Sprachpolitik im Baskenland (Spanien)


Seminararbeit, 2001
26 Seiten, Note: 1

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Gliederung

1. Vorbemerkung

2. Geographie, Varianten und Sprecher

3. Das Baskenland: Ein geschichtlicher Rückblick
3.1. Von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert
3.2. Von der 2. Republik bis zum Spanischen Bürgerkrieg (1931-1939)
3.3. Die Basken unter Franco (1939-1975)
3.4. Transición und Autonomie: die 70er und 80er Jahre

4. Spurensuche: Die Ursprünge der Baskischen Sprache
4.1. Das Baskische aus der Sicht der Linguisten
4.2. Das Baskische aus der Sicht der Populationsgenetiker

5. Baskisch: Ein sprachgeschichtlicher Überblick
5.1. Äußere Geschichte des Baskischen
5.2. Linguistische Arbeiten
5.3. Standardisierung des Baskischen: Euskara Batua

6. Die baskische Sprache in der Spanischen Demokratie
6.1. Autonomiegesetz
6.2. Die soziolinguistische Situation im Baskenland
6.3. Die Sprachplanung der Baskischen Regierung: Euskaldunización und das Normalisierungsgesetz von
6.4. Baskisch in der Schule

7. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Vorbemerkung

Als Igel bezeichnet Bernardo Atxaga in seinem Gedicht seine Muttersprache, er gibt ihr quasi ein eigenes Leben. Der Igel zog sich zurück, deswegen überlebte er, und nun erwacht er wieder zum Leben. Atxagas Gedicht ist sehr emotional und bringt gleichzeitig viele Dinge auf den Punkt. Und obwohl ich es sehr schön finde ist es m.E. problematisch, dass er dem Baskischen eigenes Leben einhaucht und die Sprache so „biologisiert”. Sie tritt hier als Naturphänomen auf, was Atxaga dadurch unterstreicht, dass er elementarste Wortbeispiele auswählt: Die Flüsse, die Pflanzen, die Vögel. Der Igel ist zweifellos die Sprache der „einfachen Leute”, nicht die der Regierung, die Sprache des ländlichen Lebens, nicht die der Bücher. Mit Detektiv Watson mag er eine Anspielung auf die vielen ausländischen Linguisten gemacht haben, die die „seltsame baskische Sprache” untersucht haben.

In den folgenden Seiten möchte ich einige Aspekte, die auch schon in diesem Gedicht auftauchen, näher untersuchen. Wie eine Sprache zum Symbol nationaler und ethnischer Identität wird, zeigt sich deutlich an der Geschichte des Baskenlandes und unter anderem an der repressiven Haltung des Franco-Regimes. Bedeutung als Symbol für nationale Identität erlangt Sprache vor allem seit Entstehen des Nationalismus im 18./19. Jahrhundert. Eine Schlüsselfigur des baskischen Nationalismus ist Sabino Arana, der u.a. auch die baskische Flagge entworfen hat. Wie nicht selten der Fall, wuchs Sabino Arana auf ohne selbst Baskisch zu lernen. Doch obwohl nicht seine Muttersprache, war die baskische Sprache das Symbol seiner Identität. Da das Einzigartige des Baskischen, die ungeklärte Herkunft und Andersartigkeit der Sprache immer auch national-politisches Instrumentarium war, das der Mystifizierung und gleichzeitig der Rechtfertigung einer Sonderstellung diente, erschien es mir wichtig, auch zumindest einen Überblick über die Entwicklung der baskischsprachigen Region seit den Anfängen zu geben, sowie über den Ursprung der baskischen Sprache zu recherchieren, über die es freilich mehr Vermutungen als Tatsachen gibt. Das Überleben des Baskischen als letzte der vor-indoeuropäischen Sprachen in Europa ist vielmehr ein Produkt von geschichtlichen und geographischen Kausalitäten, als dass es Rückschlüsse auf „natürliche” Hierarchien oder Qualitätsunterschiede unter den Sprachen zuließe oder gar auf ihre „Zähigkeit” zurückzuführen wäre.

Danach gehe ich auf die Geschichte der Sprache selbst ein, die natürlich im direkten Zusammenhang zur Geschichte des Baskenlandes steht. Daraus werden die grundsätzlichen Probleme deutlich, die gelöst werden müssen, um eine rurale nicht standardisierte Sprache eine moderne Industrienation hinüberzuretten.

Schließlich beschreibe ich, soweit es mir anhand der vorliegenden Dokumente möglich ist, die Sprachpolitik seit Beginn der spanischen Demokratie und deren Effekte und Problematiken bis heute. Die Euskaldunizaci ó n ist ein Normalisierungsprozess des Baskischen, eingebunden in einen politischen Rahmen zur Erlangung von zunehmender politischer und ökonomischer Autonomie. Bleibt nicht zu vergessen, dass eine entsprechende Politik der spanischen Zentralregierung1 die essentielle Voraussetzung dafür ist. Die Voraussetzungen auf die die Euskaldunización fußt, sind als „Linguistic Human Rights” (LHR) in der aktuellen Diskussion definiert (vgl. Skutnabb-Kangas, 1994:2): Das Recht auf Erlernung der Muttersprache2 und das Recht diese auch öffentlich anwenden zu können , eingebettet in eine Autonomie in den Bereichen Kultur, Bildungswesen, Information, öffentliche Verwaltung und Sozialwesen.

2. Geographie und Lage

„ Steilk ü sten und Pyren ä ent ä ler, der Liebreiz von Bergd ö rfern und die rauhe Herzlichkeit ihrer Bewohner, pittoreske Altstadtviertel und ein reiches, kulturelles Erbe mit Kirchen und Kl ö stern, Pal ä sten und Burgen - die Begegnung mit Spaniens gr ü nem Norden ist vielgesichtig und facettenreich." (Drouve 1993:9)

So beginnt die Einleitung eines Reiseführers über das Baskenland. Das reiche kulturelle Erbe, dazu gehört auch die baskische Sprache, die mit dem Spanischen rein gar nicht verwandt ist. Und auch die Landschaft, die reich gesegnet ist, mit dem was die Basken „Zirimiri" (Nieselregen) nennen, erinnert, grün wie sie ist, nicht an das Spanien, das die - nicht nur deutschen - Touristen allsommerlich überfallen. Dass das Baskenland "der grüne Norden Spaniens" ist, das hat in der langen Geschichte dieses kleinen Landstriches schon zu viel Blutvergießen geführt, und die Geschichte des Blutvergießens ist leider noch nicht zuende.

Das Baskenland ist in 7 Provinzen eingeteilt, von denen vier in Spanien liegen:

Viskaya, Guipuzcoa und Alava, die die Autonome Region Baskenland bilden und Navarra, das eine eigene autonome Region bildet. Drei Provinzen liegen in Frankreich: Lapurdi, Nafarroa Beherea und Zuberoa. Nach der Französichen Revolution haben sie ihre Unabhängigkeit verloren und heute bilden sie zusammen mit der nicht-baskischen Region Béarn das d é partement Pyr é n é es-Atlantique. Die bergige Region in Kombination mit dem geringen Prestige, das das Baskische seit langer Zeit hat, hat dazu geführt, das diese Sprache sehr unterschiedliche Dialekte hat, die so stark voneinander abweichen, dass sich die jeweiligen Sprecher zum Teil nicht miteinander verständigen können (vgl. Trask 1997: 5). Die Linguisten sind sich nicht ganz einig, aber bewegen sich zwischen sieben und neun Varianten des Baskischen.

Das Territorium, in dem Baskisch gesprochen wird, misst in der Richtung West-Ost ca. 160 km und in Richtung Nord-Süd lediglich 5km. Von ca. drei Millionen Einwohnern, von denen mehr als 1 Million spanische Immigranten sind, sprechen ca. 20% Baskisch (vgl. Trask 1997:3).

