Das narrative Interview. Kann es mit Traumatisierten durchgeführt werden?

Qualitative Forschungsmethoden


Hausarbeit, 2021

41 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Qualitative Sozialforschung
2.1 Zentrale Unterschiede zwischen quantitativer und qualitativer Forschung
2.2 Entstehungsgeschichte der qualitativen Forschung
2.3 Kennzeichen qualitativer Forschung
2.4 Interpretatives Paradigma (theoretische Grundannahmen)
2.5 Zentrale Prinzipien
2.5.1 Kommunikation
2.5.2 Offenheit
2.6 Forschungsethik

3. Das biografisch-narrative Interview
3.1 Grundannahmen des biografisch-narrativen Interviews
3.2 Technik des biografisch-narrativen Interviews
3.3 Kritik
3.4 Aktuelle Herausforderungen

4. Biografisch-narrative Erzählung - praktische Übung
4.1 Individueller Reflexionsbericht

5. Anonymisierter Transkript

6. Trauma
6.1 Beispiel
6.2 Wie Traumata in die nächste Generation wirken
6.3 Biografisch-narrative Interviews mit Traumatisierten
6.4 Die heilsame Wirkung biografisch-narrativer Interviews

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang
9.1 Transkriptionsnotation

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit thematisiert die Grundlagen sowie Forschungslogik der qualitativen Sozialforschung und bezieht sich spezifisch auf das narrative Interview als qualitative Forschungsmethode. Hierbei wird die Frage beleuchtet, ob und wie ein narratives Interview mit Traumatisierten durchgeführt werden kann, welche Wirkung dieses auf die Betroffenen hat und welche Bedingungen zum Gelingen des Interviews beachtet werden sollten.

Im zweiten Kapitel wird die Entstehungsgeschichte der qualitativen Forschung skizziert, woraufhin eine Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundannahmen qualitativer Forschung erfolgt. Dabei werden zentrale Prinzipien - das Prinzip der Kommunikation und das Prinzip der Offenheit - und anschließend die Forschungsethik dargestellt.

Im Rahmen des dritten Kapitels erfolgt eine Initiierung des narrativen Interviews, wobei die Grundannahmen des biografisch-narrativen Interviews sowie dessen Technik dargelegt werden. Im Anschluss daran werden eine Kritik zu spezifischen Ansätzen dieser Interview­Form geäußert und die aktuellen Herausforderungen, die mit dieser Erhebungsmethode verknüpft sind, geschildert.

In dem vierten Kapitel wird dann die biografische Erzählung, die im Kontext einer praktischen Übung absolviert wurde, thematisiert und eine individuelle Reflexion dieser praktischen Übung ausgeführt. Es erfolgt eine exemplarische Wiedergabe des anonymisierten Transkripts, der im Laufe dieser praktischen Übung angefertigt wurde.

Schließlich wird im sechsten Kapitel die Thematik „Trauma“ eingeführt. Um die Relevanz dieses Themenfelds projizieren und pointieren zu können, wird die Wirkung der Traumata auf die nächste Generation veranschaulicht. Dabei wird die Frage aufgeworfen, wie narrative Interviews mit Traumatisierten durchgeführt werden können und welche Maßnahmen zur Aufrechterhaltung eines reibungslosen Ablaufs beachtet werden sollten. Es soll auch aufgezeigt werden, wie sich die Folgen von traumatischen Erlebnissen in Interviews ausdrücken können und welche Möglichkeiten der Interviewer/die Interviewerin hat, hierauf unterstützend einzugehen. Auch wird thematisiert, inwiefern das narrative Interview als „Interaktion mit therapeutischer Wirkung“ fungieren kann und ob heilsame Wirkungen resultiert werden können (Loch 2008, Rosenthal 2002a).

In einer abschließenden Schlussbetrachtung erfolgen ein zusammenfassender Rückblick auf die festgehaltenen Erkenntnisse und ein resümierendes Schlusswort.

