häufiger auf unverständliche Situationen, die man eigentlich nicht erwartet, da man bis dahin die eigene Kultur nicht als sonderlich fremd betrachtet hat. Allmählich zerfällt diese Euphorie und schlägt in Unzufriedenheit und Frustration um. Das Gefühl von Freunden, Kollegen und Familie nicht verstanden zu werden, stellt sich ein und kann wiederum zu Resignation bis Isolation führen. Der Heimkehrer befindet sich nun in der Phase der Rückkehreingewöhnungskrise, die man Reentry-Schock nennt. Das Heimatland erscheint fremd, was sich durch Konfrontationen mit Familie und alten Bekannten verstärkt. Die schrittweise Wiedereingewöhnung in das Heimatland und seine Veränderungen vollzieht sich ähnlich der Anpassung an die Gastkultur. Hirsch spricht hier von Aufbau realistischer Erwartungen, Anpassung ohne Selbstaufgabe, Erweiterung des Verhaltensspektrums sowie das Wiedererkennen alter Verhaltensmuster.18 Auch ein Rückfall in den Reentry-Schock nach scheinbar gelungener Reintegration ist nicht ausgeschlossen.

In zahlreichen Fällen gelingt den Heimkehrern die Rückanpassung nicht aus eigenen Kräften. Sie kann von den Institutionen, Unternehmen durch Nachbereitungsseminare, (psychologische) Beratung oder Arbeitsgruppen und gezieltem Einsatz im Unternehmen entsprechend der Erfahrungen erleichtert werden. Wird die Entfremdung von der eigenen Kultur in ihrem vollen Ausmaß19 realisiert, dann ergeben sich für den Heimkehrer zwei Alternativen : Anpassung oder Wiederausreise (vergleichbar zu Anpassung oder Abbruch in der Anpassungskrise im Ausland).

Wie schon erwähnt, gestaltet sich die Reintegration oft konfliktreicher als die Integration an die fremde Kultur. Während viele Unternehmen und Institutionen ihre ‘Ausreiser’ auf den eigentlichen Kulturschock durch entsprechende Seminare vorbereiten und sensibilisieren und sie oftmals Vorort betreuen, hält sich die Zahl der Nachbereitungsseminare und Nachbetreuung in Grenzen. Somit sind Heimkehrer und deren Familie oft auf sich allein gestellt, was die gravierende Bedeutung des Reentry- Schocks erklärt. (Wobei hier nicht ausgeschlossen werden soll, daß viele Heimreisende ihre Erfahrung als etwas besonderes empfinden und auf eventuelle Angebote wie Nachbereitungsseminare, Stammtische, etc. gar nicht eingehen wollen.)

4. Minimalisierung des Kulturschocks

Im folgenden Abschnitt sollen Wege zur Minimalisierung der beiden Schocks aufgezeigt werden. Erwähnt wurde schon, daß sowohl Kulturschock als auch Reentry-Schock als solche schwer und auch nicht immer erkennbar sind, sich dennoch vollziehen. Sie sind kaum zu vermeiden. Jedoch gibt es Möglichkeiten die Konfliktsituationen zu minimieren, in dem man beispielsweise den Aufenthalt im Ausland sowie die Reintegration an die eigene Kultur intensiv vorbereitet. (Touristen und Besucher sind aus dieser Betrachtung ausgeschlossen, da sich der Kontakt mit der fremden Kultur nur auf kurze Zeit beschränkt.) Die Vorbereitung und selbst das Wissen über den Kulturschock minimieren diesen. Hier ein paar Anregungen:

Entsendungsbereitschaft vorausgesetzt, ergeben sich verschiedene Möglichkeiten den Schock zu reduzieren und die (Rück-) Anpassung zu beschleunigen. In den meisten Institutionen und Unternehmen gibt es eine Vielzahl von interkulturellen Trainings, wie „Cultural Awareness Trainings“, „Self-Awareness Trainings“, „Cultural Mini-Drama“, „Cultural Assimilation Centres“, „Cross-Cultural case Studies“ oder „Cross-Cultural Trainings“20, die neben Spracherwerb, Fachkompetenz und landeskundlichen Informationen auch Schlüsselkompetenzen vermitteln. Zwar soll auf eine detaillierte Beschreibung der Trainings hier verzichtet werden, jedoch ist es unabdingbar die Ziele dieser Trainings zu definieren.

