Zur sozialen Lage von Frauen in der Zusammenbruchsgesellschaft


Seminararbeit, 1997

14 Seiten, Note: sehr gut


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INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1) AUSGANGSLAGE

2) FRAUENERWERBSTÄTIGKEIT
2.1. Quantitative Entwicklungen
2.2. Qualitative Entwicklungen

3) FRAUEN UND FAMILIE
3.1. Kurzfristige Desorganisationserscheinungen
3.2 Restabilisierung
3.3. Modernisierung durch Retraditionalisierung?

SCHLUSSBEMERKUNGEN

BIBLIOGRAPHIE

EINLEITUNG

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich unter sozialhistorischer Fragestellung mit der Situation von Frauen in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands in den Jahren unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges.

Die Verwendung des Begriffs „Zusammenbruchsgesellschaft“ soll dabei auf den Prozeßcharakter und die Fortsetzung schon vor Kriegsende begonnener sozialer Entwicklungen, ungeachtet der politisch-militärischen Zäsur der deutschen Kapitulation, hinweisen. Am Übergang zwischen Krieg und Nachkrieg kreuzten sich zwei Tendenzen, die beide mit der Tatsache der Abwesenheit eines großen Teils der männlichen Bevölkerung - und zwar insbesondere der „leistungsfähigsten Altersgruppen zwischen 25 und 40 Jahren“1- zu tun hatten, woraus eine besondere Situation für die zurückgebliebenen Frauen erwuchs: Es handelt sich zum einen um den, in erster Linie ökonomischen Sachzwängen geschuldeten, Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland „auf eine bis dahin nie gekannte Größenordnung“2während des Krieges und - nach einer kurzen Phase des Rückgangs - in den unmittelbaren Nachkriegsjahren.

Die zweite Tendenz war sowohl sozial-psychologischer Art, hatte aber auch einen handfesten ökonomischen Hintergrund: der Bedeutungsanstieg der Familie. Die Familie war zugleich „‘Stabilitätsrest’ in einer zusammengebrochenen politischen und wirtschaftlichen Gesamtordnung“3als auch wichtigste „Instanz der Überlebensorganisation“4, und das „Rückgrat“ der Familien bildeten zunächst vor allem die Frauen.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, darzustellen, wie sich diese beiden Tendenzen in der unmittelbaren Nachkriegszeit entwickelten. Dabei läßt die gebotene Kürze natürlich nur einen fragmentarischen Überblick zu, der möglicherweise zur weiteren und ausführlicheren Beschäftigung mit dem Thema anregt. Die gewählte Gliederung entspricht diesem Überblickscharakter: Zunächst wird die allgemeine soziale Ausgangslage skizziert, um dann im Hauptteil, in zwei getrennten Kapiteln auf die Rolle der Berufstätigkeit und der Familie für Frauen einzugehen.

Zumindest andeutungsweise wurde die Auseinandersetzung mit Thesen bzw. Fragestellungen von Autorinnen der verwendeten Literatur versucht.

Die Auswahl der Literatur erfolgte nach folgender Systematik: Zum einen wurde eine Überblicksdarstellung der deutschen Geschichte des behandelten Zeitabschnitts (Kleßmann) benutzt. Um den Aspekt der Frauenerwerbstätigkeit zu behandeln, wurde auf die sehr Studie von Ruhl (1994) zurückgegriffen. Für die Darstellung der Situation von Frauen in den Familien fanden zwei sozialhistorische Aufsätze (Möding, Willenbacher) Verwendung. Die von Ruhl (1988) herausgegebenen Quellen wurden zum Beleg der dargestellten Phänomene herangezogen. Der Artikel von Notz war wegen seines feministischen Blickwinkels von besonderem Interesse.

