Primat der Praxis und das Avantgardepostulat: Die Entstehung der RAF


Skript, 2001

3 Seiten, Note: 1,0


Gratis online lesen

In der heutigen Sitzung wurde die Entstehung der RAF unter soziologischen Gesichtspunkten diskutiert. Welche Ziele hatte die RAF und mit welchen Mitteln sollten diese durchgesetzt werden? Was hat zum Scheitern geführt? In wie weit eignet sich ein soziologisches Modell zur Erklärung des Handeln der Aktivisten der RAF?

Zum Zeitgeschichtlichen Kontext: Die Rote Armee Fraktion formierte sich ca. 1970

- nach der gewaltsamen Befreiung von A. Baader - und hatte es sich zum Ziel gemacht, politische Macht zu erlangen, sowie eine Umwälzung des politischen Systems zu erreichen und den Kapitalismus abzuschaffen. Einen konkreten Plan, Ersatzplan, oder Zukunftsplan war jedoch nicht konzipiert worden. Die Mitglieder der RAF vermochten diese Zukunft nur mit schwammigen, weitreichenden Begriffen zu umschreiben. Der Begriff „Befreiung“ tauchte in diesem Zusammenhang auf und schien/scheint eine sehr wichtige Bedeutung zu haben. Der Aufbau, die Organisation innerhalb der Gruppe folgte keiner festen Struktur, sie orientierten sich an den kämpfenden Einheiten Lateinamerikas. Sie übertrugen das Konzept der Guerilla auf Deutschland, und schnell sprach man von der sog. „Stadtguerilla“. Die RAF wollte das Proletariat für sich gewinnen. Indem sie einzelne, aber wohl geplante Terroranschläge verübte sollte das Proletariat aufgerüttelt werden, und das Potential sein, mit dem man eine Revolution hätte entfachen können. Die RAF sah sich als Vorreiter der Revolution.

Im Anschluss an die vergangene Sitzung, in welcher wir das Phänomen der Bürgerproteste in der DDR von ´89 besprochen haben, und es anhand des Prinzips der Nutzenmaximierung (Formel: P(A) = U - p) für die Wahrscheinlichkeit der Entscheidung des Handelnden für eine Alternative zu erklären versucht haben (Wert-Erwartungstheorie), haben wir diese Formel nun auch für das Verhalten, Handeln der RAF angewandt.

Hier noch einmal die Formel: P(A) ist die Wahrscheinlichkeit für das Ausführen einer Handlung; U stellt die Höhe des Nutzens dar, den der Akteur bei der Wahl einer Alternative erhält; p die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Nutzen eintritt. Herr Lapinski und Herr Müller haben diese Formel gemäß der Abnehmenden Abstraktion erweitert, was zu einer allgemein anwendbaren Formel für die Entstehung von Protesten führte: nach denen von Opp in Bezug auf die Bürgerproteste in der DDR herausgearbeiteten „protestsimulierenden“ und „verhindernden“ Variablen, resultierte folgende, erweiterte Formel:

a) Wahl der Alternative „kein Protest“ à P(Ao) = U(o) - p(o). Hierbei ist U(o) die Zufriedenheit mit den aktuellen Verhältnissen/Zustand, und p(o) ist ca. 1. Die Alternative „kein Protest“ wird dann gewählt, wenn die Zufriedenheit mit der Situation hoch genug ist, und die Wahrscheinlichkeit dafür, dass diese Zufriedenheit bleibt, wenn nicht gehandelt wird, eben ca. 1 beträgt.

b) Wahl der Alternative „Protest“ à

P(A1) = [U(1) - p(1)] - [U(s) - p(s)] +/- [U(su+/-) - p(su+/-)]. Hierbei ist U(1) - p(1) der Nutzen des Protestes und die Wahrscheinlichkeit des Erfolges; ist U(su+) - p(su+) die Höhe und die Wahrscheinlichkeit positiver sozialer Anreize (falls möglich und vorhanden); ist U(s) - p(s) die Höhe der Wahrscheinlichkeit staatlicher Sanktionen; ist U(su-) - p(su-) die Höhe und Wahrscheinlichkeit negativer sozialer Anreize). So ergibt sich die Wahl für die Alternative „Protest“, wenn die Summe von U(1) - p(1) + U(su+) - p(su+) höher ist, als die Summe von U(s) - p(s) + U(su-) - p(su-). Ein wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass (p) (lt. Esser) die subjektiven

