Die Erscheinung des Grotesken in der Tragikomödie von Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame


Hausarbeit, 2000
15 Seiten, Note: sehr gut

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Inhaltsverzeichnis

1. Titelblatt

3. Einleitung:
3.1. Gründe für die Wahl des Themas
3.2. Methodische Vorgehensweise
3.3. Ziel der Arbeit

4. Textteil:
4.1. Biographie Friedrich Dürrenmatts
4.2. Entstehungsgeschichte
4.3. Begriffsdefinitionen
4.4. Zur Gattung der Tragikomödie
4.5. Inhalt des Stücks
4.6. Die Figur der Claire Zachanassian
4.7. Die Figur von Ill
4.8. Nebenpersonen
4.9. Spiegel der Welt - Güllen
4.10.Einfühlungsdramatik vs. Verfremdungseffekt

5. Schluß:
5.1. Zusammenfassung
5.2. Ausblick

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur
6.3. Allgemeine Nachschlagewerke

3. Einleitung

3.1. Gründe für die Wahl des Themas

Der Besuch der alten Dame ist ein Werk, mit dem sich schon sehr viele befasst haben, darin besteht die Leichtigkeit aber auch die Schwierigkeit der Aufgabe um etwas (wenigstens für meine Person Neues) über dieses Stück herauszufinden, zu entdecken. „Stückeschreiben ist wie Schach. Bei der Eröfnung ist man frei; dann bekommt die Partie ihre eigene Logik”1 und „am Stil an sich arbeiten nur Dilettanten”2, meinte Dürrenmatt. Tatsache ist, dass der Autor mit seinen Äußerungen über Kritik, Kritiker Interprätationen und „Literatur über Literatur” meine Aufgabe gar nicht leichter macht.

3. 2. Methodische Vorgehensweise

Ich werde versuchen ein möglichst genaues Bild über Autor und die Problematik des Stücks zu liefern, soweit ich diese Sachen zu beurteilen vermag. In meiner Arbeit werde ich die auffälligsten Merkmale der Gattung Tragikomödie aufzeigen und eine Antwort auf die Frage geben: „Welche Tradition im Theater?”3 d. h. warum Dürrenmatt diese Art von Theater, nämlich das epische am geeignetsten für die Aufarbeitung des Themas, das er gewählt hat gehalten haben könnte.

3. 3. Ziel der Arbeit

Ich werde einige Definitionen für das Groteske und ihre Erscheinung im Stück aufzeigen und mich bemühen wenigstens ein kleines Bisschen hinter die Bühne sozusagen in den Kopf des Autors zu blicken und Vermutungen darüber anstellen, wie das Gesamtbild, die Gesamterscheinung der Tragikomödie, einer solchen Übergangsgattung zustande kommt.

4. Textteil

4. 1. Biographie Friedrich Dürrenmatts

„Friedrich Dürrenmatt wurde 1921 in der Schweiz im Kanton Bern geboren. Er studierte in Zürich und Bern Theologie, Literatur, philosophie und Naturwissenschaften. Er wollte eigentlich Maler werden.”4 Auch im Stück Der Besuch der alten Dame kommt der Schule der Schönen Künste vor, was die Verbundenheit des Autors mit diesem Bereich der Künste zeigt. „Seine ersten Erzählungen stehen unter dem Einfluss von Kafka. 1952 erregte sein Drama Es steht geschrieben einen großen Theaterskandal. 1968/69 war Dürrenmatt in Basel Theaterdirektor und als solcher stellte er auch Bearbeitungen von eigenen Dramen und von Stücken anderer Autoren wie Shakespeare und Strindberg vor.”5 Von 1952 bis zu seinem Tode lebte er in Neuchâtel. Wie es auch aus diesen paar Sätzen hervorgeht, wissen wir eigentlich nicht sehr viel über den Privatmenschen Dürrenmatt, welches Wissen die Analyse und Interprätation von Stücken von Gegenwartsautoren meist erheblich leichter macht. Beim Lesen seiner Biographien aus verschiedenen Quellen hatte ich immer das Gefühl ich erfahre nur das, was der Schrifsteller wollte, dass es ein gewöhnlicher Leser von ihm erfährt. Sein Lebensweg scheint für mich wie aus dem Bilderbuch: Anfangs hatte er mit den unfreundlichen Kritikern zu kämpfen, dann hat er es aber ihnen gezeigt und wurde zu einer der erfolgreichsten Autoren des 20-sten Jahrhunderts und inzwischen ist der Mensch für die Außenstehenden verloren gegangen, der fühlende und leidende Autor hat sich zurüchgezogen, ein Mauer um sich herum aus Erfolg gebaut.

