Darstellung, Analyse und Vergleich der Ansätze einer Theorie der Medien von Marshall McLuhan und Hans Magnus Enzensberger


Seminararbeit, 1998
23 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Marshall McLuhan und sein Ansatz einer Medientheorie
1.1. McLuhans Weltbild
1.2. Die magischen Kanäle
1.3. Kritik der mcluhanschen Medientheorie

2. Hans Magnus Enzensberger und sein Ansatz einer "Theorie" der Medien
2.1. Baukasten zu einer Theorie der Medien
2.2. Kritik des enzensbergerschen Baukasten zu einer Theorie der Medien

3. McLuhans und Enzensbergers Ansätze einer Medientheorie im Vergleich

4. Schlußbetrachtung: Was können McLuhan und Enzensberger zu einer allgemeinen Theorie der Medien beitragen?

5. Literatur

0. Einleitung

Dieses Projekt versucht eine Beziehung zwischen den Ansätzen einer Theorie der Medien von Marshall McLuhan und Hans Magnus Enzensberger herzustellen, beides Konzepte insbesondere der sechziger Jahre, die im Kontext von kritischer Theorie und Poststrukturalismus ausgearbeitet wurden. Dabei liegt einerseits der Schwerpunkt auf dem Hauptwerk McLuhans, Understanding Media (1964) und andererseits Enzensbergers Baukasten zu einer Theorie der Medien (1970). Das Thema soll dazu auf primär analytischer bzw. (medien)soziologischer Ebene betrachtet werden.

Medientheorien gewinnen durch Entwicklungen im Bereich der neuen elektroni- schen Medien in den Neunzigern an Aktualität, die rasante Entwicklung des Mediums Internet erzeugt eine Flut von Buchveröffentlichungen, die das "neue" Medium zu durchdringen versuchen. McLuhans Begrifflichkeiten wie "globales Dorf", "Informati- onszeitalter" etc. erleben mit dieser Interneteuphorie eine Renaissance, wobei er viel- fach als Vordenker oder Prophet der neuen elektronischen, sog. Medien- bzw. Informa- tionsgesellschaft betrachtet wird. Enzensbergers kritischer Beitrag hingegen entfaltete keine so große Wirkung wie McLuhans und wurde im angelsächsischen Raum weit weniger rezipiert, sein Ansatz betont eher die Medienpraxis bzw. den emanzipatori- schen Mediengebrauch, damit in der Tradition der "Frankfurter Schule" stehend. Die Problematik der beiden Ansätze steht somit im Zentrum der Betrachtungen, die kritisch beleuchtet werden und Gemeinsamkeiten und Unterscheide herausgearbeitet werden.

Methodisch ist dieses Projekt vornehmlich ein analytisches, das Positionen be- schreibt, zusammenfaßt, kritisiert, aufeinander bezieht und kontrastiert. Analog der zwei Autoren und Positionen gliedert sich der Hauptteil in zwei Ab-schnitte: erstens in die Beschreibung der Gedankenwelt McLuhans und deren verschie-dene Charakteristika und zweitens in die Gedankenwelt Enzenbergers und deren Cha-rakteristika. In einem dritten Abschnitt sollen dann ähnliche bzw. unterschiedliche Cha-rakteristika von McLuhan und Enzensberger vergleichend analysiert werden. Abschlie-ßend soll die Frage erörtert werden, was McLuhan und Enzensberger zu einer allge-meinen Theorie der Medien beitragen können.

1. Marshall McLuhan und sein Ansatz einer Medientheorie

Das Werk des kanadischen Medientheoretikers Marshall McLuhan1 erschließt sich nicht auf den ersten Blick oder nach oberflächlichem Lesen. Vielmehr zeichnet sich sein Schreibstil durch die Strategie aus, vieles gleichzeitig sagen zu wollen. Baltes u.a. artikulieren diese Problematik: "Die McLuhan-Lektüre ist ein Labyrinth auf mehreren Ebenen mit tausend Durchgängen."2 Seine Begrifflichkeiten wie "globales Dorf" oder "Informationszeitalter" sind inzwischen auch in die Alltagssprache eingeflossen.

Nach seinem Tod wurde McLuhan in Frankreich wesentlich schneller rezipiert als in Deutschland, wo er von französischen Autoren wie Virilio, Baudrillard oder Deleuze bis heute als eine der Gründerfiguren der Postmoderne angesehen wird. Dennoch wirkt die Verbindung zwischen Mensch und "Maschine", die McLuhan und die neuere fran- zösische Theorie der achtziger Jahre formulierten, noch immer fremdartig und gewöh- nungsbedürftig.

Die öffentliche Diskussion der achtziger Jahre in Deutschland über die Einführung privater Fernseh-Kanäle und die im intellektuellen Diskurs vorherrschenden kulturpes- simistischen Klagen brachte das Medium Fernsehen in den Fokus der Betrachtungen. Fernsehen wurde u.a. als "Rhythmusgenerator des Tagesablaufs oder als spannungs- ausgleichende Meditationsmaschine"3 betrachtet. Der Golfkrieg Anfang der Neunziger hebt die Mediendiskussion auf eine neue Ebene: Die Inszenierung des kriegerischen Großkonflikts als Video-Spiel. Mit dieser Entwicklung verbunden ist der Einzug des Homecomputers und später des PC in zahlreiche Haushalte, die die Grenzen zwischen Realität und Spiel weiter vermischen helfen. Die globale Vernetzung durch das neue integrative Medium Internet und die damit einhergehende Veränderung unserer Wahr- nehmungs- und Realitätsmuster zeigt die Aktualität der Thesen McLuhans, die unsere derzeitige Situation adäquater beschreiben helfen können und die Auswirkungen der neuen Medien auf die Konzepte Autorschaft und Identität vergegenwärtigen. Lewis H. Lapham formulierte zur Jubiläumsausgabe von Understanding Media:

"Vieles von dem, was McLuhan zu sagen hatte, macht 1994 wesentlich mehr Sinn als im Jahr 1964. Obwohl das Buch selbst mehr oder weniger vergessen wurde, begannen sich die profunden Aussagen auf MTV und im Internet, in Ronald Reagans politischen Image und in der Wiederbelebung von Richard Nixon, via Teleshopping-Networks und E-Mail zu verlebendigen - all das Technologien, die McLuhan vorhersah, aber nicht lange genug lebte, um sie, geformt aus Silikon oder Glas, noch erleben zu kön- nen."4

1.1. McLuhans Weltbild

Die Meinungen über McLuhan und sein Weltbild gehen auseinander. Norman Mailer beispielsweise bemerkte:

"Er war der schnellste Denker, der mir jemals begegnet ist (...) und ich wußte nie, ob das, was er gerade sagte, großartig war oder Müll."5

McLuhans provokante Thesen überforderten viele Rezipienten, da es ihm um die Gestalt des Mediums ging. Er entwirft keine homogene Theorie oder statische Ordnung der Dinge, vielmehr sollen neue Wahrnehmungsmechanismen aktiviert werden.

