Die archäologische Stätte Tula, Hgo.


Bachelorarbeit, 1997

14 Seiten, Note: gut


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INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG S.

1) DER KULTURELLE, GEOGRAPHISCHE UND HISTORISCHE

KONTEXT

1.1. Das kulturelle Umfeld

1.2. Die geographische Lage

1.3. Der historische Standort 4/

2) TULA ALS AUSGRABUNGSSTÄTTE

2.1. Überlieferung und Wiederentdeckung 5/

2.2. Die Ausgrabung der Zeremonialarchitektur unter Acosta 6-

2.3. Weitere Grabungsprojekte

SCHLUSSBEMERKUNGEN

ANHANG

I Karte von Tula Grande

II Nordseite der Plaza Mayor

BIBLIOGRAPHIE

EINLEITUNG

Die Beschäftigung mit den altamerikanischen Kulturen ist m.E. aus zwei Gründen von Interesse: Zum einen lassen sich aufschlußreiche Vergleiche zu den altgeschichtlichen Kulturen in Asien, Afrika und Europa ziehen und damit Erkenntnisse über allgemeingültige, wie über besondere Entwicklungen des zivilisatorischen Prozesses gewinnen. Zum zweiten ist die vorkoloniale Geschichte Amerikas gerade in Ländern mit einem bedeutenden oder sogar überwiegenden Anteil indianischer Bevölkerung von nicht zu unterschätzender und zunehmender Bedeutung für das Verständnis heutiger gesellschaftlicher Entwicklungen.

Die Ausgrabungsstätte Tula im mexikanischen Bundesstaat Hidalgo bzw. der toltekische Staat stellen in diesem Zusammenhang einen besonderen Fall für die historische Forschung dar. Sofern es sich nicht um die Kulturen handelt, die zur Kontaktzeit mit den Spaniern existierten (z.B. Inka, Azteken), stehen uns in der Regel nur archäologische Fundstätten als Quellen unseres Wissen über altamerikanische Gesellschaften zur Verfügung. Im Falle der Tolteken ist die Situation insofern eine andere, als es hier ethnohistorische Quellen gibt, die zwar erst Jahrhunderte nach dem Untergang Tulas entstanden und zumeist in mythologisch verbrämter Form überliefert wurden, die aber dennoch - bei kritischer Rezeption - eine wichtige Ergänzung zum vorgefundenen archäologischen Material liefern.

Das Ziel dieser Arbeit ist die Einführung in die Thematik, um damit möglicherweise einen Einstieg in die nähere Beschäftigung mit ihr zu geben. Außerdem soll ein grober Überblick über die Ausgrabungsgeschichte Tulas gegeben werden, nicht zuletzt mit dem Ziel, auf noch nicht geklärte Probleme bzw. nicht erforschte Komplexe der toltekischen Geschichte hinzuweisen. In dem vorgegebenen Rahmen ist es natürlich nicht leistbar eine umfassende Darstellung der archäologischen Fundstätte Tula zu geben. Deshalb beschränke ich mich im Hauptteil auf die Erläuterung von Beispielen der Zeremonialarchitektur. Andererseits scheint es erforderlich, den toltekischen Staat zumindest ansatzweise in seinen kulturellen, geographischen und historischen Kontext zu stellen, da Kenntnisse darüber nicht unbedingt vorausgesetzt werden können. Die gewählte Gliederung entspricht dieser Absicht: Nach dem Versuch einer sehr knappen Beschreibung der Rahmenbedingungen der toltekischen Kultur beschäftigt sich das 2. Kapitel mit der Grabungsgeschichte Tulas vor 1940, mit den wesentlichen Ergebnissen der Ausgrabungskampagnen unter Jorge R. Acosta, sowie - in Form eines Abrisses - mit den späteren Grabungen.

Die Auswahl der verwendeten Literatur entsprang nicht in jedem Fall systematischen Gesichtspunkten, berücksichtigte aber m.E. wichtige Arbeiten von Forschern, die entscheidend an der archäologischen Forschung in Tula beteiligt waren, so die Teilzusammenfassung der bis dahin erreichten Ergebnisse bei der Freilegung der Zeremonialarchitektur durch Acosta von 1956. Sowohl Diehl als auch Mastache und Cobean haben in Tula gearbeitet, wobei ich von ersterem zwei Arbeiten verwende, in denen er einen Überblick zum einen über Acostas Wirken, zum anderen über neuere Ausgrabungsprojekte gibt. Eine Würdigung der Arbeit von Mastache und Cobean findet sich im dritten Abschnitt des 2. Kapitels. Der Aufsatz von Köhler diente mir v.a. bei der der Erarbeitung des 1. Kapitels.

Um mögliche Ungenauigkeiten bei der Übersetzung zu kompensieren, werden die verwendeten Zitate jeweils in Fußnoten vollständig im Original wiedergegeben.

1) DER KULTURELLE, GEOGRAPHISCHE UND HISTORISCHE KONTEXT

1.1. Das kulturelle Umfeld

Die Ausgrabungsstätte Tula befindet sich im Verbreitungsgebiet der mittelamerikanischen Hochkulturen, das seit Paul Kirchhoff (1943) als „Mesoamerika“ bezeichnet wird. Die wichtigsten Merkmale dieses Kulturareals lassen sich wie folgt kurz zusammenfassen:

1) Komplexe Gesellschaften auf der Basis von Bodenbau (Mais, Bohnen, Kakao, Baumwolle als wichtigste Anbauprodukte), die in einigen Fällen die Herrschaftsstruktur eines Staates erreichten;

2) Ausgedehnte zeremonielle Zentren bzw. Städte mit aufwendigen Bauten (insbesondere Pyramiden, Paläste, Ballspielplätze, z.T. auch ausgedehnte Prachtstraßen);

3) Hohes Niveau des Kunsthandwerks (Stein, Keramik, Holz, Textilien; Metall erst in der Schlußphase) sowie der Malerei;

4) Entwickeltes Kalenderwesen (Besonderheit: 260-tägiger Zeremonialkalender) und z.T. auch Schriften.1

1.2. Die geographische Lage

Die Grenzen Mesoamerikas verschieben sich im Verlauf seiner Geschichte (insbesondere im Nordwesten), je nach der Größe des Einflußgebietes der zu einem bestimmten Zeitpunkt existierenden politischen Einheiten. Grob gesagt handelt es sich im geographischen Sinne um das Gebiet von der mexikanischen Wüste im (Nord-)Westen bis (einschließlich) zum MayaSprach- und Einflußgebiet im (Süd-)Osten.

