Die Theorie der Phillips-Kurve


Seminararbeit, 2001
17 Seiten, Note: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die ursprüngliche Phillips-Kurve

3. Die modifizierte Phillips-Kurve
3.1 Die Bedeutung der Phillips-Kurve für die Politik
3.2 Die modifizierte Phillips-Kurve in den sechziger Jahren
3.3 Das Problem der Stagflation

4. Die Kritik von FRIEDMAN und PHELPS
4.1 Die „Geldillusion“ und exogene Erwartungen
4.2 Exogene vs. adaptive Erwartungen

5. Der kurzfristige trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit

6. Erwartungsbildung in makroökonomischen Modellen
6.1 Die Autoregressive Erwartung
6.2 Die Rationale Erwartung
6.3 Rationale Erwartungen und der kurzfristige trade-off

7. Die moderne Form der Phillips-Kurve
7.1 Die zyklische Arbeitslosigkeit
7.2 Der Angebotsschock

8. Abschließende Bemerkungen

1. Einführung

Die Phillips-Kurve entspringt einer empirischen Arbeit von ARTHUR W. PHILLIPS aus dem Jahre 19581. Diese Arbeit beschäftigte sich mit dem empirischen Zu- sammenhang zwischen der Unterbeschäftigung und der Änderungsrate der Nomi- nallöhne in Großbritannien für den Zeitraum von 1861 bis 1957. Auf diesen Zu- sammenhang wurde bereits in viel früheren Schriften hingewiesen, aber PHILLIPS gab dieser Diskussion den entscheidenden Impuls2. Obwohl die Tatsache, dass Löhne bei niedriger Arbeitslosigkeit schneller steigen und vice versa keine Aufse- hen erregende Entdeckung zu sein scheint, fand der Aufsatz von PHILLIPS eine bemerkenswerte Resonanz. K. W. ROTHSCHILD sieht den Hauptgrund für diesen „durchschlagenden Erfolg“ darin, dass PHILLIPS auf einem Gebiet, auf dem die traditionellen ökonomischen Theorien bis dahin nichts auszusagen hatten, etwas solides anbot. Es mag seltsam klingen, aber die traditionelle Ökonomie hatte prak- tisch nichts über das Lohnverhalten auszusagen. Die auf der Grenzproduktivität aufbauende neoklassische Lohntheorie hielt an der Dichotomie zwischen Real- und Monetärphänomenen fest. Lohntheorie war Reallohn- und Gleichgewichts- theorie in einem. War der Reallohn bestimmt, so spiegelte der Geldlohn nur mo- netäre Einflüsse auf die Nominalwerte wider3.

Die Arbeit von PHILLIPS hatte jedoch auch aus anderen Gründen eine so außer- gewöhnliche Wirkung. Dazu zählten z.B. die intensiven Untersuchungen dieses speziellen Problems, die sich besonders durch die langfristige Betrachtung aus- zeichneten. Des Weiteren schien er eine konstante Beziehung zwischen den No- minallöhnen und der Unterbeschäftigung gefunden zu haben. Und schließlich könnte seine Analyse - die langfristige Zuverlässigkeit seiner Ergebnisse voraus- gesetzt - ein äußerst wichtiges Instrument für wirtschaftspolitische Entscheidun- gen werden.

2. Die ursprüngliche Phillips -Kurve

Betrachtet werden soll zunächst die ursprüngliche Phillips-Kurve für das vereinte Königreich. PHILLIPS setzte die durchschnittliche Arbeitslosenquote und die durchschnittliche Änderungsrate der Nominallöhne für die Jahre 1861-1957 in Beziehung miteinander. Seine Hauptergebnisse werden in folgender Abbildung zusammengefasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die drei wesentlichen Merkmale der Phillips-Kurve sind ihre negative Steigung, die hyperbolische Form und der Schnittpunkt mit der Abszisse bei u 6%. Wobei u die Arbeitslosenquote (unemployment) und w'/w die Änderungsrate der Löhne (wages) darstellt.

Daraus folgt, dass sich bei einer Arbeitslosenrate von ca. 6% stabile Nominallö h- ne einstellen. Die Änderungsrate w'/w ist in diesem Fall dann gleich Null. Bei steigender Arbeitslosigkeit sinkt also die Änderungsrate der Löhne, bei sinkender Arbeitslosigkeit steigt sie.