1) AUSGANGSLAGE

Die sozialen Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland waren desolat. Millionen Menschen waren an den Fronten gefallen, hundertausende durch Bombenangriffe bzw. die Kampfhandlungen im Reichsgebiet getötet worden. Weitere Millionen befanden sich auf der Flucht oder waren aus ihren ursprünglichen Wohnorten evakuiert worden. Weite Landstriche waren durch Kriegseinwirkung (Luftangriffe, Bodenkämpfe und Selbstzerstörungsmaßnahmen) verwüstet. Besonders augenfällig waren die Zerstörungen in den Städten, wo die Masse der Bevölkerung lebte. Insgesamt 45 Prozent des Wohnraumbestandes der Vorkriegszeit in den drei Westzonen waren entweder zerstört oder schwer beschädigt.5

Damit wurde die Wohnungsnot zum dringlichsten Problem der Überlebenden. Mit Zuzugsbeschränkungen für die Städte und „Belegschlüsseln“ versuchten die Verwaltungen der katastrophalen Lage Herr zu werden. So mußten in Bonn in einer Vier-Zimmer-Wohnung mindestens 5 Personen wohnen, wobei zwei Kinder oder Jugendliche unter 18 Jahren als eine Person und Küchen mit mehr als zehn Quadratmetern als Wohnräume galten6. Trotzdem reichte der Wohnraum bei weitem nicht aus. Viele Menschen mußten in, für einen dauerhaften Aufenthalt eigentlich ungeeigneten, Unterkünften, wie Kellern, Bunkern und Lauben wohnen.7

Das zweite existentielle Problem der Bevölkerung war die Ernährungssituation. Während des Krieges konnte die Lebensmittelversorgung auf Grund der Ausbeutungspolitik in den besetzten Gebieten noch in ausreichendem Umfang, wenn auch mit zunehmenden Schwierigkeiten, gewährleistet werden. Nach Kriegsende kam es jedoch schnell zu erheblichen Engpässen. Die Ernte des Jahres 1945 entspannte die Lage nur kurzfristig. Danach verschlechterte sich die Situation rapide und erreichte ihren Tiefpunkt in und nach dem außerordentlich harten Winter 1946/47. Die zugeteilten Nahrungsmittel deckten oftmals bei weitem nicht den errechneten täglichen Normalbedarf einer Person von 2400 bis 3000 Kalorien, sondern lagen weit darunter, z.B. in Recklinghausen in der Zeit vom 21.4. bis 11.5. 1947 durchschnittlich bei lediglich 800 Kalorien pro Tag.8

Die völlig unzureichende Ernährungssituation führte zu erhöhter Anfälligkeit für Krankheiten. Es kam zu eienm besorgniserrregnden Anstieg der Tuberkulosefälle, Rachitis, Diphterie und spinale Kinderlähmung nahmen ebenfalls stark zu.9

Ein besonderes Merkmal der Zusammenbruchsgesellschaft war das durch den Krieg verursachte Fehlen eines großen Teil der männlichen Bevölkerung. 3,6 Millionen Männer waren gefallen, kurz nach Kriegsende befanden sich 11, 6 Millionen und 1946 noch 2 Millionen Männer in Kriegsgefangenschaft.10

Auf der anderen Seite bedeutete dies, daß es bei Kriegsende 7,3 Millionen mehr Frauen als Männer in Deutschland gab, fast 4 Millionen wirtschafteten alleine (ohne Mann), 2,5 Millionen waren Kriegerwitwen mit Kindern.11

Damit lag die Hauptlast bei der Bewältigung der oben beschriebenen Probleme bei den Frauen. Notz gebraucht auf Grund dieser Tatsache zur Beschreibung der Nachkriegsgesellschaft den Begriff „Frauengesellschaft“. Dahinter steht die Frage, ob die Situation „Möglichkeiten für eine Emanzipation der Frauen“ bot.12

2) FRAUENERWERBSTÄTIGKEIT

2.1. Quantitative Entwicklungen

Die quantitative Entwicklung der Berufstätigkeit von Frauen war ein sehr dynamischer Prozeß.13

