Gedichtinterpretation Hans Magnus Enzensberger "ehre sei der sellerie", "das ende der eulen"


Seminararbeit, 2000

12 Seiten, Note: 2,0


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Inhalt

1. Vorbemerkung

2. Der Gedichtband

3. „das ende der eulen“

4. „ehre sei der sellerie“

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Vorbemerkung

Allein die Tatsache, dass innerhalb des Buchdeckels von „landessprache“ alles klein geschrieben ist, weist darauf hin, dass sich hier ein Mann zu Wort meldet, der seiner Zeit kritisch gegenüber steht. Die Auflehnung gegen das ‚Normale’ zieht sich durch das gesamte Werk von Hans Magnus Enzensberger. Und wenn man betrachtet, in was für einer Zeit Enzensberger aufwächst und lebt, wird man schnell erkennen, worin seine zornige Ironie ihren Ursprung hat.

1929 geboren, erlebt Enzensberger Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus und die bundesdeutschen Wirtschaftswunderjahre der Adenauer-Ära. Man muss also die Jahre 1949 - 1963 in engem Zusammenhang mit seinen ersten beiden Gedichtbänden1sehen. Konrad Adenauer2stellte in enger Anlehnung an die Westmächte 1955 die Souveränität der BRD her. Und unter der Federführung von Ludwig Erhardt3bekam die Marktwirtschaft in der Bundesrepublik soziale Konturen. Somit wurde ein Kompromiss im Richtungsstreit um das künftige Wirtschaftssystem der BRD gefunden.

Aber ein weitaus stärkeres Spannungsfeld dieser Zeit ist die atomare Bedrohung durch den kalten Krieg. Durch das Wettrüsten nimmt er neue Dimensionen an und gipfelt schließlich in der Stationierung von Atomwaffen in der BRD. Um das Bild zu vervollständigen, erwähne ich noch den Mauerbau 1961, um auf die damit verbundene Neuorientierung in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten hinzuweisen.

2. Der Gedichtband

Betrachtet man nun landessprache vor diesem Hintergrund wird einem schnell bewusst, dass der Gedichtband ohne diesen nur halb zu verstehen ist.

Im beigegebenen Text zu landessprache schreibt Enzensberger: „Gedichte sind Gebrauchsgegenstände nicht Geschenkartikel im engeren Sinne“. Ich möchte aber jetzt nicht auf die damit verbundenen Parallelen zu Brecht eingehen, sondern kurz einer These nachgehen, derzufolge Enzensberger durch zwei Kunstgriffe versucht dem Leser ein Interpretations-Angebot zu liefern.

Der erste ist der eben schon zitierte ‚Beipackzettel’. Durch ihn wird der Leser in eine Position zum Text gebracht, die ihn zwingt, mit eben dem zu arbeiten. Es wird also von vornherein klargestellt, dass es sich hier um engagierte Poesie handelt. Es sind bei Enzensberger nicht mehr die Formenprobleme eines bennschen, absoluten, an niemanden gerichteten Gedichts, die lange Zeit im Fordergrund standen.

Die zweite Finesse sind die Motti. Sie sind den jeweiligen Kapiteln vorangestellt und lenken per definitionem den Rezeptionsprozess. Die Motti „betonen den Traditionszusammenhang der beleuchteten Probleme und beugen damit einer Rezeption vor, die sich - um politisch nicht Stellung beziehen zu müssen - auf das Avantgardistische, Formale verlegen will.“4 Die vorangestellten Motti zeigen weiterhin, dass er keine neuen Themen behandelt, sondern diese schon im Lateinischen, Griechischen und Spanischen vorhanden gewesen sind.

3. „das ende der eulen“

Das Gedicht „das ende der eulen“ steht im Teil „gedichte für die gedichte nicht lesen“, der durch ein Heraklit Fragment eingeleitet wird.

Bei Heraklit werden die Massen als unbelehrbar beschrieben und als dümmlich tituliert.5

Die Themen des Gedichts, die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts durch die vermeintlichen Segnungen des Fortschritts und der Verfall von Wertesystemen, knüpfen direkt an das Heraklit Zitat an.