Tula, Hgo. liegt am nordwestlichen Ausgang des Hochtales von Mexiko, etwa 80 km vom heutigen Mexico City entfernt, am Zusammenfluß der Flüsse Rio Tula und Rio Roses. Die Umgebung der Stadt war in vorspanischer Zeit wahrscheinlich fruchtbarer als heute. Seitdem ist sie durch Abholzung und Kalkabbau weitgehend verkarstet. Das besiedelte Gebiet umfaßte in der Blütezeit Tulas etwa 13 km2.2

1.3. Der historische Standort

Die historische Entwicklung Mesoamerikas wird i.a. in drei typologische Abschnitte untergliedert: das Formativum (auch Präklassikum), das Klassikum, und das Postklassikum. Verallgemeinernde Eckdaten für die typologischen Abschnitte lassen sich nur schwer angeben, da sie für die verschiedenen Zentren zeitverschoben zueinander beginnen und enden. Deshalb seien hier nur der wahrscheinliche Beginn der mesoamerikanischen Kulturgeschichte um 1000 v.Chr. und ihr Ende mit der Ankunft der Spanier im 16. Jahrhundert n.Chr. genannt.3

Die Blütezeit von Tula (die sogenannte Tollan-Phase) liegt in der frühen Postklassik und umfaßt den Zeitraum zwischen etwa 950 und 1150 (bzw. 1200).4 Die historischen Umstände des Entstehens, Wachsens und Untergangs von Tula können hier nur in extrem verknappter Form wiedergegeben werden. Sie stellen sich nach dem gegenwärtigen Forschungsstand in etwa so dar: Im 7. oder 8. Jh. war das große klassische Zentrum im Hochtal von Mexiko, Teotihuacan, dessen Einfluß jahrhundertelang nicht nur die Entwicklung in Zentralmexiko, sondern im ganzen mesoamerikanischen Raum beeinflußt hatte, zusammengebrochen. Es folgte eine Periode, die durch die Existenz kleinerer politischer Einheiten im mexikanischen Hochtal gekennzeichnet war. Diese Zentren werden typologisch noch zur Klassik gerechnet. Um 800 drangen neue Bevölkerungsgruppen, möglicherweise aus dem Nordwesten, in das nach dem Niedergang Teotihuacans entstandene Machtvakuum vor. Im Zuge dessen wurde auch der Raum um Tula besetzt, wo sich eine kleinere städtische Siedlung, Überrest eines ehemaligen teotihucanischen Regionalzentrums, befand. Diese historisch namenlose Bevölkerung wird von einigen Forschern nach der mit ihr assoziierten Keramik „Coyotlatelco“ (Name eines Fundortes) benannt. Es scheint, daß es sich dabei um die Vorfahren, des in späteren Quellen „Tolteken“ genannten Staatsvolkes handelt.5 Ab etwa 950 expandierte der toltekische Staat von Tula (in den Quellen „Tollan“ genannt) aus und entwickelte sich zu einer wichtigen politischen Macht in Mesoamerika. Die erwähnten Quellen (es handelt sich um aztekische Erzählungen, die im 16. Jahrhundert, nach der spanischen Eroberung, aufgezeichnet wurden) berichten von politischen Kämpfen innerhalb der toltekischen Elite, auf die u.a. der Mythos um den Gott bzw. König Quetzalcoatl („Gefiederte Schlange“ oder „Federschlange“) zurückgeht. Um 1150 (nach anderen Auffassungen um 1200)6 wurde Tula von nachdrängenden Bevölkerungsgruppen (möglicherweise den Vorfahren der Azteken) erobert und verlor seine bisherige Bedeutung.

2) TULA ALS AUSGRABUNGSSTÄTTE

2.1. Überlieferung und Wiederentdeckung

Sollte es ältere Dokumente in der aztekischen Bilderschrift über die Hauptstadt des toltekischen Staates gegeben haben, so sind diese im Zuge der spanischen Eroberung zerstört worden bzw. verloren gegangen. Deshalb stammen die ältesten Überlieferungen, wie schon erwähnt, aus dem 16. Jahrhundert, sind also erst mehr als dreihundert Jahre nach dem Fall Tulas fixiert worden. Niedergeschrieben wurden sie von Spaniern bzw. hispanisierten Indianern, die sich v.a. auf indianische Informanten, möglicherweise auf damals noch existierende ältere Quellen stützten. Ihr Informationsgehalt ist demzufolge nur durch eine textkritische Herangehensweise verifizierbar. Dem sind allerdings dort Grenzen gesetzt, wo die verschiedenen Autoren widersprüchliche Aussagen (bspw. über Herrscherfolgen in Tula) wiedergeben, deren Wahrheitsgehalt sich allein aus den Quellentexten heraus heute nicht mehr überprüfen läßt. Im wesentlichen berichten sie in idealisierender Form von einem Staatswesen, auf dessen kulturelle Tradition sich die aztekische Elite in ihrem Selbstverständnis berief. Eine genauere Ortsbestimmung wird in den Quellen nicht vorgenommen. Möglicherweise hatte man im 16. Jahrhundert noch Kenntnis darüber, daß das historische Tollan mit Tula (im heutigen Bundesstaat Hidalgo) identisch war, auf dessen Trümmern eine damals noch existente aztekische Siedlung errichtet worden war. Wenn dem so war, dann ist das Wissen in den folgenden Jahrhunderten verlorengegangen, so daß im 19./20. Jahrhundert, als ein wissenschaftliches Interesse an dem Gegenstand entstanden war, die Forschung zunächst die Streitfrage über den Ort des historischen Tollan klären mußte. Allein auf Grundlage der Namensgleichheit (Tula ist eine Variation des Nahua-Wortes Tollan) konnte zunächst keine Lokalisierung stattfinden. Tollan ist die Bezeichnung für einen Ort an dem Binsen oder Schilf wachsen. Davon gibt es natürlich auch im in Frage kommenden zentralmexikanischen Raum mehrere und folgerichtig existieren mindestens fünf moderne Siedlungen mit diesem Namen.

