Die Neuorientierung der DDR-Außenpolitik unter Erich Honecker


Hausarbeit, 2000
21 Seiten, Note: 1,3

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Gliederung:

1. Einleitung

2. Aufbruch in die internationale Politik
2.1. Die Bedingungen
2.2. VIII. Parteitag als Zäsur
2.3. Von Erfolg zu Erfolg
2.4. Kurs auf ergebene Außenpolitik

3. Die Phase der ergebenen Außenpolitik von 1976 bis 1981
3.1. Vom Vasallen zum Juniorpartner
3.2. Engagement in der Dritten Welt
3.3. RGW-Krise und Eskalation im Kalten Krieg

4. Die Phase der bewahrenden Außenpolitik von 1981 bis 1986 - Friedenspolitik aus Pragmatismus

5. Die Phase der unnachgiebigen Außenpolitik von 1986 bis 1989 - Die Isolation beginnt

6. Der Rettungsanker?: Das Verhältnis zur Bundesrepublik Deutschland 1986 bis 1989
6.1. Scheinbar am Ziel: Der Staatsbesuch in Bonn 1987
6.2. Die Wahrheit

7. Zusammenfassung

8. Literatur

1. Einleitung

Als Erich Honecker 1971 Walter Ulbricht an der Spitze des Staates ablöste, vollzog sich tatsächlich eine Wendung in der bis dahin eingeengten Außenpolitik der DDR. Wie diese Arbeit zeigen wird, muß man dies nicht allein Erich Honecker anrechnen, vielmehr spielten eine Reihe von externen Faktoren eine einflußnehmende Rolle.

Diese Ausarbeitung kann aufgrund ihrer Kürze nur die wesentlichen Charakterzüge und Ereignisse einer Periode darstellen, die immerhin 18 Jahre umfaßt. So werden verschiedene Thematiken nur am Rande eine kurze Erwähnung finden können. Am Ende sollte jedoch klarwerden, wie sich die Außenpolitik der DDR in verschiedenen Phasen darstellte. Ich halte mich dazu an das Rosenausche Adaptationsmodell ohne hier jedoch näher darauf einzugehen. Mir erscheinen vielmehr die daraus hervorgehenden Phasen als äußerst praktisch für die Strukturierung der Analyse im Untersuchungszeitraum.

Ich beginne mit der Phase des Aufbruchs in die internationale Politik. Konkret bezeichnet dies den Zeitraum von 1971 bis 1976. In dieser Zeit geschahen die grundlegendsten Ereignisse, und gleichzeitig feierte Erich Honecker hier die erfolgreichste Zeit seiner außenpolitischen Herrschaft. In diesen fünf Jahren war auch die meiste „Bewegung“ der bis dahin starren Außenpolitik der DDR.

Die zweite Phase von 1976 bis 1981 beschreibt die Strategie der ergebenen Außenpolitik. Charakteristisch ist hier die extrem starke Bindung der DDR an die Sowjetunion, welche man klar als Unterordnung bezeichnen kann. Diese Tatsache war immer existent. Niemals konnte der Generalsekretär der SED eine größere außenpolitische Handlung ohne die Billigung (Genehmigung) des Generalsekretärs der KPdSU vollziehen.

Zwischen 1981 und 1986 folgt die Strategie der bewahrenden Außenpolitik. In Zeiten der zunehmenden Eskalation zwischen den Supermächten lief die DDR hier Gefahr zerrieben zu werden. Dies führte zu einer „pragmatischen“ Außenpolitik die vorrangig auf Friedenssicherung hinauslief.

Schließlich kann ich die letzte Phase zwischen 1986 und 1989 als die Strategie der unnachgiebigen Außenpolitik kennzeichnen. Mit dem Machtantritt Gorbatschows begann eine Reformierung des sozialistischen Systems der SU, welche sich konsequenterweise auch auf die „Bruderstaaten“ auswirkte. Hierbei zeigte sich in der DDR die Starrköpfigkeit und Unflexibilität der Führung, die sich natürlich auch auf die Außenpolitik niederschlug. Zudem wurden politische Entscheidungen zunehmend zentralisierter getroffen, d.h. durch Erich Honecker persönlich.

Am Ende werde ich das Verhältnis zur BRD in den letzten Jahren des Bestehens der DDR nochmals gesondert darstellen, auch um die sprichwörtliche Schizophrenie des Realsozialismus in der DDR aufzuzeigen.

Am Ende dieser außenpolitischen Skizzierung sollen die wichtigsten Etappen der Honeckerschen Außenpolitik und deren Umstände und Beeinflußungsfaktoren klargeworden sein.

2. Aufbruch in die internationale Politik

2.1. Die Bedingungen

Die Analyse wäre falsch, würde man die Erfolge der 70er Jahre nur Erich Honecker zuschreiben. Vollständigerweise muß erwähnt werden, daß hierbei die Regierung Brandt in Bonn einen entscheidenden Einfluß hatte.

Die BRD hatte sich außenpolitisch unter den christlich-liberalen Koalitionen festgefahren. Die Hallstein-Doktrin wirkte zwar ausgezeichnet, begann aber Ende der 60 Jahre wiederum auf die BRD zurückzustrahlen und trieb diese ebenfalls in eine außenpolitische Isolation. Willy Brandt und speziell sein „Ostexperte“ Egon Bahr versuchten ab 1969 diese Umklammerung zu durchbrechen. Die Hallstein-Doktrin wurde still und leise begraben und man machte fortan Politik mit „Wandel durch Annäherung“.

Der damalige DDR-Außenminister Winzer nannte sie die „Aggression auf Filzlatschen“1. Tatsächlich schien es anfangs wie ein Sieg der DDR-Oberen auszusehen, die BRD hatte kleinbeigegeben. Doch „Wandel durch Annäherung“ verfolgte nicht nur das Ziel die Bundesrepublik außenpolitisch voranzubringen. Durch sie sollte sich auch eine eigene Dynamik entwickeln, welche das Volk speziell in der DDR erfaßte2. Im positivsten Falle sollte es einen Umbruch hervorrufen.

Ein zweiter grundlegender Fakt ist die starke Abhängigkeit der DDR von der Sowjetunion. Erich Honecker war zwar der mächtigste Mann der DDR, doch über seinen Entscheidungen stand stets der Generalsekretär der KPdSU. In allen Bereichen mußte mit den Sowjets abgestimmt werden. Das Procedere war immer das Gleiche: Entweder flog Honecker bei wichtigen Entscheidungen persönlich nach Moskau, oder zumindest koordinierte man sich mit dem sowjetischen Botschafter in Berlin.