Denn an die Massen ist der erste Vers des Gedichts gerichtet. Aber, er spricht nicht von unser aller Ende, dazu ist es zu spät. Wie sich in der dritten Strophe herausstellt, sind wir schon vergessen. Die Frage, ob das die Botschaft des Gedichts ist, möchte ich hier noch nicht beantworten.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen. Die erste und dritte haben jeweils zwölf Verse die zweite zehn. In den Strophen eins und drei ist überwiegend ein Zeilenstil zu beobachten; aber in der zweiten Strophe fallen die Enden der syntaktischen Einheiten nicht mehr mit den Versenden zusammen. Die Verse sind reimlos und frei im Metrum.

Die ersten drei Verse des Gedichts weisen eine Parallelität auf, die nicht zuletzt der Anapher „ich spreche“ zuzuschreiben ist.

In der ersten Strophe wird ein Naturbild entwickelt, welches fast (!) alle Elemente einschließt. Butt und Wal werden als Vertreter des Wassers, „dem [des] siebenfältigen Meer[es]“ (Str.1, V.5) angeführt. Damit sind unsere sieben Ozeane gemeint, denn in allen sind Wale anzutreffen. Durch das Wort „siebenfältig“ bekommen die Ozeane etwas Religiöses. Diese Wortschöpfung lässt ihren Ursprung klar durchscheinen: die Dreifaltigkeit. Es wird von Rabe und Taube gesprochen, als den Vertretern der Luft („... gefiederten zeugen,/ von allem was lebt in lüften“ Str.1, V. 8 und 9) und von Flechten im Kies, die symbolisch für die Erde stehen.

Es ist insgesamt kein positives Naturbild. Die Natur erscheint karg, grau, leblos, einerseits, weil die Natur stark abstrahiert dargestellt wird, ohne Schmuck und Schnörkel, auf der anderen Seite verstärken die gewählten Adjektive - „grau“, „gefiedert“, „leer“ - diese Stimmung. Das Bild komplettiert schließlich der siebente Vers der ersten Strophe: „sie [die Walkühe] werden kalben zu früh,“.

Der Doppelpunkt am Ende der Strophe lässt erahnen, dass man in der zweiten die Ursache für diese traurige Landschaft gezeigt bekommt.

Und wovon ist die Rede? Von Technik, von Militärtechnik, die zur Bedrohung für die Umwelt wird. Und die wenige Natur6, die in der zweiten Strophe beschrieben wird, hört sich folglich nach militärischem Sperrgebiet an.

Es herrscht eine sehr beklemmende Stimmung. In dieser Strophe wird „befingert“, „erwürgt“, „umzingelt“. Beobachtet wird die Natur durch „radarschirme“, an „meldetischen“ und mit Hilfe von „antennen“. Es wird vom letzten Manöver, „schwebenden feuerglocken“ und dem „ticken des ernstfalls“ gesprochen.

In diesem Kontext taucht nun das noch fehlende vierte Element Feuer auf. Aber was ist mit Feuerglocken gemeint?

Dazu muss man sich die Strophe in ihrem historischen Kontext verdeutlichen. Betrachtet man die Strophe von der geschichtlichen Warte aus, erkennt man hinter einem einfachen Gegensatzpaar den Kalten Krieg.

Floridas Sümpfe und das sibirische Eis werden so zu einem doppelten Gegensatzpaar. Sie stehen sich diametral gegenüber. Bedeutender als der Warm-Kalt Kontrast sind aber die beiden Großmächte, zu denen diese Landschaften gehören: USA und UdSSR. Die Natur steht hier für zwei Systeme, die die Welt lange Zeit in zwei Blöcke geteilt haben. Um den Gedanken zu Ende zu führen: hinter dem drohenden Szenario der zweiten Strophe steckt die atomare Bedrohung des Kalten Krieges.