4.2. Entstehungsgeschichte

Der Besuch der alten Dame wurde 1955 geschrieben. Die Uraufführung fand am 29. Januar 1956 im Schauspielhaus Zürich statt: das Stück errang einen Welterfolg. Komödie der Hochkonjunktur hieß ein früherer Untertitel des Stücks. Nach der

Erstausgabe erlebte das Stück mehrere unveränderte Nachdrucke im Buchformat, bis schließlich eine Neufassung mit Anmerkungen des Autors im Rahmen der Gesammelten Werke Dürrenmatts im Jahre 1980 erschien. In seinem Nachwort erläutert Dürrenmatt die Gründe für die Notwendigkeit einer überarbeiteten Bühnenfassung, er hätte schließlich (ausgenommen einige weinige konkret für Schauspieler geschriebene Bühnenwerke) keine von seinen Stücken für die Bühne geschrieben, sie seien für den Leser bestimmt gewesen6, deshalb war es an der Zeit ein paar Veränderungen vorzunehmen um die Aufführung der Werke auf einer Bühne leichter zu machen: z. B. die Szene im Ills Laden musste erheblich verkürzt werden um die Dynamik des Stücks und die Spannung beizubehalten. (Meiner Meinung nach vielleicht auch die verschiedenen Inszenierungen den Vorstellungen des Verfassers anzugleichen, eine allgemeine, für alle geltende Norm zu liefern.)

Die Äußerung „Autor schrieb als Mitschuldiger”7 in den Anmerkungen geschrieben 1955 für das Programmheft der Uraufführung im Schauspielhaus Zürich widerlegt eine andere ebd.: „Auf die gegenwärtige Zeit wird nicht angespielt, wohl aber spielt die gegenwärtige Zeit auf.”8, von denen ich persönlich die erste für die „ehrlichere” halte, und zwar im Einbetracht der Situation in der damaligen Europa. Es sind zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen. Europa steht teilweise noch in Trümmern, aus Geldmangel hat man noch vielenorts nicht mit der Wiederaufbau beginnen können. Deutschland bzw. auch die Länder, die sich an der Seite Deutschlands am Krieg beteiligt haben, sind verpflichtet Kriegsreparationen von großer Höhe zu bezahlen, Wiedergutmachung, die nichts wiedergutzumachen vermag. Deutschland ist zum alleinigen Schuldigen am Krieg erklärt worden, die Gerichtsverhandlungen sind in Nürnberg durchgeführt worden, die Schuldigen sind verurteilt. Doch das alles kann nicht das ungeschehen machen, was sich von 1933 an von Deutschland ausgehend in Europa ereignet hat. Aus einer gewissen Sicht sind all die, irgendwann gemerkt haben, dass das nicht so weitergehen darf und nichts dagegen unternommen haben, sind mitschuldig. „Die Notbremse zieht man nie in diesem Lande; auch wenn man im Not ist.”9, sagt der Kondukteur am Anfang des ersten Aktes.

4.3. Begriffsdefinitionen

Was ist eigentlich das Groteske, woran kann man es erkennen? Befragt man ein beliebiges Standardwerk hinsichtlich der Begriffe um das Groteske, findet man u. a. folgende Definitionen: „grotesk -er, -este [frz. grotesque <ital. grottesco, urspr. in Fügungen wie grottesca pittura Bez. für die seltsam und fantastisch anmutenden antiken Malereien in Grotten, Kavernen o. Ä. zu: grotta, Grotte]: durch eine starke Übersteigerung od. Verzerrung absonderlich übertrieben, lächerlich wirkend, absurd, lächerlich Groteske, die; -, -n: 1. (Kunstwiss. Literaturwiss.) Darstellung einer verzerrten Wirklichkeit, die auf paradox erscheinende Weise Grauenvolles, Missgestaltetes mit komischen Zügen verbindet 2. ins Verzerrte gesteigerter, karikierend übertreibender Ausdruckstanz Groteskfilm, der: Lustspielfilm mit oft völlig sinnloser Situationskomik”10