Die ersten archäologischen Grabungen in Tula, Hgo. wurden von Antonio García Cubas (1873) und Désirée de Charnay (1879/80) durchgeführt. Letzterer vertrat die Auffassung, daß die Ruinenstätte das historische Tollan war. Er vermutete als erster, auf Grund gefundener Skulpturen, Beziehungen zwischen Tula und dem ca. 1500 km entfernt, auf der Halbinsel Yucatan liegenden Chichén Itzá.7 Kennzeichnend für diese archäologische Stätte im Maya-Gebiet ist ein gehäuftes Auftreten des Federschlangenmotivs, so daß die Assoziation zum mythischen Herrscher von Tollan, Quetzalcoatl, naheliegt. Zugleich schloß die geographische Lage Chichéns dessen Identifizierung als Tollan aus. Auf Grund des damals schon entschlüsselten Maya-Kalenders und der in Chichén gefundenen Daten, definierte Charnay die Blütezeit des Toltekenreiches um das Jahr 1000 herum. Charnays Auffassungen setzten sich jedoch zunächst nicht durch. Statt dessen konzentrierte sich das Interesse der archäologischen Forschung auf Teotihuacan und verband sich mit der These, daß dort das historische Tollan anzusiedeln sei.

Erst die quellenkritische und quellengenetische Rezeption der Überlieferungen durch die Ethnohistoriker Wigberto Jiménez Moreno und Paul Kirchhoff in den 30er und 40er Jahren sowie Datierungsprobleme, die sich aus der auf dem Schutt von Teotihuacan gefundenen Keramik ergaben, führten zur, auch offiziellen, Rückbesinnung auf die archäologische Stätte Tula, Hgo.. 1940 fand eine Feldbegehung des Instituto Nacional de Antropología e Historia (INAH) statt, an die sich vom gleichen Jahr an die Grabungskampagnen unter Jorge R. Acosta anschlossen. Von diesem Zeitpunkt an kann man von moderner Archäologie in Tula sprechen.

Der Streit um die genaue Lage des historischen Tollan ist bis heute nicht endgültig entschieden, es dominiert jedoch die Auffassung, daß es in Tula anzusiedeln ist, während in die Schilderungen der Stadt aus dem 16. Jahrhundert Überlieferungen einflossen, die auf das viel ältere und zu seiner Blütezeit wesentlich imposantere und wohl auch einflußreichere Teotihuacan der Klassik zurückgehen.

2.2. Die Ausgrabung der Zeremonialarchitektur unter Acosta

Jorge Acosta war ein Wissenschaftler des INAH, unter dessen Leitung die meisten und wichtigsten Zeremonialbauten in Tula ausgegraben und restauriert wurden. In einem Langzeit-Ausgrabungsprojekt fanden innerhalb von 20 Jahren dreizehn Kampagnen statt, deren Ergebnisse Acostas wohl wichtigster und bleibender Beitrag zur mesoamerikanischen Geschichtsforschung sind (Außer in Tula war Acosta auch in Chichén Itzá tätig.).

Acosta hat die Ausgrabungsergebnisse jeder Kampagne in detaillierten Berichten und einer partiellen Zusammenfassung und Synthese (1956-57) dargelegt, starb aber, bevor er einen abschließenden Bericht schreiben konnte. Die Ergebnisse von Acostas Forschungen können wie folgt zusammengefaßt werden:

1) die korrekte zeitliche Einordnung Tulas in die mesoamerikanische kulturhistorische Sequenz,

2) die Entscheidung der Streitfrage ob Tula oder Teotihuacan das Tollan der ethnohistorischen Quellen des 16. Jahrhunderts waren (zugunsten Tulas),

3) die Sammlung von Daten über die Kultur der toltekischen Elite durch die Ausgrabung von Tempeln, Palästen und anderen öffentlichen Gebäuden,

4) die Restaurierung der ausgegrabenen Strukturen.

Bei der Nutzung von Acostas Berichten treten allerdings einige Schwierigkeiten auf. Zunächst dadurch, daß es sich jeweils um Zusammenfassungen einzelner Kampagnen handelt und nicht um Berichte über einzelne Strukturen, d.h., wenn man an einer Struktur besonders interessiert ist, muß man sich durch mehrere Publikationen (oft 4 bis 5) hindurcharbeiten und die verschiedenen Informationen zusammentragen. Außerdem berichtigt Acosta mit dem Fortgang der Ausgrabungen natürlich z.T. seine Beobachtungsergebnisse. Schließlich sind die Berichte relativ schwer verfügbar, da nur in den Zeitschriften des INAH veröffentlicht, wodurch zusätzlich für Interessierte ein Sprachenproblem auftreten kann.8

Die wichtigsten Bauten mit offensichtlich zeremoniellen oder rituellen Funktionen der TollanPhase konzentrieren sich im wesentlichen in Tula Grande (auch Akropolis genannt) um die große Plaza herum. Dabei handelt es sich um folgende Objekte: den Ballspielplatz Nr. 1, das Gebäude (oder die Pyramide) B, den Coatepantli (Schlangenmauer), Gebäude 1, Gebäude 3 (auch Palacio Quemado - verbrannter Palast - genannt), die Vestibüle, Gebäude (oder Pyramide) C sowie eine Adoratorio (wörtlich übersetzt: Bethaus) genannte Plattform in der Mitte der Plaza (siehe Anhang I). Der Ballspielplatz Nr. 2 und der davor gelegene Tzompantli (eine Schädelgerüstplattform) wurden 1968/69 unter der Leitung des INAH-Archäologen Eduardo Matos Moctezuma ausgegraben und restauriert.9

Damit greift die Zeremonialarchitektur der toltekischen Hauptstadt das seit der Klassik typische Muster mesoamerikanischer Stadtzentren auf. Kennzeichnend dafür ist sowohl die Orientierung dieser Architektur, d.h. ihre Gruppierung um einen großen, rechteckigen Zentralplatz herum, als auch die Typen öffentlicher Gebäude mit religiöser und/oder politischer Funktion, d.h. Pyramiden (meist paarweise), Ballspielplätze und palastartige, auf niedrigen Plattformen errichtete Gebäude. Ein neues Element ist die extensive Verwendung von Säulen in Gebäuden und den sogenannten Vestibülen, wodurch die Überdachung größerer Flächen als bisher möglich wurde. Man spricht auf Grund dessen auch von „toltekischen Säulenhallen“.

