Winnetou - Die Metamorphose eines indigenen Helden


Hausarbeit, 2000

26 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. ANMERKUNG ZUR VERWENDETEN AUSGABE

3. DER HELD BEI HEGEL

4. DAS BILD DES INDIANERS IN DER LITERATUR

5. KARL MAYS HELDENBILD
5.1. Rassistisch motivierte Typen
5.2. Verschieden Heldentypen und ihr Wandel
5.2.1. Sam Hawkens/ Hadschi Halef Omar
5.2.2. Old Shatterhand/ Kara Ben Nemsi
5.3.3. Der Schurke: Santer

6. DIE METAMORPHOSE WINNETOUS
6.1. Der frühe indianische Held bei Karl May
6.2. Der Winnetou-Zyklus
6.2.1. Winnetou I - III
6.2.2. Winnetous Erben

7. WINNETOU - EIN HELD?

8. ABBILDUNGEN

9. LITERATURANGABEN

9.1. Primärliteratur

9.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Mit der Gestalt „Winnetou“ aus den Romanen Karl Mays sind seit mehr als einem Jahrhundert Generationen von - zumeist männlichen - Jugendlichen groß geworden, teils durch die Romane und Erzählungen, durch Comic-Adaptionen, die „Karl May-Festspiele“ in Elspe und Bad Segeberg und in jüngster Vergangenheit vermehrt durch die Verfilmungen mit Pierre Brice in der Rolle des Winnetou.

Winnetou ist eindeutig die populärste durch May geschaffene Gestalt, der Inbegriff des edlen Indianers, Freund des weißen Mannes, tapfer und doch friedensliebend, in seiner Todesstunde zum Christen „bekehrt“. Für viele, wenn nicht gar die meisten, Darstellungen von heldenhaften Indianern in Jugendromanen, Western-Movies u.ä. in jüngerer Vergangenheit, ist die Gestalt des Winnetou Vorbild des indigenen Helden.

In dem umfangreichen Gesamtwerk Karl Mays durchläuft die Gestalt des Winnetou jedoch eine Wandlung und ist keineswegs durchweg der Winnetou, der der Allgemeinheit bekannt ist.

Die Romane und Erzählungen, in denen May „edle Wilde“ zu seinen Protagonisten macht, liegen Jahrzehnte auseinander: Erste kurze Erzählungen wie „Old Firehand“(in GW 71, S.21 - 161)1oder „Deadly Dust“, die später in die dreibändige Winnetou-Saga (GW 8 und 9) einflossen, sowie Mays erster Western- Roman, eine sehr freie Übersetzung und Bearbeitung von Gabriel Ferrys „Der Waldläufer“ (GW 70) präsentieren einen anderen Winnetou (bzw. dessen Stereotyp) als jenen, dessen Erinnerung in dem Spätwerk „Winnetous Erben“ (GW 33) wachgehalten wird.

Wie Mays Werke eine Wandlung durchmachten vom rein „Trivialen“ zum angeblich „Symbolischen“, wenn sie auch weiterhin die Merkmale des Trivialen trugen, so änderten sich auch die Heldentypen. Am Beispiel Winnetous, aber auch an den anderen typischen Heldengestalten Mays, soll diese Wandlung in der Hausarbeit dargestellt werden.

Dabei muß auch die Frage gestellt werden: Ist Winnetou überhaupt ein Held? Mit dem Maßstab Hegels sollen hier die Romane Mays betrachtet werden, um die Rolle Winnetous zu überprüfen.

2. Anmerkung zur verwendeten Ausgabe

Ich beziehe mich in dieser Arbeit auf die vom Karl May-Verlag Bamberg in bisher 78 Bänden herausgegebenen Gesammelten Werke.

Diese Ausgabe ist es, die den Lesern und Leserinnen am meisten geläufig sein wird. Wenn ich somit anhand dieser Ausgabe die Metamorphose Winnetous nachzeichne, so kann davon ausgegangen werden, daß dieses Bild auch jenes ist, das bei unbedarften Lesern und Leserinnen als bekannt vorausgesetzt werden darf. Dabei ist allerdings zu bedenken, daß einige Werke Mays in weiterem Umlauf sind als andere und daher einen weitaus höheren Bekanntheitsgrad haben. Dies hat vielschichtige Gründe. Stellvertretend sei hier die selektive Publikationspolitik sowohl im Dritten Reich als auch in der DDR genannt. So wurde im Falle des Dritten Reiches das stark pazifistische Spätwerk Karl Mays unterschlagen, während mit den oftmals rassistisch argumentierenden und national gesonnenen Abenteuerromanen Mays gezielte Propaganda gemacht wurde.

Ein weiterer Grund für den unterschiedlichen Bekanntheitsgrad ist sicherlich auch die Verfilmung einiger Romane, insbesondere jener, in denen Winnetou eine Rolle spielt.

Die Verwendung dieser Ausgabe hat jedoch auch einen erheblichen Nachteil: Da sie für die Leser und Leserinnen von Trivialliteratur herausgegeben wurde, wurde auf eine kritische Edierung vollkommen verzichtet.

May befand sich Anfang dieses Jahrhunderts in einem Rechtsstreit mit seinem früheren Verleger Münchmeyer, für dessen - teilweise von May herausgegebenen

- diverse Zeitschriften er Fortsetzungsromane schrieb. Nach Behauptung Mays sind weite Teile dieser Romane von Münchmeyer verfälscht und umgeschrieben worden. Ursprüngliche Manuskripte Mays lagen und liegen nicht vor. In der Herausgabe der Gesammelten Werke folgte der Karl May-Verlag der Aussagen Mays und veränderte nach dessen Aussagen den Inhalt, dies teilweise dergestalt, das vorher zusammenhängende Romane in einzelne Erzählungen aufgesplittet werden mußten, Namen geändert wurden und ganze Passagen gestrichen wurden. Erst in jüngster Vergangenheit wagte der Verlag, in dieser Ausgabe einen der Münchmeyer-Romane unverändert neu zu publizieren.

3. Der Held bei Hegel

In seiner Vorlesung „Die2 individuelle Selbständigkeit“ (S.264 - 281) differenziert Hegel den Zustand des „Wahrhaftigen Staates“ und den Zustand der „Heroenzeit“. Der wesentliche Unterschied wird schon durch den Titel klar: Die Heroenzeit ist durch die genannte „individuelle Selbständigkeit“, betreffend die moralischen Werte und das daraus resultierende Handeln, geprägt, während im „Wahrhaftigen Staat das Individuum seine Selbständigkeit durch einen staatlichen Konsens verliert.

Das Ideal der Selbständigkeit ist hier zentral: Die wahre (unmittelbare) Selbständigkeit wird so definiert, als das der Einzelne und das Allgemeine erst durch das Subjekt an konkreter Realität gewinnen.(S.265) Hegel macht in dieser Vorlesung nicht deutlich, welcher dieser beiden Zustände als der bessere gelten soll (S.271), sondern bezieht seinen Vergleich zwischen diesen beiden auf das „Ideal der Kunst“.