3. Das Baskenland: Ein geschichtlicher Rückblick

3.1. Von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert

Gemäß den Archäologen ist das Baskenland seit dem Paläolithikum bewohnt. Davon zeugen diverse Höhlenzeichnungen, z.B. in der Santimamiñe-Höhle in der Nähe von Guernica. Spätestens seit dem Ende der Bronzezeit sei das Baskenland kontinuierlich bewohnt gewesen, man vermutet sogar, die Basken seien direkte Nachkommen des Cro- Magnon Menschen, der vor vielleicht 35000 Jahren aus Osteuropa kommend, praktisch der erste Siedler Europas war. In der Eisenzeit kamen die Indo-Europäer. 75 v. Chr. gründeten die Römer die erste Stadt im Baskenland: „Pompeiopolis", das heute Pamplona heißt. Vermutlich haben die Basken die römische Invasion ohne allzu großen Einfluss überlebt, weil sie offensichtlich inmitten ihrer abgeschotteten Gebirgslandschaft ohne nennenswerte Ressourcen und nützliche Häfen schlicht zu unbedeutend waren, so Trask (1997: 11): (... ) was simply too insignificant to be worth the trouble of colonization. Immerhin hinterließen die Römer ein paar Straßen, bevor nach dem Kollaps des Römischen Reiches die Westgoten kamen, gefolgt von Franzosen, Deutschen, Arabern. Wenn Trask schreibt: The basque were never effectively subdued (Trask 1997: 12), dann klingt das, als ob er von dem kleinen gallischen Dorf redet, in dem Asterix und Obelix zu Hause sind...

Um 1035 war das Königreich von Pamplona der mächtigste Staat auf der iberischen Halbinsel, dies war die einzige Zeit in der post-römischen Geschichte in der alle Basken unter einem einzigen politischen Machthaber standen (vgl. Trask 1997: 14-15). Zu dieser Zeit war zwar Latein die Sprache für alle offiziellen Dokumente, die Bevölkerung aber sprach Baskisch. Nach dem Tod des Königs jedoch, sank Navarra in die Bedeutungslosigkeit und ab dem 11. Jahrhundert stand das Baskenland unter der Herrschaft der kastilischen Krone, wenn auch unter Beibehaltung großer lokaler Autonomie, so dass die kastilischen Landesherren unter der berühmten heiligen Eiche von Guernica schwören mussten, die baskischen Freiheiten aufrecht zu erhalten. Die heilige Eiche von Guernica ist bis heute Sinnbild für die baskische Demokratie, für deren Existenz ab dem 14. Jahrhundert Beweise gefunden wurden. Im folgenden 14. und 15. Jahrhundert waren die Basken erfolgreich im Handel mit Westeuropa und entsprechend spielten sie auch eine große Rolle im Spanien von 1492, insbesondere die Regionen Guipuzcoa und Viskaya, die ans Meer grenzten. Die französischen Provinzen sowie Navarra und Alava waren vergleichsweise arm und blieben unberührt von der einsetzenden Industrialisierung in den beiden nördlichen Provinzen. Während der Französisch-Spanischen Kriege im 18. und frühen 19. Jahrhundert soll es nicht selten vorgekommen sein, dass die baskischen Bauern sich weigerten, der jeweiligen Armee beizutreten und stattdessen ihre Nachbarn auf der anderen Seite des Berges vor dem Anrücken der Truppen warnten. Es wurde weiterhin über die Grenzen hinweg geheiratet. Während der Bourbonenkriege (1702-1714) unterstützen die Basken die Gewinner, was ihnen zunächst half, den Autonomiestatus zu behalten. 1717 jedoch verloren die Basken den Status ihrer „Duty-Free-Zone" . Dennoch blieben sie im 18. Jahrhundert weiterhin wirtschaftlich erfolgreich und waren auch im Bereich der Bildung (die Unterrichtssprache war Spanisch) recht fortschrittlich. Die Ideologie blieb jedoch konservativ:

Basque traditions of inheritage, of household organization and management, of family loyalties, of local democracy and of devout Catholicism were little touched by the economic and political developments.

(Trask 1997: 21)

Die Französische Revolution 1789 bot zunächst die Hoffung, dass die Exzesse der Aristokraten ein Ende fänden, aber stubborn Basque catholicism and hostility to revolutionary innovation (Trask 1997: 21) erregten den Zorn der Revolutionäre und schließlich wurden die drei französischen Provinzen sowie das nicht baskische Béarn zu einem neuen d é partement zusammengeschlossen und alle regionalen Sprachen verboten. Das Vererbungsgesetz von Napoleon, das die Aufteilung der Höfe durch die Anzahl der Kinder anordnete, tat sein Übriges und so entstanden wirtschaftlich absurde Minihöfe. (vgl. Trask 1997: 22). In Spanien bricht 1833 der erste Karlistenkrieg aus. Während die städtische Bevölkerung durchaus Agrarreformen gegenüber offen war, blieben die ländlichen baskischen Farmer tief in ihrem Traditionalismus verwurzelt. 1873 bricht der zweite Karlistenkrieg aus und endet 1876 mit dem gleichen Resultat wie der erste: Liberalismus. Inbesondere die baskischen Regionen Viskaya und Guipuzcoa wurden - wieder einmal - einige der wirtschaftlich gesündesten Provinzen Spaniens und die neue ökonomische Elite betrachtete die alten baskischen Traditionen als altmodisch (vgl. Trask 1997: 23). Ein Sohn von Eltern, die dieser ökonomischen Elite angehörten war Sabino Arana (1865-1903), der Begründer des baskischen Nationalismus. Er, der im Zeitgeist des industriellen Fortschritts aufwuchs ohne Baskisch zu lernen, begründete die auch heute noch existierende Partei PNV (Partido nacionalista vasco ). 1920 war die PNV zu einer dominanten nationalen politischen Macht herangewachsen, drei Jahre später wurde dem mit der Diktatur von Primo de Rivera ein jähes Ende gesetzt, denn der Diktator verfolgte jegliches nationales Identitätsstreben und die PNV ging notgedrungen in den Untergrund.

3.2. Von der 2. Republik bis zum Spanischen Bürgerkrieg (1931 - 1939)

Nach dem Kollaps der Diktatur 1930 und dem Ausrufen der 2. Republik kehrt auch die PNV in die politische Arena zurück. Die PNV erkannte schnell, dass der baskische Nationalismus unter faschistischer Herrschaft wenig Zukunft haben würde und so unterstützten sie zu Beginn des Bürgerkriegs trotz ihrer widersprechenden reaktionären, konservativen und pro- kirchlichen Gesinnung die Republik. Nach dem schrecklichen Bombardement Guernicas durch die nazideutsche Legion Condor im April 1937, dauerte es nur noch wenige Monate, bis das ganze Baskenland in der Hand Francos war. Während das restliche Spanien noch zwei weitere Jahre unter dem Bürgerkrieg litt, bekamen die Basken bereits die Folgen des Franquismo zu spüren: Die beiden abtrünnigsten Provinen Guipuzcoa und Viskaya wurden zu Verräterprovinzen erklärt und jeder, der nur irgentwie Aufmerksamkeit erregte, kam ins Gefängnis, wo Konzentrations- und Arbeitslager sowie Exekutionskommandos eingerichtet wurden. (vgl. Trask 1997: 29)