2. Qualitative Sozialforschung

Systematische Formen der Datenerhebung, wie etwa Befragungen, Experimente oder - wie im Kontext dieser Hausarbeit - (narrative) Interviews, werden als empirische Sozialforschung bezeichnet. Dabei verfolgt die Empirische Sozialforschung das Ziel, „Aussagen über die Struktur und Beschaffenheit der uns umgebenden sozialen Wirklichkeit zu machen“ (Misoch 2015: 1). Die empirische Sozialforschung, als Kollektiv diverser Techniken und Methoden zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung und Untersuchung sozialer Phänomene, kann in zwei zentrale Bereiche differenziert werden: die quantitativen und die qualitativen Zugänge. Diese Hausarbeit setzt sich mit dem qualitativen Forschungsbereich auseinander.

In den Sozialwissenschaften sowie in der Psychologie etabliert die qualitative Sozialforschung. Auf die Frage, was man unter qualitativer Sozialforschung explizit versteht, mit einer festen Antwort entgegenzukommen, würde die Mannigfaltigkeit und Diversität qualitativer Verfahren lediglich nur ausklammern (Vgl. Flick 2002).

Unter dem Terminus der qualitativen Sozialforschung ist im Laufe der Zeit ein breites Spektrum von speziellen Methodologien und Forschungspraktiken, die divergente Bestreben und Zielsetzungen verfolgen, etabliert. „Jeder Methode liegt ein spezifisches Verständnis ihres Gegenstandes zugrunde, [wobei] sich qualitative Methoden jedoch nicht isoliert betrachten“ lassen (ebd.: 11).

Allgemein kann festgehalten werden, dass die qualitative Sozialforschung die Intention verfolgt, eine Logik des Entdeckens zu erfassen. Dabei erfolgt die Generierung von Hypothesen bis hin zur Formulierung gegenstandsbezogener Theorien im Forschungsprozess, und damit das Revidieren der Hypothesen zu Untersuchungsbeginn.

Für die qualitative Sozialforschung ist der Mensch nicht nur ein Untersuchungsobjekt, sondern auch ein erkennendes Subjekt (Vgl. Lamnek 2016: 44). Durch die Auseinandersetzung mit und der Untersuchung von sozialen Zusammenhängen, wird der qualitativen Forschung eine besondere Aktualität und eine große Relevanz zugeschrieben.

Im Gegensatz zu den quantitativen Methoden besteht in diesem Forschungsbereich eine große Distanz zu einem einheitlichen Verständnis des Vorgehens und der methodologischen Grundannahmen (Vgl. Rosenthal 2011a: 13). Auf zentrale Unterschiede zwischen quantitativer und qualitativer Forschung werde ich im Kapitel 2.1 eingehen.

2.1 Zentrale Unterschiede zwischen quantitativer und qualitativer Forschung

Die quantitative Forschung zeichnet sich durch Leitgedanken wie „die klare Isolierung von Ursachen und Wirkung, die saubere Operationalisierung von theoretischen Zusammenhängen, die Messbarkeit und Quantifizierung von Phänomenen, die Formulierung von Untersuchungsanordnungen, die es erlauben, ihre Ergebnisse zu verallgemeinern und allgemein gültige Gesetze aufzustellen“ (Flick 2002: 13). Der Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnissbemühungen ist nach diesem Forschungsmodell eine spezifische Frage- oder Problemstellung. Dabei versucht die quantitative Forschung Objektivität herzustellen und repräsentative Stichproben zu generieren, die verallgemeinerbar sind und zur Erklärung sowie Deutung kausaler Zusammenhänge fungieren soll (Vgl. ebd.).

