Deutsche Terminologie des Bergbau- und Hüttenwesens im Mittelalter und der frühen Neuzeit


Seminararbeit, 2000
21 Seiten, Note: 1,0

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Inhalt

1. Vorwort

2. Probleme bei der Untersuchung der Bergmannssprache

3. Besonderheiten der Bergmannssprache
3.1 HERKUNFT
3.2 MORPHOLOGIE UND SYNTAX
3.3 SEMANTIK
3.4 REGIONALISIERUNG
3.5 DER BERGMANNSGRUß „GLÜCK AUF!“

4. Die Bestandteile der Bergmannssprache
4.1 DIE VERSCHIEDENEN ANWENDUNGSEBENEN
4.2 DIE FACHTERMINOLOGIE DER MARKSCHEIDER

5. Die Bergstädte

6. Literarische und mündlich überlieferte Quellen
6.1 BERGRECHTLICHE KODIFIKATIONEN
6.2 FACHTEXTE
6.3 BERGMANNSLIEDER
6.4 BERGMANNSSAGEN
6.5 ERBAUUNGSLITERATUR
6.6 BERGMÄNNISCHE DICHTUNG

7. Bergmannssprache und Gemeinsprache

8. Bibliographie

1. Vorwort

Unter allen Berufsgruppen nimmt der Bergbau seit jeher eine besondere Stellung ein. Nicht nur in seiner kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung läßt er sich durchaus mit der Landwirtschaft vergleichen. Wie der Bauer, so lebt auch der Bergmann von der Natur. Unter Aufwand seines Lebens ringt er ihr ihre unterirdischen Schätze ab, verändert sie und wird selbst verändert. Schon vor Jahrhunderten war der Bergbau der Auslöser für die Gründung von Städten, das Schließen von Verträgen und das Führen von Kriegen und von Anfang an beeinflußte er auch die Sprache der Menschen, die sich mit ihm befaßten.

In dieser Hausarbeit werde ich mich mit der Fachsprache des Bergbaus im Mittelalter und der frühen Neuzeit beschäftigen. Zunächst stehen dabei die formellen Aspekte, wie Herkunft, Syntax, Morphologie und Semantik im Vordergrund. Ziel ist, die spezifischen Eigenschaften der Bergmannssprache (BMS) herauszustellen. Exemplarisch werde ich hierbei den Bergmannsgruß „Glück auf!“ näher betrachten. Anschließend soll der Aufbau der BMS untersucht werden, denn unter dem Begriff „Bergbau“ ist eine Vielzahl verschiedener Berufe zusammengefaßt, die sich alle in der gemeinsamen Fachsprache niederschlagen.

Da Sprache und Kultur untrennbar miteinander verbunden sind und die Städte im Mittelalter sozusagen die Schmiede der Kultur darstellten, wird anschließend kurz auf die Bergstädte eingegangen. Schließlich waren sie, nach den Bergwerken selber, die Orte, an denen die BMS gesprochen wurde. Nach einem Überblick über die verschiedenen Arten von Quellen, die der Forschung zur Verfügung stehen, werde ich abschließend den Einfluß der BMS auf die Gemeinsprache untersuchen.

2. Probleme bei der Untersuchung der Bergmannssprache

In der frühneuhochdeutschen Fachliteratur fallen unter Bergbau nicht nur Goldwäsche, Erzaufbereitung, Probierkunde und Hüttenwesen, sondern auch Handwerks- und Zulieferbetriebe, sofern sie die für den Abbau und die Weiterverarbeitung nötigen Werkzeuge herstellten (die sog. Bergverwandten 1 ). Sprachwissenschaftliche Untersuchungskriterien allein reichen also oft nicht aus, um Bedeutung und Herkunft der Fachbegriffe zu klären. Sowohl der historische Kontext als auch der Produktionsprozeß müssen in die Untersuchung einbezogen werden. Insofern ist ein interdisziplinärer - und damit sehr arbeitsaufwendiger - Ansatz der einzig sinnvolle Weg zur Erforschung der BMS. „Ein einzelner Forscher wird kaum in der Lage sein, die unterschiedlichen Teilbereiche des Bergbaus zu beschreiben und die fachübergreifenden Zusammenhänge darzustellen.“2

Bei den Recherchen zu dieser Arbeit mußte ich feststellen, dass das Angebot an Sekundärliteratur zur Fachsprache des Bergbaus trotz deren enormen Alters recht begrenzt ist. Fast alle Autoren beklagen ein Fehlen von Grundlagenforschung, was auch der Grund dafür sein mag, dass es weder ein umfassendes, gesamtdeutsches Wörterbuch der Bergmannssprache, noch vergleichende Untersuchungen zu ihren regionalen Ausprägungen gibt. Es „muß festgestellt werden, daß eine Gesamtdarstellung der Fachsprache des Bergbaus noch fehlt,“ schreibt Piirainen 19853 und dreizehn Jahre später: „Die Untersuchung der älteren deutschen Bergbausprache und der Kultur steht noch in den Anfängen“4.

3. Besonderheiten der Bergmannssprache

3.1 Herkunft

Zusammen mit der Seemannssprache ist die BMS eine der ältesten deutschen Berufssprachen. Ihre Existenz läßt sich nahezu seit Beginn der schriftlichen Überlieferung der deutschen Sprache nachweisen. Bereits seit dem 9. Jh. finden sich einzelne Begriffe des Bergbaus in Dichtungen und lateinischen Urkunden, wie z.B. in den Schriften des Benediktinermönchs Otfried von Weissenburg. Schon früh zeigte sich, dass sich die deutschen Fachwörter nur teilweise in die lateinische Schriftsprache übernehmen ließen. Oftmals finden sie sich deshalb unübersetzt in den Urkunden. Ab dem 14. Jh. wurden die meisten Fachtexte (v.a. Bergrechte) auf Deutsch verfaßt.

Den Ursprung der BMS liegt im mitteldeutschen Bereich, denn die ersten (Erz- )Minen entstanden im sächsischen Erzgebirge. Dort liegen auch die ältesten und bedeutendsten deutschen Bergstädte, von denen Freiberg und Joachimstal wohl die berühmtesten sind. Neben dem Mitteldeutschen finden sich auch nord- und süddeutsche Elemente in der BMS. Aus dem Norddeutschen stammen z.B. Schacht, Schicht, Lachter und Schlacke, aus dem Süddeutschen puchen, Gugel und Zuber 5.