4.4. Zur Gattung der Tragikomödie

Als Ausgangspunkt zur Verstandnis des Gattungsbegriffes sind hier einige Artikel aus „Der Große Duden”:

„Komik, die; - [frz. le comique = das Komische]: (von Worten, Gesten, einer Situation, Handlung o. Ä. ausgehende) komische Wirkung komisch [frz. comique <lat. comicus <griech. komikós = zur Komödie gehörend; lächerlich, zu: kõmos, Komödie]: 1. durch eigenartige Wesenszüge belustigend in seiner Wirkung, zum Lachen reizend 2. sonderbar, seltsam; mit jmds. Vorstellungen, Erwartungen nicht in Einklang zu bringen komisch [frz. comique <lat. comicus <griech. komikós = zur Komödie gehörend; lächerlich, zu: kõmos, Komödie]: 1. durch eigenartige Wesenszüge belustigend in seiner Wirkung, zum Lachen reizend 2. sonderbar, seltsam; mit jmds. Vorstellungen, Erwartungen nicht in Einklang zu bringen komischerweise: aus unverständlichen Gründen; seltsamerweise

Tragik, die; - zu tragisch: schweres, schicksalhaftes, von Trauer u. Mitempfinden begleitetes Leid

Tragikomik, die; - (bildungsspr.): Verbindung von Tragik u. Komik, deren Wirkung darin besteht, dass das Tragische komische Elemente u. das Komische tragische Elemente enthält

Tragikomödie, die; -, -n [lat. tragicomoedia] (Literaturw.): tragikomisches Drama tragisch [lat. tragicus <griech. tragikós, eigtl. = bocksartig, vgl. Tragödie]: 1. auf verhängnisvolle Weise eintretend u. schicksalhaft in den Untergang führend u. daher menschliche Erschütterung auslösend 2. (Literaturw. Theater) Tragik ausdrückend”11

Zu den wichtigsten Begriffen aus dem Duden sollen hier auch die Äußerungen

Dürrenmatts über die Problematik der Gattungsbestimmung und eine Beurteilung einer Außenstehenden in Betracht gezogen werden:

„Tragödie, die; -, -n [lat. tragoedia <griech. tragodía = tragisches Drama, Trauerspiel, eigtl. = Bocksgesang, zu trágos = Ziegenbock u. ode = Gesang; viell. nach den mit Bocksfellen als Satyrn verkleideten Chorsängern in der griech. Tragödie]: 1. a) <o. Pl.> dramatische Gattung, in der Tragik (2) dargestellt wird: die antike, klassische T. b) Tragödie (1 a) als einzelnes Drama: eine T. in/mit fünf Akten. 2. a) tragisches Geschehen, schrecklicher Vorfall b) (ugs. emotional übertreibend) etw. was als schlimm, katastrophal empfunden wird”12

„Tragödie (antike) Form der dramatischen Kunst, (…) die Gemeinschaft wird idealisiert. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiß, daß es sterben wird. Die Verdrängung dieses Wissens ist das einzige Drama des Menschen.”13

Dürrenmatt „folgert die Notwendigkeit der Komödie aus der Unmöglichkeit der Tragödie”14

„Komödie, die; -, -n [lat. comoedia <griech. komodía, eigtl. = Gesang bei einem frohen Gelage, zu: kõmos = Festumzug mit Gelage u. Gesang für den Gott Dionysos]: 1. a) <o. Pl.> dramatische Gattung, in der menschliche Schwächen dargestellt u. [scheinbare] Konflikte heiter überlegen gelöst werden; b) Bühnenstück mit heiterem Inhalt 2 sich in unechtem, theatralischem Gebaren äußernde Vortäuschung von nicht wirklich Empfundenem, Vorhandenem K. spielen etw. vortäuschen; jmdm. etw. vormachen”15

