Die Stellung Adolf von Harnacks in der Theologie seiner Zeit


Seminararbeit, 1999

34 Seiten, Note: 1,7


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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Prägung in Kindheit und Jugend

3. Der Wandel in Leipzig

4. Gießen
Die Dogmengeschichte - Exkurs

5. Marburg

Berlin

I. In theologischen Kämpfen

6. Der Apostolikumsstreit

7. Das Wesen des Christentums

8. Der Bibel-Babel-Streit

9. Der Fall Jatho

II. Neue wissenschaftliche Aufgaben

10. In der preußischen Akademie der Wissenschaften

11. Generaldirektor der Königlichen Bibliothek

12. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften

13. Evangelisch-soziale Aufgaben

14. Ökumenische Bestrebungen

15. Internationale Arbeit

16. Der Erste Weltkrieg

17. Neue Aufgaben in der Weimarer Republik

18. Theologische Leistungen im hohen Alter

19. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Zu den größten Genies des vergangenen und unseres Jahrhunderts zählt fraglos Adolf von Harnack, Theologe, Kirchen- und Dogmenhistoriker, Wissenschaftsorganisator und Gelehrtenpolitiker.

Harnack prägte wie kein anderer die Epoche des Kulturprotestantismus. Er steht in einer Reihe mit Schleiermacher und Troeltsch. Seine Theologie war eine moderne, wegweisende. An Harnack schieden sich die Geister, im Lager der Orthodoxie verwünscht, gehaßt und verflucht, bei den „Modernen” gefeiert, geliebt und verehrt.

Doch nahm er nicht nur Einfluß auf die Theologie seiner Zeit, sondern wurde zum Ratgeber des preußischen Kultusministers, Verfasser der Rede des Kaisers an das deutsche Volk zu Beginn des Ersten Weltkriegs, Vernunftdemokrat und Mitgestalter des neuen Systems in der Weimarer Republik. Harnack hinterließ eine Vielzahl von Schriften, darunter so bekannte, wie das „Wesen des Christentums” oder das „Lehrbuch der Dogmengeschichte” und monumentale, wie die „Geschichte der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften” und die „Geschichte der altchristlichen Literatur bis Eusebius”.

Wenn ein Wissenschaftler der neuen Zeit den Titel Universalgenie verdient, dann Adolf von Harnack.

2. Prägung in Kindheit und Jugend

Am 7. Mai 1851 wurde Karl Gustaf Adolf Harnack in der estnischen Universitätsstadt Dorpat geboren. Sein Vater war der Theologieprofessor und strenge Lutheraner Theodosius Andreas Harnack. Die Mutter Anna Carolina Maria, geborene Ewers, starb 1857 bei der Geburt des fünften Kindes. Von da an sorgte der Vater allein für die Kinder. Harnack schreibt rückblickend: „Was ein Vater seinen Söhnen in den entscheidenden Jahren sein kann, das ist er uns gewesen; ich habe alles, was Erfahrung, Bildung und Urteil ausmacht, auf allen Gebieten des persönlichen Lebens und des Wissens, zuerst durch ihn und unter seiner nie ermüdenden Leitung gelernt.”1Das wohl Wertvollste, was Theodosius Harnack seine Kinder lehrte, war ein unbedingtes Gottvertrauen.

1864 heiratete der Vater ein zweites Mal, Helene Baronesse von Maydell. Sie wurde den Kindern eine zweite Mutter und liebte diese, wie ihre eigenen.

Im letzten Schuljahr reifte in Harnack der Entschluß Theologie zu studieren. Schon in Briefen aus dieser Zeit lassen sich die drei Hauptzüge späterer Harnackscher Theologie erkennen: „die innere Nötigung, das Christentum historisch zu verstehen und es zu allen geschichtlichen Begebenheiten in lebendige Beziehung zu setzen; den Entschluß, über das Nur-Dogmatische, Lehrsatzmäßige zu dem innersten Gehalt der christlichen Wahrheiten vorzudringen, und den Entschluß, die selbständig gewonnene Position auch in aller Aufrichtigkeit zu bekennen und zu verteidigen.”2.

1869 nahm Harnack das Studium der Theologie an der Universität Dorpat auf. Zu seinen Lehrern zählten auch sein Vater -der Homilet-, er lehrte den Sohn die Kunst der genauen und strengen Disposition und die Zähigkeit an einer selbstgestellten Aufgabe solange festzuhalten, bis diese gelöst ist, der Onkel Alexander von Oettingen in der Systematik und der Onkel Moritz Baron von Engelhardt, bei dem er Kirchengeschichte und vor allem Text- und Quellenkritik lernte. Engelhardt übte den stärksten Einfluß auf Harnack aus und blieb bis zu seinem Tod 1881 väterlicher Freund und wichtigster theologischer Gesprächspartner. Harnack empfand größte Verehrung und tiefste Dankbarkeit für ihn, was sich in seinen vielen Briefen immer wieder deutlich zeigt, selbst als sich theologische Gegensätze zwischen beiden auftaten.

3. Der Wandel in Leipzig

In Dorpat hatte Harnack ausgelernt, darum verließ er seine Heimat im Herbst des Jahres 1872, um in Leipzig bei Kahnis, Luthardt und Delitzsch zu studieren. Doch Leipzig konnte theologisch nicht das bieten, was Harnack erwartete. Er kritisierte die ganze Methode der Leipziger Theologie scharf: „Eingesponnen mit 1000 Fäden in ein Gewebe, von dem wir, Gott sei Dank, in Livland frei sind, in ein Gewebe aus Christlichem und Weltlichem, Verurteilungen und Engherzigkeiten, Halbheiten und Schroffheiten, Lieblosigkeit und warmem Eifer für das Reich Gottes so künstlich verfilzt, daß der Kopf ebensosehr wie das Herz gebunden und gefesselt erscheint; und wären sie frei - die Hand versagte die Ausführung; denn sie steckt in tausend kirchenpolitischen Händeln, ist bereits bei so vielen Unternehmungen engagiert und dauernd in Beschlag genommen, daß sie sich zur treuen Dienerin des eigenen geläuterten Herzens und Gedankens nicht mehr eignet. Rücksichten hier und Rücksichten dort, politische und kirchenpolitische Affairen stehen im Vordergrund, und der Weg, den sie einschlagen, ist in seiner Richtung durch eine Summe von Faktoren bestimmt, in denen der wirkliche Eifer um das Haus Gottes auch einer, aber eben nur einer ist.”3

Aber er fand in Leipzig etwas anderes, was er in Dorpat oft schmerzlich vermißt hatte, gleichaltrige Freunde wie J. Kaftan, E. Schürer, W. Graf Baudissin und O. von Gebhard, mit denen er glückliche Stunden verlebte und die ihn theologisch anregten und förderten. In einem Brief an Engelhardt schrieb Harnack: „… das Einzige, was mir in Dorpat fehlte, ein gleichgesinnter, gleichaltriger Genosse, in dessen Umgang Rezeption und Produktion gleich sehr zu ihrem Rechte kommt, genieße ich hier in vollen Zügen. ”4

1873 promovierte Harnack in Leipzig mit der Dissertation „Zur Quellenkritik der Geschichte des Gnostizismus”. Im Sommer erreichte ihn daraufhin ein Ruf aus Breslau, doch sowohl der Vater, als auch Engelhardt rieten ihm dringen davon ab sich in „die Schlingen der Union zu begeben und seinen lutherischen Namen zu opfern.” Im Jahr darauf reichte Harnack seine Habilitationsschrift „De Apellis Gnosi monarchica” ein. Ab dem Wintersemester 1874/75 nahm Harnack seine Lehrtätigkeit als Privatdozent für Kirchengeschichte auf. Neben seiner Arbeit an der Universität übernahm er zehn Wochenstunden Religionsunterricht an zwei Mädchenschulen, wegen der praktischen Umsetzung des in Forschung und Lehrtätigkeit Erarbeiteten.

Als Harnack 1875 der Ruf aus Dorpat erreichte, entschied er sich in Leipzig zu bleiben, zu groß waren die Bedenken gegenüber der Heimatkirche geworden, zu sehr hatte er sich von der dort herrschenden Richtung gelöst. Langsam in geduldiger Kleinarbeit und durch gewissenhaftes unvoreingenommenes Denken hatte er sich zu A. Ritschl hin entwickelt.

Seit 1876 gab er mit dem zur Ritschlschule zählenden E. Schürer die Theologische Literaturzeitung heraus.

Seine theologische Grundüberzeugung schildert Harnack ausführlich in einem Brief an Marie von Oettingen: „Unser christlicher Glaube ruht auf Offenbarung. Der Sohn kennt den Vater und der Sohn hat ihn uns offenbart. Auf der Klarheit, Deutlichkeit und einfachen Großheit beruht der christliche Glaube. Er muß wissen, was er glaubt. Denn das Objekt des Glaubens ist nicht gegeben, um in frommen Beschauungen und mystischen Kontemplationen bestaunt zu werden … Das Christentum darf uns keine neuen Rätsel aufgeben, sondern es muß unser dunkles Wissen, Fühlen und Wollen erhellen und bestimmen …, denn unser Herz und Geist … braucht ein helles Licht und eine bis zum Grunde faßbare Botschaft. … alle aufrichtigen Christen … leben von den einfachen, schlichten und kindlich großen Offenbarungen, daß Gott ihr Vater ist, daß er uns in Christus, als dem Spiegel des väterlichen Herzens Gottes (wie Luther sagt), allein erkennbar und gewiß ist, daß unsere Sünde uns von Gott geschieden hat, und daß Gottes Erbarmen größer ist, als unser Herz und unsere Sünde.”5

Im Dezember 1878 bot die Landesuniversität Gießen Harnack die Stelle des Ordinarius für Kirchengeschichte an. Die Theologische Fakultät der Universität Leipzig und ihre Studenten versuchten Minister von Gerber zu überzeugen Harnack zu halten, was in Dresden jedoch auf wenig Resonanz traf. Das Ministerium schrieb an Harnack, daß es nicht in der Lage sei ihm Anträge zu stellen, die ihn bestimmen könnten den Ruf aus Gießen abzulehnen.

4. Gießen

Im Wintersemester 1878/79 gab es 15 Studenten an der Theologischen Fakultät. Harnacks Berufung war Teil eines Regenerationsprogramms.