Im Folgenden sollen kurz die Eigenschaften des Helden in der Heroenzeit skizziert werden.

Da die Selbständigkeit des Heroen unmittelbar vom Subjekt ausgeht, ist diese zufällig und damit willkürlich (S.266). Neben der Willkür sind Kraft, Mut, Tapferkeit und Macht die konkreten Eigenschaften des heroischen Individuums.(S.269)

Erwachsend aus dieser Willkürlichkeit ist die Bestrafung eines Verbrechens die Sache des Individuums (S.269f.). Sie ist Rache im Gegensatz zur staatlichen Strafe. Das als selbständig definierte Handeln des Heroen, das keine andere Autorität oder Ethik als sich selbst kennt, stellt somit den Heroen an die Spitze der Realität (S.269f.): Die Individualität ist sich selbst Gesetz.(S.272) Der Held tritt in einer vorgesetzlichen Zeit auf, in einem Zustand der Anarchie (in der Bedeutung von Gesetzlosigkeit). Gesetze - und evtl. auch Staaten - beruhen auf dem Helden, der in diesem Fall zum Gesetzesgeber und Staatenstifter wird.(S.272)

Der Held macht keine Unterschiede zwischen wissentlichen und unwissentlichen Handlungen. Für alle seine Handlungen nimmt er die volle Verantwortung auf sich. Daneben nimmt er auch die Verantwortung für die Seinen auf sich, etwa indem er ein begangenes Unrecht erbt oder sich für die Handlungen eines Familien- oder Stammesmitglieds verantwortlich fühlt.(S.274f.) Hegel rekurriert in seiner Vorlesung auf eine andere Zeit, namentlich jener der Mythen und Legenden. Häufig genanntes Beispiel sind die griechischen Sagen, aber auch die Legenden des Mittelalters. Der Held ist also zu einem Zeitpunkt angelegt, dessen (un)gesetzliche Zustände aus der Gegenwart heraus nicht zu beurteilen sind.

Das hier Beschriebene impliziert, daß die Gegenwart, mit ausgebildeten moralischen und politischen Verhältnissen, für das Heldentum als Ideal der Kunst nur wenig Stoff bietet. Fürsten, Monarchen oder Militärs, eigentlich klassische Heldentypen in der „Heroenzeit“, haben nach Hegels Einschätzung in der Gegenwart nicht mehr die Möglichkeit, individuell selbständig und damit heldenhaft zu handeln, da sie von Räten, staatlichen Gesetzen oder ähnlichem reglementiert werden: Jeder Einzelne gehört einer bestehenden Ordnung an und verliert somit seine Selbständigkeit, Voraussetzung für das Heroentum.(S.281 - 283)

Hegel bezeichnet diesen Zustand als Zustand des wahrhaftigen Staates3, der das Leben ordnet und damit individuelles Heldentum unnötig macht. Der Schöpfer einer Fiktion muß daher, um dem Ideal der Kunst, das Heldentum verlangt, gerecht zu werden, auf eine andere Zeit, die Heroenzeit, rekurrieren. Hegel nennt die griechischen Mythen, aber auch die jüngere Vergangenheit, die durch historische Erinnerung, welche Spielraum für die ästhetische Aktivität des Dichters läßt, zur Heroenzeit stilisiert werden kann.

Neben Hegels meist in der Vergangenheit angelegter Heroenzeit ist noch eine weitere Möglichkeit gegeben. Griechische Mythen und Ritterlegenden sind nur noch selten Stoff moderner Heldensagen, diese sind häufig in einer anderen Heroenzeit angesiedelt, jener der Zukunft.

Die Erzählungen Karl Mays sind weder in weiter Vergangenheit noch in der Zukunft angesiedelt - nimmt man das zur Symbolik tendierende Spätwerk des Autoren aus - sondern bedienen sich eines anderen Tricks, um den Abstand zu gewinnen, der für die Konstruktion von Helden nötig ist. An Stelle der zeitlichen Entfernung nutzt er die räumliche Entfernung. Die Abenteuer Old Shatterhands sind in Nordamerika angesiedelt, die des Kara Ben Nemsi im Orient. Diese fernen Orte sind dem Rezipienten - wie übrigens in diesem Falle auch dem Autor - ebenso fremd wie eine entfernte Zeit. Michael Nerlich dreht in diesem Zusammenhang das spanische Sprichwort „Quien no se aventura, no pasa la mar“ um in „Wer nicht übers Meer fährt, besteht keine Abenteuer.“4

4. Das Bild des Indianers in der Literatur

Als die Europäer begannen, die Neue Welt für sich zu erobern, stießen sie auf eine Vielzahl verschiedener Kulturen. Die Urbevölkerung Amerikas kannte weder eine Eigenbezeichnung für alle Einwohner des Kontinents noch verstand sie sich als Gemeinschaft.5Der Begriff „Indianer“ entstand aufgrund der geographischen Fehleinschätzung seitens der Europäer, man befände sich in Indien. Erst in jüngster Vergangenheit hat sich unter den Indianern Nordamerikas ein soziales Identitätsbewußtsein entwickelt.

Im Gegensatz dazu besteht bei einer Europäischen (und sicherlich auch weißen nordamerikanischen) Leserschaft immer noch das Klischee eines typischen Indianers: Langes Haar, Federschmuck und Fransenkleidung, sowie Bewaffnung und Kriegsbemalung gehören zu den äußeren Merkmalen, die assoziiert werden. Indianer reiten Mustangs und jagen Büffel.

Dieser „Prototyp“ des Indianers ist der des Prärieindianers, dem noch Anzeichen anderer Kulturen, wie der Totempfahl (häufig als „Marterpfahl“) oder das Kanu hinzugefügt werden. Die Wiederholbarkeit dieses Stereotyps macht aus dem Indianer eine perfekte Figur für den ebenso stereotypen und wiederholbaren Trivialroman.

Hinter der Vorstellung „Indianer“ verbirgt sich sowohl der grausame Krieger als auch der edle Wilde. Beide Extreme gehören zum Indianerklischee. In Deutschland überwog immer das Klischee des edlen Wilden. Dies hat seinen Grund darin, daß Deutschland nie Kolonialmacht in Nordamerika war und somit nicht unmittelbar von den Indianerkriegen betroffen war. Es bestand keine Notwendigkeit, die Indigenen als Ausgeburten des Teufels und grausame Bestien zu verunglimpfen, wie dies in der englischen und amerikanischen Literatur geschah, um die Ausrottung der Indianer und die Inbesitznahme ihres Landes zu rechtfertigen.