Diese Vorbereitungskurse arbeiten mit verschiedenen, einander ergänzenden Ansätzen. Einige seien hier genannt21: die Wissensvermittlung, in welcher der Teilnehmer sämtliche Kenntnisse vom Gastland ausbaut. Das Attributionstraining versucht Handlungen und Verhaltensweisen des Interaktionspartners mittels der „critical incidents“ anschaulich und durchschaubar zu machen. Im Erfahrungstraining soll der Teilnehmer durch Rollenspiele sein eigenes Handeln und Tun beobachten und neue Einsichten erwerben. Eine Sonderform des Erfahrungstrainings ist der Interaktionsansatz bei dem wiederum Situationen von Interaktionen zwischen den Interaktionspartnern simuliert werden. Die Rollen werden hier durch Einheimische des Gastlandes und „Neulinge“ besetzt, um die Realitätsnähe einzubringen. Eine weitere Methode ist die sogenannte „Contrast American“ - Methode, ein Rollenspiel bei dem eine Person immer genau das Gegenteil vom Erwartetem tut. Dies macht einem die eigene Kultur bewußt, was eine wichtige Voraussetzung für das Verstehen und Akzeptieren der fremden Kultur ist. Das Anpassungslernen trainiert mittels verschiedener Methoden die zu erwartende Anpassungskrise, deren Schwierigkeiten, wie Kulturschock, und die zu erbringenden Anpassungsleistungen, wie Geduld. Ferner werden dem Teilnehmer durch Gespräche, Rollenspiele, etc. ein besseres Verständnis für die eigene sowie die fremde Kultur vermittelt, wobei man sich der bis dahin existenten Stereotype und Vorurteilen über die andere Kultur bewußt wird.

Mit den Anforderungen eines Auslandseinsatzes, die in solchen Trainings geschult werden, haben sich zahlreiche Wissenschaftler befaßt. Man unterscheidet generell Anforderungen an die persönliche und die interkulturelle Kompetenz. Zu den Anforderungen an die persönliche Kompetenz gehört in erster Linie eine gesunde Selbsteinschätzung sowie ein gut ausgeprägter Realitätssinn. Demnach soll Problemen und Irritationen realistisch entgegengesteuert werden, denn auch sie sind nur menschlich. Heimkehrer berichteten, daß bei der Bewältigung von Streß und Krisen, Meditation und physische Ablenkung (Sport) helfen22. Konfliktsituationen können ferner minimiert werden, wenn der Entsandte mit einem positivem Glauben an die Mitglieder der anderen Kultur herantritt, ein hohes Maß an Offenheit für fremde Kulturen mitbringt, über Abenteuerlust und Risikobereitschaft verfügt. Das Interesse an der fremden Kultur sowie eigene Initiative, in dem man neue Sitten und Bräuche kennenlernen will, erweitern das Wissen und vermindern Verwirrung und Frustration. Ein weiterer wesentlicher Punkt bei der Bewältigung ist das „Zurücklassen“ der Heimat. Ein ständiger Vergleich mit der eigenen Kultur wirkt hinderlich auf eine Anpassung. Der Entsandte sollte einen gesunden Kontakt zu Daheimgebliebenen entwickeln, wobei diese ihm durch Beschreiben der Veränderungen bei der Reintegration helfen können.

Um den Auslandsaufenthalt problemloser zu gestalten, sollte man auch interkulturelle Kompetenzen entwickeln. Einige wichtige Anforderungen beinhalten Vertrautheit mit der Gastkultur, Kenntnis über deren sprachliche und nicht-sprachlichen Kommunikationsstrukturen sowie ein allgemeines Verstehen des Kulturkonzepts einschließlich dem Wissen über das eigene kulturspezifische Selbst und dessen Auswirkungen auf das Handeln.

5. Schlußbemerkung

Kulturschock und Reentry-Schock sind zwei problematische Durchgangsphasen des Anpassungsprozesses bei längerem Auslandsaufenthalt. Diese Erfahrungen können großen positiven Einfluß auf die Entwicklung der Persönlichkeit haben, können jedoch auch als Belastung oder Schock empfunden werden. Daher ist es unbedingt notwendig die Ausreisenden bei der Integration in die fremde Kultur und später die Rückkehrenden bei der Reintegration an die eigene Kultur zu unterstützen. Leider wird letzteres in vielen Institutionen und Unternehmen noch nicht ausreichend berücksichtigt.