Schon lange hat die Wissenschaft jedoch erkannt, dass die quantitative Forschung, die grundsätzlich - zugunsten der Einhaltung methodischer Standards - außerhalb der Alltagswelt bzw. von Alltagsfragen und Problemen distanziert verläuft, keine Wahrheiten produzieren kann. Dabei erweitert die qualitative Forschung die Wissenschaft durch ihre Methodik, einen Gegenstand zu erforschen - denn sie beginnt genau dort, wo die Grenzen quantitativer Methoden erreicht sind.

Im Bereich qualitativer Forschungsprozesse, die von einer großen Offenheit in ihren Zugangsweisen zum untersuchten Phänomen, einer intersubjektiven Nachvollziehbarkeit und Transparenz geprägt sind, wird der Subjektivität als ein Teil des Forschungsgegenstandes eine große Bedeutung zugeschrieben.

Während die quantitative Forschungsmethode die Prüfung von Hypothesen beabsichtigt, verfolgt die qualitative Forschung das Ziel, Hypothesen und Theorien zu generieren. Hierbei nimmt die qualitative Forschung die sich kontinuierlich wandelnde Gesellschaft (Auflösung sozialer Ungleichheiten, Individualisierung von Lebenslagen, Diversifikation von Lebenswelten, etc.) in den Fokus und vollzieht die Forschung der Alltagswelt (ebd.: 12). Sie sieht diesen Prozess in der Gesellschaft als eine neue Herausforderung, die wiederum neue Fragen aufwirft, deren Analyse die quantitative Forschung nicht mehr gerecht werden kann.

Vormals wurde der Gegenstand nach der Messbarkeit ausgewählt - dies wendete sich durch die qualitative Forschung; hierbei bestimmt nicht die Methode den Gegenstand, sondern der Gegenstand die Methode (ebd.: 17).

Was heute in der deutschsprachigen Soziologie unter dem Sammelbegriff „Qualitative Forschung“ zusammengefasst wird, hat verschiedene historische Wurzeln. Diesen widmet sich das nächste Kapitel, welches einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der qualitativen Forschung gewährleisten soll.

2.2 Entstehungsgeschichte der qualitativen Forschung

Die Verwendung qualitativer Forschungsmethoden hat in der Psychologie und in der Sozialwissenschaft eine lange Tradition. Wilhelm Wundt verwendete diese bereits in seiner Völkerpsychologie (1900-1920) und auch in der amerikanischen Soziologie nahmen ein monographisches Wissenschaftsverständnis, die Orientierung am Einzelfall und eine empirisch-statistische Vorgehensweise bereits eine zentrale Rolle ein. Dennoch setzten sich zunehmend die experimentellen, standardisierten und quantifizierenden Ansätze gegen die qualitativen Vorgehensweisen durch (Vgl. Flick 2002).

Die Anfänge der qualitativen Sozialforschung lassen sich mit der Verstehenden Soziologie in Deutschland und Österreich schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts verorten, während ungefähr zeitgleich in den USA die Chicago School entstand, die sich ebenfalls mit empirischer qualitativer Forschung beschäftigte. Maßgeblich wurde die Verstehende Soziologie durch Georg Simmel, Max Weber und Alfred Schütz geprägt, die sich mit dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und subjektiver Wirklichkeit beschäftigten. Mit der NS-Zeit folgte in Deutschland jedoch zunächst ein Bruch in der Sozialforschung, da viele der beteiligten Forscher/innen ins Exil gehen mussten, und die verbliebenen Anhänger/innen der quantitativen Methoden waren (Vgl. Rosenthal 2011a: 26).

In den USA wurde in den 1960er Jahren an der Chicago-School durch Anselm Strauss und Erving Goffman die Entwicklung der Grounded Theory, die methodenübergreifend dazu fungieren soll, Hypothesen mithilfe qualitativ gesammelter Daten zu formulieren, initiiert (Vgl. ebd.: 26). In Deutschland hingegen wurden erste qualitative Studien in den 1950er Jahren von Vertreter/innen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung durchgeführt und publiziert. Die heutige qualitative Forschung in Deutschland wurde jedoch besonders durch die Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen um Joachim Matthes an der Universität Bielefeld beeinflusst, deren Mitglieder seit den 1970er Jahren verschiedene Methoden der qualitativen Forschung, wie das narrative Interview oder die Gruppendiskussion, konstituierten und weiterentwickelten (vgl. ebd.: 27ff).