Die Änderungsrate der Löhne w'/w können wir auch als Rate der Lohninflation ù wie folgt schreiben:

ù = (W-W-1)/W-1

W sei der Lohn der laufenden Periode und W-1 der Lohn der vorhergehenden Periode. Bezeichnen wir die natürliche Arbeitslosenquote mit u*, dann können wir die ursprüngliche Phillips-Kurve als

ù = -å(u - u*)

schreiben, wobei å die Reaktion der L öhne auf die Arbeitslosigkeit misst. Übersteigt die Arbeitslosenquote die natürliche Quote, d.h., wenn u > u* gilt, dann sinken die Löhne. Umgekehrt steigen die Löhne, wenn die Arbeitslosigkeit unterhalb der natürlichen Rate lie gt.

PHILLIPS‘ Untersuchung wurde durch RICHARD G. LIPSEY analytisch verfeinert und im wesentlichen gestützt4. Die zentrale Aussage dieses berühmten und scharf- sinnigen Artikels, der sehr kurz nach PHILLIPS‘ Studie erschien, liegt in der lang- fristigen Stabilität des Zusammenhanges von Lohnänderung und Arbeitslosigkeit5.

3. Die modifizierte Phillips -Kurve

Weitere Diskussionen um die Phillips-Kurve wurden durch einen Aufsatz von PAUL A. SAMUELSON und ROBERT M. SOLOW aus dem Jahre 1960 entfacht6. SAMUELSON und SOLOW übertrugen PHILLIPS‘ Analyse auf das Gebiet der Inflationspolitik. Sie ersetzten die Änderungsrate des Geldlohnes durch die Inflationsrate, also die Änderungsrate des Preisniveaus.

Dieser Übergang von der ursprünglichen zur modifizierten Phillips-Kurve basiert auf der Annahme, dass jeder Prozentpunkt Nominallohnsteigerung, der über die mit durchschnittlich 2,5% angenommene Produktivitätssteigerung hinausgeht, von den Unternehmen in den Preisen weitergegeben wird und in entsprechenden Preisniveausteigerungen zum Ausdruck kommt. Die Vorgänge auf dem Arbeitsmarkt determinieren somit unmittelbar die Entwicklung des Preisniveaus7.

Diese zu einem Inflations-Arbeitslosenratendiagramm modifizierte Phillips-Kurve nannten SAMUELSON und SOLOW eine „Speisekarte“ (menu of choice) für wirtschaftspolitische Entscheidungen. Eine verlässliche Phillips-Gleichung würde den Politikern helfen zu erkennen, wieviel Preisstabilität man opfern muss, um eine höhere Beschäftigung zu erhalten und umgekehrt. Die Phillips-Kurve zeigte den „trade-off“ zwischen Vollbeschäftigung und Preisstabilität.

3.1 Die Bedeutung der Phillips-Kurve für die Politik

Die Politiker und Regierungen begrüßten die Theorie der Phillips-Kurve. Endlich schien es ein brauchbares Instrument für höchst wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen zu geben. Der trade-off implizierte, dass der Staat scheinbar zwischen hoher Arbeitslosigkeit und hoher Inflation wählen könnte. Sätze wie: „Lieber ein Prozent mehr Inflation als ein Prozent mehr Arbeitslosigkeit“, waren und sind auch in heutiger Zeit keine Seltenheit. Bei einigen Politikern und Journalisten herrscht scheinbar immer noch die naive Vermutung, dass die Wahl zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit eine Art „Nullsummenspiel“ sei8.

3.2 Die modifizierte Phillips-Kurve in den sechziger Jahren

Um die damalige Begeisterung der Politiker zu verstehen, wenden wir uns jetzt einmal der Entwicklung der Inflations- und Arbeitslosenrate in den sechziger Jah- ren zu. Als Beispiel soll uns die Entwicklung in den Vereinigten Staaten dienen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Betrachtet man die Situation in den Vereinigten Staaten, dann wird recht deutlich klar, wieso die Phillips-Kurve sehr schnell zu einem Eckstein der makroökonomi- schen Politikanalyse wurde9. Der trade-off und die damit verbundene „Speisekar- te“ von der man die verschiedenen Preissteigerungs- und die ihnen entsprechen- den Arbeitslosenraten ablesen konnte, schien zu funktionieren. Wirtschaftspoliti- ker und Regierungen der meisten entwickelten industriellen Marktwirtschaften setzten von nun an die Phillips-Kurve als Instrument zur wirtschaftspolitischen Entscheidungsfindung ein. Es sollte jedoch schon bald ein empirisches Faktum auftauchen, welches den langfristig stabilen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit fragwürdig erscheinen lassen würde. Bei die sem empirischen Faktum handelte es sich um die Stagflation.