Die Erklärung dafür fällt natürlich nicht schwer. Die DDR war in allem abhängig von der Sowjetunion, wirtschaftlich und militärisch. Schließlich standen über 300 000 Soldaten der Roten Armee auf ostdeutschem Boden. Hinzu kam die außerordentliche Rohstoffarmut der DDR, die deshalb importieren mußte - aus der SU.

Dies waren die außenpolitischen Rahmenbedingungen in die Erich Honecker 1971 startete.

2.2. VIII. Parteitag als Zäsur

Schon vor 1971 war es Honeckers Ziel, nach der Macht im Staate zu greifen und Ulbricht aus dem Weg zu räumen. Wie wir heute wissen, ging er dabei schockierend skrupellos vor und nutzte auch in späteren Zeiten jede Möglichkeit Ulbricht zu demütigen3. Letztendlich intrigierte er erfolgreich und kam mit Hilfe von Leonid Breshnew auch zum Zuge. Zwischen beiden entwickelte sich eine Männerfreundschaft. Der Sowjetchef ermöglichte den Machtwechsel jedoch mit scharfen Auflagen. Er forderte eine fast bedingungslose Unterordnung unter sowjetische Interessen.

Honecker reagierte folgsam, und demonstrativ bekannte er sich ohne Umschweife zum Bruderbund mit der Sowjetunion. Die DDR war seiner Meinung nach „ein fester und unverrückbarer Bestandteil der sozialistischen Staatengemeinschaft, in enger Freundschaft verbunden mit dem Lande Lenins, der ruhmreichen Sowjetunion. Damit war die Unterordnung wieder hergestellt. Ulbricht hatte dagegen viel mehr Gleichberechtigung gefordert: „Wir sind nicht Bjelorußland, wir sind kein Sowjetstaat. Also echte Kooperation“4. Honecker nutzte den VIII. Parteitag der SED 1971 um den zukünftigen außenpolitischen Kurs der DDR zu skizzieren. Konkret nannte er drei Hauptschwerpunkte: 1) noch engere Bindung an die SU (was bald darauf sogar verfassungsrechtlich festgeschrieben wurde), 2) die internationale völkerrechtliche Anerkennung der DDR und 3) die Aufnahme normaler Beziehungen zur BRD. Innenpolitisch beerdigte Honecker Ulbrichts Neues Ökonomisches System und proklamierte die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Das war ein entscheidendes Faktum auch für die Außenpolitik, mußte doch die Außenwirtschaft die dringend benötigten Devisen für diesen Konsumsozialismus ins Land bringen. Eine Tatsache die Jahre später verheerende Folgen haben sollte.

In Bezug auf die Sowjetunion steckte Honecker ebenfalls die Marschroute ab. In den folgenden Jahren wollte er die DDR aus der Rolle des Vasallen hin zum bevorzugten Bündnispartner des übermächtigen Bruders führen.

In Bezug auf das Verhältnis zur BRD muß ein noch gewichtiger Faktor berücksichtigt werden: die (West-)Deutschlandpolitik der Sowjetunion. Die Kremlherren erkannten in der neuen Ostpolitik der Regierung Brandt eine Chance für ihre immer mehr in die Krise geratende Wirtschaft. So hofften sie auf westdeutsche Technologie und Kredite. Selbstredend konnte hier ein gespanntes Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten nur hinderlich sein. Eine Tatsache die vor allem Erich Honecker noch schmerzlich spüren sollte.

2.3. Von Erfolg zu Erfolg

Schneller als gedacht bekam Erich Honecker die harte Hand aus Moskau zu spüren. Schon 1972 kam es zum Grundlagenvertrag zwischen der DDR und BRD. Im Zuge dessen erkannte die Bundesrepublik die DDR mit Ausnahme der Staatsbürgerschaft faktisch an. Genau dies war einer der strittigsten Punkte in Ost-Berlin. Schließlich wurde man aber aus Moskau auf die Unterzeichnung gedrängt, gerade in der deutsch-deutschen Frage wollte man die zuvor gewonnenen guten Kontakte nach Bonn nicht belasten. Denn die Sowjetführung benötigte „dringend massive westliche, besonders deutsche Kredite und Technologie für die Erschließung der reichen Energie- und Rohstoffquellen in Sibirien und anderen entlegenen Regionen, [...] um dadurch die Getreide und Investitionsgüter aus dem Ausalnd importieren und die sowjetische Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Konsumgütern zu versorgen.“5

Andererseits diente eben jene Annäherung wiederum auch der verstärkten Abgrenzung zum westlichen System. Man hoffte in Moskau auf diese Weise die negativen Folgen der „neuen Ostpolitik“ auf die DDR abzufedern.

Honecker begrub am 21. Dezember 1972 damit vorerst seine Zwei-Nationen-Theorie. Das Zustandekommen des Vertrages muß wohl für Ost-Berlin eine recht schizophrene Angelegenheit gewesen sein. Ging es doch auch darum sich von der Sowjetunion zu emanzipieren und andererseits vor Bonn Größe zeigen. Egon Bahr veranlaßte dies in einem Brief an Helmut Schmidt im April 1972 zu folgender Bemerkung: „Wenn man sich erinnert, wie stark Honecker vor zwei Jahren gegen Verhandlungen mit der BRD überhaupt gewesen ist, kann man sich vorstellen, was diese Entwicklung in der DDR-intern bedeutet: Tiefe Unsicherheiten in den Kadern und das Gefühl, von den Russen und der BRD unter Druck gesetzt zu werden.“6

Honecker war in einer schwierigen Situation. Obwohl offiziell linientreu, sah er sich einem ständigen Mißtrauen der sowjetischen Führung ausgesetzt, besonders von Breshnew und Gromyko. Honecker hatte die nationalsozialistische Zeit im Gefängnis verbracht und nicht wie Walter Ulbricht im Exil in Moskau. Man glaubte deshalb bei ihm an ein stärker ausgeprägtes „nationalpatriotisches“ Element und ein größeres Streben nach selbstständiger Politik der DDR vor allem im deutsch-deutschen Bereich. Drängten ihn die Sowjetführer einerseits zwar auf eine Unterzeichnung des Grundlagenvertrages, so überwachten sie andererseits penibel die Abläufe der Verhandlungen.