Die BMS ist eine genuin deutsche Sprache. Das einzige Wort nicht-deutschen Ursprungs ist möglicherweise Kux 6 (von Tschechisch kusek = „kleiner Anteil“), das den „128. Teil an Besitz und Gewinn einer gewerkschaftlichen Grube“7 bezeichnet. Manche Forscher halten allerdings auch dieses Wort für ursprünglich deutsch8. Grund für diese „Reinheit“ der BMS ist die führende Stellung Deutschlands innerhalb Europas im Bereich des Bergbaus. „Der deutsche Bergbau setzte sich nicht nur auf technischem und rechtlichem, sondern auch auf sprachlichem Gebiet durch“9. Deutsche Fachleute waren also im Ausland sehr gefragt, was wiederum eine Ausbreitung der deutschen Fachtermini weit über die Landesgrenzen hinaus zur Folge hatte. Im Schwedischen finden sich rikhaltig (reichhaltig), skikt (Schicht, Gesteinsschicht) und kakt (Schacht), im Russischen Schlacke und Schlamm, sowie viele Bezeichnungen für Metalle und Minerale10, im Französischen rustine (Rückstein) und blaymard (Bleichmacher), im Englischen shaft, shift, slag (Schlacke) und felspar (Feldspat)11. Andererseits kamen, besonders im 18. Jh., viele junge Leute nach Deutschland, um den Bergbau zu erlernen. Einer der ersten Montanwissenschaftler Russlands, Michail Wassiljewitsch Lomonossow, hatte seine Ausbildung in Marburg und Freiberg erhalten.12

3.2 Morphologie und Syntax

Morphologisch weist die BMS nur wenige typische Besonderheiten auf. Substantive enden, wie in vielen anderen Fachsprachen auch, auf -er (z.B. Hauer, Steiger) oder -el (z.B. Schlägel, Haspel). Signifikant ist einzig die häufige Präfixbildung mit Ge- (z.B. Gedinge, Gezähe, Geleucht, Gesenk)13. Herbert Wolf erwähnt außerdem einen Hang zu Verkleinerungsformen, typischerweise mit der Flexion -lein.14

Syntagmatisch auffallend ist das Vorkommen von artikellosen Ausdrücken wie vor Ort, unter Tag, auf Strebe und auf Schicht. Dieses Phänomen ist ein weiteres Indiz für das hohe Alter der BMS15.

3.3 Semantik

Noch weit über das Mittelalter hinaus sah man Metalle nicht als tote Materie an, sondern behandelte sie wie Organismen. Man ging davon aus, dass Erze wachsen und absterben können und dass sie aus der „Vermählung“ von Schwefel als Vater und Quecksilber als Mutter entstehen. So ist Gewächs ein anderes Wort für Erz und taubes Gestein ist wertloses Gestein. Ein anderes Beispiel ist gediegen: Es kommt von ahd. d ī han, mhd. ged ī hen, nhd. gedeihen und bedeutet „wachsen, gedeihen; austrocknen; fest, dicht werden“16 In der BMS bezeichnet gediegen das reine (d.h. nicht von Fremdstoffen verunreinigte) Vorkommen von Edelmetallen. Ist Erz also gediegen, so ist es „gut gewachsen“. Hinzu kommen Substantive wie Nest (kleines Mineralvorkommen), Ader (schmaler Gang), Erzmutter (Gestein, in dem Erz entsteht) und Alter Mann (nicht mehr genutzter Grubenteil) sowie Verben wie ausbeißen, blühen, bluten, paaren, rammeln, reifen und wachsen 17.

Diese mythischen Vorstellungen mögen auch der Grund dafür sein, dass sich in der BMS so viele Begriffe aus der menschlichen Anatomie (Sohle, Bein, Rücken, F üß e, Bauch) und der Natur finden: Ein Frosch war in der BMS eine Grubenlampe, ein Hund ein schienengebundener Förderwagen, eine Sau eine flache Grube und Fuchslöcher unsachgemäße Grabungen.

Generell ist das „Konkretisieren abstrakter Begriffe“18, also das Eingrenzen der Bedeutung eines Wortes, ein typisches Merkmal der BMS. So wurde die Verfärbung des Bodens an der Stelle, an der eine mineralhaltige Schicht an die Oberfläche tritt, einfach Schweif genannt.

3.4 Regionalisierung

Im Gegensatz zu den meisten anderen Handwerksberufen sind Bergbau und Hüttenwesen „an bestimmte Stellen der Erde gefesselt“19, da sie nur dort betrieben werden können, wo die nötigen Rohstoffe und Bodenschätze vorkommen. Dies zwang die Bergleute, immer wieder auf Wanderschaft zu gehen. „Bei der Eröffnung eines neuen Bergbaugebietes strömen aus verschiedensten älteren Bergbaugebieten die Bergleute herbei“20. Dabei kommt es im Allgemeinen zur Gründung von Städten (den Bergstädten) , deren Schicksal fast ausschließlich vom Bergbau abhängt (siehe 5.). Sind die Rohstoffvorkommen erschöpft, wandern die meisten Bewohner wieder ab. Für die Fachsprache des Bergbaus bedeutet diese ständige Migration ein Nebeneinander verschiedenster Dialekte aus allen Teilen Deutschlands. So finden sich in zeitgenössischen Quellen immer wieder Redewendungen, die im Dialekt der jeweiligen Region eigentlich nicht vorkommen. Ob dies über die Zeit zu einem deutschlandweit einheitlichen Fachwortbestand geführt hat, ist aufgrund des offensichtlich ungenügenden Forschungsstandes nicht eindeutig geklärt. So schreibt Rainer Paul über das niederungarische Montanrevier:

„Bezüglich der Bergmannssprache nehmen wir an, daß sich diese aus den unterschiedlichen Einflüssen, die die aus verschiedenen Bergbaugegenden zugewanderten Bergleute eventuell mitbrachten, ebenfalls rasch vereinheitlichte.“21

Ob sich diese Einschätzung, falls sie stimmt, auch auf den gesamten deutschen Raum anwenden läßt, ist fraglich. Herbert Wolf, der als erster (einziger?) ansatzweise eine wortgeographische Untersuchung der BMS angestellt hat, schreibt: „Die deutsche Bergmannssprache weist aber weder genuin noch genetisch einen absolut einheitlichen, abgeschlossenen Charakter auf.“22 Er begründet diese Aussage mit dem „raschen Wechsel zwischen Fund und Versiegen der Bodenschätze.

