Warum bleiben Frauen in selbstschädigenden Beziehungen


Ausarbeitung, 2001
27 Seiten

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1 A B S T R A C T

- Eine Übersicht der empirischen Forschung bezüglich der Entscheidung eine gewalttätige Partnerschaft zu verlassen wird gegeben. Dabei werden die methodologischen Grenzen aufgezeigt und auch die theoretischen Modelle die potentiell nützlich sind, um diesen Entscheidungsprozeß zu erklären.

- Der Rückblick auf die Forschung bisher zeigt, daß eine Vielfalt von Faktoren, die Entscheidung eine derartige Partnerschaft zu verlassen, beeinflussen:

- Ein Arbeitsverhältnis außer Haus
- Die Dauer der Partnerschaft
- Vorhandensein von Kindesmißbrauch und/oder Mißhandlung
- Die Anzahl der vorausgegangenen Trennungen

- Viele der genannten Studien sind aber nur begrenzt zu interpretieren aufgrund:

- Nicht randomisierter Stichproben
- Retrospektiven Designs
- Verlassen auf die Aussagen der Frauen (Fragebögen, Selbstbericht,…usw. )

- Vier zusammenhängende (zueinander in Beziehung stehende) Modelle versprechen Hilfe zum Verständnis dieser komplexen Entscheidungssituation:

- Psychologische Unlösbarkeit der Situation (das Gefühl in der Falle zu sein) (psychological entrapment)
- Gelernte Hilflosigkeit
- Kosten-Nutzen-Analysen
- Begründete Handlungen (Reasoned Action ?) ??????????????????

1 . 1 E I N LEI T U NG

- Die Sorge über das häufige Auftreten von Gewalt gegenüber Ehefrauen/Partnerinnen führte zu vermehrten Bemühungen unter den Sozialwissenschaftlern die sozialen und psychologischen Determinanten dieses überall gegenwärtigen Problems aufzudecken. (GELLES, 1979; GILES-SIMS, 1983; HILBERMAN, 1980; MARTIN, 1977; ROY, 1977; STRAUS, GESSES, & STEINMETZ, 1980; STRAUS & HOTALING 1980)

- Prävalenzdaten ‹ 1,8 Millionen Frauen werden jedes Jahr von ihren Ehemännern geschlagen.

- Fast 30% aller Ehepaare berichten, daß sie mindestens eine gewalttätige Episode während ihrer Ehe erlebt hatten.
-Aktuellere Schätzungen physicher Gewalt/Mißbrauchs in Partnerschaften kommen zu einem Ergebnis von eher 50 - 60% .

- Für einige dieser Paare ist es ein singuläres Ereignis, für andere hingegen wird es zu einem schwerwiegenden und chronischen Problem.

- STRAUS 78 ‹ Von den Frauen die geschlagen wurden, berichten 2/3, daß dieses 2 oder mehrmals während des einen Interviewjahres vorkam.
-Die Hälfte der Frauen gaben 5 oder mehr Attacken an. (Schubsen oder leichte Knuffe sind nicht mitgerechnet).

- 1700 Frauen sterben jedes Jahr an den direkten Folgen von Gewaltanwendung durch ihre Ehemänner/Partner.

- Obwohl diese Statistiken erschreckend sind, ist es noch viel alarmierender, daß viele Frauen in den gewalttätigen Partnerschaften verbleiben, trotzdem sie physische Verletzungen und sogar ihren Tod riskieren.

- Wichtig ist es, die Entscheidung, eine derartige Partnerschaft zu verlassen, zu verstehen und die Faktoren zu identifizieren, die die Aufrechterhaltung oder Beendigung der Partnerschaft bestimmen und beeinflussen. Frauen mit einem erhöhten Risiko wiederholt Opfer von Gewalt in Beziehungen zu werden, müssen unterschieden werden von solchen Frauen, die ihre Beziehungen aus eigener Initiative beenden.

- Hauptintentionen dieses Artikels:

a) Kritischer Überblick der vorhandenen Forschungsergebnisse zum Entscheidungsprozeß eine mißbrauchende Partnerschaft zu verlassen
b) Verschiedene theoretische Modelle zu untersuchen, die vielleicht einen nützlichen Rahmen stellen, um diese Entscheidungsprozesse zu verstehen.

2 E M P I R I S C H E F O S C HU N G

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Kann in zwei Basiskategorien eingeordnet werden:

a) Studien, die diesen Entscheidungsprozeß indirekt untersuchen
b) Studien, die sich direkt mit der Partnerschafts-/Ehe-Trennung beschäftigen, sowohl aus theoretischer Perspektive, als auch in einer exploratorischen Art und Weise.

- Diese Unterscheidung ist wichtig im Hinblick auf die Art der Information in vorhandenen Studien, als auch auf die Grenzen bei der Interpretation.