„Komödie (moderne) Form der dramatischen Kunst, die voraussetzt, dass die

Gemeinschaft kein Recht habe, in einem feierlichen Chor auszubrechen.”16

Hier wird der Auftritt des gemischten Chors geplant, aber die Dame kommt früher als erwartet. Als sie dann schließlich anfangen zu singen, wird ihr Gesang von Zuggeräuschen übertönt. Die Zuggeräusche sind hier die Vermittler des Autors im Stück. Sie sind allerdings keine echten Sprachrohre, sie vermitteln nicht die Meinung des Verfassers, sie sind nur Ausdruck seines Protestes. Obwohl der Schriftsteller selbst ganz anderer Meinung ist:

„Ich beschreibe Menschen, nicht Marionetten, eine Handlung, nicht eine Allegorie, stelle eine Welt auf, keine Moral, wie man mir bisweilen andichtet, ja ich suche nicht einmal mein Stück mit der Welt zu konfrontieren, weil sich all dies natürlicherweise von selbst einstellt, solange zum Theater auch das Publikum gehört.”17

Und genau das ist es, was Literaturwissenschaft so interessant macht, dass Stückeschreiben sozusagen auch nur ein Beruf ist man kann es aber nirgendwo lernen und niemandem beibringen, es ist etwas natürliches, und man ist froh wenigstens einige Facetten dieser anderen Welt erblicken zu können.

4.5. Inhalt des Stücks

„Eine Art Gerichtsverfahren ist das Verhalten der alten Dame im Stück Der Besuch der alten Dame. Als reiche, freigebige Witwe kommt Kläri Wäscher als Claire Zachanassian in ihr Heimatdorf zurück. Hier deckt sie in der Begegnung mit ehemaligen Bekannten und Ausbeutern auf, was diese in der Zeit machten, als sie als einfaches, armes Mädchen im Dorf lebte. Sie verlangt Sühne für das erlittene Unrecht, das ihr hauptsächlich von Ill, ihrem Jugendfreund zugefügt worden war, und zu diesem Zweck schreckt sie vor nichts zurück. So nimmt sie ihre Rache und bringt das ganze Dorf in Verwirrung. Damit die Wahrheit ans Licht kommt, und sie an Ill gerächt wird, ist sie bereit dem Dorfe eine Milliarde zu schenken. Claire führt ihren Plan mit der Kälte und Genauigkeit eines Tribunals aus, ohne sich von ihrem Ziel abbringen zu lassen.

Interessant zu bemerken ist die genaue Darstellung der Lage, der Landschaft und der Umgebung, die am Anfang des ertsten Aktes als Bühnenanweisung steht. Damit will Dürrenmatt vielleicht noch einmal die Absurdität der alltäglichen Wirklichkeit betonen. Die Sprache ist ein Beweis dieser absurden, unechten Situationen: er liebt die Pointe, das Wortspiel, die überraschende Ironie und den Aberwitz.”18

4.6. Die Figur der Claire Zachanassian

Sie ist eine alte, aber meiner Meinung nach doch nicht verbitterte Frau. Sie ist nicht bösartig oder erbarmungslos, sie hat nur die Spielregeln des Lebens lernen müssen und jetzt benutzt sie sie für ihre Zwecke.

Ihr Mädchenname „Wäscher”zeigt schon, wie sie ist, oder besser gesagt wie sie geworden ist: „mit allen Wassern gewaschen sein (ugs.): sehr gerissen sein, alle Tricks kennen. Diese Wendung bezog sich ursprünglich auf Seeleute, die schon mit dem Wasser verschiedener Ozeane in Berührung gekommen waren, also weit gereist und daher sehr erfahren waren”19

In den Anmerkungen zur Tragikomödie wird sie von Dürrenmatt selbst so charakterisiert: „Zachanassian (…) Name zusammengezogen aus Zacharoff, Onassis, Gulbenkian (…) Wohltätige Dame (…) durch ihr Vermögen in der Lage, wie eine Heldin der griechischen Tragödie zu handeln, absolut, grausam, wie Medea etwa.”20 Sie hat unzählige Unfälle überlebt (als ob sie noch eine offene Rechnung zu begleichen hätte), fast alles an ihr ist eine Prothese. Die Chirurgen haben in ihr Fleisch geschnitten, aber die seelischen Schmerzen, die ihr die Bewohner des Dorfes zugefügt haben, tun ihr für alle Zeiten weh, im Gegensatz zu den Narben verheilen sie nie.