Zur Qualität der in Tula gefundenen Zeremonialarchitektur äußerte Acosta: Die toltekische Architektur von Tula ist eine Architektur großer Kontraste. Sie ist von einer großartigen Konzeption und einer mittelmäßigen Ausführung. Das hängt zum Teil mit der Eile zusammen, in der die Monumente errichtet wurden und zum Teil mit der mangelhaften Bautechnik, die angewandt wurde. [...] Die Überbauung der Strukturen ist nicht immer religiösen oder politischen Impulsen geschuldet, d.h. einen Tempel alle 52 Jahre neu zu bauen [wegen des Ablaufs eines Kalenderzyklus’, d. Verf.], wie einige Forscher behaupten, sondern in vielen Fällen war es eine dringende Notwendigkeit, wenn ein Gebäude seine Stabilität verloren hatte. Beispiele dafür wurden in allen archäologischen Zonen gefunden. 10

Im folgenden sollen an Hand von drei Beispielen charakteristische Formen toltekischer Zeremonialarchitektur, ihre Bauweise und mögliche Funktion erläutert werden:11

a) Ballspielplatz Nr. 1: (siehe Anhang I)

Dieser Ballspielplatz war die erste Struktur, die Acosta ausgrub. Er befindet sich nördlich der Plaza Mayor von Tula Grande. Seine Form ist rechtwinklig mit einer kleinen Abweichung im Westen; seine äußere Hülle war in schlechter Verfassung, wahrscheinlich der mangelhaften Bauweise und der Entfernung von architektonischen Schmuckelementen in der aztekischen Zeit wegen. Das Spielfeld ist doppel-T-förmig und mißt 67 m von Ost nach West sowie 12 m von Nord nach Süd. Die Plattform um das Spielfeld herum besteht aus Felsgeröll, das zunächst mit Kalkputz und später mit behauenen Steinplatten bedeckt wurde. Vier Außentreppen führen zur Plattform; zwei breite Treppen dominieren die Nord- und die Südseite und zwei schmale Treppen gibt es jeweils am westlichen Ende der Nord- und Südseite. Vier Treppen führen von der oberen Plattform auf die Spielfläche. Acosta stellte drei Bauphasen fest, die besonders auf der Westseite zutage traten. Die ersten beiden scheinen Kalkputzoberflächen gehabt zu haben, während die letzte Ausführung mit behauenen Steinplatten bedeckt war, die in spätpostklassischer Zeit fast vollständig entfernt wurden. Die Ausgrabung der Spielfläche enthüllte zwei übereinanderliegende verputzte (Fuß-) Böden, der untere mit Spuren von blauer, der obere von roter Farbe. Interessant ist, daß die Erbauer teilweise 1 m des Untergrundes abtrugen, um eine völlig ebene Fläche zu erhalten, die damit außerdem durchgehend aus dem ortstypischen Felsgestein besteht. Ein Entwässerungsabfluß wurde in der Nordostecke des Spielfeldes gefunden. Der horizontale Abschnitt des doppel-T-förmigen Spielfeldes war begrenzt von taludes (Schrägwände) die zur vertikalen Wand der Plattform führten. Mauernischen fanden sich in den inneren Ecken im Nordwesten und Südosten.

Augenscheinlich wurde der Platz ausschließlich während der Tollan-Phase (950- 1150/1200) errichtet und genutzt. Die Zugehörigkeit von Ballspielplätzen zur Zeremonialarchitektur, nicht nur der Tolteken, sondern in ganz Mesoamerika ergibt sich aus der rituellen Funktion die das Ballspiel in dieser Kultur hatte. Die Bewegung des Vollkautschukballes, der von den Spielern v.a. mit dem Oberkörper und den Hüften getrieben wurde, symbolisierte den Lauf der Sonne. Häufig gibt es in den mesoamerikanischen Kulturen eine enge Verbindung des Ballspiels mit den Komplexen Krieg und Menschenopfer. Die unterlegene Mannschaft wurde auch i.d.R. nach dem Spiel geopfert, die Schädel der Spieler auf Holzgerüsten, die auf Steinplattformen (Tzompantlis) standen, ausgestellt.

b) Gebäude B: (siehe Anhang II)

Die Ausgrabung und Restaurierung von Gebäude B war eines von Acostas Hauptunternehmen in Tula. Er begründete den hohen Kraft- und Zeitaufwand mit dem Verweis auf den Wert der gesammelten Informationen, die sich aus dem relativ guten Erhaltungszustand der Struktur ergaben.

Gebäude B ist eine fünfstufige pyramidenförmige Plattform mit quadratischem Grundriß von 38,2 m Seitenlänge, einer Höhe von 9,8 m und einer Treppe auf der Südseite. Es wird angenommen, daß die Plattform einen Tempel trug, was durch die Anwesenheit von Säulen auf ihrer obersten Stufe gestützt wird. Dabei handelt es sich um verschiedene Exemplare von Skulpturen, darunter die berühmten Atlanten, 4,6 m hohen quadratischen Säulen, die schwer bewaffnete Krieger darstellen, sowie zylindrische Säulen gleicher Höhe, die mit Krieger- und Schlangenmotiven geschmückt sind.

Gebäude B befindet sich auf einer langen künstlichen Terrasse von 1,4 m Höhe, auf der ebenfalls die Gebäude 1 und 3 stehen. Der Kern von Gebäude B besteht aus Felsgeröll, das mit Lehm verfestigt wurde. Acosta benennt drei Hauptbauphasen.

Überreste der Phase I wurden am Nordende der Westseite und an der Ostseite, direkt westlich von Gebäude 1 identifiziert. Die Oberfläche bestand in dieser Phase aus glatten Steintafeln, von denen ein Teil schon so hergestellt worden waren, andere waren behauen und dann mit Putz überzogen worden, um eben zu erscheinen.

Die Struktur der Phase II war diejenige im besten Zustand und präsentiert praktisch den heutigen Anblick des Gebäudes. Ihr am besten erhaltener Teil ist die Ostseite, die aus behauenen Steintafeln besteht. Diese stellen Jaguare, Coyoten, Adler, Bussarde und Wesen mit Attributen von Vögeln, Schlangen, Jaguaren und Menschen dar. Letztere werden für Abbildungen von Quetzalcoatl gehalten. Viele dieser Steintafeln wurden in der Phase III zunächst entfernt, dann aber für diese spätere Struktur wiederverwendet.