Der Grundlagenvertrag selbst war ein Kompromißprodukt bei dem beide Staaten von ihren Maximalpositionen Abstand nehmen mußten. Als Geschäftsgrundlage für weitere bilaterale Beziehungen aber konnte er immerhin dienen. Benno-Eide Siebs bemerkt dazu, daß seine große Stärke darin lag, die strittigen Punkte offen zu lassen.7

Für die DDR hatte sich hier dennoch ein Ziel des VIII. Parteitages erfüllt: Die Aufnahme „normaler“ Beziehungen zur BRD. Der Preis war zwar die de facto Anerkennung der staatlichen, nicht aber der staatsbürgerlichen Existenz. Zudem wurden nicht wie „normal“ Botschafter ausgetauscht, sondern lediglich Ständige Vertreter (Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Staaten ist ebenfalls, daß der Ständige Vertreter Bonns, dem Innenministerium unterstand, und der Ost-Berlins dem Außenministerium).

In der Folge rollte auf die DDR eine Welle von staatlichen Anerkennungen zu. Ende 1973 hatten 63 Staaten die DDR anerkannt (1974 sogar die USA). Man muß hier feststellen, daß wohl viele Staaten bis zum Abschluß des Grundlagenvertrages gewartet hatten. Insofern hat er die Entwicklung nicht initiiert sondern höchstens gebündelt und beschleunigt. Am 18. September folgte ein nächster Höhepunkt: DDR und BRD wurden als Vollmitglieder in die UNO aufgenommen. Die vorläufige Krönung der Honeckerschen Außenpolitik war jedoch die Unterzeichnung der KSZE-Schlußakte in Helsinki im Juli 1975. Erich Honecker saß zwischen Bundeskanzler Schmidt und US-Präsident Ford - nun fühlte er sich endgültig als Staatsmann von Format bestätigt. Wie wichtig ihm dieser Akt in der finnischen Hauptstadt war, zeigt eine Anekdote, welche DDR-Diplomat Horst Grunert in seinem Buch anführt. Hierbei übernahm Honecker selbst die Leitung der Delegation, obwohl damals normalerweise der Vorsitzende des Ministerrates Willi Stoph das offiziell ranghöchste Mitglied war.8

2.4. Kurs auf ergebene Außenpolitik

Um im Vokabular des real existierenden Sozialismus deutsch-demokratischer Ausprägung zu sprechen: Die Vorhaben des VIII. Parteitages der SED wurden planmäßig erfüllt (zumindest außenpolitisch). Die DDR führte eine „normale“ Beziehung zur BRD, war international als Staat anerkannt, UNO-Mitglied und war im Begriff sich der Sowjetunion immer mehr als vollwertiger „Bruderstaat“ zu nähern. Die Verbundenheit mit Moskau wurde gar in der Verfassung verankert. Zum Höhepunkt der Politik der engeren Anbindung an die Sowjetunion wurde der am 7. Oktober 1975 in Moskau unterzeichnete bilaterale „Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“. In der Präambel des Vertrages bekannte sich die DDR ausdrücklich zur weiteren Annäherung an die sozialistischen Nationen bis hin zum kommunistischen Endziel der Verschmelzung der Nationen. Dieser Vertrag war für die DDR von immanenter Bedeutung, konnte man nun doch Anspruch auf die Rolle des privilegierten Juniorpartners erheben.

Die enge Anlehnung an die Sowjetunion war in den ersten Jahren der Amtszeit Erich Honeckers in Bezug auf die Außenpolitik äußerst fruchtbar. Die europäische Entspannungspolitik des Kreml, nicht zuletzt auch bedingt durch wirtschaftliche Aspekte, führte in deren Fahrwasser auch die DDR zu internationaler Anerkennung. Zugleich garantierten die Sowjets militärisch wie politisch Schutz.

Das zuvor schon einmal beschriebene Mißtrauen, welches Honecker aus Moskau entgegenschlug, konnte ihm selbstverständlich nicht verborgen bleiben. Stattdessen aber pflegte er einige kleine Kontakte eigener emanzipierter Politik. Einer davon war Herbert Wehner, der ab 1973 selbst den persönlichen Kontakt zu Honecker suchte. Somit besaß man in Ost-Berlin einen direkten Draht nach Bonn ohne den Umweg Moskau. In der Folge dessen kamen einige Vereinbarungen zustande, unter anderem über Reiseregelungen und Kredite (Swing bis 850 Mio DM).

Auch Druck aus Moskau, welches immer wieder intervenierte in scheinbar zu enge deutschdeutsche Kungeleien, zeigten bei Erich Honecker nur vorübergehend Wirkung - er verhandelte trotzdem weiter. Warum? War er mittlerweile etwa so selbstbewußt, daß er sich dies meinte erlauben zu können?

Zu einem Teil war es wohl so, aber die Gründe waren vielmehr ökonomischer Natur. Schon ab Mitte der siebziger Jahre stieg der Schuldenberg der DDR drastisch an. Hilfe aus der Sowjetunion war nur in unzureichendem Maße möglich. So blieb Honecker nichts anderes übrig als sich dem Westen mehr zu öffnen - wie wir heute wissen war dies der erste Schritt in die Abhängigkeit der sozialistischen Planwirtschaft (und des Staates) von westlichem Kapital. Zudem drohte die Aufweichung der bisher praktizierten Abgrenzungpolitik, d.h., es war ein ständige Gratwanderung zwischen Kooperation und Abgrenzung.

3. Phase der ergebenen Außenpolitik von 1976 bis 1981

3.1. Engagement in der Dritten Welt

Die internationalen Erfolge der frühen siebziger Jahre machten aus dem Parteichef Erich Honecker schon bald den Außenpolitiker Erich Honecker. Die Welle von Anerkennungen der vergangenen Jahre ermöglichten der DDR auch Aktivitäten über die Landesgrenzen hinaus, hierbei vornehmlich in der Dritten Welt. Anknüpfend an die Richtlinien des VIII. Parteitages und der daraus folgenden Politik blieb die Richtung der Außenpolitik auch in Bezug auf Dritte-Welt-Länder stark sowjetischen Interessen verhaftet. Zugleich konnte man hier den „großen Bruder“ auch mit Erfolgen beeindrucken.