2 . 1 Z U A ) I N D I R E K T E S T U D IEN

- Ein Großteil dieser Studien wird durchgeführt mit Frauen, die Hilfe in Schutzeinrichtungen (hier: Frauenhäuser o.ä.) suchen.
- Nach der Entlassung aus solchen Einrichtungen wird an mehreren Zeitpunkten der aktuelle Status der Partnerschaft erfragt.
- Andere Studien erheben den Beziehungsstatus geschlagener Frauen, die juristische Hilfe/psychologische Beratung suchen aufgrund mit dem Mißbrauch zusammenhängender Probleme, wie Alkoholismus, Kindesmißbrauch…usw. .
- Diese Berichte sind zwar äußerst selektiv und nur wenige unternehmen einen systematischen Versuch, die Antezedentien des Beziehungsstatus zu bestimmen; sie liefern aber Informationen über den Prozentsatz von Frauen, die immer noch mit ihren Peinigern zusammen leben.

2.1.1 BEISPIELST U DIEN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Einige solcher Studien berichten über geringere Prozentsätze derer die in den Partnerschaften verbleiben, allerdings muß dabei berücksichtigt werden, daß gerade die Frauen , die bleiben eher unwillig sind interviewt zu werden, aus Angst vor möglichen Konsequenzen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Die Studien bisher sind begrenzt durch ihren Informationsgehalt bezüglich des Prozentsatzes der Frauen, die sich für ein Verbleiben in der Partnerschaft entscheiden und ihre Möglichkeit die vorausgehenden Bedingungen für diese Entscheidungen zu identifizieren.

- PFOUTS 1978 -Untersuchte 35 Fälle von Mißbrauch der Frau durch Gewalt

aus der Perspektive einer Kosten-Nutzen-Analyse, um zu bestimmen, ob bestimmte Bewältigungsreaktionen von Frauen mit verschiedenen Kosten-Nutzen-Mustern, verglichen mit alternativen Beziehungen, angewandt werden.

‹-Laut Pfouts, gibt es vier verschiedene Coping-Strategien:
- Die Selbst-Bestrafungs-Reaktion
- Die aggressive Reaktion
- Die Frühe-Distanzierungs-Reaktion (disengagement/Rückzug)
- Die widerwillige Distanzierungs-Reaktion im mittleren Alter

‹Die letzten beiden Formen repräsentieren Entscheidungen, eine mißbrauchende Partnerschaft zu beenden und treten auf, wenn die ökonomischen, sozialen und psychologischen Kosten-Nutzen-Analysen alternativer gewaltfreier Beziehungen günstiger ausfallen als die der bestehenden Beziehung.

‹-Von den Frauen, die ihren Partner verlassen hatten (57% der Stichprobe), wandten 80% eine der letzten beiden

Coping-Reaktionen an, was impliziert, daß die relativen Kosten und der Nutzen eine wichtige Rolle in Beziehungsentscheidungen spielen könnten. (interessantes Rahmenmodell für zukünftige Forschung)

- SNYDER & FRUCHTMAN ‹ Interviewten 119 Frauen einer Schutzeinrichtung in Detroit. 1981 Die Frauen waren mehrheitlich Mitglieder von Gruppen ethnischer Minderheiten.

‹-6-10 Wochen nach der Entlassung, wurden 48 Frauen erneut aufgesucht um Informationen zu ihrem aktuellen Beziehungsstand zu erhalten.

‹-60% der Frauen waren zu ihren Peinigern zurückgekehrt, obwohl nur 34% diese Absicht bei der Entlassung angekündigt hatten.

‹-Die Forscher wandten eine Cluster-Technik an, um die Frauen in distinkte Subtypen einzuordnen. Die Rückkehrrate variierte von 39% - 89% für die 5 gefundenen Typen.

‹Verglichen mit Frauen, die weniger wahrscheinlich zurückkehrten, waren/hatten solche die zurückkehrten mit größerer Wahrscheinlichkeit:

- Kaukasierinnen
- Körperlich angegriffen worden
- Zwar weniger häufig, aber schwerer verletzt worden
- Vergeltung an ihren Peinigern geübt
- Bei der Entlassung bereits ihre Rückkehr angekündigt

‹- mit geringerer Wahrscheinlichkeit:

- Schon vorher ein oder mehrere Male getrennt

- Waren ihre Kinder Opfer von Kindesmißbrauch

- ROUNSAVILLE 1978 ‹ Interviewten 31 Frauen die psychiatrische Behandlung suchten.

- Zum Zeitpunkt des Interviews lebten noch 68% der Frauen mit ihren gewalttätigen Männern.

‹-Der Forscher berichtet, daß solche Frauen sich mit größerer Wahrscheinlichkeit trennen, die

- Opfer schweren Mißbrauchs wurden
- fürchten getötet zu werden
- bereits ein oder mehrere Male die Polizei gerufen hatten
- herausgefunden hatten, daß auch ihre Kinder Opfer ihres Partners sind

‹-Außerdem berichtet er über eine Anzahl von Faktoren, die nicht reliabel mit dem Stand der Beziehung korrelieren:

- Rasse
- Sozialer Status
- Familienstand
- Beschäftigungsverhältnis
- Vorhandensein von Kindern im selben Haushalt
- Geschichte der Gewalt in den Herkunftsfamilien von Opfern und Tätern

2.1.2 FAZIT

- Die Forschung weist deutlich darauf hin, daß ein großer Prozentsatz der geschlagenen Frauen weiterhin mit ihren Peinigern zusammenlebt. Auch wenn sie Hilfe und Unterstützung suchen, kehren viele Frauen zurück, um erneut Opfer von Gewalt zu werden.