So ging im Juli 1944 „nahezu jede zweite Frau einer Berufstätigkeit nach (49,8%), insgesamt 14,8 Millionen Frauen“14. Dieser, bis dahin nie erreichte Stand resultierte vor allem aus den Zwängen des Krieges. Die Abwesenheit eines großen Teils der männlichen Bevölkerung bei gleichzeitigem, sehr großem materiellen Bedarf zur Versorgung der Truppen wurde zwar teilweise durch den massenhaften Einsatz von Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen kompensiert. Trotzdem machte sich eine stärkere Einbeziehung von Frauen in die Wirtschaft und Verwaltung erforderlich, um das Funktionieren des kriegführenden Staates nach innen und außen zu gewährleisten.

Unmittelbar nach der Kapitulation Deutschlands kam es zu einem rapiden Absinken der Beschäftigungszahlen von Frauen. Dafür gab es eine Reihe von Gründen: zurückkehrende Ehemänner oder Verheiratung der Frauen; zerstörte oder wegen der Einstellung der Rüstungsproduktion nicht mehr vorhandene Arbeitsplätze; der Wegfall des Diestpflichtzwanges der Kriegszeit; die völlige Auslastung, insbesondere der Frauen mit Familien und berufstätigen Ehemännern durch die Ernährungssicherung; schließlich die allgemein ungünstigen Arbeitsverhältnisse (harte Arbeit bei geringer Entlohnung). Der Rückgang der Frauenerwerbstätigkeit erinnerte zunächst an die Situation nach dem 1. Weltkrieg, als zahlreiche Frauen, insbesondere in der Rüstungsproduktion, nicht mehr gebraucht wurden. Es gab jedoch bedeutende Unterschiede zu 1918/19: Die Verluste unter der männlichen Bevölkerung waren 1945 bedeutend größer, der Anteil der Kriegsgefangenen weitaus höher und außerdem war, im Gegensatz zum 1. Weltkrieg, das Reichsgebiet selbst von erheblichen Zerstörungen betroffen. Insgesamt waren das Bedingungen, die die Berufstätigkeit von Frauen eher begünstigten.

Folgerichtig hielt der Trend des Rückgangs der Frauenerwerbstätigkeit nicht lange an und der Anteil berufstätiger Frauen stieg wieder, wenn auch nicht auf das Niveau der Kriegszeit. Vermittelt wurde diese Trendwende im wesentlichen über Zwangsfaktoren auf zwei Ebenen - der administrativen und der ökonomischen .

Im Sommer 1945 wurde, regional unterschiedlich, die „‘Pflichtarbeit’ für Frauen zwischen 16 und 45 Jahren [...] eingeführt“ (Männer zwischen 16 und 65 Jahren) und am 10. Juli 1946 wurde das Kontrollratsgesetz Nr. 32 erlassen, das den Einsatz von Frauen zu Wiederaufbauarbeiten in allen Besatzungszonen erlaubte.15Allerdings gibt es keine verläßlichen Zahlen über den Umfang dieser

Dienstverpflichtungen; klar zu sein scheint jedoch, daß sie niemals den Massencharakter wie zur NS-Zeit annahmen.