In jedem Fall lassen sich in den einzelnen Abbaugebieten oft lokale Ausprägungen der BMS feststellen. Grund dafür sind die jeweils genuinen geologischen, technologischen und gesellschaftlich-historischen Umstände23. So haben die beiden niederungarischen Bergbaustädte Schemnitz und Kremnitz verschiedene Bezeichnungen für die Verbindung zwischen zwei Gängen. In Schemnitz sprach man hier von einem Durchschlag und in Kremnitz von einem Loch 24. Noch deutlicher wird diese Mehrdeutigkeit am Wort Flez:

„Es bedeutet in Freiberg: Lagerstätte, deren Einfallen weniger als 20 Grad beträgt; im Erzgebirgischen Eybenstock: Lager mit weniger als 12 Grad Gefälle; in Thüringen bezeichnet man mit Flez nur eine Lagerstätte, welche aus Mergelschiefer besteht; in der Schweiz aber muß ein Flez Kohle und Erz enthalten; im Siegerland wiederum sind nur Braunkohlen erforderlich.“25

Auch die im jeweiligen Abbaugebiet gesprochenen Dialekte haben zu regionalen Varianten der gesprochenen BMS geführt, wie z.B. in Sachsen, Thüringen, der Steiermark, im Ruhrgebiet und im Saarland26

3.5 Der Bergmannsgruß „Glück auf!“

Obwohl dieser Terminus nie in die Gemeinsprache gelangt ist, dürfte er doch fast jedem Nichtbergmann geläufig sein. Aufgekommen ist der Gruß gegen Ende des

16. Jh. (der z.Zt. älteste Beleg stammt aus dem Jahr 157527 ) im kursächsischen Bergbau als Gegenstück zu „Glück zu!“, welches schon seit Ende des 15. Jh. im handwerklichen Bereich in Gebrauch war. Im Gegensatz zu diesem sollte „Glück auf!“ der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass der Gang sich nicht „zutun“, sondern eben „auftun“ sollte, um eine „glückliche“ Ausbeute zu ermöglichen. Außerdem beinhaltet er den Wunsch, nach Beendigung der Schicht wieder gesund aus der Grube „auf“ zu fahren.

Die Verwendung von „Glück auf!“ ist äußerst vielseitig. Es taucht als Grußformel, Losung und Parole nicht nur in Zeugnissen der mündlich überlieferten BMS auf (z.B. Bergmannslieder), sondern auch im dienstlichen und privaten Schriftverkehr. „Glück auf!“ kann allgemein als Ausdruck der großen Ungewißheit angesehen werden, die der Beruf des Bergmanns mit sich bringt.28

4. Die Bestandteile der Bergmannssprache

4.1 Die verschiedenen Anwendungsebenen

Bei der Untersuchung der BMS muß man beachten, dass es mitunter deutliche Unterschiede zwischen der tatsächlich von den Bergleuten im täglichen Umgang benutzten Terminologie und der in den bergbaulichen Fachtexten verwendeten Terminologie gibt. Gerade in den bergrechtlichen Schriften bedient man sich zwar bei der allgemeinen Bergbauterminologie, paßt diese Begriffe dann aber oft den eigenen Zwecken an. Umgangssprachliche Wörter wie Kumpel oder buttern finden sich hier freilich nicht, ebensowenig wie scherzhafte Umschreibungen (z.B. Erzengel = Frauen, die in den Aufbereitungsbetrieben die Erze sortieren).

Hinzu kommt dass, wie bereits unter 2. erwähnt, unter dem Begriff Bergbau eine Vielzahl von Berufen zusammengefaßt ist, denn, wie ein Sprichwort sagt: „Bergbau ist nicht eines Mannes Sache“. Durch den sich ständig vergrößernden Wissensstand, die immer beschwerlicheren Abbaubedingungen und die zunehmende Technisierung wurden die Anforderungen an die direkt am Abbau beteiligten Menschen komplexer. Die Bodenschätze konnten nicht mehr einfach im Tagebau aus dem Fels geschlagen werden. Sie mußten aufgesucht (heute: Prospektion), erschlossen, gewonnen, gefördert und aufbereitet werden. Alleine das Fördern der Erze erforderte eine sehr komplexe Organisation, u.a. Markscheidern (Vermessung, siehe 4.2), Probieren, Befahren, Bewettern (Belüften), Beleuchtung und Wasserhaltung. Dadurch entstanden mit der Zeit einige hochspezialisierte Berufe, die alle ihren eigenen Fachwortbestand besaßen. Aus der BMS entwickelte sich so eine technisch- wissenschaftliche Terminologie.

Eine übersichtliche Darstellung der verschiedenen Ebenen der BMS bietet folgendes Schema:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Schaubild aus Kißenbeck, S. 83)