Dagegen fielen die aufklärerischen Schriften z.B. von Montaigne6, Rousseau oder Chateaubriand7in Deutschland auf fruchtbaren Boden, manifestierten das Bild des edlen Wilden und machten den Weg frei für spätere Romane wie James F. Coopers „Lederstrumpf“ oder Gabriel Ferrys „Der Waldläufer“. Als Karl May begann, Indianererzählungen zu schreiben, war hierdurch das deutsche Indianerbild in seinen wesentlichen Punkten längst festgelegt. Abgesehen von Winnetou ist Karl Mays Indianerbild in den Reiseerzählungen jedoch keineswegs durchweg positiv. Wie Cooper und Ferry vor ihm unterscheidet er „gute“ und „böse“ Stämme.

5. Karl Mays Heldenbild

Den Kriterien, an denen aus literaturwissenschaftlicher Sicht Trivialliteratur als solche erkennbar wird, entsprechend, lassen sich Mays Romane und Erzählungen durchgängig einem einzigen Schema zuordnen, spielt die Handlung nun im Orient, in Deutschland oder auf dem amerikanischen Kontinent. Dasselbe gilt damit auch für Mays Helden: Der edle, kultivierte Deutsche spielt durchgängig die Hauptrolle, sei es nun der in der ersten Person beschriebene Old Shatterhand/ Kara Ben Nemsi oder aber z.B. Dr. Sternau aus dem Zyklus „Das Waldröschen oder Die Verfolgung rund um die Erde. Großer Enthüllungsroman über die Geheimnisse menschlicher Gesellschaft.“8.

Des weiteren können auch andere Helden immer nur bestimmten Völkern - bei May „Rassen“ - angehören.

Mays Helden sind christlich motiviert, selbst wenn sie, wie z.B. Winnetou oder Hadschi Halef Omar, keine Christen sind.9Genauer kann man sie sogar als katholisch motiviert beschreiben, obwohl May selber evangelisch war. So töten Mays Helden äußerst selten - abgesehen vom frühen Winnetou und einigen Westmen10. Damit sei auch ein Indiz dafür gegeben, daß dieser Winnetou nicht der Held der gleichnamigen Erzählungen ist. Winnetou tötet - Mays Helden töten nicht. Die Bösewichte kommen, je nach Klassifizierung, durch Unfälle um oder werden bekehrt. Der qualitative Unterschied ergibt sich aus dem Maß der Verfolgung. „Der Schut“ und „Santer“, die beide über mehrere Romane (nach Zählung der GW) verfolgt werden, müssen aufgrund ihres Status umkommen, da der Zyklus nur auf diese Weise beendet werden kann.

5.1. Rassistisch motivierte Typen

Durch Mays Werk ziehen sich drei Ideologien: Das Christentum als unumstößliche Wahrheit, ein übersteigerter deutscher Nationalismus, der sich darin manifestiert, daß alle „weißen“ Helden deutsch11oder deutschstämmig sind wie etwa Sam Hawkens - und durch einen in zunehmendem Alter stärker ausgeprägten Pazifismus12.

Das zu Mays Spätwerk gehörende „Et in Terra Pax“ (heute: Und Friede auf Erden, GW 30), das Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar nach China führt, enthält etwa keine typischen Heldentaten und Kampfhandlungen mehr, sondern humanistisch motivierte Diskussionen, auch wenn die Demokratie hier verurteilt wird.

„Et in Terra Pax“ war eine Auftragsarbeit des schon berühmten Karl May für das Deutsche Reich. Es war Bestandteil eines Prunkbandes, der zur Niederschlagung des chinesischen Boxeraufstandes herausgegeben wurde. May verurteilte die deutsche Intervention und setzte mit diesem Roman ein pazifistisches „faules Ei“ in den imperialistischen und militaristischen Prunkband.

Mays humanistische Grundeinstellung brachte ihm einen fortlaufenden Briefkontakt mit Beecher-Stowe, der Autorin von „Onkel Tom’s Hütte“. Der Spagat zwischen Humanismus und rassistischem Nationalismus bei May wird auch deutlich an dem Publikum, das einen Vortrag Mays kurz vor seinem Tod in Wien zuhören ließ: Unter den Zuhörern befand sich die alternde Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner und der jugendliche Adolf Hitler.13

„Juden“ sind bei May ein Beispiel für eine rassistisch beschriebene Personengruppe, die immer wieder in dem gleichen Kontext auftaucht: „Der Jude“ ist hakennasig, buckelig, alt und geldgierig. Oftmals übernimmt er die Rolle eines Hehlers. „Die Jüdin“ dagegen ist schön und rachsüchtig.14Ein ähnliches Stereotyp läßt sich über Armenier feststellen: Die Armenier sind brutal und blutrünstig.

Im Gegensatz hierzu stehen die positiv besetzten „Rassen“: Neben den Deutschen baut May z.B. ein sehr positives Bild der Kurden auf, die bei ihm Christen sind. Bei den in Nordamerika handelnden Wildwest-Romanen gestaltet sich die Sache schwieriger. Zwar hält May hier einige Stereotype durch: deutsch - gut, Yankee - grob, schwarz - kindisch, mexikanisch - verschlagen. Dieses System bricht jedoch auf durch die unterschiedliche Beschreibung der indianischen Stämme.

Dennoch haben die beschriebenen Indianer15, sei es nun Winnetou oder Tangua, der Häuptling der Kiowa und Gegenspieler Winnetous und Old Shatterhands in Winnetou I, eines gemeinsam: Sie sind „edle Wilde“, unberechenbar und doch bewunderungswürdig. Winnetou ist ihr Prototyp, und so ist auch er derjenige, dem es zuzutrauen wäre, alle Indianer zusammenzurufen zu einem Kampf gegen die Weißen, selbst wenn dieser zum Scheitern verurteilt wäre.16

5.2. Verschieden Heldentypen und ihr Wandel

5.2.1. Sam Hawkens/ Hadschi Halef Omar

Sam Hawkens und Hadschi Halef Omar können hier nur stellvertretend stehen als die prominentesten Vertreter jener Typen, die die Helden auf ihren Reisen begleiten, wie es an anderer Stelle auch ein Hobble-Frank oder ein Sir David Lindsay tun. Sie sind die Sancho Pansas in den Romanen Mays. Sie übernehmen oftmals die humoristische Rolle und sind diejenigen, die Fehler machen, die von den eigentlichen Helden wieder ausgebügelt werden müssen.

Dennoch sind auch sie Helden, denen durchaus zugestanden wird, alleine und eigenverantwortlich nach ihren eigenen Regeln zu handeln. Halef schafft den aufstieg bis zum Scheik eines arabischen Stammes, und im Spätwerk Mays, namentlich dem Zyklus „Im Reiche des silbernen Löwen“ (GW 26 - 29) übernimmt er die Heldenrolle des Kara Ben Nemsi ganz: Während Kara Ben Nemsi derjenige ist, der philosophisch diskutiert und Mysterien aufspürt, der der Welt nahezu ganz entfremdet ist und nur noch nach höheren Zielen strebt, ist Halef der praktisch agierende Held.