Die Zielstellung war dabei immer die Gleiche: Man engagierte sich zwar unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe, besonders bevorzugt wurden aber nur Länder, von denen man sich in weiterer Zukunft eine Entwicklung im sozialistischen Sinne versprach. Stellvertretend seien hier Länder wie Mosambique, Äthiopien oder Nicaragua genannt. Selbstverständlich unterstützte die DDR auch diverse Freiheitsbewegungen oder oppositionelle Gruppen, nicht selten wurde dies innerhalb des eigenen Landes zu agitativen Zwecken benutzt. Die Hilfe für Dritte-Welt-Länder belief sich ab Mitte der siebziger Jahre auf finanzielle Zuwendungen, Militärhilfe / Rüstungsgüter und Experten vor Ort zur Erschließung von Agrarwirtschaft und Bodenschätzen. Mit der zunehmenden Krise von Honeckers „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ und der stetigen Knappheit an frei kovertierbaren Währungen, wurde die Hilfe für die Dritte Welt ab den achtziger Jahren stark zurückgefahren.

3.2. Vom Vasallen zum Juniorpartner

Mit dem Freundschafts- und Friedensvertrag 1975 in Moskau fühlte sich Erich Honecker endgültig etabliert als bevorzugter Juniorpartner der Sowjetunion.

Nach meiner Meinung fällt es allerdings schwer zu entscheiden, wo die Grenze zwischen Vasall und Juniorpartner liegt. Man kann es durchaus als ein psychologisches Element betrachten. Ohne Zweifel gewann die DDR ab Anfang der siebziger Jahre für die Sowjetunion immer mehr an Bedeutung und wurde bald der wichtigste Partner in einer Wirtschafts- und Militärgemeinschaft. Allerdings war die DDR in diesen Bereichen immens von der SU abhängig, ohne Rohstoffimporte aus der Sowjetunion ging in der DDR- Planwirtschaft nichts. Dieses zentrale Problem taucht immer wieder auf und führt Erich Honecker im weiteren Verlaufe immer mehr in die Arme des „Kapitals“. Auch auf militärischem Gebiet ist die Bedeutung der NVA für die Rote Armee in Frage zu stellen. Viel ist über diese Thematik schon geschrieben wurden. Fakt ist jedoch, daß die DDR-Streitkräfte in allen Punkten abhängig waren von der Bruderarmee. Dies galt nicht nur für Waffen, sondern für die gesamte Existenzberechtigung der NVA, welche diese nur der Anwesenheit der sowjetischen Truppen verdankte (wollte eine NVA-Einheit aus ihrer Kaserne „auslaufen“, so mußte dazu erst das Einverständnis des zuständigen sowjetischen Kommandeurs eingeholt werden).

Im Grunde ist das eben geschilderte exemplarisch für die Gesamtkonstellation im zweiten deutschen Staat. Die DDR war in jeder Hinsicht abhängig von Moskau. Jede politische Entscheidung mußte mit der Führung im Kreml abgestimmt sein. Für emanzipierte Versuche hatten die Sowjets nichts übrig. Das Beispiel von Honeckers eigener Deutschlandpolitik belegt es. In aller Konsequenz muß man feststellen, daß die DDR letztendlich ihre gesamte Existenzberechtigung dem Kalten Krieg und der Rolle der Sowjetunion verdankte. In ihren Entscheidungen war die DDR als Staat niemals souverän und jede weitere Verbesserung hin zu mehr Freiheit in politischen Entscheidungen könnte man durchaus auch nur als sowjetische Zugeständnisse bezeichnen.

Insofern möchte ich zu bedenken geben, daß der Begriff Juniorpartner, den man heute gelegentlich in der Literatur findet, nichts mehr als nur ein anzustrebendes Ideal darstellt, denn in Wirklichkeit konnte die DDR niemals über die Rolle des Vasallen hinaus gelangen, allein durch die Abhängigkeit in den entscheidenden Feldern von der Sowjetunion.

3.3 RGW-Krise und Eskalation im Kalten Krieg

Bis 1981 hielt sich Erich Honecker wie versprochen treu an die Linie, die ihm aus Moskau vorgegeben wurde. Wenn auch zwischendurch gelegentlich Spannungen auftraten wie beim Abschluß des Grundlagenvertrages, so kann man doch bis 1981 von der Phase der ergebenen Außenpolitik sprechen. Zwar ließ Honecker sich beim Vertragsabschluß 1972 von den Sowjets den Kompromiß förmlich aufdiktieren, wurde aber niemals müde, die DDR gegenüber der BRD als selbstständigen, international respektierten Staat zu deklarieren. Zentrales Element stellte hierbei die verschärfte Abgrenzung zum anderen deutschen Staat dar, ganz in sowjetischem Interesse. Charakteristisch sind dafür die Forderungen, die Erich Honecker bei einer Rede in Gera im Oktober 1980 hielt, welche später als „Geraer Forderungen“9 eingegangen sind.

Gegen Ende der siebziger Jahre verschärfte sich die Wirtschaftskrise im RGW. Die Sowjetunion war nicht mehr in der Lage, höhere und preiswerte Rohstoffmengen zu liefern. Um aber das Programm von der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ weiterhin einzuhalten, hätte die DDR eine Exportoffensive starten müssen, um der galoppierenden Verschuldung Einhalt zu gebieten. Das vorrangige Interesse der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ war macht- und innenpolitisch. Durch höhere Konsumangebote sollte die Bevölkerung ruhig gestellt werden. Die Parteiführung kaufte sich damit gewissermaßen die ihr fehlende Legitimität. Zu diesem Zweck hatte man Anfang der siebziger Jahre hohe Kredite aufgenommen, welche nun durch Exporterfolge hätten zurückgezahlt werden müssen. Alles Insistieren Erich Honeckers in Moskau, ob der sich gefährlich zudrehenden Preisspirale half nichts. Die SU konnte selbst kaum Rohstoffe und Kredite liefern.

Einen Ausgleich bot dafür der Westhandel und war auch am lukrativsten, da die Bundesregierung vor allem ein politisches Interesse am Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen hatte. Doch gab es die wirtschaftlichen Leistungen nicht umsonst. Honecker mußte sich in humanitären Fragen öffnen, was wiederum das Mißtrauen Moskaus verstärkte. Erschwerend zur ohnehin globalen Rezession kam die politische Komponente. Der NATO- Doppelbeschluß, der Afghanistan-Krieg und die zunehmende Führungsschwäche der SU unter Leonid Breshnew führten zu einer neuen Eiszeit zwischen Ost und West. Sie drohte die neu gewonnenen Beziehungen zum Westen zu gefährden und damit die lebensnotwendigen Kredite. Die Politik der DDR gewann deshalb zunehmend an Pragmatismus und man erkannte, daß die vorgegebene sowjetische Linie nicht immer einzuhalten war. So gab es ab 1981 kleine Kursänderungen und man spricht von bewahrender Außenpolitik.