Junge Ordinarien wurden nach Gießen berufen (z.B. B. Stade, E. Schürer, F. Kaltenbusch), um die Fakultät neu zu beleben. Der Erfolg dieses Regenerationsprogramms zeigte sich an der wachsenden Studentenschaft, die sich im Sommersemester 1884 versechsfacht hatte. Am 27. Dezember heiratete Harnack Amalie geborene Thiersch. Seine Schwiegermutter war katholisch, trat aber 1885 als ihr wegen ihrer Mischehe die Absolution verweigert wurde zum Protestantismus über. „Harnacks irenisches Verhältnis zum Katholizismus muß auch auf dem Hintergrund der familiären Konfessionsmischung gesehen werden.”6

1881 übernahm er die Schriftleitung der Theologischen Literaturzeitung von Schürer. Seine Redaktionstätigkeit brachte ihn in Kontakt mit Fachkollegen im In- und Ausland, aber auch mit Gelehrten anderer Disziplinen, wie E. Hatch und Lord Acton. Durch seine vielen Rezensionen - allein in Gießen waren es 200 - erweiterte sich seine Literaturkenntnis auf einzigartige Weise.

Als sich 1883 Luthers Geburtstag zum 400. Mal jährte und in allen Landeskirchen dieses Ereignis bombastisch begangen wurde, war Harnack dazu ausersehen die Rede zur akademischen Feier an der Universität Gießen zu halten. Der Vortrag „Martin Luther in seiner Bedeutung für die Geschichte der Wissenschaft und Bildung” erntete großen Beifall. Auch der sonst mit Lob so sparsame Vater schrieb: „Unter den vielen Reden über Luther halte ich die Deinige - nach Anlage und dem größten Teil der Ausführung - für die beste, und ich glaube, unparteiisch zu urteilen.”7

Die Dogmengeschichte - Exkurs

Im Dezember 1885 erschien das „Lehrbuch der Dogmengeschichte” Band I. Harnack schickt das erste Exemplar an Ritschl mit den Worten: „Mit dem Studium Ihrer ‘Entstehung der altkatholischen Kirche’ hat vor 17 Jahren meine theologische Arbeit begonnen, und es ist seitdem schwerlich ein Vierteljahr vergangen, in welchem ich nicht weiter von Ihnen gelernt hätte. Das gegenwärtige Buch ist eine Art von Abschluß langjähriger Studien: es wäre ohne die Grundlage, die sie gelegt, wohl nie geschrieben worden.”8

Mit der Dogmengeschichte bekannte Harnack Farbe. Er gab sich als modern kritischer Theologe zu erkennen, „der mit der Dogmengeschichte nicht normativ, sondern historisch umging und dabei zu unbequemen Einsichten vorstieß.”9Harnack fragte danach, wie das kirchliche Dogma entstanden ist. Diese Frage war von den Dogmenhistorikern bis dahin außer Acht gelassen worden. „Gewiß wurzelt die Dogmengeschichte auch im ursprünglichen Christentum, aber sie hat zugleich ihre Wurzeln in einem dem Urchristentum fremden Boden. Sie hat ihre Voraussetzungen auch an den religiösen Dispositionen der Griechen und Römer, an ihrer Philosophie und Wissenschaft.”10Es lag Harnack daran, den Gang der Geschichte, welcher zum kirchlichen Dogma geführt hat, wirklich verständlich zu machen.

Das Buch erfreute sich großer Resonanz. Es fand Zustimmung bei den „Modernen” und Ablehnung bei den Orthodoxen. Für Harnack bedeutete es den Schlußstrich unter seine religiös-theologische Entwicklung. Er hatte sich von der lutherischen Orthodoxie losgerungen und wartete nun auf die Angriffe, die von dieser Seite kommen mußten. Bedenken hatte er dabei nur wegen seines Vaters: „… auch ich habe einen Vater, der so denkt wie Ihr Vater. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was das für mich bedeutet. So gut ich es verstehe, ohne der Wahrheit in Schweigen und Reden etwas zu verbergen, habe ich versucht, meine Sache zu führen und an seinen Standpunkt zu denken. Aber das hat seine Grenze, die man nur mit beflecktem Gewissen überspringen könnte.”11schrieb er an Loofs. Lange Zeit schwieg Theodosius Harnack, um dann seine schroffe Ablehnung der Dogmengeschichte zum Ausdruck zu bringen: „Unsere Differenz ist keine theologische, sondern eine tiefgehende, direkt christliche, so daß ich, wenn ich über sie hinwegsähe, Christum verleugnete, und das kann kein Mensch, auch wenn er mir so nahe stände, als Du; mein Sohn, von mir verlangen oder erwarten. Wer - um nur die alles entscheidende Hauptsache zu nennen - so wie Du zur Auferstehungstatsache steht… der ist in meinen Augen kein christlicher Theologe mehr. Ich begreife total nicht, wie man bei solcher Geschichtsmacherei noch auf die Geschichte sich berufen kann, oder ich begreife es nur, wenn man das Christentum dabei degradiert.”12

Im Sommer 1887 erschien der zweite Band der Dogmengeschichte. Er behandelte die Entwicklung des kirchlichen Dogmas. 1890 lag der dritte Band der Dogmengeschichte vor. 1909/10 erschien die letzte von Harnack überarbeitete Auflage.

Gießen befriedigte Harnack auf lange Sicht nicht, er hoffte auf einen Lehrstuhl an einer preußischen Universität. Bereits 1884 plante der Ministerialbeamte des Kultusministeriums der preußischen Monarchie F. Althoff Harnack an eine preußische Universität zu holen. Gedacht war an die Universität Königsberg, jedoch nur als erster Schritt auf dem Weg nach Berlin. Der erwartete Ruf aus Königsberg blieb aus, dafür kam ein ganz anderer, ein Ruf der Harvard-Universität. Harnack war weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden. Er erwog dieses Angebot ernstlich, entschied sich aber nach reiflicher Beratung mit seinem Schwiegervater dagegen. Im Winter 1885/86 schlug die Leipziger Theologische Fakultät vor Harnack als Ersatz von Kahnis zu berufen. Hier waren die Meinungen über ihn geteilt. Luthard und Delitzsch waren gegen Harnack, „um des Willen, weil bei der theologischen Richtung desselben die bisherige einhellige Wirksamkeit innerhalb der Fakultät und mittelbar die einträchtige Wirkung auf die Landesgeistlichkeit in einer Weise gefährdet werden würde, daß die Minorität die Verantwortung dafür nicht zu übernehmen vermöge.”13Trotzdem war Harnacks wissenschaftlicher Ruf so gut, daß er der Kandidat der Fakultät wurde. Die Berufung scheiterte an einem Gegengutachten des sächsischen Oberkonsistoriums.

Dafür meldeten sich die Preußen wieder. Nach einem Gespräch mit dem Referenten für Universitätsangelegenheiten Preußens Berlin B. Weiß, wurde Harnack am 2. Juli 1886 nach Marburg berufen. Dies entsprach nicht nur den Wünschen Althoffs, sondern auch denen der Universität, die Harnack 1879 die Ehrendoktorwürde verliehen hatte.

5. Marburg

Harnack erfreute sich in Marburg großer Beliebtheit. Seine Vorlesungen waren überfüllt und sein Haus immer gut besucht. Die lutherische Orthodoxie sah das nicht gern und begann vor einem Studium bei Harnack zu warnen, er wurde mit allen Mitteln persönlich verunglimpft und dennoch strömten die Studenten nach Marburg, „wir sind von Studenten geradezu belagert.”14

In den Sommer dieses Jahres fiel die durch M. Rade, W. Bornemann, P. Drews und F. Loofs initiierte Gründung der „Christlichen Welt”. Sie war das Organ des freien Protestantismus. Harnack schrieb für sie viele Beiträge. Sie bot ihm Möglichkeiten der Veröffentlichung, die ihm in anderen Zeitungen verwehrt blieben. „Seine Beiträge stärkten das Bestreben der Redaktion, alle sich aus der Begegnung von christlichem Glauben und moderner Bildung ergebende Fragen mit weitem Gesichtskreis zu überschauen. Umgekehrt stärkte die „Christliche Welt” Harnack. In den kirchlich-theologischen Auseinandersetzungen um Harnacks Person stand sie unbeirrt an seiner Seite.”15

Marburg sollte, so wie Königsberg, nur den ersten Schritt in die Reichshauptstadt darstellen. Das Kultusministerium erbat im Dezember 1887 von der Berliner Theologischen Fakultät einen Vorschlag für den Nachfolger K. Sehmischs. Trotz Kritik. „Allerdings können wir uns nicht verhehlen, daß die für einem Historiker nötige Objektivität des Urteils bei ihm noch vielfach zu vermissen ist, daß die Ergebnisse aus seinen sonst wohlfundamentierten Prämissen oft vorschnell gezogen, vielleicht auch (nach der Ansicht Einiger unter uns) durch seinen dogmatischen Standpunkt zu stark beeinflußt sind, daß namentlich in seiner Dogmengeschichte seine Auffassung der kirchlichen Dogmenbildung zu herb und einseitig ist, also die für einen christlichen Theologen ziemende Weisheit in Behandlung der kirchlichen Dinge noch teilweise mangelt. Allein demgegenüber ist doch in Anschlag zu nehmen, daß derartige extravagante Urteile bei ihm nicht auf Charaktereigentümlichkeit oder auf Mangel an Liebe zum Christentum oder zur Kirche beruhen, sondern er eher durch den Eifer, die neuen von ihm durchgeführten Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen, dazu fortgerissen scheint, und steht zu hoffen, daß er mit zunehmender Erfahrung und in lebendiger Berührung mit andersgerichteten Kreisen das richtige Maß zu finden lernen werde.”16empfahl sie die Berufung Harnacks aufs Dringendste. Weiß gab sein positives Votum unabhängig von der Fakultätsberatung ab. Jetzt fehlte nur noch die Zustimmung des Evangelischen Oberkirchenrats, der laut Kabinettsorder von 1855 das Recht hatte, sich vor der Berufung über Lehre und Bekenntnis des jeweiligen Theologen zu äußern. Die Antwort lautete: „… Es läßt sich zwar nicht verkennen, daß die theologische Gesamtanschauung des D. Harnack eine dem positiven Christentum und dem kirchlichen Bekenntnis zugeneigte ist. Andererseits aber enthält seine Dogmengeschichte Ausführungen, welche inbetreffs seiner Stellung zum neutestamentlichen Kanon, zu mehreren grundlegenden Heilstatsachen aus dem Leben Jesu Christi und zu der Einsetzung des Sakraments der Heiligen Taufe durch den Herrn Bedenken hervorgerufen haben, welche in unserer Mitte nicht haben überwunden werden können.”17

Im Mai 1888 legte der Evangelischer Oberkirchenrat ein ausführliches Gutachten vor. Harnack habe den neutestamentlichen Kanon erschüttert, seine Stellung zur Wunderfrage, insbesondere zur Jungfrauengeburt, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu seien bedenklich, außerdem habe er die Einsetzung der Taufe durch Jesus bestritten.