3.3. Die Basken unter Franco

Alle Anzeichen von baskischer Kultur wurden per Gesetz verboten, die baskische Sprache wurde illegal erklärt. Es war verboten, Baskisch in den Schulen zu unterrichten, baskische Bücher wurden öffentlich verbrannt und Kinder durften nicht mehr auf baskische Namen getauft werden (vgl. Crystal 1995: 34). Der Kontakt mit den französischen Basken, die sich auch bald unter Nazi-Besetzung befanden, wurde verboten. Das Baskenland ging wirtschaftlich nieder, die Bevölkerung litt Hunger. Eine nach 1945 in Paris gegründete baskische Exilregierung versuchte internationale Unterstützung zu bekommen. Dies wurde allerdings durch den kalten Krieg unterbrochen. Im "Kampf gegen den Kommunismus" nahm die USA die Verhandlungen mit Franco auf und errichtete Militärbasen in Spanien. Danach begann langsam der heimliche Widerstand: Studenten gründeten die Untergrundbewegung Ekin und auch die PNV formte sich im Untergrund neu. 1959 splitterte sich eine Gruppe ab, denen die Haltung der Ekin und PNV nicht konfrontativ genug war: die ETA, Euskadi Ta Askatasuna, "Baskenland, Heimat und Freiheit". Nachdem die Übergriffe der Franquisten immer brutaler wurden, entschloss sich die ETA 1962 zum bewaffneten Widerstand. Die Spirale der Gewalt schraubte sich bis zu Francos Tod 1975 immer höher. Alle Basken, die politische Verstöße begangen hatten wurden vor das Militärgericht in Burgos gebracht. Für "das Verbreiten von illegalem Propagandamaterial" oder "Teilnahme an illegalen Treffen" gab es Gefängnisstrafen von bis zu 16 Jahren. Aber der berühmteste Prozess von Burgos bezieht sich auf die Ermordung von Melitón Manzanas im Jahr 1968 durch die ETA. Der Polizeichef von San Sebastián galt als besonders sadistisch. Der Prozess gegen 16 verdächtige ETA-Mitglieder fand öffentlich statt und erregte weltweites Aufsehen wegen der unfairen Behandlung3 seitens der spanischen Justiz. Auf dem Höhepunkt der Gewalt kidnappte die ETA den westdeutschen Konsul Egon Briehl in San Sebastián um damit eine Verbesserung der Haftbedingungen zu erpressen und insbesondere um die Todesstrafe auszuschließen. Man einigte sich scheinbar, Briehl wurde von der ETA freigelassen, doch dann verurteilte die spanische Justiz sechs Basken zu Tode und die anderen zu 62 Jahren Gefängnis. Die zu Tode Verurteilten wurden zwei Tage später zu 30 Jahren Gefängnis "begnadigt". After this trial, there was no further attempt to try Basques in public (Trask 1997: 31). Seit den 60er Jahren milderte das Franco-Regime den Kurs der Sprachpolitik ein wenig: In der Kirche, in kirchlichen Schulen und im Rundfunk wurde zunehmend die Verwendung des Baskischen gestattet. 1968 genehmigte ein Regierungsdekret den Grundschulunterricht in den Regionalsprachen Spaniens

(vgl. Crystal 1995: 34)

3.4. Transición und Autonomie: die 70er und 80er Jahre

Zwei Tage nach Francos Tod wird der von Franco selbst zu seinem Nachfolger bestimmte Don Juan Carlos am 22. November 1975 zum König Spaniens ernannt. Es folgt die Transici ó n, der gewaltlose Übergang in die Demokratie. Nach den ersten Wahlen 1977 entstanden im Baskenland langsam wieder politische Parteien, allen voran die PNV. Die Politiker im Baskenland hatten vor allem zwei Punkte auf ihrer Agenda:

1) Amnesty für die politischen Gefangenen. Dies betraf ca. 3/4 der Gefangenen und wurde relativ schnell umgesetzt und
2) das Autonomie-Statut, das 1979 in Kraft trat:

In Ü bereinstimmung mit der Verfassung und diesem Statut als institutionellem Grundgesetz konstituiert sich das baskische Volk oder Euskal Herria als Autonome Gemeinschaft innerhalb des spanischen Staates mit der Bezeichnung Euskadi (Baskenland) als Ausdruck seiner Nationalit ä t und als Mittel zur Erlangung der Selbstregierung"

( http://www.euskadi.net/autogobierno/estatu_com_ahtm. )

Dieses Autonomiestatut beinhaltet eine autonome Regierung, ein eigenes Parlament, die Gleichberechtigung von Baskisch und Spanisch als zwei offizielle Sprachen, eine relative weitreichende Finanzautonomie sowie das Hoheitsrecht über Justiz und Erziehungswesen. Des Weiteren entstand im Baskenland neben der spanischen eine eigene Polizei, die in Großbritannien ausgebildet wurde. (vgl. Drouve 1993: 21). Viele ETA-Mitglieder gingen jetzt wieder ins normale Leben zurück, ein bis heute aktiver linker hard-core Flügel blieb bestehen. Es gab viele Bewegungen um die baskische Sprache wieder ins Leben zu rufen: Musik, Bücher und Magazine wurden veröffentlicht, die Standardisierung der Sprache und die Ikastolas, die zunächst inoffiziellen später offiziellen baskischen Schulen waren der Beginn einer neuen Geschichte des Baskenlandes.

4. Spurensuche: Die Ursprünge der Baskischen Sprache

4.1. Das Baskische aus der Sicht der Linguisten

Baskisch ist eine isolierte Sprache: Das heißt, während die meisten Sprachen sich zu irgendeiner Sprachfamilie (insgesamt ca. 200, vgl. Spektrum der Wissenschaft, Ross: 8) zuordnen lassen, haben die Wissenschaftler keine verwandten Sprachen für das Baskische gefunden. Alle Versuche Verbindungen zu kaukasischen, afrikanischen oder iberischen Sprachen herzustellen, waren wissenschaftlich nicht überzeugend. (vgl. Crystal 1995: 326). Die Wissenschaftler sind sich überwiegend einig, dass Baskisch die letzte Überlebende der pre-indoeuropäischen Sprachen in Europa ist. Schriftliche Zeugen des Baskischen finden sich, seitdem die Römer im 2. und 1. Jahrhundert dort waren. Trask findet einen Vorläufer des Baskischen in Aquitanien:

The ancient Aquitanian language of southwestern Gaul are so transparently Basque that we may safely regard Aquitanien as an ancestre form of Basque.

(Trask, 1997:35)

Aber trotz fehlender Verwandtschaft zu anderen Sprachfamilien hinterlässt der Kontakt mit romanischen Sprachen, seit es diese gibt, zweifellos seine Spuren. So stellt Haase fest, "da ß das baskische Sprachsystem grunds ä tzlich vom indogermanischen (geschweige denn romanischen) abweicht und sich andererseits in der Sprachkontaktzone eine F ü lle von Konvergenzerscheinungen im Bereich der Grammatik einstellen." (Haase, 1992:11)

Haase nennt folgende Formen kontaktindizierten Sprachwandels:

- Substratinterferenz nach Sprachwechsel4
- Entlehnung (bei konstanter Mehrsprachigkeit)
- Sprachverfall nach Sprachwechsel: Reduktionen in der Ausgangssprache, wenn diese nur noch auf Semisprecherniveau beherrscht wird, sei es mangels Gelegenheit oder weil die Eltern-Kind-Transmisssion nicht mehr gegeben ist.

Das Verhalten der Sprecher hat unterschiedliche Folgen für den Sprachwechsel. Die konstante Mehrsprachigkeit ohne Sprachwechsel bewirkt Änderungen in der Lexik. Die Substratinterferenz und der Sprachverfall bewirken Veränderungen in der Lautstruktur und Morphosyntax (vgl. Haase, 1992: 13).

4.2. Das Baskische aus der Sicht der Populationsgenetiker

Neuere Ansätze in der Populargenetik und der Linguistik stellen die These auf, dass es möglicherweise eine Urpopulation mit einer Ursprache gegeben hätte, die sich dann von Afrika aus nach Asien verbreitet hätte und von da aus in mehreren Schüben nach Europa, Amerika und in den pazifischen Raum übersiedelte. (vgl. Spektrum in der Wissenschaft, Dossier 1/2000, Cavalli-Sforza: 20). Die Genetik-Wissenschaftler gehen dabei zunächst von der These aus, dass sich zwei Populationen genetisch desto mehr unterscheiden, je länger sie getrennt sind. Da die Menschen sich aber nicht nach wissenschaftsfreundlichen Kriterien ordnen, ist auch die genetische Distanz nicht eindeutig zu ermitteln. An dieser Stellen sollen die Sprachen dazu dienen, weitere Anhaltspunkte zu geben, da zwischen Sprache und Population5 häufig eine direkte Beziehung besteht.