4. Phase der bewahrenden Außenpolitik von 1981 bis 1986

4.1 Friedenspolitik aus Pragmatismus

Die Züge der Politik dieser Periode tragen im wesentlichen den Charakter der End-Siebziger. Angesichts der Eskalation im Verhältnis der beiden Supermächte setzte die DDR auf Entspannungspolitik, um sich möglichst viele der in dieser Zeit gewonnenen Handlungsspielräume zu bewahren. Ihren Ausdruck fand diese Haltung in der Friedenspolitik, welche sich in dieser Zeit zur Hauptlinie in der Außenpolitik der DDR entwickelte. Deren Höhepunkt war erreicht, als die DDR in einer Phase scharfer Konfrontation zwischen den USA und der UdSSR für eine Fortsetzung der Abrüstungsverhandlungen eintrat.10 Diese bewahrende Strategie hatte in diesen Jahren Erfolg, weil die DDR sich entspannungspolitisch flexibler verhielt als die SU.

Natürlich mußte diese Haltung zu schweren Verstimmungen im beiderseitigen Verhältnis mit Moskau führen. So verbot die Kremlführung Erich Honecker den schon geplanten Besuch in Bonn.

Für die DDR-Führung wurde der Konflikt mit der UdSSR durch einen erheblichen Gewinn an internationaler Reputation wettgemacht.

Eines wird jedoch bei diesen Ereignissen deutlich: Die DDR beschritt einen schmalen Grat in der Weltpolitik. Zudem wurde der Zwiespalt zwischen Öffnung und Abgrenzung zum Westen zur Überlebensfrage. Ideologie versus Pragmatismus. So wurde im Zweifel die Ideologie schon mal hintenan gestellt, wenn es darum ging, über Kredite oder Reisebestimmungen zu verhandeln. Die fehlende Legitimation der Staatsführung bei der eigenen Bevölkerung versetzte sie auch außenpolitisch unter extremen Handlungszwang. Denn langfristig ging es für die Führung darum, den eigenen Machterhalt zu sichern.

5. Phase der unnachgiebigen Außenpolitik von 1986 bis 1989 - Die Isolation beginnt

1986 überwand die KPdSU ihre Führungsschwäche und nach den körperlich kranken Breshnew, Tschernenko und Andropow wurde Michail Gorbatschow in das Amt des Generalsekretärs gewählt. Die als Ergebnis folgende Politik von Glasnost und Perestroika erschütterte die DDR in ihren inneren Grundlagen. Erich Honecker geriet in eine schwierige Lage. Einerseits mußte er sich seinem altgedienten Klassenfeind aus dem Westen gegenüber abschotten und andererseits drohte aus dem Bruderland nun ebenfalls Gefahr. Zusätzlich erschwert wurde die Lage der DDR-Führung durch die ungemein große Resonanz, welche die Gorbatschowsche Reformpolitik fand. Gemeint ist hier nicht nur das Ausland, sondern auch die Unterstützung durch die DDR-Bevölkerung. Der KPdSU-Generalsekretär avancierte zum Hoffnungsträger einer ganzen Nation.

Selbst die altgedienten Kader der SED waren zuerst mit der Wahl Gorbatschows zufrieden, wenngleich auch in anderer Weise als ihr Volk, wie Manfred Uschner, der langjährige persönliche Referent Hermann Axens in seinem Buch „Die zweite Etage“ beschreibt: „Honecker meinte wohl, das könne den sowjetischen „Anschluß“ an die Honecker/Mittagsche Politik der „Hauptaufgabe in ihrer Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ bedeuten. In der Tat, Honecker glaubte, der neue „junge“ Mann würde sich seiner „mutigen Friedens-„ und „modernen Wirtschaftspolitik, gerichtet auf die „massenweise Anwendung“ der Mikroelektronik in den „Schlüsselindustrien“ anschließen und dabei von ihm und der SED auf längere Zeit lernen müssen!“11

Wahrscheinlich dachten Honecker und Anhänger tatsächlich, daß sie nun eine noch bedeutendere Rolle im Verhältnis zur UdSSR spielen konnten. Schon bald aber merkten sie, daß der neue Mann in Moskau noch ganz andere, viel „gefährlichere“ Dinge im Sinn hatte. Die SED-Führung reagierte mit zunehmender Abgrenzung von der neuen sowjetpolitischen Linie. Deutlich wurde dies auf dem XI. Parteitag 1986, als Honecker eine wohl bekannte Rede im alten dogmatischen Stil hielt und überhaupt keinen seiner bisherigen Standpunkte preisgab. Wesentlich mehr Beifall erntete in diesem Plenum die Rede Gorbatschows12. Der endgültige Schritt zur unnachgiebigen Außenpolitik erfolgte jedoch erst ein dreiviertel Jahr später. Er wurde nach dem Januar-Plenum der KPdSU 1987 vollzogen.13 Von da an begann sich die SED-Führung zunehmend selbst gegenüber dem Westen, dem Osten und schließlich auch der eigenen Bevölkerung zu isolieren.

Ein weiterer nicht außer acht zu lassender Aspekt, welcher vor allem in heutiger Zeit gern für manche Ursachen zitiert wird, ist das betagte Alter vieler Funktionäre. Dies betraf hauptsächlich den engeren Machtbereich, in dem die meisten der Mitglieder noch aktiv gegen den Faschismus gekämpft hatten. Diese fehlende Flexibilität, welche oft auch routinierten Verfahren und verkrusteten Hierarchien geschuldet waren, trugen wesentlich zum Untergang der DDR bei.