Die aufgeführten Streitpunkte boten Angriffsflächen für das Ministerium. Weiß sendete einen Fragenkatalog zu den durch den Evangelischen Oberkirchenrat benannten Bedenken an fünf Professoren der Theologie, deren konservative Grundhaltung nicht bezweifelt werden konnte. Alle fünf gaben mit der Beantwortung der Fragen Harnack die besten Referenzen. Professor Haupt aus Greifswald betonte besonders, „… daß ein Fallenlassen Harnacks von Seiten des Ministeriums die ganze theologische Wissenschaft in Mißkredit bringen würde, und insbesondere bei den Profanhistorikern einen vernichtenden Eindruck in Bezug auf die Unabhängigkeit und Freiheit der kirchengeschichtlichen Forschung hervorrufen würde.”18

Der Konflikt zwischen Kirchen- und Staatsbehörde war nur noch auf höchster Ebene zu lösen. Bevor Kultusminister von Gossler dem König einen Immediatbericht über die Angelegenheit vorlegen konnte, starb Friedrich III. Von Gossler wandte sich an Bismarck, der beschloß, „daß die Harnacksche Angelegenheit von weittragender Bedeutung sei”19und deshalb im Staatsministerium beraten werden müsse, ehe sie den König vorgelegt wird. Das Staatsministerium sprach sich eindeutig gegen die Haltung des Evangelischen Oberkirchenrats aus. Mitte Juli lag ein neugefaßter Immediatbericht Wilhelm II. vor. Der forderte den Evangelischen Oberkirchenrat auf, die Akten nochmals zu prüfen. Auf dem Höhepunkt des sich lang hinziehenden Berufungskonflikts wählte die Universität Marburg Harnack zu ihrem Direktor. Nach monatelangem Schweigen erneuerte der Evangelische Oberkirchenrat seine Entscheidung. Das war staatspolitisch ein Affront. Nach Erhalt des zweiten Immediatberichts unterzeichnete Wilhelm II. die Versetzungsurkunde im Manöverquartier Müncheberg.

Mit einer Denkschrift für Althoff trug Harnack entscheidend dazu bei, eine Fehlbesetzung seines Marburger Ordinariats zu verhindern. In ihr finden sich Leitlinien der Harnackschen Theologie- und Wissenschaftsauffassung. „Der Schwerpunkt des Faches Kirchengeschichte liegt in der Kirchen- und Dogmengeschichte der ersten sechs Jahrhunderte … sie ist für den Theologen der wichtigste Abschnitt der Kirchengeschichte. Hier empfängt er die Maßstäbe, die er an die spätere Geschichte anzulegen hat, und wenn der Kirchenhistoriker nicht durch selbständige Studien in diesem Teile der Kirchengeschichte festgewurzelt, so irrlichtert er bei der Beurteilung der späteren Geschichte, sobald er sie theologisch, d.h. vom Standpunkt des ursprünglichen Christentums, beleuchten soll … Da alle unsere entscheidenden Probleme in der Kirchengeschichte auf dem Gebiet der alten Geschichte liegen, so muß man von dem Kirchenhistoriker … verlangen, daß er hier zu Hause ist … Für den theologischen Unterricht kommt alles darauf an, daß der Student weiß, wie ist der Katholizismus entstanden, wie verhält er sich zum ursprünglichen Christentum, wie ist das Dogma, der Kultus, die Verfassung entstanden und wie sind sie demgemäß zu beurteilen… Ich bin der festen Überzeugung, daß an der Art, wie die Kirchengeschichte betrieben wird, die Zukunft unseres Kirchenwesens… sich entscheidet. Nicht die Exegese allein und nicht die Dogmatik wird uns zu gesundem Fortschritt und zu immer reinerer Erkenntnis des Ursprünglichen und wirklich Wertvollen anleiten, sondern die besser erkannte Geschichte … man muß das Dogma durch die Geschichte läutern, und wir sind als Protestanten der guten Zuversicht, daß wir damit nicht niederreißen, sondern bauen.”20

Berlin

Harnack wurde vom Kollegenkreis, zu dem auch Kaftan gehörte, sehr freundlich aufgenommen. Eine besondere Bedeutung gewann die Freundschaft zu Frau Helene Schöne, der Gattin des Generaldirektors der Königlichen Museen Richard Schöne. Über sie gelangten die Harnacks in das sogenannte „Kränzchen”, das sich jeden zweiten Mittwochabend zusammenfand und zu dem auch das Ehepaar Mommsen gehörte. Harnack profitierte von Mommsens überragender Autorität in der Universität und in der Akademie der Wissenschaften.

In Berlin lebte auch Amalie Harnacks jüngere Schwester Lina, die mit dem Historiker Hans Delbrück verheiratet war. Zu ihnen entstand eine besonders innige Freundschaftsbeziehung. Delbrück, ehemals preußischer Prinzenerzieher, war Geschichtsprofessor an der Universität und Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher”. Darin fand Harnack neben der „Christlichen Welt” eine weitere Plattform außerhalb der Fachorgane. Durch Delbrück gewann Harnack ein „tieferes und gegründeteres politisches Verständnis und Interesse und eine genaue Kenntnis der parlamentarischen Möglichkeiten und Bedingtheiten”.21

Doch nicht nur Mommsen und Delbrück bildeten Wegbereiter und Freunde für den Neuanfang in Berlin. „Ein wichtiger Aktivposten war und blieb darüber hinaus Harnacks direkter Zugang zu den Räumen des preußischen Kultusministeriums. Die zwischen 1886 und 1908 zwischen Althoff und Harnack gewechselten Briefe und Karten belegen zwei Sachverhalte. Zum einen rückte Harnack in Berufungsangelegenheiten an den theologischen Fakultäten der preußischen Monarchie mehr oder minder geräuschlos zu einer erstrangigen Bezugsperson im ‘System Althoff’ auf. Zum anderen bereitete Althoff in beträchtlichem Ausmaße jene Pläne vor und fädelte sie administrativ ein, die Harnack zu einem der einflußreichsten preußischen Wissenschaftspolitiker außerhalb des Kultusministeriums, doch in engem Benehmen mit ihm machten.”22

Auch ein Teil der Berliner Pfarrerschaft nahm Harnack wohlwollend auf. Unter ihnen waren Hermann Freiherr von Soden, Hermann Scholz, in dessen Gemeinde die Harnacks heimisch wurden, sowie der Probst Eduard Freiherr von der Goltz, der sich schon während der Berufungsstreitigkeiten auf Harnacks Seite geschlagen hatte und ihm in der schwersten Kampfzeit seine eigene Kanzel zur Predigt zur Verfügung stellte.

I. In theologischen Kämpfen

6. Der Apostolikumsstreit

1892/93 kam es, ausgelöst durch die Entlassung des württembergischen Pfarrers Christoph Schrempf, zum Streit um die zeitgemäße Geltung und den liturgischen Gebrauch des Apostolikums. Schrempf hatte eine Taufe ohne Verlesung des Apostolikums durchgeführt. Harnacks Studenten erbaten eine Stellungnahme. Er gab sie in seiner Vorlesung zur neuesten Kirchengeschichte. „Das Apostolikum soll abgeschafft werden!” kann und darf nicht die Parole sein, aber es ist an der Zeit neben das Apostolikum ein kurzes Bekenntnis zu stellen, welches das reformatorische Verständnis deutlicher zum Ausdruck bringt und dem alten an Gestalt und Kraft überlegen ist. In den Kirchen darf man nur regieren, indem man baut. Problematisch sind die „Jungfrauengeburt” und die nichtpaulinische Wendung der Auferstehung des Fleisches, an denen ein gebildeter Christ Anstoß nehmen muß. Allerdings darf man von einem gereiften und gebildeten Theologen erwarten, soviel geschichtlichen Sinn zu besitzen, um sich von dem hohen Wert und dem großen Wahrheitsgehalte des Apostolikum zu überzeugen. Die Studenten sollen auf keinen Fall eine Bewegung zur Abschaffung des Bekenntnisses heraufbeschwören. „Der wesentliche Inhalt des Apostolikums besteht in den Bekenntnissen, daß in der christlichen Religion die Güter ‘heilige Kirche’, ‘Vergebung der Sünden’, ‘ewiges Leben’, geschenkt sind, daß der Besitz dieser Güter dem Glauben an Gott, den almmächtigen Schöpfer, an seinen Sohn Jesus Christus und an den Heiligen Geist zugesagt ist, und daß sie durch Jesus Christus unseren Herrn gewonnen sind. Dieser Inhalt ist evangelisch.”23

Die Stellungnahme wurde am 18. August in der „Christlichen Welt” veröffentlicht. Die Flut von Angriffen und Polemik, die sich über Harnack ergoß, erstaunte vor allem ihn selbst. „Nach allem, was ich bereits veröffentlicht hatte, konnte ich nicht ahnen, daß eine wohlerwogene und maßvolle Kritik des Apostolikums, über die Niemand sich wundern durfte, der meine Schriften kannte, als Feuerzeichen in der Kirche aufgepflanzt werden würde.”24

Die „Deutsche Evangelische Kirchenzeitung” und die „Neue lutherische Kirchenzeitung” attackierten Harnacks Stellungnahme als „destruktive Theologie”. Auch die katholische „Germania” stieß in dieses Horn. In einzelnen Pfarrkonferenzen wurden die Teilnehmer aufgefordert, für die Befreiung der Kirche von Harnack zu beten, ihn „tot zu beten”.

Umgekehrt fehlte es aber auch nicht an Solidaritätsbekundungen. Beispielsweise stellten sich die „Freunde der Christlichen Welt” mit einer gemeinsamen Erklärung hinter Harnack.