Folglich wäre es naheliegend, dass die Basken sich nicht nur sprachlich, sondern auch genetisch abgrenzen von ihren Nachbarn in Europa. So weisen die Basken einen durchschnittlich sehr hohen Prozentsatz von Menschen mit Blutfaktor rhesus-negativ auf. Aus der untenstehenden Graphik interpretiert Cavalli-Sforza, dass die Basken offensichtlich eine sehr alte Bevölkerung sind, (ebenso wie ihre Sprache) die sich weniger mit Einwanderern aus dem asiatischen Raum gemischt hat als andere.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Zahlen geben den Prozentsatz rhesus-negativer Menschen an.

(Spektrum der Wissenschaft - Dossier 1/2000, Cavalli-Sforza: 22)

Cavalli-Sforza beruft sich auf Arthur E. Mourant, der bereits 1954 im Labor für britische Populationsgenetik zu folgendem Ergebnis kam:

Er formulierte die Hypothese, die Basken in Nordspanien und S ü dwestfrankreich seien das ä lteste ü berlebende Volk Europas; sie h ä tten auch trotz vieler Kontakte mit sp ä teren Einwanderern noch urspr ü ngliche genetische Merkmale bewahrt. Tats ä chlich haben sie au ß er anderen genetischen Besonderheiten den mit 25 % weltweit gr öß ten Bev ö lkerungsanteil rhesus-negativer Menschen; auch ihre Sprache unterscheidet sich in vieler Hinsicht grundlegend von der ihrer Nachbarv ö lker.

Cavalli-Sforza führt dann weiter aus:

Nach neueren Analysen der Verbreitung von Genen in Europa l äß t sich ein Modell der Besiedlungsgeschichte erstellen, das mit linguistischen und arch ä ologischen Funden ü bereinstimmt. Demnach sind fr ü he jungsteinzeitliche Bauern vom Nahen Osten her nach und nach vorger ü ckt und haben dabei ihre Gene, ihre Kultur und die indoeurop ä ischen Sprachen importiert. Wohl weil die Vorfahren der heutigen Basken in einem Randgebiet lebten, blieben sie von diesem Zustrom fremder Gene mehr als andere schon ans ä ssige Populationen verschont.

(Spektrum der Wissenschaft, Dossier 1/2000, Cavalli-Sforza: 25)

Der Zusammenhang zwischen genetischer und sprachlicher Evolution ist allerdings wohl kaum biologisch erklärbar, denn ausschlaggebend für die Sprache, die ein Mensch spricht, ist lediglich die Kultur. Der Zusammenhang entsteht dadurch, dass beiden Phänomenen die räumliche Trennung gemeinsam ist. Je größer die Isolation, desto größer die unterschiedliche Entwicklung. Das heißt, das Baskische ist ein Beispiel für jahrtausendlange Isolation und Resistenz gegenüber sprachlichem und genetischem Einfluß von Einwanderern und Eroberern, begünstigt durch die abgelegene geographische Lage. (vgl. Spektrum der Wissenschaft, Dossier 1/2000, Cavalli-Sforza: 26). Wenn man von der These der Ursprache ausgeht, dann ist das Baskische eine der Spuren der Erstbesiedlung, die sich vor ca. 100 000 Jahren von Afrika aus in Gang gesetzt haben soll. Durch die Ausbreitung der Landwirtschaft und raschen Bevölkerungswachstum differenzierten sich die Bevölkerungen und Sprachen und es entstanden größere Sprachfamilien. Klimabedingt wurde eine weitere Ausbreitung nördlich des 54. Breitengrades möglich und schließlich wurden durch die Entwicklung von komplexen Gesellschaften (Eliteherrschaft) andere Bevölkerungen und deren Sprachen unterdrückt. So entstanden Sprachfamilien wie zum Beispiel das Indoeuropäische. Von diesen Einflüssen blieben einige Populationen und eben auch die Basken verschont:

Sie ü berleben in R ü ckzugsarealen, die ü ber die Sprachen-Weltkarte als kleine Flecken verstreut sind, und m ü ssen vor langer Zeit in ihre gegenw ä rtigen Verbreitungsgebiet gekommen sein, n ä mlich w ä hrend der ersten Vorst öß e des anatomisch modernen Menschen in die jeweiligen Kontinente.

(Spektrum der Wissenschaft, Dossier 1/2000, Renfrew: 33)

5. Baskisch: Ein sprachgeschichtlicher Überblick

5.1. Äußere Geschichte des Baskischen

Die Erkenntnisse der Genetiker geben ein Bild von einem kleinen abgeschotteten und völlig isolierten Baskenland. Das mag lange so gewesen sein, aber zumindest seit dem Zeitalter des Römischen Reiches und wahrscheinlich auch schon früher waren vielfältige Einflüsse vorhanden. Obwohl die Schrift in großen Teilen der iberischen Halbinsel bereits mehrere Jahrhunderte vor Eintreffen der Römer bekannt war, wurden die ersten baskischen Texte erst ab dem Eintreffen der Römer gefunden. Trask vermutet anhand vieler Ortsbezeichnungen im Baskenland, die auf keinen Fall baskischer Herkunft sind und oftmals indoeuropäischer Abstammung zu sein scheinen, dass Basken und Indoeuropäer wahrscheinlich schon vor dem Eintreffen der Römer gemischte Populationen gebildet haben. Er sieht dies als Beweis dafür an, das ein Großteil des modernen Baskenlandes nicht baskischsprachig war bzw. dass zumindest Baskisch nicht die dominante Sprache war.(vgl. Trask 1997:38) Trask bezieht sich auf zwei andere Sprachwissenschaftler, die beide der Meinung sind, dass das Baskische wahrscheinlich nur eine von mehreren Sprachen war und Bilinguismus möglicherweise verbreitet war.

Die ersten historisch belegten Nachweise der baskischen Sprache datieren aus dem 10. Jahrhundert ("Emilian Glosses"). Insgesamt gibt es aber nur wenige erhaltene Dokumente aus dem mittelalterlichen Baskenland, da spätmittelalterliche Clan-Kriege, Karlistenkriege und der spanische Bürgerkrieg sehr viel vernichtet haben. Ab dem 16. Jahrhundert steigt die Anzahl der Dokumente: Es gibt z. B. Lieder, Gedichte und Gebete. Dabei ist auffallend, dass das Baskische sich seitdem fast nicht verändert hat6:

Basque in the last thousand years appears to have been an astonishing conservative language, much more conservative than, say, English.

(Trask, 1997: 47)

1643 wird ein baskischer "Bestseller" veröffentlicht: "Gero" von Pedro de Axular, einem baskisch-französichen Priester. Dies ist Zeugnis für den damals hohen Status, den das Baskische im französischen Baskenland genoß. Seit dem 17 Jahrh. gibt es einen steten Fluss von Veröffentlichungen, der jäh unterbrochen wurde durch den spanischen Bürgerkrieg.

5.2. Linguistische Arbeiten

Es gibt eine Vielzahl von linguistischen Arbeiten über das Baskische, angefangen Ende des 16. Jahrhunderts7 bis heute, wo man baskische Philologie an baskischen Universitäten studieren kann und regelmäßig Kongresse stattfinden. Auffällig dabei ist, das ein großer Anteil der Linguisten, die die baskische Sprache analysiert und untersucht haben, nicht Basken waren, sondern z.B. Holländer, Engländer und Franzosen. So war der deutsche Linguist und Sprachphilosoph Wilhelm von Humboldt (1767-1835) zwei mal im Baskenland: 1799 und 1801. Er lernte sogar Baskisch für seine Studien (vgl. Trask 1997: 53). Baskisch war für ihn, und ich nehme an für nahezu alle von weither gereisten Linguisten a specimen (Trask 1997:54), interessant wegen seiner Außerordentlichkeit.

5.3. Standardisierung des Baskischen: Euskara Batua

Auf Grund der bergigen und ländlichen Region haben sich viele verschiedene Varianten des Baskischen gebildet, der Mainstream der Linguisten stellte sieben Varianten fest, die zum Teil so stark voneinander abweichen, dass sich die Bewohner auf der einen Seite des Berges nicht problemlos mit den Nachbarn auf der anderen Seite verständigen konnten. Wollte man das Baskische am Leben erhalten und im öffentlichen Leben benutzen, war es zwingende Voraussetzung ein Standardbaskisch aus all den Varianten zu bilden. Zu diesem Zweck wurde 19198 die Real Academia de la Lengua Vasca gegründet. (vgl.http://www.sispain.org/spanish/language/language/basque.html).