6. Der Rettungsanker?: Das Verhältnis zur Bundesrepublik Deutschland 1986 bis 1989

6.1. Scheinbar am Ziel: Der Staatsbesuch in Bonn 1987

Angesichts wachsender Probleme in der eigenen Volkswirtschaft und im Intrablockhandel mit den RGW-Staaten gewann der innerdeutsche Handel weiter an Bedeutung. Entgegen kam der DDR-Führung, daß Bundeskanzler Kohl zumindest auf der deklaratorischen Ebene die deutsche Einheit nicht in den Mittelpunkt stellte. „Für die DDR ging es darum, die größtmögliche Form der Anerkennung durch Bonn zu gelangen, um auf diese Weise die Teilung Deutschlands und die nationale Legitimation der SED-Herrschaft unterstreichen zu können und um es ihr zu ermöglichen, unter den Bedingungen von Perestroika und Glasnost den bisherigen Kurs ohne Reformen und in ideologischer Abrenzung zu Moskau beizubehalten. Nicht nur dem Kreml sollte so das politische Gewicht der DDR vor Augen geführt werden, sondern auch der eigenen Bevölkerung“14

In diesem Zitat kommen die beiden Grundsätze der unnachgiebigen Außenpolitik der DDR vor: Abgrenzung durch Annäherung zum Westen und die gleichzeitige Distanz zu den Zielen der sowjetischen Reformpolitik. Je sichtbarer die Grundlagen des real existierenden Sozialismus durch die Perestroika in Frage gestellt wurden und immer mehr Menschen in der DDR Reformen einforderten, desto mehr versuchte Honecker die lebensnotwendigen Strukturen seiner Macht durch eine aktive und in Teilen auch kompromißbereite Deutschlandpolitik zu kompensieren. Das zentrale Ziel der SED-Führung nach dem XI.

Parteitag war demnach die Realisierung des Besuches Erich Honeckers in der Bundesrepublik.

In diesem Falle dürfen auch die persönlichen Motive Honeckers nicht außer Acht gelassen werden. Für ihn bedeutete ein Besuch in Bonn die Krönung seines Lebenswerkes, der Gipfel der internationalen Anerkennung der DDR. Zugleich war es für seine Stellung im sozialistischen Bündnis (vor allem in Moskau) von eminenter Bedeutung, sah er sich doch als „BRD-Experte“ innerhalb der Verbündeten.

Im September 1987 war es dann soweit. Erich Honecker weilte vom 7. Bis 11. September zu einem „offiziellen Arbeitsbesuch“ in der BRD. Er wurde auch mit fast allen Ehren begrüßt, die einem Staatsoberhaupt zustanden, wenngleich man in Bonn auch einige feine protokollarische Unterschiede machte. Honecker selbst störte dies rückblickend wenig, für ihn lagen die Prioritäten in der Symbolik: „Der Empfang in Bonn in September 1987 war freundlich. Zum ersten Mal erklang die Staatshymne der DDR in Bonn; der Staatsflagge der DDR wurden die ihr zukommende Ehre erwiesen.“15

In seiner Tischrede wurde Helmut Kohl dann aber deutlicher. Er bekannte sich zur deutschen Einheit und der Offenheit der deutschen Frage, forderte die Achtung der Menschenrechte und das Ende der Trennung durch die Mauer. Honecker reagierte auf die Bemerkungen zur Einheit mit seinem bekannten Diktum: „Sozialismus und Kapitalismus lassen sich ebenso wenig vereinen wie Feuer und Wasser“. In den weiteren Gesprächen wurden alle grundsätzlichen Fragen zwischen beiden Staaten angesprochen, ob dies nun den Schießbefehl oder die Elbgrenze betraf. Am Ende einigte man sich auf ein gemeinsames Kommunique16. Der konkrete Ertrag des Treffens aber fiel eher bescheiden aus. Man schloß zwar drei Abkommen, welche allerdings von relativ geringer Bedeutung waren. Es waren die politische Symbolik und die protokollarischen Ehren, die diesen Besuch für Erich Honecker zu einem persönlichen Triumph und einem alles überragenden Erfolg machten. Er sah darin die endgültige Anerkennung der staatlichen Existenz der DDR durch die BRD. Daß es gerade eine Unionsregierung war, die den höchsten Repräsentanten der DDR empfing, machte den Erfolg in Honeckers Augen noch bedeutsamer.

Auch operativ gab es keine Veränderungen auf den verschiedenen offiziellen und

inoffiziellen Verhandlungsebenen. Honecker war nach wie vor die zentrale Figur in der Deutschlandpolitik der DDR - er traf alle Entscheidungen und führte alle wichtigen Gespräche. Die inoffiziellen Verhandlungen führten auch weiterhin Schalck-Golodkowski und der Anwalt Vogel. Hermann Axens Aufgabenbereich blieben die Beziehungen zur SPD. Außenpolitisch wertete der Besuch in Bonn das Renommee der DDR und ihres Generalsekretärs auf. Honecker wurde ein Jahr später in Paris empfangen. Es war der erste Besuch des höchsten Repräsentanten der DDR bei einer westlichen Siegermacht und deshalb von besonderer Bedeutung. Aufgrund dieser Erfolge begann die DDR-Führung sich in einem trügerischen Gefühl der Sicherheit zu wiegen. Sie überschätzten die Stabilität ihres Staates und wähnten sich den anderen Bruderländern weit überlegen.

6.2. Die Wahrheit

Die Wirklichkeit sah jedoch beklemmend anders aus. Das Exportdefizit , die Auslandsschulden und die geringe Produktivität trieben die DDR immer sicherer in den Ruin. Die konkreten Zahlen und Bilanzen waren nur wenigen Menschen bekannt. Nach der Wende sagten mehrere Politbüromitglieder aus, sie hätten zu keinem Zeitpunkt, oder aber erst im Herbst 1989 von der Realität erfahren (die Wahrheit solcher Aussagen zu kommentieren paßt nicht an diese Stelle) Klar ist aber, daß die Fäden der Wirtschafts- und Finanzpolitik bei Günter Mittag zusammen liefen. Es darf angenommen werden, und so sind seine irritierenden Aussagen nach dem Umbruch zu verstehen, daß Erich Honecker damals keinen wahren Einblick mehr hatte in Wirtschaftsfragen. Im Frühjahr 1990 sagte er in einem Interview: „Wir hatten ja schließlich eine aufblühende Volkswirtschaft, das ist auch von den größten Miesepetern nicht zu bestreiten“17

Mit dem scheinbar neu errungenen Standbein, dem innerdeutschen Handel stand es nicht zum Besten. „Nach 1985 entwickelte er sich zurück, stagnierte ab 1987 bei einem Umsatz von 14 Mrd. DM und der kumulierte Passivsaldo stieg erneut an“.18 Selbst der Besuch Honeckers in Bonn brachte kaum Fortschritte, da die Ursachen im strukturellen Bereich lagen. Hauptgrund war die rapide abnehmende Wettbewerbsfähigkeit der DDR, währenddessen die BRD nahezu unbegrenzt liefern konnte. Der innerdeutsche Handel entsprach nicht dem Niveau zweier

Industriestaaten, eher von Entwicklungsländern, da beide Seiten vornehmlich Grundstoffen und Vorprodukten exportierten bzw. importierten.