Dem drohte ein Disziplinarverfahren, denn Wilhelm II. forderte einen Immediatbericht. Im übrigen war er sehr verärgert über den ganzen Streit. In der Hofgesellschaft galt Harnack als gefährlicher Gottesleugner, der zu meiden ist. So mußte er sich im Gespräch mit Kultusminister Bosse verantworten. Dieser empfahl dem König von einem Disziplinarverfahren abzusehen und es bei einer persönlichen Ermahnung zu belassen und, um ein gewisses Gegengewicht zu schaffen, einen Ordinarius der positiven kirchlichen Richtung für systematische Theologie zu berufen. Besonderes Lob fand die Besonnenheit im Umgang mit „dem theologischen Bilderstürmertum der Studenten”.25Der König stimmte dem zu, Adolf Schlatter erhielt die Strafprofessur und Harnack konnte den erneuten Ruf aus Harvard, der mit einem Hinweis auf die in Deutschland bestehenden Lehrschwierigkeiten versehen war, ablehnen. „Wegen mangelnder wissenschaftlicher Freiheit wird hoffentlich niemals ein Preuße aus seinem Vaterland auswandern müssen.”26

M. Rade drängte nun Harnack eine Führungsrolle im protestantischen Deutschland zu übernehmen. Er sollte ein neues Bekenntnis formulieren, aber Harnack betonte immer wieder: „Ich bin kein Reformator, das Größte tut nur, wer nicht anders kann.”27Für ihn war klar: „1. Die Aufgabe, den alten evangelischen Glauben neu, schlicht und klar in der Sprache der Gegenwart auszusprechen, dürfen wir nicht aufgeben.

2. Wir müssen elastischer und reicher werden im Ausdruck unseres religiösen Lebens und feiner in unserem sozialen Gewissen. - Und endlich

3. Wir müssen -trotz allen Widerstandes- an unserer Kirche bauen und Geduld üben.”28

„Der Apostolikumsstreit blieb letztlich ohne greifbares Ergebnis. … Immerhin löste der Streit mächtige Impulse zur historischen Erforschung der altkirchlichen Symbole aus.”29

7. Das Wesen des Christentums

Im Wintersemester 1899/1900 hielt Harnack „16 Vorlesungen über das ‘Wesen des Christentums’ für Hörer aller Fakultäten”. Ihm lag daran in der Öffentlichkeit Rechenschaft darüber abzulegen, was das Christentum sei. Die Frage sollte lediglich im historischen Sinne beantwortet werden, und um sie auch den Nicht-Theologen verständlich zu machen, verzichtete er auf alle Belastung mit fachwissenschaftlichen Einzelheiten. Die frei gesprochenen Vorträge wurden vor etwa 600 Hörern gehalten. Die stenographische Mitschrift von W. Becker ermöglichte den Druck der Vorlesungsreihe. Im Mai 1900 erschien die erste Auflage, die reißenden Absatz fand, bis heute folgten 30 weitere Auflagen und Übersetzungen in 15 Sprachen. Am „Wesen” entzündete sich ein erneuter, leidenschaftlicher Streit. Besonders der Satz „Nicht der Sohn, sondern allein der Vater gehört in das Evangelium, wie es Jesus verkündigt hat, hinein” war Gegenstand der Auseinandersetzungen. Die gewichtigste Stimme im Lager der Gegner war Hermann Cremer. Er begnügte sich nicht mit einem Bekenntnis gegen Harnack. Mit seiner groß angelegten Auseinandersetzung gelangte die Kritik des orthodoxen und positiven Lagers zu einer begründenden systematischen Auseinandersetzung. In seiner Gegenschrift ‘Das Wesen des Christentums’ von 1901 ist das Hauptargumente Cremers die Diskontinuität. Der Verlust des Glaubens der Jünger nach Jesu Tod schließt jede Kontinuität des Christentums zu der Person Jesu aus. „Erst durch die Auferstehung gelangen die Jünger wieder zum Glauben, das ist der Anfang des Christentums. Der Auferstehungsglaube erst öffnet den Jüngern die Augen für Jesu Predigt.”30Nach Cremer besteht das Wesen des Christentums in einer Art Superlativ- Christologie, die die Diskontinuität ebenso belegt, wie sie die Auferstehung beweisen soll. Nach Thomas Hübner besteht der Fehler der Kritiker in der nicht erkannten Methode Harnacks, die der vollständigen Induktion. Über sie konnte Harnack auch die Naturwissenschaftler erreichen, die „erst etwas von der Methode wissen [wollen], bevor ein auch sie überzeugendes Wesentliches des Christentums ermittelt werden kann … Bei einem so geprägten Geist, prallt jede Kritik an Harnacks WdChr ab, welche die Sache im Visier hat, ohne vorher der Methode nachgegangen zu sein. … Es sind Methode und Sache, die ein Verstehen von Harnacks WdChr zum Ganzen werden lassen.”31

8. Der Bibel-Babel-Streit

Dieser Streit entbrannte an den 1903 in öffentlichen Vorträgen entwickelten Ansichten des Assyrologen Professor F. Delitzschs. „Delitzsch meinte, die Religion Israels stelle lediglich eine religiöse Sickerkultur dar, die von der Religion Babylons abhänge. Außerdem bestritt er den übernatürlichen Offenbarungscharakter des Alten Testaments und forderte eine von „fremden menschlichen Zutaten” gereinigte Zukunftsreligion.”32Einem dieser Vorträge wohnte auch Wilhelm II. bei. In einem für die Öffentlichkeit bestimmten Brief an seinen Freund Admiral Hollmann bezog er theologisch Stellung. Er grenzte sich darin entschieden von Delitzsch ab, entwickelte aber gleichzeitig eine seltsame Theorie von „zwei Offenbarungsreihen”. In der einen Männer wie Hammurabi, Mose, Karl der Große, Luther, Friedrich der Große, die andere mehr religiös „Christus ist Gott in menschlicher Gestalt”33

Harnack fühlte sich nun seinerseits gedrängt dem Kaiser öffentlich zu widersprechen. „Die Öffentlichkeit soll mich nicht mit Delitzsch identifizieren; sie soll meine Ansichten mit denen des Kaiserlichen Briefes nicht zusammenwerfen, und sie soll nicht sagen, daß die Theologen aus

Zugang zu ihrer Christologie und 134 Wirkungsgeschichte, Europäische Hochschulschriften, Reihe XXIII Theologie Band 493 Frankfurt am Main S. Feigheit das Echo auf den Kaiserlichen Brief den Journalisten überlassen haben. Dazu kam die Erwägung, daß die Orthodoxen mit dem Briefe ungebührlich krebsen würden und damit schon begonnen hatten.”34In der Presse wurde dieser Vorfall ausgeschlachtet „Harnack gegen den Kaiser” lautete die Schlagzeile im „Reichsboten”. Die sozialdemokratische Presse war der Auffassung Harnack wolle den Kaiser auf die Seite der liberalen Theologie ziehen.

Als Antwort auf den Harnackschen Aufsatz schickte Wilhelm II. einen „sehr gnädigen” Brief, in dem er aber seinen Standpunkt nochmals unterstrich.

9. Der Fall Jatho

Im November 1909 beschloß die Generalsynode ein „Kirchengesetz, betreffend das Verfahren bei Beanstandung der Lehre von Geistlichen”, das im März 1910 vom König erlassen wurde. Ein Spruchkollegium aus 13 Mitgliedern soll in einem gegebenen Fall entscheiden, ob die Lehre eines Pfarrers mit dem kirchlichen Bekenntnis unvereinbar ist. Die neuen und oft genug problematischen Frömmigkeitsformen der Gegenwart veranlaßten die Schaffung eines solchen, denn die christliche Verkündigung schien gefährdet. Das „Irrlehrergesetz” wurde von vielen liberalen Theologen mit Besorgnis betrachtet, man sah Inquisition und Ketzergerichte voraus, die unliebsame Pfarrer von der Bildfläche verschwinden lassen sollten.

Harnack stand dem ganzen positiver gegenüber. „Der Tag wird in der Kirchengeschichte unvergessen bleiben, wie sich auch die Anwendung des Gesetzes gestalten mag; denn er bezeichnet einen eminenten Fortschritt.”35Er glaubte dem durch das Spruchkollegium entlassenen Geistlichen stünden Titel und Pension weiterhin zu. Auch als Pfarrer Karl Jatho sich 1911 vor dem Spruchkollegium verantworten mußte, hielt Harnack am Gesetz fest, wenn auch mit der Forderung der Verbesserung selbigens, denn das gefällte Urteil gegen Jatho hätte anders lauten müssen: „Deine Theologie ist unerträglich — aber dein Same ist aufgegangen, also müssen wir dich ertragen — wir werden dich ertragen.”36 Jatho war von Harnack schwer enttäuscht. Die Freunde sahen ihn ins konservative Lager abdriften und verhehlten ihren Unmut nicht, als er sich an den von ihnen eingeleiteten Protestaktionen nicht beteiligte.

Harnack stand zwischen den Fronten, weil er keine genaue Stellung bezogen hatte. Theologie, Kirchenpolitik und höfische Rücksicht flossen ineinander.

Als jedoch ein Jahr später der Verteidiger Jathos Pfarrer Gottfried Traub entlassen wurde, reagierte er mit der Schrift „Die Dienstentlassung des Pfarrers Lic. G. Traub” entschieden dagegen „Es muß dahin kommen, daß offen gesagt werden darf, diese und diese bestimmten Lehren in den Bekenntnissen sind unrichtig, und daß niemand gezwungen wird, Dinge im Gottesdienst zu bekennen, die er außerhalb desselben nicht zu bekennen braucht.”37Traub war nicht wegen seiner Lehre, sondern wegen seiner leidenschaftlichen Agitation gegen das Spruchkollegium und für Jatho verurteilt worden. Harnack konnte die Entlassung nicht verhindern.

Als Theologe besaß Harnack zwar das Predigtrecht, aber nicht die vollen Rechte des geistlichen Standes. Weil er nicht ordiniert war, wurde er weder ins kirchliche Prüfungskollegium, noch in die brandenburgische Provinzialsynode berufen. So suchte sich Harnack auch außerhalb der Kirche und der Theologie Tätigkeitsbereiche.

II. Neue wissenschaftliche Aufgaben

10. In der preußischen Akademie der Wissenschaften

Diese fand er in der preußischen Akademie der Wissenschaften in deren historisch-philosophische Klasse er 1890 aufgenommen wurde. Bei der wöchentlichen Sitzung wurde abwechselnd von einem Mitglied der historisch-philosophischen und der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse ein Vortrag gehalten. Harnack konnte den Vorträgen, auch wenn sie unzugängliche und schwierige mathematische Themen behandelten, meist mühelos folgen, ein Umstand den er den gemeinsamen Studienjahren mit seinen Brüdern, dem Mathematiker und dem Mediziner zu verdanken hatte. Dazu kam die Gelegenheit mit Gelehrten der verschiedensten Disziplinen Kontakt aufzunehmen. So förderte die Mitarbeit in der Akademie die Entwicklung seiner universalen Bildung ungemein.