Die Struktur der Phase III war schwer beschädigt und ihre einzigen erhaltenen Segmente wurden an der Nordseite entdeckt. Sie gleicht ihrer unmittelbaren Vorgängerin.

Innerhalb des Pyramidenkörpers fand Acosta Teile eines Entwässerungssystems, das aus zylindrischen Steinrohren bestand, die aneinandergefügt worden waren. Dieses System wurde immer, wenn Gebäude B erweitert wurde, modifiziert, so daß zum Schluß ein kompliziertes, aber noch immer funktionierendes Entwässerungsnetzwerk enstand.

Acosta fand Zeugnisse für die Zerstörung von Gebäude B, die anscheinend fast ebenso systematisch wie sein Bau vollzogen wurde. Noch in vorspanischer Zeit wurde ein riesiger Graben von Norden her in den Kern der Plattform gegraben. Acosta nahm an, daß dieser Graben als Rampe für das Entfernen der Atlanten sowie Schlangen- und Kriegersäulen auf der obersten Stufe der Plattform genutzt wurde; in der Tat wurden viele Fragmente von ihnen in dem Graben gefunden.

Acosta glaubte, daß Gebäude B dem Kult einer Venusgottheit diente. Neuere Auffassungen tendieren zu der Interpretation, daß Gebäude B Tempel für eine Sonnengottheit war.

c) Gebäude 3(siehe Anhang II)

Acosta bezeichnete mit diesem Namen eine enorme Plattform, deren Oberfläche sich in drei große Räme unterteilte die „Säle“ [salas] genannt werden. Die Säle werden flankiert von einer Reihe kleinerer Räume sowie teilweise geschlossenen Kolonaden, genannt „Vestibüle“ [vestibulos]. Die gesamte Konstruktion mißt 59 m von Nord nach Süd und 91 m von Ost nach West und bildet das nördliche Ende der Plaza Mayor von Tula Grande.

Alle drei Säle haben ein ähnliches Aussehen, bestehend aus einem tiefergelegten zentralen Innenhof, der von Säulen umgeben ist. Die Säulen bestanden aus einem Holzkern, der mit Adobe (ungebrannte Lehmziegel) ummauert war, auf die ein Kalkputz aufgetragen wurde. Tatsächlich wurden keine intakten Säulen gefunden - nur ihre Abdrücke im verputzten Fußboden - d.h. die heute zu sehenden Exemplare sind Rekonstruktionen von Acosta. Die Form der Abdrücke, weist darauf hin, daß in Saal 2 und Vestibül 2 rechtwinklige Säulen standen, während es in allen anderen Teilen des Gebäudes runde Säulen waren.

Grabungen unter dem Fußboden im Inneren der Struktur offenbarten die Existenz einiger früherer Bauphasen. Drei frühere Kalkputzböden wurden unterhalb der Putzschicht auf der der West- und Nordaltar im Saal 2 standen, gefunden. Eine Grabung in der Nähe des Südaltars förderte ein mit Asche gefülltes tlecuil (eine gemauerte Feuergrube) zutage, eine stark verbrannte kleine Figur aus grünem Stein enthaltend. In Raum 4, führte eine Testgrabung zum Fund eines tieferliegenden, aber guterhaltenen (Putz-)Fußbodens, in dessen Nähe sich eine verputzte Wand und ein breiter Korridor befanden. Die Testgrabung wurde in einer Tiefe von 5 m unterhalb des Bodens von Raum 4 abgebrochen ungeachtet der Tatsache, daß noch kein natürlicher Erdboden erreicht worden war. Eine Testgrabung nahe dem südlichen Eingang zu Saal 2 offenbarte ein älteres Gebäude, dessen Putzfußboden 3 m unter dem Boden von Saal 2 lag.

Saal 1

Der östlichste der drei Säle trägt die Nummer 1 und mißt von Nord nach Süd 23,25 m sowie von Ost nach West 19,6 m. Sowohl die inneren als auch die äußeren Wände wurden aus Adobeziegeln gebaut. Die einzige Tür befindet sich in der Mitte der Ostwand und führt auf einen Weg zwischen den Gebäuden 1 und B. An den inneren Wänden lief eine durchgehende Bank entlang, die aus einer Geröllfüllung mit einem verputzten Überzug aus kleinen Steinen bestand. Rechtwinklige Strukturen, die als Altäre gedeutet werden, stießen an die Bank in der Mitte der Nord-, Süd- und Westwand; alle drei wurden über dem Putzfußboden errichtet, d.h. es können später errichtete Objekte sein. Zwei tlecuiles wurden im Saalboden gefunden, einer davon vor dem Südaltar. Der Südaltar enthielt Opfergaben in Form von Jade und Muschelperlen, die sich in einem zylindrischen Gefäß aus rot bemaltem Kalkstein mit Deckel befanden. In den anderen beiden Altären wurde offensichtlich nichts gefunden.

Auf dem Boden von Saal 1 wurden große Teile des Daches gefunden. Es bestand aus horizontalen Balken, die von den Raumwänden und den Säulen getragen wurden. Über den Balken lagen kreuzweise kleinere Pfosten, die mit einer Lage aus Flußgeröll bedeckt waren, auf die zum Abschluß ein Putzmantel aufgetragen worden war. Zahlreiche behauene Steintafeln und einzelne Fragmente von Skulpturen wurden um den Innenhof herum gefunden. Sie stammen wahrscheinlich von einem Fries an der oberen Fassade, die dem Innenhof zugewandt war, der möglicherweise kein Dach hatte. Diese Stücke umfassen runde Scheiben, cuauhxicalli (heilige Schalen), kegelförmig bearbeitete Steinteile, rechtwinklige Steintafeln mit verschiedenen kegelförmigen Elementen darauf, sich zurück- oder aneinanderlehnende Figuren und frei stehende almenas (G-förmige Ornamente). Viele von ihnen waren bemalt, wobei die Farben Blau, Rot, Gelb und Weiß auftreten. Der Fries bildete wahrscheinlich eine Linie von zurückgelehnten Gestalten, die auf die cuauhxicalli blickten. Der Torso eines zerbrochenen chacmool (menschliche Skulptur in zurückgelehnter Haltung) wurde im Schutt über der Bank an der Ostseite gefunden; Acosta nahm an, daß er ursprünglich auf dem Dach plaziert war.