Hinzu kam, daß die DDR, um eine gute wirtschaftliche Lage vorzutäuschen, nicht alle Möglichkeiten wahrnahm, die sich ihr boten. Es wurden Devisenkredite bei westlichen Banken aufgenommen, während der zinslose Swing nur noch zu 30 bis knapp 50 Prozent ausgenutzt wurde. Die Exporte gingen zurück, die Importe stiegen, die Verschuldung wuchs und die ohnehin schwierige Zahlungsbilanzsituation wurde geradezu prekär. Ein letzter Rettungsversuch, den der Vorsitzende der Staatlichen Planungskommission, Gerhard Schürer, im Frühjahr 1988 unternahm, schlug fehl. Angesichts des von ihm baldigst erwarteten ökonomischen Zusammenbruchs der DDR, legte er ein Papier mit dem Titel „Überlegungen zur weiteren Arbeit am Volkswirtschaftsplan 1989 und darüber hinaus“ vor, in dem er eine dringende Kurskorrektur anmahnte. Günter Mittag unterzog diese „Überlegungen“ einer vernichtenden Kritik und auch im Politbüro fand sich niemand, der Schürer unterstützte.19 Man verband die Hoffnungen (des Politbüros) vielmehr mit einem möglichen Anstieg des Handels mit der BRD.

Doch angestrebten Intensivierungen im innerdeutschen Handel bewirkten ein Bröckeln des Feindbildes in der DDR und führte die seit 1971 Politik der Abgrenzung ad absurdum. Dennoch konnte sich die SED-Führung nicht entschließen, den Erwartungen der Bevölkerung nach Reformen gerecht zu werden, was die Unzufriedenheit noch steigerte. Vom großen Bruder aus Moskau war keine Hilfe in wirtschaftlicher Hinsicht zu erwarten, da dieser an seinem gewaltigen Rüstungsaufkommen zu ersticken drohte und selbst auf Hilfe aus dem Westen angewiesen war. So begab sich Ostberlin als letzte Rettung immer mehr in die Abhängigkeit des Westens, wovon man in den 80er Jahren getrost sprechen darf. Problematisch ist dabei zu sehen, daß die Bonner Politik des Handelsinteresses und der Devisenzahlungen die erstarrte DDR-Führung eher noch stabilisierte, während die sowjetische Politik der Systemreformen zugleich destabilisierend wirkte - eine wahrhaft schizophrene Situation, welche ursprünglich ganz anders gedacht war.

7. Zusammenfassung

Die DDR war zunächst der Sowjetunion ergeben, wollte dann die Entspannungspolitik bewahren und schließlich das realsozialistische System gegen alle Anfechtungen von außen und innen unnachgiebig verteidigen. Der Autor Benno-Eide Siebs wirft in seiner Publikation die Frage auf, ob die DDR wirklich eine außenpolitische Strategie besaß, oder ob sie lediglich auf innere oder äußere Entwicklungen reagierte20. Viele seiner Gesprächspartner, die aus dem Partei- und Staatsapparat kamen, betonten die Allmacht des Generalsekretärs und des Politbüros in zentralen Fragen.

Tatsächlich war die Allmacht des Generalsekretärs und seines Führungsgremiums existent, und sie bot den idealen Nährboden für Entscheidungen, die spontan getroffen wurden oder persönlichen Motiven entsprangen. Auf der anderen Seite setzte die politische, wirtschaftliche und militärische Abhängigkeit von der Sowjetunion einem wirklich eigenständigen strategischen Vorgehen Schranken. Ausdrücklich forderten die „Freunde“ außenpolitische Abstimmung und Koordination, was besonders in der Frage des Honecker-Besuches in Bonn zum Ausdruck kam. Doch auch die Bundesrepublik konnte die DDR, wie sie es mit ihrer „Hallstein-Doktrin“ jahrelang praktizierte, in einer außenpolitischen Entfaltung hindern.

Das wichtigste Ziel der DDR unter Erich Honecker war es, die innerlich wie äußerlich labile Existenz der DDR zu erhalten. Die Außenpolitik war also immer der Innenpolitik nachgeordnet. Die außenpolitischen Erfolge hatten demnach immer den günstigsten äußeren Rahmen für den Aufbau des Sozialismus in der DDR sicherzustellen - den „Sozialismus in den Farben der DDR“. Zentraler Punkt war hierbei die von Honecker proklamierte „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Durch verbesserte sozialstaatliche Leistungen und eine Erhöhung des Lebensstandards sollte die Akzeptanz der SED-Herrschaft bei der Bevölkerung gewonnen und sichergestellt werden.

Für die Außenpolitik galt es, diese innenpolitische Strategie zu stützen. Dazu bedurfte es der internationalen Anerkennung der DDR. Mit dem Abschluß des Grundlagenvertrages war dies faktisch erreicht, doch nun ging es darum, daß die DDR nicht nur von aller Welt respektiert, sondern auch als gleichwertiges Mitglied in der Völkergemeinschaft angesehen wurde. Zugleich sollte damit auch die herausragende Stellung im östlichen Bündnis unterstrichen werden, vor allem im Hinblick auf die Sowjetunion. Man wollte nun als bevorzugter Juniorpartner angesehen werden und nicht als Vasall Moskaus.

Als charakteristisch muß auch die ökonomische Komponente angesehen werden. Für die

„Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ war der Außenhandel ein unabdingbares Element. Anfangs diente er zur Modernisierung des Produktionspotentials, später dann „nur noch“ zur Tilgung der Schulden. Im Angesicht der Schwäche der östlichen Volkswirtschaften wuchs dabei die Bedeutung des Westhandels, besonders des innerdeutschen, für die ökonomische Stabilisierung der DDR. Zwangsläufig mußte dies außenpolitische Konsequenzen haben. Bei aller ideologischen Polemisierung durfte es nicht zu einer Verschlechterung des Klimas zwischen Ost und West kommen, da sonst der Einbruch dieser Handelsbeziehungen drohte. Die andere Konsequenz war die Ökonomisierung der Außenbeziehungen. Immer häufiger setzten sich in den achtziger Jahren außenwirtschaftliche gegenüber außenpolitischen Überlegungen durch. Konkret könnte man sagen, Pragmatismus vor Ideologie. War es taktischem Kalkül sinnvoll, so wurde die ideologische Position der pragmatischen untergeordnet.