Ein weiterer Vorteil der Akademie bestand in der Möglichkeit große wissenschaftliche Aufgaben, die die Kraft eines einzelnen Wissenschaftlers übersteigen, zu bearbeiten. Solche Arbeiten an denen mehrere Wissenschaftler beteiligt waren, mußten aber auch gut organisiert und koordiniert werden. Das war einer der Gründe, warum Theodor Mommsen für die Aufnahme Harnacks plädierte. Er erkannte „Harnacks besondere organisatorische Begabung und wies ihn auf den Weg, der ihn, über die historisch-theologische Facharbeit hinaus, einen Gesamtbau der deutschen Wissenschaft planen und durchführen ließ.”38

Harnacks Aufnahme in die Akademie war mit dem Plan verbunden eine Edition der griechisch-christlichen Schriftsteller herauszugeben, nachdem die Schwesterakademie in Wien 1866ff. die Edition des „Corpus scrpitorum ecclesiasticorum latinorum” vorgelegt hatte. Harnack „als der bedeutendste Kenner der alten Kirchengeschichte”39nahm von Anfang an eine Führungsrolle in diesem Unternehmen ein. Es ging dabei um „alle litterarischen Denkmäler des ältesten Christentums und von seiner Entstehung bis zur Reichskirche (abgesehen von dem Neuen Testamente und den lateinischen Quellschriften)”40 Um einen genauen Überblick über das Material: die Drucke, Handschriften, Überlieferungsgeschichte zu bekommen, legte Harnack im Juli 1893 den unter Mithilfe des Lizentiaten E. Preuschen entstandenen ersten Band der „Geschichte der altchristlichen Literatur bis Eusebius. Erster Teil: Die Überlieferung und der Bestand” vor, die die Voraussetzung und Grundlage für die konkrete Arbeitsplanung der „Kirchenväter Kommission” bildete. Geplant waren 50 Bände und eine Laufzeit von circa 20 Jahren. Die von Harnack herausgegebenen „Texte und Untersuchungen” umfaßten bis 1924 45 Bände.

Der große menschliche Gewinn, den Harnack aus der Arbeit der „Kirchenväter Kommission” zog, war die Freundschaft mit Mommsen.

Diese Freundschaft erwies sich als äußerst hilfreich bei der nächsten, fast übermenschlichen Aufgabe Harnacks. Im Zuge der Vorbereitung der 200- Jahr-Feier der Akademie wurde Harnack im April 1896 gebeten den Auftrag zur Abfassung einer Geschichte der Akademie zu übernehmen. Er entschied sich die Herausforderung anzunehmen und legte am 21. Juni 1896 ein „Promemoria” vor, in dem er darlegte, wie er die Geschichte der Akademie gestalten wollte: „1) ist eine Geschichte der Institution als solcher zu schreiben, d.h. es ist die Entstehung und Entwicklung der Akademie als Gesellschaft, die Veränderung ihrer Ordnung und Einrichtungen usw. darzulegen; 2) ist die Geschichte ihrer Arbeit im Zusammenhang mit der allgemeinen Wissenschaftsgeschichte zu schildern, und zwar liegt hier eine doppelte Aufgabe vor: es muß eine vollständige Übersicht darüber gegeben werden, was die Akademie selbst gearbeitet oder angeregt und unterstützt hat, und es muß diese ihre Arbeit in die allgemeine Geschichte der Wissenschaft eingegliedert werden; 3) endlich darf in Bezug auf hervorragende Mitglieder der Akademie die

biographische Schilderung in knappen Zügen nicht fehlen.”41Bis zum Jahr 1812 erhebt die „Geschichte der Akademie” Anspruch auf Vollständigkeit, wie ihn eine Gesamtgeschichte erbringen kann. Dies war möglich, weil Harnack auf Werke wie „Histoire philosophique de l’Academie de Prusse” von Bartholomess zurückgreifen konnte. Für die neuere Zeit fehlten solche Vorarbeiten. So mußte sich Harnack für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmte Beschränkungen auferlegen: „Für die Zeit von 1859-1899 ist natürlich nicht ‘Geschichte’ zu schreiben, sondern es ist aus der Tätigkeit der Akademie Bedeutsameres hervorzuheben und der Versuch zu machen, es einigermaßen zu verbinden. Urteile über Personen, auch über verstorbene, sind wegzulassen.”42

Ein knappes Jahr vor dem Jubiläum lag das Manuskript der Akademiegeschichte, bestehend aus dem Darstellungsband (2 Teile), dem Urkundenund Aktenband und dem Gesamtregister der Akademieschriften, vor. Dieses Werk ist als eine der größten Leistungen auf dem Gebiet wissenschaftlicher Institutionen anzusehen. Wilhelm II. ehrte Harnack für diese Arbeit mit dem Roten Adlerorden 3. Klasse.

11. Generaldirektor der Königlichen Bibliothek

„Spätestens im Jubiläumsjahr 1900 war Harnack zu einer wichtigen Wissenschaftlerpersönlichkeit im Kräftefeld der preußischen Wissenschaftsund Kulturpolitik geworden.”43Und Althoff bediente sich ihrer immer zielstrebiger, um seinen Plan eines „deutschen Oxford” umzusetzen. Besonders am Herzen lag ihm dabei der beklagenswerte Zustand der preußischen Universitätsbibliotheken.

1902 lagen die Pläne für den Neubau der Königlichen Bibliothek vor und 1903 erfolgte der erste Spatenstich „Unter den Linden”. Althoff war nun daran gelegen einen Gelehrten von anerkanntem Ruf mit der Leitung zu betrauen. Nach mehreren Anfragen erklärte sich Harnack 1905 dazu bereit diesen Posten im Nebenberuf zu übernehmen. Die orthodoxe Presse jubelte. Sie sah Harnack aus der Kampflinie gedrängt und wertete seinen

Entschluß als Abwendung von Theologie und Kirche. Die Kollegen an der Fakultät und seine kirchenpolitischen Kampfgenossen teilten diese Begeisterung nicht. Sie sahen den religiösen Meinungsführer zum Bibliothekar verkümmern.

Althoff richtete die Stelle eines „Ersten Direktors” ein, der mit dem philologisch und bibliothekarisch ausgezeichnet geschultem P. Schwenke besetzt wurde.

Harnack selbst widmete der Bibliothekstätigkeit täglich 11/2Stunden. Zur Entlastung und Ergänzung im Bereich der Lehrtätigkeit wurde K. Holl nach Berlin berufen. Generaldirektor blieb Harnack bis 1921. In dieser Zeit hatte er wichtige Neuerungen, wie die Begründung der mittleren bibliothekarischen Laufbahn, den Ausbau des Leihverkehrs, Verbesserung der Kataloge, etc. durchgesetzt. Die Herausforderung bei laufendem Betrieb in das neue Gebäude „Unter den Linden” umzuziehen, wurde durch die planvolle Vorbereitung Schwenkes und Geist Harnacks, der es verstand die Pläne richtig umzusetzen, gemeistert. Bei der Einweihung am 22. März 1914 verlieh ihm Wilhelm II. den erblichen Adelstitel. „Bei seinem Abschied erfuhr er emphatische Würdigungen aus der Bibliothekswelt. In einer Grußadresse der preußischen Universitätsbibliotheken hieß es, Harnack habe sich einen Ehrenplatz in der Geschichte der Bibliotheken für alle Zeiten gesichert.”44

12. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften

Die Forschung an den Universitäten drohte zu stagnieren. , weil die Professoren infolge wachsender Studentenzahlen und rascher Wissensvermehrung ihrer Lehrtätigkeit zuviel Zeit opfern mußten. Der Weg in die akademische Laufbahn war ausgetreten und festgefahren, sodaß er für Leute, die in der Lehre wenig, in der Forschung jedoch vorzügliches leisten konnten, ungangbar war. Es fehlte an Forschungsgeldern, speziell in naturwissenschaftlicher und medizinischer Forschung, währenddessen in England, Frankreich und Amerika durch Privatpersonen Unsummen chemische, biologische, medizinische, zoologische und botanische Arbeiten gesteckt wurden. Doch wo Wissenschaft in Abhängigkeit von Kapital gerät, droht sie von ihren eigentlichen Zielen abzukommen. Es mußte also ein Weg gefunden werden die Wissenschaft unter die Obhut des Staates zu stellen und gleichzeitig Wirtschaft und Privatpersonen als Geldgeber einzubeziehen. Dieses Problem war Gegenstand langjähriger Gespräche und Erwägungen von Althoff, Ministerialdirektor Schmidt-Ott und Harnack, in die auch bedeutende Männer des Wirtschaftslebens, wie

W. Rathenau und die Brüder von Mendelssohn mit einbezogen wurden. Das Resultat war eine Gesellschaft unter der Schirmherrschaft des Kaisers in der Domäne Dahlem. Feierlich verkündete Wilhelm II. die Gründung derselben anläßlich der 100-Jahr-Feier der Universität Berlin im Oktober

1911. Harnack wurde zum 1. Präsidenten gewählt und schon ein Jahr später wurde das erste Institut, das Institut für Chemie, der Gesellschaft eröffnet. Den schnellen Aufschwung und die Etablierung der Gesellschaft muß man Harnack zuschreiben. Sosehr ihn auch diese neuerliche Herausforderung reizte, so blieb er doch immer Theologe: „Für mich selbst bin ich nach wie vor ein theologus, und meine abgesparten Stunden gehören wie von Jugend auf unserer theologischen Wissenschaft.”45

13. Evangelisch-soziale Aufgaben

Im Mai 1890 versammelten sich unter der Regie von A. Stoecker und A. Wagner in Berlin rund 800 Pfarrer, Professoren der Theologie, Vertreter der Kirchenleitung, evangelische Lehrer und Beamte zum ersten „Evangelisch-sozialen Kongreß”. Harnack, der zu den Gründungsmitgliedern gehörte, stellte seine Position ausführlich in dem Aufsatz „Ist der Kongreß nötig? Was kann er leisten? Wovor hat er sich zu hüten?” in den „Preußischen Jahrbüchern” dar. Der Kongreß darf sich nicht in die Aufgaben des Gesetzgebers einmengen. Er darf kein eigenes, angeblich „kirchliches Sozialprogramm entwerfen. Er darf bei aller berechtigter Kritik an der staatlichen Politik keine Obstruktion betreiben.”46Außerdem sprach sich Harnack gegen den Mißbrauch der Judenfrage aus „…den Antisemitismus auf die Fahne des Christentums zu schreiben, das heißt … die Macht, welche dazu in der Welt ist, die Gegensätze der Rassen und Nationen zu mildern und Menschenliebe selbst dem Feinde gegenüber zu erwecken, in entgegengesetzter Richtung zu mißbrauchen.”47

Präsident wurde der Landesökonomierat M. A. Nobbe. Als stellvertretende Vorsitzende wurden Stoecker und Harnack berufen. 1896 brach der Kongreß auseinander. Stoecker und seine Gesinnungsgenossen trennten sich vom Kongreß und gründeten die „Freie-kirchlich, soziale Konferenz”. Harnack wurde neuer Präsident des Kongresses. Auch der Posten des Generalsekretärs wurde neu besetzt. Unter Harnack gelangte der Kongreß zu neuer Blüte, er wurde zu einer theologischen Richtungsorganisation. Harnack sah die Aufgabe des Kongresses darin, die Mitte zu halten gegenüber den nach rechts und links ziehenden Parteien, ohne jedoch das Ziel aus den Augen zu verlieren. „Als Leitsterne einer sachverständigen Sozialpolitik galten die Teilhabe aller an den Gütern der materiellen und immateriellen „Wohlfahrt” und das Prinzip der sozialpolitischen Sachkompetenz.”48

1911 legte Harnack den Vorsitz wegen Überbelastung durch das Amt des Generaldirektors der Königlichen Bibliothek und des Präsidenten der „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft” nieder.