4.7. Der Gestalt von Alfred Ill

Zur Klang dieses Namens sind mir im Rahmen einer Brainstorming die folgenden Wörter spontan in den Sinn gekommen, deren Bedeutung ich dann nachgeschlagen habe:

„illegitim [lat. illegitimus] (bildungsspr.): 1. a) unrechtmäßig, im Widerspruch zur Rechtsordnung stehend, nicht im Rahmen bestimmter Vorschriften erfolgend b) außerehelich; unehelich 2. nicht legitim (2), nicht vertretbar, nicht berechtigt

illegal [mlat. illegalis, zu lat. in- = un-, nicht u. legalis, legal]: gesetzwidrig, ungesetzlich; ohne behördliche Genehmigung

Illegalität, die; -, -en: Ungesetzlichkeit, Gesetzwidrigkeit

illegitim [lat. illegitimus] (bildungsspr.): 1. a) unrechtmäßig, im Widerspruch zur

Rechtsordnung stehend, nicht im Rahmen bestimmter Vorschriften erfolgend b) außerehelich; unehelich 2. nicht legitim (2), nicht vertretbar, nicht berechtigt

illoyal [zu lat. in- = un-, nicht u. loyal] (bildungsspr.): a) den Staat, eine Instanz nicht respektierend b) vertragsbrüchig, gegen Treu u. Glauben”21

Für mich ist auch dieser Name ein sprechender Name, wenn auch nicht so offensichtlich, wie bei anderen.

Am Anfang des Stücks ist er ein eindeutig positiver Gestalt, aber im Laufe der

Handlung stellt er sich als „alter Sünder”22 heraus und wird immer unsympatischer, abstoßender. Diese Erscheinung macht einem Angst, denn Ill ist der beliebteste Mann in einem ganz normalen Städtchen, es ist unglaublich, dass man jemanden so auch im richtigen Leben verkennen kann, denn die Welt ist ganz und gar nicht durchschaubar.

4.8. Nebenpersonen

„Die Einwohner von Güllen treten Typen angenähert auf.”23 schreibt der Autor in seinen Anmerkungen.

Der Butler war es bzw. weiß alles: Dürrenmatt liefert eine Karikatur eines schlechten Kriminalromans, in dem, wenn dem Romanschreiber nichts anderes mehr einfällt, lässt er den Butler zu Wisser aller Wissen werden.

Die Gatten von Claire sind durchnummeriert, auch bei anderen, die zu ihrem Gefolge gehören, hat der Name keine wirkliche Bedeutung, wie z. B.:

Toby und Roby kaugummikauend, ohne Verstand Koby und Loby blind, mit Spürsinn

Die Lästigen (für Dürrenmatt) sind: Pressemann I-II.: auch durchnummeriert, wie die Gatten, die auch überall da sind, aber doch nicht in das eigentliche Geschehen eingreifen können, aber sie wollen auch überhaupt nicht

Radioreporter, Kameraman: Alle Medien drängen in alle Bereiche des Lebens, sie vermitteln die Manipulation der öffentlichen Meinung.

Es sieht so aus, als ob der Zugführer und der Kondukteur den Zug lenken würden, aber das ist nur (Selbst-) Täuschung: sie alle wissen nicht, worum es geht, wohin der Zug fährt

Der Beruf des Pfändungsbeamtern ist schmutzig, eklig, aber sein Gewissen ist rein, im Grunde ist er ein guter Mensch.

4.9. Spiegel der Welt - Güllen

Der Name der Ortschaft ist ein sprechender Name, aber wie all die anderen „Regeln”

des Dramas wird dies auch nur zum Schein verwendet, alles ist übertrieben präzise, den Kriterien entsprechen, deshalb kann das Bild des Grotesken erscheinen, denn niemand von den zuschauern könnte glauben, dass Güllen in Wirklichkeit existiert, mit einer dieser Bedeutungen:

„Gülle, die; - [mhd. gülle = Pfütze]: 1. a) flüssiger Stalldünger, der sich aus Jauche, Kot u.