Größere Auswirkungen dürfte die Verschärfung der Arbeits- und Sozialgesetze durch die Besatzungsbehörden ab Herbst 1945 gehabt haben. Dies bedeutete zum einen die fast ausnahmslose Bestätigung der seit dem 1. September 1939 bestehenden arbeitsrechtlichen Ausnahmebestimmungen, wie Lohnstopp, Beschränkung des Arbeitsplatzwechsels und Aufhebung gewisser Arbeitsschutzbestimmungen. Zum anderen wurden Eingriffe in die Rentenversicherung und Kriegsbeschädigten- und -hinterbliebenenversorgung vorgenommen, die zum Wegfall oder zu erheblichen Kürzungen der Renten führten.16Ruhl beschreibt das Vorgehen der britischen Militärregierung im Falle der sogenannten Kriegsrente. Diese Rente erhielten während des Krieges die Witwen gefallener Soldaten und sie bot den betroffenen Frauen eine ausreichende materielle Sicherheit. Die britische Besatzungsmacht schaffte die Kriegsrente ab und überführte die Betroffenen in die gesetzliche Invaliden- und Angestelltenversicherung, für die man aber einen Bedürftigkeitsanspruch nachweisen mußte. Unter diesen Anspruch fielen Soldatenwitwen, „wenn sie vier waisenberechtigte Kinder oder mindestens zwei waisenberechtigte Kinder unter 6 Jahren aufzogen“. Da ein großer Teil, insbesondere der jüngeren Soldatenwitwen diese Kriterien nicht erfüllte, waren sie „gezwungen, eine Berufstätigkeit aufzunehmen“.17Hier geht der administrative Zwang in den ökonomischen über, d.h. der Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit resultierte wesentlich aus der „Notlage, die immer mehr Ledige, aber auch Flüchtlings- und Vertriebenenfrauen sowie Ausgebombte zwang, ein Lohnverhältnis einzugehen“18.

Die skizzierte Entwicklung der Zahl berufstätiger Frauen veranschaulicht Ruhl an Hand des Beispiels Nordrhein-Westfalen, von dem hier nur drei Eckwerte aufgezeigt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten19

Kontrollratsdirektive Nr. 32 über die Beschäftigung von Frauen bei Bau- und Wiederaufbauarbeiten, 10. Juli 1946)

Zu beachten ist dabei, daß die erste statistische Erhebung nach dem Krieg erst zu Beginn des Jahres 1946 erfolgte, als der Tiefpunkt bei der Frauenerwerbstätigkeit bereits überschritten war. Man kann also davon ausgehen, das der Rückgang unmittelbar nach Kriegsende in einer Größenordnung von mindestens 50 % erfolgte.

2.2. Qualitative Entwicklungen

Qualitativ gesehen bedeutete diese Entwicklung, daß Frauen praktisch in allen Berufsgruppen anzutreffen waren, ausgenommen körperlich besonders schwere (z.B. im Bergbau), äußerst gefährliche (z.B. Feuerwehr) bzw. jene, die eine spezielle Berufsausbildung verlangten (z.B. Ingenieurberufe). Letzteres auf Grund der Tatsache, daß Frauen bislang eine solche Laufbahn mit dem Hinweis auf angeblich fehlendes mathematisch-technisches Verständnis verwehrt worden war. Zwar gelang den Frauen der Einbruch in bisherige ausgesprochene Männerberufe, so in der Metallindustrie oder im Baugewerbe, in ihrer Masse waren sie jedoch, wie schon vor dem Kriegsausbruch, in typischen Frauenberufen tätig, also im Textilgewerbe, im Warenhandel, in der Verwaltung sowie in den häuslichen Diensten, wo es allerdings auf Grund der schwierigen Versorgungslage einen beträchtlichen Rückgang gab. Der einzige Bereich, in dem sich der Frauenanteil erheblich erhöhte, nämlich nahezu verdoppelte, war die Landwirtschaft. Hier war der Höhepunkt Mitte 1946, danach begann „eine langsame aber stetige Abnahme durch die Abwanderung der Frauen in die Industriegebiete“20

Um das Größenverhältnis zwischen den Anteilen verschiedener Berufsgruppen an der Frauenerwerbstätigkeit zu verdeutlichen, sei das Beispiel Düsseldorf angeführt: Ende 1946 waren dort etwa 56 000 Frauen berufstätig. Davon arbeiteten 22 600 in kaufmännischen Berufen, bei Verwaltungen und Behördendienststellen. 14 000 waren Hausgehilfinnen, es folgen 3550 Arbeiterinnen der Textil- und Bekleidungsindustrie und 3100 Beschäftigte der gewerblichen Wirtschaft. 2600 weibliche Arbeitskräfte waren im Gaststättengewerbe tätig und in der eisen- und metallverarbeitenden Industrie wurden 160 Facharbeiterinnen registriert.21