14. Ökumenische Bestrebungen

Harnack kannte den Katholizismus. Er kannte ihn aus geschichtlichen Studien und aus Erscheinungen der Gegenwart. Er unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu Katholiken, wie Duchesne, Döllinger und Schnitzer. Auch unter seinen Hörern gab es Katholiken. Sein Urteil über das Verhältnis der Konfessionen zueinander: „Wir müssen … Ernst machen mit der Position, daß wir teils eine höhere, teils eine ergänzende Stufe dem Katholizismus gegenüber bedeuten. In dem letzteren liegt die Anerkennung, daß auch der Katholizismus uns gegenüber Güter besitzt. Die Polemik kann nie aufhören, aber sie schließt die Versöhnlichkeit nicht aus.”49In einem Vortrag bespricht er die Frage „Was wir von der katholischen Kirche lernen und nicht lernen sollen.” Der Protestant sollte erstens lernen, daß Konfessionen sich nur langsam entwickeln — also Geduld und daß Personen Fortschritt in der Kirche bewirkten, nicht Verfassungsreformen, als Wichtigstes aber den Gedanken „eine Herde und ein Hirte” ernst zu nehmen und sich nicht an Spaltungen in den eigenen Reihen zu gewöhnen. Als zweiten Lerngegenstand führt Harnack den Reichtum des religiösen Lebens (Anbetung, Opfer, Beichte) an. Er plädiert nicht dafür diese Formen zu übernehmen, sondern die Gedanken, die diesen Formen zu Grunde liegen und die es wert sind im Protestantismus stärkeren Ausdruck zu erfahren.

Die Art das Christentum auf einer mittelalterlichen Stufe der Kultur und Erkenntnis festhalten zu wollen, die bedingungslose Unterwerfung unter das Kirchentum und den Fanatismus der römischen Kirche können und dürfen die Protestanten auf keinen Fall annehmen. „Wir können diesen Fanatismus nicht brauchen; er ist ein fremdes Gewächs auf unserem Boden. Wenn es richtig ist, daß das evangelische Christentum die höchste Stufe in der kirchlichen Ausbildung des Christentums ist, so haben wir diesen unseren Standort dadurch zu bezeugen, daß wir die unteren Stufen in ihrer Bildung verstehen, verständig würdigen und in diesem Sinne tolerant sind. Toleranz ist freilich selbst schon ein schlimmes Wort. Wir haben mehr zu üben als Toleranz, nämlich Anerkennung.”50

Der Wunsch nach Ökumene bestimmte auch den Grundtenor der zum Geburtstag des Kaisers 1907 gehaltenen Rede. Harnack formuliert darin, daß die Beseitigung der bestehenden Kirchenspaltung „eine Aufgabe der Wissenschaft und der Religion zugleich” sei. Eine abzulehnende Möglichkeit ist die völlige Vertreibung der Religion und der Kirche aus dem öffentlichen Leben. Dadurch würden die Konfessionen verkümmern und schließlich von der Nation als etwas Überlebtes ausgestoßen werden. Aber in Deutschland herrscht „eine unlösbare Verbindung der christlichen Religion mit den Tiefen unseres inneren und nationalen Lebens.” Eine andere ebenfalls abzulehnende Möglichkeit ist „die Verschmelzung der Konfessionen unter Aufgabe ihres Eigenbesitzes.” Ein Katholik wird nie ein Lutheraner, so wie ein Protestant nicht wieder katholisch wird. „Nicht Dogmen und Formen sollen zusammengeschoben werden, sondern der Christenstand soll überall wichtiger werden als der Konfessionsstand.”51

Dem Vortrag folgte eisiges Schweigen. Die Kollegen behandelten Harnack wie einen Verräter des Protestantismus. Der Reichsbote ereiferte sich: „Harnack präsentiert als evangelischer Theologe in einem Augenblick vor der römischen Kirche das Gewehr und zieht die weiße Fahne auf, wo die evangelischen Scharen soeben aus einem harten Kampfe mit dem Ultramontanismus kommen.”52Nur wenige erkannten den Weitblick, der in der Rede lag. Troeltsch beispielsweise schrieb an Harnack: „Es sind bei uns, und noch mehr bei Jenen, nur Wenige, die hierfür Interesse und offene Augen haben, und in der nichttheologischen Welt ist nun vollends der reine Unverstand zu Hause (betreffs dieser Dinge natürlich)… Und das ist ja das Charakteristische Ihrer Rede, daß Sie in Wahrheit einen Standpunkt über beiden Konfessionen haben.”53Die katholischen Kollegen der Universität, besonders die Theologen dankten Harnack sehr herzlich.

Doch die ökumenischen Bemühungen wurden auch von Seiten der katholischen Kirche immer wieder untergraben. So schränkte zum Beispiel die Enzyclica Pascendi die Möglichkeit der wissenschaftlichen Forschung, soweit ein, daß überlegt wurde die katholischen Fakultäten von den Universitäten auszuschließen. „So wie die katholischen Fakultäten heute sind, in ihrer doppelten Abhängigkeit von der Kirche und vom Staat, so sind sie das Produkt eines Kompromisses, bei welchem der Staat das Äußerste konzediert hat, was er konzedieren kann, und bei welchem die Universitäten das Äußerste ertragen, was ihnen als wissenschaftliche Körperschaft auferlegt werden darf.”54schrieb Harnack. Trotzdem sprach er sich für den Verbleib der Fakultäten in den Universitäten aus.

Einer offenen Kriegserklärung kam die Borromäus-Enzyclica gleich, die in beleidigender Weise Reformation und Reformatoren beschimpfte. Diese Provokation und Verdrehung der geschichtlichen Wahrheit wies Harnack aufs Schärfste zurück: „Diese Geschichtsbetrachtung, dieser Ton paßt nicht mehr in unsere Epoche … die Kurie [wird dadurch] an moralischer Autorität diesseits der Alpen einbüßen und zugleich eine Gefahr für den konfessionellen Frieden werden, wenn sie … in Anschauung und Sprache beim Mittelalter verharrt. Dies und nichts anderes ruft ihr die Bewegung zu, die sie entfesselt hat, weil das Maß des Unerträglichen voll war.”55Ebenso reagierte Harnack auf die verzerrten Lutherdarstellungen von Katholiken wie Denifle, Weiß und Grisar.

15. Internationale Arbeit

Harnack war als Baltendeutscher im Horizont zweier Kulturkreise geboren. Er wußte um die kulturellen Eigenarten der Völker Europas und um die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit Kollegen und Hochschulen im Ausland. Er strebte keine Verschmelzung der Kulturen an, sondern eine Symbiose, in der einer von der Andersartigkeit des anderen profitiert. Von 1900 bis 1914 besuchte Harnack die USA, die Niederlande, Italien, Schweden, Norwegen, Finnland, das Baltikum, Österreich, Großbritannien. Dabei studierte er die Lehr-und Arbeitsweise ausländischer Universitäten und traf Schüler und Arbeitsgenossen aus der Zeit seiner ersten Lehrtätigkeit. Er sah die großen amerikanischen und die Vatikanische Bibliothek. Er weilte als Beiratsvorsitzender des Preußisch-Historischen Instituts oft in Rom. Der italienische König verlieh ihm das Großkreuz des Ordens der italienischen Krone. Harnack war ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Amsterdam, Gothenburg, Neapel, Oslo, Rom, Stockholm und Upsala und Ehrenmitglied in Wien und Dublin. Wenn sich auch Gegenstimmen erhoben und ihm mancherorts bitterböse Polemik entgegenschlug, so waren doch im Allgemeinen die Reaktionen auf und die Meinungen über ihn sehr positiv: „Wir glauben, er würde einen enthusiastischen Empfang haben, und es ist in der Tat an der Zeit, daß uns Gelegenheit gegeben wird, dem Verfasser des Wesens des Christentums unsere Achtung und Dankbarkeit zu beweisen. Professor Harnack ist viel mehr als ein großer Gelehrter und Kritiker, er ist ein großer Mann. Kein lebender Historiker und Theologe ist zugleich so licht und tief, keiner spricht mit so feiner geistiger Durchdringung oder schreitet unter der Last seinen Wissens mit so festem und anmutigen Schritt einher. Die gleiche Milde und Klarheit, die ihn Kritiker und Historiker charakterisieren, finden wir, wenn er moderne, soziale Probleme berührt, dieselbe Aufrichtigkeit und Einfachheit, dieselbe Bescheidenheit und Stärke. Wir hoffen, daß das englische Volk bald das Glück und Vergnügen haben wird, Deutschlands bedeutendsten Theologen persönlich kennen zu lernen.”56Das Hauptanliegen seiner Auslandsreisen war die deutsche Theologie zu zeigen und zu verbreiten und Verständnis und Achtung für deutsches Geistesleben zu wecken. Harnacks Reisen dienten dem Ausbau freundschaftlicher Beziehungen. Seine Teilnahme am „Congress of Arts and Science” 1904 in St. Louis mit dem Vortrag „The relation between ecclesiastical and general history” und der anschließende mit mehreren „speeches” und „adresses” verbundene Besuch einiger Universitäten förderten den Ausbau des amerikanisch-deutschen Verhältnisses. Daß Harnacks Vorträge von politischer Bedeutung für das ansehen Deutschlands in der Welt waren, bezeugen Berichte an das Auswärtige Amt in Berlin „Der Wirkl. Geh. Rat Harnack hat in der hiesigen Universitäts-Aula vier kirchengeschichtliche Vorträge gehalten,… Durch seine glänzenden geistvollen Darlegungen wußte er seine vielhundertköpfige Zuhörerschaft, unter der sich die Universitätslehrer, Geistliche, Gebildete jeden Berufs, auch viele Damen, befanden, und geradezu zu fascinieren … Die allgemeine Stimmung spiegelt sich am besten in dem wider, was mir ein hervorragender und hiesiger Gelehrter und Universitätslehrer sagte: ´Wir erwarteten einen bedeutenden Fachgelehrten kennen zu lernen, und fanden eine verehrungswürdige große Persönlichkeit,; wir erwarteten, daß wir Männer der Wissenschaft sehr viel Interessantes hören würden, und Harnacks Anwesenheit wurde für jeden Gebildeten in Kristiana ein unvergängliches Ereignis.”57 . In den letzten Jahren vor dem Krieg steigerte sich die politische Bedeutung solcher Vorträge erheblich. So war man besonders bestrebt, die deutsch-britischen Beziehungen zu pflegen. Es gab internationale Zusammenkünfte, auf denen sich der gegenseitige Friedenswille versichert wurde und die Theologen fühlten sich dem besonders verpflichtet. So auch Harnack. 1909 hielt er die Begrüßungsrede beim Empfang englischer Geistlicher. 1911 war er der deutsche Hauptredner auf der Friedenskundgebung des britisch-kirchlichen Komitees zur Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland. Thema seines Vortrages war „Der Friede die Frucht des Geistes”. Er machte deutlich, daß „der Friede nicht die Frucht des wohlverstandenen Interesses und des umsichtigen Egoismus; er ist nicht die Frucht einer klugen Politik, sondern des Heiligen Geistes, der zugleich ein Geist gereifter Bildung im höchsten Sinne des Wortes ist.”58Anlaß der Friedenskundgebung waren die wachsenden Spannungen zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich im Agadir-Konflikt