Auch Sam Hawkens wird äußerster Respekt gezollt als Lehrmeister Old Shatterhands, der die Fäden mehr als einmal in die Hand nimmt und der hauptsächlich eigenverantwortlich Handelnde ist. Im Romanzyklus „Deutsche Helden, deutsche Herzen“ (GW 61 - 63) ist er gar über zwei Bände hinweg der einzig ausführende Held, dessen Weg durch ganz Nordamerika und bis nach Sibirien führt und letztendlich dem fiktiven May in Deutschland diese Geschichte erzählt, so daß der Roman geschrieben werden kann.

Auch wenn wissenschaftlich streng getrennt werden muß zwischen dem Autor und dem Erzähler in der Ersten Person, so ist im Falle Mays doch zu bedenken, daß er seine triviale Welt so schuf, daß er sie als Wahrheit behauptete und in der Öffentlichkeit als Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi auftrat - daher mußte Sam Hawkens hier als Berichterstatter erscheinen.

Das hier Beschriebene zeigt, daß die humoristischen Nebenrollen, die den skizzierten Figuren in den Karl May-Filmen der 60er und 70er Jahre zukommen, nur wenig mit den Figuren der Romane zu tun haben.

5.2.2. Old Shatterhand/ Kara Ben Nemsi

Der Erzähler ist in Mays Romanen der eigentliche Held, dessen Argumentationen und Gedanken der Rezipient am ehesten nachvollziehen kann. Der Ich-Erzähler ist derjenige, der eigenverantwortlich handelt, zumeist die Handlungen auch auf seine Schultern nimmt, mag es nun wirklich in seiner Verantwortung liegen oder auch nicht, der nie Fehler macht, oder, wenn in einigen Ausnahmen doch, diese sofort wieder gutmacht.

Old Shatterhand ist fast schon ein Übermensch: Als junges Greenhorn (GW 7) in den Wilden Westen kommend nimmt er sofort die Fäden der Handlung in die Hand, überflügelt innerhalb kürzester Zeit seinen Lehrmeister Sam Hawkens und wird zum Retter seiner Freunde dadurch, daß er Winnetou rettet. Seine Gewehre - „Henrystutzen“ und „Bärentöter“ - bringen ihm unter den abergläubischen Indianern den Ruf ein, Zauberkräfte zu haben.

Auffällig ist auch, daß in den Winnetou II (GW 8) und Winnetou III (GW 9) betitelten Werken Winnetou in etwa der Hälfte des Werkes keine wesentliche bzw. eine sehr untergeordnete Rolle spielt. In Winnetou II trifft Old Shatterhand auf Old Death, dessen Schicksal hier beschrieben wird, in Winnetou III gilt dasselbe für Sans Ear.

5.3.3. Der Schurke: Santer

Der Faden, der die Erzählungen um Winnetou bis hin zu „Winnetous Erben zusammenhält, ist die Jagd nach dem „Schurken“ Santer, der in Winnetou I dessen Vater und Schwester aus Goldgier umbringt.

Obwohl dies das einzige Verbrechen ist, daß Santer begangen hat, wird er zum Erzschurken hochstilisiert. In verbindenden Elementen taucht er im Zweiten Band der Erzählung wieder auf, entkommt und tritt in Winnetou III erst nach dem Tod Winnetous wieder auf, immer noch auf der Suche nach dem Schatz vom Nugget Tsil.

Zum Prototyp des Verbrechers wird er erst nach seinem Tod in „Winnetous Erben“ (GW 33): Die beiden Söhne Santers stellen dem alternden Old Shatterhand und seiner Frau nach17, werden dabei von Selbstmordlüsten und Goldgier getrieben, beides ein Erbe des Vaters (vgl. Winnetou III). Zwar kommen auch die beiden Söhne Santers hier um das Leben, allerdings nicht, ohne sich vorher bekehrt zu haben. Ihr Leben lassen sie, um diejenigen zu schützen, die sie vorher selber ermorden wollten.

6. Die Metamorphose Winnetous

6.1. Der frühe indianische Held bei Karl May

Eine der ersten Wildwest-Erzählungen Mays ist eine Adaption von Gabriel Ferrys „Der Waldläufer“ (GW 70). Zuvor hatte er nur einige kurze Erzählungen geschrieben sowie „Old Firehand“ (in GW 71, S.21 - 161), später der Mittelteil von Winnetou II, und „Kapitän Kaiman“ (GW 19). Entsprechend ist das hier präsentierte Bild des Helden an Ferry orientiert. Eine der Hauptpersonen in Ferrys „Waldläufer“ ist der junge Komantche Rayon Brûlant, der in Mays Bearbeitung folgendermaßen beschrieben wird:

„Es war ein junger Krieger von eleganter, kräftiger Gestalt, mit elastischem stolzen Gang. Seine starken Schultern und seine breite Brust waren nackt, und um die schmalen, gewölbten Hüften war eine feine Serape von Santillo, mit bunten, glänzenden Farben gewunden. Gamaschen von scharlachrotem Tuch bedeckten die Beine, Kniebänder mit Haarstickereien, an denen wunderbar aus Stachelschweinborsten geflochtene Eicheln hingen, hielten die Gamaschen fest; die Füße endlich waren mit Halbstiefeln bekleidet, die ebenso sorgfältig gearbeitet waren wie die Kniebänder. Sein Kopf war mit Ausnahme eines Büschels kurzer Haare, der gewissermaßen den Helmschmuck bildete, glatt rasiert und mit einer wunderlichen Kopfbedeckung geschmückt. Diese bestand aus einer Art engen Turban, der aus zwei malerisch übereinander gewundenen Tüchern gebildet wurde. Die getrocknete, glänzende Haut einer Klapperschlange zog sich durch seine Falten hindurch, und der noch mit seinen scharfen Zähnen versehene Kopf des Reptils sowie der Schwanz mit der wohlerhaltenen Klapper hingen von seinen Schultern herab. Was sein Gesicht angelangt, so würde dies die Lobeserhebungen Encinas vollkommen gerechtfertigt haben, hätte man es seiner Malerei beraubt, die seine Regelmäßigkeit und Anmut entstellte. Eine hohe Stirn, auf der Tapferkeit und Ehrlichkeit geschrieben standen, schwarze, feurige Augen, eine römische Nase, endlich ein feiner und zugleich stolzer Mund gaben dem Krieger ein achtunggebietendes, würdevolles Aussehen. Es wirkte wie die Darstellung eines prächtigen, antiken Standbildes in florentinischer Bronze.