Abschließend zu diesem Abschnitt sei bemerkt, daß sich Frauen, selbst wenn ihnen der Einbruch in eine Männerdomäne gelungen war, in der Regel in untergeordneten (d.h. auch schlechter bezahlten) Positionen innerhalb ihrer Berufsgruppe wiederfanden. Zudem wurde von den politisch-administrativen Entscheidungsträgern strikt darauf geachtet, daß Frauen nur dann in solchen Berufen beschäftigt wurden, wenn keine Männer zur Verfügung standen und im übrigen auf den vorübergehenden Charakter von Frauenarbeit in „Männerberufen“ verwiesen, da beispielsweise „die in Deutschland neuartige Beschäftigung von Frauen in der Bauwirtschaft wegen der hohen körperlichen Anforderungen und der Gefahr psychischer Verrohung an sich unerwünscht ist“.22

3) FRAUEN UND FAMILIE

3.1. Kurzfristige Desorganisationserscheinungen

Die Entwicklung der Nachkriegsfamilie zeigt im wesentlichen zwei gegenläufige Tendenzen. Dabei handelt es sich zum einen um Desorganisationserscheinungen.23 Ursachen für diese Tendenz können u.a. gesehen werden: im „Schwund der elterlichen Autorität durch die nationalsozialistische Jugendpolitik“, der „Verschiebung der Autorität innerhalb der Familie zugunsten der Frau während der Abwesenheit des Mannes, die dann nach dessen Rückkehr nicht ohne weiteres in der alten Form wieder herzustellen war“ und der „extremen Belastung der Mütter, die für Erziehung wenig Raum ließ“24. Als Indikatoren für den Destabilisierungstrend gelten u.a. die wachsende Kriminalität (insbesondere von Jugendlichen)25, eine erhöhte Scheidungsziffer und die Zunahme der Zahl nichtehelicher Kinder.

Von diesen soll hier nur die Scheidungsziffer näher beleuchtet werden, da sich daraus wichtige Schlußfolgerungen für die veränderte Rolle der Frau in der Familie ziehen lassen. Die Zahl der Scheidungen stieg auf das Doppelte derjenigen der Vorkriegszeit und erreichte ihren Höhepunkt 1948 (18,8 je 10 000 Einwohner gegenüber 8,9 im Jahre 1939)26. Das war auf die langen Trennungszeiten infolge des 2. Weltkrieges, der Kriegsgefangenschaft und der Wanderung arbeitssuchender Männer in die Großstädte und industriellen Ballungsräume zurückzuführen, Der Anteil der Ehen die während des Krieges geschlossen worden waren an den Scheidungen war besonders hoch. Sie unterschieden sich von Vorkriegsehen vor allem dadurch, daß sich die Partner nur relativ kurze Zeit kannten. Häufigster Scheidungsanlaß war das Eingehen neuer

Bindungen während der langen Zeit der Abwesenheit des Partners, zumal oft nicht klar war, ob er noch lebte. Ein anderes Motiv lag im sozialen Abstieg eines Teils der Männer (insbesondere Berufssoldaten, Parteifunktionäre) begründet, die die neue selbständigere und selbstbewußtere Rolle ihrer Ehefrauen nicht akzeptieren wollten. Schließlich verkraftete ein Teil der Ehemänner auf Grund der geschlechtsspezifischen Doppelmoral die in der Kriegs- und Nachkriegszeit entstandene freizügigere Sexualmoral der Frauen nicht.27Im Ergebnis all dessen kam es zu deutlichen Unterschieden bei den Scheidungsanträgen gegenüber denen der Vorkriegszeit und nach 1955 und zwar in bezug darauf, wer den Antrag stellte und wer schuldig gesprochen wurde. Der Anteil der Männer als Antragsteller stieg in der Nachkriegszeit auf die Hälfte (gegenüber 1/3) und nur 1/3 der Männer wurde alleinschuldig gesprochen (gegenüber der Hälfte), d.h. man kann schlußfolgern, daß Frauen mehr Gründe oder vermeintliche Gründe dafür lieferten, sich von ihnen scheiden zu lassen, als zur Vorkriegszeit und nach 1955. Relativiert wird das jedoch durch den Umstand, daß Männer auf Grund des Frauenüberschusses gute Chancen hatten, sich wieder zu verheiraten.