Die ersten Schritte zur Standardisierung wurden 1964 unternommen, indem eine einheitliche Orthografie geschaffen wurde. Dabei gab es zwei entgegengesetzte Meinungen: Manche waren der Ansicht, man sollte sich an der klassischen Literatur der Provinz Lapurdi orientieren, die über die größte literarische Tradition verfügt, andere waren für das Baskisch von Guipuzcoa. Euskara Batua, wie das Standardbaskisch auf Baskisch heißt, basiert auf beiden Varianten und orientiert sich soweit wie möglich an der zeitgenössischen Sprache.

1970 wendete sich die Akademie nach der Orthographie der Morphologie zu und im gleichen Jahr wurde auch ein Wörterbuch der neuen Euskara batua veröffentlicht. Im Bereich der Syntax und Aussprache gibt es so gut wie keine Standardisierung, die Sprecher verwenden weiterhin ihre lokalen Varianten.

6. Die baskische Sprache in der Spanischen Demokratie

6.1. Autonomiegesetz

Im Art. 6 des Autonomiestatuts der Baskischen Regierung heißt es:

El Euskera, lengua propia del Pueblo Vasco, tendr á , como el castellano, car á cter de lengua oficial en Euskadi , y todos sus habitantes tienen el derecho a conocer y usar ambas lenguas

Dieser Artikel besagt, dass einerseits Baskisch die Sprache des baskischen Volkes ist und dass andererseits das Baskische ebenso wie das Spanische offizielle Sprachen der Comunidad Aut ó noma Vasca sind und dass alle Bewohner das Recht haben, beide Sprachen zu kennen und zu benutzen. (vgl. Etxenike Landribar, 1998: 325).

In Art. 3 der Spanischen Konstitution heißt es:

1. El castellano es la lengua espa ñ ola oficial del Estado. Todos los espa ñ oles tienen el deber de conocerla y el derecho de usarla.
2. Las otras lenguas espa ñ olas ser á n tambi é n oficiales en las respectivas Comunidades Aut ó nomas de acuerdo con sus Estatutos.
3. La riqueza de las diferentes modalidades ling üí sticas de Espa ñ a es un patrimonio cultural que ser á objeto de especial respeto y protecci ó n.

Dieser Artikel besagt, dass Spanisch die offizielle Staatssprache ist und im Gegensatz zum Baskischen wird hier nicht nur das Recht ausgedrückt, sie anzuwenden, sondern auch die Pflicht sie zu beherrschen. Ferner sollen die anderen spanischen Sprachen in Übereinstimmung mit ihren Autonomiestatuten in den jeweiligen Comunidades Aut ó nomas ebenfalls offiziellen Status haben. Das reiche kulturelle Erbe Spaniens soll in diesem Sinne geschützt und respektiert werden.

6.2. Die soziolinguistische Situation im Baskenland

Im Unesco Red Book of Endangered Languages von 1999 (last update) werden die Sprachen in die fünf Kategorien9 eingeteilt. Das Baskische fällt in Kategorie 4 (iv):

"endangered languages with some children speakers at least in part of their range but decreasingly so. (...)

(a) children speakers: on the Spanish side many children learn the language, but most of them become more fluent in Spanish and may not become active users of Basque; on the French side, very few children learn the language, and probably none of them have chance to become active users. (...)

(d) total number of speakers, members of the ethnic group: Spain: according to a recent figure, 890,000 speakers; France: 80,000 mostly elderly speakers (e) degree of speakers' competence: generally fully competent ( Http://www.helsinki.fi/~tasalmin/europe_report.html )

Um eine Einordnung der Situation der zwei offiziellen Sprachen vornehmen zu können, definiert Etxenike (vgl. Riev, 1998: 329) zunächst vier verschiedene Stufen von Bilingualismus:

- 1. Kategorie: Idealer Bilingualismus

Alle Personen können sich auf dem gleichen Niveau und ohne jeglichen Unterschied in beiden offiziellen Sprachen ausdrücken.

- 2. Kategorie: Passiver Bilingualismus

Zwar gibt es innerhalb der Gesellschaft zwei Gruppen, die jeweils hauptsächlich eine der beiden offiziellen Sprachen benutzen, aber jede Gruppe verfügt mindestens über passive Sprachkenntnisse in der 2. Sprache.

- 3. Kategorie: Diglossiver Bilingualismus

Alle Personen sprechen eine Sprache perfekt, die 2. Sprache wird mit unterschiedlichem Perfektionsgrad beherrscht.

- 4. Kategorie: Falscher Bilingualismus

In einer eigentlich monolingualen Gesellschaft gibt es zwei Gruppen, die jeweils nur eine der zwei offiziellen Sprachen beherrschen.

Innerhalb dieser Kategorisierung formuliert Etxenike den Bilingualismus der 1. Kategorie als anzustrebendes Ziel und beschreibt die soziolinguistische Situation 1982 als einen Bilingualismus der 3. Kategorie (vgl. Riev, 1998: 329).

In Bezug auf die Verwirklichung des Bilingualismus der 1. Kategorie gibt es einen Widerspruch zur Gesetzgebung: Denn während die Beherrschung der spanischen Sprache eine Pflicht ist, gibt es für die baskische Sprache lediglich ein Recht zur Anwendung. Die Verantwortung liegt also in der eigenen Person. Nicht der Staat, sondern der Bürger hat ein Recht auf die Sprache und die Aufgabe des Staates ist es, dieses Recht durch entsprechende Maßnahmen zu ermöglichen.

Es oficial una lengua, independientemente de su realidad y peso como fen ó meno social, cuando es reconocida por los poderes p ú blicos como medio normal de comunicaci ó n en y entre ellos y en su relaci ó n con los sujetos privados, con plena validez y efectos jur í dicos

(Riev, 1998:343; STC 82/1986)

Eine Sprache ist also dann offiziell, real unabhängig und von sozialem Gewicht, wenn sie durch die öffentlichen Mächte mit juristischer Wirkung als normales Kommunikationsmittel anerkannt wird. Das was auf dem Papier schön klingt, muss in der Realität erst mal wachsen, denn in der soziolinguistischen Realität hat das Baskische allenfalls den Status einer halboffiziellen Sprache (vgl. Riev, 1998: 346). Obwohl es seit 1981 einen stetigen Anstieg gab:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei gibt es regionale Unterschiede. In San Sebastian (Guipuzcoa) spricht fast 1/3 der Bewohner Baskisch, in Bilbao (Viskaya) und Vitoria (Alava) nur etwa 10-15%. Die Gemeinden mit weniger als 1000 Einwohnern in Guipuzkoa und im östlichen Viskaya verfügen über die höchste Anzahl Baskischsprecher. In Alava und im westlichen Viskaya dagegen herrscht die gegenteilige Situation: Die Gemeinden mit weniger als 1000 Einwohnern verfügen über den kleinsten Anteil an Baskischsprechern. Die Veränderungen der letzten Jahre sind dort am deutlichsten, wo bisher am wenigsten Baskisch gesprochen wurde:

El crecimiento m á s significativo se produce en los municipios m á s peque ñ os y con mayor porcentaje de castellanoparlantes monoling ü es situados en Á lava y en las encartaciones, evidentemente, la raz ó n estriba en la incorporaci ó n

(Riev, 1998: 347)

Die Sprecher sind entweder sehr jung oder sehr alt. Die 5-14 jährigen haben den größten Zuwachs. So war 1981 die größte Anzahl der Baskischsprecher über 85 Jahre alt, während 1996 die 5-9-jährigen die größte Gruppe der Baskischsprecher stellen (vgl. Riev, 1998: 348).

6.3. Die Sprachplanung der Baskischen Regierung: Euskaldunización und das Normalisierungsgesetz von 1982

Auf Basis der beiden in 6.1. genannten Artikel wurde 1982 von der baskischen Regierung ein Normalisierungsgesetz der baskischen Sprache verabschiedet: La Ley de Normalizaci ó n del Euskera. Dieses Gesetz betrifft drei Bereiche: Die Schule, die öffentliche Verwaltung und die öffentlichen Medien (vgl. Riev, 1998: 320).