So wie er dastand in der rußigen, verräucherten Venta, hätte er ruhig auf dem elegantesten Maskenball einer der europäischen Residenzen erscheinen können, und niemand würde geglaubt haben, daß all die beschriebenen Dinge der Savanne wirklich angehörten, so nett und sauber war jeder Zollbreit an ihm und so elegant und gebieterisch zugleich seine ganze Erscheinung.“18

Laut Kandolf ist der einzige Unterschied zwischen dieser Beschreibung Brûlants und Mays späterer Beschreibung Winnetous der, daß Winnetou seine Haare lang trägt und, als Zeichen der Häuptlingswürde, drei Adlerfedern angesteckt hat.19Indianer sind in der Adaption Mays vom „Waldläufer“ noch Wilde. Diese „edle“ Wildheit der Indianer wird zwar durchaus als bewundernswert dargestellt, sie stellt jedoch auch das Fremde und dadurch Faszinierende dar: Es kann zwar bewundert, jedoch keineswegs erstrebt werden.

Ähnlich der Darstellung Brûlants wird im Frühwerk Mays der Sioux-Häuptling Inn-Uh-Woh (GW 71, S.7 - 20) dargestellt. Hat Winnetou von dem Ersteren seine äußere Gestalt, so verdankt er dem zweiten seinen Namen und seine hervorstechende sportliche Eigenschaft, ein extrem guter Schwimmer zu sein.

Der frühe Winnetou, wie er in Brûlant und Inn-Uh-Woh angelegt ist und wie er dann in der frühen Erzählung „Old Firehand“ in Erscheinung tritt, kommt Hegels Ideal des Heroen wohl am Nächsten. In seiner „Wildheit“ trägt er jene inidviduelle Selbständigkeit, die ihn seine Feinde kaltblütig ermorden läßt und auch ihren Skalp nehmen läßt, und die dazu führt, daß er sich weigert, von Old Shatterhand die weiße oder christliche Moral zu übernehmen. Die von Hegel genannten Eigenschaften Willkür, Kraft, Mut Tapferkeit und Macht - als Häuptling des Stammes der Apatchen - können ihm zugesprochen werden. Auch ist Rache eines seiner häufigsten Handlungsmotive, wie etwa an dem „weißen Häuptling“ Tim Finnety, dem Mörder seiner Geliebten (GW 8), oder an Santer, dem Mörder seiner Familie (GW 7 - 9).

6.2. Der Winnetou-Zyklus

Ursprünglich sollte es fünf Bände des „Winnetou“ geben: Nach den bekannten Werken Winnetou I bis Winnetou III, die Mays Frühwerk zuzuordnen sind, gehören das 1912 geschriebene „Winnetous Erben“ (= Winnetou IV) und dem nicht mehr geschriebenen, aber im vorher erwähnten Werk angekündigte „Winnetous Testament“ dazu. „Winnetous Erben“, nach dem Tod des Helden handelnd, unterscheidet sich extrem von den drei bekannten Büchern und soll daher auch getrennt von diesen behandelt werden. Erst hier entsteht ein vollkommen neues Bild des Apatchenhäuptlings.

6.2.1. Winnetou I - III

Beim Lesen des Kernzyklus um Winnetou fällt recht schnell auf, daß es sich um unzusammenhängende Erzählungen handelt, die durch eine Rahmenhandlung - die Suche nach dem „Erzschurken“ Santer - nur marginal miteinander verbunden sind.

Winnetou I behandelt im Groben Old Shatterhands Ausbildung zum Westman durch Sam Hawkens und das Zusammentreffen und die Verbrüderung mit Winnetou, der daraufhin Old Shatterhands Ausbildung perfektioniert. In diesem Zusammenhang steht Winnetous Forderung an Old Shatterhand, nicht mit ihm über seine christliche Ethik zu sprechen, die er als verlogen bewertet. Nicht zu vergessen jedoch ist, daß die Mescalero-Apatchen, und insbesondere Winnetou und sein Vater, zuvor jahrelang von Klehki-Petra im Sinne einer „weißen“ Moral erzogen wurden. Der Mord an Klehki-Petra ist der Auslöser des Konfliktes zwischen Winnetous Stamm und den Landvermessern, denen Old Shatterhand angehört. Klehki-Petra ist jedoch auch der, der die Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand stiftet, indem er auf dem Totenbett Old Shatterhand zu seinem Nachfolger bestimmt. Winnetous Selbständigkeit ist also keineswegs so zufällig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Erst am Ende dieses Werkes tritt Santer als Mörder von Winnetous Schwester und Vater auf den Plan. Hier tritt Winnetou als selbständiges Individuum auf, dessen vordergründiges Motiv Rache ist. Im ersten Moment erweist sich in dieser Rachsucht die bereits erwähnte Möglichkeit, aus Winnetou den Stifter von Gesetzen zu machen, da er alle indianischen Stämme vereinigen will und in den Krieg gegen alle Weißen ziehen lassen will. Der Erzähler hält ihn, wie auch später des öfteren erwähnt wird, für den richtigen Mann, der diese Aufgabe erfüllen könnte. Old Shatterhand hält ihn jedoch von dieser Absicht ab: Winnetous individuelle Selbständigkeit wird durch Old Shatterhand eingeschränkt.

Winnetou II besteht im wesentlichen aus zwei unabhängigen Erzählungen. Die erste behandelt das Schicksal des Westmans Old Death. Winnetou spielt hier nur eine sehr marginale Rolle. Der zweite Teil des Bandes ist eine Neufassung des „Old Firehand“ mit dem hauptsächlichen Unterschied, daß aus der Tochter Old Firehands, die den Erzähler heiratet, ein noch junger Sohn wird. Dieser Sohn erklärt Old Shatterhand das Wesen des Helden im Wilden Westen:

„‘Ihr habt Eure Mutter noch, Sir?‘

‚Ja.‘

‚Was würdet Ihr tun, wenn man sie tötete?‘

‚Ich würde den Arm des Gesetzes walten lassen.‘

‚Gut, und wenn dieser zu schwach oder zu kurz ist, wie hier im Westen, so leiht man dem Gesetz den eigenen Arm.‘

‚Es ist ein Unterschied zwischen Rache und Strafe, Harry! Die Strafe ist eine notwendige Folge des Unrechts und eng verbunden mit dem Begriff göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit. Die Rache aber ist häßlich und betrügt den Menschen um die hohen Vorzüge, die ihm vor dem Tier verliehen sind.‘

[...]