Insgesamt waren die Desorganisationssymptome der Nachkriegsfamilie ein kurzfristiges Phänomen, das mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage nach der Währungsreform abklang. Nach 1948 weist die Kurve aller genannten Indikatoren nach unten.

3.2. Restabilisierung

Die zweite, auf längere Dauer wirkende, Entwicklungstendenz der Nachkriegsfamilie kann man mit dem Begriff „Restabilisierung“ charakterisieren. Antrieb für diesen Prozeß waren die bereits in der Einleitung genannten Faktoren, also das Klammern an familiäre Werte in einer Welt des Werteverlustes (was einherging mit einer tiefgreifenden Entpolitisierung) und zugleich die Erkenntnis, daß minimale materielle Sicherheit zunächst nur in und mit der Familie zu erreichen war. Wesentlicher Indikator der Restabilisierung ist ein regelrechter Heiratsboom in der Zeit von 1947 bis 1950, der dazu führte, daß der Heiratsmarkt nahezu völlig ausgeschöpft wurde (z.B. verheirateten sich fast 100% der Männerjahrgänge von 1922 bis 1926, von den gleichaltrigen Frauen 90%).

Die Rolle der Frauen im Restabilisierungsprozeß der Familie zeigt sich an Hand der zunehmenden Bedeutung ihres traditionellen Arbeitsbereic hes, der Hausarbeit. Auf Grund der Versorgungsschwierigkeiten und der reduzierten Einkommen war hier von den Frauen regelrechte Überlebensarbeit für die Familie zu leisten. Beim Einkauf mußten sie stundenlang vor den Geschäften anstehen, ebenso beim Abholen der Lebensmittelkarten. Abgesehen davon, daß die zugeteilten Lebensmittel keine ausreichende Ernährungsgrundlage darstellten, kam es außerdem in ihrer Lieferung immer wieder zu Stockungen bzw. Ausfällen, für die nur ungleichwertiger Ersatz, bisweilen auch gar nichts verteilt wurde.28Die Erschließung von Zusatzquellen zur Ernährung der Familie, wie zum Beispiel eigener Gartenanbau, Schwarzmarkt und Tauschhandel in den Dörfern war vorrangig Frauenaufgabe. „Von der hauswirtschaftlichen Kompetenz der Frauen, ihrer Fähigkeit, die knappen Lebensmittel einzuteilen und Güter herzustellen, hing im wesentlichen das Überleben der Familie ab. Hinzu kam die Eigeninitiative der Frauen bei Schwarzmarkt-, Tauschgeschäften und Hamsterfahrten.“29Nahezu ausschließlich auf den Frauen lastete die Kindererziehung.

Den Preis für die Restabilisierung der Familien bezahlten die Frauen infolge ihrer nahezu permanenten Überlastung durch die angeführten Arbeiten in Form einer allgemeinen Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes. Untergewicht, Frauenkrankheiten, Stillschwierigkeiten bei jungen Müttern, eine allgemeine Nervosität und Reizbarkeit waren häufige Diagnosen zu dieser Zeit. Die Zahl der Fehl-, Früh- und Totgeburten nahm rapide zu.30

2.3. Modernisierung durch Retraditionalisierung?

Barbara Willenbacher vertritt die These, daß die hier angerissenen Entwicklungen in der Nachkriegsfamilie langfristig eine Modernisierung familiärer Wertvorstellungen und Einstellungen zur Ehe und damit letztendlich der Stellung der Frauen in der Gesellschaft bewirkten.