Insbesondere ist es hierbei wichtig zu erwähnen, dass in den verschiedenen Bereichen der BMS viele Begriffe mehrere Bedeutungen hatten, je nachdem in welchem beruflichen Kontext sie benutzt wurden. Dies gilt an erster Stelle für das Verhältnis von BMS und der Fachsprache des Eisenhüttenwesens. Die beiden Fachwortschätze wurden übrigens im Glossar von Rülein von Calws „Ein nützlich Bergbüchlein“ getrennt aufgelistet. Für die oft unterschiedlichen Bedeutungen nennt Spiegel beispielhaft drei Termini29: 1) Ein Schacht war für die Bergleute ein senkrechter Grubenbau, im Eisenhüttenwesen verstand man darunter die innere Höhlung des Schmelzofens. 2) Stempel waren in der BMS die Hölzer, die zum Abstützen des Grubenbaus verwendet wurden, im Eisenhüttenwesen jedoch bezeichnete man hiermit Hölzer, die zum Zerkleinern der Erze und Schlacken dienten. 3) In der BMS war ein Steiger ein Bergbausachverständiger, der in die Mine hinab stieg und dort vor allem als Aufsichtsperson arbeitete. In der Fachsprache des Eisenhüttenwesens war der Steiger ebenfalls eine Aufsichtsperson, der Bezug zum Verb steigen besteht hier jedoch nicht mehr. Judy Mendels nennt dazu noch Heinz (BMS: Wasserhebemaschine; Hüttensprache: Schmelzofen), Schicht (BMS: Arbeitszeit des Bergmannes; Hüttensprache: Menge des auf einmal geschmolzenen Erzes) und Speißig (BMS: körniges Metall; Hüttensprache: Speise = Mischung verschiedener Metalle)30.

4.2 Die Fachterminologie der Markscheider

Neben dem Hüttenwesen ist das Markscheidewesen der bisher einzige Bereich innerhalb der BMS, zu dem eine gesonderte Untersuchung vorliegt31. Die Markscheider waren die Vermessungstechniker des Bergbaus. Ihr Wissen beruhte auf der Geometrie (einer der „Septem Artes Liberales“) und ihre vorrangigste Aufgabe bestand darin, zu vermeiden, dass die Grubenbauer (Hauer) versehentlich in fremdes Gebiet vordrangen. Außerdem fertigten die Markscheider bildliche Darstellungen (Ri ß) vom Verlauf der unterirdischen Gänge an.

Da die Markscheider eine wichtige Rolle für die Einhaltung der Bergrechte spielten, ist es nicht verwunderlich, dass die Bezeichnung Markscheider vor allem durch die Bergordnungen ihre Verbreitung fand. Neben Markscheider treten auch die Form Marscheider (Schwund des auslautenden Konsonanten durch Erleichterung bei Trikonsonanz32 ) und im bayrisch-österreichischen Raum die Formen Schiner, Bergschinner und Schinmeister auf.

Der wichtigste Fachbegriff dieses Berufs dürfte Markscheide sein. Hiermit wurde die „Grenze eines Grubenfeldes“33 bezeichnet. Daneben sind es vor allem die vom Markscheider verwendeten Geräte wie der Jakobsstab (auch Grundstock oder Kreuzstab), die Gradscheibe, der Grubenkompa ß, der Senkel und die Schnur, die lange Zeit zum Messen von Längen benutzt wurde.

Auch speziell für Markscheider konzipierte Lehrliteratur gab es: Das 1686 veröffentlichte „Geometria subterranea“ von Nicolaus Voigtel, sowie der um 1650 entstandene aber erst 1700 veröffentlichte „Hellpolierte Bergbauspiegel“ von Balthasar Rößler.

5. Die Bergstädte

Da sich das soziale Leben im Mittelalter und der frühen Neuzeit in erster Linie in den Städten abspielte, hatten diese auch für die Sprachentwicklung enorme Bedeutung. Für die Bergstädte, deren Existenz einzig und allein vom Bergbau abhing, bedeutet dies, dass hier BMS und Stadtsprache stark miteinander verknüpft waren. Das so entstandene Sprachkonglomerat bezeichnet man auch als das „Pergstädtische“34.

Die wirtschaftliche und kulturelle Wichtigkeit der Bergstädte läßt sich am Beispiel von Joachimstal (heute Jáchimov) verdeutlichen. Im Frühjahr 1516 wurde in der Nähe des Dorfes Conradsgrün erstmals Silber gefunden und durch den sofort einsetzenden Zustrom von Bergleuten entstand schließlich der neue Bergort Joachimstal. Zum Jahresende siedelten bereits mehr als 1000 Menschen hier, 1520 waren es 5000 und 1533 schließlich 18.000. Neben Prag war Joachimstal nun die größte Stadt Böhmens. Der enorme Bevölkerungszuwachs war auch eine Folge aus dem privilegierten Status, den die Bergleute zur damaligen Zeit genossen: Sie mußten keinen Kriegsdienst leisten, viele Steuern nicht zahlen und unterstanden allein dem Berggericht. In den 30er Jahren arbeiteten in Joachimstal 8000 Häuer, 300 Schichtmeister und 800 Steiger. 1533 wurde eine Spitzenproduktion von 14.000 Kilo Silber erzielt. Bergbaugeschichtlich so ungemein wichtige Männer wie Georg Agricola und Johann Mathesius lebten und wirkten zeitweise in Joachimstal. Doch der Rückgang der Silberproduktion (1550 waren es nur noch 1500 Kilo) bedeutete auch das Ende der Stadt. Die Bergleute wanderten in ergiebigere Abbaugebiete ab, die Einwohnerzahl schrumpfte auf 2177 und die Inflation bei den Lebensmittelpreisen erreichte 300 Prozent.

Erst zu Anfang des 20. Jh. blühte Joachimstal wieder auf, als hier große Uran-Funde gemacht wurden.

Ein Indiz für den enormen Einfluß, den Joachimstal zu seiner Blütezeit hatte, ist der Joachimstaler, eine in der Stadt in großer Auflage geprägte Silbermünze. Joachimstaler wurde mit der Zeit zu Taler verkürzt, wovon sich nicht nur die Namen vieler europäischer Währungen ableiten (Italien: Taller, Schweden: Daler, Niederlande: Daalder, Rußland: Jocondale), sondern auch die Währung der USA - der Dollar.

Vielen Bergstädten gemein sind so markante Namen wie Goldberg, Silberberg, Kupferberg, Schmiedeberg, Erzberg und Bleiberg. Freiberg, die erste große deutsche Bergstadt, wurde nach einem bergrechtlichen Fachbegriff, der Bergfreiheit (siehe 6.1), benannt, denn Freiberg war die „Stadt auf dem freien Berge“. Hierbei muß man anmerken, dass Freiberg, wie viele andere Bergstädte (z.B. Trient und Goslar), gar nicht auf einem Berg liegt. Die Bezeichnung Bergstadt rührt vielmehr einerseits von der Nähe zu unterirdischen Rohstoffvorkommen und andererseits vom Rang der Stadt als „freie Bergstadt“35.