An derselben Fakultät in Toronto arbeitete auch der kanadische Wirtschaftshistori- ker Harold Adam Innis6, dessen mehr historische und soziologische Themen McLuhan um psychologische und philosophische Elemente ergänzte. McLuhan schrieb auch 1964 das Vorwort zur Neuausgabe von Innis´ Buch The Bias of Communication (Erst- veröffentlichung 1951). Dennis Duffy nennt neben James Joyce, Thomas Nashe und Wyndham Lewis vor allem Innis als methodologischen Haupteinfluß auf McLuhan: "(...) Innis is, next to Joyce, the most important direct influence on McLuhan (...)."7 McLuhan fand im Werk von Innis eine systematische Erklärung der Beziehung zwi- schen Kommunikationsmedien und der Gesellschaft, die sie umgibt. Er erkannte, daß eine Kultur auch durch ihre Kommunikationsmedien untersucht werden kann. Diese Forschungsmethode, die technologische Basis von sozialen Systemen zu untersuchen, griff er auf und entwickelte sie weiter.

McLuhans philosophisches Denken war von der Arbeit des katholischen Philosophen Pierre Teilhard de Chardin beeinflußt, der daran glaubte, daß die Nutzung von Elektri- zität das zentrale Nervensystem ausweiten würde. McLuhan schreibt dazu in Das Me- dium ist Massage: "Alle Medien sind Erweiterungen bestimmter menschlicher Anlagen - seien sie psychisch oder physisch."8 So wurde u.a. die Kleidung als eine Erweiterung der Haut und schließlich - auf die Medien bezogen - die elektrische Schaltungstechnik als eine Erweiterung des Zentralnervensystems angesehen.

McLuhans erstes Hauptwerk The Mechanical Bride. Folklore of Industrial Man (1951)9 ist eine Fundgrube satirischer Aphorismen und Metaphern über die Verrückt- heiten, die in der "Volkskunde" des industriellen Menschen angelegt sind. Obwohl das Buch keine lineare Struktur aufweist, ist es Produkt einer kohärenten moralischen Visi- on. Das Hauptthema des Buchs ist die "Erschaffung des Bewußtseins", das "Erwachen des Schlafwandlers". Als Medien werden vor allem Magazine und Zeitungen behan- delt, Fernsehen hingegen wird nicht thematisiert, Filme und Radio nur am Rande. Mc- Luhan selbst hat 1954 über den Schreibprozeß der Mechanical Bride bemerkt, daß er damals sich nicht bewußt war, eine Verteidigung der Buchkultur gegen die neuen Me- dien zu entwickeln.

Mit seinem zweiten Hauptwerk erregte McLuhan noch mehr aufsehen: The Guten- berg Galaxy. The Making of Typographic Man (1962)10. In diesem Werk hatte er The- sen und Beweise gesammelt, was er die "Gutenberg-Galaxis" genannt hat: "(...) jene fünf Jahrhunderte Typografie, die das Ergebnis von einem Jahrtausend phonetischen Alphabets sind"11. Das zentrale Thema ist die Entwicklung des Buchdrucks, der die Welt lange Zeit determiniert habe. Auch führt er den Ausdruck "global village" ein, eine Metapher für die gegenwärtige Gesellschaft: "The new electronic interdependence recreates the world in the image of a global village."12 Das Buch entwickelte sich zu einem Klassiker, das mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde.

Auf sprachlicher Ebene war McLuhan ein Meister von Aphorismen und ein Liebhaber von Wortspielen wie Martin Heidegger. Der Titel seines bestverkauften Buchs The Medium is the Massage. An Inventory of Effects (1967)13 ist in diesem Zusammenhang keine Ausnahme. Vielleicht bedeutet es "Massage" oder ist eine Anspielung auf das neue "mass-age", also das "Massenzeitalter". In jedem Fall schwingt die Bedeutung mit, daß die Botschaft zum größten Teil von dem Wahrnehmungssystem beeinflußt ist. Man kann diese Position als Mediendeterminismus bezeichnen. Wenn der Inhalt von dem Kanal verdeckt ist, ist "was" wir sagen nicht so bedeutend - nur "wie" wir auswäh- len, um die Botschaft zuzustellen, ist wichtig. Dieser Glaube McLuhans an technologi- schen Determinismus wird in folgendem Ausspruch offensichtlich: "We shape our tools and they in turn shape us"14.

McLuhan glaubte, daß die Druckrevolution, die von Gutenberg begonnen wurde, der Vorläufer der industriellen Revolution war. Eine unvorhergesehene Folge des Buchdrucks sei die Fragmentierung der Gesellschaft. Er argumentiert, daß die Leser von diesem Zeitpunkt an privat lesen und sich so von Anderen entfremden würden. Interessanterweise sah er die elektronischen Medien als eine Rückkehr zu kollektiven Wegen an, die Welt wahrzunehmen. Seine "global village"-These postulierte die Fähigkeit der elektronischen Medien, die Menschheit zu vereinen und zu "retribalisieren". Was er vielleicht nur ansatzweise ahnen konnte, war die Verschmelzung von Text- und elektronischen Massenmedien zu dem neuen Medium Internet.

McLuhan´s Beitrag zu Studien der Kommunikation wurde in populären Kreisen weithin anerkannt, während er in akademischen Kreisen oft auf Ablehnung stieß, als "Pop-Soziologe" diffamiert wurde. Sein Lebenswerk trug dazu bei, daß ein Interesse der Öffentlichkeit an Kommunikationstheorie entstand.

1.2. Die magischen Kanäle

Das Buch Understanding Media: The Extensions of Man 15 (veröffentlicht 1964) fand ein größeres Publikum als noch die "Mechanische Braut" und lieferte eine adäquate Beschreibung der damaligen elektronischen Medienwelt. Understanding Media wurde größtenteils positiv rezipiert. Reinhard Braun betrachtete es als "(...) eine der wohl ein- flussreichsten Publikationen zur Geschichte und Theorie der Medien des 20. Jahrhun- derts (...)"16, wohingegen Wolfgang Zinggl 1995 in der Zeitschrift Falter eher skeptisch schrieb: "(...) Philosophieren als Setzkasten frei flottierender Gedankenflut (...)"17. Un- bestritten ist der Beitrag McLuhans zu einer Theorie der Medien, sein erster Versuch, seine "frei flottierende Gedanken" etwas zu systematisieren. Der inhaltliche Aufbau des Buchs gliedert sich in einen eher abstrakten Theorieteil über Medien im Allgemeinen mit sieben Kapiteln18, im zweiten Teil werden 26 Einzelmedien behandelt wie z.B. das "gesprochenen Wort", die "Zahl", Uhren, Comics, Auto, Radio, Fernsehen und Compu- ter.19 Die Kohärenz seiner Gedanken wird durch diese systematische Gliederung unter- stützt.