Kausalhypothesen über die Konsequenzen von möglichen Handlungen darstellt. Somit folgt, dass die Formel an sich immer aus der subjektiven Sicht des Akteurs heraus angewandt wird. In Bezug zur DDR und den Bürgerprotesten ging Opp davon aus, dass die subjektive Sicht der Akteure, also der Protestteilnehmer, weitestgehend der objektiven Lage entsprach. Demnach konnte also auch mit objektiven Variablen gearbeitet werden. In Bezug auf die Bürgerproteste der DDR und der Wert-Erwartungstheorie von Esser gab es keine „Probleme“, keine Differenzen zwischen der subjektiven Sicht und der objektiven Situation. Gerade aber bei Betrachtung der RAF stellt sich heraus, dass die subjektive Sicht nicht mit der objektiven Lage/Situation übereinstimmt. Vielmehr gibt es zwei unterschiedliche Aspekte. Zum einen die objektiven Daten/Fakten und zum anderen die subjektiven Annahmen über die Situation der Akteure/RAF selbst, welche dann auch das Handeln der Akteure bestimmt. Die rationalen Erklärungen über menschliche Akteure reichen hier nicht aus - die Soziologie muss also die subjektiven Einschätzungen (z.B. Weltbild) unter anderem mit einbeziehen, um dann das Verhalten der RAF erklären zu können.

Zu dieser „Besonderheit“ der RAF - der Glaube an ihre subjektive Wirklichkeit im crassen Kontrast zur objektiven Wirklichkeit - zählen zwei Grundsätze, welche sie sich zu eigen machte. Nämlich das „Avantgardepostulat“ und das des „Primat der Praxis“. Das Avantgardepostulat beinhaltet das Ziel der RAF, nämlich dass es eine Gruppe von Leuten gibt, die das Proletariat repräsentieren können, bzw. ihre Vorreiter sein können, und dann mit ihren Taten das Proletariat für ihre Idee (politisches System umstürzen und die Abschaffung des Kapitalismus) begeistern zu können, sowie sie zum Mitmachen bewegen zu können. „Primat der Praxis“ - abgeleitet vom Marxismus und Mao Tse Tung - verbindet Theorie und Praxis. Es besagt, dass die Richtigkeit einer Theorie entschieden wird über ihre Durchführbarkeit in der Praxis. Die Mitglieder der RAF mussten also ihre Theorie in die Praxis umwandeln, bevor sie über ihre Richtigkeit, bzw. Funktionalität entscheiden konnten.