Wenn Baskisch mehr als einen Platz im Museum erhalten soll, so Etxenike, dann muss eine soziolinguistische Situation hergestellt werden, die (gemäß dem Art. 6 des Autonomiestatuts) es jedem im Baskenland lebenden Bürger möglichen soll, offiziell die baskische Sprache zu benutzen (vgl. Riev, 1998: 326).

Aufgabe des Normalisierungsgesetzes ist es in erster Linie, die Grundvoraussetzungen für den offiziellen Status der baskischen Sprache zu schaffen. In zweiter Instanz soll das Normalisierungsgesetz das Werkzeug sein, um einen Prozess in Gang zu bringen, der dafür sorgt, dass die baskische Sprache in allen sozialen Funktionen den gleichen Status erreicht, wie ihn zur Zeit die spanische Sprache hat(vgl. Riev, 1998:334ff).

Obwohl die Verabschiedung des Gesetzes ein schwieriger und langwährender Prozess war, konnte doch eine Einigung erzielt werden, die sowohl nationalistische und nicht- nationalistische Strömungen integrierte. Cobreros warnt jedoch vor den möglichen Folgen einer intoleranten nationalistischen Umsetzungspolitik:

A algunos podr á parecer un p í o deseo, pero creo que es m á s facil que una pol í tica fracase si no tiene en cuenta la realidad en la que ha de aplicarse. Y ello aunque no se me escapa que en estos momentos (comienzos de 1999) la din á mica pol í tica instaurada bloquea pr á cticamente cualquier posibilidad al respecto, resultando parad ó jico - insisto, seg ú n mi subjetiva percepci ó n - que la normalizaci ó n del euskera pueda resultar la m á s perjudicada por la situaci ó n, puesto que ser í a un precio muy alto a pagar que se perciba como una imposici ó n de los pol í ticos nacionalistas sobre los ciudadanos no nacionalistas.

(Riev, 1998: 337/338)

6.4. Baskisch in der Schule

Gemäß des Riev-Dossiers (vgl. Riev, 1998: 320) ist der Bereich der Schulausbildung der erfolgreichste im Hinblick auf die Realisierung des Normalisierungsgesetzes. Im baskischen Gesetz ist der Unterricht in den beiden offiziellen Sprachen seit 1993 obligatorisch. Je nach regional unterschiedlicher linguistischer Situation und nach dem Willen der Eltern kann zwischen verschiedenen Modellen gewählt werden:

Modell A: Der Unterricht findet monolingual auf Spanisch statt. Außerdem wird Baskisch als obligatorisches Fach unterrichtet mit drei bis vier Unterrichtsstunden wöchentlich, je nach Schulstufe.

Modell B: Der Unterricht findet bilingual statt, die Hälfte der Fächer wird auf Baskisch unterrichtet, die andere Hälfte auf Spanisch. Außerdem gibt es beide Sprachen als Unterrichtsfach.

Modell D: Dies Modell ist das Negativ zu Modell A: Der Unterricht findet monolingual auf Baskisch statt, Spanisch wird als Unterrichtssprache angeboten.

Aufgrund der soziolinguistischen Situation gibt es einen erheblichen Mangel an baskischsprachigen Lehrern. Seit 1998 (Art. 26 del decreto 197/1998) wurde es für Lehrer, die neu eingestellt werden zur Pflicht, beide Sprachen zu beherrschen, um in der Lage zu sein, beide Sprachen zu sprechen. Wenn man berücksichtigt, dass 1998/99 87,2% der 3- jährigen Kinder (vielmehr ihre Eltern) die Modelle D und B und nur 12,8 % Modell A gewählt haben, mit steigender Tendenz zu B/D, dann wird der Bedarf an bilingualen Lehrern deutlich.

Wenn man die 3 Modelle zu den von Etxenike beschrieben Kategorien des Bilingualismus in Bezug setzt, dann stellen die Modelle A + D m.E. keinesfalls eine Verbesserung dar, sondern es handelt sich hier nur um einen scheinbaren Bilingualismus.

Neben den Modellen A, B und D gab es zu Anfang noch ein viertes Modell X: Den monolingualen Unterricht auf Spanisch. Während dieses Modell noch 1979/80 zu 70% präsent war, sank es bereits 1982/83 auf 30%, siehe nachfolgende Tabelle:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Riev, 1998: 375)

Wie aus der Tabelle unten ersichtlich, ist ist das Modell X mit 1% seit 1987/88 fast bedeutungslos, seit 1993 existieren per Dekret lediglich die Modelle A, B und D (vgl. Riev 1998: 377). Das Modell D hat den größten Zuwachs an Schülern und daher sind dort auch die geringsten Einbußen durch die Geburtenrückgänge zu verzeichnen (vgl. Riev 1998:372).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Riev,1998: 379)

Schon vor den Änderungen in der Schulausbildung als Folge des Normalisierungsgesetzes von 1982 begannen 1960 -1977 die Ikastolas eine experimentelle Phase der "baskischen Schule"10. So trugen die Ikastolas auch einen erheblichen Teil zur Erstellung der Curricula und der Übersetzung des pädagogischen Materials bei (vgl. Riev 1998: 377). In den Ikastolas wird zu 80 % Modell D und zu 20 % Modell B angeboten. Die Modelle X und A waren nie ihr Thema, weswegen der Rückgang der Schülerzahlen, die diese Modelle betreffen, die Ikastolas nicht berührt. (vgl. Riev 1998:379). 1977 -1982 wurde der Fortschritt der Ikastolas von einer intensiven Neubildung des etablierten baskischen Schulsystems begleitet (vgl. Riev 1998: 373). So wurden die Modelle A, B und D 1978/79 entwickelt und 1983 per Dekret verabschiedet (vgl. Riev 1998:374).

Die privaten Schulen waren die ersten, die den bis dato rein spanischsprachigen Unterricht durch Modell A ersetzten.

In der Educaci ó n Secundaria (12-18 Jahre) ist A das vorherrschende Modell. Dies, so Zalbide, ist von soziologisch wichtiger Bedeutung, zeigt es doch, dass die Effekte innerhalb der Secundaria begrenzt sind (vgl. Riev 1998: 386). Den Effekt der Euskaldunizaci ó n in der Schulbildung beschreibt Zalbide in höchsten Tönen:

...por primera vez en la historia conocida del pa í s (salvado periodos breves o contextos y sectores muy singularizados), est á emergiendo a la vida p ú blica una juventud vasca que, adem á s de saber hablar y leer en euskera con razonable desenvoltura y fluidez, dispone de un repertorio verbal expandido (en grado diverso, pero claramente perceptible), con cierta familiaridad con expresiones y registros propios de contextos formales, frecuentemente escritos, traspasando con ello los tradicionales valladares de la end é mica agrafia en lengua propia y de la estricta sujeci ó n a esferas informales (particularmente a los contactos di á dicos rutinarios y a la intimidad del á mbito familiar o c í rculos de amistad).

(Riev 1998:400)

Allerdings, so Zalbide, sinkt das Sprachniveau später oft, wenn der Schüler die Baskischkenntnisse nur im Umfeld der Schule erworben hat und pflegt. Sobald er die Schule abschließt und weder durch Familie, Stadtteil, Freundeskreis oder Sportmannschaft Kontakte auf Baskisch bestehen, sinkt die linguistische Kompetenz im produktiven Bereich. Das bedeutet, die Schule kann nur schwerlich der einzige Mittler der Euskaldunizaci ó n sein, wenn diese effektvoll sein soll (vgl. Riev 1998: 401).

...un programa educativo de bilingüismo generalizado tiene dificil proyecci ó n social y reproducci ó n autosostenida si no viene acompa ñ ado (precedido y sustentado por, m á s que causalmente reflejado en) un complejo proceso de evoluci ó n sociocultural donde las pautas dominantes del comportamiento ling ü istico habitual, las redes de interaci ó n verbal y la reformulaci ó n del marco de recompensas y sanciones operantes en la sociedad promuevan o permitan que la lengua minoritaria se convierta, al menos en determinados á mbitos y situaciones de uso, en instrumento ú til y necesario.