Eine erste Hauptthese McLuhans ist "Das Medium ist die Botschaft", die auch gleichzeitig die Überschrift des ersten Kapitels in den Magischen Kan ä len bildet. Diese These kann dahingehend interpretiert werden, daß Ausweitung gleich Auswirkung ist und umgekehrt. Der Inhalt jedes Mediums sei immer ein anderes Medium, z.B. "Der Inhalt der Schrift ist Sprache (...)."20 Das Medium sei die Botschaft, "(...) weil eben das Medium Ausmaß und Form des menschlichen Zusammenlebens steuert."21 Elektrisches Licht sei McLuhan zufolge ohne "Inhalt".22

Eine zweite Hauptthese wird im zweiten Kapitel ("Heiße Medien und kalte") formu- liert. McLuhan differenziert zwischen "heißen" und "kalten" Medien. Dazu expliziert er folgende Definition: "Ein 'heißes' Medium ist eines, das nur einen der Sinne allein erweitert, und zwar bis etwas 'detailreich' ist."23 Dazu führt er das Beispiel der Fotografie an, die optisch "detailreich" wäre, also viele Einzelheiten oder Daten aufweise und demnach ein "heißes" Medium. Ein Comic wäre nach dieser Definition "detailarm" und ein "kaltes" Medium, weil das optische Informationsmaterial reduziert ist.

Im vierten Kapitel des ersten Teils ("Verliebt in seine Apparate. Narzißmus als Narkose") findet sich eine weitere wichtige These, McLuhan inszeniert einen Art Gründungsmythos, der Parallelen zu dem der Freudschen Psychoanalyse aufweist, indem McLuhan die Interpretation von Narzißmus der Psychoanalyse angreift. Er sieht seinen Mythos als "(...) ein Gleichnis für das Fehlverstehen von Medien, das seit der Erfindung der Schrift nicht aufgehört hat."24

Im fünften Kapitel ("Energie aus Bastarden - Les Liaisons Dangereuses") trifft Mc- Luhan noch eine wichtige Feststellung, nämlich daß bis auf das Medium Licht alle Me- dien paarweise vorkommen würden.25 Dies folgert er aus der Möglichkeit, zwei oder mehrere Medien vermischen bzw. kreuzen zu können. Diese "Hybridisierung" diene vornehmlich der Steigerung der Leistung (Bsp. Kreuzung von "Licht" und "Automo- bil").

Weiterhin erscheinen mir McLuhans Ansichten bezüglich es Fernsehens wichtig, da dieses Medium insbesondere nach dem 2. Weltkrieg ausgehend von den USA sich weltweit zunehmend durchsetzte und von McLuhan erstmals in einem größeren Kon- text einer kritischen Analyse unterzogen wird. Das Fernsehen sieht er als einen "schüchternen Riesen"26 an, d.h. es wäre nicht zur klaren Behandlung von umstrittenen Problemen geeignet:

"Obwohl keine offizielle Zensur besteht, macht ein selbstauferlegtes Schweigen die Fernsehkommentare zu wichtigen Ereignissen des Tages fast stumm."27

McLuhan sieht das Fernsehen als ein kühles, zum Mitmachen einladendes Medium an, das Einfluß auf Film, Zeitschriften und Comics hat. Der Zuschauer sei beim Fernsehen der Bildschirm28, die Wirkung des Fernsehens sei aus Gründen, die er nicht näher exp- liziert, schwer erfaßbar. Weiterhin habe das Fernsehbild eine taktile Eigenschaft. Diese Taktilität des Fernsehbildes umschreibt er als Erweiterung des Tastsinnes: "Das Fern- sehbild ist also noch weitgehender als das Bildsymbol eine Ausweitung des Tast- sinns."29 Abschließend will McLuhan die Macht des Fernsehens beweisen, indem er auf das nationale wie internationale Fernseh-Ereignis des Begräbnisses von John F. Kennedy verweist, welches "(...) ein Beweis für die Macht des Fernsehens, die ganze Bevölkerung in eine Ritualhandlung einzubeziehen"30 gewesen sei.

1.3. Kritik der mcluhanschen Medientheorie

Die Thesen McLuhans sind umstritten. Die ihm wohlwollenden Kritiker sind sich einig über seine "Genialität". Peter F. Drucker formuliert im Vorwort zur deutschen Übersetzung von "Understanding Media", daß der Leser "sofort fasziniert"31 sein würde und es ein "herausforderndes, aber vor allem ein hochbedeutendes Buch"32 sei. Die New York Times schrieb: "McLuhan ist der wichtigste Denker seit Newton, Darwin, Freud, Einstein und Pawlow."33 In der Zeitschrift Wired wurde formuliert:

"McLuhans Botschaft ist Bestandteil der mündlichen Kultur des elektronischen Zeitalters, und keine noch so heftig vorgetragene akademische Kritik kann sie wieder daraus vertreiben."34

Auffällig ist die große Euphorie, mit der man in den Sechzigern McLuhans Thesen auf- nahm im Kontext einer neuen Pop-Generation, deren Sinneswahrnehmungen von psy- choaktiven Drogen, Fernsehen und Pop- und Rock-Musik transzendiert wurden. Man könnte vermuten, daß sein "psychedelischer" Schreibstil mit dieser Phase durchaus im Einklang war. In akademischen Kreisen hingegen blieb man skeptisch gegenüber sei- nen "wirren Gedanken". Dwight MacDonald urteilt z.B. über die "Magischen Kan ä le": "(...) unreiner Unsinn, durch Sinn verfälschter Unsinn (...)"35 Auch Jean Baudrillard behauptete 1978 in seinem Artikel Requiem für die Medien, daß es keine Medientheorie gebe und somit McLuhans Werk nicht als Theorie bezeichnet werden könne. Er wirft McLuhan und seinen Kritikern vor, ihre Medienrevolution sei bisher "empiristisch und mystisch geblieben"36.

Kritisch hinterfragt werden muß aber McLuhans Hang zum Mystizismus und Esoterik, der sich an einigen Stellen, insbesondere in den "magischen Kan ä len" manifestiert. Er spricht an einigen Stellen von "jener großen Seinsgesetzmäßigkeit"37, dem "Zauber der Drucktechnik"38 und der "Magie" der Medien und ihrer "unterschwelligen Energie"39. Für rational unerklärliche Phänomene bemüht er hier mystizistische Begriffe, was wohl auch mit seiner Affinität zum Katholizismus zusammenhängt.