‚Was Ihr mir sagen wollt, weiß ich und habe es mir schon tausendmal selber gesagt. Es ist nichtige Verstandesweisheit. Habt Ihr noch nie die Sage vom ‚flatsghost‘, dem Geist der Prärie vernommen, der in wilden Stürmen über die Prärie braust und alles vernichtet, was ihm zu widerstehen wagt? Es liegt ein tieferer Sinn darin, der uns sagen will, daß sich der ungezügelte Wille wie ein brandendes Meer über die Ebene gießen muß, bevor die Ordnung zivilisierter Staaten hier festen Fuß fassen kann.[...]‘“ (GW 8, S.476 - 478)

Ähnlich wie Old Firehands Sohn hier argumentiert, begründen die meisten Westmen bei May ihr individuelles Handeln. Während Old Shatterhand vom Standpunkt des zivilisierten Europas spricht und, wenn er mit christlichen Weltanschauungen („göttliche Gerechtigkeit“) argumentiert, den Standpunkt eines utopischen „wahrhaftigen Staates“ einnimmt, betont Harry die Notwendigkeit des selbständigen Handelns im Heroenland, damit ein solcher Staat überhaupt erst geschaffen werden kann. Die betonte Differenz zwischen „Rache“ und „Strafe“ entspricht jener, die Hegel nennt, und Harrys Rede von der „Nichtigen Verstandesweisheit“ zeigt den zufälligen Charakter der individuellen Selbständigkeit auf. Er spricht ebenfalls von dem „ungezügelten Willen“ An anderer Stelle betont er die Freiheit des einzelnen, sich der menschlichen Vorzüge zu entledigen und wie ein Raubtier zu handeln. Dieser hat dann jedoch auch die Verantwortung zu tragen und muß die Rache akzeptieren. (GW 8, S.477)

Auch in Winnetou II taucht der „Erzschurke“ Santer nur am Rande auf: Die letzten 40 Seiten erzählen ein Zusammentreffen zwischen den Helden Winnetou und Old Shatterhand und dem Bösewicht, der mit der Flucht Santers durch einen angeblichen Fehler Sam Hawkens endet.

May stellt seine Helden hier als fehlerfrei dar, obwohl Sam Hawkens, der die Verantwortung für den von ihm begangenen Fehler übernimmt, einen Fehler bereut, den eigentlich Winnetou und Old Shatterhand begangen haben, als sie Santer, gefesselt, aber unbewacht, zurückließen.

Winnetou III ist wiederum sehr ähnlich aufgebaut. In einer ersten Erzählung geht es um das Schicksal des Westmans Sans-ear, in einem zweiten, zeitlich weit später handelnd, um das des Sharp-Eye.

In der ersten Erzählung muß auch Winnetou einen Fehler zugeben und übernimmt als Held die Verantwortung:

„‘[...] Winnetou hat heute zweimal gehandelt wie ein Knabe, der keine Gedanken hat. Aber er nimmt die Folgen auf sich, und seine weißen Brüder werden ihm verzeihen!‘“ (GW 9, S. 168)

Der Erzähler sieht Winnetou als Helden aufgrund seiner äußeren Erscheinung, wie eine Beschreibung im zweiten Teil der Erzählung zeigt:

„[...] Wie er jetzt vor uns stand, so hatte ich ihn stets gesehen, sauber in seiner ganzen Erscheinung, ritterlich und gebieterisch in seinem ganzen Eindruck, jeder Zoll an ihm ein Mann, ein Held.“ (GW 9, S. 362)

In dieser zweiten Erzählung des Bandes gibt Winnetou seine individuelle Selbständigkeit endgültig auf: In einer Todesahnung, die kurz darauf auf banale Weise in Erfüllung geht, bittet er Old Shatterhand, ihm über das Christentum zu berichten, obwohl dieser ihm einst das Versprechen hat geben müssen, seine religiösen Moralvorstellungen nicht an den Apatchenhäuptling weiterzugeben. Beeinflußt durch ein von weißen Siedlern gesungenes „Ave Maria“ mit einem Text, den Old Shatterhand als den seinen erkennt und den er Winnetou übersetzen muß, konvertiert der „Wilde“ zur Religion der zivilisierten Weißen. Wiederum erscheint Santer erst im dritten Teil des Bandes, als Winnetou schon tot ist. Immer noch auf der suche nach dem Gold der Apatchen, trifft er auf Old Shatterhand, der an gleicher Stelle das Testament Winnetous sucht. Das Testament, das Old Shatterhand findet, beschreibt das Versteck des Goldes. Diese Beschreibung fällt in die Hände des Schurken, der - trotzdem unfähig das Gold zu entdecken - Selbstmord begeht und das ungelesene Testament mit sich nimmt.

6.2.2. Winnetous Erben

„Winnetous Erben“ ist der letzte von May geschriebene Roman, geschrieben nach dem Eindruck seiner Amerika-Reise.

Wie auch in dem dem Spätwerk zugehörigen Zyklus „Im Reiche des Silbernen Löwen“ - der ähnlich dem Winnetou-Zyklus ebenfalls schon in der romantischen Frühphase begonnen wurde (GW 26 und 27) - , und dem Roman „Und Friede auf Erden“ liegt der Schwerpunkt hier nicht mehr auf einer abenteuerlichen Handlung, sondern auf den Diskussionen um Frieden und Einigkeit.

Das Streben nach Einigkeit wird in diesem Roman auf die indigenen Völker transponiert, die eine gemeinsame ruhmreiche Vergangenheit hätten und, um zu überleben, zu dieser zurückkehren müßten.

Was in diesem Roman über die indigenen Völker beschrieben wird, das Beenden der kriegerischen Konflikte und die Erhebung über das Materielle gekennzeichnet durch ein steinernes Denkmal Winnetous - soll ein Gleichnis für eine gewünschte Entwicklung für alle Menschen sein. In Mays Werk ist dies der Aufstieg vom „Gewaltmenschen“, gekennzeichnet durch Abu Kital, zum „Edelmenschen“, den Winnetou nunmehr darstellen soll.

Die literarische Folie, auf der in diesem Roman operiert wird, ist Dantes „Divina Comedia“ entliehen: Nachdem Old Shatterhand nebst Frau und Freunden eine Gegend des Wilden Westens durchquert hat, die sich tatsächlich „Purgatorio“ nennt, erreicht der Erzähler den „Mount Winnetou“, auf dem die Medizinen der indianischen „Nation“ seit langer Zeit unerreichbar sind. Auch die Ebene des Berges als noch Irdisches wird verlassen, als der Apatche „Junger Adler“, der in diesem Roman oftmals die Rolle Winnetous übernimmt und ein Verwandter desselben ist, über diesem Berg mit einem Fluggerät aufsteigt.

Winnetous Rolle hat sich hier vollkommen geändert: Es stellt sich heraus, daß die Beschreibung zum Versteck des Goldes keineswegs Winnetous Testament war, und Old Shatterhand muß einmal mehr graben, um das wahre Testament Winnetous zu entdecken, einer Sammlung von Schriften, die er zu Lebzeiten am Mount Winnetou verfaßt hat.20

An diesem Berg hat Winnetou, der doch laut Winnetou III erst in seiner Todesstunde zum Christentum konvertierte, auch zu Lebzeiten eine christliche Kapelle gebaut.