6. Literarische und mündlich überlieferte Quellen

6.1 Bergrechtliche Kodifikationen

Wurden in einem Gebiet Bodenschätze gefunden, standen sich anfänglich drei Parteien gegenüber: Der Landesherr, der Grundeigentümer und der Bergbauinteressent. Alle wollten in irgendeiner Form Profit aus dem Fund schlagen, weshalb eine Rechtsumgebung geschaffen werden mußte, die die Besitzansprüche eindeutig regelte.

Dies geschah in zwei Schritten: Zuerst wurde der Grundsatz des Bergregals formuliert, wodurch die Rechte des Grundeigentümers an den Landesherren über gingen. Darauf folgte der Grundsatz der Bergfreiheit, der wiederum den Bergbauinteressenten über den Grundeigentümer stellte. Am Ende blieben also nur noch zwei Parteien übrig: Der Landesherr und der Bergbauinteressent. Dieser hatte nun im Grunde das Recht, überall die unter der Oberfläche vorkommenden Mineralien abzubauen, egal ob ihm das Grundstück gehörte oder nicht. Nach dem „Sächsischen Bergrecht“ galt: „Wo ein Mann Erz suchen will, das mag er tun mit Recht“36 - was bedeutete, jeder durfte schürfen, der seine Abgaben zahlte. Das mit Abstand wichtigste und einflußreichste Bergrecht war das der alten Bergstadt Iglau (heute Tschechei). Es entstand bereits 1249 aus der ältesten bekannten Berggesetzgebung, der Trientiner Bergordnung (1185-1214). Das Iglauer Bergrecht wurde zur Grundlage fast aller Europäischen Bergrechte (außer z.B. Goslar). Bis ins 17. Jh. war es üblich, bei Rechtsfragen in Iglau um Rat zu suchen.

Neben Informationen über das Bergrecht eröffnet die Erforschung der bergrechtlichen Kodifikationen auch Einblicke in technische und gesellschaftliche Zusammenhänge. So findet Piirainen im Iglauer Bergrecht Hinweise darauf, dass bereits Anfang des 16 Jh. Menschenkraft durch Pferde und Maschinen ersetzt wurde37. Außerdem läßt die Verbreitung und gegenseitige Beeinflussung der Gesetze Rückschlüsse auf die Wortgeographie der in ihnen enthaltenen bergjuristischen Fachbegriffe zu.

6.2 Fachtexte

Nicht zuletzt die Probleme, die sich im 16. Jh. durch den Übergang zum Tiefbau ergaben (Grundwasserzufluss, Luftzufuhr, Gasentwicklung etc.) schufen einen großen Bedarf an montanwissenschaftlichen Fachtexten.

Eines der ersten und wichtigsten Werke war das 1518 erschienene „Ein nützlich bergbüchleyn“ vom Freiberger Arzt, Mathematiker und Bergbausachverständigen Ulrich Rülein von Calw (gest. 1523). Das sehr von Alchimie und Astrologie beeinflußte, nur 48 Seiten starke Bergbüchlein gilt als die älteste gedruckte, deutschsprachige Quelle der BMS und wird bis 1698 elf mal neu aufgelegt. Es enthält über 200 Fachwörter, die zum Teil auch heute noch in Gebrauch sind, sowie ein 83 Einträge umfassendes Glossar.

Als Begründer der Montanwissenschaft wird allgemein der humanistische Arzt, Naturforscher und Philosoph Georgius Agricola (1494-1555) angesehen. Sein Interesse für mineralische Heilmittel brachte ihn dazu, sich näher mit dem Bergbau zu beschäftigen. Dabei kam ihm zugute, dass er vier Jahre lang Stadtarzt von Joachimstal war. Bereits in seiner 1530 erschienenen Schrift „Bermannus sive de re metallica“ versuchte Agricola, ganz im Geiste des Humanismus, den Bergbau zu entmystifizieren und zu systematisieren. So lehnte er auch aufgrund seiner Untersuchungen die alchemistisch-astrologische „Schwefel- Quecksilber-Theorie“ ab und führte sogar ein neues Metall, das Wismut, ein. 1556, ein Jahr nach seinem Tod, erschien sein Hauptwerk „De re metallica libri XII“. Das Lehr- und Handwerksbuch galt bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als das montanwissenschaftliche Standartwerk schlechthin (es wurde sogar ins Chinesische übersetzt) und ist vor allem aus zwei Gründen für die Fachsprachen-Forschung von unschätzbarem Wert. Zum Einen wird das in Latein verfaßte Buch durch vier umfangreiche Register ergänzt, in denen zu jedem lateinischen Fachbegriff die deutsche Entsprechung verzeichnet ist. Zum anderen enthält es insgesamt 292 von Agricola selbst entworfene Illustrationen, durch die verschiedene Gegenstände und Verfahrensweisen veranschaulicht werden. Viele ansonsten unverständliche Termini lassen sich dadurch erklären. Anregung hierfür hatte sich Agricola wohl vom 1540 in Venedig erschienenen Werk „De la pirotechnia“ des Büchsenmeisters Vanoccio Biringuccio (1480-1539) geholt, das vor allem hüttentechnische Probleme behandelt und ebenfalls illustriert ist.

Ein weiteres wichtiges montanwissenschaftliches Werk ist das „Schwazer Bergbuch“ aus der Mitte des 16. Jh. Mehrfarbig illustriert, beschreibt die Handschrift den Bergbau im heute österreichischen Ort Schwaz. Außerdem liefert sie wichtige Informationen über den Wortschatz der Tiroler Montanindustrie, vor allem in dem Kapitel „Wie alle bergmännischen Wörter, auch Maß, Eisenzeug und andere beim Bergwerk gebrauchten Dinge verstanden werden sollen“.