1970 wurden erstmals übersetzte Beiträge der methodenkritischen Arbeit von Cicourel (1964) in Sammelbänden veröffentlicht, wodurch grundlegende Texte zur Ethnomethodologie oder zum symbolischen Interaktionismus ihren Weg nach Deutschland fanden. Die in Deutschland etablierte Wissenschaftsdiskussion verfolgte die Intention, dem Gegenstand der Forschung im stärkeren Maße gerecht zu werden als es in der quantitativen Forschung möglich war (Vgl. König 2002: 22). Hierbei zeigten sich in der quantitativen Forschung Grenzen. Die Forschungsergebnisse fanden im Alltag wenig Anwendung und wurden in politischen und institutionellen Handlungsweisen kaum übernommen. Durch die Einhaltung der methodischen Standards blieben die Fragestellungen und deren Ergebnisse von Alltagsproblemen und -fragen distanziert. Trotz der erhofften Objektivität, nahmen die Interessen sowie die sozialen und kulturellen Hintergründe der Forschenden bei der Formulierung von Fragestellungen und bei der Interpretation von Daten eine Rolle ein (Vgl. ebd.: 15). Diese Kritik wird in der Propagierung des „Prinzips der Offenheit“ bei Hoffmann-Riem deutlich. Die Forschungsmethoden sollen demnach dem Gegenstand der Forschung angemessen sein. Durch die konsequente Befolgung des Prinzips der Offenheit und der von Kleining (1982) formulierten Regeln interpretativer Forschung soll verhindert werden, dass der Gegenstand durch die Methoden, die man zu seiner Forschung einsetzt, begründet wird (Vgl. ebd.: 22).

Im Anschluss daran setzte gegen Ende der 1970er eine eigenständige Diskussion, d.h. nicht mehr vorwiegend übersetzend-nachvollziehende Diskussionen, über die qualitativen Methoden - insbesondere über die Anwendung von Interviews, ihrer Auswertung sowie zu methodologischen Fragen - ein. Entscheidend für die Entwicklung der qualitativen Forschung war das Auftauchen des narrativen Interviews von Schütze (1977) und der objektiven Hermeneutik von Overmann (1979). Erstmals konnte die subjektive Reflexion des Forschers als Teil der Erkenntnis wahrgenommen werden. Mitte der 1980er Jahre wurde in Deutschland dann über die Gültigkeit und Verallgemeinerung von Ergebnissen der qualitativen Methoden diskutiert. Der Nachvollziehbarkeit und Darstellung qualitativer Forschungsergebnisse wurden seither stärkere Beachtung geschenkt und angemessene Kriterien zur Überprüfung besprochen. Auch die ersten Lehrbücher zur qualitativen Forschung wurden vor dem Hintergrund dieser Diskussion, im deutsch-sprachigen Raum, veröffentlicht (Vgl. ebd.: 23).

2.3 Kennzeichen qualitativer Forschung

Die qualitative Forschung ist von anderen Leitgedanken bestimmt als die quantitative Forschung. Die „wesentliche[n] Kennzeichen sind die Gegenstandsangemessheit von Methoden und Theorien, die Berücksichtigung und Analyse unterschiedlicher Perspektiven sowie [die Reflexivität des Forschers/der Forscherin über die Forschung] [...]“ (Flick 2002: 16) . Im Folgenden werden diese Kennzeichen demonstriert.

Gegenstandsangemessenheit von Methoden und Theorien:

In der qualitativen Forschung ist entscheidend, ob der Gegenstand auf die spezifischen Methoden adäquat passt oder nicht. Diese Forschung hat zum Ziel, neue Themen und zu entdecken und temporäre Ziele zu entwickeln. Es sollen auch - anders als in der quantitativen Forschung - Forschungsgegenstände betrachtet werden können, die durch ihre Voraussetzung keine Verallgemeinerbarkeit aufweisen und nur begrenzt in der Anzahl erforschbar sind. Dabei wird „das Handeln und Interagieren der Subjekte im Alltag“ zum Forschungsgegenstand (ebd.: 17) .

Berücksichtigung und Analyse unterschiedlicher Perspektiven:

Qualitative Forschung stellt subjektive Bedeutsamkeit heraus, in dem sie Multiperspektivität schafft. Sie erforscht die subjektive und soziale Bedeutsamkeit des Gegenstandes aus diversen Perspektiven und „setzt an den subjektiven und sozialen Bedeutungen [an], die mit ihm verknüpft sind“ (ebd.: 19).

Reflexivität des Forschers/der Forscherin über die Forschung:

In der qualitativen Forschung wird davon ausgegangen, dass eine Objektivität durch den Forscher/die Forscherin nicht gewährleistet werden kann. Aus diesem Grund nutzt sie die Subjektivität dessen als Teil des Gegenstandes. Die Reflexion der eigenen Subjektivit ät des Forschenden wird auf diese Weise zum Teil der Daten und der Forschungsfrage selbst (Vgl. ebd.: 19).

Sie folgt diversen methodischen und theoretischen Ansätzen - in erster Linie der Rekonstruktion subjektiver Sichtweisen, in zweiter Linie der Analyse von Interaktionen und in dritter Linie der Rekonstruktion von Strukturen und Sinn in sozialen Feldern und Handlungen. Diese Divergenzen beruhen teilweise auf unterschiedlichen historischen Entwicklungen.

Die qualitative Forschung dient auch der Exploration von Forschungsfeldern und gewährleistet, Forschungsfragen zu konkretisieren. Sie trifft keine verallgemeinerbaren

Aussagen über Häufigkeiten und statistische Zusammenhänge und kann somit nicht zur Erklärung kausaler Zusammenhänge in Erwägung gezogen werden, basiert aber auf einer empirisch haltbaren Datenlage (Vgl. ebd.: 20).

2.4 Interpretatives Paradigma (theoretische Grundannahmen)

Das interpretative Paradigma umschreibt eine „grundlagentheoretische Position [...], die davon ausgeht, dass alle Interaktion ein interpretativer Prozeß ist, in dem die Handelnden sich aufeinander beziehen durch sinngebende Bedeutung dessen, was der andere tut oder tun könnte“ (Lamnek 2016: 46). Somit wird der Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften im Rahmen des interpretativen Paradigmas als durch Interpretationshandlungen konstituierte Realität aufgefasst.

Laut Rosenthal ist das wichtigste Merkmal des interpretativen Paradigmas, dass Menschen nicht als Organismen verstanden werden, die auf ihre Umwelt reagieren, sondern als handelnde und erkennende Organismen, die durch eigene Handlungen und die Interaktion untereinander, die soziale Wirklichkeit erzeugen (Vgl. Rosenthal 2011a). Dabei wird soziale Realität durch gesellschaftliche Interpretation und Bedeutungszuweisung konstruiert und nicht als Objektiv aufgefasst. Bedeutungen bilden sich sequenziell in interaktiven Prozessen heraus und verändern sich fortlaufend (Vgl. ebd.: 15).

Mit dieser Annahme sind zwei wesentliche Prinzipien für die interpretative Sozialforschung verbunden: Das Prinzip der Offenheit und das Prinzip der Kommunikation, die in den folgenden Kapiteln dargelegt und näher betrachtet werden.

Die zentralen Grundannahmen des interpretativen Paradigmas beziehen sich u.a. auf die Prinzipien der Offenheit und Kommunikation - eine detaillierte Auseinandersetzung erfolgt im Kapitel 2.5.

Das Prinzip der Kommunikation orientiert sich allgemein am Regelsystem der Alltagskommunikation. Dies bedeutet, dass die soziale Wirklichkeit gemeinsam von den Alltagshandelnden in der Erhebungssituation gestaltet wird. Die Datengewinnung bei einer Beobachtung oder bei einem Interview geschieht durch eine kommunikative Leistung.

Das Prinzip der Offenheit wiederum beschreibt generell, dass eine Offenheit bei der Änderung des Forschungsplans gewünscht ist. Dies bedeutet, dass es eine offene Forschungsfrage gibt und erst im Verlauf des Forschungsprozesses die Hypothesenbildung selbst erfolgt - erst dann kann eine feste Stichprobe entwickelt werden. Dieses Prinzip suggeriert somit die Relevanz von Unvoreingenommenheit und vom Ausklammern des Vorwissens bei qualitativen Forschungsmethoden (Vgl. ebd.).

2.5 zentrale Prinzipien

Im Bereich der qualitativen Sozialforschung bestehen etliche Methodologien und Vorgehensweisen, die einerseits untereinander spezifische Differenzen aufweisen. Andererseits weisen deren Ansätze aber auch Gemeinsamkeiten - die im Folgenden als zentrale Prinzipien wiedergegeben werden - auf.

Diese sind durch die Annahme, dass „Menschen auf der Grundlage ihrer Deutungen der sozialen Wirklichkeit [agieren] und diese Wirklichkeit nach bestimmten sozialen Regeln immer wieder neu interaktiv herstellen“ verknüpft (Rosenthal 2011a: 38). Mit dieser Annahme sind zwei wesentliche Prinzipien für die qualitative Sozialforschung signifikant: Das Prinzip der Kommunikation und das Prinzip der Offenheit.

In der qualitativen Forschung stellen das Prinzip der Kommunikation und der Offenheit - neben einigen weiteren Prinzipien - zentrale Elemente dar, da die Forscher/innen mit „Alltagshandelnden“ (Vgl. ebd.: 43) interagieren. Daher findet im Folgenden eine konkretere Auseinandersetzung mit dem Prinzip der Kommunikation und dem Prinzip der Offenheit statt.

2.5.1 Kommunikation

Im qualitativen Forschungsprozesses tritt der Forschende in einen Kommunikationsprozess mit den Alltagshandelnden. Auf Basis dessen wird die soziale Wirklichkeit dieser Erhebungssituation mit den Alltagshandelnden gemeinsam konstituiert - „Datengewinnung ist [somit] eine kommunikative Leistung“ (Rosenthal 2011a: 43).

Dem Prinzip der Kommunikation liegt daher zugrunde, dass den Untersuchungspersonen die Möglichkeit gegeben wird, ihre Perspektive der Welt und ihre Empfindungen schildern und präzisieren zu können. Dabei sind jedoch auch die Umstände zu beachten: Je nach Verwertung ihrer Geschichte können sie diese anders erzählen, was wiederum bedeutet, dass z.B. Psychologen/Psychologinnen die Erzählungen anders interpretieren als Historiker/Historikerinnen; auf dem Wissensstand und den spezifischen Kenntnissen basierend, besteht daher die Möglichkeit, dass Probanden/Probandinnen ihre Geschichten verändert wiedergeben.

2.5.2 Offenheit

Offenheit gilt als ein zentrales Element der qualitativen Forschung. Es ist die Rede von Offenheit gegenüber Untersuchungspersonen, gegenüber der Untersuchungssituation und gegenüber der spezifischen Methoden, aber auch von der Unvoreingenommenheit gegenüber dem Wissensstand des Forschungsfeldes im gesamten Prozessverlauf der Forschung. Zudem ist die qualitative Forschung auch von einer großen Offenheit in ihren Zugangsweisen zum untersuchten Phänomen geprägt - hinsichtlich relevanter Theorien, Perspektiven, Methoden, Fokussierungen etc. (Vgl. Rosenthal 2011a).

Das Prinzip der Offenheit setzt voraus, dass zu Beginn des Forschungsprozesses jegliche Hypothesen, wissenschaftlichen Annahmen sowie mögliche alltagsweltliche Vorurteile ausgeblendet werden. Dies liegt der Tatsache zugrunde, dass alle empirischen Studien von einem Interesse und von bestimmten Fragen geleitet sind, die sich dann auch auf die jeweiligen Hypothesen auswirken. Durch das „Ausklammern“ wissenschaftlicher Annahmen und Hypothesen, wird die Entdeckung von neuen Erkenntnissen gewährleistet, und somit eine Haltung der Forscher/Forscherinnen vorausgesetzt, die der Bereitschaft und Offenheit zur Entdeckung von Neuem oder sogar Unentdecktem bedarf. Damit kann bzw. soll die Stichprobe nicht im Voraus definiert werden, sondern etabliert sich im Laufe des Forschungsprozesses auf Basis der sich ergebenden Annahmen (Vgl. ebd.: 47f.).

Oftmals wird zu Beginn der Beschäftigung mit einer Frage oder einer einem Problem ein weit gefasster, extensiver thematischer Rahmen durch den Forschenden gewählt. Dabei kann sich z.B. das Forschungsinteresse im Laufe der Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand ändern, da sich während der Analyse selbst Fokussierungen, Modifikationen und Neuorientierungen des Interesses ergeben können. Somit meint die Offenheit auch, dass der Forschungsprozess im Voraus nicht exakt plan- und prognostizierbar ist.

Das Prinzip der Offenheit der Forschungsverfahren ist obligatorisch, um die Erhebung und die anschließende Auswertung der Daten adäquat durchführen zu können. Die Forscher/Forscherinnen müssen den Gesprächspartnern, dem Gesprächsthema und gegenüber der Methode ohne Vorurteile, komplett offen gegenübertreten, da spezifische Haltungen und Meinungen den Forschungsprozess ansonsten unbewusst und ungewollt in bestimmte Richtungen leiten könnten.

2.6 Forschungsethik

Im Kontext der Forschungsethik werden in der soziologischen Diskussion entgegengesetzte, divergierende Positionen vertreten.

Während einerseits für eine klare Isolierung der Sozialwissenschaft und Ethik plädiert wird, wird eine derartige Trennung andererseits als wenig plausibel wahrgenommen. Dabei wird auf „die Gefahren einer Wissenschaft, die ihr eigenes Handeln nicht kritisch im Hinblick auf moralische Grundsätze reflektiert“ hingewiesen (Von Unger 2014: 16). Demnach müssen empirisch Forschende - im Rahmen des Forschungsprozesses und der angewandten Methode - Entscheidungen über Verfahren treffen, die verheerende Konsequenzen für das Leben anderer Menschen resultieren können. Diese Entscheidungen wiederum setzen Argumentationen, aber auch die Fähigkeit, abzuwägen und somit eine Reflexivität voraus.

Christel Hopf (1991, 2004) definiert Forschungsethik wie folgt:

„Unter dem Stichwort ,Forschungsethik‘ werden in den Sozialwissenschaften im Allgemeinen all jene ethischen Prinzipien und Regeln zusammengefasst, in denen mehr oder minder verbindlich und mehr oder minder konsensuell bestimmt wird, in welcher Weise die Beziehungen zwischen den Forschenden auf der einen Seite und den in sozialwissenschaftliche Untersuchungen einbezogenen Personen auf der anderen Seite zu gestalten sind“ (Von Unger 2014: 18).