Dieser Modernisierungsschub findet Willenbacher zufolge sowohl in den Desorganisationserscheinungen der Familie, d.h. in der „erzwungenen Aufgabe traditioneller, gewachsener Lebenszusammenhänge“31statt, als auch im Prozeß der Restabilisierung. So ist die hohe Eheschließungsquote für sie Ausdruck der „Modernisierung bzw. überspitzt formuliert der Proletarisierung der Einstellung zur Ehe“ und ein weiterer Aspekt dessen die Eheschließungen zwischen Vertriebenen und Einheimischen, was auf eine sinkende Bedeutung konfessioneller und regionaler Orientierungsmuster schließen läßt.32Dieser Auffassung ist m.E. zuzustimmen, wobei im Zusammenhang damit auch die schon vor dem Krieg begonnenen Modernisierungsprozesse durch die im 2. Kapitel geschilderte Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit gesehen werden muß. Problematisch scheint mir jedoch Willenbachers Meinung, daß „die Retraditionalisierung der weiblichen Rolle als Hauswirtschafterin“ den Prozeß der Gleichberechtigung der Frauen verstärkt hätte.33 Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, verweise ich nur auf den widersprechenden empirischen Befund der auf die Zusammenbruchsgesellschaft folgenden 50er Jahre, die - zumindest nach meinem Kenntnisstand - gerade im familiären Bereich eine umfassende Rückkehr konservativer Vorstellungen über die Geschlechterrollen mit sich brachten. Inwiefern die Erfahrungen der Frauengeneration der Nachkriegszeit den emanzipatorischen Aufbruch in den 60er Jahren beeinflußt haben, ist m.E. jedoch eine interessante und weiter zu untersuchende Fragestellung, auf die Willenbachers These hinweist.

SCHLUSSBEMERKUNGEN

Der Begriff „Frauengesellschaft“, wie er von Notz für die Nachkriegsgesellschaft verwendet wird, hat m.E. nur insofern Berechtigung, als er die quantitative Überlegenheit von Frauen unter der erwachsenen Bevölkerung, ihren Hauptanteil an der Überlebensarbeit der Familien sowie den hohen Anteil weiblicher Erwerbstätigkeit bezeichnet. Alle drei Phänomene sind der besonderen Situation am Ende des Krieges geschuldet und waren, von den Frauen nicht beeinflußbar, dem Zwang der Verhältnisse geschuldet. Diese Verhältnisse boten kaum Möglichkeiten für die individuelle oder gesamtgesellschaftliche Emanzipation von Frauen. So waren es vor allem äußere Zwänge, die eine dauerhafte Verdrängung aus der Berufstätigkeit zunächst verhinderten und nicht eine bewußte Wahl der meisten Frauen, um sich selbst zu verwirklichen. Im Gegenteil; der Wunsch, eine Berufstätigkeit aufzunehmen, war unter den Frauen gar nicht so weit verbreitet, wie die hohen Beschäftigungszahlen zunächst vermuten lassen.34Diese Abneigung gegen eine Erwerbstätigkeit wiederum hatte m.E. sehr viel mit einem „inneren“ Zwang zu tun; den allgemein geltenden und von den Frauen selbst verinnerlichten Vorstellungen über ihre Rolle in der Gesellschaft, die gerade durch die „Mütterideologie“ der Nazis in hohem Maße befördert worden waren

Unter machtpolitischem Aspekt war die Zusammenbruchsgesellschaft in jeder Phase männerdominiert. Sowohl in den NS-Institutionen als auch in den Besatzungsbehörden und den sie unterstützenden deutschen Verwaltungen waren Frauen niemals in relevantem Umfang in höhern Funktionen vertreten. Sie unterlagen somit immer einer - wenn auch durch die chaotischen Tendenzen des Kriegsendes und der unmittelbaren Nachkriegszeit mitunter beeinträchtigten - politischen Kontrolle durch Männer.