3.3 Das Problem der Stagflation

Die Skepsis an einem langfristig stabilen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit wurde durch die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung wäh- rend der siebziger Jahre in fast allen westlichen Industriestaaten bestätigt. Die zeitweise sehr hohe Inflation war nicht mit weniger Arbeitslosigkeit, sondern ins- besondere in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre mit wesentlich mehr Arbeits- losigkeit verbunden10. Das gleichzeitige Auftreten von hoher Inflation und hoher Arbeitslosigkeit stellte die Existenz der Phillips-Kurve in Frage. Allein eine Verschiebung der Phillips-Kurve konnte die Stagflation erklären. Kann sich die Phillips-Kurve jedoch jederzeit verschieben, dann verliert sie ihren Wert als wirtschaftspolitisches Entscheidungsinstrument. An genau diesen Punkten setzt die Kritik von MILTON FRIEDMAN und EDMUND S. PHELPS an.

4. Die Kritik von FRIEDMAN und PHELPS

Interessant ist, dass MILTON FRIEDMAN und EDMUND S. PHELPS bereits Ende der sechziger Jahre erhebliche Zweifel an dem in der Phillips-Kurve erfassten trade- off äußerten11. Ihre Kritik richtete sich vor allem gegen den langfristig stabilen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Sie argumentierten, dass die negativ steigende Phillips-Kurve eine Art „Geldillusion“ auf Arbeitnehmersei- te voraussetzt. Da diese „Geldillusion“ jedoch nur kurzfristig relevant sei, gebe es keinen dauerhaften trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. FRIEDMAN und PHELPS stellten die These auf, dass die langfristige Phillips-Kurve senkrecht verlaufe12.

4.1 Die „Geldillusion“ und exogene Erwartungen

Betrachten wir zunächst das Argument, dass die negativ steigende Phillips-Kurve eine „Geldillusion“ auf Arbeitnehmerseite voraussetzt. Diese „Geldillusion“ be- deutet, dass die Arbeitnehmer ihr Angebot und ihre Lohnforderungen am erwarte- ten Preisniveau ausrichten. Sieht man dieses erwartete Preisniveau ([Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]) bzw. die erwartete Inflationsrate als exogen an (pe), dann hängt das Arbeitsangebot (Ls) vom Nominallohn (w) ab:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gleichzeitig unterstellen wir, dass die Arbeitsnachfrage (Ld) vom tatsächlichen Preisniveau (p) abhängt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Steigt nun das Preisniveau bei unverändertem Nominallohn, wird die Arbeitsnachfrage zunehmen. Das Angebot dagegen bleibt unverändert. Sind zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht alle Arbeitnehmer beschäftigt, dann hat die Geldpolitik die Möglichkeit über eine Geldmengenexpansion und die damit verbundenen steigenden Preise einen Anstieg der Beschäftigung zu bewirken.

Diese exogenen Preisniveauerwartungen der Arbeitnehmer erklären den negativen Verlauf der Phillips-Kurve. Ohne diese exogenen Erwartungen, die wir als eine spezifisch Keynesianische Hypothese ansehen müssen, ließe sich die langfristige Existenz der Phillips-Kurve kaum begründen13.

4.2 Exogene vs. adaptive Erwartungen

Genau diese Annahme exogener Erwartungen kritisierten FRIEDMAN und PHELPS. Sie bezeichneten diese Annahme für nicht besonders realistisch, da man eher da- von ausgehen müsse, dass die Arbeitnehmer mit der Zeit aus den Inflationserwar- tungen lernen. FRIEDMAN und PHELPS gingen deshalb von einer adaptiven Erwar- tungsbildung der Arbeitnehmer aus. Die adaptive Erwartungsbildung ist die be- kannteste Hypothese der Autoregressiven Erwartung. Sie beschreibt einen Lern- prozess, bei dem der Erwartungswert der Vorperiode um einen Teil des Erwar- tungsirrtums der Vorperiode korrigiert wird und der so korrigierte Wert die Er- wartung für die laufende Periode beschreibt. Übertragen auf die Theorie der Phil- lips-Kurve bedeutet das, dass die Arbeitnehmer ihre Erwartungen allmählich an die tatsächliche Inflationsrate anpassen und entsprechend höhere Lohnzuschläge zum Ausgleich des Kaufkraftverlustes fordern14. Laut Monetaristischer Theorie besteht also kein langfristiger trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit, wohl aber ein kurzfristiger trade-off.