16. Der Erste Weltkrieg

Das Unvermeidliche, sich schon seit Jahren Anbahnende war Wirklichkeit geworden. Das Attentat von Sarajevo war nur der Auslöser eines schon lange brodelnden Konflikts. Im August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. „Daß im Krieg die Wissenschaftliche Arbeit hinter die Interessen der Politik zurückzutreten bzw. zu dienen habe, galt in der Gelehrtenwelt Deutschlands weithin als selbstverständlich.”59 Auch Harnack war von dem makaberen „Geist von 1914” ergriffen. Er verfaßte in der Nacht des 4. August die Ansprache Wilhelms II. an das deutsche Volk, er unterzeichnete im Oktober zusammen mit anderen Intellektuellen den chauvinistischen Aufruf „An die Kulturwelt”. 1916 wurde in einem offenen Brief der nationalistische Ton gedämpft und die Umstände der Entstehung erklärt.

„Die Wehrkraft und die Wissenschaft sind die beiden Pfeiler der der Größe Deutschlands, und der preußische Staat hat seinen glorreichen Traditionen gemäß die Pflicht, für die Erhaltung beider zu sorgen.”60schrieb Harnack schon 1909. Als Präsident der „Kaiser-Wilhelm- Gesellschaft” konnte er wenige Wochen nach Kriegsausbruch vermelden, daß „sämtliche Institute neue, mit dem Krieg zusammenhängende Aufgaben in Angriff genommen hätten.”61

Auch die Universität bot nach Kriegsausbruch ein ganz anderes Bild. Die Mehrzahl der Studierenden waren Frauen, dazwischen Kriegsversehrte. Harnack fühlte sich in der Pflicht diesen Menschen weiterhin Hoffnung zu geben, deshalb las er im Wintersemester 1916/17 „Das Wesen des Christentums” nochmal. Auch versuchte er durch volks- und kirchenliedartige Verse die Soldaten im Feld aufzubauen und sie von der Richtigkeit ihres Handelns zu überzeugen.

Der allgemeinen Begeisterung folgte die Ernüchterung und Überlegungen zur Herstellung eines Verständigungsfriedens. Während in der Denkschrift von 1916 „Friedensaufgaben und Friedensarbeit” noch deutlich die Hoffnung zu spüren ist mit innenpolitischen Reformen den kommenden Frieden vorbereiten zu können, schreibt Harnack 1917: „Wir sind überall auf den toten Punkt gekommen und müssen, koste es, was es wolle, über ihn hinauskommen. Auf dem toten Punkt stehen wir seit langem an den Hauptfronten, auf dem toten Punkt in Bezug auf unsere Friedensangebote, auf dem toten Punkt vor allem auch im Innern. Eine dumpfe, unfreudige Stimmung greift um sich, nicht nur in dieser oder jener Schicht der Bevölkerung, sondern überall und auch bei den Besten. … Das Kapital [droht] zur Neige zu gehen - das moralische- mit dem allein man Krieg zu führen und einen erträglichen Frieden zu schließen vermag. Und wo diese dumpfe Stimmung noch nicht die Oberhand gewonnen hat, da wiegt man sich in geradezu schrecklichen Illusionen über die Kriegs- und die allgemeine Lage, als stünden wir noch im August 1914 und eine besiegte Welt läge demnächst zu unseren Füßen.”62

Die innenpolitische Reform im Deutschen Reich kam zu spät und war nicht kraftvoll genug. Und so brachte die Kriegsniederlage den Staatsumsturz mit sich. Seine von Deutschnationalen und Alldeutschen auf der einen und der proletarischen Revolution auf der anderen Seite abgegrenzte Position hielt Harnack auch während der Novemberrevolution und in der Weimarer Republik durch.

17. Neue Aufgaben in der Weimarer Republik

Für Harnack stand fest, daß ein neues Zeitalter der deutschen Geschichte angebrochen war und als Historiker wußte er, daß man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Also richtete er den Blick nach vorn und stand aus historischer und pragmatischer Vernunft auf der Seite des Neuen. Die Grundsätze seines politischen Handelns faßte er in sieben Maximen zusammen: „

1. Ohne nationales Bewußtsein kein Volk, ohne Humanität keine wahre Größe.
2. Ohne Autorität keine Organisation.
3. Ohne Persönlichkeit kein lebenstüchtiges und lebenswertes Leben.
4. Ohne Bekämpfung der Klassengegensätze kein innerer Friede.
5. Ohne Kapital keine Kultur.
6. Ohne Macht kein Staat.
7. Ohne Selbstlosigkeit und Gottesfurcht keine Zukunft.”63

Harnack stellte sich auf den Boden der neuen Verfassung. Er arbeitete an den Paragraphen für Kirche, Schule und Wissenschaften für die Weimarer Verfassung mit. Auch die Kirche hatte ihre distanzierte Haltung aufgegeben und bat Harnack um Mitarbeit. Bei so schwierigen Fragen, wie der Trennung von Kirche und Staat und der verfassungsrechtlichen Neubestimmung in der Gesellschaft, war auf einen Theologen von Harnacks Kompetenz nicht zu verzichten. Harnack wurde in den Vertrauensrat der Altpreußischen Landeskirche berufen, der die Neuordnung der Kirchenverfassung, die Schaffung eines kirchlichen Wahlgesetzes, die Neuordnung der kirchenregimentlichen Funktion nach der Abdankung Wilhelms II. als summus episcopus bearbeitete. Harnack arbeitete im Unterrichtsausschuß mit. Er hatte bereits unter Althoff Einfluß auf die Gestaltung der Volksbildung genommen, war also mit der Thematik vertraut. Seinem Wunsch, den Religionsunterricht an allen Schulen als ordentliches Lehrfach anzuerkennen und zu unterrichten, wurde entsprochen. Ein weiterer Punkt war die Sicherstellung der theologischen Fakultäten an den Universitäten. „Die Forderung der Abschaffung der theologischen Fakultäten haben die modernen Staats- und Gesellschaftskonstrukteure unbesehens vom alten Liberalismus übernommen, ebenso, wie die beiden Obersätze, aus denen sie angeblich folgt: ‘Religion ist Privatsache’ und ‘Kirche und Staat müssen getrennt werden’. Diese abstrakten Sätze sind von jener luftigen Unbestimmtheit, welche alle Folgerungen des alten Liberalismus charakterisiert.”64 In der Tat war der Verbleib umstritten. Theologische Fakultäten sollten in religionswissenschaftliche umgewandelt werden und pietistische Kreise forderten die Loslösung der Theologie von der Wissenschaft. Gegen solche Stimmen wandte sich Harnack. Seine Mühen waren nicht vergebens. Im Artikel 49 der Weimarer Verfassung wurde der Bestand der theologischen Fakultäten an den staatlichen Hochschulen sichergestellt.

Das Ansehen Harnacks im Ausland war sehr hoch. Deshalb wurde er 1921 gebeten als Botschafter nach Washington D.C. zu gehen. Zur 700 JahrFeier der Universität Neapel repräsentierte er Deutschland und 1927 organisierte die Sorbonne eine Harnack-Ehrung für den „grand promoteur des relations intellectuell internationales”65.

Auch als Theologe sah sich Harnack nicht auf dem Abstellgleis. Und gerade in den letzten Lebensjahren wurde er literarisch nochmals sehr produktiv.

18. Theologische Leistungen im hohen Alter

1920 gelang es Harnack endlich das Thema, was ihn sein ganzes theologisches Leben begleitet hatte zum Abschluß zu bringen. Die Bearbeitung der Preisfrage „Marcionis doctrina e Tertulliani adversus Marcionem libris ernatur explicetur” bildete den Anfang seiner jahrelangen durch Amtsgeschäfte immer wieder unterbrochenen Studien zu Marcion. Sofort nach dem erscheinen der Monographie wurden kritische Stimmen laut.

Vor allem seine Einstellung zum Alten Testament wurde, nicht nur von orthodoxen Theologen, angegriffen. Auch Loofs und Holl widersprachen energisch. Harnack hatte die These aufgestellt „Das Alte Testament im 2. Jahrhundert zu verwerfen, war ein Fehler, den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat; es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal, dem sich die Reformation noch nicht zu entziehen vermochte; es aber seit dem 19. Jahrhundert als kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung.”66

Gegen die Versuche, seine Äußerungen über den Rang des Alten Testaments für antisemitische Agitation zu mißbrauchen, hat sich Harnack jedoch stets zur Wehr gesetzt.

Im April 1920 folgte Harnack der Einladung bei der Aarauer Studentenkonferenz einen Vortrag zu übernehmen. Dort traf er mit seinem ehemaligen Schüler K. Barth zusammen, der ebenfalls einen Vortrag hielt „Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke”. Harnack war geschockt über die in expressivem Vokabular der dialektischen Theologie gehaltene Rede.