Wasser zusammensetzt; b) (südwestd. schweiz.) Jauche. 2. (südwestd. ugs. abwertend) etw. was als schlecht, ärgerlich o. ä. empfunden wird güllen <sw. V. hat> (südwestd. schweiz.): jauchen”24

Obwohl ähnliche Ortsnamen auch in Wirklichkeit vorkommen: „was Kunst ist, muß als Natur erscheinen”25

Und Dürrenmatt treibt es noch weiter:

„Güllen (...) der Name der Stadt soll auf Begehren der stimmfähigen Bürger in Gülden26 umgewandelt werden.”27

4.10. Einfühlungsdramatik vs. Verfremdungseffekt

„Ebenso wie Max Frisch zeigt Friedrich Dürrenmatt in seinen Stücken eine skeptische, enttäuschte, oder besser eine illusionslose Haltung gegenüber der Welt. Vom formalem Standpunkt aus folgt er dem Einfluß von Brecht: sein schwarzer Humor, die farce, der Aberwitz sind äußerliche Elemente zur Erreichung des verfremdungseffektes. Aber Dürrenmatt glaubt nicht mehr. dass die Welt veränderbar ist, er lehnt Brechts Glauben an die Veränderbarkeit als unrealistisch ab.

Wenn auch illusionslos und skeptisch bleibt Dürrenmatt doch ein Moralist.28

Die Tatsache. dass wir beim Lesen und Hören seiner Werke lachen oder verblüfft sind, ändert nichts an Dürrenmatts Vorhaben, die Wahrheit hinter der Fassade des Scheinbaren zu suchen. Seine Dramen und Erzählungen entwickeln sich oft wie eine Polizeiuntersuchung, wie ein Gerichtsverfahren, das allmählich die Wahrheit enthüllt und die Heuchelei entlarvt. Mittelpunkt des epischen Theaters ist der aktive Zuschauer, das Publikum: man hat dabei von einer kopernikanischen Revolution gesprochen. Der Zuschauer soll im Theater als denkender, kritischer Mensch sitzen. Er wird nicht verwickelt in eine Bühnenaktion (wie im dramatischen Theater), sondern er wird zum Betrachter gemacht. Die dramatische Form liefert Suggestionen, die epische gibt Argumente. In der dramatischen Form steht der Zuschauer mittendrin, er erlebt mit, in der epischen Form steht er gegenüber, er studiert. Wie kann aber das Publikum diese Distanz vom aufgeführtem erreichen?

Der Verfremdungseffekt (V-Effekt): Plakate, Transparente, Projektionen von Dias die den Zusammenhang zwischen dem Inhalt des Stückes und gegenwärtigen, ähnlichen Problemen herstellen, ein Sänger auf der Vorderbühne und andere Mittel erzielten den Verfremdungseffekt.”29

Erscheinungen des V-Effekts im Stück sind u. a.: Das Schild: „Eintritt verboten!”:

Der Glockenton eines Bahnhofs: Ist es die Sterbeglocke für die alte Dame oder für Ill? Die Verwandlungen mit halb aufgezogenem oder gar ohne Vorhang. die Natur als Ort des Geschehens wird durch vier Menschen dargestellt: Sie spielen Bäume („eine deutsche Baumgruppe”30 ), Vögel, Rehlein, sogar Windesrauschen. Das Ende wird schon am Anfang angedeutet, dies reißt die Zuschauer schon am Anfang aus irgendwelchen romantischen Vorstellungen. Sie dürfen kein Happy End erwarten. Die fensterlose Mauer steht für keine Zukunft, es gibt kein Ausblick auf die Zukunft, auf die Welt da Draußen. Das bedeutet, dass es sich gar nicht lohnen würde, in die große weite Welt hinauszublicken, denn sie ist überall die gleiche. Der Zuschauer soll in sich blicken, da wird er all die Gestalten, (sie sind keine Helden, keine von ihnen) wiedererkennen: in sich selbst. Sie sind „Menschen wie wir alle. (…) Durchaus nicht bösartige Zeitgenossen, die in Schwierigkeiten geraten. Entwickeln in steigendem Maße Sinn für Ideale.”31

Der Transparent mit roter Farbe, mit der Farbe des Blutes und gleichzeitig der der

Freiheit: Die Freiheit für die alte Dame kommt nur, wenn das Blut von Ill geflossen ist. Transparent bedeutet auch durchsichtig, aber sie ist in Wahrheit gar nicht durschaubar, wie es die Welt auch nicht ist. Dies ist das Sinn des Sehens. Die Menschen werden durch den Schein zu sehr geblendet.