Ein Depot von mehr als 200 Keramikgefäßen wurde auf dem Boden innerhalb von Saal 1 gefunden. Unter den Gefäßen befand sich Geschirr (Platten), Schüsseln (Näpfe), Krüge, mit Griffen versehene (kleinere) Weihrauchgefäße, große incensarios (Weihrauchgefäße) und Tabakpfeifen, in Gruppen nach dem jeweiligen Typ geordnet. Solch ein Lager könnte rituelles Zubehör darstellen, das beim Verlassen des Ortes zurückgelassen wurde, aber die große Zahl von Gefäßen und die unübliche Art des Sortierens nach dem Typ lassen eher einen Lagerraum vermuten. Eine fast ähnliche Situation wurde von Millon im Großen Komplex in Teotihuacan entdeckt, von dem man annimmt, daß es sich um einen Marktplatz gehandelt hat.

Saal 2

Unmittelbar westlich von Saal 1 befindet sich Saal 2, ein quadratischer Raum mit 23 m Seitenlänge. Er hat drei Türen, eine davon in der Mitte der Südwand, die ins Vestibül 2 und auf die Plaza Mayor führt. Die anderen beiden sind in der Nordwand und gehen in die Räume 2 und 4, in letzteren über drei Stufen. Eine Bank führt um alle vier Wände herum, aber nur die Ostseite hat einen Altar. Die Bank war mit behauenen und bemalten Steinplatten bedeckt, die eine Prozession von menschlichen Figuren abbildeten. Die Prozession beginnt an der Tür zu Raum 2 und unterteilt sich in zwei Stränge: einer führt entlang der Ostwand zur Südwand und der andere über die Nord- und die Westwand zur Südwand. Dort treffen sie sich am Ausgang zum Vestibül 2. Es ist vorstellbar, daß diese Prozession auch im realen Leben stattfand. Der Karnies an der Bank, der über der Prozessionsszene verläuft, ist dekoriert mit sich wiederholenden eingemeißelten Schlangenmotiven, die Acosta als Darstellung von Mixcoatl, der Wolkenschlange interpretierte.

Der Altar in Saal 2 ist demjenigen in Saal 1 ähnlich, und enthielt ähnliche Opfergaben in einer rot bemalten, zylindrischen Steinbox.

Zwei chacmool-Skulpturen wurden in Saal 2 gefunden. Ein Exemplar befand sich in situ direkt vor dem Altar. Dieses besondere Stück ist eines der bekanntesten Exemplare präkolumbianischer Skulpturen in Mexiko (Es wurde bspw. auch auf dem 100-Peso-Schein dargestellt!). Verbrannte Opfergaben wurden dicht unter dem Platz auf dem die Skulptur stand gefunden. Es handelte sich dabei um eine kleine Figur aus grünem Stein, zwei große komplette Seemuscheln, zahlreiche Muschelperlen, einige runde Sandsteinscheiben und kleine Stücke von Jade und Türkis. Die runden Scheiben stammen wahrscheinlich von Mosaik-Spiegeln mit Eisenpyrit-Oberflächen und Rückseiten aus Türkis und Jade. Ein zweiter chacmool wurde in Fragmenten entdeckt: der Körper befand sich in einem Graben, der während der Neunutzung des Gebäudes in der späten Postklassik gegraben wurde und der Kopf in der Füllung einer spätpostklassischen Plattform, die über Saal 2 errichtet wurde.

Saal 3

Der westlichste der Säle trägt die Nummer 3 und mißt von Ost nach West 21 m, von Nord nach Süd 26 m. Wie Saal 1 hat er nur einen Zugang, der sich in der Westwand befindet und in das westliche Vestibül führt. Die inneren Wände haben keine Bank, aber Reste eines schwer beschädigten Altars wurden in der Südwestecke gefunden. Schmuckelemente eines Dachfrieses, ähnlich denen in den anderen beiden Sälen wurden auf dem Boden entdeckt. Drei patolli-Spielflächen, die in den verputzten Fußboden eingeritzt waren, wurden gefunden, alle in der Nähe von Säulen, die wahrscheinlich als Rückenstütze genutzt wurden. Ein runder Abfluß wurde an der Westseite des Saales entdeckt.

Räume 1-6

An der Nordseite der Säle 1-3 gab es einen langen, schmalen Abschnitt, der sich in sechs kleine Räume unterteilte, die nebeneinander angeordnet waren. Die Räume 1, 5 und 6 hatten Türen, die in das nördliche Vestibül führten und die übrigen drei Räume waren alle von Saal 2 aus erreichbar. Reste von einer oder mehreren Säulen oder Dachstützen wurden auf dem Boden der Räume 1, 2, 5 und 6 gefunden. Raum 4 hatte Überreste eines mehrfarbigen Frieses aus behauenen Steintafeln, der eine Reihe von Individuen abbildete, die wie Krieger gekleidet waren. Der Fries war möglicherweise an einem Altar oder einer Bank angebracht, allerdings ist davon zu wenig erhalten, um eine genauere Definition zu geben. Acosta nahm an, daß Raum 4 als Heiligtum für nichtöffentliche Rituale diente.

Vestibüle 2, Nord und West

Lange, z.T. geschlossene Kolonaden oder vestibulos befanden sich an der Nord-, West- und Südseite von Gebäude 3. Alle hatten verputzte Böden, die Spuren deuten darauf hin, daß Vestibül 2 quadratische, die anderen beiden runde Säulen hatten. Keines der Vestibüle hatte äußere Mauern, d.h. sie waren öffentlich einsehbar. Große steinverkleidete Gruben oder tlecuiles wurden im Vestibül 2 und im westlichen Vestibül gefunden.

Ein einzelner Eingang von der Plaza Mayor in das Gebäude 3 führte vom Vestibül 2 in den Saal 2. Rechterhand (östlich) der Tür befand sich ein Altar, ähnlich den in den Sälen gefundenen; er enthielt Opfergaben wie die beiden schon beschriebenen.

