Die Ökonomisierung sozialer Arbeit nach Otto Speck


Skript, 2000

7 Seiten


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1. Die Gefährdung sozialer Qualität

Mittels der neuen Qualitätsüberlegungen und der damit einhergehenden Ökonomisierungstendenzen wird ein Prozess der Kostensenkung und Marginalisierung sozialer Hilfe und des Sozialwertesystems versucht, der eine an mehr Lebensqualität orientierte Qualitätsentwicklung hinter sich lässt.

1.1. Gründe für die Ökonomisierung

- Finanzieller Druck auf den Sozialstaat, Krise des Wohlfahrtsstaates
- Niedriges Wirtschaftswachstum, demographische Altersstruktur
- hohe Arbeitslosigkeit
- verringerte Steuereinnahmen
- aber: verschärfter wirtschaftlicher Wettbewerb und verstärktes Geltendmachen ökonomi- scher Werte als eigentliche Ursache, nicht „explodierende Soziallasten“ und „leere Kas- sen“
- Der Sozialstaat sei zu teuer, nicht mehr bezahlbar, und müsse daher abgebaut werden. Die Quote aller Sozialausgaben betrug aber 1975 genauso wie 1995 33% des BSP
- eine noch nie dagewesene Monopolstellung von Wirtschaft und Finanzmärkten
- einseitige Macht/Dominanz des Ökonomischen, Priorisierung von Ökonomismus und Marktprinzip
- Wirtschaft als autonomes und selbstreferentielles Subsystem der Gesellschaft mit eige- nen Rationalitäten
- Marktfundamentalismus durch Verselbständigung dieses Teilsystems: Ideologien haben aber immer zum Schaden für das Ganze geführt
- Kollektive Selbstbindung kann nicht mehr durchgesetzt werden
- Geldwerte als Leitwerte, homo oeconomicus statt zoon politikon
- mangelnder Protest und Verschleierung durch die Medien

1.2. Gesellschaftliche Auswirkungen

- Die gesetzlich in §93 a BSHG angeordnete Umwandlung von freigemeinnützigen Trägern in Unternehmen
- Liberalisierung, Privatisierung und Zurückdrängung des Staates zugunsten von mehr Ei- genverantwortlichkeit und privater Initiative
- ungerechte Umverteilung der Soziallasten
- Bedrohung von Moral und Wahrung der Menschenrechte durch Entsolidarisierung (z.B. bei Unterstützung Benachteiligter), gesellschaftliche Segregationsprozesse (z.B. Bildung, Schulen, Krankenkassen), selektive Gruppenbildung (z.B. Wohn-Enklaven) und selbstbe- wusstem Utilitarismus (z.B. selektive Solidarität Euthanasiebestrebungen und Eugenik, Bioethik, Sozialdarwinismus)
- Shareholder-Value statt Sozialverpflichtung des Eigentums
- Bedrohung des grundrechtlichen Sozialstaatsprinzips
- wachsende Armut
- Arbeitslosigkeit hierzulande durch Globalisierung
- Abwertung der Arbeit als bloßer Kostenfaktor
- Besondere Gefährdung für Benachteiligte
- Begabungsdifferenzierung im Bildungssystem
- Flexibilisierung in der Arbeitswelt: ständige Risiken im Alltag
- Bürokratisierung, Verrechtlichung und Professionalisierung des Wohlfahrtsstaates
- Inhumanität in Altenpflegeheimen

2. Ökonomisch gesteuerte Qualität

Mit der derzeitigen Qualitätsdiskussion werden Methoden aus der Industrie kopiert, wo das Dienstleistungssystem ganz auf die zu verkaufenden Produkte bezogen ist, während soziale Einrichtungen auf der Basis verbürgter Grundrechte und unbezahlbarer Grundwerte dem Menschen zu dienen haben. Ist eine eventuelle Marktsteuerung im Sozialbereich also sinn- voll?