Die donnernden, stampfenden Geräusche der Züge betäuben die Menschen, diese Geräusche repräsentieren die Fähigkeit zu hören.

Das Adjektiv „unbeschreiblich” drückt die Unmöglichkeit des Sprechens aus (3. Sinn) Es assoziiert auf die ewige Frage der Künste und der Künstler: Hat Kunst überhaupt einen Sinn? Oder können es die Zuschauer gar nicht verstehen, weil sie blind und taub geworden sind? Oder sind sie vielleicht nur auf das eine Ohr taub, wie Claire und wenn man ganz laut ins andere Ohr spricht, dann können sie es doch verstehen? Dürrenmatt will die Zuschauer zum nachdenken bringen, er will es ihnen nicht allzu leicht machen „Positives Verlangt der Theaterbesucher gleich ins Haus geliefert. Ist jedoch bei einigem Nachdenken in jedem Stück zu finden.”32

5. Schluss

5.1. Zusammenfassung

Ich habe die Vielfältigkeit und die Schwierigkeit eines so komplexen künstlerischen Schaffens wie an einer Tragikomödie aufgezeigt. Mehrere Schichten der schöpferischen Arbeit kamen zum Vorschein, vom Auswahl des Ortes und der Karaktere bis hin zu der Wichtigkeit der Instruktionen des Autors bei Inszenierungen, Licht- bzw. Toneffekte und sogar das Bühnenbild. Dazu finde ich noch einige Worte des Autors, die sich sogar als Ars Poetica eignen passend:

„Der Besuch der alten Dame ist eine Geschichte, die sich irgendwo in Mitteleuropa in einer kleinen Stadt ereignet, geschrieben von einem, der sich von diesen Leuten durchaus nicht distanziert und der nicht so sicher ist, ob er anders handeln würde: was die Geschichte mehr ist, braucht hier weder gesagt, noch auf dem Theater inszeniert zu werden. Auch für den Schluss gilt dies. Zwar werden die Leute hier feierlicher, als es in Wirklichkeit natürlich wäre, etwas mehr in der Richtung dessen hin, was als Dichtung bezeichnet wird, als schöne Sprache, doch nur, weil die Güllener nun eben reich geworden sind und als Arrivierte auch gewählter reden.”33

5.2. Ausblick

Die Erkenntnisse, die aufgrund der intensiven Beschäftigung mit dem Stoff ergeben haben regen zu weiteren Nachforschungen über das Leben und das Werk (literaturtheoretische Werke miteingeschlossen) Friedrich Dürrenmatt, wozu sich bestimmt eine Gelegenheit im Rahmen einer weiteren Hausarbeit, einer fachspezifischen Arbeit oder sogar einer Diplomarbeit ergeben wird.

6. Bibliographie

6.1. Primärliteratur

DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden)

6.2. Sekundärliteratur

BIGUZZI, A.; HEROK, TH.; MORETTI, A. (unter Leitung von FREDDI, G.): Literatur und Kultur der deutschsprachigen Welt. Texte, Bilder, Dokumente. Padova: Valmatina Editore, 1989

URS JENNY München: Süddeutsche Zeitung

6.3. Allgemeine Nachschlagewerke

DROSDOWSKI, GÜNTHER; SCHOLZE-STUBENRECHT, WERNER (hrsg, u. bearb.): Duden. Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten. Wörterbuch der deutschen Idiomatik., Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenverl., 1992 (=Bd. 11.)

DUDEN Deutsches Universal Wörterbuch A-Z. Version 2.0 (=PC-Bibliothek)

DUDEN. Zitate und Aussprüche. Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenverl., 1993 (=Bd. 12.)

[...]


1 DUDEN. Zitate und Aussprüche. Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenverl., 1993 (=Bd. 12.)

2 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden) Anmerkungen I.