6.3 Bergmannslieder

Diese wurden im 16. und 17. Jh als Bergreihen bezeichnet und fanden durch wandernde Bergmusikanten und Bergsänger Verbreitung. Sie handeln von der Gottesfurcht der Bergleute, von ihrer Arbeit, den Gefahren und Naturgewalten, der Sehnsucht nach Tageslicht, sowie vom Familienleben. Es gab Bergreihen für nahezu alle erdenklichen Anlässe: Ob zu Weihnachten, Hochzeiten, Jubiläen oder zum ersten Anlassen einer Dampfmaschine - stets wurden eigens dafür komponierte Lieder gesungen. Insgesamt sind über 1000 deutschsprachige Bergmannslieder mit etwa 6000 Varianten bekannt38. Allein rund 550 von ihnen stammen aus dem sächsisch-böhmischen Erzgebirge. Gesungen wurden sie auch während der Arbeit, besonders während der Nachtschicht, um den Schlaf abzuwehren. Die Schöpfer der Lieder waren meistens die Bergleute selber, was sich schon an den verwendeten Fachtermini erkennen läßt. Einer der wenigen namentlich bekannten und gleichzeitig bedeutenden Komponisten war Mathäus Wieser (1617-1678), der einen großen Schatz an frommen Bergmannschorälen schuf39. In diesen findet sich auch eine große Zahl biblisch-bergmännischer Mischbegriffe. „So erscheint Gott oder Christus als [...] ‚höchster Bergverwalter‘, ‚Himmlischer Schichtmeister‘ oder ‚Aller Menschen Obersteiger‘, das Jenseits als ‚Ewige Teufe‘, das große Gericht als ‚Jüngster Lohntag‘, die Bibel als ‚Reiche Zeche‘“40.Das wohl berühmteste und am weitesten verbreitete Bergmannslied war das sogenannte Steigerlied „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“, dessen Ursprung sich bis ins erste Drittel des 16. Jh. zurückverfolgen läßt.

Für die Erforschung der BMS so wertvoll sind diese Lieder vor allem wegen dem in ihnen vorkommenden Vokabular. Nahezu alle bergbaulichen Tätigkeiten, sowie die sozialen und beruflichen Eigenheiten des Bergbaus werden in ihnen thematisiert.

6.4 Bergmannssagen

Die überwiegend mündlich überlieferten Bergmannssagen waren sehr von religiösen und abergläubischen Motiven geprägt. Wie auch die Bergmannslieder, spielen sie vorwiegend in der Arbeitswelt der Bergleute, weshalb sich in ihnen viele Begriffe und Metaphern aus der umgangssprachlichen BMS finden. Ihre hohe Verbreitung (in nahezu ganz Europa) macht die Sagen außerdem zu guten Objekten für sprachgeographische Untersuchungen. Kirnbauer unterscheidet vier verschiedene Gruppen:

„1. Sagen von der Entstehung von Bergwerken;
2. Sagen vom Berggeist oder den Bergmännlein;
3. Sagen von den Walen oder Venedigern;
4. Vermischte Sagen. Sagen vom Untergang von Bergwerken“41

Interessant sind vor allem 2. und 3., da sie die höchste Verbreitung haben.

Der Berggeist kann als das bergmännische Pendant zum Klabautermann angesehen werden. Meistens ist er von großer Gestalt (Schacht-, Stollen-, Grubengeist, Bergalter, Bergteufel, Bergmönch) und sorgt in der Grube für Ruhe und Ordnung. Ursprünglich gutmütig, hat er vielerorts dämonische Züge angenommen und tritt mitunter in Gestalt von Steigern oder Markscheidern auf. Es gab aber auch kleinwüchsige Bergeister (Bergmännlein, Kaputzer, Kobold), die Schabernack mit den Bergmännern trieben und meist in der Nähe großer Silbervorkommen auftauchten. In Tirol und der Steiermark ist die aus germanischem und keltischem Glauben entsprungene Figur des Berggeistes mit den Mythen um Zwerge und Gnome verschmolzen. Dass der Glaube an Berggeister eine Hauptrolle in der Weltanschauung der Bergleute spielte, zeigt neben seiner weltweiten Verbreitung auch die Tatsache, dass sich Georg Agricola immer wieder ernsthaft mit ihnen beschäftigte.

Als Walen (andere Bezeichnungen: Welsche, Venediger, Venezianer, Franzose, Fahrender Schüler) wurden ursprünglich Fremde aus Welschland (Italien) bezeichnet. Die Kunde von den reichen Edelmetallfunden im 14. Jh. war auch bis dort durchgedrungen, weshalb sich so mancher italienische Abenteurer auf den Weg nach Deutschland und Österreich machte, um dort sein Glück zu finden. Weil diese Leute vorwiegend auf eigene Faust durch die Berge zogen, waren sie den Einheimischen unheimlich und es entstanden zuerst Gerüchte und später Sagen von zauberkundigen Walen, die mittels eines Bergspiegels von weit her in die Berge hinein sehen konnten. Auch einige „Walenbücher“ sind überliefert, in denen Fundorte beschrieben werden. In diesen Texte finden sich oft die sogenannten „Walenzeichen“ - den Zinken der Gauner nicht unähnliche Pictogramme, die auf versteckte Vorkommen wertvoller Erze hinwiesen42.

6.5 Erbauungsliteratur

Seit jeher war die Religion fest im sozialen Umfeld des Bergbaus verankert. So fanden sich die Bergleute vor der Schicht zu sogenannten Bergmetten zusammen - Gottesdienste, die speziell auf den Bergbau zugeschnitten waren. Die katholischen und protestantischen Predigten erschienen oft auch in gedruckter Form und wurden von den Minengesellschaften an ihre Arbeiter verteilt. Eine der bekanntesten ist die „Sarepta oder Bergpostille“ des Bergpredigers Johann Mathesius aus dem Jahre 1564.(Sarepta ist der Name einer biblischen Stadt und bedeutet soviel wie „Schmelzhütte“) Sie enthält 16 Predigten, die Mathesius in Joachimstal, wo er auch für zwei Amtszeiten Bürgermeister war, gehalten hatte,. Der Luther-Freund zeichnet auch, zusammen mit seinem Kantor Nikolaus Herman (um1490-1561), für zahlreiche Bergmannslieder verantwortlich43.