2.1.Kritik

- „Markt“ bezieht sich immer auf die Organisationen, nicht auf die dahinterstehenden Men- schen
- Konsumentensouveränität fehlt
- messbar sind Quantitäten, nicht (menschliche) Qualitäten
- entscheidend jedoch ist die Lebensqualität aller Beteiligten als Leitbegriff sozialer Qualität
- es entsteht eine Spannung zwischen objektivierbaren partiellen Normen einerseits und subjektiven ganzheitlichen Werten andererseits
- Verdrängung der Ganzheitlichkeit (z.B. Schulsystem: sozio-emotionale Komponente des Lernens fördert nachweislich das kognitive Lernen)
- bei dem Kriterium des Erfolgs handelt es sich um um einen primitiven Input-Output- Denkansatz
- neue Mentalität entsteht, auch ein neuer Jargon der Käuflichkeit und Beziehungslosigkeit (Neue Begrifflichkeiten: z.B. Kaufkraft, Kunden, Konsumenten, Adressaten, Nutzer, Pro- duktionskraft, lean production, outsourcing, total business partnership, Output- Orientierung, Controlling, Contracting out, Pflegemarkt, Ablauforientierung)
- fachlich-professionelle Flexibilität geht durch Spezialisierung und Festlegung auf Funktio- nen verloren
- Marktsteuerung von Qualität nicht sinnvoll, da sich „Markt“ auf die Wirtschaft und deren Interessensgruppen bezieht: diese sieht soziale Qualität als Kostenfaktor ihres Systems
- Qualität sozialer Dienstleistungen ist nicht auf dem Markt bestimmbar: Prinzip „Angebot / Nachfrage“ wird niemals zur Verbesserung sozialer Leistungen führen.
- Markt nötigt zur Qualitätsverbesserung der Waren. Was passiert dann mit der Ware „Mensch“ auf dem sozialen Markt? Gibt es auch dann „Ausschussware“? Oder wird er zur Wertanlage?
- Im Grunde gehört die Sorge um hilflose und hilfebedürftige Menschen nicht auf den Markt! Menschen sind keine Waren!
- Unsittlichkeit von Konkurrenz auf dem sozialen Markt: Einerseits sind menschliche Quali- täten nicht miteinander zu vergleichen, andererseits soll soziale Qualität, die jemand für einen anderen aufbringt, nicht angepriesen werden
- Menschlichkeit im ganzheitlichen Sinn ist nicht bezahlbar
- „Die finanzielle Benachteiligung dieser [Sozialer] Arbeit erklärt sich dadurch, dass es vie- len Menschen genug ist, anderen helfen zu können, und Scheu haben, ihr soziales Engagement mit einem Preis versehen zu lassen.“
- „Unternehmen“ sind keine sozialen Einrichtungen!
- „In jedem Falle ist eine Marktwirtschaft nur so weit normativ zu rechtfertigen, als sie tat- sächlich in ihren Ergebnissen dem Menschen dient und Solidarität und Gemeinwohl nicht aufhebt.“
- Gewinne ohne den Menschen wären Verluste an Humanität
- der Sinn sozialer Einrichtungen liegt nicht in der Erwirtschaftung von Gewinn, sondern in der Wohltätigkeit
- das Soziale als öffentliches Gut darf nicht im Wettbewerb dem Risiko eines Ruins ausge- setzt werden: das Ankämpfen gegen Konkurrenten wäre unmoralisch
- Sozialkonzerne könnten entstehen mit einer Verdrängungsstrategie durch die Etablierung von Minimalstandarts/Sozialdumping
- wenn es um Menschen geht, ist Wettbewerb unsozial: der Begriff an sich birgt Schaden für jegliches zwischenmenschliches Handeln, Verlierer sind immer die Schwächeren
- durch Wettbewerb sind Leistungsgefälle und Qualitätsspaltung zu befürchten, was „Rest- qualität“ für öffentliche Einrichtungen und „unrentable“ Unternehmensteile für Billig-Träger nach sich zöge
- sozio-psychologische Folgen der Umwandlung von Kollegen- in Konkurrenzverhältnisse: Überforderung, Intensivierung der Arbeit, Motivationsabbau
- Qualität, Effizienz und Kundenorientierung gab es im Bereich sozialer Dienstleistungen seit jeher, es bedurfte hierfür nicht des Marktes!
- Zentrale Werte des Sozialen drohen jedoch hierdurch Schaden zu nehmen: Pflege der Beziehungen, Menschlichkeit, ungeplante Wege, Offensein für den Anderen, Ertragen der Ungewissheit, Gehen von Umwegen, die oft eher zum Ziel führen als „lean production“ u.ä.