5. Der kurzfristige trade -off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit

Betrachtet werden soll nun der kurzfristige trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit sowie die Optionen, die die Phillips-Kurve einem Wirtschaftspolitiker tatsächlich gibt.

Da die Inflationserwartung der Arbeitnehmer bereits feststeht kann sie von der Wirtschaftspolitik nicht direkt gesteuert werden. Die wirtschaftspolitischen Ent- scheidungsträger können Produktion und Beschäftigung jedoch via Geld- und Fiskalpolitik beeinflussen. Eine Möglichkeit die Arbeitslosigkeit zu verringern ist die Ausdehnung der Gesamtnachfrage. Eine expansive Geldpolitik hat allerdings eine erhöhte Inflation zur Folge. Umgekehrt führt eine gedämpfte Gesamtnachfra- ge, um die Inflation zu verringern, zu einer höheren Arbeitslosigkeit15.

Die folgende Abbildung zeigt den kurzfristigen trade-off zwischen Inflation (ð) und Arbeitslosigkeit (u), der sich aus der Phillips-Kurve ergibt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kurzfristig existiert eine negative Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosig- keit. Die Wirtschaftspolitik kann die Gesamtnachfrage manipulieren und so eine beliebige Kombination von Inflation und Arbeitslosigkeit wählen, die auf dieser Kurve, die auch als kurzfristige Phillips-Kurve bezeichnet wird, liegt. Eine wic h- tige Rolle bei der Lage der kurzfristigen Phillips-Kurve spielt die erwartete Infla- tionsrate (ðe). Nehmen die Inflationserwartungen zu, dann verschiebt sich die Kurve nach oben und das trade-off-Verhältnis verschlechtert sich, da die Inflati- onsrate für jedes Niveau der Arbeitslosigkeit höher ist als zuvor16. Die nachfol- gende Abbildung zeigt die Auswirkungen der erwarteten Inflationsrate auf den kurzfristigen trade-off:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit existiert nur kurzfristig, da die Wirtschaftssubjekte ihre Inflationserwartungen im Zeitverlauf anpassen. Die tatsächliche Inflationsrate kann durch die Wirtschaftspolitik nicht auf Dauer über der erwarteten Inflationsrate gehalten werden und damit die Arbeitslosigkeit un- terhalb ihres natürlichen Niveaus, so dass sich die Erwartungen letztlich an jede beliebige von der Wirtschaftspolitik gewählte Inflationsrate anpassen. Langfristig gilt wieder die klassische Dichotomie, die Arbeitslosigkeit kehrt auf ihr natürli- ches Niveau zurück, und es gibt keinen trade-off zwischen Inflation und Arbeits- losigkeit17.

6. Erwartungsbildung in makroökonomischen Modellen

In den vorangegangenen Ausführungen wurde deutlich, dass die Inflationserwar- tungen den kurzfristigen trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit ent- scheidend beeinflussen. Es stellt sich daher die Frage, wie die Wirtschaftssubjekte ihre Erwartungen eigentlich bilden. Die Bildung exogener Erwartungen, ohne die sich die langfristige Existenz der Phillips-Kurve gar nicht oder kaum begründen ließe, wurde bereits erklärt. Es existieren jedoch noch zwei weitere Erwartungs- hypothesen: Die Autoregressive Erwartung und die Rationale Erwartung.

6.1 Die Autoregressive Erwartung

Bei der Autoregressiven Erwartung werden die Erwartungen bezüglich einer be- stimmten Variablen (wie z.B. der Inflation) aus den Vergangenheitswerten dieser Variablen abgeleitet. Die bekannteste Hypothese dieser Klasse ist die adaptive Erwartungsbildung. FRIEDMAN und PHELPS gingen von einer solchen adaptiven Erwartungsbildung der Arbeitnehmer aus, da sie annahmen, dass die Arbeitgeber mit der Zeit aus den Inflationserwartungen lernen und diese korrigieren würden. Diese angenommene Erwartungsbildung der Arbeitnehmer (und die empirische Beobachtung der Stagflation) hatte zur Folge, dass das Modell der langfristigen Phillips-Kurve falsifiziert wurde.