Auch zeichnen sich seine durch zahlreiche Zitate unterbrochenen Texte durch man- gelnde Systematik und Stringenz aus, welche eine gewisse Belesenheit voraussetzen. Ein solcher Eklektizismus erschwert dem Leser das Verständnis und die Rezeption, vielleicht dies auch ein Grund, warum McLuhan in der BRD erst so spät rezipiert wur- de.

Meiner Ansicht nach kann man McLuhans Unsystematik nicht als Theorie im stren- gen Sinne bezeichnen. Seine Thesen wurden als unwissenschaftlich kritisiert, sein sub- versiver Schreibstil stand den gängigen Kriterien von "Wissenschaftlichkeit" entgegen. Erst Karl Poppers Konzept der "objektiven Erkenntnis" öffnete ihm einen Weg, Krite- rien zu finden für Aussagen über Medien, d.h. sie müßten falsifizierbar und nachprüf- bar sein.40 Er fand schließlich dann in der Tetrade (einer viergliedrigen Gestalt) ein ihm adäquat erscheinendes Modell.

Zusammenfassend kann McLuhan als Vordenker des Internet-Zeitalters betrachtet werden, seine antizipatorische Fähigkeit ist ausgeprägter als bei anderen Autoren. Er setzt mit seinen Thesen dazu an, auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig zu agieren, Wahrnehmung wird bei ihm zur Kunst. Eine Weltinterpretation ist nicht sein Ziel, eher die Entwicklung eine Wahrnehmungsapparats.

2. Hans Magnus Enzensberger und sein Ansatz einer "Theorie" der Medien

Hans Magnus Enzensberger41, ein deutscher Schriftsteller, der sich in die Politik einmischte und mit seinen Werken politische Wirkungen erzielen wollte, hat 1970 einen "Baukasten" zu einer Theorie der Medien vorgelegt, der seine spezifische Handschrift trägt. Um seine Thesen nachvollziehen zu können, sollen biographische, politischkulturelle und gesellschaftliche Aspekte berücksichtigt werden. Die Rezeption Enzensbergers im deutschen Sprachraum soll auch skizziert werden.

Enzensberger Kritiker weisen oft auf die Verbindungen mit dem Werk von Clemens Brentano hin, über den er seine Dissertation 1953-1955 erarbeitet hatte ("Über das dichterische Verfahren in Clemens Brentanos lyrischen Werk"). Dietschreit u.a. mei- nen, der prägende Einfluß des Romatikers Brentano auf Enzensbergers Oeuvre sei nicht von der Hand zu weisen, die Biographie Enzensbergers würde Brentanos gleichen.42 Beide produzierten zahlreiche Gedichte, Märchen, Erzählungen, Dramen, Gesammel- tes, Übersetzungen etc. Enzensbergers Nähe zur Romantik und zum Autonomie-Begriff Theodor W. Adornos läßt sich sowohl in seiner politischen Lyrik als auch in seinem "Baukasten" zur Theorie der Medien spüren. In diesem Kontext ist interessant, daß En- zensberger soziologische Methoden und Kategorien in seiner Dissertation bewußt ab- gelehnt hat.43 Die Beschäftigung mit der "Frankfurter Schule" sowie dem Marxismus führten eigentümlicherweise bei ihm zu einem "(...) Fehlen jeder soziologischen Per- spektive (...)"44. Vielmehr ist das literarische Stilmittel der Entstellung für Enzensber- ger der Kern, an dem er seine Poesie ausbildet:

"Er rekurriert auf den Subjektivismus-Begriff der Romantik und erweitert ihn durch den Brecht´schen Gebrauchswert, dem er zutiefst verpflichtet ist (...).45

Enzensbergers Veröffentlichungen lassen sich durchaus als bewußte Regelverletzung publizistischer Traditionen deuten, er favorisiert eine Strategie des "Sich-Einmischens" und wendet sich gegen eine "hermetische kleine Welt"46. Enzensberger trat auf ver- schiedenen Gebieten als gesellschaftspolitischer Vorreiter hervor, z.B. mit der Grün- dung des Kursbuchs (1965), dem Entwurf einer Medientheorie (1970) bzw. des eman- zipatorischen Mediengebrauchs oder einer weitreichenden Kritik der politischen Öko- logie (1973). Seine Widersprüchlichkeit verstörte Kritiker, die ihn mit Stereotypen wie "Anarcho-Kommunist" oder "radikalen nicht-kommunistischen Marxist" kategorisieren wollten.47 Seine Widersprüche resultieren vielmehr aus dem Spannungsfeld zwischen Kulturindustrie und dem Status eines Intellektuellen. Ursula Reinhold formulierte die- sen Widerspruch:

"Eingeschlossen in die Widersprüche dieser Gesellschaft, samt ihrer ideellen Vermittlungen, handhabt er [Enzensberger] das kritische Instrumentarium des Marxismus zur kritischen Reflexion dieser Widersprüche, ohne an deren Lösung teilnehmen zu können."48

Zusammenfassend lassen sich aus der Enzensberger-Rezeption der sechziger und siebziger Jahre in der BRD drei Hauptthesen herausfiltern:49

(1) Enzensberger als Autor, der sich durch ästhetische Intelligenz, Begabung und Kennerschaft auszeichnet, aus der die hohe poetische Qualität seiner Gedichte resultiert. Seine literarischen Techniken sind weit fortgeschritten.
(2) Enzensberger als politischer Dichter, der an die Tradition von Heinrich Heine und Bertold Brecht anknüpft und die ältere Tradition des politischen Gedichts wiederbelebt.
(3) Enzensberger als Identifikationsautor der sog. 68er-Generation, der er eine Sprache verleiht, die den Nerv dieser Generation trifft.

2.1. Baukasten zu einer Theorie der Medien

Enzensberger entwirft in 22 Abschnitten eine Medienperspektive, die die Instanz des Codes und der Botschaft intakt läßt und stattdessen versucht, die beiden Pole des Kom- munikationsprozesses (Sender-Empfänger) zugunsten einer neuen Struktur des Rollentauschs, des Feedback und des emanzipatorischen Mediengebrauchs aufzubre- chen.