„vom letzten manöver, arglos / unter schwebenden feuerglocken, / im ticken des ernstfalls.“ (Str.2 V. 7-9)

Ich weiß nicht, ob in diesen Gebieten Atomtests durchgeführt wurden; ich weiß aber, dass es Enzensberger damals auch nicht mit Sicherheit sagen konnte. Es spielt auch keine große Rolle, ob es authentische Schauplätze sind. Es sind Symbole, die ihre Kraft aus dem historischen Kontext gewinnen. Somit können die schwebenden Feuerglocken Atompilze sein und auf den Warnketten kann: Do not enter! Radioactive Zone! stehen. „tier / und schilf und schiefer erwürgt / von warnketten“ (Str. 2, V. 5-7)

„wir sind schon vergessen.“ mit diesem Vers beginnt die letzte Strophe. Wie im ersten Vers des Gedichts wird hier noch einmal klar gestellt, dass es nicht um uns geht. Der vermeintlich moderne Mensch hat schon verloren, bevor er überhaupt richtig leben konnte, bevor er seine aufpolierten Loblieder („rostfreie psalme“) preisgeben konnte. Dann stößt man in den folgenden Versen abermals auf die bekannte Aussage, dass es nicht um uns ginge.

„ich spreche nicht mehr von euch, / planern der spurlosen tat, / und von mir nicht, und keinem.“ (Str. 3 V. 6-8)

Wenn ein Sachverhalt so oft verneint wird muss man stutzig werden. Natürlich geht es um uns. Dieses Gedicht ist Fiktion. Das lyrische Ich macht sich hier zum Sprachrohr der Natur, vielmehr von dem, was man davon übriggelassen hat, um zu zeigen, dass, wenn man so weiter macht, bald keine alten Eulen mehr da sein werden. Es spricht „von den sprachlosen zeugen“ (Str.3 V. 9) unserer Taten, den Leidtragenden. Damit „das ende der eulen“ so bald nicht kommt. Wir haben eine letzte Chance, die es zu nutzen gilt.

Eine ganz andere Bedeutung bekommt „das ende der eulen“, wenn man das Gedicht direkt mit Heraklit in Verbindung bringt. Er ist Grieche. Eine Eule ist das Wappentier der Hauptstadt Griechenlands. Athen ist geistiges Zentrum Griechenlands gewesen. Um es abzukürzen: in Athen wurde der Grundstein für unser heutiges Wertesystem gelegt. Hinzu kommt, dass Enzensberger auf die griechische Mythologie zurückgreift, wenn er die

Aufteilung der vier Elemente so, wie schon beschrieben, vornimmt. (Das Feuer wird dem Menschen von Prometheus gegeben...). Durch diese Intertextualität bekommen die Eulen eine zusätzliche Bedeutung. Das Gedicht beschreibt somit auch den Werteverfall der abendländischen Menschheit.

„das ende der eulen“ darf also nicht auf ein reines Natur(schutz)gedicht reduziert werden.

Das Gedicht endet - so wie es begonnen hat - mit drei Anaphern. Sie zeigen dem Leser wiederholt, dass es außer dem Fortschrittsglauben noch andere, vielleicht wichtigere Dinge zu bewahren gilt.

Der „Gesang auf das ‚ende der eulen’ wird so zu einem warnenden Klagelied des Untergangs jeglichen Lebens.“7

4. „ehre sei der sellerie“

Das Gedicht „ehre sei der sellerie“ steht im Teil „oden an niemand“, der durch ein PersiusZitat8 9eingeleitet wird. Es wird die Frage nach den mühevollen Plagen des Formulierens gestellt, wenn doch kein Leser wirkliches Interesse für das Geschriebene aufbringt?10 Es sind vier Strophen unterschiedlicher Länge, Verse mit freiem Metrum und der Text selbst behauptet von sich, eine Ode zu sein (letzter Vers der ersten Strophe).

Das Gedicht lebt von seiner Leichtigkeit, die durch einen gezielten Wortwitz erreicht wird. Nur ein Beispiel von vielen findet man in den letzten beiden Versen des Gedichts. Die Ähnlichkeit von „blitz und dotter“ mit Blitz und Donner ist augenfällig. Die Naturbeschreibung entspricht einer scheinbar wahllosen Aufzählung von Natürlichkeiten. Der Uhu, der Steinbrech, das Licht, die Milch, der Blitz, der Dotter, die Sellerie, der Wal, das Brom, der Fels, das Salz und der Föhn.