Die Aufbruchstimmung in Bezug auf Chancen einer realen politischen und sozialen Gleichstellung der Geschlechter, die tatsächlich in der Nachkriegszeit geherrscht hat35, blieb wohl auf einen relativ kleinen Kreis politisch und kulturell engagierter Frauen beschränkt. Für die Masse der Frauen ließ der Kampf um das eigene und das Überleben ihrer Familien wohl keinen Raum für solche weitergehenden Überlegungen.

Zusammengenommen erklären diese Faktoren m.E. den relativ schnellen und reibungslosen Übergang zum „Normalzustand“ einer männerdominierten Gesellschaft.

Potsdam, 29.04.1997

BIBLIOGRAPHIE

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1Kleßmann 1991, S. 42

2Ruhl 1994, S. 46

3Kleßmann 1991, S. 57

4Möding 1990, S.620

5Ruhl 1988, S. 11

6Notz 1992, S. 6

7Vgl. Ruhl 1988, S. 14 f. (Dokument 3: Aus dem Sozialbericht der Stadt Aachen über Unterbringung der Familien)

8Ruhl 1988, S. 16 f. (Dokument 5: Aus dem Sozialbericht der Stadt Recklinghausen über die Versorgungslage, 1947)

9Ruhl 1988, S. 12

10Ebd., S. 39

11Notz 1992, S. 6

12Ebd.

13Der folgende Abschnitt stützt sich im wesentlichen auf die Darstellung von Ruhl 1994, S. 47-52.

14Ruhl 1994, S.46 f.

15Möding, S. 622, Vgl.auch Ruhl 1988, S. 42 ff. (Dokument 20: Verordnung über die Leistung von Pflichtarbeit des Oberpräsidenten der Nordrhein-Provinz vom 31. Juli 1945) und S. 52 (Dokument 23:

16Ruhl 1988, S. 40

17Ruhl 1994, S. 32 f., Vgl. auch Ruhl 1988, S 45 f. (Dokument 21: Regierungsdirektor Schieren über die Reform der Sozialversicherung in der britischen Besatzungszone, 1946)

18Ruhl 1994, S. 48

19Ebd., S. 49

20Ruhl 1994, S. 51

21Ebd., S. 51 f.

22Ruhl 1988, S. 46 ff. (Dokument 22: Der Präsident des Landesarbeitsamtes Westfalen-Lippe über den Einsatz von Frauen in der Bauwirtschaft, 5. Juni 1946)

23Dieser Abschnitt folgt im wesentlichen der Arbeit von Willenbacher.

24Kleßmann 1991, S. 57

25Vgl. Ruhl 1988, S.31 ff. (Dokument 16: Die Lage der Jugendlichen in Aachen, 1947)

26Kleßmann 1991, S. 57

27Vgl. Ruhl 1988, S.35 ff. (Dokument 19: Der Publizist Walther von Hollander über Ehezerrüttung, Ehetrennung, Ehescheidung, 1947)

28Notz 1992, S. 8

29Willenbacher 1990, S. 605 f., Vgl. auch Ruhl 1988, S. 29 (Dokument 13: Eine Arbeiterfrau über ihre Tauschgeschäfte, Juli 1946)

30Ruhl 1988, S.25 f.

31Willenbacher 1990, S. 596

32Ebd., S. 605

33Willenbacher 1990, S. 606

34Vgl. Ruhl 1994, S. 47 für die Kriegszeit und S. 48 für die Nachkriegszeit

35Vgl. besonders Möding 1990 und Notz 1992

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Zur sozialen Lage von Frauen in der Zusammenbruchsgesellschaft
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Proseminar
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1997
Seiten
14
Katalognummer
V105239
Dateigröße
359 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lage, Frauen, Zusammenbruchsgesellschaft, Proseminar
Arbeit zitieren
Wolfgang Rose (Autor), 1997, Zur sozialen Lage von Frauen in der Zusammenbruchsgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105239

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