Enzensberger ist der Ansicht, daß im Zuge der Entwicklung der elektronischen Me- dien die Bewußtseinsindustrie den Prozeß der sozio-ökonomischen Entwicklung steue- re und kontrolliere. Er fordert eine sozialistisch bzw. marxistisch orientierte Theorie der Medien, um die emanzipatorischen Möglichkeiten bzw. die mobilisierende Kraft der elektronischen Medien zu nutzen.50 Das bloße Distributionsmedium soll in ein Kommunikationsmedium verwandelt werden, wobei er sich an Brechts Radiotheorie anlehnt.51 Eine weitere wichtiger "Bauklotz" in Enzensbergers Baukasten ist die These von der Manipulation, die insbesondere die Linke vertrete. Er ist der Meinung, daß jeder Gebrauch der Medien Manipulation im eigentlichen Wortsinn voraussetze,52 des- halb muß jeder Einzelne zum Manipulateur werden. Er sieht Mediengeräte nicht als bloße Konsumtionsmittel an, sie seien zugleich Produktionsmittel, deren sich die Mas- sen mittels Aufbau eigener Sender und Relais-Stationen bedienen müßten.53 Nur eine freie sozialistische Gesellschaft könnte dieses Ziel erreichen und die Medien produktiv machen:

"Dagegen muß eine jede sozialistische Strategie der Medien die Isolation der einzelnen Teilnehmer am gesellschaftlichen Lern- und Produktionsprozeß aufzuheben trachten. (...) Dies ist der politische Kern der Medienfrage."54

Damit ist also primär eine Selbstorganisation gesellschaftlicher Bedürfnisse gemeint.

Im 12. Kapitel stellt er seine Auffassung von emanzipatorischen Mediengebrauch dem repressiven gegenüber. Dezentralisierung, Mobilisierung der Massen, Feedback, kollektive Produktion und Selbstorganisation sind dabei seine Hauptbegriffe.55 In Kapitel 13 bis 22 kritisiert Enzensberger die Autoren Georg Lukacs, Max Horkhei- mer und Adorno, denen er theoretischen und praktischen Rückstand vorwirft. Von die- ser Kritik nimmt er Walter Benjamin und Brecht aus.56 Auch McLuhans Thesen wer- den scharf kritisiert.57 Benjamin und seiner ästhetischen Theorie hingegen widmet er ein ganzes Kapitel, dessen dialektisch-materialistische Analyse er als "hellsichtig"58 bezeichnet. Desweiteren kritisiert Enzensberger die schriftliche Sprache, die Formali- sierung der geschriebenen Sprache und den Buchdruck, der den Leser isoliere.59 Schließlich widmet er sich in den Schlußkapiteln Themen wie der sog. dokumentari- schen Literatur, der Kategorie des Werkes und dem Konzept künstlerischer Avantgar- den.

2.2. Kritik des enzensbergerschen Baukasten zu einer Theorie der Medien

Der zentrale Begriff in Enzensbergers Baukasten zu einer Theorie der Medien ist der der Bewußtseins-Industrie. Frank Dietschreit u.a. formulieren: "Enzensbergers Thesen zur Bewu ß tseins-Industrie müssen als Analogie und kritische Weiterentwicklung der Vorgaben Adornos verstanden werden."60 Mit "Vorgaben" ist vor allem der zentrale Begriff der Kulturindustrie innerhalb der ästhetischen Theorie Adornos gemeint, der zusammen mit Horkheimer in der 1947 erschienenen Abhandlung über die "Dialektik der Aufklärung" entwickelt wird. Nach Dietschreit u.a ist sich Enzensberger der kom- plizierten Dialektik von Anpassung und Subversion auch mittels neuer elektronischer Medien bewußt, und die Chance des kritischen Konsumenten liege darin, daß er als Belieferer der Industrie mit Produkten und Ideen kultureller Art zur gleichen Zeit Partner als auch Gegner sein könne.61

Holger-Heinrich Preuße geht noch weiter in der Interpretation des Stellenwerts des Begriffs Bewußtseins-Industrie und formuliert:

"Enzensbergers gesamtes Werk ist charakterisiert durch die methodische und inhaltliche Beschäftigung mit nahezu allen Bereichen der Bewußtseins-Industrie."62

Nach Preußes Ansicht ist Enzensbergers Standpunkt weder der bürgerlichen Manipula- tionsliteratur zuzuordnen, noch einer "sozialistischen" Haltung mit einer Reduktion auf ökonomische Aspekte.63 Vielmehr sei seine Grundhaltung eine antiideologische und humanistische gewesen, mit Kritik und Selbstkritik als die zwei Hauptkräfte seiner lite- rarischen Produktion.64

Enzensberger versucht mit seinem Ansatz einer Theorie der Medien das alte theoretische Kommunikationsmodell mit der Basiseinheit "Sender-Botschaft-Empfänger" zu kritisieren. Reziprozität, Antagonismus der Partner oder eine Ambivalenz des Austausches bleiben a priori ausgeschlossen und somit begründe dieses Simulationsmodell den "Terrorismus" des Codes. Sein Ansatz einer emanzipatorischen Medienpraxis steht diesem einseitigen und undifferenzierten Modell entgegen. In Enzensbergers Perspektive bleibt die Instanz des Codes und der Botschaft intakt, Sender und Empfänger können ihre Rolle jederzeit tauschen und Feedback ist möglich.

Vor allem das Radio sieht Enzensberger als das Medium an, dessen sich alle Individuen bemächtigen könnten und das den konstruierten Gegensatz zwischen Sender und Empfänger auflöse. Diesen Gedanken hat Enzensberger von Brecht übernommen, der schon 1932 in seiner Radiotheorie formuliert wurde.65 Auch zitiert Enzensberger aus Benjamins Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1963) längere Passagen, dessen Thesen er sich durchaus anschließen kann. Somit sind Enzensbergers Ausführungen als Weiterentwicklung von Fragmenten der ästhetischen Theorien Adornos wie Benjamins zu verstehen unter Berücksichtigung der brechtschen Radiotheorie. Auch sympathisiert er mit marxistischen und sozialistischen Begriffen ("Produktionsbedingungen", "Produktivkräfte", "Überbau")66, die er eher unreflektiert duktionsbedingungen", "Produktivkräfte", "Überbau")66, die er eher unreflektiert gebraucht und ungenügend expliziert.

Enzensberger geht es also insgesamt nicht um eine Makro- oder Mikrotheorie der Medien, sondern um Medienpraxis bzw. praktische emanzipatorische Anwendung von Medien, insbesondere des Mediums Radio. Ein kritischer und selbstreflexiver Umgang mit Medien erscheint ihm unabdingbar, um den bisherigen repressiven Mediengebrauch überwinden zu können. Insofern könnte man seinen Entwurf als subversive Medienpraxis charakterisieren. Seine grundsätzliche Strategie ist jene, die die herrschende Form radikal in Frage stellt.

3. McLuhans und Enzensbergers Ansätze einer Medientheorie im Vergleich

Bevor McLuhans und Enzensbergers Ansätze einer Medientheorie verglichen und ähnliche bzw. unterschiedliche Charakteristika exemplarisch herausgearbeitet werden sollen, muß der Begriff der Medientheorie noch näher definiert werden, um beide Ansätze einordnen zu können.