Dinge, die nur sehr wenig miteinander zu tun haben, werden hier gemeinsam dargestellt, als ob man dem Leser einen Querschnitt unserer Welt präsentieren, möchte aber an der Unaufzählbarkeit ihrer Natur scheitert. Das zweimal im Gedicht auftauchende Wort „meinetwegen“ unterstützt diese These. Es scheint egal, ob nun der Blitz oder der Dotter gepriesen wird oder nicht.

„der dotter, das brom, warum nicht, / und meinetwegen der blitz, ja,“ (Str. 1. V. 4,5) „noch der blitz, berühmt sei der blitz, / oder meinetwegen der dotter.“ (Str. 4. V. 4,5 Man kann nicht sagen, dass hier ein klassisches Naturbild gezeichnet wird. Den aufgezählten Begriffen werden selbst menschliche Eigenschaften zugeschrieben, was sie somit von der Natur im engeren Sinne noch mehr entrückt.

In der dritten Strophe, wird von der friedlichen Milch gesprochen. Diese Attribut verdankt sie sicherlich ihrer Farbe oder Celans „Todesfuge“11. Damit bekommt die ganze Strophe einen weißen/schwarzen Umhang. Unschuld/Schuld wird evoziert.

Schließlich wird dem Uhu angedichtet, dass er weiß, wie er heißt. Ironie? Jeder weiß, dass wir ihm den Namen wegen seiner Rufe gegeben haben. Der Vogel selbst braucht keinen Namen. Der folgende Vers („und fürchtet sich nicht, ehre“ [Str. 3, V. 3]) zeigt es uns. Er braucht sich nicht zu fürchten. Der Mensch, das einzige Wesen, dass Namen braucht, um leben zu können, sollte sich fürchten, da er von seinen Taten weiß? Ich denke, diese Frage steckt implizit in den beiden Versen.

Die Sellerie, als Metapher für noch intakte Natur, ist Thema der letzten drei Verse von Strophe drei und der ersten drei von Strophe vier. Sie stirbt auf dem Teller den Märtyrer-Tod. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man ihr Ende (Str. 3, V. 5-7) und den Nachruf (Str. 4, V. 1-3) verfolgt.

An dieser Stelle muss die Frage beantwortet werden, warum hier eine Ode auf jede Sellerie unserer Erde gesungen wird. Man wird sie sich ohne Zweifel stellen, denn in der klassischen Dichtung wird Helden gedacht, werden Oden auf Naturgewalten gesungen oder humanistische Werte gepriesen. Dass Enzensberger nicht im klassischen Stil dichtet, ist schon dargestellt worden, somit braucht es nicht zu verwundern, dass wir hier eine Knolle als Objekt der Huldigung vorgesetzt bekommen. Eine faustgroße, unrunde, ockerfarbene, intensiv riechende Knolle.

Warum wird ein so unscheinbares Gewächs derart ins Rampenlicht gestellt?

Der Dichter will nicht das Schöne, das Außergewöhnliche beschreiben. Wenn er das wollte, hätte er über eine Orchidee geschrieben. Aber er schreibt über relativ Elementares. Seine Objekte sind schmucklos. Die Milch ist kein Kakao, das Salz ist kein Jodsalz. Die Dinge sind gerade wegen ihrer Einfachheit für ihn so bedeutsam. „...sie stehen fest“, heißt es im sechsten Vers der ersten Strophe. Sie waren einfach vorhanden - bis der Mensch kam. Der Mensch im Gedicht ist verhältnismäßig exakt gezeichnet. Die Personenbeschreibung in der zweiten Strophe gestattet keine großen Deutungsspielräume, gerade im Hinblick auf die Entstehungszeit des Gedichts. Mit dem ersten Schlagwort, der Zigarrenasche, müsste schon alles gesagt sein. Noch deutlicher wird es, wenn von einem Scheckgesicht gesprochen wird.

Diese Doppeldeutigkeit erlaubt kaum noch Zweifel: gemeint ist Ludwig Erhardt. Skepsis wecken aber die Verse fünf und sechs in der zweiten Strophe.