2.2. Gegenmaßnahmen

- Aufzeigen der gefährlichen Folgen einer dogmatisierenden Ökonomik
- politische Abstimmung der Teilsysteme aufeinander
- gegenseitige Kooperation der Träger in Verantwortung aller füreinander
- Belebung bürgerschaftlicher Aktivitäten
- Bsp. Niederlande: Umverteilung von Arbeit und Einkommen auf der Basis von Freiwillig- keit und Flexibilisierung der Arbeitszeiten/Arbeitsdauer
- relativ offene Bedingungen statt verordnete und kontrollierte Systematik
- lebensqualitätsorientierte offene Ansätze der Qualitätssicherung mit interaktionalen Me- thoden statt reiner Output-Kontrolle

3. Soziale Qualität in der Praxis

Damit kein qualitativer Einbruch erfolgt, muss sich in den Strukturen der Sozialen Arbeit Ent- scheidendes verbessern. Da soziale Einrichtungen jedoch schon immer zu wirtschaften ver- standen, müssen nicht aufgrund deren Verhaltens neue Antworten gefunden werden, son- dern wegen der veränderten gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Rahmenbe- dingungen.

3.1. Begriffsklärung

3.1.1. Qualitätsentwicklung

Fachlich und moralisch orientierte, lebenwertorientierte Qualitätsentwicklung auf der Basis sozialer Werte

- ist eine systemimmanente und permanente Aufgabe
- dient der Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität aller Beteiligten
- zielt auf persönliches Wohlbefinden und auf professionelle Qualifizierung
- integriert fachliche und institutionelle Qualität im Sinne von Lebensqualität und Wirtschaft- lichkeit zugleich
- erhält der ethischen Maxime der Unverfügbarkeit und Unkalkulierbarkeit des Menschen seine Gültigkeit

3.1.2. Qualität

Qualität als wertmäßige Beschaffenheit einer Leistung im Sinne des beabsichtigten oder erwarteten Zweckes lässt sich nur bedingt messen: sie wird lediglich anhand ihrer Bedingungen bewertet, was eine Objektivierung oder Standardisierung und somit die Qualitätssicherung einer Leistung im sozialen Interaktionsfeld unmöglich macht.

Begriffliche Unterscheidung I: Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität Begriffliche Unterscheidung II:

- Betriebswirtschaftliche Qualität (nur ökonomischer, also begrenzter Wert) · Spitzenqualität (führt zu Eliten, also auch nicht im Sinne sozialer Qualität) · Mindest- oder Restqualität (Überlebensminimum)

3.1.3. Soziale Qualität

Wertkomplex, der sich auf das Individuum als Person mit unverlierbarer Menschenwürde, und zugleich auf seine Zugehörigkeit (Inklusion) zu anderen in einer ihm und dem Gemeinwohl förderlichen Weise bezieht.

Teilwerte sozialer Qualität: Menschlichkeit, Autonomie, Professionalität, Kooperativität, Organisationale Funktionabilität, Wirtschaftlichkeit.

Das integrative Qualitätsmodell: Interaktionalität der Teilwerte in einem komplexen Prozess.

[ DAS „INTEGRATIVE QUALITÄTSMODELL“ = ERSTE GRAFIK AUF DER FOLIE! ]

3.2. Umsetzung durch Konzepte

3.2.1. Begriffsunterscheidungen

- Qualitätssicherung: Methodensystem, mit dem Qualität nach bestimmten Kriterien er- zeugt, geprüft und garantiert werden soll
- Qualitätsentwicklung: alle innerinstitutionelle Aktivitäten zur Verbesserung der Qualität
- Qualitätsmanagement: Personalsteuerungssystem, das organisatorisch für das gesamte Dienstleistungssystem bestimmend ist und zuvorderst auf dessen wirtschaftliche Effizienz ausgerichtet ist.