6.6 Bergmännische Dichtung

Die älteste erhaltene bergbauliche Dichtung ist die 512 Verse umfassende „Märe vom Feldbauer“ von einem anonymen Verfasser aus dem 14. Jh. Auf humorvolle Weise erzählt sie davon, wie ein Bergmann (= Feldbauer) einen Investor hereinlegt. Auch für Psychologen von Interesse dürfte das 1490 erschienene „Iudicium Iovis“ (das Gericht Jupiters) sein. In dem lateinischen Druck von Paul Niavis wirft Merkur den Bergleuten (homo montanus) vor, die Eingeweide ihrer Mutter (terra mater) zu zerfleischen, um an die wertvollen Erze zu gelangen. Im Zuge dieser Anklage werden viele soziale und kulturelle Aspekte des mittelalterlichen Bergbaus angesprochen.

Seit dem 16. Jh. sind die Dichtungen meist länger und volkstümlicher. 1520 erschien anonym das 320 Zeilen umfassende „Ein hübscher Spruch von dem edlen Bergwerk“ und 1522, ebenfalls anonym, „Ein schön Gedicht von dem löblichen Bergwerk in St. Joachimsthal“. Besonders hervorzuheben ist der „Tiroler Landreim“ von 1558, der aus über 1000 Zeilen besteht. Sein Verfasser, der Insbrucker königliche Rat G. Rösch, vermittelt hier wertvolle Informationen zur Landeskunde und zum Bergbau Tirols und beschreibt die Bergstadt Schwaz als „Mutter aller Bergwerke“44.

Bei der Erforschung der BMS hat die bergbauliche Dichtung einen ähnlichen Stellenwert wie die Bergmannslieder, wenngleich die meisten Gedichte nicht von den Bergleuten selber geschaffen wurden.

7. Bergmannssprache und Gemeinsprache

Wörter, die ursprünglich aus der Bergmannssprache stammen, finden sich auch heute noch in der deutschen Sprache. Wir sprechen von Prüfstein, Raubbau, Ausbeute, Stichprobe, Schicht, Schacht, Stollen, Schlacke, Gewerkschaft, auf Anhieb, Heller und Zeche. Neben diesen Substantiven gibt es auch einige Adjektive, wie tiefschürfend und reichhaltig, sowie ein paar Verben wie verwittern. Oft ist den ehemaligen Fachbegriffen ihre Herkunft aus der BMS nicht anzusehen, da sie dieselben syntaktischen, morphologischen und phonologischen Eigenschaften wie die Gemeinsprache haben. So rührt der heutige Gebrauch des Wortes Abfall (im Sinne von Müll) aus der Bezeichnung von Materialien, deren Erzgehalt „abfällt“ und der Terminus vor Ort bedeutete ursprünglich das Ende eines Stollens oder einer Strecke bzw. der Ort, wo Erz abgebaut wird (Stoß, Abbau). Worte wie fördern haben ihre ursprüngliche Bedeutung (in zu Tage fördern) durch die BMS bis ins nhd. erhalten. Fördern kommt von ahd. furdiren, mhd. vürdern und bedeutete damals wie heute „weiter nach vorn bringen“ und „fort-, wegschaffen“45. Andere Begriffe erfuhren einen Bedeutungswandel, manche auch einen pejorativen: Bestechen bezeichnete ursprünglich das Finden von Bodenschätzen per Stichprobe46.

Manche Wörter fanden schon sehr früh Einzug in die Gemeinsprache. Schon der Augustiner Johann von Paltz verwendete 1490 den Begriff „ Himmlische Fundgrube “, der später im Zuge der Reformation in den allgemeinen Sprachgebrauch einging. Goldgrube ist sogar schon seit 1414 belegt47.

Doch nicht nur einzelne Wörter, auch ganze Phrasen und Wort-Bilder gingen in den alltäglichen Sprachgebrauch über: „In die Tiefe gehen“, „ans Licht holen“, „zu Tage fördern“, „die Einzelheiten erörtern“ und „nach dem Kern der Dinge schürfen“ sind nur einige von ihnen.48

Judy Mendels führt vier Zeitabschnitte an, in denen eine verstärkte Übernahme bergmännischer Termini in die Gemeinsprache zu beobachten ist: „1. Die Zeit der Mystik, Anfang 14. Jh., 2. Die Zeit Luthers, 3. Die Zeit der Aufklärung, 4. Die Anfänge der Arbeitergewerkschaften um 1860“49

Für die Zeit der Mystik ist wichtig zu erwähnen, dass auch Klöster des öfteren im Besitz von Bergwerken waren. Auf diese Weise gelangten Wörter wie senken, Grund, schmelzen, lauter und läutern in die religiösen Schriften und von diesen wiederum in die Gemeinsprache. Im Rahmen des hier behandelten Untersuchungszeitraums ist insbesondere die Zeit Luthers interessant. Als Bergmannssohn waren ihm die Gebräuche und die Sprache der Bergleute geläufig. Außerdem war er zeitlebens mit Johann Mathesius befreundet. Immer wieder tauchten deshalb Fachtermini und Redewendungen aus der BMS in seinen Schriften auf. Da diese auch von Nicht-Bergleuten gelesen wurden, fanden viele der Wörter Eingang in die frühneuhochdeutsche Gemeinsprache. Dazu zählen brüchig, ehern, Erz, Feuerprobe, gediegen, Grube, schimmern und Spaltung.50

Ein Kuriosum stellen die Bezeichnungen für Metalle und Gesteinsarten dar. Ihre Namen sind im Grunde Schimpfwörter, die ihnen gegeben wurden, weil man vergeblich versucht hatte, aus ihnen durch Verhüttung Gold, Silber oder Kupfer herzustellen. Weil sich aus einem Erz trotz des silbrigen Glanzes kein Silber gewinnen ließ, verfiel man auf die Idee, dass es von Kobolden (die Berggeister aus den Bergsagen) verzaubert worden war und nannte es fortan Kobalt (vor Mitte des 18. Jh. Kobolt). Dasselbe gilt für Nickel, dessen Name von Nickolaus (eine andere Bezeichnung für Kobold) stammt. Wolfram (- ram bedeutet Schmutz, also wörtlich: Wolfsschmutz), von den Alchimisten spuma lupi (Wolfsschaum) genannt, stand in dem Ruf, Zinn zu „fressen“51.