Nach Werner Faulstich lassen sich vier Hauptströmungen von Medientheorien unterscheiden:67

(1) Einzelmedientheorien. Darunter werden Theorien des Films oder Fernsehens, des Buchs oder Briefs verstanden, die sich einem einzelnen Medium widmen.68
(2) Kommunikationstheoretische Medientheorien. Dies sind Theorien, die das Medium nicht isoliert, wie es bei der Einzelmedientheorie üblich ist, sondern als Teil eines funktionalen Kommunikationsprozesses betrachten.69
(3) Gesellschaftskritische Medientheorien. Diese Theorien haben einen ausdrücklich kritischen Ansatz und der mediale Kommunikationsprozeß wird in einen übergeordneten Kontext von Gesellschaft und Kultur gestellt.70
(4) Systemtheoretische Medientheorien. Ihr Gegenstandsbereich wird noch breiter ge- faßt. Kommunikation wird als Prozeß eines gesellschaftlichen Handelns dargestellt.71

Da im Zusammenhang mit dieser Arbeit der Schwerpunkt auf einer primär soziologischen bzw. medienwissenschaftlichen Betrachtungsebene liegt, werden die gesellschaftskritische und die systemtheoretische Medientheorie kurz skizziert.

Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre wurden "kritische" Medientheorien entwickelt, u. a. von Benjamin72, Horkheimer und Adorno73. Massenmedien wurden von ihnen in breitere gesellschaftliche Kontexte gestellt.

Die Systemtheorie parsonscher Prägung geht von funktional ausdifferenzierten Gesellschaften aus, die sich in vier Subsysteme einteilen lassen, die mit symbolisch generalisierten Medien operieren (z. B. das ökonomische System mit dem Medium Geld). Parsons versteht unter Medium ein symbolisches, ein Austauschmedium.

Jürgen Habermas74 versucht die parsonsche Systemtheorie zur Handlungstheorie weiter zu entwickeln. Niklas Luhmann75 ergänzt den Ansatz von Parsons, indem er die funktionale Komponente autopoietischer Systeme stärker betont, d. h. die Interaktionen des Systems mit der sie einschließenden Umwelt. Liebe, Kunst, Glaube werden als Medien und Codes dargestellt, die dazu dienen, Komplexität zu reduzieren. Siegfried J. Schmidt denkt den kommunikationstheoretischen und den systemtheoretischen Me- dienbegriff zusammen, was in Bezeichnungen wie Mediensystem, Medienwirklichkeit oder Mediengesellschaft zum Ausdruck kommt. Die technischen Medien der Postmo- derne werden als neues Teilsystem begriffen, das sich aus Subsystemen wie TV oder Video zusammensetzt. Die "Wirklichkeit wird inszeniert oder konstruiert unter dem Gesichtspunkt globaler Teilhabe."76

McLuhans Ansatz, den er in den Magischen Kan ä len entwirft, kann - wie schon an- gedeutet - nicht als Theorie im strengen wissenschaftlichen Sinne angesehen werden. Sein Ziel ist "(...) die Entwicklung eines möglichst vollständigen, gut ausbalancierten Wahrnehmungsapparats."77 Somit läßt sich sein Ansatz eher als ein Eklektizismus aus historisch-philosophischen Elementen, verbunden mit Fragmenten aus den Disziplinen Anthropologie, Soziologie, Literaturwissenschaft und Psychoanalyse u.a. charakterisie- ren. Den zweiten Teil der magischen Kan ä le hingegen kann als eine Theorie der Ein- zelmedien betrachtet werden.

Enzensbergers Ansatz steht den gesellschaftskritischen Medientheorien nahe, wobei zu bedenken ist, daß auch er keine Theorie im wissenschaftstheoretischen Sinne vor- legt, sondern Elemente für eine noch auszuarbeitende Medientheorie bereitstellt. Sein Ansatz - beeinflußt von Gedanken der kritischen und ästhetischen Theorie, dem Mar- xismus/Sozialismus und der Hermeneutik - impliziert eine gewisse Theoriefeindlich- keit, Medienpraxis und emanzipatorischer Mediengebrauch stehen bei ihm im Vorder- grund.

Ähnlichkeiten in den Ansätzen von McLuhan und Enzensberger sind vor allem in der gesellschaftskritischen bzw. medienkritischen Haltung zu sehen. Beide versuchen Medien in ihren gesellschaftspolitischen Kontext zu stellen und ihre Funktion kritisch zu analysieren. Auch haben beide keinen hohen wissenschaftlichen Anspruch an ihre Ansätze angelegt, McLuhan wollte sich bewußt vom gediegenen jungen Gelehrten ab- setzen, mit Ironie und eher ganzheitlicher Sicht der Dinge. Enzensberger blieb der Wis- senschaftsbetrieb immer suspekt, seine Dissertation veröffentlichte er fast unverändert mit allen methodischen Mängeln sechs Jahre nach Erscheinen, ein Seitenhieb auf die scientific community, gegenüber der er kritisch eingestellt blieb.78 Somit stellen sich beide - bewußt oder unbewußt - gegen die Konventionen eines geregelten und traditio- nellen Wissenschaftsdiskurses. Dieser Nonkonformismus ist ein Merkmal, das das Werk und Leben beider Autoren prägte.

Unterschiede in den Ansätzen von McLuhan und Enzensberger lassen sich an mehreren Punkten festmachen. Beide Ansätze unterscheiden sich in ihrer Zielsetzung: McLuhan geht es um die Entwicklung eines Wahrnehmungsapparats, verbunden mit der Ansicht, daß Medien Ausweitungen des Körpers sind. Enzensberger hingegen hat das Ziel eines emanzipatorischen Mediengebrauchs, einer Medienpraxis bzw. Praxis der Medien vs. einem repressiven Mediengebrauch.

Auf der politischen Ebene lehnt McLuhan Marx und sein Gedankensystem deutlich ab, weil er sein Denken für zu mechanistisch und geschichtsdeterministisch hält. McLuhan will stattdessen ideologische Links-Rechts-Lagermentalitäten überwinden und das damalige Ost-West-Blockdenken aufbrechen. Enzensberger hingegen sympathisiert durchaus mit marxistischen bzw. sozialistischen Gedankengut, bleibt aber Ideologien gegenüber kritisch distanziert und stellt sein eigenes wie auch andere Gedankensysteme immer wieder in Frage. Geschichtspessimismus, esoterische Utopie und Selbstrückzugstendenzen spiegeln sich in seinem Werk.79

Die Differenz zwischen McLuhan und Enzensberger wird von Enzensberger selbst im Baukasten zu einer Theorie der Medien thematisiert. Enzensberger charakterisiert McLuhans Bücher als "wirr", er wirft ihm vor, "unfähig zu jeder Theoriebildung (...)" zu sein und stattdessen eine reaktionäre Heilslehre bzw. Mystik der Medien zu vertreten. Auffällig ist die Schärfe des Urteils, mit der sich Enzensberger von der "provozierenden Idiotie" McLuhans abzusetzen versucht. Allein der Satz "The medium is the message" erscheint ihm interessant und diskussionswürdig.80