(Riev 1998: 404)

Das Ziel innerhalb der Schulbildung konkretisiert Zabilde wie folgt: Modell A soll zugunsten des stark anwachsenden Modells D und des mäßig zunehmenden Modells B an Einfluss verlieren.

7. Schlussbemerkung

Die folgenden Zitate, die ich abschließend kurz kommentieren möchte, waren Grundlage einer kurzen Diskussion im Anschluss an das Referat. Sie spiegeln einen Ausschnitt aus der widersprüchlichen Diskussion um die Notwendigkeit der politischen Sprachplanung einerseits und die Grenzen und Gefahren andererseits im Baskenland wieder:

Pedro Miguel Etxenike Landiríbar

Univ. del País Vasco, Fac. CC. Químicas

Aus seiner Rede "in defence of the draft Basic Law for the Nomalization of the use of the Basque language", 1982

Hay tambi é n otra cosa: la puerta que abre el Estatuto en lo que respecta a la culturizaci ó n y a la lengua es la salida que la mayor í a de los ciudadanos vascos aceptamos para la pacificaci ó n de este pueblo.

(Etxenike 1982: 326)

Es gibt noch eine andere Sache: Die T ü r, die das Statut im Hinblick auf die "Kulturisierung" und die Sprache ö ffnet, ist ein Ausweg, den die Mehrheit von uns Basken f ü r eine friedlichere Entwicklung dieser Bev ö lkerung akzeptiert.

Koldo Mitxelena, Professor

(Zitat desselben aus o.g. Rede)

La tolerancia, el "laisser faire, laisser passer", en materia de lengua, ha sido siempre y es todav í a hoy probablemente la pol í tica m á s practicada. Esta pol í tica, como el liberalismo econ ó mico, es una manera tan eficaz como cualquier otra - m á s eficaz en realidad, puesto que supone omisi ó n, no una acci ó n con cuya responsabilidad alguien tiene que cargar - de favorecer a unas lenguas y de postergar a ortras; es, por los tanto, una pol í tica, no una falta de pol í tica.

(Etxenike 1982: 328)

Die Toleranz, das "laisser faire, laisser passer", im Bereich der Sprache, war und ist die wahrscheinlich am meisten angewendete Politik. Diese Politik ist, genauso wie der ö konomische Liberalismus, eine so effektive Art und Weise wie alle anderen - effizienter in der Tat, da sie Unterlassung voraussetzt und keine Handlung f ü r die jemand Verantwortung tragen muss - um einige Sprachen zu bevorzugen und andere zu ü bergehen. Diese Toleranz ist keinesfalls unpolitisch, sondern Politik.

Julio Caro Baroja (Madrid 1914 - Vera de Bidasoa 1995)

(Direktor, des "Museo del Pueblo", Mitglied der "Academias de la Lengua Vasca", Mitglied von "Buenas Letras" in Barcelona, Direktor der Zeitschrift "Dialectología y Tradiciones Populares des CSIC.)

Aus seinem Buch "Ser o No Ser Vasco":

El vasco es una especie de signo de solidaridad, con el que se realiza unos "ritos" pol í ticos, como en las religiones antiguas se realizaban determinados ritos religiosos con palabras misteriosas.

(Baroja 1998: 312)

Das Baskische ist eine Art Solidarit ä tsmerkmal, mit dem einige politische Riten durchgef ü hrt werden, ä hnlich wie in den alten Religionen, in denen man bestimmte religi ö se Riten mit mysteri ö sen W ö rtern begleitet hat.

Ahora, al contrario, es la juventud de una burgues í a que despreci ó el vasco durante generaciones la que quiere encontrar su "identidad perdida" a base del aprendizaje. Esto cargado de sentido pol í tico, claro es.

(Baroja 1998: 313)

Heute, ganz im Gegenteil, sind es die Kinder einer Bourgeoisie, die dem Baskischen ü ber Generationen keinen Wert beima ß , die ihre "verlorene Identit ä t" auf Basis des Sprachunterrichts sucht. Dieser ist nat ü rlich politisch befrachtet.

Fernando Savater

Aus seinem Artikel "Los Ídolos de la Tribu":

Fundar un estado en la identidad - es decir, en la uniformidad y el sometimiento de la diferencia - de lo é tnico o lo ling üí stico es m á s que un primer paso en el camino que lleva al estado basado en criterios raciales.

(http://www.matices.de/18/18ssavat.htm )

Einen Staat auf den Pfeilern der Identit ä t zu gr ü nden, d.h. in der Uniformit ä t und der Unterwerfung des Unterschieds, auf ethnischer oder linguistischer Identit ä t beruhend, ist nichts anderes, als der 1. Schritt auf dem Weg in einen Staat, der lediglich auf rassistischen Kriterien basiert.

Kurt Tucholsky

Aus seinem Buch "Ein Pyren ä enbuch".

Nur f ü r eine traurige Sache gibt es ein Anzeichen: diese Sprache kann eines absehbaren Tages aussterben. Zun ä chst bildet sie sich schwer fort. Sie formt keine neuen W ö rter (...). Die alte Generation sprach nur baskisch, und ich habe Leute gesehen (...) mit denen ich mich gar nicht verst ä ndigen konnte; die j ü ngere Generation versteht fast durchweg franz ö sisch und spricht also beides - aber es gibt schon Leute und ganze D ö rfer, da ist es aus (...). Die Sprache kann erl ö schen. Die Rasse sobald nicht. Sie sind ungef ä hr f ü nfhunderttausend Leute, nicht mehr - vier Provinzen liegen auf spanischem Boden, drei auf franz ö sischem. Die Basken11 kehren sich nicht an die b ü rokratische franz ö sische Departementseinteilung, (...) sie nennen ihre Provinzen den alten Namen. Aberso stolz sie auf sich sind: es ist nichts Agressives dabei, und eine "Baskische Frage" gibt es nicht. Hier will niemand erl ö st werden, weil sich niemand bedr ü ckt f ü hlt.

(Tucholsky, 1979: 30)

Etxenike Landiríbar sieht also in der Euskaldunización eine Chance für den Frieden im Baskenland. Das ist m.E. problematisch, denn es ist ja nicht die Sprache oder das Statut, die die Tür öffnen, sondern es sind die Menschen, die diese Tür öffnen wollen oder müssen. Sicher ist aber zumindest, dass erweiterte LHR12 eher Konflikte reduzieren als produzieren. Skutnabb-Kangas schreibt über die Rolle der Sprache in ethnischen Konflikten, dass die Sprache kein Verursacher von Konflikten sein kann, wohl aber ein weiterer Faktor, der die beiden Parteien trennt. Wenn es zu Völkerhass oder ethnischen Rivalitäten kommt, so sind in der Regel spezifische historische politische Machtkämpfe der Grund dafür (vgl. Skutnabb- Kangas, 1994:6ff).

Mitxelena ist mit seiner Aussage recht radikal, was verständlich ist, wenn man sich die Situation einer sprachlich-kulturellen Minderheit wie dem Baskenland vor Augen führt, die schließlich von Seiten einer herrschenden Mehrheit ständigen Diskriminierungen und Unterdrückungen ausgesetzt waren und deren quantitative Unterlegenheit allein schon eine soziologische Wirkung haben muss. Iso Camartin, Professor für Rätoromanische Literatur in Zürich, schreibt in seinem Plädoyer für Kleinsprachen:

Was der Mehrheit allenfalls als interessanter kultureller Seitenpfad erscheint, ist f ü r die Minderheit ein zentrales Medium der Selbstfindung. Wer Sprache und Lebenswelt erhalten m ö chte, in denen er sich in seiner Kindheit und Jugend bewegt hat, will nicht etwas f ü rs Rarit ä tenkabinett retten, sondern eine besondere eigene Daseinsform erhalten. Da ß es solchen Minderheiten nicht um spa ß ige Liebhaberei, sondern um fundamentale Grundwerte geht, wird von denen manchmal ü bersehen, die die eigenen Werte als ungef ä hrdet erfahren.