6.2 Die Rationale Erwartung

Bei der Rationalen Erwartung wird das ökonomische Optimierungskalkül auf die Erwartungsbildung übertragen. Die Theorie rationaler Erwartungen setzt voraus, dass die einzelnen Wirtschaftssubjekte das relevante Modell der Ökonomie und dessen Struktur kennen. In der Praxis bedeutet das, dass die Wirtschaftssubjekte alle ihnen zur Verfügung stehenden Informationen optimal nutzen, um Prognosen über die Zukunft aufstellen zu können. Diese Prognosen über die Zukunft schlie- ßen auch die erwartete Inflation ein. Es bleibt daher zu klären, wie der kurzfristige trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit von den rationalen Inflationser- wartungen beeinflusst wird.

6.3 Rationale Erwartungen und der kurzfristige trade -off

Vertreter der rationalen Erwartungen behaupten, dass die verfügbaren Optionen der wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger durch die kurzfristige PhillipsKurve nicht akkurat beschrieben werden18. Praktiziert die Wirtschaftspolitik eine glaubhafte Disinflationspolitik, dann werden die Wirtschaftssubjekte ihre Inflationserwartungen schnell nach unten korrigieren, da die rationale Erwartungsbildung systematische Fehler ausschließt. Eine niedrige Inflationserwartung verschiebt, wie weiter oben bereits gezeigt, den kurzfristigen trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit nach unten. Daraus folgt, dass eine niedrigere Inflationsrate ohne eine höhere Arbeitslosenrate möglich ist.

Der genau umgekehrte Effekt wird durch eine Ausweitung der Geldmenge ausge- löst. Eine der am häufigsten verwendeten rationalen Erwartungshypothesen ist der Zusammenhang zwischen der Wachstumsrate der nominellen Geldmenge und der erwarteten Inflationsrate. Entspricht die erwartete Inflationsrate der Wachstumsra- te der nominellen Geldmenge und werden die Inflationserwartungen auf rationaler Entscheidungsbasis gebildet, dann bewirkt eine Erhöhung des Geldmengenwachs- tums bereits kurzfristig den erwarteten Inflationsanstieg. Die von den Wirtschafts- subjekten gebildeten Inflationserwartungen werden somit alsbald bestätigt19.

Obwohl auch der Ansatz rationaler Erwartungen umstritten ist, stimmen fast alle Ökonomen darin überein, dass Inflationserwartungen, die Betonung liegt hier auf Erwartungen, den kurzfristigen trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit beeinflussen20. Es wird recht schnell deutlich welche zentrale Rolle die Erwartungsbildung in makroökonomischen Modellen spielt.

7. Die moderne Form der Phillips-Kurve

Nachdem die Lohnsteigerungsrate (ù) durch die Inflationsrate (ð) ersetzt und die Inflationserwartungen (ðe) der Wirtschaftssubjekte mit einbezogen wurden, soll nun die um einen Angebotsschock erweiterte moderne Phillips-Kurve betrachtet werden. Wir können die moderne Phillips-Kurve als

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

schreiben, wobei â ein Parameter ist, der die Reaktion der Inflation auf die zyklische Arbeitslosigkeit erfasst und á f ür den Angebotsschock steht. Diese Gleichung fasst die Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit zusammen. Auf eine Ableitung der Phillips-Kurve aus der Gleichung für das Gesamtangebot wird an dieser Stelle verzichtet. Statt dessen sollen die zyklische Arbeitslosigkeit â(u-u*) und der Angebotsschock á betrachtet werden.

7.1 Die zyklische Arbeitslosigkeit

Die zyklische Arbeitslosigkeit - die Abweichung der Arbeitslosigkeit von ihrem natürlichen Niveau - übt auf die Inflationsrate einen Druck nach oben oder nach unten aus. Die Inflationsrate nimmt tendenziell zu, wenn die Arbeitslosigkeit un- terhalb ihres natürlic hen Niveaus liegt. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer Nachfragesoginflation (demand-pull inflation), weil die Inflation auf die hohe Gesamtnachfrage zurückzuführen ist. Umgekehrt nimmt die Inflationsrate tendenziell ab, wenn die Arbeitslosigkeit oberhalb ihres natürlichen Niveaus liegt21.