Die Vorstellung eines Gesichts aus behaartem Bims mit Blumankohlohren bedarf einiger Phantasie und das Resultat ist mit Sicherheit im höchsten Maße subjektiv. Ich möchte aber die Behauptung aufstellen, dass die eben genannten Attribute eher zu Adenauer passen als zu Erhardt, man es also mit einer fiktiven Figur zu tun hat, die eine Mischung aus beiden Personen darstellt.

Somit ist die zweite Strophe ein Bild für das politische Geschehen dieser Zeit.

Wenn man nun die Schilderung der Sellerie mit der des Menschen in der zweiten Strophe vergleicht, stellt man erhebliche Unterschiede fest. Mit wie viel Zuwendung und Wärme die kleine, hässliche Sellerie beschrieben wird und mit welcher Verachtung und Kälte das Bild der Person gezeichnet wird, ist auffällig. Liest man in diesem Zusammenhang, also in Bezug auf die Strophe zwei den dritten Vers in Strophe vier: „frißt nicht seinesgleichen,“ assoziiert man augenblicklich das lateinische Sprichwort „Homo lupus homini.“12Denn man muss nach demjenigen fragen, der Seinesgleichen frisst. Im Gedicht und in der Philosophie ist es der Mensch. „das zarte erdherz, die sellerie, / menschlicher als der mensch,“ (Str. 4, V. 1,2).

Der Mensch hat es also drei Jahrhunderte nach Hobbes’ Leviathan noch immer nicht geschafft, sich zu zivilisieren. Der Gesellschaftsvertrag ist gescheitert, trotz so vieler Schriften und Interpretationen. Dieser Vers kommt also einem Urteil über die Menschheit gleich. Ob es einen Sinn macht unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch zu schreiben, fragt Persius im Vorangestellten Motto. Lohnt es sich zu dichten, wenn im marktwirtschaftlichen Denken der damaligen Zeit kein Platz für Reflexion, kein Platz für Ökologie ist?

Als Wirtschaftsminister im Kabinett Adenauers (seit 1957 auch Vizekanzler) hat Erhardt die Grundsteine für die soziale Marktwirtschaft gelegt.

Quantität des Wachstums ist ausschlaggebend und nicht die Qualität. Wiederaufbau und Neoindustrialisierung prägen die Wirtschaftslandschaften. Es wird Platz geschaffen, wenn dem geplanten Tagebau ein Waldstück im Weg steht.

Der Gewinn zählte. Ein grünes Gewissen der Ökonomie, stellte sich erst viel später ein. Ob sich im Übrigen Reflexion einstellt, ist ungeklärt. Den Nährboden für neue große Denker wird man mit Texten allein nicht wiederbringen können.

Somit bleibt die Kritik an der Naturzerstörung. Die Natur ist es wert, bewahrt zu werden - jedes noch so kleine Teil - auch wenn es sinnlos erscheint. Egal ob Blitz oder Dotter, „sie sind eine ode wert.“ (Str. 1, V. 8) Die übrige Kritik bleibt unbemerkt

5. Schlussbemerkung

Man findet bei Enzensberger nur selten klassische Naturbeschreibungen. Was er versucht zu sagen, bedarf anderer Mittel und Themen. Er hat es mit dem Gedichtband „verteidigung der wölfe“ geschafft, erste Ansätze einer politisch engagierten Literatur, die nicht hinter die Errungenschaften der Moderne zurückfällt, in Deutschland populär zu machen. Seine Sprache ist sicherlich nicht den Massen zugänglich aber den Interessierten. Krolow nennt Enzensbergers Gedichte öffentlich. Sie beschäftigen sich mit dem Tatsächlichen, dem Wirklichen, den Problemen der Zeit und nicht mit der Frage, ob das nächste Gedicht die Form einer sapphischen oder alkäischen Ode haben soll.

Die beiden gewählten Gedichte zeigen, wo das Engagement von Enzensberger zu dieser Zeit seinen Schwerpunkt hat. An Hand der beiden Texte lässt sich kein Fazit ziehen; aber sie deuten die Richtung seines umwelt- und gesellschaftspolitischen Protests an. Er ergreift das Wort, um zu retten was noch zu retten ist „vor den Klauen des Kapitals“ (Vgl. zeitgenössische Tagespresse).