8. Bibliographie

Auburger, Leopold: Die deutsche Bergmannssprache und ihre Rezeption im Ausland unter besonderer Berücksichtigung Rußlands. In: Der Anschnitt. 38 (1986). S. 81-90

Bongs, Rolf: Der Bergbau im Wort der Dichter. In: Der Anschnitt. 4 (1952). S. 6-7

Duden. Etymologie. Dudenverlag. Mannheim/Wien/Zürich, 1963

Heilfurth, Gerhard: Das Bergmannslied. Eigenbesitz einer Berufsgemeinschaft. In: Der Anschnitt. 6 (1954). S. 9-17

Heilfurth, Gerhard: Ein wichtiger Fund zur Frühgeschichte der Glückauf-Formel in der bergmännischen Welt. In Der Anschnitt. 11 (1959). S. 10-13

Heilfurth, Gerhard: ZumInnovations- und Tradierungsprozeß des Bergmannsgrußes „Glückauf“. In: Der Anschnitt. 28 (1976). S. 202-211

Heilfurth, Gerhard: Der Bergbau und seine Kultur. Atlantis. Zürich/Freiburg, 1981

Kirnbauer, Franz: Die Quellen und Grundlagen der Bergmannssagen. In: Der Anschnitt. 6 (1954). S. 16-19

Kissenbeck, Anne: Fachsprache und Regionalisierung: empirische Untersuchungen zum Wortschatz des Bergbaus. Frankfurt/M. 1997

Mackensen, Lutz: Bergmannswörter in unserer Umgangssprache. In: Der Anschnitt. 4 (1952). S. 5-8

Mendels, Judy: Von deutscher Bergwerkssprache. In: Hensen, Walter (Hg.). Muttersprache. 73. Jahrgang. 1963. S. 161-171

Paul, Rainer: Vorstudien für ein Wörterbuch zur Bergmannssprache in den sieben niederungarischen Bergstädten während der frühneuhochdeutschen Sprachperiode. Niemeyer. Tübingen, 1987

Piirainen, Ilpo Tapani: Die Fachsprache des Bergbaus. In: Hoffmann, L./u.a. (Hg.): Fachsprachen. Band 1. Berlin/New York 1998. S. 1092-1098

Piirainen, Ilpo Tapani/Barke, Jörg/Lochert, Martin: Fachsprache des Markscheidewesens. In: Der Anschnitt. 37 (1985). S. 81-93

Schirmer, Alfred: Die Erforschung der deutschen Sondersprachen. In: Walter von Hahn (Hg.). Fachsprachen. Wege der Forschung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt, 1981, S. 15-39

Sieber, Siegfried: Bergstädte. In: Der Anschnitt. 11. (1959). S. 24-26

Spiegel, Heinz-Rudi: Sprachzeichen und Bedeutung im Montanbereich. In: Der Anschnitt. 26 (1976). S. 30-32

Veith, Heinrich: Deutsches Bergwörterbuch. Sändig. Vaduz/Liechtenstein, 1992 (unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1871)

Willecke, Raimund: Die deutsche Berggesetzgebung. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag Glückauf. Essen, 1977

Wolf, Herbert: Seelische Aspekte in der Bergmannssprache. In: Der Anschnitt. 11 (1959). S. 22-25

Wolf, Herbert: Zur Wortgeographie der deutschen Bergmannssprache. In: Walther Mitzka (Hg.). Wortgeographie und Gesellschaft. De Gruyter. Berlin, 1968. S. 418-411

[...]


1 Paul, S. 123

2 Piirainen (1998), S. 1097

3 Piirainen et al. (1985), S. 81

4 Piirainen (1998), S. 1097

5 Mendels, S. 162; Wolf, S. 437

6 Schirmer, S. 30; Mackensen, S. 8

7 Duden, S. 381

8 Mendels, S. 165. Mendels leitet Kux von gucken (ndd. k ucken) ab, was soviel wie „auf der Lauer liegen nach Gewinn“ bedeutet.

9 Paul, S. 50

10 Auburger, S. 86

11 Mendels, S. 162

12 Auburger, S. 85

13 Kißenbeck, S. 88 f

14 Wolf (1959), S. 23 f

15 Mendels, S. 164

16 Duden, S. 202

17 Wolf (1959), S. 22 f

18 Mendels, S. 165

19 Heilfurth (1981), S. 71

20 Paul, S.20

21 Paul, S. 53

22 Wolf (1968), S. 438

23 Paul, S. 270

24 Paul, S. 53

25 Mendels, S. 163

26 Auburger, S. 81

27 Heilfurth (1976), S. 202

28 Auburger, S. 83 f

29 Spiegel, S. 32

30 Mendels, S. 167

31 Piirainen et al. (1985)

32 Wolf (1968), S. 430

33 Piirainen et al. (1985), S. 89

34 Paul, S. 21

35 Sieber, S. 24

36 Heilfurth (1981), S. 63

37 Piirainen (1985), S. 1094

38 Piirainen (1985), S. 1095; Heilfurth (1954), S. 9

39 Heilfurth (1954), S. 11

40 Heilfurth (1981), S. 193

41 Kirnbauer, S. 17

42 Heilfurth (1981), S. 225

43 Heilfurth (1954), S. 11

44 Heilfurth (1981), S. 146

45 Duden S. 180

46 Mackensen, S. 7

47 Mackensen, S. 5

48 Bongs, S. 6

49 Mendels, S. 167

50 Mendels, S. 169

51 Auburger, S. 82; Wolf, S. 22; Duden, S. 342, 770

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Deutsche Terminologie des Bergbau- und Hüttenwesens im Mittelalter und der frühen Neuzeit
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Deutsche Fachsprachen des Mittelalters und der frühen Neuzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V105327
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche, Terminologie, Bergbau-, Hüttenwesens, Mittelalter, Neuzeit, Fachsprachen, Mittelalters
Arbeit zitieren
Thomas Lornsen (Autor), 2000, Deutsche Terminologie des Bergbau- und Hüttenwesens im Mittelalter und der frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105327

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