3.2.2. DIN EN ISO 9000

- bezieht sich auf Design/Entwicklung, Produktion, Montage und Kundendienst von Waren
- Orientierung an Kundenzufriedenheit, Produktivität, Kostenreduzierung und höheren Marktanteilen statt an menschlichen Aspekten im Zusammenhang mit der Erbringung ei- ner Dienstleistung
- Oberste Leitung und Audits als Steuerungsinstanzen
- der Markt als das einzige Korrektiv der obersten Leistung
- Schwierigkeit des Kundenbegriffs bei Sozialer Arbeit
- Kunde wird mit dem Menschen und dessen ganzheitlichen Bedürfnissen gleichgesetzt
- pädagogische Unsinnigkeit bloßer Kundenorientierung
- Gefahr des Opportunismus bei der Nutzerorientierung
- Verursachung neuer Kosten

3.2.3. Qualitätshandbücher

- Kompendium all dessen, was fachliche Kompetenz ausmacht und professionelle Arbeits- weisen bzw. Handlungsschritte betrifft
- Evaluations-, Dokumentations- und Kontrollmethoden als Inhalt
- Gliederung nach dem Kategorienmuster der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität
- fragliche Realisierbarkeit der Umsetzung
- Gefahr von Standardmaßstäben
- Verwendung wohl vor allem bezüglich der (meist fachfremden) Kostenträger

3.2.4. Controlling-Ansätze [ ZWEITE GRAFIK! ]

- beruhen auf externer Führung
- Strategien, die auf eine totale Inanspruchnahme aller Beteiligten abzielen, um ein Höchstmaß an Effizienz bzw. ein Verhindern von Qualitätsmängeln systematisch sicher- zustellen
- Bsp.: „Total Quality Management“ (TQM)
- einbahnige Kommunikation, dominante Marktorientierung
- perfekte Überwachung: „gläserne Einrichtung“
- Umsetzung über ein hierarchisches Führungs- und Kontrollsystem
- normativ-ethische Leitbilder stehen unverbindlich außerhalb des betriebswirtschaftlich geschlossenen Systems (haben im besten Falle eine persönlich-normative Funktion für den einzelnen Betriebsangehörigen)
- „ökonomischer Effizienzwahn“

3.2.5. Reflexionsansätze [ DRITTE GRAFIK! ]

- beruhen auf interner Vergewisserung
- die Folgerung aus der Unverplanbarkeit und Unverfügbarkeit menschlichen Denkens, Wertens und Handelns
- dialogisches institutionsinternes Reflexionssystem zur Selbstkontrolle und Selbstbewer- tung im Sinne eines Zusammenwirkens aller beteiligten Personen, Instanzen und Fakto- ren

3.2.6. Evaluationsverfahren

- reflexiv
- auf menschlichen Werten beruhend
- Dokumentationen
- Externe Berater und Qualitätsbeauftragte

3.2.7. Der innere Zusammenhang von sozialem Handeln, Bewerten und Lernen

- Reflexion und Evaluation, Erfahrung und Verbesserung: LEBENSLANGES LERNEN

3.2.8. Gemeinsame Wertmaßstäbe und organisationales Lernen

- Evaluation muss auch die verschiedenen Adressaten oder Betroffenen miteinbeziehen § Ethos einer Einrichtung spiegelt sich in ihrer Reflexionskultur wieder § Lebensqualität in der Institution durch Qualitätswegweiser statt -standards § Mitbestimmung, Transparenz und moralische Glaubwürdigkeit als Folge

4. Fazit

Der soziale Bereich stellt keine Unterabteilung der Ökonomie dar, und hat daher seinem eigenen Wertesystem zu folgen. Darüberhinaus verfügt er über eigene Methoden der Qualitätsentwicklung, die geeigneter sind, soziale Qualität tatsächlich zu sichern und gegen Ökonomisierungszwänge zu schützen.

Quelle: Speck, Otto (1999): Die Ökonomisierung sozialer Qualität. Zur Qualitätsdiskussion in Behindertenhilfe und Sozialer Arbeit. München, Basel: Reinhardt-Verlag.

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Details

Titel
Die Ökonomisierung sozialer Arbeit nach Otto Speck
Autor
Jahr
2000
Seiten
7
Katalognummer
V104900
ISBN (eBook)
9783640032020
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeit, Otto, Speck
Arbeit zitieren
Michael Hainzinger (Autor:in), 2000, Die Ökonomisierung sozialer Arbeit nach Otto Speck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104900

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