Zur Funktion von Gebäude 3

Die Funktion von Gebäude 3 ist schwer zu ermitteln. Einerseits meinte Acosta, das „Palast“ eine falsche Benennung ist, und das Gebäude statt dessen als zeremoniale Versammlungsstätte des Adels diente.12 Später änderte er seine Ansicht grundlegend und sah die Möglichkeit, daß es die Residenz von Huemac - dem letzten toltekischen Herrscher Tulas

- gewesen sei. Die offensichtliche Abwesenheit von Küchenräumen und die begrenzte Raumzahl stützen aber Zweifel an dieser Version. Diehl glaubt, daß der Herrscherpalast Tulas ein ähnliches Aussehen hatte, wie die Wohnhäuser, die im Rahmen des Tula-Projektes der University of Missouri-Columbia Anfang der 70er Jahre ausgegraben wurden, natürlich auf einer größeren und luxuriöseren Stufe.13 Insgesamt scheint also Acostas erste Annahme wahrscheinlicher. Der Augenschein legt nahe, daß Saal 1 als Speicher für Zubehör (oder Waren) diente, von denen lediglich die Keramik übriggeblieben ist. Saal 2 könnte als Schauplatz für Rituale gedient haben, wobei Initiationsrituale vielleicht in den Räumen 3 und

4 stattfanden, aus denen die Teilnehmer dann in der durch den Fries dargestellten Weise als Prozession hervortraten. Die Funktion von Saal 3 ist unklar. Vielleicht deuten die eingeritzten Spiele auf eine profane Nutzung hin.

Für die Multifunktionalität des gesamten Gebäudes sprechen m.E. auch die getrennten Eingänge und fehlende Verbindungen zwischen den Sälen.

Verlassen und Zerstörung

Die vorhandenen Daten sind unzulänglich, um die Sequenz zu spezifizieren, die dem Verlassen des Gebäudes 3 folgte. Unzweifelhaft ist, daß die Dachbalken und Säulen verbrannten, was dem Gebäude auch den Namen Palacio Quemado (verbrannter Palast) eintrug. Aber ob das Gebäude geplündert und gebranschatzt wurde, als es noch in Funktion war, ist unklar. Das weitverbreitete Entfernen von skulpturierten tableros (vertikale Bauelemente über taludes) von den Bänken und Altären fand offenbar vor dem Zusammenbruch des Daches statt. Unglücklicherweise führte Acosta keine Beobachtungen über die Stratigraphie der auf dem Boden gefundenen Gegenstände durch, d.h. man weiß nichts darüber, ob eine gewisse Zeit zwischen dem Verlassen des Gebäudes und der erwähnten Entfernung von Architekturelementen lag. Die große Zahl von Keramikgefäßen auf dem Boden von Saal 1 weist auf ein schnelles Verlassen hin und der Fakt, daß Dachfriesfragmente direkt auf dem Boden gefunden wurden, darauf, daß sich nicht viel Schutt ansammeln konnte, bevor der Zusammenbruch des Daches stattfand. Diese insgesamt wenigen Zeugnisse deuten auf eine relative Gleichzeitigkeit des Verlassens, der Plünderung, des Brandes und des Zusammenbruchs hin.

Den Hauptteil dieser Arbeit abschließend sei noch einmal Jorge R. Acosta zitiert: Die Architektur, von der wir gesprochen haben, ist majestätisch und kühn, aber leider ist nur wenig von ihr geblieben. Die Mehrzahl der Gebäude ging durch die Zerstörung verloren. Selbst wenn uns die Überreste noch in Erstaunen versetzen, können sie doch nicht mehr die wahre Schönheit wiedergeben ... 14

2.3. Weitere Grabungsprojekte

Ende der 60er Anfang der 70er Jahre begann eine neue Phase der archäologischen Erforschung Tulas. Die Aufmerksamkeit galt jetzt in verstärktem Maße sozialhistorischen Fragestellungen. Das INAH startete 1968 ein neues Langzeitprojekt unter der Leitung des bereits erwähnten Matos Moctezuma. Es handelte sich um ein interdisziplinäres Unternehmen, das sowohl Grabungen als auch Surveys im Siedlungsgebiet und seiner Umgebung, ethnohistorische und historische Forschungen sowie Ethnographie umfaßte. So fertigten z.B. Alba Guadelupe Mastache und Ana María Crespo im Rahmen des Proyecto Tula eine Studie über die Siedlungsgeschichte eines ca. 1000 km2 großen Gebietes um Tula herum an. Diese Arbeit beinhaltete nicht nur archäologische Feldbegehungen, sondern auch historische Forschungen über Landnutzung, Bodentypen und Bewässerung. Die Untersuchung von Luftaufnahmen des Stadtgebietes durch Mastache und Crespo führten zu der Erkenntnis, daß Tula nach einem regulären Plan angelegt wurde, der mehrmals in der Stadtgeschichte geändert wurde.15 Ein weiteres Projekt wurde 1970 bis 1972 von der Universität von Missouri-Columbia (UMC) unter Leitung von Richard A. Diehl und Robert A. Benfer durchgeführt. Die Ziele des UMC-Projektes bestanden v.a. darin, Informationen über die Bevölkerung zu sammeln, die nicht der toltekischen Elite angehörte sowie Entwicklungen innerhalb der toltekischen Geschichte und Kultur zu dokumentieren. Dazu wurden in erster Linie Wohnstrukturen an zwei verschiedenen Stellen ausgegraben. Der Mitarbeiter des UMC-Projektes Robert Cobean 14 Acosta 1956, S. 80: „La arquitectura como dijimos anteriormente, es majestuosa y atrevida, pero por desgracia, poco queda de ella. La destrucción ha sido lamentable y se han perdido para siempre la mayor parte de los edificios. Si hemos estado asombrados con las migajas que han quedado, cual no sería la verdadera grandeza...“ 15 Diehl 1989, S. 29

erstellte auf Grund der in Tula vorgefundenen Keramiksequenz eine umfassende und detaillierte Chronologie, die Acostas Datierung präzisierte.16 1980 fand eine Grabung von Dan Healan von der UMC in Kooperation mit dem INAH statt, die eine Obsidianwerkstatt freilegte. Cobean grub 1992/93 in Tula, u.a. an der Südplattform der großen Plaza in Tula Grande.