6. Literaturverzeichnis

Hans Magnus Enzensberger: Landessprache. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1960.

Frank Dietschreit, Barbara Heinte - Dietschreit: Hans Magnus Enzensberger. Stuttgart: Metzler, 1986.

7. Anhang

das ende der eulen ich spreche von euerm nicht, ich spreche vom ende der eulen. ich spreche von butt und wal in ihrem dunkeln haus, dem siebenfältigen meer, von den gletschern, sie werden kalben zu früh, rab und taube, gefiederten zeugen, von allem was lebt in lüften und wäldern, und den flechten im kies, vom weglosen selbst, und vom grauen moor und den leeren gebirgen:

auf radarschirmen leuchtend zum letzten mal, ausgewertet auf meldetischen, von antennen tödlich befingert floridas sümpfe und das sibirische eis, tier und schilf und schiefer erwürgt von warnketten, umzingelt vom letzten manöver, arglos unter schwebenden feuerglocken, im ticken des ernstfalls.

wir sind schon vergessen. sorgt euch nicht um die waisen, aus dem sinn schlagt euch die mündelsichern gefühle, den ruhm, die rostfreien psalmen. ich spreche nicht mehr von euch, planern der spurlosen tat, und von mir nicht, und keinem. ich spreche von dem was nicht spricht, von den sprachlosen zeugen, von ottern und robben, von den alten eulen der erde.

(Hans Magnus Enzensberger) ehre sei der sellerie der steinbrech, der uhu, die milch, unbezweifelbar wie das licht, der fels, von tauben bewaldet, der föhn, der dotter, das brom, warum nicht, und meinetwegen der blitz, ja, der wal und der blitz, sie stehen fest, auf sie laßt uns bauen, sie sind eine ode wert.

die zigarrenasche im spiegel, das ebenbild, wer wär es nicht leid, dieses scheckgesicht aus behaartem bims, diese blumenkohlohren von schlagern verprügelt, und später am blutigen himmel diese suturen aus rauch!

gepriesen sei die friedliche milch, ruhm dem uhu, er weiß wie er heißt und fürchtet sich nicht, ehre dem salz und dem erlauchten wal und der barmherzigen sellerie, gebenedeit unter den köchen, die auf dem teller stirbt.

das zarte erdherz, die sellerie, menschlicher als der mensch, frißt nicht seinesgleichen, noch der blitz, berühmt sei der blitz, oder meinetwegen der dotter.

(Hans Magnus Enzensberger)

[...]


1„verteidigung der wölfe“ 1957, „landessprache“ 1960.

2Konrad Adenauer (1876 - 1967): Bundeskanzler 1949 - 1963.

3Ludwig Erhardt (1897 - 1977): Wirtschaftsminister 1949 - 1963, seit 1957 auch Vizekanzler.

4Frank Dietschreit, Barbara Heinte - Dietschreit, Hans Magnus Enzensberger. Stuttgart 1986, S.23

5Hans Magnus Enzensberger, Landessprache, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1960, S. 30

6nur drei von sieben Versen sind Naturbeschreibung

7Dietschreit, S. 24

8Hans Magnus Enzensberger, Landessprache, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1960, S. 62

9„o curas hominum ! o quantum est in rebus niane ! / quis leget haec ? min’ tu istud ais ? / nemo hercule. nemo?/ vel duo vel nemo.“ persius sat. 1, 1-3a

10Übersetzung nach Dietschreit, S. 25

11„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends“ (Paul Celan „Todesfuge“ erster Vers)

12(lat.) Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Gedichtinterpretation Hans Magnus Enzensberger "ehre sei der sellerie", "das ende der eulen"
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Seminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V104853
Dateigröße
356 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Interpretation der Gedichte wurde gelobt. Bemängelt wurden die wenigen Fußnoten und zu ungenaue Belege.
Schlagworte
Gedichtinterpretation, Hans, Magnus, Enzensberger, Seminar
Arbeit zitieren
Sascha Poser (Autor), 2000, Gedichtinterpretation Hans Magnus Enzensberger "ehre sei der sellerie", "das ende der eulen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104853

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