4. Schlußbetrachtung: Was können McLuhan und Enzensberger zu einer allgemeinen Theorie der Medien beitragen?

McLuhan hat mit seinen Werken der Medientheorie zum internationalen Durchbruch verholfen, und seine Magischen Kan ä len gelten inzwischen als Klassiker der Medien- theorie . Trotz aller Unzulänglichkeiten und Unstrukturiertheit seines Ansatzes wurde er vor allem im angelsächsischen und frankophonen Raum größtenteils positiv rezi- piert. In der BRD wird McLuhans Ansatz erst spät aufgenommen, nur wenige Autoren wie z.B. Theweleit und Kittler ließen sich von McLuhans Gedanken inspirieren und beeinflussen. Vor allem in Publikationen über das neue Medium Internet wird McLu- han oft und gerne zitiert, da sich sein Gedanke der Verbindung des menschlichen Be- wußtseins mit technologischen Entwicklungen alte Denkschemata erschütterte. Aber erst mit dem posthum veröffentlichten Werk The Global Village: Transformations in World, Life & Media in the 21st Century (veröffentlicht 1989), an dem neben McLuhan auch Bruce R. Powers mitgeschrieben hatte, kann als Medientheorie gelten, die wissen- schaftliche Kriterien erfüllt. Die Tetrade berücksichtigt die Erkenntnisse der Quanten- physik als auch Aspekte des philosophischen System Hegels. Somit versuchte er die dreigliedrigen Denkstrukturen aufzulösen und naturwissenschaftliche bzw. physikali- sche mit sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen zu verknüpfen. Dies scheint der Bei- trag McLuhans gewesen zu sein, nämlich eine integrative Wissenschaft der Medien zu entwickeln, die multiperspektivisch und methodenpluralistisch zugleich sein sollte.

Enzensbergers Beitrag zu einer allgemeinen Theorie der Medien hat eher fragmentarischen Charakter, da der von ihm skizzierte Rahmen sich kaum zu einer Makrotheorie weiterentwickeln läßt. Es handelt sich bei seinem Baukasten zu einer Theorie der Medien vielmehr um eine Kritik des repressiven Mediengebrauchs und dem Entwurf einer Medienpraxis bzw. Praxis der Medien. Sein Ansatz ist eher ein gesellschaftskritischer, der zu emanzipatorischen Mediengebrauch aufruft. Der Anspruch einer Wissenschaftlichkeit seiner Thesen ist Enzensberger fremd, da er dem Wissenschaftsbetrieb mißtraut. Somit läßt sich sein Ansatz auch als eine Kritik der Theorielastigkeit wissenschaftlicher Forschung lesen, denn ein "Baukasten" kann nur einzelne "Bausteine" für eine Theorie liefern, wobei der Titel durchaus ironisch gemeint sein dürfte. Trotzdem war Enzensbergers Artikel von 1970 seiner Zeit etwas war Enzensbergers Artikel von 1970 seiner Zeit etwas voraus, da "Medienwissenschaft" als explizite Wissenschaft in der BRD erst Mitte der siebziger Jahre aufkam, als die Germanistik sich dem Phänomen der Massenmedien zuwandte und sich in der Folge eine Medienwissenschaft ausbildete, die zunächst literaturwissenschaftlich geprägt war. Enzensberger blieb auch beim Thema Medien sensibel für zukünftige gesellschaftliche und wissenschaftliche Entwicklungen und Strömungen. Enzensberger leistete also einen Beitrag für die Entwicklung einer kritischen Medienwissenschaft und eines kritischen, reflektierenden Mediengebrauchs innerhalb der BRD.

5. Literatur

Baltes, Martin u.a. 1997. Medien verstehen. Der McLuhan-Reader. Mannheim.

Beaulieu, Mark. 1995. Who was Marshall McLuhan? O.O. [veröffentlicht im Internet unter http://www.beaulieuhome.com/McLuhan/default.html (28. Mai 1998)]

Dietschreit, Frank; Barbara Heinze-Dietschreit. 1986. Hans Magnus Enzensberger. Stuttgart.

Dössel, Christian. 1997. Marshall McLuhans Konzept des "globalen Dorfes". Potsdam. [Hausarbeit, veröffentlicht im Internet unter http://www.student-online.de/Haus- arbeiten]

Duffy, Dennis. 1969. Marshall McLuhan. Toronto.

Enzensberger, Hans Magnus. 1970. "Baukasten zu einer Theorie der Medien." In: ders. (Hg.). Kursbuch 20, 159-186.

Enzensberger, Hans Magnus. 1971. Gedichte 1955-1970. Frankfurt a. M.

Faulstich, Werner (Hg.). 1979. Kritische Stichw ö rter zur Medienwissenschaft. München.

Faulstich, Werner (Hg.). 1994. Grundwissen Medien. München.

[Herbert Marshall McLuhan] 1997. Herbert Marshall McLuhan, The Man and his Message. O.O. [veröffentlicht im Internet unter http://www.mcluhanmedia.com/ mmclm001.html (28. Mai 1998)]

Hibbitts, Bernard. 1998. Hotlinks: Marshall McLuhan. Pittsburgh. [veröffentlicht im Internet unter http://www.law.pitt.edu/hibbitts/mcl.html (28. Mai 1998)] [Marshall McLuhan (1911-1980)]. 1998. Marshall McLuhan (1911-1980). O.O. [veröffentlicht im Internet unter http://www.regent.edu/acad/schcom/rojc/mdic/ mcluhan.html (28. Mai 1998)]

[Marshall McLuhan]. 1998. Marshall McLuhan - Die magischen Kanaele. O.O. [veröffentlicht im Internet unter http://www.txt.de/vdk/kanaele.html (28. Mai 1998)]

McLuhan, Marshall. 1995. Die magischen Kan ä le. Basel [Originaltitel: Understanding Media (1964)]. Übers. von Meinrad Amann.

McLuhan, Marshall; Quentin Fiore. 1984. Das Medium ist Massage. Frankfurt a. M. [Originaltitel: The Medium is the Massage (1968)]. Übers. von Max Nänny.

Merten, Klaus; Siegfried J. Schmidt; Siegfried Weischenberg (Hgg.). 1994. Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen.

Preuße, Holger-Heinrich. 1989. Der politische Literat Hans Magnus Enzensberger. Politische und gesellschaftliche Aspekte seiner Literatur und Publizistik. Frankfurt a. M.