- Offensichtlich hat die Art der Forschung viele methodologische Schwächen, die fundierten und vernünftigen Schlußfolgerungen im Wege stehen:

- Die Stichproben sind hochselektiv und von unbekannter Repräsentativität
- Die Interviews werden typischerweise retrospektiv durchgeführt, was kausale Schlußfolgerungen mehrdeutig macht
- Die Selbstberichte der Frauen können auf vielerlei Weise verzerrt sein

- Trotz dieser Limitationen und der großen Bandbreite der Charakteristiken der untersuchten Frauen, gibt es eine gewisse Konsistenz in den Ergebnissen über die Rückkehrrate der Frauen (Æ 50%). Diese überraschend große Anzahl ist erstaunlich im Lichte zweier anderer Erwägungen:

1. Betroffene Frauen suchen typischerweise nur widerwillig nach Hilfe und Schutz und tun dies meist nur, wenn ihr Leben in Gefahr gerät. (Das die Hälfte dieser Frauen trotzdem zurückkehrt, deutet auf sehr mächtige Kräfte, die eine alternative Entscheidung verhindern.)
2. Die meisten Studien verwenden ein sehr kurzes Zeitintervall für die Follow-up-Daten, was eine generelle Unterschätzung der Rückkehrrate zur Folge hat.

- Das Ausmaß der Rückkehrrate zeigt, wie wichtig eine Identifikation der Antezedentien solcher Entscheidungen sind. Frauen, die zu ihren Peinigern zurückkehren, setzen sich einem erhöhten Risiko für fortgesetzten Mißbrauch aus. Die Möglichkeit, diese Risikogruppe vor ihrer Rückkehr zu identifizieren, würde den Klinikern wahrscheinlich ein Potential für effektivere Interventionen erschließen. Glücklicherweise wird dieses Anliegen von einer kleinen aber wachsenden Gruppe auf direktere Weise untersucht.

2 . 2 Z U B) D I R E K T E S T U D IEN

- Vier Studien wurden durchgeführt mit dem Hauptanliegen, die Faktoren zu bestimmen, die mit der Entscheidung, einen gewalttätigen Partner zu verlassen, zusammenhängen.

- GELLES 1976 ‹ Untersuchte die Art und Weise der Intervention der Frauen

(Rufen der Polizei, Trennung/Scheidung, Inanspruchnahme entsprechender Institutionen…) aus 41 gewalttätigen Beziehungen.

- Zu Beginn des Interviews lebten noch 78% der Frauen mit ihren Partnern zusammen.

- GELLES untersuchte ebenfalls hypothetische Variablen, die solche Entscheidungen beeinflussen.

- Häufigkeit und Ausmaß der Gewalt
- Erfahrung von oder Ausgesetztsein an die Gewalt in den Herkunftsfamilien der Frau
- Trennungsbarrieren, wie Alter und Bildung der Frau, sowie die Anzahl ihrer Kinder

- Je schwerwiegender der Mißbrauch, desto wahrscheinlicher sucht die Frau eine Form der Intervention durch Scheidung oder Trennung.

- Die Häufigkeit der Gewaltepisoden steht ebenfalls im Zusammenhang mit der Form der Intervention. Frauen, die sehr häufig geschlagen wurden (wöchentlich/täglich), riefen mit größerer Wahrscheinlichkeit die Polizei (unmittelbare Hilfe), wohingegen seltener geschlagenen Frauen eher eine Scheidung oder Trennung anstrebten (dauerhafte Lösung wegen der Unvorhersagbarkeit und dem damit verbundenen, vielleicht traumatischeren subjektiven Erleben)

- Wenig Belege für einen Zusammenhang zwischen Gewalt in der Herkunftsfamilie der Frau und der Form der Intervention. Lediglich eine leichte Tendenz bei den getrennten Frauen, Zeuge von Gewalt in ihrer Familie gewesen zu sein.

- Keine Unterstützung für den Einfluß einer höheren Bildung, des Arbeitsverhältnisses oder der Kinderzahl.

- Zusammenfassend sind doch einige der hypothetischen Variablen geeignet, um die Frauen zu unterscheiden, die bleiben oder gehen. (retrospektiv)

- SNYDER & SCHEER 1981 ‹ Versuchten den Beziehungsstand betroffener Frauen nach einem kurzen Aufenthalt in einer Schutzeinrichtung vorherzusagen.

27 von 27 Seiten

Details

Titel
Warum bleiben Frauen in selbstschädigenden Beziehungen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Autor
Jahr
2001
Seiten
27
Katalognummer
V104783
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Warum, Frauen, Beziehungen
Arbeit zitieren
Cornelia Kortmann (Autor), 2001, Warum bleiben Frauen in selbstschädigenden Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104783

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