Das Denkmal, das Winnetou hier gesetzt werden soll, stellt ihn als kräftigen, bewaffneten Menschen dar, durchaus ähnlich den Beschreibungen Winnetous, wie sie in den vorhergehenden Erzählungen zu lesen sind. Das Denkmal scheitert, da es auf hohlen Grund gebaut wurde und der steinerne Winnetou schlägt damit die in den Höhlen unter dem Denkmal versteckten Gegner, Sioux (GW 9), Komantchen (GW 8 und GW 9) und Kiowas (GW 7) ein letztes Mal.

Das steinerne Standbild Winnetous wird ersetzt durch ein mit Phototechnik projiziertes Bild Winnetous von dem Maler Sascha Schneider, der die Titel der Romane Mays zu der Zeit, in der dieser Roman handelt, illustrierte. Dieser Winnetou ist nackt, fährt zum Himmel auf und wirft mit seiner Häuptlingsfeder das letzte Irdische von sich.21

Winnetou wird in diesem Roman zu einer messianischen Figur, wie auch das erwähnte Bild zeigt. Während das Bild projiziert wird, verbrüdern sich die einst verfeindeten Stämme um ihre Zukunft gemeinsam im Geiste des Winnetous, wie er hier „post mortem“ dargestellt wird, zu gestalten.

Erst hier erfüllt Winnetou eine weitere von Hegels Kategorien für den Helden: Er wird Stifter von Gesetzen, gründet, wenn nicht einen Staat, so doch eine Stadt, die nach seinem angeblichen Geiste lebt und eine neue indianische „corporate identity“.

7. Winnetou - ein Held?

Nach der Analyse der Erzählungen um Winnetou läßt sich feststellen, daß er dem Zustand der individuellen Selbständigkeit, wie Hegel ihn beschreibt, durchaus in vielen Punkten entspricht.

Sein Handeln ist durchaus zufällig, Willkür, Kraft, Mut, Tapferkeit, Macht und Einsicht gehören zu seinen Eigenschaften, eines seiner Motive ist die Rache, er tritt in einem vorgesetzlichen Zustand auf, wie das Zitat aus Winnetou II - das Gespräch zwischen Old Shatterhand und Old Firehands Sohn - belegt, er übernimmt Verantwortung und er wird zum Gründer eines Staates im übertragenen Sinne.

All diese Eigenschaften müssen jedoch eingeschränkt werden: Winnetous individuelle Selbständigkeit ist eingeschränkt durch die Erziehung Klehki-Petras wie auch durch Interventionen Old Shatterhands, die Rachsucht weicht der Übernahme weißer Moralvorstellungen, zum Stifter des Staates wird er erst nach einer Umdefinierung seiner Perönlichkeit: Der Winnetou der frühen Erzählungen und jener aus „Winnetous Erben“ können nahezu als zwei komplett unterschiedliche Figuren verstanden werden.

Viele Indizien sprechen dafür, daß Winnetou keineswegs der Held der nach ihm benannten Werke ist: In dem Konglomerat aus verschiedenen Erzählungen, die Bild, das May seinem Werk geben wollte, sind auch die Titelentwürfe von Winnetou I und II interessant: Winnetou I zeigt das biblische Motiv von Kain und Abel Bildtafel 7), Winnetou II einen trauernden Friedensengel (Bildtafel 8). Die drei Bildtafeln sind dieses Arbeit als Anhang angefügt.

die Bände Winnetou I - III ausmachen, spielt er nur eine marginale Nebenrolle. Der eigentlich fehlerfreie Akteur, dem sämtliche Handlungen gelingen, der im Mittelpunkt dieser Romane steht, ist Old Shatterhand. Für ihn gilt zwar kaum eine der Kategorien Hegels, dennoch ist er stets der ausführende Charakter. Old Shatterhand ist keineswegs individuell selbständig, sondern agiert nach den Moralvorstellungen europäischen und christlichen Musters. Die Bestrafung von Verbrechen überläßt er Institutionen, und da er als Christ die höhere Institution „Gott“ anerkennt, übernimmt er auch keine volle Verantwortung. Von dem Standpunkt der Trivialliteratur, der Frage nach der Identifikation mit dem Helden, ist Old Shatterhand dennoch derjenige, der als Held bezeichnet werden muß.

In dem ästhetischen Sinne Hegels trifft dieses jedoch nicht zu. Danach ist Winnetou der Prototyp des Helden in den Erzählungen Karl Mays.

8. Abbildungen

Abb.1: Schneider, Sascha: Winnetou I. In: Hatzig, Hans Otto: Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer Freundschaft. Bamberg 1967. (= Stolte, Prof. Dr. Heinz (Hrsg.): Beiträge zur Karl May-Forschung Band 2.) Abbildung 7.

Abb. 2: Sascha Schneider: Winnetou II. In: Hatzig, Hans Otto: Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer Freundschaft. Bamberg 1967. (= Stolte, Prof. Dr. Heinz (Hrsg.): Beiträge zur Karl May-Forschung Band 2.) Abbildung 8.

Abb. 3: Sascha Schneider: Winnetou III. In: Hatzig, Hans Otto: Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer Freundschaft. Bamberg 1967. (= Stolte, Prof. Dr. Heinz (Hrsg.): Beiträge zur Karl May-Forschung Band 2.) Abbildung 9.

9. Literaturangaben

9.1. Primärliteratur

- May, Karl: Winnetou. Erster Band. Reiseerzählung. Bamberg 1951. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 7.)

- Ders.: Winnetou. Zweiter Band. Reiseerzählung. Bamberg 1951. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 8.)

- Ders.: Winnetou. Dritter Band. Reiseerzählung. Bamberg 1951. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 9.)

- Ders.: Der Löwe der Blutrache. Und andere Reiseerzählungen. Bamberg 1954. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 26.)

- Ders.: Bei den Trümmern von Babylon. Reiseerzählung. Bamberg 1952.(=

Karl May’s Gesammelte Werke Band 27.)

- Ders.: Im Reiche des Silbernen Löwen. Bamberg 1957. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 28.)

- Ders.: Das Versteinerte Gebet. Bamberg 1957. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 29.)

- Ders. Und Friede auf Erden. Reiseerzählung. Bamberg 1958. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 30.)

- Ders.: Winnetous Erben. Reiseerzählung. Bamberg 1960. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 33.)

- Ders.: „ICH“. Karl Mays Leben und Werk. Bamberg 1958. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 34.)

- Ders.: Schloß Rodriganda. Bamberg 1951. (= Karl May’s Gesammelte Werke

Band 51.)

- Ders.: Die Pyramide des Sonnengottes. Bamberg 1951. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 52.)

- Ders.: Benito Juarez. Bamberg 1952. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 53.)