Alle Teilbereiche der Außenpolitik, ob die Beziehungen zu Moskau, zur BRD oder der Dritten Welt, alles wurde der Systemerhaltung untergeordnet. Zwar gilt das Primat der Systemerhaltung prinzipiell für jeden Staat, aber in der DDR kam eine besondere Bedeutung zu. Seit ihrer Gründung litt die DDR unter einem Legitimationsdefizit durch die eigene Bevölkerung. Ihre Existenz wurde allein durch die Sowjetunion garantiert. Die politische und wirtschaftliche Überlegenheit Bonns war eine ständige Bedrohung für die SED-Herrschaft, und letztlich bezog sie ihre Existenzrechtfertigung nur aus der Abgrenzung zur BRD. Das bedeutete für die Außenpolitik, sich vor allem den Wandlungen des Ost-West-Konfliktes anzupassen. In der bipolaren Grundstruktur des Konfliktes erkannte die DDR-Führung die

Existenzgrundlage ihres Staates und hatte folglich kein Interesse die Systemauseinandersetzung endgültig zu lösen.

Unter Erich Honecker erfuhr die Außenpolitik der DDR einen Aufschwung, der bis dahin stagnierenden Ära Ulbricht. Ich hoffe in dieser Arbeit dargelegt zu haben, daß dies aber nicht allein die Verdienste des zweiten und letzten Generalsekretärs waren, sondern eine Vielzahl von weiteren Faktoren ebenfalls dazu beitrugen. Auch die dazugehörigen Rahmenbedingungen außenpolitischen Handelns sind in groben Zügen dargestellt. Letztendlich könnte man behaupten, Erich Honecker hat zur Auslöschung eines gesamten Systems beigetragen. Betrachtet man die Dominanz seiner Person und der Allmacht seiner Position ist dieser Vorwurf sicherlich nicht völlig gegenstandslos.

8. Literatur

Daschitschew, Wjatscheslaw: „Von der Wechselwirkung der gegenseitigen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland, der DDR und der Sowjetunion seit den siebziger Jahren“. In: Jacobsen, Hans Adolf (Hrsg.) (1995): Deutsch-russische Zeitenwende. Krieg und Frieden 1941 - 1995, Baden-Baden (Reihe: Schriften der Paul-Kleinwerfers-Stiftung; Bd.2).

Grunert, Horst (1995): Für Honecker auf glattem Parkett : Erinnerungen eines DDRDiplomaten. Berlin : Ed. Ost

Hertle, Hans-Herrmann (1996): Der Fall der Mauer: die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates. Opladen : Westdeutscher Verlag

Siebs, Benno-Eide (1999): Die Außenpolitik der DDR 1976 - 1989 : Strategien und Grenzen. Paderborn ; München ; Wien ; Zürich : Schöningh . Zugl.: München, Univ., Diss., 1998

Uschner, Manfred (1995): Die zweite Etage - Funktionsweise eines Machtapparates. Berlin: Dietz

Sonstige Literatur

Deutsches Rundfunkarchiv: ...wir hatten ja schließlich eine aufblühende Volkswirtschaft In: CD: Das war mein Lebensexil. Berlin: GEMA

Jan Lorentzen: „Die Sekretäre“, MDR-Fernsehdokumentation 07.10.1999

[...]


1 Horst Grunert 1995, S.126

2 Horst Grunert 1995, S.96

3 Jan Lorentzen: „Die Sekretäre“, MDR-Dokumentation 07.10.1999

4 Siebs, Benno-Eide 1999, S. 118

5 Daschitschew, Wjatscheslaw: Von der Wechselwirkung der gegenseitigen Beziehungen zwischen der

Bundesrepublik Deutschland, der DDR und der Sowjetunion seit den siebziger Jahren - in: Jacobsen, Hans Adolf (Hrsg.): Deutsch-russische Zeitenwende. Krieg und Frieden 1941 - 1995, Baden-Baden 1995 (Reihe: Schriften der Paul-Kleinwerfers-Stiftung; Bd.2). S. 672

6 Siebs, Benno-Eide 1999, S.126

7 Siebs, Benno-Eide 1999, S.127

8 Horst Grunert 1995, S. 167

9
1. Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft
2. Umwandlungen der Ständigen Vertretungen in Botschaften
3. Festlegung der Staatsgrenze auf der Elbe in der Flußmitte
4. Auflösung der „Zentralen Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen“ in Salzgitter

10 Siebs, Benno-Eide 1999, S. 414

11 Uschner, Manfred: Die zweite Etage - Funktionsweise eines Machtapparates“, Dietz, Berlin; 1995, S.125

12 Uschner, Manfred: Die zweite Etage - Funktionsweise eines Machtapparates“, Dietz, Berlin; 1995, S.127

13 Siebs, Benno-Eide 1999, S. 414

14 Siebs, Benno-Eide 1999, S. 357

15 Honecker: Moabiter Notizen. In: Siebs, Benno-Eide 1999, S.362

16 „Unter der Berücksichtigung der Gegebenheiten und unbeschadet der Unterschiede in den Auffassungen zu grundsätzlichen Fragen, ist es die Absicht beider Seiten, im Sinne des Grundlagenvertrages normale gutnachbarliche Beziehungen zueinander auf der Grundlage der Gleichberechtigung zu entwicklen und die Möglichkeiten des Vertrages weiter auszuschöpfen.“ In: Siebs, Benno-Eide 1999, S. 362

17 Deutsches Rundfunkarchiv: ...wir hatten ja schließlich eine aufblühende Volkswirtschaft In: CD: Das war mein Lebensexil. Berlin: GEMA

18 Siebs, Benno-Eide 1999, S.367

19 Vgl. dazu: Hertle: Fall der Mauer. S.67ff.ders.: Gespräch mit Gerhard Schürer. „Es wäre besser gewesen, wir wären früher pleite gegangen!“

20 Siebs, Benno-Eide 1999, S.368

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Die Neuorientierung der DDR-Außenpolitik unter Erich Honecker
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Seminar: Deutsche Außenpolitik
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V104938
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neuorientierung, DDR-Außenpolitik, Erich, Honecker, Seminar, Deutsche, Außenpolitik
Arbeit zitieren
Markus Escher (Autor), 2000, Die Neuorientierung der DDR-Außenpolitik unter Erich Honecker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104938

Kommentare

  • Gast am 6.4.2002

    Dr..

    Die Arbeit ist sehr fundiert und unterbewertet. Weiter so!

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Titel: Die Neuorientierung der DDR-Außenpolitik unter Erich Honecker


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