3 BIGUZZI, A.; HEROK, TH.; MORETTI, A. (unter Leitung von FREDDI, G.): Literatur und Kultur der deutschsprachigen Welt. Texte, Bilder, Dokumente. Padova: Valmatina Editore, 1989

4 ebd.

5 ebd.

6 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden) Anmerkungen I.

7 ebd.

8 ebd.

9 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden)

10 DUDEN Deutsches Universal Wörterbuch A-Z. Version 2.0 (=PC-Bibliothek)

11 ebd.

12 ebd.

13 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden)

14 URS JENNY München: Süddeutsche Zeitung

15 DUDEN Deutsches Universal Wörterbuch A-Z. Version 2.0 (=PC-Bibliothek)

16 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden) Anmerkungen I.

17 ebd.

18 BIGUZZI, A.; HEROK, TH.; MORETTI, A. (unter Leitung von FREDDI, G.): Literatur und Kultur der deutschsprachigen Welt. Texte, Bilder, Dokumente. Padova: Valmatina Editore, 1989

19 DROSDOWSKI, GÜNTHER; SCHOLZE-STUBENRECHT, WERNER (hrsg, u. bearb.): Duden. Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten. Wörterbuch der deutschen Idiomatik., Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenverl., 1992 (=Bd. 11.)

20 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden) Anmerkungen I.

21 DUDEN Deutsches Universal Wörterbuch A-Z. Version 2.0 (=PC-Bibliothek)

22 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden)

23 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden) Anmerkungen I.

24 DUDEN Deutsches Universal Wörterbuch A-Z. Version 2.0 (=PC-Bibliothek)

25 DUDEN. Zitate und Aussprüche. Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenverl., 1993 (=Bd. 12.)

26 „gülden (dichter. sonst meist iron.): golden” In: DUDEN Deutsches Universal Wörterbuch A-Z. Version 2.0 (=PC-Bibliothek)

27 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden)

28 „Moralismus, der; - (bildungsspr.): Haltung, die die Moral (1 a) als verbindliche Grundlage des zwischenmenschlichen Verhaltens anerkennt Moral, die; -, -en [frz. morale <lat. (philosophia) moralis = die Sitten betreffend (e Philosophie), zu: mos, Mores]: 1. a) Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden b) sittliches Empfinden, Verhalten eines einzelnen, einer Gruppe; Sittlichkeit 2. (Philos.) (bes. bei Kant) Lehre vom sittlichen Verhalten des Menschen; Ethik” In: DUDEN Deutsches Universal Wörterbuch A-Z. Version 2.0 (=PC-Bibliothek)

29 BIGUZZI, A.; HEROK, TH.; MORETTI, A. (unter Leitung von FREDDI, G.): Literatur und Kultur der deutschsprachigen Welt. Texte, Bilder, Dokumente. Padova: Valmatina Editore, 1989

30 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden)

31 DÜRRENMATT, FRIEDRICH: Der Besuch der alten Dame., Zürich: Diogenes Verlag AG, 1980 (=Werkausgabe in dreißig Bänden) Anmerkungen I.

32 ebd.

33 ebd.

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Die Erscheinung des Grotesken in der Tragikomödie von Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame
Veranstaltung
Proseminar Lesen moderner Texte
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V104850
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erscheinung, Grotesken, Tragikomödie, Friedrich, Dürrenmatt, Besuch, Dame, Proseminar, Lesen, Texte
Arbeit zitieren
Gabriella Pályi (Autor), 2000, Die Erscheinung des Grotesken in der Tragikomödie von Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104850

Kommentare

  • Gast am 13.3.2002

    Sehr sehr gut, aber eine kleine Falschaussage.

    Erstmal danke für deine Arbeit, die ich nur empfehlen kann. Aber eine Falschaussage, die doch wichtig steckt drin. Dürrenmatt studierte nie Theologie, obwohl er aus einem protestantischem Elternhaus stammte. Zwar beeinflusste ihn der Glauben, aber er versuchte sich ihm zu entziehen. Deswegen nannten ihn seine Freunde, einen "Moralisten, der sich unmoralisch gibt." Er studierte also Philosophie, germanistik und Naturwissenschaften. Trotzdem eine sehr gelungene Arbeit.

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