- Ders.: Trapper Geierschnabel. Bamberg 1952. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 54.)

- Ders.: Der sterbende Kaiser. Bamberg 1952. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 55.)

- Ders.: Der Derwisch. Bamberg 1951. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band

61.)

- Ders.: Im Tal des Todes. Bamberg 1951. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 62.)

- Ders.: Zobeljäger und Kosak. Bamberg 1951. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 63.)

- Ders.: Der Waldläufer. Erzählung aus dem Wilden Westen. Nach dem Roman

von Gabriel Ferry bearbeitet und neu gestaltet von Karl May. Bamberg 1959. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 70.)

- Ders.: Old Firehand. Und andere Erzählungen. Bamberg 1967. (= Karl May’s

Gesammelte Werke Band 71.)

- Ders.: Schacht und Hütte. Frühwerke aus der Readaktionszeit. Bamberg 1968.

(= Karl May’s Gesammelte Werke Band 72.)

9.2. Sekundärliteratur

- Berkhofer, Robert F.: The White Man’s Indian. New York 1978.

- Hatzig, Hans Otto: Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer

Freundschaft. Bamberg 1967. (= Stolte, Prof. Dr. Heinz (Hrsg.): Beiträge zur Karl May-Forschung Band 2.)

- Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Ästhetik. Erster und

zweiter Teil. Mit einer Einführung herausgegeben von Rüdiger Bubner. Stuttgart 1971.

- Kandolf, Franz: Karl May und Gabriel Ferry. In: May, Karl: Der Waldläufer.

Erzählung aus dem Wilden Westen. Nach dem Roman von Gabriel Ferry bearbeitet und neu gestaltet von Karl May. Bamberg 1959. (= Karl May’s Gesammelte Werke Band 70.) S.471 - 479.

- Lutz, Hartmut: „Indianer“ und „Native Americans“: Zur sozial- und

literaturhistorischen Vermittlung eines Stereotyps. Hildesheim 1985.

- Nerlich, Michael: Kritik der Abenteuerideologie. Beitrag zur Erforschung der

bürgerlichen Bewußtseinsbildung. Teil 1. Berlin 1977.

26

- Schmid, Dr. Euchar Albrecht: Karl Mays Tod und Nachlaß. In: May, Karl:

„ICH“. Karl Mays Leben und Werk. Bamberg 1958. (= Karl May’s

Gesammelte Werke Band 34.) S.313 - 352.

[...]


1Die Werke Karl Mays werden in dieser Arbeit nur mit GW (gesammelte Werke) und der

entsprechenden Nummer des Bandes angegeben. Ausführlich finden sich die Literaturangaben im Literaturverzeichnis.

2 In diesem Kapitel wird Bezug genommen auf die Ausgabe: Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Ästhetik. Erster und zweiter Teil. Stuttgart 1971. Die Seitenangaben in diesem Kapitel beziehen sich ausschließlich auf diese Ausgabe.

3Der „wahrhaftige Staat“ ist bei Hegel durchaus ein Schlüsselbegriff und an anderer Stelle auch

wünschenswerte Utopie. Wenn hier vom Zustand des wahrhaftigen Staates gesprochen wird, so ist gemeint, daß die Gegenwart diesem Zustand weit näher ist als die Heroenzeit.

4Vgl. Nerlich, Michael: Kritik der Abenteuerideologie. Beitrag zur Erforschung der bürgerlichen Bewußtseinsbildung 1100 - 1750. Teil 1. Berlin 1977. S.54.

5 Vgl. Berkhofer, Robert F.: The White Man’s Indian. New York 1978. S.3.

6Montaigne: Des Cannibals. Essay, 1580. Vgl. dazu: Lutz, Hartmut: „Indianer“ und „Native

Americans“: Zur sozial- und literaturhistorischen Vermittlung eines Stereotyps. Hildesheim 1985.

S. 159.

7 Chateaubriand: Atala, 1801. Vgl dazu: Ebd. S.159.

8Im Original Dresden 1882 - 1884 in 109 Lieferungen erschienen. Heute Bd.51 - 55 der gesammelten Werke.

9Winnetou konvertiert - wie noch zu beschreiben sein wird - in seiner Todesstunde zum

Christentum (Vgl. GW 9) und wird auch in „Winnetous Erben“ (GW 33) als Christ dargestellt, Hadschi Halef Omar konvertiert in dem Zyklus „Im Reiche des Silbernen Löwen“ (GW 26 - 29) zum Christentum.

10Im Gegensatz zu Old Shatterhand/ Kara Ben Nemsi oder vergleichbaren Hauptfiguren der Romane Mays handeln aber gerade diese individuell selbständig!

11 Vgl. besonders ausgeprägt den Zyklus „Deutsche Herzen, deutsche Helden“ (GW 61 - 63).

12Vgl. hierzu etwa den frühen Aufsatz „Weltall - Erde - Mensch.“ in „Schacht und Hütte“ (GW

72 - „Schacht und Hütte“ war der Titel einer von May redigierten Zeitschrift.) S.234.

13Vgl. Schmid, Dr. Euchar Albrecht: Karl Mays Tod und Nachlaß. S.318. In: „ICH“ (GW 34). S. 313 - 352.

14 Vgl. besonders ausgeprägt etwa GW 56 - 59.

15Richtiger wären zwar die Ausdrücke „Indigene“ oder „Native Americans“, dem Klischee der Karl May-Romane entsprechend, verwende ich hier jedoch den eigentlich rassistischen Ausdruck „Indianer“.

16 Vgl. Winnetou I (GW 7). S. 461.

17 „Winnetous Erben“ ist der letzte von May vollendete Roman, der inspiriert wurde durch den Aufenthalt Mays und seiner Frau in den USA.

18Kandolf, Franz: Karl May und Gabriel Ferry. S.473f. in: Der Waldläufer. (GW 70). S.471 - 479.

19 Vgl. ebd. S. 475.

20Diese angeblichen Schriften sind es, die May unter dem Titel „Winnetous Testament“ schreiben und - vorgeblich nur als Herausgeber - publizieren wollte.

21Vgl. Hatzig, Hans Otto: Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer Freundschaft (=

Beiträge zur Karl May-Forschung Bd. 2). Bamberg 1967. Bildtafel 9. Sascha Schneider gestaltete eine Neuausgabe der Werke Mays. In Zusammenhang mit dem neuen Bild Winnetous und dem

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Details

Titel
Winnetou - Die Metamorphose eines indigenen Helden
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Helden der Moderne im Film
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
26
Katalognummer
V104797
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Anhang fehlen die Abbildungen - die Quelle ist aber angegeben.
Schlagworte
Winnetou, Metamorphose, Helden, Moderne, Film
Arbeit zitieren
Torsten Bewernitz (Autor), 2000, Winnetou - Die Metamorphose eines indigenen Helden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104797

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