7.2 Der Angebotsschock

Die Erweiterung der Phillips-Kurve um den Angebotsschock geht auf die sie b- ziger Jahre zurück. In den siebziger Jahren verursachte die OPEC, die Organisation Erdölexportierender Staaten, ein starkes Ansteigen des Welterdölpreises und lenkte damit die Aufmerksamkeit der Wirtschaftswissenschaftler auf die Bedeutung von Angebotsschocks22.

Die Inflationsrate kann auch aufgrund eines solchen Angebotsschocks steigen oder sinken. Ein nachteiliger Angebotsschock ist durch einen positiven Wert von á gekennzeichnet und führt zu einer Zunahme der Inflationsrate. Diesen Zusam- menhang zwischen Angebotsschock und Inflation bezeichnet man als Kosten- druckinflation (cost-push inflation), da ungünstige Angebotsschocks, wie z.B. die Erhöhung der Weltmarktpreise für Erdöl in den siebziger Jahren, die Produktions- kosten in die Höhe treiben. Umgekehrt führt ein günstiger Angebotsschock (durch einen negativen Wert von á gekennzeichnet) zu einem Rückgang der Inflationsra- te23.

8. Abschließende Bemerkungen

Abschließend kann man sagen, dass die nun schon über 30 Jahre andauernde in- tensive Diskussion um die Phillips-Kurve gezeigt hat, dass sich die ursprüngliche Hoffnung auf eine verlässliche und eindeutige Beziehung in einem wichtigen Ge- biet der Ökonomie nicht erfüllt hat. Wenn die Vorstellung von einer „Speisekarte“ von der die verschiedenen Preissteigerungs- und die ihnen entsprechenden Ar- beitslosenraten abgelesen werden können auch sehr verlockend war, so musste man sic h spätestens in den siebziger Jahren von dieser Wunschvorstellung verab- schieden. Es liegt auf der Hand, dass die Theorie der Phillips-Kurve mit ihrer Idee des kurzfristigen trade-offs und der Verschiebung der Kurve ein brauchbares E- lement in der Inflations-Beschäftigungs-Debatte sein kann, aber nicht sein muss. Meiner Meinung nach ist die Phillips-Kurve als wirtschaftspolitisches Entschei- dungsinstrument völlig ungeeignet.

Literaturverzeichnis

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Samuelson, Paul „Analytical Aspects of Anti- Solow, Robert Inflationpolicy“ in American Economic Re- view, Papers and Proceedings, Vol. 50, 1960

[...]


1 PHILLIPS (1958), The Relation between Unemployment and the Rate of Change of Money Wages in the United Kingdom, 1861-1957; Economica, Vol. 25, S. 283-299.

2 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 264.

3 Vgl. ROTHSCHILD (1971), The Phillips Curve and All That; Scottish Journal of Political Economy (Scottish Economic Society), Vol. 18, S. 245-280.

4 LIPSEY (1960), The Relation between Unemployment and the Rate of Change of Money Wages in the United Kingdom, 1861-1957 - A Further Analysis; Economica 27, S. 1-37.

5 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 265.

6 SAMUELSON und SOLOW (1960), Analytical Aspects of Anti-Inflation Policy; American Economic Review, Papers and Proceedings, Vol. 50, S. 177-194.

7 Vgl. CASSEL (1988), Vahlens Kompendium der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, Bd. 1, S. 271.

8 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 266.

9 Vgl. DORNBUSCH/FISCHER (1995), Makroökonomik, S.259.

10 Vgl. DIECKHEUER (1995), Makroökonomik: Theorie und Politik, S. 362.

11 Vgl. FRIEDMAN (1968), The Role of Monetary Policy; American Economic Review, Vol. 58 und PHELPS (1967), Phillips Curve, Expectations of Inflation and Optimal Unemployment Over Time; Economica, Vol. 34 S. 254-281.

12 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 266.

13 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 267.

14 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 267.

15 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 408.

16 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 408.

17 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 408, 409.

18 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 411.

19 Vgl. DIECKHEUER (1995), Makroökonomik: Theorie und Politik, S. 373, 374.

20 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 412.

21 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 406.

22 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 404.

23 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 406.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Die Theorie der Phillips-Kurve
Hochschule
Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie Bochum gGmbH
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
17
Katalognummer
V105116
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zur Rolle der Erwartungsbildung in makroökonomischen Modellen
Schlagworte
Theorie, Phillips-Kurve
Arbeit zitieren
Markus Kotzur (Autor), 2001, Die Theorie der Phillips-Kurve, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105116

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