Drei Jahre nach der Begegnung richtete Harnack in der „Christlichen Welt” „15 Fragen an die Verächter der wissenschaftlichen Theologie unter den Theologen”. Die öffentlich geführte Diskussion brachte keine Annäherung. In drei Punkten zeigen sich die Gegensätze beider besonders deutlich: „

1. Die Wissenschaft und die menschliche Erkenntniskraft wurde von Harnack immer in Beziehung gesetzt zu dem Göttlichen. Der Teufel im Faust weiß, warum er ‘Vernunft und Wissenschaft des Menschenallerhöchste Kraft’ nennt; er weiß, daß er dort Sieger bleibt, wo man diese Kräfte verachtet. Und Harnack teilte auch die andere Überzeugung Goethes: Es wäre nicht der Mühe wert, 70 Jahre alt zu werden, wenn alle Weisheit der Welt Torheit wäre vor Gott. Darum richtete er die Frage an Barth: Wie darf man Scheidewände zwischen dem Gotteserlebnis und dem Guten, Wahren und Schönen aufrichten, statt durch geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken sie mit dem Gotteserlebnis zu verbinden? Er konnte nicht zugeben, daß der Pantheismus Goethes oder der Gottesbegriff Kants lediglich Gegensätze zu den wahrhaften Aussagen über Gott sind; sie waren ihm wohl auch Gegensätze, aber zugleich doch Stufen der Gotteserkenntnis.

2. Kultur und Moral — das war der zweite Gegensatz — sind für Harnack nicht schlechthin das Nicht-Göttliche. ‘Wenn Gott alles das schlechthin nicht ist, was aus der Entwicklung der Kultur und ihrer Erkenntnis und Moral von ihr ausgesagt wird, wie kann man diese Kultur und wie kann man auf die Dauer sich selbst vor Atheismus schützen?’ Schroff stand gegen solche Gedanken die Antwort Barths, daß das Evangelium mit der „Barbarei” soviel und sowenig zu tun habe, wie mit der Kultur.

3. Harnack sah in der Lehre Jesu die unbedingte Schlichtheit, die wahrhaft kindliche Einfalt und Eindeutigkeit; und ihr gegenüber empfand er die Spekulationen der dialektischen Theologie geradezu als eine Verfälschung.”67

1925/26 entstand „Die Entstehung der christlichen Theologie und des kirchlichen Dogmas”. „Eingebettet war der historische und dogmatische Stoff in Betrachtungen über die Kulturleistungen des Christentums. Hier sprach der Kirchenhistoriker, doch zugleich der Kulturpolitiker. Man kann die Vorlesungen als eine groß angelegte Apologie des Christentums lesen. Ihre Standfestigkeit gewann sie durch die kulturellen Erfahrungen des Wissenschaftsorganisators und Gelehrten.”68

Der ökumenischen Bewegung, die nach dem Krieg hauptsächlich von dem schwedischen Bischof N. Söderblom geführt wurde, fühlte sich Harnack sehr verbunden. Sein Gesundheitszustand erlaubte es ihm jedoch nicht der Einladung zur Weltkirchenkonferenz für praktisches Christentum in Stockholm Folge zu leisten. Brieflich forderte er die evangelische Kirche zur Aufgabe der 2-Naturen-Lehre als dogmatisch bindende Aussage auf, da sie den Weg in die evangelische Kirche verbaut.

Trotz seinem Wunsch nach Annäherung der Konfessionen, schloß sich Harnack nicht jedem dieser Versuche an. Zum Beispiel konnte er den Weg, den der hochkirchliche-ökumenische-Bund gehen wollte, nicht mitgehen. „Das Unternehmen des Hochkirchlich-Oekumenischen Bundes ist historisch betrachtet eine Utopie, religiös betrachtet ein Attentat auf den Protestantismus, kirchengeschichtlich aber geradezu eine Täuscherei, mögen sich die Urheber ihrer auch nicht bewußt sein. Die Kirchen des Protestantismus sind reformbedürftig, darin stimme ich mit dem Bunde überein, und auch darin stimme ich ihm zu, daß wir bei dieser Reform Wichtiges von der katholischen Kirche zu lernen haben. Aber mindestens ebenso wichtig ist die Reform des Protestantismus, die sich aus der Vertiefung in seine Grundprinzipien ergibt und ihn daher in einen noch schärferen Gegensatz zum heutigen Katholizismus bringen muß.”69

Am 24. Mai 1930 reiste Harnack mit seiner Frau zur 18. Jahresversammlung der Gesellschaft der Wissenschaften nach Heidelberg, an der er jedoch nicht mehr teilnehmen konnte. Nach einem 14-tägigen Klinikaufenthalt starb Harnack am 10. Juni 1930. Die Beerdigung fand im engsten Familienkreis statt. Doch gaben die zahlreichen Gedächtnisfeiern Zeugnis von der Liebe und Verehrung, die Harnack entgegengebracht wurden.

19. Literaturverzeichnis

Barth, Hans-Martin: Apostolisches Glaubensbekenntnis II/3; In: Müller, Gerhard (Hrsg.): Theologische

Realenzyklopädie, Band 3, Berlin, New York 1978, S. 560- 562

Harnack, Adolf von: Das Wesen des Christentums. Sechzehn Vorlesungen vor Studierenden aller Fakultäten im

Wintersemester 1899/1900 an der Universität Berlin gehalten von Adolf Harnack, Leipzig 1913 . 61.- 65. Tausend

ders.: Dogmengeschichte, Tübingen 1991, 8. Auflage unveränderte Nachdruck der 7. Auflage

ders.: Lehrbuch der Dogmengeschichte 1. Band, Die Entstehung des kirchlichen Dogmas. 2. verbesserte und vermehrte Auflage, Freiburg i. Berlin. 1888

Hübner, Thomas: Adolf von Harnacks Vorlesungen über das Wesen des Christentums unter besonderer Berücksichtigung

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Kantzenbach, Friedrich Wilhelm: Harnack, Adolf von; In: Müller,Gerhard (Hrsg.):

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Nowak, Kurt (Hrsg.): Adolf von Harnack als Zeitgenosse. Reden und Schriften aus den Jahren Weimarer Republik,

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Teil 2 Der Wissenschaftsorganisator und Gelehrtenpolitiker Berlin, New York 1996

ders.:Bürgerliche Bildungsreligion? Zur Stellung Adolf von Harnacks in der protestantischen Zeitschrift für Kirchengeschichte 99 (1988) Heft 3, S. 326- 353

Zahn- Harnack, Agnes von: Adolf von Harnack, Berlin Tempelhof 1936

des Kaiserreichs und der

Frömmigkeitsgeschichte der Moderne; In:

[...]


1 1 vgl. Zahn-Harnack, Agnes von: Adolf von Harnack, Berlin 1936 S. 29

22vgl. Zahn- Harnack S. 40

33vgl. Zahn-Harnack S. 59

44vgl. Zahn-Harnack S. 62

55vgl. Zahn-Harnack S. 100

66vgl. Nowak, Kurt: Adolf von Harnack als Zeitgenosse Band I, Berlin, New York 1996 S. 11

77vgl. Zahn-Harnack S. 133

88vgl. Zahn-Harnack S. 135

99vgl. Nowak S. 15

1010vgl. Zahn-Harnack S. 138

1111vgl. Zahn-Harnack S. 139

1212vgl. Zahn-Harnack S. 143

1313vgl. Nowak S. 10

1414vgl. Zahn-Harnack S. 152

1515vgl. Nowak S. 17

1616vgl. Zahn-Harnack S. 157

1717vgl. Zahn-Harnack S. 160

1818vgl. Zahn-Harnack S. 164

1919vgl. Zahn-Harnack S. 168

2020vgl. Zahn-Harnack S. 174ff.

2121vgl. Zahn-Harnack S. 188

2222vgl. Nowak S. 23

2323vgl. Zahn-Harnack S. 201

2424vgl. Zahn-Harnack S. 201

2525vgl. Nowak S. 32

2626vgl. Zahn-Harnack S. 210

2727vgl. Zahn-Harnack S. 212

2828vgl. Zahn-Harnack S. 214

2929vgl. TRE 3, S. 562

3030vgl. Hübner Thomas: Adolf von Harnacks Vorlesungen über das Wesen des Christentums unter besonderer Berücksichtigung der Methodenfrage als sachgemäßer

3131vgl. Hübner S. 20

3232vgl. Nowak S. 39

3333vgl. Zahn-Harnack S. 351

3434vgl. Zahn-Harnack S. 343

3535vgl. Zahn-Harnack S. 393

3636vgl. Zahn-Harnack S. 397f.

3737vgl. Zahn-Harnack S. 405

3838vgl. Zahn-Harnack S.254

3939vgl. Nowak S. 48

4040vgl. Nowak S. 48

4141vgl. Nowak S. 50

4242vgl. Zahn-Harnack S. 274

4343vgl. Nowak S. 52

4444vgl. Nowak S. 55

4545vgl. Zahn-Harnack S. 432 (Anm. 2)

4646vgl. Nowak S. 65

4747vgl Zahn-Harnack S. 221

4848vgl. Nowak S. 68

4949vgl. Zahn-Harnack S. 407

5050vgl. Zahn-Harnack S. 409

5151vgl. Zahn-Harnack S. 411

5252vgl. Zahn-Harnack S. 414

5353vgl. Zahn-Harnack S. 413

5454vgl. Zahn-Harnack S. 416

5555vgl. Zahn-Harnack S. 417

5656vgl. Zahn-Harnack S. 379

5757vgl. Zahn-Harnack S. 384f

5858vgl. Zahn-Harnack S. 389

5959vgl. Nowak S. 76

6060vgl. Zahn-Harnack S. 447

6161vgl. Zahn-Harnack S. 447

6262vgl. Das Gebot der Stunde. Eine Denkschrift im Juni 1917 dem Reichskanzler eingereicht. In: Nowak Band II S. 1510f

6363vgl. Zahn-Harnack S. 483

6464vgl. Zahn-Harnack S. 496

6565vgl. Nowak S. 86

6666vgl. Zahn-Harnack S. 512f

6767vgl. Zahn-Harnack S. 533f

6868vgl. Nowak S. 88

6969vgl. Zahn-Harnack S. 543

34 von 34 Seiten

Details

Titel
Die Stellung Adolf von Harnacks in der Theologie seiner Zeit
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
34
Katalognummer
V104877
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stellung, Adolf, Harnacks, Theologie, Zeit
Arbeit zitieren
Nikola Schmutzler (Autor), 1999, Die Stellung Adolf von Harnacks in der Theologie seiner Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104877

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