Trotz zahlreicher wissenschaftlicher Forschung sind die Phänomene Kulturschock und Rückanpassung insgesamt eher theoretisch (da sie empirisch noch nicht nachgewiesen wurden) und dadurch nur schwer durchschaubar und deskriptiv erfaßbar. So bleiben viele Fragen noch ungeklärt wie etwa diese: Welche Menschen einen Kulturschock erleben und welche nicht. Oder wie lange ein Kulturschock dauert. Ob der Kulturschock belastender als der Reentry-Schock ist oder umgekehrt. Ferner stellt sich die Frage, ob die im Vergleich zum Kulturschock noch eher unerforschten Reintegrationsprobleme das eigentliche ‘Übel’ der Entsandten darstellen. Als diskussionswürdig erscheinen auch die Fragen, ob eine gute Vorbereitung und Sensibilisierung mehr Synthesetypen hervorbringen würde. Oder ob Trainings vielleicht sogar den Kulturschock verhindern.

Diese Fragen werden die Wissenschaftler auch in der Zukunft beschäftigen. Abschließend sei zu bemerken, daß - wie Erfahrungsberichte belegen - trotz der erlebten Schocks eine Vielzahl der Entsandten ihre Erfahrungen nicht bereuen, diese eher durch neue Auslandserfahrungen noch ausbauen würden.

6. Bibliographie

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- Maletzke, Gerhard : Interkulturelle Kommunikation. Zur Interaktion zwischen Menschen verschiedener Kulturen. ; Opladen: Westdt. Verlag , 1996

- Thomas, Alexander: Fremdheitskonzepte in der Psychologie als Grundlage der Austauschforschung und der interkulturellen Managerausbildung. In: Kulturthema Fremdheit. Leitbegriffe und Problemfelder kulturwissenschaftlicher Fremdheitsforschung ; A. Wierlacher:. ; München , 1993 , S. 257 - 279

- Thomas,A. und Hagemann, K. : Training interkultureller Kompetenzen. In: Interkulturelles Management. ; Niels Bergmann und Andreas L.J. Sourisseaux (Hrsg.) ; Heidelberg: Phsyica Verlag, 2. Auflage , 1993 , S. 173 - 197

- Wagner, Wolf : Kulturschock Deutschland. ; Hamburg: Rotbuch Verlag , 1996 , S. 13 ff.

[...]


1 Maletzke, Interkulturelle Kommunikation, S. 16

2 Wagner, Kulturschock Deutschland, S. 26

3 Maletzke, Interkulturelle Kommunikation S. 16

4 Thomas und Hagemann, Training interkultureller Kompetenzen , S. 175

5 Hofstede, Interkulturelle Zusammenarbeit, S. 235

6 Thomas, Fremdheitskonzepte in der Psychologie , S. 262

7 Thomas und Hagemann, Training interkultureller Kompetenzen , S. 181

8 Wagner, Kulturschock Deutschland , S. 13

9 Ferraro, Cultural Dimension , S. 143 und Chen/ Starosta, Intercultural Communication , S. 167 f.

10 Thomas und Hagemann, Training interkultureller Kompetenzen ; S. 178 ; Maletzke, Interkulturelle Kommunikation S. 160 ff.

11 Wagner, Kulturschock Deutschland , S. 19 ff.

12 Thomas und Hagemann, Training interkultureller Kompetenzen , S. 179

13 Thomas und Hagemann, Training interkultureller Kompetenzen , S. 179

14 Ferraro, Cultural Dimensions , S. 145

15 Hirsch, Reintegration von Auslandsmitarbeitern , S. 188

16 Hirsch, Reintegration von Auslandsmitarbeitern S. 291

17 Hirsch, Reintegration von Auslandsmitarbeitern S. 291

18 Hirsch, Reintegration von Auslandsmitarbeitern S. 290

19 Ferraro, Cultural Dimensions , S. 146

20 Bolten, Interkulturelles Trainning & Consulting , S. 72 f.

21 Maletzke, Interkulturelle Kommunikation , S. 178 ff.

22 Ferraro, ,Cultural Dimensions, S. 152

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Anpassung: Kulturschock und Reentry-Schock
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Hauptseminar: Kulturanthropologie
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V104771
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelle, Anpassung, Kulturschock, Reentry-Schock, Hauptseminar, Kulturanthropologie
Arbeit zitieren
Claudia Marschlich (Autor), 2001, Interkulturelle Anpassung: Kulturschock und Reentry-Schock, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104771

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