Steinbach, Dietrich. 1976. "Hans Magnus Enzensberger - Zur Rezeption und Wirkung seines Werkes." In: Heinz Ludwig Arnold (Hg.). Text + Kritik. 49, 41-55. Willmott, Glenn. 1996. McLuhan, or Modernism in Reverse. Toronto.

[...]


1 Vita: 1911 in Edmonton, Kanada geboren. 1928 Beginn eines Studiums des Maschinenbaus, später Literatur, Universität von Manitoba, Winnipeg. 1936 Studienabschluß an der Universität von Cam- bridge. Ab 1936 verschiedene Lehrtätigkeiten an amerikanischen Universitäten. 1937 Konvertierung zum katholischen Glauben. 1946 bis 1980 Professur am St. Michael´s College, Universität von Toronto, Ontario. Veröffentlichte 1951 sein erstes Buch The Mechanical Bride: Folklore of Industrial Man. Weitere wichtige Buchveröffentlichungen The Gutenberg Galaxy. The Making of Typographic Man (1962); Understanding Media: The Extensions of Man (1964); The Medium Is the Massage (1967). McLuhan starb 1980 infolge eines Schlaganfalls in Toronto.

2 Baltes, 1997, 11.

3 Ebd., 12f.

4 McLuhan, 1995, Rückseite.

5 Zitiert in Baltes, 1997, 7.

6 Vgl. Duffy, 1969, 14-19.

7 Duffy, 1969, 14.

8 McLuhan, 1984, 26.

9 deutsch 1996: Die mechanische Braut. Volkskultur des industriellen Menschen.

10 deutsch 1968: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters.

11 Zitiert in Baltes, 1997, 17.

12 Marshall McLuhan. 1962. The Gutenberg Galaxy. The Making of Typographic Man. Toronto. 31.

13 deutsch 1969 u. 1984: Das Medium ist Massage.

14 Zitiert in [Marshall McLuhan], 1998, 2. Absatz.

15 deutsch 1968: Die magischen Kan ä le.

16 Zitiert in [Marshall McLuhan - Die magischen Kanäle], 1998, 1.

17 Zitiert in ebd.

18 Siehe McLuhan, 1995, 5.

19 Siehe ebd., 5-7.

20 Ebd., 22.

21 Ebd., 23.

22 Siehe ebd., 24.

23 Ebd., 44.

24 Baltes, 1997, 20.

25 Siehe McLuhan, 1995, 90.

26 Vgl. ebd., 466.

27 Zitiert in ebd., 468.

28 Siehe ebd., 473.

29 Ebd., 504.

30 Ebd., 508.

31 Ebd., 9.

32 Ebd., 10.

33 Zitiert in Baltes, 1997, 2.

34 Zitiert in ebd.

35 Zitiert in Dössel, 1997, Kapitel 5.

36 Jean Baudrillard. 1978. "Requiem für die Medien". In: ders. KOOL KILLER oder der Aufstand der Zeichen. Berlin. 83.

37 McLuhan, 1995, 28.

38 Siehe ebd., 39.

39 Siehe ebd., 40.

40 Siehe Baltes, 1997, 24f.

41 Vita: 1929 in Kaufbeuren, Bayern geboren. 1931-42 Kindheit in Nürnberg. 1949-54 Studium in Er- langen, Freiburg/Br., Hamburg und Paris (Literaturwissenschaft, Sprachen, Philosophie). 1957 Aufent- halt in den USA und Mexiko, erste Buchpublikation (verteidigung der w ö lfe). In den Sechzigern Aufent- halte in Norwegen, Italien, der Sowjetunion, Südamerika, den USA, Asien, Kuba. 1964-1965 Gastdozent für Poetik an der Frankfurter Universität. 1970 Gründung des Kursbuch-Verlags in Berlin. 1978 Deut- scher Kritikerpreis. Wichtige Veröffentlichungen: blindenschrift. (Gedichte, 1964), Der Untergang der Titanic (1978).

42 Siehe Dietschreit/Heinze-Dietschreit, 1986, 2.

43 Siehe ebd.

44 Zitiert in ebd., 3.

45 Ebd., 5.

46 Zitiert in ebd., 6.

47 Siehe ebd.

48 Zitiert in ebd., 7.

49 Siehe Steinbach, 1976, 46.

50 Siehe Enzensberger, 1970, 159f.

51 Siehe ebd., 161.

52 Siehe ebd., 166.

53 Siehe ebd., 167f.

54 Ebd., 169.

55 Siehe ebd., 173.

56 Siehe ebd., 175f.

57 Siehe ebd., 177f.

58 Ebd., 179.

59 Siehe ebd., Kapitel 17.

60 Dietschreit/Heinze-Dietschreit, 1986, 49.

61 Siehe ebd., 50.

62 Preuße, 1989, 84.

63 Siehe ebd., 86.

64 Siehe ebd., 191.

65 Siehe Enzensberger, 1970, 161.

66 Siehe ebd., 178.

67 Siehe Werner Faulstich. 1991. Medientheorien. Einführung und Ü berblick. Göttingen; Faulstich, 1994, 20f.

68 Siehe z. B. Siegfried Kracauers "Filmtheorie".

69 Siehe Gerhard Maletzke. 1976. Ziele und Wirkungen der Massenkommunikation. Hamburg.

70 Siehe Dieter Prokop (Hg.) 1972-1977. Massenkommunikationsforschung. 3 Bde. Frankfurt a. M.

71 Siehe Talcott Parsons. 1980. Zur Theorie der sozialen Interaktionsmedien. Opladen..

72 Siehe Walter Benjamin. 1936. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt a. M.

73 Siehe Theodor W. Adorno; Max Horkheimer. 1944. Dialektik der Aufkl ä rung. Frankfurt a. M.

74 Siehe Jürgen Habermas. 1981. Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde. Frankfurt a. M.

75 Siehe Niklas Luhmann. 1984. Soziale Systeme. Grundri ß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M.

76 Faulstich, 1994, 25.

77 Baltes, 1997, 8.

78 Siehe Dietschreit/Heinze-Dietschreit, 1986, 2f.

79 Siehe ebd., 19.

80 Siehe Enzensberger, 1970, 177.

22 von 23 Seiten

Details

Titel
Darstellung, Analyse und Vergleich der Ansätze einer Theorie der Medien von Marshall McLuhan und Hans Magnus Enzensberger
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Einführung in die Mediensoziologie
Autor
Jahr
1998
Seiten
23
Katalognummer
V105378
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Analyse, Vergleich, Ansätze, Theorie, Medien, Marshall, McLuhan, Hans, Magnus, Enzensberger, Einführung, Mediensoziologie
Arbeit zitieren
Marius Weigel (Autor), 1998, Darstellung, Analyse und Vergleich der Ansätze einer Theorie der Medien von Marshall McLuhan und Hans Magnus Enzensberger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105378

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