(Camartin, 1992: 26)

Mitxlena hat natürlich mit seinem Vorwurf des laisser faire, laisser passer insofern Recht, dass Minderheiten schon aus Gründen die in der „Natur der Sache“ liegen, benachteiligt sind. Daher die Notwendigkeit der LHR. Jedoch trifft dieser Vorwurf m.E. auf die aktuelle Situation im Baskenland (Spanien) so nicht zu. Wie bereits erwähnt (siehe 6.2), muss der Staat die Vorraussetzungen schaffen, die das Recht ermöglichen, die baskische Sprache zu sprechen. Aber darüber hinaus muss jeder Einzelne die Verantwortung Baskisch zu pflegen bzw. zu erlernen und anzuwenden für sich selbst übernehmen.

Die weiteren Zitate von Baroja und Savater zeigen die andere Seite der Medaille und kritisieren massiv den Missbrauch der Sprache zu nationalpolitischen Zwecken. Das wohl bekannteste Beispiel für „Kinder einer Bourgeoisie, die dem Baskischen über Generationen keinen Wert beimaß“, ist der bereits erwähnte Sabino Arana. Baroja drückt einerseits aus, wie sehr die Haltung der Sprecher hier den Strömungen ihrer jeweiligen Zeit unterliegt, und andererseits unterstreicht er die Bedeutung der Sprache als Instrument der Ausgrenzung im politischen Konflikt. Savater ist Professor für Philosophie an der Universidad Complutense de Madrid. Zuvor war er in seiner Geburtsstadt San Sebastián als Professor für Ethik an der Universidad del Pa í s Vasco tätig. Wegen der Gefahr von ETA-Anschlägen soll er heute unter Polizeischutz stehen. In dem Moment, in dem die linguistische Identität Teil einer nationalistischen Identität wird, die ihre Interessen im äußersten Fall mit Mitteln der Gewalt durchzusetzen versucht, hat dies mit LHR nichts mehr zu tun. Das ist auch der Kern der Widersprüchlichkeit: Wie aus der Geschichte der Menschheit vielfach abzulesen ist, ist die Sprache immer auch ein politisch missbrauchtes Instrument gewesen, nicht erst seit dem Entstehen der Nationalstaaten. Siempre la lengua fue compa ñ era del Imperio (die Sprache begleitete immer die Herrschaft) war schon das kulturpolitische Ziel von Elio Antonio de Nebrija, der 149213 die erste Grammatik und das erste Wörterbuch in spanischer Sprache verfasste (vgl. Franzbach, 1993: 85). Das ist sozusagen die Kehrseite der Medaille. Auf der anderen Seite stehen die Sprachen in ihrer Vielfalt14, gleichbedeutend für die kulturelle Vielfalt. Fast alle Kleinsprachen Europas wie auch das Baskische sind von größeren Sprachen umgeben. Camartin stellt in seinem Plädoyer für Kleinsprachen folgende These auf: Es verschwinden mit einer Sprache mehr als nur Worte. (Camartin, 1992:8). Er führt aus, dass Kultur sich durch Sprache in einer besonderen Weise vermittelt und daher der Schwund einer Sprache unmittelbar einen wesentlichen Bereich der Kultur in Frage stelle (vgl. Camartin, 1992: 28). In der Bedeutung als Muttersprache beschreibt er die ersterlernte Sprache als eine Art Haut, die mit uns verw ä chst und unser Aussehen pr ä gt, wenn wir uns unter Menschen bewegen. (Camartin, 1992: 62). Er führt die sprachpsychologische Bedeutung von Muttersprache aus und spricht der Muttersprache eine Eignung für gesteigerte Empfindungen zu, die man in einer später gelernten Fremdsprache so möglicherweise gar nicht mehr zu suchen wagt. (vgl. Camartin, 1992: 62).

Ich schließe mich seiner Meinung in dieser Frage an aus Gründen, die ich bereits ausgeführt habe. Ein bilinguales oder mehrsprachiges Baskenland kann m.E. nur ein Zugewinn sein. Am Ende dieser Arbeit bleiben eine ganze Reihe von Fragen offen, darunter, inwieweit eine Sprache, die bereits nur noch von einer „Minderheit der Minderheit“, d.h. von einem kleineren Teil der Bevölkerung gesprochen wird, wiederbelebt werden kann. Darüber lassen sich m.E. im Baskenland zu diesem Zeitpunkt noch keine verlässlichen Aussagen machen.

Literaturverzeichnis

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(1995): Die Cambridge Enzyklop ä die der Sprache

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(2000): Die Evolution der Sprachen, S. 28-34

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Heidelberg, Spektrum der Wissenschaft Verlagsges. mbH (Dossier 1/2000)

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http://www.matices.de/18/18ssvat.htm - 29.01.2001

Skutnabb-Kangas, Tove

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Trask, Robert-Lawrence

(1997): The History of Basque

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Zalbilde, Mikel

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Links im Internet für allg. regionale Informationen:

What is an „ Ikastola “

http://www.members.es.tripod.de/Labiaga/Ikastola.html - 21.01.2001

Courtesy Vocabulary

http://www.sim02.si.ehu.es/docs/book.SS-G/v2/Euskara.html - 15.01.2001

Language Status

http://geocities.com/Athens/9479/basque.html - 21.01.2001

Euskera

http://sispain.org/spanish/language/basque.html - 21.01.2001

Das Autonomiestatut, institutionelles Grundgesetz des Baskenlandes

http://www.euskadi.net/autogobierno/estatu_com_a.htm - 28.12.2000

[...]


1 vgl. das Baskenland unter französischer Zentralregierung

2 Dies setzt bilinguale Lehrer voraus

3 u.a. wurden der Franco-Regierung fadenscheinige Anschuldigungen und Folterungen vorgeworfen. 8

4 In Kontakt mit dem Lateinischen vollziehen die Sprecher einen Sprachwechsel, bei dem sie die Zielsprache nur unvollständig erlernen und diese so als neue Muttersprache an die nächste Generation weitergeben, während die vorromanische alte Muttersprache verfällt. Ihr Einfluss auf die Zielsprache wird als Substratinterferenz bezeichnet (vgl. Haase, 1992:12)

5 Cav

6 Zieht man die verschiedenen Dialekte des Baskischen und die noch junge Standardisierung hinzu, fällt es schwer seine Aussage nachzuvollziehen. Wenn man dann noch hinzuzieht, dass die Unterschiede zwischen den Dialekten damals weniger auffallend waren (vgl. Trask 1997:47), dann stellt dies für mich einen Widerspruch dar zur "conservative language"

7 Andrés Poza, ein Rechtsanwalt aus Viskaya hielt Baskisch für eine der 72 Sprachen, die von Gott im Turm zu Babel geschaffen worden seien (vgl. Trask 1997: 50)

8 bzw. nach anderer Quelle 1918 (vgl. http://simr02.si.ehu.es/docs/book.SS-G/v2/Euskara.html)

9 (i) extinct languages, (ii) nearly extinct languages, (iii) seriously endangered languages), (iv) endangered languages, (v) potentially endangered languages und (vi) not endangered languages (Http://www.helsinki.fi/~tasalmin/europe_index.html)

10 Ikastolas = bask. Schule, die erste ikastola wurde 1914 gegründet (vgl. http://members.es.tripod.de).

11 [Tucholsky meint hier die französischen Basken]

12 Linguistic Human Rights, siehe auch Skutnabb-Kangas

13 Im Jahr der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus

14 Nach Unesco-Quellen soll es heute auf der Welt 3000 Sprachen geben (vgl. Camartin 1992: 7)

26 von 26 Seiten

Details

Titel
Sprachpolitik im Baskenland (Spanien)
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Sprachrechte als Menschenrechte
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
26
Katalognummer
V105204
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachpolitik, Baskenland, Sprachrechte, Menschenrechte
Arbeit zitieren
Karen Meyer (Autor), 2001, Sprachpolitik im Baskenland (Spanien), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105204

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