Anhand der Fakten/Daten der objektiven Lage lässt sich ein Unterschied zwischen diesen und den subjektiven Einschätzungen feststellen. Objektiv betrachtet waren die Erfolgsaussichten der RAF sehr gering. Es bestand keine Krisensituation in Deutschland, bzw. innerhalb der Bevölkerung, und die „Gegner“ der RAF - die Staatsmacht - war vergleichsweise riesig. Auch die Unterstützung innerhalb der Bevölkerung für die RAF war ungewiss. Diese Variablen aber wechselten. Die nicht-vorhandene Krisensituation entstand mit den zunehmenden Terroranschlägen der RAF, der Staat verstärkte seine Repressionen gegen die RAF massiv, und die Unterstützung innerhalb der Bevölkerung sank, bzw. wandelte sich in negative Energie um, so dass alsbald die revolutionäre Grundlage völlig verschwand. Aus subjektiver Sicht der RAF sah die Situation jedoch anders aus. Die Gruppe war bis über den Zeitpunkt ihrer Verhaftung hinaus davon überzeugt, dass sie starken Rückhalt in der Bevölkerung „genießt“. Die Angst innerhalb der Bevölkerung verursacht, durch die Terroranschläge, sahen sie als eine Art „erwecken“ oder „aufrütteln“ an, und interpretierten die steigenden negativen sozialen Anreize einfach in positive um. Eben so, dass es zu ihren Grundprinzipien, zu ihrer Ideologie passte. Und die vielen politischen Diskussionen schienen sie eher als Bestätigung für ihre Taten anzusehen. Über die staatlichen Sanktionen waren sich die Mitglieder wohl im Klaren, nämlich dass sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit mit dem Tode bestraft werden würden oder lebenslange Haft erhalten würde - zumindest die Höchststrafe. Ihr subjektiver Avantgardeanspruch fand objektiv keine Bestätigung, sie konnten ihn nicht mehr innerhalb der Bevölkerung verbreiten. Anstatt aufzuhören, da ihre Wahrscheinlichkeit des Nutzen, des Erfolges, äußerst gering war, bediente sie sich anderer Mechanismen. Die RAF reagierte mit zunehmender Radikalisierung. Und sie bediente sich der Guerillataktik, welche vielleicht in Lateinamerika funktioniert, aber nicht in dem strukturell gänzlich unterschiedlichen Deutschland. Zudem schien die Gruppe „immun“ gegen Kritik zu sein, sowie Selbstüberschätzung zu betreiben. Auch dass sie sich immer erst im Nachhinein zu ihren Anschlägen bekannte vermied die Chance, die Bevölkerung vorweg schon für eine Aktion zu begeistern. Dennoch hätte die RAF mit Auswegen, bzw. anderen Lösungen auf die objektive Situation reagieren können. Sie hatte als Handlungsalternative die Möglichkeit, ganz aufzuhören und die sich sofort aufzulösen, die Möglichkeit, ihre Taktik zu ändern oder sich eben - die gewählte Alternative - zu radikalisieren. Es war scheinbar die einzige Alternative, auch um an ihrem Avantgardepostulat festzuhalten und die Theorie des „Primat der Praxis“ bis zum Ende durchzuführen. Auch die Tatsache, dass es an sich nur zwei - folgenschwere - Alternativen für die RAF in Hinblick auf die Bevölkerung gab, war wichtig. Einerseits die Beteiligung am Protest, glorifizierend, und andererseits die Nicht- Beteiligung, verräterisch.

All diese Faktoren - aus objektiver und subjektiver Sicht - ergeben ein Mischung von Tatsachen und Annahmen, die nicht mehr nur über die Formel erklärbar sind. Es ist eher so, dass die Wahrscheinlichkeit p(1) nur noch praktisch zu ermitteln war/ist. Der Nutzen U(1) den die RAF aus ihrer Vorhergehensweise zog/ziehen wollte, muss wohl in der „Befreiung des Menschen“, des „Abschaffen des Kapitalismus“ gelegen haben. Der Glaube an ihre zwei Grundsätze muss sehr stark gewesen sein, dass sie dafür sogar ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben. Dass sie sogar auf die tatsächliche Ablehnung innerhalb der Bevölkerung nicht reagiert haben, bzw. diese in ihrem Sinne „umgewandelt“ haben. Sie sahen sich als Märtyrer und konnten ihre „Mission“ nur unter der Annahme verwirklichen, dass die davon ausgingen, nicht bis zu ihrer Vollendung zu überleben. Der Primat der Praxis wollte und musste wohl erfüllt werden, und ihre subjektive Einstellung muss äußerst stark gewesen sein, sich nicht zu einer anderen Handlungsalternative „hinreißen“ zu lassen.

3 von 3 Seiten

Details

Titel
Primat der Praxis und das Avantgardepostulat: Die Entstehung der RAF
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Weltanschauung und Verhalten
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
3
Katalognummer
V104874
Dateigröße
339 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein Kurzessay/Zusamenfassung über einen Text von U. Demes "Die Binnenstruktur der RAF"
Schlagworte
Primat, Praxis, Avantgardepostulat, Entstehung, Weltanschauung, Verhalten
Arbeit zitieren
Johanna Lehmann (Autor), 2001, Primat der Praxis und das Avantgardepostulat: Die Entstehung der RAF, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104874

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Primat der Praxis und das Avantgardepostulat: Die Entstehung der RAF



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden