Herrmann Wagener - ein konservativer Sozialist


Seminararbeit, 2000

11 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1. Hermann Wagener, ein konservativer Sozialist
1.1. Persönlicher Hintergrund Hermann Wageners

2. Wageners politisches Programm
2.1. Das Bild des Menschen
2.2. Die Staatsanschauung
2.3. Die Sozialpolitik

3. Das Scheitern

1. Hermann Wagener - ein konservativer Sozialist

Hermann Wagener war in erster Linie Sozialpolitiker. Er war kein poli- tischer Theoretiker, sondern „bastelte“ sich sein Programm aus den Denkmodellen Anderer zusammen. Seine politische Heimat war die Konservative Partei und doch gehörte er, obwohl er einer ihrer talen- tiertesten Vertreter war, auch zu ihren schärfsten Kritikern. Hans- Joachim Schoeps überschreibt in seinem Buch „Das andere Preußen“ das Kapitel über Hermann Wagener mit dem Untertitel „ein konserva- tiver Sozialist“ (Schoeps, 1957, S. 246). Mit einem Zitat Wageners lässt sich diese Einschätzung gut unterstreichen: „Konservative Gesinnung ist etwas Höheres und Tieferes als der kleinmütige Wunsch, das, was man hat, möglichst langsam zu verlieren.“ (Schoeps, 1957, S. 246). Die- ses Zitat zeigt deutlich Wageners Distanz zur konservativen Partei, bei gleichzeitigem Bekenntnis zu einer konservativen Gesinnung. Im fol- genden soll auf Wageners sozialpolitisches Programm, seine Stellung zu konservativen Strömungen seiner Zeit und letztlich sein Scheitern, als exemplarisch für das Scheitern sozialkonservativer Ansätze dieser Zeit, eingegangen werden.

1.1 Persönlicher Hintergrund Hermann Wageners

Geboren im Jahr 1815 als Pastorensohn, wuchs Wagener in einem stark christlich geprägten Elternhaus auf. Dieses Umfeld prägte Wagener sehr stark, der Einfluss auf sein politisches Denken ist in nahezu jeder seiner Schriften nachweisbar. Vor allem seine politische Überzeugung in Bezug auf die Arbeiterfrage ist aus dieser christlichen Prägung und Überzeugung erklärbar und verständlich.

Trotz seiner bürgerlichen Herkunft, knüpfte Wagener sehr früh Kontakt zu Adelskreisen, an der Universität entwickelten sich Freund- schaften zu Moritz von Blanckenburg und Senfft von Pilsach, die auch in der Zeit, als Wageners Stern im Sinken begriffen war, zu ihm stan- den. Als Schüler verband Wagener mit seinem Lehrer Ludwig von Ger- lach lange Zeit eine gute Freundschaft, in der Wagener viel von Ludwig von Gerlachs Einfluss profitierte, doch zerbrach das gute Verhältnis später an Wageners Loslösung vom weltanschaulichen Dogmatismus der Konservativen Partei. Freundschaftliche Bindungen zu Otto von Bismarck, dessen Sozialpolitik Wagener lange Zeit wesentlich beein- flusste, entstanden um ca. 1848.

Seine Aktivitäten erstreckten sich über lange Jahre als Schriftstel- ler auf die Verfassung sozialpolitischer Aufsätze, Wagener war von 1848 bis 1853 Chefredakteur der „Kreuzzeitung“, er war Mitarbeiter und zeitweise Besitzer der für ihn „sehr kostspieligen“ Berliner Revue (Schoeps, 1957, S. 246) und einiger kleinerer Blätter. Außerdem war Wagener von 1853 bis 1873 Abgeordneter in diversen parlamentari- schen Kammern, namentlich der zweiten Preußischen Kammer, dem Preußischen Haus, dem Zollparlament, dem Norddeutschen Reichstag, und dem Deutschen Reichstag. Später wurde er Berater Bismarcks und Rat im Auswärtigen Amt.

Das Wissen um den persönlichen und beruflichen Hintergrund Hermann Wageners ist für das Verständnis seiner politischen Ideen- entwicklung, die im Folgenden dargestellt werden soll, sicherlich sehr hilfreich.

2. Wageners politisches Programm

Obwohl Wagener sich selbst eindeutig als Konservativer bezeichnete, waren seine sozialpolitischen Forderungen dem konservativen Lager mehr als fremd. Wagener strebte eine Entschärfung des Konfliktpoten- tials, das er in der Unzufriedenheit der materiell unterprivilegierten Masse entdeckt hatte, durch eine Befriedigung der „berechtigten mate- riellen Forderungen“ (Schoeps, 1957, S. 252). Dass er sich damit sehr weit von der Konservativen Partei entfernte, ist selbstverständlich.

2.1 Das Bild des Menschen

Die sozialpolitischen Ansätze Hermann Wageners wurzeln in ihrer Be- gründung in Wageners Bild des Menschen. Christliche Vorstellungen von Gerechtigkeit seiner speziellen Art von konservativer Ideologie anzupassen und so zu einem dezidiert sozialkonservativen Menschen- bild zusammenzufügen, gelang Wagener auf sehr undogmatischem Weg. Zwar sprach Wagener von Freiheit stets in konservativer Manier: „Wahre Freiheit besteht im freien Dienst, [...] die wahre Freiheit ist die Freiheit der Kinder Gottes“, was keine Freiheit in einem politisch- mitbestimmenden Sinn meinte. Doch durfte Obrigkeit nicht aus sich selbst heraus die Stellung eines Menschen über einen anderen Men- schen bedeuten, sondern musste sich in Wageners Auffassung auf eine höhere Autorität berufen, diese muss also auch die Bedürfnisse der Menschen nach sozialer Gerechtigkeit in christlichem Sine erfüllen. Der „Mensch schlechthin“ müsse Würdigung und Achtung finden.

2.2 Die Staatsanschauung

Das Staatsbild, dass Hermann Wageners Idealvorstellung entsprach einem starken, selbständigen Königtum für Preußen. Es sollte seiner Meinung nach als „soziales Königtum“ (Christoph, 1950, S. 20ff) über- leben , da Wagener davon überzeugt war, dass sich das Königtum an- sonsten unweigerlich zum Despotismus entwickeln würde oder unter- gehen müsste. Die Lösung sah Wagener in einem christlich- monarchischen Staatsgefüge, das durch ein „soziales Königtum“ vertre- ten würde, in dem der König der „Schirmherr der Schwachen, der Kö- nig der Bettler, der Retter und der Vater der Masse des Volkes“ sein sollte. Jede Demokratie, jeder Absolutismus, Despotismus oder Libera- lismus blieb für Wagener als Staatsform inakzeptabel.

Wagener sah im Gegensatz zum Rest seiner Partei den vierten Stand nicht als Ergebnis des Sozialismus, sondern umgekehrt, ein radi- kaler Sozialismus blieb aber sein Feindbild. Die zentrale Gefahr des So- zialismus sah Wagener in „der Möglichkeit eines zentralisierten Despo- tismus“ (Schoeps, 1957, S. 263). Seine Kapitalismuskritik beschränkte sich hingegen auf den Fabrik- und Handelskapitalismus, das Kleinkapi- tal, bestehend aus dem Bauern- und Handwerksstand, war für ihn der ruhende Kern des Staates. Das Proletariat betrachtete Wagener als Auswuchs ungesunder wirtschaftlicher Umstände, die Konsequenz daraus war für ihn zwingend die zuvorkommende staatliche Sozialak- tion.

2.3 Die Sozialpolitik

Ziel Wageners bei all seinen sozialpolitischen Überlegungen war stets eine Reform der politischen Verhältnisse, das Hauptproblem sah er weniger in der Notlage der Arbeiter als im Überfluss der höheren Schichten. Durch die Durchsetzung einer Reform wollte Wagener im wesentlichen einer Revolution vorbeugen. Zur Lösung der „Arbeiter- frage strebte Wagener stets auch die Zusammenarbeit mit Liberalen an, deren gemäßigte Vertreter davon auch nicht abgeneigt waren. Inner- halb der Konservativen Partei manövrierte sich Wagener mit diesen Forderungen aber mehr und mehr ins Abseits. Sein Sozialprogramm diente in wesentlichen Grundzügen als Vorbereitung der Bismarck- schen Sozialgesetzgebung, die Verwirklichung erfolgte allerdings nur teilweise. Zentrale Forderungen der Sozialpolitik im Sinne Wageners waren:

- die Wiederherstellung der „Wuchergesetze“ zur Beschränkung des Zinsfußes, um eine Ausbeutung der Arbeitskraft zu verhin- dern
- die Einführung des „Normalarbeitstages“, der zur 56,5- Stundenwoche führen sollte. Dabei handelte es sich um einen Gesetzentwurf, den Wagener Bismarck 1875 vorgelegt hatte, der aber erst 1918 realisiert wurde.
- die Einführung von Arbeits- und Gewerbeämtern, die eine bes- sere staatliche Kontrolle der freien Wirtschaft ermöglichen soll- ten
- die Einrichtung staatlicher Unterstützungs-, Invaliden- und Al- tersversorgungskassen, die in ihrer Umsetzung auch ein gewis- ses Staatsbewusstsein bei den Arbeitern erwecken sollten. Wagener ging in seinem Sozialprogramm sogar teilweise soweit, dass er Arbeiter zu Kapitalbesitzern machen wollte, um „den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital zu entschärfen“ (Schoeps, 1957, S. 259), sondern er forderte sogar die teilweise Kollektivierung von Groß- grundbesitz, da das Privateigentum von Grund und Boden vom Staat „nur zum Lehen gegeben“ (Schoeps, 1957, S. 259) worden sei und des- halb auch wieder entzogen werden könne. All diese Vorschläge wur- den Bismarck tatsächlich vorgetragen und zumindest teilweise wohl- wollend von ihm betrachtet, da der Staatsaspekt in ihnen eine große Rolle spielte und dieses starke Staatsbewusstsein ihn durchaus an- sprach. Wagener wusste um die relative Aussichtslosigkeit seiner Vor- schläge, sein handschriftlicher Kommentar auf einer Denkschrift war lapidar: „Man kann leichter mit einem schweren Frachtwagen im Sande Galopp fahren, als die Arbeiterfrage lösen mit Männern und Organisa- tionen, die derselben fremd oder feindlich gegenüberstehen.“ (Schoeps, 1957, S. 261). Sein Scheitern konnte für ihn keine Überraschung sein.

3. Das Scheitern

Wagener verließ das politische Leben als verbitterter, gescheiterter Mann. Der arrogante und hochmütige Umgang mit seinen politischen Gegnern, häufig von „kältester Ironie“ (Schoeps, 1957, S. 249) geprägt, führte schon früh dazu, dass Wagener nicht nur wenige Freunde hatte, sondern auch erbitterte Feinde. Als er durch eine Intrige seine Ämter verlor, war dies sicherlich auch in gewisser Weise auf seinen achtlosen Umgang mit den Menschen, die ihn umgeben hatten zurückzuführen. Wageners Scheitern war das Scheitern mehrerer Ebenen: das Scheitern der Konservativen Partei, das Scheitern seiner Sozialpolitik und - als letzter Akt auf seiner persönlichen politischen Bühne - das Scheitern bei der Gründung einer neuen Partei.

Schon früh erkannte Wagener, dass die Konservative Partei mit ihrer Haltung zur Arbeiterfrage nicht langfristig würde überleben kön- nen. Das Scheitern musste früher oder später erfolgen, da die Konserva- tiven die Antwort auf die soziale Frage schuldig blieben. Wagener for- derte zwar die Erweiterung ihrer sozialen Grundlagen, doch fehlte ihm die nötige Hausmacht innerhalb der Partei. Hermann Wagener galt zwar als einer ihrer wichtigsten und talentiertesten Vertreter, doch war seine parteiinterne Stellung aufgrund seiner Einstellung zu Sozialisten und Liberalen denkbar schlecht. Vor allem, da der Großteil der Mitglie- der der Konservativen Partei Großgrundbesitzer waren, wurde Wage- ner parteiintern lediglich aufgrund seiner Außenwirkung toleriert. In Anbetracht seiner Äußerungen über die Zerstückelung des Großgrund- besitzes und der Übergabe von Kapital an Arbeiter (s.o.) ist das nur zu gut verständlich.

Zwar wurden einige Teile des Sozialprogramms, die Wagener Bismarck vorgelegt hatte, später in der Bismarckschen Sozialgesetzge- bung verwirklicht, allerdings lehnte Wagener diese Form der Umset- zung grundsätzlich ab: „Sozialreform und Sozialistengesetz: Es wird dies beides gleichermaßen umsonst sein.“ (Schoeps, 1957, S. 261). Seiner Ansicht nach, kam die Reform viel zu spät und war in keinem Bereich weitgehend genug, um Erfolg zu haben. Wagener sprach davon, dass Bismarck nun „Deutsche zweiter Klasse“ geschaffen habe, da mit dem Sozialistengesetz die Herrschaft der Bourgeoisie weiterhin stabilisiert werde und der soziale Konflikt so auf keinen Fall entschärft würde. Die Verbitterung über das Scheitern seiner Konzepte zeigt sich auch in sei- ner Äußerung über Bismarck, der die historische Bedeutung der Arbei- terklasse nicht erkenne und den Staat durch eine gefährliche innere Po- litik unterhöhle. Nach wie vor hielt Wagener die politische Gleichbe- rechtigung der Arbeiter für ihre Selbstachtung unabdingbar.

Aus der Erkenntnis erwachsend, dass es für die sozialpolitischen Ansichten Wageners keinen Fürsprecher gab, erscheint der Gedanke an den nächsten Schritt, die Gründung einer neuen Partei, die sozialkon- servative Politikansätze programmatisch erfassen und in reale Politik umsetzen kann, ohne auf gewachsene Parteistrukturen und damit ver- bunden alt-konservative Ideologien und Interessen Rücksicht nehmen zu müssen. Wagener selbst begann in den Jahren der „Selbstzerset- zung“ (Schoeps, 1957, S. 262) der konservativen Partei ab 1866 intensiv mit Planungen und Programm entwürfen für die Gründung einer neu- en „Mittelpartei der Zukunft“. Er knüpfte Kontakt zum Deutschen Ar- beiterverein, suchte Unterstützung der Lasalleaner, doch trotz prinzi- pieller Bereitschaft einiger Teile der Lasalleaner, die Wagener soweit ermutigten, Bismarck in einen Brief aufzufordern, „die augenblicklich vorherrschende nationale Strömung in der Arbeiterschaft zu benutzen“ (Schoeps, 1957, S. 264). Die Neugründung, die mit Hilfe von Rudolf Meyer (Mitarbeiter der Berliner Revue) vorbereitet wurde sollte „Sozi- alkonservative Partei“ heißen. Doch nach einigen Unstimmigkeiten, die hier im Detail nicht erläutert werden sollen, sprangen die Lasalleaner (vermutlich auf Druck von Bebel und Liebknecht) ab, als auch der als Spitzenkandidat vorgesehene Carl von Rodbertus-Jagetzow seine Mit- arbeit versagte, war das Projekt gestorben. Bei der Gründung der Christlich-Sozialen Partei durch Rudolf Todt und Adolf Stöcker hielt Wagener sich - wahrscheinlich aus Verbitterung über Bismarck und das Scheitern der eigenen Bemühungen - bemerkenswert zurück. Er hielt das Konzept des Staatssozialismus für gescheitert.

Literaturverzeichnis

- Hans-Joachim Schoeps, Das andere Preußen, Honnef/Rhein, 1957
- Siegfried Christof, Hermann Wagener als Sozialpolitiker, Dissertati- on Erlangen, 1950

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Details

Titel
Herrmann Wagener - ein konservativer Sozialist
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
Konservatismus in Deutschland
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V105064
Dateigröße
350 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herrmann, Wagener, Sozialist, Konservatismus, Deutschland
Arbeit zitieren
Matthias Schmidt (Autor), 2000, Herrmann Wagener - ein konservativer Sozialist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105064

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