Im Kern bezieht sich die Forschungsethik auf die Konstituierung der Forschungsbeziehungen und spricht Fragen, die z.B. den Umgang von privaten Daten betreffen, eine immense Relevanz zu. Dabei gilt es, das Recht zur freien Entscheidung über die Teilnahme und persönlichen Rechte der an der Forschung teilnehmenden Person zu respektieren und eine freiwillige Teilnahme an Forschungsprojekten zu gewährleisten (Vgl. ebd.).

Infolge dessen ergeben sich folgende forschungsethische Grundsätze des sogenannten Ethik-Kodexes der Soziologen und Soziologinnen: die „Objektivität und Integrität der Forschenden, [die] Risikoabwägung und Schadensvermeidung, [die] Freiwilligkeit der Teilnahme, [ein] informiertes Einverständnis [sowie die] Vertraulichkeit und Anonymisierung“ (ebd.: 20). Die untersuchten Personen dürfen keinen Nachteilen oder Gefahren in jeglicher Hinsicht ausgesetzt werden und sind über alle möglichen Risikofaktoren zu informieren und aufzuklären. Anzumerken ist hierbei jedoch, dass es im Kontext der Diskussion über Forschungsethik in der qualitativen Forschung einige zentrale Grundsätze gibt, „die mit der Logik des Forschungsprozesses nicht vereinbar sind“ (Siouti 2018). Dazu zählt der Begriff Objektivität, der in der qualitativen Forschung sehr umstritten ist und durch viele Vertreter und Vertreterinnen des interpretativen Paradigmas als irrelevant betitelt wird.

Auf Grund der Vielfältigkeit an Methodologien in der qualitativen Forschung werden auch in diesem Rahmen - ähnlich wie bei der Diskussion um den Terminus „Forschungsethik“ - diverse Positionen vertreten. Die Einen titulieren das Bestreben der Anderen, die Objektivität als ein Gütekriterium der qualitativen Forschung zu etablieren, als „unrealistische Fiktion“ (Vgl. Von Unger 2014: 22).

Auch bei der Auseinandersetzung mit biografischem Material durch narrative Interviews spielt die Forschungsethik und die Beschäftigung mit forschungsethischen Aspekten eine bedeutsame Rolle. Dazu zählt „die Gestaltung der Kontaktaufnahme und Forschungsbeziehung, die Anonymisierung von biografischen Daten und der Umgang mit den erhobenen Lebensgeschichten, insbesondere [der] Frage, wie und ob Ergebnisse der Biografieforschung an die befragten Personen zurückgegeben werden sollen“ (Siouti 2018).

Im Hinblick auf diese ausgeführten forschungsethischen Aspekte, ist die Biografieforschung, angesichts der Prinzipien der Offenheit, Reflexion und Rekonstruktion und der zentralen Grundregeln, durch das Praktizieren von biografisch-narrativen Interviews - die als Grundlage für die vorliegende Hausarbeit dient und auf die ich in dem nächsten Kapitel detailliert eingehe - herausgefordert. Hierbei wird u.a. eine Aufklärung der untersuchten Person sowie eine sensible Vorgehensweise in der Phase der Datenerhebung, aber auch in der Auswertung und Veröffentlichung vorausgesetzt (Vgl. ebd. 2018).

[...]

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Details

Titel
Das narrative Interview. Kann es mit Traumatisierten durchgeführt werden?
Untertitel
Qualitative Forschungsmethoden
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Qualitative Forschungsmethoden
Note
1.7
Autor
Jahr
2021
Seiten
41
Katalognummer
V1050342
ISBN (eBook)
9783346471383
ISBN (Buch)
9783346471390
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Qualitative Forschungsmethoden, Forschunsgsmethoden, narrative Interviews, narrative Interviews mit Traumatisierten, Trauma, Erziehungswissenschaft, Erziehungs- und Bildungswissenschaft
Arbeit zitieren
Gül Ince (Autor:in), 2021, Das narrative Interview. Kann es mit Traumatisierten durchgeführt werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1050342

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