3) SCHLUßBEMERKUNGEN

Tula , Hgo. kann als eine der am besten erforschten archäologischen Stätten Altamerikas angesehen werden. Trotzdem bleiben noch offene Fragen, von denen nur einige genannt seien:

Die Ursprünge des toltekischen Staates liegen noch weitgehend im Dunkeln. Die Periode, in der es offensichtlich zu einer Verschmelzung traditioneller kultureller Elemente Mesoamerikas mit den davon deutlich zu unterscheidenden der Coytlatelco-Kultur kam, ist archäologisch kaum dokumentiert.

Die Arbeiten im Rahmen des Proyecto Tula des INAH und des UMC-Projektes haben m.E. noch nicht genügend Daten erbracht, um ein umfassendes Bild des Sozialgefüges und der ökonomischen Grundlagen der toltekischen Hauptstadt zu erhalten.

Die offensichtlich weitreichenden Handelsbeziehungen Tulas, auf die Funde von Import-Keramik aus dem heutigen Guatemala und Türkis aus dem Südwesten der heutigen USA hindeuten, sind noch nicht erschöpfend erforscht.

Welcher Art die Beziehungen Tulas zu dem, in seiner Anlage und Ikonographie verblüffend ähnlichen, Chichén Itzá im Maya-Gebiet waren, ist, trotz vielfältiger Erklärungsversuche, unklar.

Problematisch ist die Tatsache, daß es in Tula, außer einer Kupfernadel in einer Grabbeigabe, keine Metallfunde gab, u.a. deswegen, weil das Tollan der ethnohistorischen Quellen auch als Zentrum der Metallurgie charakterisiert wurde.

Ungeachtet dieser Probleme ist Tula eine der bedeutendsten archäologischen Stätten im mesoamerikanischen Raum. Ihr besonderer Wert besteht m.E. in folgendem:

1) Die Stadt zeigt die Lebenskraft eines kulturellen Konzepts, das zum Zeitpunkt ihrer Anlage bereits seit etwa 2000 Jahren existierte und dem es offensichtlich gelang, auch ethnische Gruppen, die ursprünglich nicht seinem Bereich zuzurechnen waren, zu integrieren und dabei neue Impulse aufzunehmen (z.B. die ausgedehnten Säulenhallen).

2) Tula stellt das Bindeglied zwischen der klassischen Periode Mesoamerikas und der von den Europäern vorgefundenen aztekischen Kultur dar, die letztlich noch in der heutigen Bevölkerung Zentralmexikos ihre Spuren hinterlassen hat.

3) Der archäologische Nachweis der in den Quellen des 16. Jahrhunderts geschilderten toltekischen Hauptstadt liefert interessante Erkenntnisse über das Geschichtsverständnis der Azteken.

4) Tula ist ein eindrucksvolles Beispiel für die zivilisatorischen Leistungen eines außereuropäischen Kulturkreises.

Potsdam, 13. Februar 1997

16 Diehl 1981, S. 278 ff.

BIBLIOGRAPHIE

Acosta, Jorge R.

1956 „Interpretación de Algunos de los Datos Obtenidos en Tula Relativos a la Epo- ca Tolteca“, In: Revista Mexicana de Estudios Antropológicos 14(2), S. 75- 110, México

1964 „La Decimotercera Temporada de Exploraciones en Tula, Hgo.“, In: Anales del INAH 16, S. 45-76, México Diehl, Richard A.

1981 „Tula“, In: Jeremy A. Sabloff (Volume Editor): Archaeology, Supplement to the Handbook of Middle American Indians, Volume One, University of Texas Press, Austin

1989 „Previous Investigations at Tula“, In: Dan M. Healan (Ed.): Tula of the Toltecs. Excavations and Survey, University of Iowa Press, Iowa City Köhler, Ulrich

1990 „Umweltbedingungen und Synopsis der kulturgeschichtlichen Entwicklung“,

In: Ders. (Hg.): Altamerikanistik. Eine Einführung in die Hochkulturen Mittel-

und Südamerikas, 1. Hauptteil: Mesoamerika, I. Archäologie, Dietrich Reimer Ver- lag, Berlin

Mastache, Alba Guadelupe & Cobean, Robert H.

1985 „Tula“, In: J. Monjarás-Ruiz, R. Brambila & E. Pérez-Rocha (Eds.): Mesoamé- rica y el Centro de México, INAH, México

[...]


1 Köhler 1990, S1

2 Diehl 1981, S. 282

3 Köhler 1990, S.15 ff.

4 Diehl 1981, S. 280 f.

5 Mastache & Cobean 1985, S.280

6 Diehl 1981, S. 281

7 Mastache & Cobean 1985, S. 273

8 Diehl 1989, S. 15

9 Diehl 1981, S. 278

10 Acosta 1956, S. 76: „La arquitectura tolteca de Tula es de grandes contrastes. Es de una concepción majestuosa, pero de realisación mediocre. esto se debe en parte a la prisa con que fueron levantados los monumentos y en parte a la defectuosa técnica de construcción empleada. [...] La superposición de estructuras, no siempre es debida a impulsos religiosos o cívicos, es decir, de reedificar un templo cada 52 años, como sostienen unos investigadores, sino en muchos casos, es una necesidad urgente cuando un edificio ha perdido su estabilidad. Prueba de ésto, la tenemos en todas las zonas arqueológicas.“

11 Die Darstellung der Beispiele folgt im wesentlichen Diehl 1989.

12 Acosta 1956, S. 80

13 Diehl 1989, S. 26

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Die archäologische Stätte Tula, Hgo.
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Proseminar Geschichte
Note
gut
Autor
Jahr
1997
Seiten
14
Katalognummer
V105034
Dateigröße
380 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stätte, Tula, Proseminar, Geschichte
Arbeit zitieren
Wolfgang Rose (Autor), 1997, Die archäologische Stätte Tula, Hgo., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105034

Kommentare

  • Gast am 3.11.2004

    tula.

    Es stört schon das kleine Wörtchen "indianisch". Kein Einheimischer liese sich auf dieses Wort ein.
    Ebenso ist im Vorwort verwirrend, die "Erkenntnis zu Europa, Asien und Afrika" Auf welchen Informationen basiert denn dieser Inhalt?

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Titel: Die archäologische Stätte Tula, Hgo.



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